Freitag, 16. März 2018

Das Schiff in der Nacht (Dritter Tag)


Kapitel 9 – Verwirrung

Vivien wachte wieder in ihrem Bett auf. Sie wollte gar nicht wissen, wie sie dorthin gekommen war. Außerdem war etwas ganz anderes nicht in Ordnung.
Sie hatte keine Ahnung, was es war. Ein seltsames Gefühl beschlich sie dennoch. Irgendetwas ist hier faul. Vivien stand auf und schaute sich in ihrem Zimmer um. Nichts war zu erkennen. Sie schaute durch das Bullauge. Die See war ruhig. Verdächtig ruhig. Es war sogar richtig mild draußen geworden. In ihrem Zimmer war es gemütlich warm. Fast ein bisschen zu warm, dachte Vivien. Dann stutzte sie. Eine schlimme Vorahnung bahnte sich ihren Weg zu Viviens Verstand. Mit einem Satz war Vivien bei ihrer Tür. Sie hatte sich nicht geirrt. Vom Flur schlugen ihr dichte Flammen entgegen. Irgendwo war ein Feuer ausgebrochen. Ich muss vom Schiff, bevor ich mit verbrenne, dachte Vivien in Panik. Ihr Herz schlug schneller. Was soll ich tun, hämmerte es immer wieder in ihren Gedanken. Nur weg hier!
Der Fluchtweg nach rechts war durch das Feuer versperrt, so dass sie nach links Richtung Heck flüchten musste. Alle Türen waren verschlossen, nur der Hinterausgang ließ sich öffnen. Vivien rannte hindurch und stolperte in die Halle. Bis hierhin war das Feuer noch nicht vorgedrungen, doch stellte sich ihr ein ganz anderes Problem in den Weg: Das Schiff musste ein Leck haben. Vom Gitter, das nach unten führte, drang Wasser langsam, aber sicher in den Raum. Vivien hastete zur anderen Flurtür und wollte durch den zweiten Korridor die Flucht antreten. Je näher sie der Empfangshalle kam, umso heißer wurde es. Vivien fürchtete, sie würde zusammenbrechen. In diesem Flur brannte es noch nicht. Sie öffnete die Vordertür und stürzte in ein Flammenmeer. Das Feuer verzehrte alles Brennbare, Tische und Stühle waren ebenso in Flammen aufgegangen wie das Geländer der Haupttreppe. Die Bilder an den Wänden waren schwarz. Vivien hielt sich einen Arm vor das Gesicht und lief die Treppe hinauf. Als sie ans Oberdeck trat, bot sich ihr ein Bild des Grauens. Die Segel brannten lichterloh, die Flammen schlugen von den Kistenstapeln meterhoch gen Himmel. Das Heck inzwischen neigte sich immer tiefer, das Wasser musste wahnsinnig schnell in das Schiff dringen. Ein Krachen ließ Vivien aufhorchen. Was war jetzt los? Langsam drehte sie sich um. Sie sah gerade noch, wie der vordere Mast knickte. Sie wollte wegrennen, doch es war zu spät. Der Mast brach ein und stürzte mit einem gewaltigen Getöse auf sie nieder.
Sie riss die Augen auf. Was ist los! Sie starrte plötzlich an die Decke ihres Himmelbettes, spürte noch immer, wie ihr Puls raste. Dann schaltete sich ihr Gehirn ein. Vivien, beruhige dich, es war ja nur ein Alptraum, sagte sie sich. Doch sie konnte nicht wissen, dass der wahre Alptraum erst mit ihrem Erwachen begonnen hatte.
Sie schlug die Decke zurück und setzte sich auf. Schlaftrunken wankte sie hin und her. Ich muss erst mal richtig wach werden, sonst komme ich gar nicht mehr zurecht. Ich brauche frische Luft, dachte sie und stand auf, um das Fenster zu öffnen.
Die ersten Schritte fielen ihr ziemlich schwer. Sie taumelte von hinten nach vorne, von einer Seite zur anderen. Auch konnte sie kaum ein klares Bild ihrer Umgebung machen. Es schien ihr, als hätte sie zu viel getrunken. Aber ich trinke doch grundsätzlich nie so viel. Warum habe ich denn einen Brummschädel? Vivien sah, dass das Zimmer sich grundlegend verändert hatte. Mal wieder war das Bullauge verschwunden und stattdessen eine Tür dort. Aber auch an jeder der anderen Wände war eine Tür. Die ganze Einrichtung schien außerdem Kopf zu stehen. Alles war an der Decke festgemacht. Nichts fiel herunter, alles war an seinem Platz. Oder war sie selbst es, die Kopf stand? Vivien versuchte sich zu konzentrieren. Es gelang ihr beim besten Willen nicht. Ihre Beine wurden weich, sie wollte sich auf das Bett zurücksetzen, doch selbst das hing jetzt an der Decke. Bis auf eine Tür waren alle Ausgänge verkehrt herum angebracht. Sie konnte sie nicht öffnen, da sie zu klein war, um an die Griffe zu reichen. Was ist bloß mit mir los? Plötzlich wurde es vor ihren Augen ganz bunt. Sie konnte sehen, wie alle Personen, die sie bisher in ihren Ermittlungen kennen gelernt hatte, in einer Reihe standen und nacheinander von einer schwarzen Gestalt erstochen wurde. Dabei trugen alle ein Lächeln im Gesicht, während sie ins Nichts stürzten. Denk dir nichts dabei, Vivien. Ich bin ein Geist, und jemand anderes auch. Dieser Jemand spielt mir das alles vor, um mich zu verwirren. Ich werde mich einfach auf den Boden legen und versuchen, zu schlafen. Dann wache ich wieder auf, wenn alles normal ist, hoffte sie; als sie sich aber hingelegt hatte, wollte es ihr nicht gelingen, einzuschlafen. Sie fühlte sich unendlich müde und hatte schreckliche Kopfschmerzen. Sie wälzte sich hin und her, doch es wollte nichts nützen. Sie ging im Raum auf und ab, so gut sie konnte, doch vor lauter Verwirrung taumelte sie unkontrolliert durch den Raum, stieß gegen die Wände und fiel mehrmals hin.
Nach einiger Zeit des Stolperns und Wälzens, die Vivien wie eine Ewigkeit vorkam, merkte sie erschrocken, wie die Luft zum Atmen knapp wurde. Sie musste husten. Ich werde hier zu Tode gefoltert, dachte sie. Ach was, ich bin ja schon tot. Im selben Moment verfluchte sie ihren Galgenhumor. Was sie zu erleiden hatte, war schlimmer als der bloße Tod. Es gab hier doch eben noch eine Tür, die normal aussah, wo ist sie doch gleich? Vivien drehte sich im Kreis, schien sich endlos zu drehen, bevor sie die Tür fand. Ihr wurde schwindelig und sie kroch auf allen Vieren zur Tür. Mit der rechten Hand langte sie nach dem Knauf und zog sich daran hoch. Auf halbem Wege gab dieser jedoch nach und brach aus der Fassung heraus. Vivien sackte wieder zu Boden. In ihrer Hand hielt sie den runden Messingknauf. Verdammt! Was soll ich denn jetzt machen? Aus lauter Verzweiflung nahm Vivien sich vor, die Tür aufzubrechen. Sie stand auf und ging zur gegenüberliegenden Wand. Dann nahm sie, so gut es ging, Anlauf. Sie zielte mitten zwischen die beiden Türen, die vor ihrem Auge verschwammen, sich dann wieder vereinigten und auf einmal in vier Türen auseinanderbrachen. Dann ließ sie sich einfach nach vorne fallen. Ihr wurde schwarz vor Augen, aber sie wurde nicht ohnmächtig. Sie spürte, wie sie mit der linken Schulter vorweg gegen das Holz krachte. Es schien ein wenig nachzugeben. Doch damit war die Tür nicht geöffnet. Obwohl ihr mittlerweile alles wehtat, sie Sterne vor den Augen sah und noch immer wankte, versuchte Vivien es ein zweites Mal auf die gleiche Methode. Dieses Mal fiel die Tür zusammen mit ihrem Körper in einen Flur hinein.
Vivien blickte langsam auf. Sie wischte mit dem Ärmel die Haare aus dem Gesicht und versuchte, Einzelheiten zu erkennen. Ihr war sterbenselend zumute. Sie befand sich wieder in dem Korridor, an dessen Ende sie die Leichen von Tim und Sally gefunden hatte. Es muss wohl sein, dachte sie und richtete sich mühsam auf. Mit zitternden Knien tastete sie sich an der Wand entlang, um nicht umzufallen. Am Ende des Flures stieg sie die lange Treppe hinunter, stolperte dabei und fiel die letzten Stufen hinab.
Als Vivien wieder zu sich kam, sah sie direkt neben ihrem Kopf die Axt liegen, die sie damals hatte fallen lassen. Sie wollte aufschreien, doch sie war zu schwach dazu. Ihre Stimme versagte. Zwar war sie nur noch zu wenigen klaren Gedanken fähig, dennoch wusste sie, dass sie mit der Axt die anderen Türen in ihrem Zimmer einschlagen könnte. Trotz Schweißausbrüchen gelang es ihr, die Axt hinter sich herzuziehen, während sie den Flur zurückkroch. In ihrer Kabine angekommen konnte sie alles nur noch schemenhaft erkennen. Sie erhob die Axt und schlug auf die erste Holztür ein. Nach mehreren Schlägen, zwischen denen Vivien sich immer wieder ausruhen musste, hatte sie ein genügend großes Loch in die erste Tür geschlagen. Sie kroch hindurch, blieb dabei aber an einem Nagel hängen, wodurch ein langer Riss in ihre Hose geriet. Auch ihr rechtes Bein blieb dabei nicht unversehrt. Sie spürte einen stechenden Schmerz. Vivien, du darfst jetzt nicht aufgeben. Vielleicht kommst Du hier weiter, hoffte sie. Der Raum, in den sie gelangte, war jedoch eine Enttäuschung. Er war quadratisch und hatte keine Einrichtung. Gegenüber der Tür hing, natürlich verkehrt herum, als einziges die große Uhr aus der Halle an der Wand. Sie tickte noch immer, das Ticken war jedoch unerträglich laut, wie eine kleine Explosion, die Vivien immer wieder aufs Neue durch Mark und Bein ging. Schnell verließ sie die Kammer, verfolgt von den Schlägen der Uhr. Zurück in ihrer Kabine bemerkte sie die Wunde an ihrem Bein. Es war nur ein Ratscher, brannte aber unglaublich stark.
Sie nahm alle Kraft zusammen und warf die Axt auf die zweite Tür. Zu ihrer Verwunderung war sie nicht verschlossen, sondern sprang sofort auf. Vivien blickte in einen schwarzen Raum. Alles ist besser als dieses Chaos hier, dachte sie und ging hinein. Ihre Kopfschmerzen wurden immer stärker und in ihren Schläfen hämmerte das Blut. Vivien fand sich in einem Gerichtssaal wieder. Zeugen sprachen vor, der Richter hatte das Wort. „Zeugin Victoria Norton! Wer hat sie ermordet?“ Victorias Geist antwortete: „Ich weiß es nicht, ich habe nur einen Arm gesehen, als er mich würgte!“ „Zeuge Charles Letticeworth, wer hat sie ermordet?“ Victorias Geist verwandelte sich in den Kapitän. „Ich habe nur die Silhouette erkennen können, als ich mich umdrehte.“ „Zeuge John Waters, wer hat sie ermordet?“ Der Reporter erschien im Zeugenstand. „Er hat mich zu Boden geschlagen, ich könnte nur seine Schuhe sehen.“ „Diese zeugen sind doch zu nichts zu gebrauchen, haben alle nur eine Kleinigkeit gesehen, das nützt nichts. Zeugin Vivien Gloom, wer hat sie ermordet?“ Der Richter zeigte mit dem Finger bedrohlich auf Vivien. Sein stechender Blick war unerträglich. „Ich weiß es nicht“, hörte sie sich sagen. „Der Fall ist abgehakt. Die Verhandlung wird wegen Unzurechnungsfähigkeit geschlossen.“ Der Richter schlug mit dem Hammer auf Viviens Kopf, sie taumelte und fiel zu Boden. Es war der Boden ihrer Kabine. Ich kann nicht mehr. Ich gebe auf, dachte sie. Es war kaum noch Atemluft in ihrem Zimmer. Sie nahm die Axt und schlug auf eine der Wände ein, in der Hoffnung, nicht ersticken zu müssen. Bei ihrem ersten Schlag riss sie ein großes Loch in die Wand. Die Axt fiel hinaus ins Meer und versank dort. Sie hatte eine der Außenwände des Schiffes getroffen. Frische Seeluft strömte ins Zimmer. Es war noch immer Nacht, der Mond am klaren Himmel spiegelte sich auf dem leicht gekräuselten Wasser wider. Vivien, die total erschöpft auf dem Boden lag, schloss die Augen und atmete begierig die kühle Luft ein.
Sie spürte, wie ihre Lebensgeister zurückkehrten. Langsam verschwand die abgenutzte Luft aus der Kabine. Als Vivien merkte, wie ihre Sinne zurückkehrten, sah sie, wie auch in ihrem Zimmer bis auf ein großes Loch in der Außenwand wieder alles normal war. Die Einrichtung stand wieder auf dem Boden und alle Türen waren verschwunden. Nur die Ausgangstür war wieder an ihrem Platz. Gerettet, dachte sie. Jemand hat versucht, mich zu ersticken. Daher meine Wahnvorstellungen. Es wird Zeit, dass ich etwas unternehme. Ich werde jetzt dieses Schiff von oben nach unten nach Hinweisen absuchen. Es bleibt nicht mehr viel Zeit, das habe ich eindrucksvoll bemerkt. Mit Schaudern dachte Vivien an die hämmernden Schläge der großen Uhr.
Sie verließ ihre Kabine. Draußen auf dem Korridor überlegte sie – wo fange ich an? Ich werde zuerst das Deck und die Brücke untersuchen. Dann mache ich einen Rundgang über das Unterdeck. Vivien ging zur Empfangshalle. Sie blickte sich um. Alle Schrecken der letzten Stunden schienen vergessen zu sein. Nichts deutete darauf hin, dass eventuell ein anderes Schiff die Letitia gerammt haben könnte oder dass ein Feuer ausgebrochen wäre. Es war alles so wie bei ihrer Ankunft. Vivien genoss das Gefühl, wieder sicher gehen zu können. Auch die Kopfschmerzen waren verschwunden. Mit Entsetzen dachte sie im selben Moment daran, dass all die armen Seelen, die dieses Schiff bevölkerten, seit Jahren dieses Spiel mitmachen mussten. Höllenqualen, nur um danach zu sehen, dass alles wieder normal war.
Vivien ging um die Haupttreppe herum. Tatsächlich, die Tür zum Funkraum war noch immer da. Die Tür an der gegenüberliegenden Wand war allerdings verschwunden. Sie war also nur Illusion gewesen. Langsam ging Vivien die Treppe hinauf. Oben angekommen musste sie allerdings zu ihrer Überraschung feststellen, dass die Tür aufs Deck verschlossen war. Sie hatte sich auch sehr verändert. Wo vorher eine schlichte Holztür war, versperrte nun eine massive Eichentür mit Eisenbeschlägen den Durchgang. Ein großes Schlüsselloch ließ keinen Zweifel daran, dass irgendwo ein Schlüssel zu finden war. Nur wo?

Kapitel 10 – Klarheit?

Resignierend stieg Vivien die Treppe wieder hinab. Ihre Nachforschungen mussten also unten beginnen. Sie nahm sich vor, zuerst den linken Korridor hinabzugehen. In der Empfangshalle fand sich nichts, was Aufschluss über eine Mordserie hätte geben können. Unberührt und unversehrt standen alle Tische und Stühle dort, als warteten sie auf den großen Besucheransturm. Vivien öffnete die Tür zum Flur.
Auf geht’s, dachte sie, während sie die erste Tür zu ihrer Linken öffnete. Dies schien der einzige Raum zu sein, der sich nie veränderte. Noch immer stand er bis oben hin vollgestopft mit Koffern und Taschen. Es wird Stunden dauern, das alles durchzusehen. Ich schaue erst in den anderen Räumen nach, ob ich etwas finde. Dieses Zimmer wird dann die letzte Möglichkeit sein. Sie musste wieder niesen. Außerdem hasse ich den Staub! Mit diesen Gedanken zog sie die Tür hinter sich etwas schwungvoller zu, als sie es eigentlich gewollt hatte. Sie schritt den Gang hinab. Als sie an der Stelle vorbeikam, an der einst die Tür zur Kapitänskajüte ihren Platz hatte, klopfte sie die Wand ab. Nichts war zu hören, der Raum war verschwunden. Im Notfall könnte sie ja den Spiegel wieder zurückhängen. An ihrer eigenen Kabine ging sie vorbei, nicht ohne einen verächtlichen Blick auf das Messingschild zu werfen. „Vivien Gloom, Reisende“ Pah, von wegen Reisende. Ich werde hier gereist! Von meinem Zimmer habe ich erst einmal genug! Beim Weitergehen fiel ihr auf, dass sie noch nie das nächste Zimmer in Augenschein genommen hatte. War es verschlossen? Weshalb konnte sie es damals nicht betreten? Die Tür schien einladend, sie war ein wenig nach innen aufgeschwungen. Natürlich! Hier hingen vorher unendlich viele Vorhänge. Vivien schaute an die Tür. „Kabine 4b, Mary Riley, Klägerin“ Nachdem Vivien die Kabine betreten hatte, baute sich vor ihr eine Rauchwolke auf. Darin erschien ein weiterer Geist, eine Frau mittleren Alters, die Marion Letticeworth nicht unähnlich war. „Marion, sind sie das?“ fragte Vivien.
„Nein, sie Dummchen. Wer sollte wohl in diesem Zimmer hausen? Ich bin es, Mary Riley.“ Als sie diesen Namen hörte, fing Vivien an zu rasen. Mit Mühe und Not hielt sie ihre Stimme im Zaum, als sie sagte: „Aha, sie waren es also, die Mrs Letticeworth des Mordes an Victoria Norton und Daniel Baker beschuldigt hat! Was haben sie sich dabei gedacht? Und woher haben sie von dem Unfall wissen können, es war doch alles geheim?“ Mary Riley schien verwirrt. „Meine Beste, ich bin mir nicht im Klaren, wie sie ihre Schlüsse ziehen. Dennoch würde ich gerne versuchen, ihnen zu erläutern, was am 7. Oktober 1902 passiert ist. Das ist es doch, worauf sie hinauswollen, oder?“ Vivien reagierte empört. „Halten sie mich nicht für dumm. Am 7. Oktober wurden Baker und Norton ermordet. Einen Monat nach Letticeworth. Soviel weiß ich bereits.“
Mary lächelte süffisant. „Was sind sie doch unkonzentriert. Sind sie etwa so wütend auf mich? Was habe ich denn getan? Ich meinte den 7. Oktober 1902, nicht 1903. Genau ein Jahr vorher. Der Kapitän befand sich auf der Rückreise aus Afrika. An Bord des Schiffes befanden sich sein Sohn Cedric, das Liebespärchen, die Crew und... ich.“ Vivien wusste nicht, was sie sagen sollte. Mary fuhr fort. „Und gerade deshalb kann ich ihnen sagen, was geschehen ist, bevor sie als Außenstehende mit blinden Vermutungen um sich werfen.“ Vivien warf hastig ein: „Sie bezeichnen mich also als Außenstehende? Ich bin, falls sie es nicht bemerkt haben, ebenfalls ermordet worden. Damit stecke ich ja wohl genau so tief in der Sache drin wie sie. Ich will ihnen mal was sagen. Ich habe mit Victoria Nortons Geist gesprochen. Sie sagte mir, dass ich das Rätsel um dieses Schiff lösen könnte. Deshalb bin ich jetzt auf der Suche nach dem wahren Mörder und habe bereits ein paar Spuren.“ Wieder war es Mary, die bemitleidend lächelte. „Sie denken wohl, das bisschen Papier, das sie hier auf dem Schiff finden, seien Anhaltspunkte? Ich bitte sie! Hören sie mir zu, was ich sage, ist die Wahrheit und nicht so ein Geschwafel, was sie lesen. Sie scheinen also zu wissen, dass Cedric ertrunken ist. Victoria und Daniel haben nicht auf ihn aufgepasst und damit eine Straftat begangen. Ein Jahr später werden sie ermordet. Klarer Fall für uns, aber die Polizei wusste ja nichts von Cedrics Unglück. Da vorher noch Charles Letticeworth starb, ergab sich für die Polizei ein schwieriges Rätsel. Ich habe die Behörden auf die Spur des Unfalls gebracht und damit auf Marion Letticeworths Fährte angesetzt. Soll ich ihnen sagen, warum? Aus reinem Mitgefühl!“
Vivien schwieg. Das alles erschien ihr wenig glaubwürdig. „Es ist vielleicht schwer für sie, das zu glauben. Sie lebten im 21. Jahrhundert, da herrschen andere Sitten. Aber ich will sie mal auf Marion Letticeworth am 10. Oktober 1902 aufmerksam machen. Sie war ein nervliches Wrack, als ihr Mann ihr mitgeteilt hatte, dass ihr einziger geliebter Sohn gestorben war. Das Familienglück war dahin!“ Vivien dachte an die Notizen der Letticeworths. Es war grauenhaft, dass dieses tragische Unglück die Familie derart ruiniert hatte. Keine Spur von Freude war mehr zu finden. Vivien zog Charles´ Notiz aus ihrer Tasche und überflog sie. „Ich will unsere gemeinsame Zeit in Afrika niemals vergessen, sie ist das Einzige, das mir noch bleibt… Dies ist mein letzter Wunsch, damit ich all diese schrecklichen Ereignisse endlich hinter mir lassen kann.“ Mary meldete sich zu Wort. „Sie sehen, dass es die Familie zerstört hat. Mann und Frau lebten sich immer weiter auseinander. Stellen sie sich dann Marion vor, nachdem auch noch ihr Ehemann gestorben war! Und nun überlegen sie, was aus der Frau geworden wäre, wenn auch noch der Mob hinter ihr her gewesen wäre! Man hätte Nachforschungen angestellt, alles, was Marion lieb und teuer war, auf den Kopf gestellt und in ihrer Vergangenheit herumgewühlt. Es hätte sie vollends zerstört. Ich habe der Polizei den Tipp gegeben, damit Marion all diese Qualen nicht erleiden musste, sondern ihren ewigen Frieden hatte.“ Vivien wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel und sagte: „Und durch ihre Aussage ist Marion hingerichtet worden. Zu Unrecht, während der wahre Mörder noch herumläuft. Sie sind Schuld, dass wir auf diesem verfluchten Schiff gefangen sind. Vielleicht für ewig.“
Mary senkte den Blick. „Nicht für ewig, wie sie vielleicht schon gesehen haben. Nicht mehr lange, und unser Schicksal ist besiegelt. Sie müssen den Täter finden. Ich kann ihnen nur sagen, dass Marion es nicht war. Ich habe sie beschuldigt, um sie zu befreien. Ich konnte nicht wissen, welch Auswirkungen mein Handeln haben würde. Halten sie mich nicht für eine schlechte Person, ich bitte sie! Versuchen sie zu verstehen, was ich getan habe!“ „Ich kann nicht verstehen, weshalb sie sich solche Sorgen um eine Fremde gemacht haben.“ „Eine Fremde? Haben sie sich eigentlich schon einmal gefragt, wieso ich überhaupt auf der Überfahrt nach England war? Sind sie nicht stutzig geworden, als ich ihnen sagte, dass auch ich auf dem Schiff war? Marion Letticeworth war nicht irgendeine Fremde. Das hätten sie sich auch denken…“ Noch bevor Mary den Satz beenden konnte, wurde sie hinfort gezogen. Mit einem Rauschen verschwand ihr Geist und wirbelte eine dicke Staubschicht vom Boden auf. Ein Blatt Papier wurde von einem Tisch geweht und flog Vivien direkt in die Arme. Von den jüngsten Enthüllungen total überrannt ließ sie den Blick über das Blatt wandern.
„An den unbekannten Leser dieses Briefes! Sie haben großes Glück, dass Sie diese Nachricht erhalten haben, denn ich habe sie bereits als Geist geschrieben, und so wie das Zusammentreffen von Geistern unwahrscheinlich ist, gilt das auch für die Besitztümer der Geister. Mein Name ist Mary Riley. Ich will nicht viel Wirbel um meine Person machen. Ich wurde am 24. Juni 1909 ermordet. Hinterrücks, wie es wohl auch bei Ihnen der Fall war. Dieses Schiff war ein ziemlicher Schock für mich. Ich habe zwar herausgefunden, dass der Fluch gehoben werden kann, indem das Rätsel um die Mordserie gelöst wird, doch was nützt es mir? Ich weiß nicht, wer die Morde verübt hat. Falls sie nicht wissen, wovon ich rede, suchen sie die Kajüten von Kapitän Letticeworth und seiner Frau auf. Dort befinden sich Dokumente, die von der Vergangenheit erzählen. Sie können sie garantiert lesen, denn sie wurden zu Lebzeiten der beiden geschrieben. Falls sie den Verstand haben, die Angelegenheit aufzuklären, habe ich eine Hilfe für sie. Egal, was sie auch hören: Marion Letticeworth ist zu Unrecht hingerichtet worden, sie hat Victoria Norton und Daniel Baker nicht ermordet. Der Tod des Kapitäns war kein Selbstmord. Sie werden schon noch herausfinden, warum. Viel wichtiger ist, dass sie den wahren Täter finden. Die Zeit läuft, das sehe ich an der großen Uhr in der Halle. Sie läuft unendlich langsam, aber vielleicht in ein paar Jahrzehnten wird die Stunde Zwölf schlagen. Dann ist das Schicksal dieses Schiffes besiegelt. Bis dahin haben Sie Zeit. Ich habe einen Verdacht. Die Zeitungen waren damals bereits sensationslüstern, das hat sich nie geändert. Vielleicht haben sie schon ein paar Artikel gefunden, die sich auf die Morde beziehen. Wenn nicht, sollten sie mal im Tresor des Schiffes nachschauen. Achten sie vor allem darauf, wer diese Artikel verfasst hat und dafür vermutlich eine ziemliche Summe Geld bekommen hat: John Waters. Ich habe ihn hier auf dem Schiff noch nicht gesehen, er hat auch keine Kabine hier. Vielleicht wird es Sie interessieren, dass John Waters nicht sein richtiger Name ist. Er wurde auf den Namen Jonathan Letticeworth getauft. Glauben Sie mir, ich muss es wissen. Es ist der Bruder des Kapitäns. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er Charles getötet hat, aber es ist gut möglich, dass er die Serie am Laufen hielt, um weiterhin mörderisch gute Stories zu bekommen. Überlegen Sie nur, welch Aufsehen der Prozess gegen Marion erregt hat; die Zeitungen waren voll davon. Auch für die Hinrichtung Marions trägt nicht Jonathan die Schuld. Das müssen Sie mir glauben. Dennoch kann es sein, dass Jonathan Baker und Norton umgebracht hat, um die ganze Angelegenheit ins Rollen zu bringen. Ich weiß nicht, wann Sie diese Nachricht lesen, es kann sein, dass es bereits über ein halbes Jahrhundert später ist. Vielleicht lebt John Waters inzwischen gar nicht mehr und die Angelegenheit hat sich geklärt. Dann allerdings wäre es schon seltsam, dass Sie sich noch immer auf diesem Schiff befinden, oder? Denken Sie darüber nach. Mary Riley, 13. April 1916“
Damit hatte Vivien nicht gerechnet. Dass ausgerechnet der unscheinbare Reporter hinter den Morden stecken sollte? Aber was Mary geschrieben hatte, klang plausibel. Zumindest nach Allem, was Vivien selbst bisher entdeckt hatte. Ich fasse es nicht, dass alles so abgelaufen sein soll, dachte sie. Ich muss noch einmal in Waters´ Kabine. Bevor sie jedoch das Zimmer verließ, schaute sie sich nochmals genau um. Der Schreibtisch, das einfache Bett, die Lampe an der Decke – nichts gab weiteren Aufschluss. Vivien öffnete die Tür zum Flur und ging zum nächsten Zimmer. Kabine 1a, John Waters. Sie trat ein. Noch immer waren die Spuren des Sturmes zu erkennen, bei dem Vivien die Akte Letticeworth verloren hatte. Das Fenster stand offen und es waren noch immer Wasserlachen auf dem Fußboden. Die See war inzwischen, auch nach dem zweiten Sturm, wieder friedlich geworden. Vivien schloss das Fenster und setzte sich wieder an den Schreibtisch. Obwohl sie damit rechnete, in den Schubladen erneut nichts zu finden, öffnete sie eine nach der anderen. Schließlich ist hier sowieso nichts normal, sagte sie sich. Leider waren die Schubladen leer. Plötzlich schaute Vivien auf. Der Haken! Sie setzte sich kerzengerade auf. Es war ein Haken an der ganzen Geschichte. John Waters, oder besser: Jonathan Letticeworth konnte nicht der Mörder sein. Dafür gab es mehrere Indizien. Zuerst bliebe dadurch ungeklärt, wer Charles Letticeworth ermordet hatte, da Selbstmord inzwischen ausgeschlossen war. Außerdem hat Jonathan auf diesem Schiff eine eigene Kabine. Damals hat Mary das sicherlich nicht wissen können. Auf diesem Schiff haben nur die Reisenden von damals und einige derer, die im Bezug mit dem Mörder ums Leben gekommen sind eine Kabine. Jonathan musste ebenfalls getötet worden sein, und zwar nach dem 13. April 1916. Er kann nicht der Täter sein.
Das änderte nichts an der Tatsache, dass John Waters der Bruder von Charles Letticeworth war. Aber er war noch nie erwähnt worden, oder habe ich da etwas übergangen? Es bleiben ziemlich viele Fragen offen. Was sagt mir die Tatsche, dass die beiden Brüder waren? Und wer war Mary Riley? Woher wusste sie so viel über John Waters? Warum sorgte sie sich derart um Marion? Ziemlich verwirrt stand Vivien auf und ging auf die Tür zu. Sie dachte an ihre Wahnvorstellungen. Jedes der Opfer hatte einen Teil des Mörders gesehen. Sie erinnerte sich gut, wie sie über dem Meer schwebend die Silhouette des Täters gesehen hatte. Wenn der Kontakt zwischen den Geistern doch nur nicht so schwer wäre, dann könnte man ein Phantombild erstellen. Welche anderen Möglichkeiten hatte sie denn, um den Mörder zu entlarven? Ein wenig betrübt von den geringen Erfolgschancen ging sie wieder hinaus auf den Korridor.
Sie verließ den Flur durch die Tür zu ihrer Linken und betrat wieder die hintere Halle. Die beiden Schatzkammern. Eine hatte sie bereits geöffnet. Was hatte Marion noch über die andere Kammer geschrieben? Sie suchte in ihrer Hosentasche nach der herausgerissenen Seite. „Der Glaube daran, dass es gelingt, muss sehr stark sein. Erst wenn die Tür sich vor den Augen des Betrachters teilt, ist sie wirklich offen.“ Vivien stellte sich vor die rechte Tür. Das Mondlicht erhellte die Halle ein wenig. Sie konnte sehen, dass sich die Intarsien auf der Tür verändert hatten. Sie zeigten keine Sternenkonstellation, sondern allein ein großes Auge. Ich glaube gang fest daran, dass diese Tür offen ist. Ich kann sie durchschreiten, sagte sie sich und ging mit ausgestreckten Armen drauf zu. Sie stieß gegen die Tür; diese jedoch rührte sich keinen Millimeter. Vivien seufzte. Ich hasse Türen. Dann erinnerte sie sich der vielen Türen in ihrer Kabine, nachdem sie aufgewacht war. Waren sie nicht vor ihren Augen verschwommen? Hatten sie sich nicht vor den Augen des Betrachters geteilt? Das könnte funktionieren. Wenn ich ein wenig schiele, sieht es aus, als hätte ich zwei Türen vor mir. Dann muss ich nur noch dazwischen hindurchgehen.
Sie blickte auf die Tür. Ihr Blick war zuerst verkrampft, schließlich entspannten sich ihre Augen aber. Sie schielte etwas und versuchte, durch die Tür hindurchzusehen, auf etwas, das sich vielleicht hinter der Tür befand. Dann geschah es – das Bild der Tür teilte sich. Eine Tür wanderte nach links, die andere nach rechts. Vivien atmete auf und ging auf die Türen zu. In dem Moment der Erleichterung fixierte sich ihr Blick aber wieder auf die Tür, wodurch diese im letzten Moment erneut scharf in ihr Blickfeld rückte. Sie stieß mit der Stirn gegen die Wand. Es hatte nicht funktioniert. Ich darf mich nicht auf die Tür konzentrieren. Ich muss in Trance bleiben, während ich auf die Tür zugehe. Vivien probierte es erneut. Wieder entspannte sie sich und wankte auf die Tür zu. Sie teilte sich erneut vor ihren Augen. Langsam trat sie an die Wand heran. Schritt für Schritt. Sie streckte den Arm aus, wollte die Wand berühren, doch der Arm glitt hindurch. Vivien stockte vor Verwunderung der Atem. Sie blickte auf ihren Arm, der in der Wand steckte. Ihr Blick war wieder gespannt, die Türen fügten sich zusammen und ein stechender Schmerz fuhr durch ihren Körper. Ängstlich starrte Vivien auf ihren Arm. Er steckte in der massiven Holztür fest. Sie zog, so fest es ihr möglich war, aber der Schmerz war so groß, dass sie es bald aufgab. Ich komme hier nur frei, wenn ich wieder die Türen teile und dann durch die Wand gehe, glaubte sie. Ungeachtet der Tatsache, dass ihr Arm auf einem Geisterschiff in einer Holzwand feststeckte, versuchte Vivien, sich zu entspannen. Sie ließ die Augenlider langsam sinken, bis ihr Blick verschwamm. Einen Moment später war ihr Arm frei. Sie ging schnell vorwärts. Ihr Körper versank in der Wand. Vivien spürte ein Kribbeln durch ihren Körper wandern. Das Gefühl war schnell vorüber, und in der Hoffnung, endlich durch die Tür gegangen zu sein, konzentrierte sie sich wieder auf ihre Umgebung.
Der Raum erschien ihr langsam schärfer. Er sah genauso aus wie die andere Schatzkammer, in der sie den Skarabäus gefunden hatte. Auf einem Pult lag ein großer, verzierter Schlüssel. Eine Laterne an der Decke spendete ein wenig Licht. Im Gegensatz zur anderen Kammer befand sich an diesem Pult jedoch keine Beschreibung zum Schlüssel. Vivien nahm ihn an sich. Ich kann mir schon denken, wohin der gehört. Er ist ebenso reich verziert wie die Tür, die aufs Deck führt. Ich werde ihn nachher gleich ausprobieren. Erst jedoch werde ich noch den anderen Flur absuchen. Sie drehte sich um. Von innen besaß die Tür einen Knauf. Vivien öffnete die Tür und ging wieder in die hintere Halle. Sie blickte um sich. Die Schatzkammern hatte sie also entdeckt. Im Boden befand sich ganz hinten noch immer das runde Gitter. Wohin kann es denn nur führen? Vivien versuchte wieder, das Gitter anzuheben. Mit Leibeskräften zog sie daran, doch es gelang ihr nicht, es auch nur einen Zentimeter zu bewegen. Das schaffe ich niemals, beschloss sie und ging auf die Tür zu, die in den zweiten Korridor führte.
Die Tür mit den drei Totenschädeln jagte Vivien erneut einen Schauer über den Rücken. Das seltsame Licht, das von ihnen ausging, hielt die mysteriöse Atmosphäre auf dem Unterdeck aufrecht. Vivien ging in das afrikanische Zimmer. Jetzt, wo sie das ganze Unrecht kannte und über das Schicksal der Familie Letticeworth im Klaren war, erschienen ihr alle Erinnerungen an das Paradies auf Erden unendlich traurig. All dies war nun für immer verloren. Jetzt konnte sie verstehen, wie sich der Kapitän gefühlt haben musste, als er seine Notizen niederschrieb. Als Vivien das Bild von Charles und Marion mit dem Baby im Arm im Eingeborenendorf sah, konnte sie den Tränen nicht lange standhalten. Sie setzte sich in einen Korbsessel und betrachtete eine kleine Spieluhr, die von einem Tisch zu Boden gefallen war. Der Schlüssel zum Aufziehen steckte noch immer an der Seite; nachdem Vivien die Spieluhr auf den Tisch zurückgestellt hatte, zog sie sie auf.
Sie spielte eine sehr traurige und düstere Melodie, die von unendlicher Einsamkeit zeugte. Der Deckel des Kästchens öffnete sich. Zu sehen war ein kleines Bild von Charles und Marion, die auf einer Bank unter Bäumen saßen, zweifellos in Afrika. Neben dem Bild war ein kleiner Knauf eingearbeitet, der genauso aussah wie der an der Tür zu Cedrics Zimmer. Auf ihm war eine Sonne abgebildet. Langsam drehte sich dieser Knauf nach oben, ganz langsam wechselte das Bild in der linken Hälfte der Spieluhr. Zum Vorschein kam ein Foto von Cedric, der mit einem kleinen Affen spielte. Der Knauf drehte sich weiter, verschwand dabei in der Spieluhr. Der zweite Knauf mit dem Halbmond kam zum Vorschein. Das Lied war noch nicht zu Ende. Das Bild verschwand langsam. Ein drittes Foto erschien. Es war komplett schwarz, nichts darauf zu erkennen. Am interessantesten erschien Vivien jedoch der kleine Messingknauf, der sich ein weiteres Mal drehte. Nur ein kleines Stück weiter, dann kam ein dritter Knauf an die Oberfläche. Auf ihm war ein Stern abgebildet. Langsam lief die Feder der Spieluhr ab, das Lied erstarb und die Uhr kam zum Stillstand. Vivien war in Gedanken versunken. Sie dachte wehmütig daran, wie schön alles war, und wie traurig und allein alles geworden war. Mensch Mädel, nun lass dich nicht hängen, versuchte sie, sich selbst aufzubauen. Schau dir mal den Griff an, es muss da noch einen dritten geben! Ich sollte mal zu Cedrics Zimmer gehen, nahm sie sich vor. Als sie aufstand, wurde ihr bewusst, dass der Besuch in diesem Zimmer nichts gebracht hatte. Sie war mit ihren Ermittlungen kein Stück weitergekommen, hatte nur ein weiteres Zeitzeugnis entdeckt. Von solchen Sachen durfte sie sich nicht ablenken lassen. Vivien wandte sich der Tür zu, die direkt zu Marions Kabine führen sollte. Hier war sie noch gar nicht hindurchgegangen. Falls sie sich jedoch Hoffnungen gemacht hatte, ein weiteres Geheimnis dieses Schiffes zu entdecken, musste sie eine herbe Enttäuschung einstecken. Tatsächlich führte die Tür nur in Marions Zimmer und nicht in irgendwelche geheimen Kammern. Das Zimmer hatte sich auch nicht verändert. Auf dem Boden verteilt lagen noch immer die Glasscherben des zersprungenen Spiegels. Nach einem kurzen Moment setzte jedoch plötzlich wieder das Rauschen ein, das Vivien damals so neugierig auf diese Kammer gemacht hatte. Woher kann das kommen? Der Spiegel ist doch zerstört? Vivien suchte den Schreibtisch ab und schaute sich das Bett ganz genau an; die Quelle des unheimlichen Geräusches konnte sie aber nicht ausmachen. Sie entschied sich, das Rauschen zu ignorieren und zuerst weiterzuschauen. Sie verließ die Kabine Richtung Flur und wandte sich nach links. Sie stand wieder vor Kabine 8c. Ein weiteres Mal hatte der Besitzer gewechselt. Nach Daniel Baker und Victoria Norton stand hier nun: „Kabine 8c, Louis Nounes, Matrose“ Vivien dachte scharf nach, konnte sich aber nicht daran erinnern, den Namen Nounes schon einmal ge… Moment! Die Akte Letticeworth in John Waters´ Kabine – da war eine Zeugenaussage von Nounes. Das könnte interessant werden, meinte Vivien und öffnete die Tür.
Die Kabine des Matrosen war sehr spartanisch eingerichtet. Eine schäbige Matratze lag mitten im Raum. Auf ihr waren Flecken zu sehen, auch war sie an einem Ende aufgerissen. Ein großer Koffer, fast schon eine Truhe, stand an einer Seite der Kabine. Der Deckel war geöffnet und der Koffer bis zum Rand mit alten Klamotten vollgestopft. Von ihnen ging ein modriger Geruch aus, deshalb beschloss Vivien, nicht darin herumzuwühlen. An einer Wand hingen drei kleine Bilder von einem jungen Mädchen, das Vivien noch nie zuvor gesehen hatte. Es musste die Freundin oder vielleicht sogar Verlobte des Matrosen sein. Sie hatte es bestimmt auch nicht einfach, wenn ihr Liebster dauernd auf hoher See war, dachte sie mit Gedanken an Marion Letticeworth, deren Mann auch oft gereist ist, während sie allein zuhause blieb. Vivien dachte an den Brief von Cedric an seine Mutter zurück. Scheinbar hatte sie nie gewollt, dass ihr Sohn auf diese Schiffsreisen ging. Das nenne ich die Liebe einer Mutter, immer um den Sohn besorgt, dachte sie. Als sie die Wand entlang ging, rutschte sie fast auf einem Gegenstand aus. Vivien beugte sich nach unten. Es war ein Buch. Eine Art Tagebuch, es waren viele Einträge darin. Ach, du dumme Gans, wärst du doch bloß nicht draufgetreten. Jetzt ist die erste Seite herausgerissen, ich kann gar nichts mehr erkennen, tadelte sie sich selbst. Sie nahm das Buch und setzte sich auf den Fußboden.
„…ich das alles schreibe. Nur für den Fall, dass der Nachwelt ein Rätsel übrig bleibt.
27. Januar 1903: Tja, ich denke mal, das war es dann. Der Kleine ist hin und Schluss. Ich vermute mal, der Kapitän hat das mit seiner Frau irgendwie ausgemacht. Ich frage mich nur, warum dieses Pärchen einfach so davonkommt. Die hätten auf den Jungen aufpassen sollen. Verstehe das, wer will.
14. März 1903: Ich glaube das einfach nicht. Heute habe ich einen Brief bekommen. Einen Drohbrief! Natürlich von einem Unbekannten. Er schreibt, wenn ich auspacke, geht es mir an den Kragen. Wovon redet der? Ich werde mich einen Dreck darum kümmern, solange Felice in Sicherheit ist. Die Kleine vermisst mich ganz schön, aber als Matrose ist man halt viel unterwegs.
9. April 1903: Bin von meiner Mittelmeerfahrt zurück. Zuhause hat wieder so ein Brief auf mich gewartet. Der Unbekannte wurde etwas deutlicher. Wenn ich irgendjemandem sage, was damals auf dem Schiff geschehen ist, bringt er mich zum Schweigen. Der spielt bestimmt auf den Unfall von letztem Oktober an. Woher weiß er, dass ich das gesehen habe? Wer ist dieser Unbekannte?
16. August 1903: Ziemlich lange nichts mehr von dem mysteriösen Unbekannten gehört. Liegt wohl daran, dass ich meine Klappe halte. Warum sollte ich auch plaudern? Würde das glückliche Pärchen doch nur in den Ruin stürzen. Ich bin ja kein Unmensch.
10. September 1903: Schau mal einer an, der alte Letticeworth ist tot. Keiner weiß, was geschehen ist. Kann mir aber auch egal sein. Wichtiger ist, dass ich eine ziemlich harte Reise vor mir habe. Im November soll es nach Norwegen gehen, das wird heftig. Kann auch ziemlich lange dauern. Ich hoffe, Felice, du verzeihst mir.
27. September 1903: Seltsam. Ich habe einen Brief bekommen. Darin lag ein völlig leerer Zettel. Ohne Absender. Nur auf dem Umschlag war ein großes Ausrufezeichen geschrieben. Was soll denn das bedeuten?
8. Oktober 1903: Die Zeitungen sind wirklich schnell. Gestern ist das Liebespärchen ermordet worden, das auf der Reise von Afrika nach England dabei war. Ich habe langsam etwas Angst. Ich meine, warum hat mir dieser Verrückte damals diese Briefe geschrieben?
9. Oktober 1903: Heute hat jemand einen Brief unter meiner Tür durchgeschoben. Er war wieder von diesem Unbekannten. Die Polizei wird mich befragen, hieß es dort. Wenn ich irgendwas ausplaudere, würde Schreckliches geschehen. Drunter stand diesmal sogar ein Name: Riley. Ich frage mich, wer dieser Riley ist.
10. Oktober 1903: Die Polizei war da. Ich habe denen nur gesagt, dass vielleicht alle Fälle mit der Schiffsfahrt zu tun hätten. Mehr nicht. Das kann doch nicht zuviel gewesen sein.
24. Oktober 1903: Meine Felice! Sie ist ermordet worden! Ich wette, es war der Unbekannte! Ich habe Angst, was soll ich tun? Ich habe doch nichts Böses gemacht! Heute kam ein Brief: Sie wollten es ja so. Als nächstes sind sie dran! Ich will nicht sterben!“ Hier endeten die Einträge.
Schon wieder Mary Riley. Konnte sie es denn gewesen sein, die die Drohbriefe geschrieben hatte? Das würde ja bedeuten, dass Mary Daniel und Victoria getötet hat. Das widerspricht aber doch der Theorie, dass Mary Marion schützen wollte. Es sei denn, das war alles nur eine Ausrede von ihr. Vielleicht hatte sie Vivien alles nur vorgeflunkert, um den Verdacht von sich selbst abzulenken? Nein, das darf nicht sein. Wem kann ich denn überhaupt noch trauen, fragte sie sich. Wahrscheinlich war es irgendein anderer Riley, der Name ist ja nicht gerade selten. Ich muss hier raus, sonst verliere ich den Verstand. Vivien nahm den Bleistift mit, der im Tagebuch steckte. Zurück auf dem Korridor holte sie die Notiz des Kapitäns aus ihrer Tasche, setzte sich auf den Boden und schrieb alle Verdächtigen dieser Mordserie auf, ungeachtet der Tatsache, ob sie tot oder lebendig waren. Auf solche Kleinigkeiten durfte man auf einem Geisterschiff keine Rücksicht nehmen. Sie schrieb:
„Verdächtige im Fall Letticeworth:
Mary Riley – Wer ist sie wirklich? Weiß sehr gut über Marion Letticeworth und John Waters Bescheid. Warum war Mary Riley damals auf der Schiffsreise dabei? Sehr verdächtig, ich glaube aber nicht, dass sie es war.
John Waters – Ist laut Mary Riley der Bruder von Charles Letticeworth. Riley gibt als mögliches Motiv Sensationsgier an. Unwahrscheinlich.
Daniel Baker – Selbstmord unwahrscheinlich.
Victoria Norton – Möglich, da sie von Schuldgefühlen geplagt wurde. Machte sich für den Tod von Cedric verantwortlich. Hatte jedoch vor, Baker zu heiraten, daher unwahrscheinlich.
Louis Nounes – Möglich. Wusste, was damals auf dem Schiff passiert ist. Dennoch unwahrscheinlich, da er mit dem Wissen eher erpresst hätte. Ist selbst Opfer eines Unbekannten mit dem Namen Riley geworden.
Charles Letticeworth – Wird wohl kaum alle anderen umgebracht haben, nachdem er selbst ermordet wurde. Polizei gab Selbstmord an, kein plausibles Motiv. (Schuldgefühle?)
Marion Letticeworth – Für ihre angeblichen taten wurde sie hingerichtet. Das Morden ging weiter, Brief an Victoria Norton verwischt Motiv, daher unwahrscheinlich.“
Sie überlegte einen Moment. Bis auf Mary Riley hatte sie bei allen Verdächtigen „unwahrscheinlich“ niedergeschrieben. Sie fügte ihrer Liste einen weiteren Eintrag hinzu.
„??? – Ein Unbekannter, der mit der fatalen Schiffsreise in Verbindung steht. Muss Bedrohung durch Nounes gefürchtet haben, wollte damit vielleicht Riley belasten. Motiv unklar.“
Ich brauche unbedingt weitere Hinweise, meinte Vivien. Sie steckte das Papier und den Stift in ihre Hosentasche und stand auf. Als sie sich auf ihr rechtes Bein stützte, spürte sie wieder diesen Schmerz. Sie hatte ihre Wunde von vorher ganz vergessen. Ein langer Schnitt zierte ihr Bein; das Blut war mittlerweile getrocknet. Dennoch brannte die Stelle unglaublich. Vivien biss die Zähne zusammen und ging zur nächsten Tür. Es war das Zimmer von Cedric. Sie betrachtete den Knauf und drehte ihn, ohne lange zu zögern, weiter nach oben. Wie in der Spieluhr kam ein dritter Knauf zum Vorschein, der mit einem Stern verziert war. Sie drehte ihn herum und betrat das Zimmer.
Vivien stand auf einem offenen Feld an einer Küste. Der Himmel war stark bewölkt. Ein Pfarrer stand an einem rechteckigen Loch und hielt ein Gebetbuch in der Hand. Um das Loch herum standen einige Menschen in schwarz gekleidet. Vivien erkannte Marion und Charles, die der Beerdigung ihres Sohnes beiwohnten. Der Pfarrer hielt eine mitreißende Rede, Marion hatte sich nicht mehr unter Kontrolle und verbarg ihr Gesicht hinter einem Taschentuch. Charles nahm sie in den Arm. Langsam zogen dunklere Wolken auf. Es begann zu regnen, doch davon ließen sich die Trauergäste nicht beirren. Nur eine Frau ging davon. Es war Mary Riley. Sie verließ die Beerdigung schnellen Schrittes. Die anderen gingen nacheinander gesenkten Hauptes an das Grab heran. Obwohl Cedric ertrunken war, hatte Marion wohl eine Beerdigung gewünscht. Das war sehr vernünftig, da sie nun einen Ort hatte, an den sie gehen konnte, wenn sie ihrer Trauer freien Lauf lassen wollte. Der Pfarrer klappte das Buch zu und legte es beiseite. Er breitete seine Arme aus und sprach den Segen über die Anwesenden. Marion ging daraufhin zum Grab ihres Sohnes und nahm eine Blume aus dem Kranz, der auf dem Sarg lag. Sie ging damit zur Klippe und warf sie ins Meer. Es regnete inzwischen ziemlich stark, doch Marion schien es nicht zu bemerken. Ihr Gesicht war tränenüberströmt, als sie von der Klippe zurückkehrte. Vier ältere Herren ließen den Sarg ins Grab hinab. Jeder der Anwesenden warf eine Schaufel voll Sand ins Loch, sprach ein paar Abschiedsworte oder bekreuzigte sich. Dann ging die Trauergemeinde in einer Gruppe zurück zur Kirche. Auf halbem Wege riss Marion sich los und lief zum Grab zurück. Charles wollte sie zurückrufen, doch der Pfarrer legte eine Hand auf seine Schulter und hielt ihn zurück. Sie gingen weg, während Marion vor dem Grab auf die Knie fiel und bitter weinte. Sie faltete ihre Hände und schickte ein Gebet zum Himmel. In diesem Moment flog eine Taube vorbei. Eine weiße Feder schwebte sanft vom Himmel und fiel uns Grab. Dann wurde die Umgebung um Vivien schwarz. Sie befand sich wieder in Cedrics Zimmer.
Es war alles umgestaltet worden nach Cedrics Tod. Das Bett war mit schwarzem Samt bezogen und ein großer Kranz lag darauf. An einer Wand hing ein großes Kreuz, darunter eine Plakette mit Cedrics Geburts- und Todestag und einem rührenden Abschiedswort. Vivien spürte die Tränen in ihren Augen. Wozu dagegen ankämpfen? Es war ein Drama, das sich um die Familie Letticeworth rankte. Rosen hingen von der Decke, noch mehr Bilder zierten die Wände. Bilder vom Himmel, von Engeln mit großen Flügeln. Eine sanfte Stimme meldete sich aus dem Dunkel.
„Jetzt wissen sie, wie es damals war. Wie wir uns gefühlt haben. Dieses Schiff entwickelt sich immer weiter. Wie es erscheint, hängt von der Perspektive des Betrachters ab. Nun, da sie unsere Gefühle von damals nachvollziehen können, brauchen sie die Erinnerung an damals nicht mehr. Sie können sich nun ihrer eigentlichen Aufgabe zuwenden.“ Abrupt endete die Stimme.
Vivien hatte sie nie zuvor gehört. Wahrscheinlich war es die Stimme eines der Trauergäste. In jedem Falle hatte sie Recht. Sie hat die Gefühle, die durch die Spieluhr ausgedrückt wurden, versucht zu ignorieren. Daher war sie in dieses Zimmer geführt worden. Nun war alles glasklar. Das Schiff lenkt mich zur Wahrheit. Ich muss sie nur finden wollen, dachte Vivien. Sie schaute sich noch einmal im Zimmer um, bevor sie es verließ. Wahrscheinlich würde sie es nie wieder in diesem Zustand betreten. Dann trocknete sie ihre Tränen mit dem Ärmel und ging hinaus auf den Flur. Der Tresor im nächsten Raum bot keine Aufschlüsse. Schließlich waren alle Fächer verschlossen, bis auf das von John Waters. Das hatte sie ja bereits ausgeräumt. Vivien überzeugte sich zur Sicherheit nochmals davon und ging zurück in die Eingangshalle. Bevor ich nach oben gehe, werde ich mir ein letztes Mal die Halle anschauen. Vivien öffnete die Doppeltür gegenüber der Haupttreppe mit einem Quietschen. Scheinbar unendlich lang erstreckte sich vor ihre die Galerie der Statuen und Gemälde. Sie ging zu ihrem eigenen Bild. Es war noch immer verschwommen. Gut, dachte Vivien, damit habe ich mein Schicksal noch immer in der Hand. Sie ging zum Kamin am Ende der Halle. Ob er wohl schon immer erloschen war? Die Uhr darüber tickte langsam weiter. Es würde nicht mehr lange dauern, bis die zwölfte Stunde schlägt. Der kleinste der sieben Zeiger der Uhr deutete auf die Acht, alle anderen Zeiger standen scheinbar still kurz vor der Zwölf. Wenn der kleinste dort ankommt, ist meine Zeit abgelaufen. Ich darf es nicht zulassen, dass der Mörder sein Werk vollbringt, dachte Vivien und verließ die Halle. Sie ging die Haupttreppe hinauf und stand wieder vor der großen Eichentür, die zum Oberdeck führte. Aus ihrer Hosentasche holte sie den Schlüssel, den sie in der zweiten Schatzkammer gefunden hatte. Sie steckte ihn ins Schloss und drehte ihn zweimal herum, bis sie ein Einrasten des Schlosses hörte. Sie konnte die Pforte nun öffnen.
Vivien trat jedoch zu ihrer großen Überraschung nicht aufs Schiffsdeck, sondern in eine große Halle. Hinter ihr fiel die Tür krachend ins Schloss. Ihre Umgebung ließ sie vermuten, dass sie sich in einem Schloss befand. Die Steinmauern, die den Saal begrenzten, waren mit bunten Wandbehängen verziert. Am Ende der Halle führte eine Freitreppe nach oben in einen Flur. Vivien ging weiter in die Halle und schaute sich ungläubig um. Dann vernahm sie eine Stimme. „Willkommen auf Letticeworth Castle!“ Ein weiter Ring aus Nebel erschien um sie herum. Jetzt erscheint bestimmt wieder irgendein Geist, dachte Vivien. Sie hatte dieses Szenario des Nebels auf dem Schiff schon genügend ausgekostet.
Langsam verdichtete sich der Nebel. Es erschienen viele Gestalten um sie herum. Männer und Frauen verschiedenen Alters, alle in altertümlichen Gewändern, wie für einen Ball gekleidet. Vivien schaute sich um. Es mussten bestimmt über hundert Geister sein, die sich in der riesigen Halle trafen. Aus dem Nichts hörte Vivien Musik. Schnell bildeten sich Tanzpaare. Sie wollte nicht allein in der Mitte des Ganzen stehen. Sie ging forschen Schrittes zu einem jungen Mann und bat ihn zum Tanz. Er willigte ein und reichte Vivien die Hand. Aus dem Flur im oberen Stockwerk trat Charles Letticeworth. Alle schauten zu ihm auf. Er nickte mit dem Kopf. Das war das Zeichen für den Tanz. Mit unglaublicher Präzision schwangen sich alle Paare synchron in die erste Drehung. Vivien wurde geführt und schaute sich staunend um. Die Musik hatte ein forsches Tempo; sie konnte kaum die Gesichter der anderen erkennen. Sie meinte jedoch, sehen zu können, wie Daniel Baker und Victoria Norton miteinander tanzten, ebenso wie Tim und Sally, ihre Nachbarn. Auch Mary Riley sah sie unter den Tanzgästen. Es waren viele unbekannte Geister dabei. Sie alle müssen Opfer des Serienmörders geworden sein, dachte Vivien. Um sich nichts anmerken zu lassen, schaute sie ihrem Partner wieder in die Augen. Er lächelte sie an, während sie über die Tanzfläche glitten. Er ist ein sehr guter Tänzer, musste Vivien zugeben. Dann ließ er sie los. Sie taumelte ein paar Schritte und wollte sich empört zeigen, doch sie sah, dass alle Paare genau das Gleiche machten. Die Damen gingen zur einen Seite der Halle, die Herren zur anderen. Die beiden neu entstandenen Gruppen tanzten weiter. Vivien konnte nicht anders, als mitzutanzen. Obwohl sie die Choreographie gar nicht kannte, wurde sie mitgerissen und machte alles genauso wie die anderen. Dabei überlegte sie. Ob das vielleicht ein Ball ist, der hier regelmäßig abgehalten wird? Das ist ja super, denn endlich habe ich alle Opfer beisammen. Jetzt kann ich das Bild des Täters zusammenfügen. Ich werde mich gleich nach dem Tanz darum kümmern, nahm sie sich vor. Die beiden Gruppen wurden wieder zusammengefügt, es bildeten sich wieder Paare. Dieses Mal bekam Vivien keinen Partner. Sie stand allein in der Mitte, während alle anderen elegant im Kreis um sie herumtanzten. Dabei wurden ihre Silhouetten langsam undeutlicher, die Bilder verschwammen und lösten sich ebenso schnell, wie sie gekommen waren, wieder in Rauch. Damit hatte Vivien nicht gerechnet.
„Wartet! Geht nicht“, rief sie in die leere Halle. Es war zu spät. Das Schloss war verlassen. Die letzten Rauchschwaden verzogen sich schnell. Das war vielleicht meine letzte Chance, dachte Vivien verzweifelt. Sie fürchtete, dass sie nun niemals den Mörder entlarven könnte. Was gab es nun noch zu tun? Langsamen Schrittes ging sie zur Eingangstür zurück. Sie wollte wieder zurück aufs Schiff, doch dabei stellte sich ihr ein Problem in den Weg. Die Tür nach draußen war verschlossen. Sie hatte den Schlüssel nicht mehr und einen anderen Ausweg schien es nicht zu geben.
Kapitel 11 – Die Ganze Wahrheit

Ich muss weiter, die Zeit läuft, dachte Vivien bei sich und sah sich um. Ihr Blick wanderte zu dem Balkon, von dem aus der Kapitän das Zeichen zum Tanz gegeben hatte. Er stand wieder dort und hatte sie beobachtet. Vivien rief: „Halt!“ und rannte die Freitreppe hinauf. Mit dem linken Fuß blieb sie hinter einer Stufe hängen und stolperte, doch zu ihrem Glück war die Treppe mit einem roten, weichen Teppich bedeckt. Vivien rappelte sich wieder auf und lief nach oben zum Korridor. Sie konnte noch eben erkennen, wie Charles Letticeworth in der letzten Tür auf der linken Seite verschwand. Im Vorbeilaufen schaute sie flüchtig auf die Galerie an der rechten Wand. Dort hingen viele Gemälde der verschiedensten Künstler. Vivien erkannte eine Kopie der Mona Lisa und der Ansicht von Delft. Dafür habe ich jetzt keine Zeit, dachte sie und sprintete zur letzten Tür. Sie öffnete sie und sah erschrocken, wie der Kapitän etwas aus dem geöffneten Fenster warf. Es schien ein Stapel mit Dokumenten und Büchern zu sein. Er selbst sprang hinterher. Vivien hastete zum Fenster. Sie schaute nach unter in den nächtlichen Innenhof des Schlosses. Dort auf dem Boden sah sie viele Zettel umherliegen, einige flatterten noch durch die Luft. Es schien, als wollten sie über die hohen Schlossmauern fliehen. Der Geist des Kapitäns war verschwunden. Über ihr schlechtes Timing enttäuscht ging Vivien zurück ins Zimmer. Es war ein richtiges Kaminzimmer, gemütlich ausgestattet mit zwei Sessel und einem Sofa, einem Schreibtisch mit Stuhl davor. Im Kamin befand sich nur noch die Asche des letzten Feuers. Die Wände waren auch hier mit Bildern geschmückt, sie waren jedoch von Kinderhand gemalt. Das hier ist das Arbeitszimmer des Kapitäns, da bin ich mir ganz sicher, meinte Vivien. Sie setzte sich an den Schreibtisch und öffnete eine Schublade. Neben verschiedenen Schreibfedern befanden sich hier ein versiegelter Brief und eine Geburtsurkunde. Auf dem Brief stand geschrieben: „Charles Letticeworth, letzter Wille“; es war sein Testament. Es ist zwar ein wenig taktlos, aber da er jetzt sowieso tot ist, kann ich den Brief auch öffnen, sagte Vivien sich und brach das Wachssiegel auf.
„Im vollen Besitz meiner geistigen Kräfte vermache ich, Charles Letticeworth, mein gesamtes Hab und Gut meiner Frau Marion Letticeworth. Sollte meine geliebte Ehefrau vor mir verschieden sein, so erbt mein Sohn Cedric. Falls er die Volljährigkeit noch nicht erreicht hat, so übergebe ich ihn in die treusorgenden Hände meiner Schwägerin, Mary Riley. Charles Letticeworth, 23. November 1899“
Vivien musste schlucken. Schwägerin? Zögernd betrachtete sie die Geburtsurkunde, die in der Schublade lag. Sie bestätigte, dass Marion Letticeworth auf den Namen Marion Riley getauft worden war. Marion und Mary waren Schwestern? Das erklärt so manches, unter anderem, warum Mary so besorgt um die Gemütswelt Marions war. Es ging also um ihre Schwester! Welch Qual muss es dann für sie gewesen sein, ihre eigene Schwester hinrichten zu lassen? Vivien schauderte. Nein, so darf ich nicht denken! Sie hat sie nicht hinrichten lassen, sie wollte immer nur das Beste für sie! Oder etwa nicht?
Sie legte die Dokumente zurück in den Schreibtisch und schloss die Schublade. Dann ließ sie den Blick durchs Zimmer wandern. Unter dem Fenster lag auf dem Boden noch ein Buch. Es musste heruntergefallen sein, als Charles all diese Sachen aus dem Fenster werfen wollte. Vivien stand auf und nahm das Buch an sich. „Meine Aufzeichnungen“ stand darauf geschrieben. Sie setzte sich mit dem Buch in einen der Sessel und schlug es auf. Auf der ersten Seite stand der Name Charles Letticeworth“, die ersten acht Seiten waren jedoch unbeschriftet. Vivien blätterte, bis ihr der erste Text ins Auge fiel. Sie lehnte sich entspannt zurück und begann zu lesen. Innerlich war sie jedoch aufgeregt, welche Geheimnisse diese Aufzeichnungen zu Tage bringen würden.
„So fühle ich mich. Wie die ersten Seiten dieses Buches. Total leer, mein Geist ist vollkommen leer. Keine Inspirationen mehr, keine traurigen Gefühle mehr, aber auch keine schönen. Ich will nicht Tagebuch führen, deswegen habe ich nur „Aufzeichnungen“ drauf geschrieben. Wenn je jemand dieses Buch findet und denkt, ich hätte Tagebuch geführt – das würde meinem Ruf schaden. Deswegen schreibe ich hier nur so rein, was mit gerade einfällt. Damit ich meinen Kopf wieder mit Ideen füllen kann.
Wir schreiben das Jahr 1894. Meinem Vater geht es sehr schlecht. Die Ärzte geben ihm noch zwei Wochen. Ich besuche ihn täglich, das tue ich, damit er nicht so alleine ist. Jonathan kümmert sich kaum um ihn. Ich habe meinen Bruder ewig nicht gesehen. Wie kann er seine Familie nur so im Stich lassen? Die Besuche bei Vater sind sehr anstrengend. Er redet immer über den Tod. Ich will nicht über den Tod reden, schließlich bin ich noch jung. Ich will noch etwas vom Leben haben! Vielleicht ist das die Einstellung, die ich brauche, damit ich wieder ein Ziel im Leben habe.
Vater ist gestorben. Gestern Nacht ist er eingeschlafen. Das war das Beste für ihn, er hat sehr leiden müssen. Er hat mir erzählt, dass er mir sein Schiff vermachen würde. Ist das nicht toll? Der Anwalt wird sich zwar erst morgen melden, aber das wäre so schön! Ich bin früher, als ich klein war, immer so gerne mit dem Schiff mitgefahren, als Vater noch seine Geschäftsreisen machte. Dass ich mich nun endlich selber um das Schiff kümmern sollte, hätte ich nie gedacht.
Der Anwalt war da und hat mir Vaters Testament gezeigt. Ich habe das Schiff bekommen. (Und einen Teil seines Geldes für meine Versorgung, wie er es nannte.) Ich werde das Dokument kopieren und eine Kopie auf der Letitia verstecken. Er hat sehr an ihr gehangen, es ist vielleicht richtig so. Jonathan erhält das Schloss. So stand es im Testament. Ich weiß nicht, was Vater sich dabei gedacht hat! Mein Bruder hat sich einen Dreck um ihn gekümmert; ich muss noch einmal mit dem Anwalt reden.
Das Schloss gehört meinem Bruder, dabei bleibt es. Der Anwalt hat aber gesagt, dass ich das Anwesen, da Jonathan nun nicht da ist, verwalten und rechtmäßig in dieser Aufgabe als Verwalter bewohnen darf. Schön!
Ich will auf dem Schloss nicht verschimmeln. Ich habe für Jonathan, sollte er je zurückkommen, einen Brief in Vaters Arbeitszimmer hinterlassen. Ich will auf Reisen gehen, das wird die Leere in meinem Kopf vertreiben. Nach Afrika! Ich freue mich schon so. Ich werde nächste Woche fahren. Meine Aufzeichnungen nehme ich mit.
Der letzte Eintrag ist ungefähr ein Jahr her. Ich bin in Afrika gelandet, in einem Eingeborenendorf. Der Name ist ganz komisch, die Leute hier sprechen ihn mit so einem komischen Schnalzen der Zunge aus. Das kann ich nicht. Ist auch nicht wichtig. Ich fühle mich hier sehr wohl. Die Reise ist problemlos verlaufen. Hier ist es einfach wunderschön und ich entdecke jeden Tag neue Wunder dieses Landes. Ich werde von der Flut an Eindrücken fast überrollt. Ich genieße dieses Gefühl.
Heute habe ich ein junges Mädchen kennen gelernt. Sie ist sehr geheimnisvoll. Ich weiß nicht, ob sie eine Eingeborene ist oder zugereist. Sie ist weiß. Und wunderhübsch. Ihren Namen hat sie mir aber noch nicht verraten. Afrika. Ich will hier nie wieder weg.
Sie hat mich in ihre Künstlerstube geführt. In einer romantischen kleinen Höhle hinter einem Wasserfall. Sie töpfert, ganz reizende kleine Figuren. Sie ist unglaublich geschickt mit dem Ton, ich habe es auch mal probiert, bin aber kläglich gescheitert. Sie heißt Marion.
Ein Monat muss vergangen sein. Marion hat mir die kleinen Geheimnisse des Dorfes gezeigt. Wo die schönsten Früchte wachsen, wo die ruhigsten Plätze sind… Ich bin mit ihr auf einem Elefanten geritten. Ein komisches Gefühl. Der Elefant gehört Marions Schwester. Sie hat nur eine Schwester und keine Brüder. Wer nennt seine Töchter denn Marion und Mary?
Mary ist sehr nett. Manchmal glaube ich, sie ist ein wenig eifersüchtig auf Marion, weil sie immer mit mir herumgeht. Ich mag Marion sehr, sie ist bildhübsch und voller Fantasie. Ihre Kreationen gefallen mir. Sie hat einen kleinen Berg aus Ton gemacht mit einem Wasserfall, so wie der, hinter dem ihr Atelier sich befindet. Zwei große Flügel wachen über diesen Berg.
Afrika. Die Faszination, die es auf mich ausübt, ist gewaltig. Noch gewaltiger ist die Aura, die Marion ausstrahlt. Wir haben geheiratet, mit einer sehr schönen Zeremonie der Dorfbewohner. Der Älteste hat die Predigt gehalten. Ich liebe Marion von ganzem Herzen. Mary hat sich so für uns gefreut. War alles nur gespielt? Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie eifersüchtig ist.
Ich dachte, es könnte nicht mehr besser werden. Ich habe mich geirrt. Es ist alles perfekt. Marion ist schwanger. Wenn es ein Junge wird, nennen wir ihn Cedric. Wird es ein Mädchen, wird es Cecilia heißen. Ich bin so glücklich! Mary hat sich inzwischen verlobt. Sie strahlt immer über das ganze Gesicht, wenn sie mit ihrem Liebsten durch das Dorf geht. Es ist der Enkel des Ältesten. Netter junger Mann, genau der Richtige für Mary, möchte man meinen.
Cedric ist jetzt fünf Jahre alt. Meine Güte, ich habe ewig nichts in dieses Buch geschrieben. Warum auch? Ich habe gefunden, was ich suchte. Dieses Buch sollte nur Unterstützung bei meiner Suche sein. Ich werde Marion vorschlagen, dass wir eines Tages nach England zurückreisen. Ich frage mich, was aus dem Schloss geworden ist. Ob Jonathan inzwischen dort ist?
Wir haben beschlossen, zu fahren. Mit der Letitia. Sie hat ewig im Hafen gelegen, die alte Dame muss jetzt erst mal generalüberholt werden. Dann werden wir unsere Sachen hier packen. Damit lassen wir uns aber viel Zeit, damit es nicht so ein schmerzhafter Abschied wird.
Cedric erwartet eine neue Welt. Ich bin gespannt, wie er den Wandel auffassen wird. Es wird wohl kein Problem darstellen, wenn wir ins Schloss einziehen, es ist ja groß genug. Wir werden Jonathan überraschen. Ich glaube nicht, dass er sich seine Erbschaft hat entgehen lassen. Nun, was er wohl aus sich gemacht hat? Ich habe eine Familie. Ich bin vollkommen zufrieden.
Es ist schon wieder eine lange Zeit vergangen. Wir sitzen noch immer hier im Dorf. Nächste Woche geht es los. Alle Andenken sind bereits sicher verstaut. Cedric hat jetzt auch verstanden, dass er seine Heimat verlassen wird. Er kommt damit zurecht, dass er seine Freunde verlassen muss. In England wird er neue Freunde finden. Sollte es uns dort nicht gefallen, können wir eine neue Reise unternehmen. Ich glaube aber nicht, dass Marion viel Spaß daran hätte. Sie reist nicht gerne mit dem Schiff, glaube ich.
Sie will es nicht zeigen, aber Marion ist bedrückt. Sie fürchtet sich vor der Abreise morgen. Ich habe auch ein wenig Angst, aber Marion hat Angst vor der See, vor den Wellen. Sie hat Angst, dass wir einen Unfall auf der Überfahrt haben könnten. Dabei wird schon nichts passieren. Ich dagegen habe Angst vor dem, was mich in England erwartet. Damals, als ich hierher kam, war ich gespannt, wie Afrika wird. Nun habe ich Angst, bei der Rückkehr in meine Heimat Enttäuschungen zu erleben. Vielleicht ist das auch alles nur Gewäsch.
Unser erster Tag auf See. Marion ist die ganze Zeit noch nicht einmal an Deck gewesen. Immer sitzt sie in ihrer Kabine, sie sagt, da machen ihr die Wellen am wenigsten aus. Wenn sie das so meint… Die Kajüte, die ich für Cedric eingerichtet habe, ist richtig hübsch geworden (ich will ihn später mal auf Reisen mitnehmen). Er fühlt sich dort genauso wohl wie hier oben an Deck. Am liebsten ist er aber noch immer bei seiner Mutter.
Jahrhundertwende, was bedeutet das schon? Neue Kriege, neue Krankheiten. Neue soziale Probleme. Und alle reden vom Aufbruch, alles soll besser werden. Ich kann nicht recht daran glauben. Eben stand ich an Deck und habe auf die weite See geschaut. Die unendliche Ferne reizt mich. Ich will irgendwann einmal um die ganze Welt reisen. Mit meiner Letitia. Und mit Cedric. Weit weg von allem Gerede, von allen Krankheiten und Sorgen.
Endlich habe ich meine „Aufzeichnungen“ wiedergefunden. Ich hatte sie in den Koffer gesteckt und vergessen. Jetzt sind wir in England. Genauer gesagt, auf unserem Schloss. Es ist leer. Ich hätte nie gedacht, dass Jonathan dieses Anwesen verkommen lässt. Es wird Zeit, dass wir es wieder auf Vordermann bringen. Der Schlüssel war noch immer bei dem Anwalt. Er hat ihn all die Jahre lang aufgehoben.
Ich kann es gar nicht glauben! Ich habe einen Auftrag von der Königin bekommen, ich soll für sie einen Transport ausführen. Wie komme ich zu der Ehre? Sie hat mir eine unglaubliche Belohnung angeboten, damit hätte ich für den Rest meines Lebens ausgesorgt. Das kann ich nicht ausschlagen, ich werde den Auftrag annehmen. Ich wüsste nur zu gerne, wer der Wohltäter war, der mich der Queen empfohlen hat.
In drei Tagen beginnt die große Reise. Es soll wieder nach Afrika gehen. Von dort soll ich einen Schatz holen und nach England bringen. Ich habe vor, meine „Aufzeichnungen“ zu beenden. Stattdessen werde ich ein Logbuch für die Letitia anfertigen. Ich fange noch in diesem Büchlein an, obwohl nicht mehr viel Platz ist. Dann nehme ich danach halt ein neues Buch.
Logbuch der Letitia, 12. September 1902: Nicht mehr lange, dann kommen wir in Afrika an. Marion wollte es zwar nicht, aber ich habe Cedric mitgenommen. Warum auch nicht? Das Reisen macht ihm viel Spaß. Gut, unter der Auflage, dass wir zwei Aufsichtspersonen mitgenommen haben, hat sie ihn gehen lassen. Ein junges Pärchen, Victoria Norton und Daniel Baker. Ist zwar nicht nötig, aber wenn Marion es denn so will. Sei mir alles egal.
Logbuch der Letitia, 25. September 1902: Wir sind abgereist. Aus Afrika. Heute ist der zweite Tag der Rückreise. Ankunft in Afrika war mit Überraschungen verbunden. Wir wurden von Mary, meiner Schwägerin begrüßt. Sie war allein. Nachdem wir abgereist waren, hat ihre Beziehung nur noch ein paar Wochen gehalten. Sie war verlobt, aber zur Heirat hat es nicht gereicht. Arme Mary! Sie sagte, sie will mit uns mitkommen. Einen Neuanfang in England starten. Ich habe ihr gesagt, dass das alles kein Problem sei. Sie ist jetzt an Bord. Es sind noch ein paar zahlende Passagiere dabei.
Logbuch der Letitia, 1. Oktober 1902: Wir haben Glück mit der Witterung. Keine Stürme bis jetzt, im Gegensatz zu den Warnungen, die wir gehört haben. Mary sagt, ich habe mich sehr verändert. Ich sei älter geworden in den paar Monaten unserer Abwesenheit. Sie kann das wohl besser beurteilen. Ich fühle mich jedenfalls bestens. Ich freue mich auf zuhause, auf Marion.“
Hier war das Buch zu Ende. Vivien schlug es zu. Jetzt hatte sie endlich einen Einblick in das Leben von Charles Letticeworth erhalten. Hätte sie dieses Buch früher gefunden, wäre alles klar gewesen. Nun, das Buch endet dort, wo das Logbuch auf dem Schiff begonnen hatte. Ich weiß jetzt also ganz genau, was vor dem 3. Oktober 1902 geschehen ist. Ich muss herausfinden, was danach geschah, dachte Vivien. Ein seltsamer Lärm aus dem Innenhof ließ sie aufschauen. Was soll das, was ist da los? Wieder hörte sie eine Stimme von irgendwoher. „Sie hätten die Vergangenheit besser ruhen lassen. Dieses Schloss wird ihr Untergang sein!“ Vivien stürzte zum Fenster. Sie sah, wie das Schloss zusammenbrach.
Es schien, als ob der Erdboden sich in Luft aufgelöst hatte. Das Schloss schwebte in einem dichten Nebel und zerbrach langsam vom Keller her in Einzelteile. Vivien sah die untersten Steine ins Nichts fallen. Flucht war jetzt höchstes Gebot. Vivien schnappte sich das Buch und rannte hinaus auf den Flur. Zu ihrer linken waren mehrere Türen. Sie waren verschlossen, erst die vierte Tür ließ sich öffnen. Sie führte zu einer Wendeltreppe, die Vivien schnell herablief. Nach wenigen Schritten stolperte sie und fiel die letzten Stufen hinab. Nachdem sie sich erholt hatte, riss sie die Tür auf, die sich ihr darbot. Sie führte in den unteren Flur. Von rechts löste sich der Flur auf, daher sprintete sie nach links. Vivien konnte gar nicht schnell genug durch die nächste Tür hasten. Sie landete in einem alten Saal. An der Wand hing ein Wappen, darunter sollten wohl einst zwei Lanzen gekreuzt hängen. Es war nur noch eine dort, statt der anderen war ein weißer Fleck an der Wand zu sehen. Dafür konnte Vivien sich keine Zeit mehr nehmen. Der Raum hatte keine weiteren Türen, aber eine Wand war zum Teil eingestürzt. Ohne weiter nachzudenken hechtete Vivien durch das Loch und landete wieder in der Eingangshalle. Die Freitreppe war eingestürzt, das Nichts fraß sich immer weiter durch das Schloss. In der Halle war es sehr staubig und es stürzten immer wieder Mauersteine von der Decke. Der Nebel, der das Schloss zerstörte, war direkt hinter Vivien. Sie rannte zur Ruine der Treppe und wollte den Trümmerhaufen hinaufklettern, als sie hinter den Steinen einen Durchgang erkannte. Er war zwar ziemlich schmal, doch Vivien nahm darauf keine Rücksicht. Sie ging geduckt den Gang herab. Er führte immer weiter abwärts und Vivien hatte Angst, dass das Nichts plötzlich durch den Boden dringen würde. Es war noch immer erbarmungslos hinter ihr her. Der ohrenbetäubende Lärm von den einstürzenden Steinen machte Vivien ganz konfus. Sie rannte und stolperte bis ans Ende des Ganges. Eine schwere Kerkertür verschloss den Durchgang. Vivien mühte sich in Panik ab und drückte aus Leibeskräften gegen die Tür. Sie öffnete sich schwerfällig. In der nächsten Kammer blickte Vivien sich um. Es war nicht, wie sie erwartet hatte, eine Folterkammer oder ein Gefängnis, sondern musste der Aufgang zu einem der Ecktürme sein. Eine Wendeltreppe führte nach oben. Windung um Windung lief Vivien nach oben, bis ihr schwindelig wurde. Sie klammerte sich an die massive Mittelsäule und verschnaufte. Als sie jedoch bei einem Blick nach unten den Nebel aufsteigen sah, rannte sie weiter. Durch eine Holzluke erreichte sie schließlich das Turmzimmer. Es blieb ihr keine Wahl, sie musste aus dem Fenster steigen. Sie kletterte mit dem rechten Bein zuerst über das Sims. Die Wunde schmerzte fürchterlich. Vivien zog das linke Bein nach und stand mit wackeligen Beinen auf dem Giebel des Schlosses. Der einzige Weg führte über das First zum nächsten Turm. Sie ging in die Knie und kletterte vorsichtig zum anderen Turm hinüber. Dort angekommen ergriff sie die Verzweiflung. Die Zerstörung war gewaltig fortgeschritten. Es gab nur eine Rettung; sie musste immer weiter nach oben. Eine Eisenleiter führte an der Außenseite des Turms nach oben. Eine Stufe nach der anderen erklomm Vivien, bis sie zuletzt auf der Zinne des letzten Turmes stand. Nun saß sie endgültig in der Falle. Der Mörder hatte seine Rache an ihr vollübt. Nein, dachte Vivien. Nicht, wenn ich die Initiative ergreife! Sie schaute nach unten. Da es keinen Weg zurück gibt, werde ich nach vorne sehen. Sie stieß sich mit beiden Beinen von den Ziegeln ab und sprang ins Nichts.
Sie fiel in den Nebel, der kein Ende zu haben schien. Alles um sie herum war weiß. Dann endlich, noch während sie weiter hinabstürzte, wurde es klarer. Und dunkler, denn der Nebel löste sich auf. Es wurde Nacht um sie herum. Vivien blickte nach unten und sah, wie sie genau auf ein Schiff mitten im Meer zusteuerte. Sie schloss die Augen. Obwohl sie eine harte Landung erwartet hatte, saß sie, ohne dass sie es bemerkt hatte, plötzlich mitten auf dem Oberdeck der Letitia. War alles nur eine Illusion? Vivien fühlte das Notizbuch in ihrer Hand. Nein, ich war wirklich auf dem Schloss. Um sie herum begann ein wundersames Leuchten.
Ein leichter Wind kam auf. Um das Schiff herum erschien Licht in allen Spektralfarben. Es kam von allen Seiten, auch aus dem Himmel und drängte sich an Vivien heran. Wie unendlich viele Nordlichter strahlte es um sie herum. Zuerst noch schwach, dann immer stärker, mit immenser Kraft wirkte das Leuchten auf Vivien. Sie fühlte sich geborgen inmitten dieses Lichtes. Bald war das ganze Schiff von den Lichtern erhellt. Dazu kamen leise Stimmchen, unendlich viele. Vivien schaute genau ins Licht. Als sich ihre Augen daran gewöhnt hatten, konnte sie nach und nach Gesichter erkennen. Erst eines, dann viele. Dann die Körper. Es waren Geister. Unzählige Geister hatten sich um sie herum auf dem Schiff versammelt. Sie alle schauten Vivien freundlich an. Sie konnte Mary Riley und Victoria Norton inmitten der Menge erkennen. Das mussten die Opfer sein. Unglaublich, sie sind alle versammelt. Das Licht ballte sich zu einer Masse, es schwirrte umher und leuchtete in die Nacht. Dann teilte es sich plötzlich in viele kleine Lichter, die wie Glühwürmchen aussahen. Sie bildeten einen Pfad, der zur Brücke führte. Vivien stand staunend auf und folgte dem Weg des Lichtes.
An der Brücke angekommen, sah sie, wie die Lichter zur Treppe nach unten schwebten. Sie ging die Treppe hinunter. In der Empfangshalle schwirrten die kleinen Flammen wieder wild umher. Vivien drehte sich herum. Wohin nun? Zeigt es mir, dachte sie. Sie spürte, dass die Geister ihre Gedanken verstehen konnten. Sagt es mir, dachte sie, wer ist der Mörder? Wo ist er? Die Lichter schwebten in die große Halle mit den Statuen. Sie flogen direkt auf ein Gemälde zu. Es war das Bild einer Frau. Alle kleinen Lichter versammelten sich dort und erleuchteten es. Das Gesicht strahlte Vivien entgegen. Ich habe es schon einmal gesehen, dachte sie. Auf den Fotos von Daniel. Und… im afrikanischen Zimmer. Diese Frau war…
„Natürlich war ich es. Hätten sie sich doch denken können“, erschallte es hinter Vivien. Mit einem Mal war das Licht verschwunden, jegliche Atmosphäre von Geborgenheit hatte Vivien verlassen. Sie drehte sich um. Marion Letticeworth stand in der Tür.
Sie kam langsam auf Vivien zu. „Ich habe ihnen gesagt, sie sollen sich nicht in Sachen einmischen, die sie nichts angehen. Ich habe ihnen gleich bei ihrer Ankunft gesagt, dass sie alles in Ruhe lassen sollten. Warum konnten sie nicht wie alle anderen sein und ihre Seele schlafen legen? Mit welcher Impertinenz sie mir auf der Spur geblieben sind, ist unglaublich.“ Vivien war geschockt. „Marion? Sie haben die Morde begangen? Aber wieso? Warum das alles?“ Marions Stimme war bitter, als sie zu sprechen begann.
„Sie haben doch fast alles gesehen. Fast alles gelesen, was sich auf diesem Schiff befindet. Hat ihnen das keinen Aufschluss gegeben? Ich habe alles verloren. Jemand sollte dafür büßen. Ich habe sie alle umgebracht. Nur meinen Mann nicht. Es war der Beginn des Dramas… Doch sie sollten wissen, dass die Geschichte vor über hundert Jahren in Afrika begonnen hat.
Ich war ein glückliches junges Mädchen, lebte mit meiner Schwester in einem Eingeborenendorf und hatte keine Sorgen. Es war ein schönes Leben, das ich geführt habe! Bis eines Tages aus heiterem Himmel ein junger Mann zu uns in Dorf kam. Charles. Ich war sofort von seinen Augen fasziniert. Sie haben mir alles über ihn verraten. Sie waren leer, dennoch traurig, am Tag seiner Ankunft. Er schien, als würde in seinem Leben etwas fehlen. Er sagte, ermache Urlaub und wollte nur mal ein wenig ausspannen. Ich wollte es nicht glauben. Dennoch hielt ich mich lange Zeit zurück. Über ein Jahr habe ich diesen Mann beobachtet und ihn schätzen gelernt, bis ich dann eines Tages auf ihn zugegangen bin. Sein Wesen hatte mich sofort fasziniert. Ich war beeindruckt von der Stärke seines Geistes. Er ließ sich nichts anmerken von den Schmerzen, die auf seiner Seele lasteten. Damals dachte ich, dass es Schmerzen seien. Es war jedoch etwas mir total Fremdes. Eine Leere hatte ihn ergriffen, etwas fehlte in seinem Leben, das er selbst nicht kannte. Er war auf der Suche nach etwas, wusste aber nicht, was es war. Er hoffte, es in Afrika finden zu können. Und wie die Geschichte zwischen uns beiden dann weitergegangen ist, das wissen sie ja“, sagte Marion mit einem Blick auf das Buch, das Vivien noch immer in der Hand hielt.
„Ich mache vielleicht weiter an dem Tag, als Charles unseren Cedric mit auf die Reise genommen hat. Die Sache mit dem Schatz. Ich war dagegen, dass der Junge mitfährt. Ich hatte Angst um ihn, ich wollte nicht mein Ein und Alles verlieren. Dennoch ließ Charles sich nicht davon abhalten, ihn mitzunehmen. Auf die Reise habe ich dann noch dieses Pärchen geschickt, damit sie auf ihn aufpassen. Das war ein Fehler, den ich mir nie verzeihen werde. Und denen auch nicht.“ Ihre Stimme war zornerfüllt. „Daniel Baker und Victoria Norton. Sie sind Schuld am Tode meines Sohnes. Wenn sie auf Cedric aufgepasst hätten, wäre er nie ertrunken. Damit hat alles angefangen! Nachdem mein Mann von der Reise zurückgekommen war, hat er mir unter Tränen gestanden, was passiert ist. Ich habe mich in mein Zimmer eingeschlossen und geweint. Ich habe meinen Sohn geliebt, verstehen sie? Geliebt, er war mein Schatz! Deswegen habe ich mir solche Sorgen um ihn gemacht. Mein Cedric war mein ganzer Stolz! Ich wollte nicht mit auf Charles´ törichte reisen, ich wollte stattdessen zusammen mit Cedric bleiben und auf ihn warten können. Können sie sich nicht vorstellen, wie es für eine Mutter ist, von ihrem Sohn getrennt zu sein?“ Vivien musste schlucken. Sie fragte: „Und was ist danach geschehen? Sie haben in ihrem Zimmer gesessen und geweint. Aber danach?“
„Danach, danach! Sie wollen doch nur wissen, warum ich alle umgebracht habe. Ich lasse mich nicht hetzen. Sie sollen verstehen, warum ich das alles getan habe. Ich will, dass sie zur Einsicht kommen, dass sie an meiner Stelle ebenso gehandelt hätten.“ Verbittert ging sie zum Kamin und sprach zur Wand. „Wir haben uns wochenlang nur angeschwiegen. Ich war zu betäubt von dem Schock, als dass ich klare Gedanken hätte fassen können. Charles hat sich die Schuld an der Tat gegeben. Er schwor sich, nie mehr eine Seereise zu machen. Ich habe Tag und Nacht nur aus meinem Fenster gestarrt. Er wollte das Schiff als Mahnmal für das Unglück herrichten und dann symbolisch versenken, um der Angelegenheit ein Ende zu machen. Der Arme muss schwer mit sich gekämpft haben. Ich war traumatisiert damals. Ich wurde erst wieder klar im Kopf, als ich meinen Mann tot in dem alten Saal des Schlosses gefunden hatte. Das war fast ein Jahr nach dem Unglück. Damit war für mich alles aus.
Charles hatte Selbstmord begangen. Er hatte die alte Lanze von der Wand genommen und mit der Spitze nach oben zwischen die Steine im Boden geklemmt. Dann hat er sich rückwärts drauffallen lassen. Das war nicht nur sein, sondern auch mein Ende. Ich hatte keinen Halt im Leben mehr. Mein Sohn war tot, und nun hatte ich auch noch meinen Mann verloren.
Ich begann, meine Chancen zu überdenken. Was hatte ich noch? Nichts. Nachdem ich zuerst mich für den Tod meines Sohnes verantwortlich gemacht hatte – denn ich hätte ihn nie auf die Reise gehen lassen dürfen – kam ich zur Einsicht, dass dieses verfluchte Pärchen die gesamte Schuld trug. Ich wollte meine Familie rächen. Sie mussten sterben. Ich nahm die Lanze, auf der mein Mann sich aufgespießt hatte, und räumte die beiden aus dem Weg. Glauben sie mir, es fiel mir nicht schwer. Ich spürte sogar eine große Erleichterung. Endlich, dachte ich, könnte ich die Angelegenheit ruhen lassen. Ich war mit allem im Reinen. Wenn Charles damals nicht meine Schwester mitgebracht hätte. Die gute Mary. Sie hat mich bei der Polizei angeschwärzt, um mir zu helfen. Das hat sie doch zu ihnen gesagt, oder? Sie war überzeugt, dass ich Charles umgebracht habe. Sie war felsenfest von meinem Motiv überzeugt, ich kann ihr das nicht mal übel nehmen.
Sie müssen wissen, dass wir von unseren Eltern in Afrika ausgesetzt wurden. Wir haben sie nie kennen gelernt. Die überaus freundlichen Dorfbewohner haben uns dann großgezogen. Wir waren die einzige beiden weißen Mädchen im Dorf. Ich denke, das hat Charles damals auf uns aufmerksam gemacht“, sagte Marion mehr zu sich als zu Vivien. Diese wiederum drängte darauf, die Wahrheit zu erfahren. „Was hat das alles mit ihrem sogenannten Motiv zu tun? Warum konnte Mary daraus schließen, dass sie ihren Mann ermordet haben?“ „Wir beide waren ohne Eltern. Ich wollte, dass Cedric niemals dieses Schicksal widerfährt. Mary dachte, dass ich Charles beschuldigt hätte, mir meinen Sohn entreißen zu wollen. So war es aber nie! Daraus hat sie dann geschlossen, dass seine Abreise mit meinem Jungen und sein tragischer Tod in mir dann ein Feindbild von meinem Mann erzeugt hätten. Diese blöde Kuh! Wegen ihrer Geschichte wurde ich hingerichtet. Und das, obwohl mein Mann doch Selbstmord begangen hatte! Dann wurde ich erst richtig böse. Und darüber hinaus verlor ich die Fähigkeit, Schuldige von Unschuldigen zu unterscheiden. Ich fühlte mich zu Unrecht hingerichtet und hatte das unglaublich starke Gefühl, noch etwas erledigen zu müssen. Ich habe mich mit meiner Seele auf diesem Schiff wiedergefunden, während mein Körper noch an Englands Küsten umherwandert. Das dürfen sie gerne glauben, schließlich haben sie ihre eigene Ermordung angesehen!
Zuerst war Mary dran. Ich habe sie umgebracht, um mich für das zu rächen, was sie mir angetan hat. Dann mussten die Leute beseitigt werden, die damals auf der Schiffsreise dabei waren. Zum Glück hatte mein Mann in seinen Alben genügend Fotos von damals. Sie alle habe ich über den Jordan geschickt, ohne auch nur ein bisschen Reue zu fühlen. Dann natürlich alle Anwesenden der Gerichtsverhandlung damals. Sie mussten sterben, damit nichts von damals erzählt werden konnte. Irgendwann merkte ich, wie die Angelegenheit totgeschwiegen wurde. Dann begannen meine Qualen. Das nötige war erledigt. Was sollte ich nun tun? Ich konnte nicht noch mehr unschuldige Menschen umbringen? Dennoch war ich dazu verdammt, eine Ewigkeit af diesem Schiff zu verbringen? Niemals, dachte ich. Dann entdeckte ich die Uhr.“ Sie blickte hinauf zu der großen Uhr über dem Kamin.
„Ich wusste sofort, wenn diese Uhr abgelaufen ist, würde alles vorbei sein. Bis dahin war es aber noch ein langer Weg. Das Schiff trieb orientierungslos vor Englands Küste auf und ab. Selten hat ein Mensch die Letitia zu Gesicht bekommen, und wenn doch, so musste er durch meine Hand sterben, damit er nichts von seiner Entdeckung erzählen konnte. Es waren so wenige Opfer, dass die Behörden sich nicht weiter interessiert haben. Nur immer die Warnungen: Gehen sie nachts nicht an die Küsten, es besteht Sturzgefahr und so weiter. Es wurden alle möglichen Ausreden gefunden für das Verschwinden von ein paar Leuten. Sind sie nun zufrieden? Wissen sie, was sie wissen wollen? Können sie verstehen, wie ich mich als Mutter wie auch als liebende Ehefrau gefühlt habe?“
„Sie sind wahnsinnig“, sagte Vivien. „Ich kann vielleicht nachvollziehen, wie sie sich gefühlt haben, aber derartige Vergeltungsgedanken? Ich verstehe einiges noch nicht. Zum Beispiel sollten sie mir mal erklären, wieso sie diesen Brief an Victoria Norton geschrieben haben, in dem sie ihr sagen, dass sie beide quitt sind und sie sich keine Vorwürfe mehr machen soll. Wir beiden wissen, dass sie auf keinen Fall quitt waren und sie sich ihre Genugtuung mit fatalen Folgen für das junge Pärchen verschafft haben!“
„Wissen sie, wann ich den Brief geschrieben hatte? Jedenfalls war es, bevor mein Mann gestorben war. Ich befand mich in meiner Phantasiewelt, in der ich alleine durch einen Wald ging und nicht wusste, was ich tun sollte. Damals gab ich dem Pärchen nicht die Schuld. Damals war ich ja gar nicht in der Lage dazu. Erst, als Charles sich das leben nahm, war mir klar: Er hat es nur getan, weil sie meinen Sohn ermordet haben! Dafür mussten sie büßen!“ Vivien zögerte. „Sagen sie mir doch bitte, wie sie ihre eigene Schwester ermorden konnten. Bedeutet ihnen die Familie denn gar nichts?“ Marion war erbost.
„Sie sind eine unglaublich ignorante Person. Was glauben sie denn, wie viel mir mein Mann und mein Sohn gegeben haben? Und dann behaupten sie, Familie bedeute mir nichts? Mary hat mich zerstört. Alles hätte friedlich sein können, die hätten doch nie herausgefunden, wer Baker und Norton erledigt hat. Ich war wieder ich selbst und hätte ein neues Leben anfangen können. Und dann kam Mary mir in die Quere und lieferte mich ans Messer.“ Vivien schüttelte den Kopf. Das alles erschien ihr bar jeder Logik. „Warum haben sie ihren Schwager umgebracht? Hat er auch das Schiff gesehen, oder wieso musste er sterben?“
„Nein, er hat dieses Schiff als Lebender nie gesehen. Genauso wenig, wie er Schloss Letticeworth, seine Erbschaft je gesehen hatte. Er ließ das Anwesen verkommen, das ihm sein Vater so großzügig vermacht hatte. Er sollte für diese Pietätlosigkeit bezahlen. Ich schwang ein weiteres Mal die Lanze.“
Marion drehte sich vom Kamin weg und ging zu Mitte der Halle. Vivien stand noch immer vor der Tür zur Empfangshalle. Eine Sache wollte sie von Marion noch wissen. „Sagen sie mir, was passiert, wenn die Uhr abgelaufen ist.“ Marion schmunzelte. „Dann wird sich dieses Schiff in Luft auflösen und all seine Passagiere, alle Seelen mit sich in die Hölle reißen. Sie können nichts tun, um das zu verhindern. Dann werde ich endlich die Genugtuung haben, die mir gebührt, und keiner wird sie mir wieder nehmen können!“ Viviens Augen funkelten. „Ich werde das zu verhindern wissen. Sie werden für ihre Morde bezahlen. Es darf nicht sein, dass all diese Menschen umsonst gestorben sind!“ Marion senkte ihre Stimme. Sie sagte in einem leichten, seltsam verträumten Ton: „Keiner dieser Menschen ist umsonst gestorben. Niemand stirbt umsonst, wie sie es nennen. Ein Leben für ein Leben. Ihre Seelen landen auf diesem Schiff, dafür gelangen andere, längst verlorene Geister wieder in lebendige Körper. Ein Teil stirbt, ein anderer gedeiht. Ein reger Tausch, wenn sie es so wollen.“ Abrupt änderte sie den Tonfall. „Und sie werden hier enden. Ihre Seele wird in der Hölle landen und dort auf ewig schmoren!“ Marion breitete ihre Arme aus. Eine Druckwelle ging von ihrem Körper aus, die Vivien erfasste und aus dem Saal in die Empfangshalle schleuderte. Sie wurde gegen das Treppengeländer geschmettert. Mit einem lauten Knallen flogen die Türen zur Statuenhalle ins Schloss. Vivien konnte noch Marions lautes Lachen hören, bevor sie in Ohnmacht fiel.



Es sollte ihr letzter Schlaf sein…

Donnerstag, 15. März 2018

Zaumzeug

"Lass' die Leute reden..." - wenn das nur immer so einfach wäre!

"I don't respond well to being bridled."

Ich habe nicht mehr die geringste Ahnung, wo ich diesen Satz aufgeschnappt habe. Ich erinnere mich nur noch, dass er mit einem sehr britischen Akzent gesprochen wurde. Der Satz hat in mir einen Nerv getroffen, sonst würde ich ihn nicht bis heute im Kopf behalten haben. Ich lasse mir ungern Zaumzeug anlegen, könnte man ihn übersetzen. Es geht um eine Lebenseinstellung.

Aus meinem Kopf kommt eine ganze Menge Schwachsinn, dämliche Witze, irrationales Verhalten, aller möglicher Unfug. Hin und wieder ist aber auch eine kleine Genialität dabei. Oder zumindest stelle ich es mir so vor, sonst könnte ich nicht verstehen, warum ich scheinbar eine Faszination auf manche Menschen ausübe. (Yeah baby, lass' die Arroganz raus!)

Irgendeinen Grund muss es haben, wenn zum Beispiel eine Schule versucht, ausgerechnet Dr Hilarius für eine Vertretung zu gewinnen. Vielleicht könnte die eine oder andere Genialität ja etwas zur Schulentwicklung beitragen (oder auch nicht: Meine PFDS-Aufgabe im zweiten Staatsexamen wurde mit einer Drei benotet), vielleicht kann dieser Lehrer ja etwas Positives bei uns bewirken, bei den Schülern, Kollegen, Eltern, whatever.

Irgendeinen Grund muss es haben, wenn vielleicht eine Schulleitung sich auch im Vorstellungsgespräch nicht davon abbringen lässt, diesen Kandidaten einzustellen - auch wenn er selbst der Meinung ist, er sei für die Schule nicht geeignet (und nein, es geht nicht um die KGS). Mag sein, dass vereinzelt Menschen in mir ein gewisses Potential sehen, aber: Everything comes at a price.

Ich bringe Risiken und Nebenwirkungen mit, und ich warne auch offen und ehrlich davor. "Naja, dann musst du dich eben ein bisschen anpassen, Hochbegabte sollen das doch so gut können!" Das ist vielleicht richtig, aber nachdem ich mich meine gesamte Kindheit und Jugend über angepasst habe, möchte ich das Leben endlich mal als ich selbst genießen.

Ich habe eine bestimmte Vorstellung von Schule und Unterricht, die ich hier im Blog bis zum Erbrechen ausbreite - keine Sorge, YazzTazz, es kommen auch wieder andere Themen, aber momentan scheint es Wellen an der Schule zu geben und wann immer das der Fall ist, beginne ich, über mein Handeln nachzudenken.

Ich hatte deswegen mit dem Referendariat hin und wieder meine Probleme - weil sich meine Vorstellung von Unterricht und Schülern nicht mit dem deckte, was die Lehrerausbildung vorsah. Ich hatte die Wahl, mich anzupassen, Zaumzeug anzulegen, und allen genau das zu servieren, was sie sehen wollten - oder authentisch zu sein. Ich weiß nicht mehr, wann das war, aber ich habe mich noch vor der Examensprüfung für Letzteres entschieden. Und bleibe hartnäckig dabei.

Ich erinnere mich immer wieder gern an Thekla, Schulsozialpädagogin am Gemeinschaftsschulteil der Nordseeschule in St.Peter-Ording. Zum Abschied hatte ich mir von ihr einen Spruch gewünscht, einen Denkimpuls, etwas, was sie mir auf die Reise und für das Leben mitgeben könnte. Das hat sie auch gemacht; ich bekomme den genauen Wortlaut nicht mehr zusammen, aber es hieß in etwa:

"Du bist, wie du bist. Es werden immer wieder Leute versuchen, an Dir herumzufeilen, weil sie meinen, sie wüssten es besser. Lass' sie ruhig machen. Lass' sie feilen. Aber sie dürfen nichts abschlagen!"

Das hat bei mir einen Nerv getroffen, und tatsächlich werde ich immer wieder konfrontiert mit den von Thekla beschworenen Leuten. Sie versuchen, mir Zaumzeug anzulegen - natürlich meistens mit positiver Intention! Nach dem Motto: "Da steckt ein guter Lehrer drin, er muss nur noch dies und das machen und sich so verhalten." Und tatsächlich könnte ich mir das Leben wesentlich einfacher machen, ich würde viel weniger anecken, wenn ich mich anpasste, ich müsste nicht so viel Gegenwind (zum Beispiel seitens der Eltern oder Kollegen) aushalten. Aber das wäre mir zu anstrengend. Ich möchte das Leben entdecken und genießen. Authentisch - so, wie ich bin, gehe ich auf das Leben zu, wie es ist. Und genau deswegen will mir dieser Satz nicht mehr aus dem Kopf.

"I don't respond well to being bridled."

Mittwoch, 14. März 2018

Das Schiff in der Nacht (Zweiter Tag)


Kapitel 6 – Düsteres Erwachen

Vivien döste vor sich hin. Der Schlaf war vorbei, irgendetwas drückte sie derart schwer auf der Brust, dass ihr das Atmen schwerfiel. So konnte kein Mensch einen ruhigen Schlaf finden. Langsam öffnete sie die Augen. Es war noch immer stockduster in ihrem Zimmer. Sie wollte aus dem Bullauge schauen, um zu sehen, ob es inzwischen Tag war, doch sie konnte das Bullauge nicht entdecken. Vivien musste husten. Der Druck auf ihrer Lunge war unerträglich. Sie wollte die Hand auflegen, um zu fühlen, ob alles normal war. Als ihre Hand jedoch auf ihrer Brust zu liegen kam, merkte Vivien, dass ein Gegenstand auf ihr lag und ihr das Atmen erschwerte. Es war ein hölzerner Gegenstand. Noch etwas schlaftrunken nahm Vivien ihn in die Hand und versuchte, durch Fühlen zu erkennen, was es war. Als hätte jemand ihre Gedanken gelesen, flammten die Leuchter an den Wänden langsam wieder auf, doch sie schienen längst nicht so hell wie zuvor. Dämmerlicht erfüllte die Kabine. Vivien stand auf und erstarrte vor Schreck, als sie sah, was sie da in der Hand hielt. Es war eine große, schwere Axt mit einem hölzernen Griff. An der Klinge glänzte Blut. Vivien ließ die Axt fallen. Mit einem dumpfen Ton schlug sie auf dem Teppich auf. Nun erst erkannte Vivien, dass mit ihrem Zimmer einiges nicht stimmte. Es war wieder in seinen ursprünglichen Zustand zurückverfallen. Der Teppich auf dem Boden war vermodert, das Bett schwarz und verfault und Moos bildete sich auf den Dielen. Und noch etwas war seltsam: Wo vorher das Bullauge war, befand sich jetzt eine Tür. Wie kann denn das sein, fragte sich Vivien. Diese Tür müsste doch theoretisch mitten aufs Meer führen. Und wo ist überhaupt die Ausgangstür? Tatsächlich. Der Ausgang war verschwunden. Dort hing jetzt ein Bild, an dem schon die Farbe verlaufen war.
Vivien schaute an sich herab. Ihre Kleidung war zum Glück getrocknet, aber sie mochte sich nicht wohlfühlen. Dann sah sie zu ihren Füßen wieder die blutige Axt liegen. Plötzlich bildete sich von der Axt ausgehend eine Spur aus Blutflecken, die zu der neu erschienenen Tür führte. Einer Vorahnung folgend, nahm Vivien die Axt in die Hand und ging auf die Tür zu. Noch immer fürchtete sie, dass die Tür sie ins Freie führte. Daher öffnete sie die Tür vorsichtig. Ihre Hoffnung hatte getrogen. Vivien blickte in einen schmalen Gang, der gleich nach der Tür rechts abzweigte. Sie trat ein. Der Gang war sehr eng, Vivien musste aufpassen, dass sie nicht ihre Kleidung an dem groben Holz und den hervorstehenden Nägeln zerriss. An der linken Seite des Ganges befanden sich drei Bullaugen. Durch sie erkannte Vivien, dass es immer noch Nacht war. Oder ist es schon wieder Nacht? Ich habe jegliches Zeitgefühl verloren. Warum spielt jemand solche Streiche mit mir?
Die Blutspur zog sich weiter den Gang hinunter. Vivien erschauderte bei dem Gedanken, wo sie wohl hinführen mochte. Sie glaubte, aus der Ferne Schreie zu hören. Am liebsten wäre sie umgekehrt, aber es gab keinen Weg zurück. Dieser Gang war ihre einzige Möglichkeit, vielleicht wieder auf das Schiffsdeck zurückzukommen. Endlich kam sie ans Ende des Ganges. Dort führte eine ebenso schmale wie steile Treppe nach unten. Sie schien direkt ins Meer zu führen; sie war viel zu lang für ein normales Schiff, doch was heißt „normal“? Vivien stand vor einer Tür. Die Blutspur schien hier zu enden. Ich will das nicht, sagte Vivien zu sich, doch widerwillig drehte sie den Knauf der Tür. Sie war nicht verschlossen und schwang mit einem entsetzlichen Quietschen nach außen auf.
Vivien wurden die Knie weich. Aus der Kammer, die sich ihr öffnete, fielen ihr zwei Körper entgegen. Ohne Kopf. Vor lauter Ekel warf Vivien die Axt hin und schüttelte sich. Dann erhellte eine Deckenleuchte die kleine Kammer. Vivien sah auf einem Regal die beiden Köpfe der Leichen liegen. Ihr wurde ganz schlecht – es waren die Köpfe von Tim und Sally, ihren beiden Zimmernachbarn. Die Deckenlampe strahlte immer heller, Vivien konnte bald nichts mehr sehen, aber das wollte sie auch gar nicht mehr. Angewidert rannte sie zurück zu ihrer Kabine. Der Gang schien unendlich zu sein, auch glaubte Vivien zu bemerken, wie er immer schmaler wurde. Zwischen den Holzbrettern quoll eine schwarze Flüssigkeit hervor, die Vivien ins Rutschen brachte, doch sie lief unbeirrt weiter. Dann endlich sah sie das Licht aus ihrer Kabine und hastete hinein. Ihr erster Blick fiel auf die Ausgangstür, die wieder an ihrem alten Platz war. Sie drehte sich um. Die Flurtür war verschwunden, an ihrer Stelle befand sich wieder das Bullauge in der Wand. Draußen konnte Vivien das Wetterleuchten sehen. Auch ansonsten war alles in der Kabine wieder normal. Es war warm und hell hier drin, nichts mehr war verfault oder kaputt. Warum dieser Horror? Will mich jemand von hier vertreiben? Ich würde ja gerne von diesem höllischen Schiff verschwinden, aber wie? Und was hatte das Erlebnis in dem Gang zu bedeuten? Hat es jetzt auch Tim und Sally erwischt? Die beiden hatten doch nichts Böses getan! Vivien betrachtete das Grammophon. Ihre Erinnerung kehrte an den Vorabend und Mary Riley zurück. Mord. Überall auf diesem Schiff dreht sich alles nur um Mord. Egal, ob vor einhundert Jahren oder jetzt. Ein wahnsinniger Mörder treibt irgendwo sein Unwesen. Und versucht er, mich in den Wahnsinn zu treiben, indem er mir weismacht, ich habe meine Freunde auf dem Gewissen. Nichts da, ich werde mich wehren, nahm Vivien sich vor. Fest entschlossen, einen Mörder zu entlarven, verließ Vivien ihre Kabine.

Kapitel 7 –Der Fall Letticeworth

Sie stand wieder auf dem Flur. Ihre Augen hatten sich mittlerweile ziemlich gut an das Dämmerlicht der Kerzen gewöhnt. Daher fiel ihr ein Leuchten zu ihrer Rechten sofort auf. Ein blaues Licht ging von dem Gemälde aus, das sie bereits vorher betrachtet hatte. Vivien schaute auf den Jungen, der mit seinen Eltern in dem Säulengang spielte. Der Schriftzug auf dem Bild leuchtete hell auf. Was hat das zu bedeuten? Vivien berührte die Buchstaben. Ein warmes Gefühl ging durch ihren Körper. Einer der Buchstaben schien sich zu verformen. Vivien spürte, dass sie es war, die die Schrift verwandelte. Aber wie ist das möglich? Wie kann ich die Schrift verändern? Und woher soll ich wissen, was dort erscheinen soll? Sie war ratlos. Ihr Unterbewusstsein musste den Vorgang steuern. Sie legte beide Hände auf die Schrift am Bildrand. Der Satz veränderte sich. Nicht mehr „Amor filii non moritur.“ war dort zu lesen. Stattdessen prangte ein großes „Patris culpa non moritur – Die Schuld des Vaters vergeht nie“ auf dem Bild. Auch das Bild selbst hatte sich gewandelt: Während die Eltern sich von dem Kind weggewandt hatten, war der Junge auf dem Boden zusammengesunken. Wahnsinn, ich sehe immer wieder dieses Bild von den Eltern, die sich abwenden und dem sterbenden Kind, genau wie in meinen Träumen, dachte Vivien verwundert. Mehr Zeit für Gedanken blieb ihr aber nicht. Das Bild gab nach, während sie mit den Händen dagegen drückte, und fiel in den dahinter gelegenen Raum. Vivien stolperte hinterher. Sie stand in einer ihr völlig unbekannten Kajüte. Dies muss der Raum sein, dessen Tür sich in das Bild verwandelt hatte, dachte sie verwirrt und drehte sich um. Das Loch in der Wand war verschwunden, das Bild ebenso. In der Wand befand sich nun eine ganz normale Tür.
Vivien betrachtete das Zimmer genauer. Es war eine luxuriös ausgestattete Kabine mit vielen Bildern und Andenken an den Wänden und in Regalen. Auf einem Schreibtisch stand eine Sturmlampe, deren Lichtschein das auf der Arbeitsfläche zurückgebliebene Dokument erleuchtete. Davon magisch angezogen ließ Vivien ihren Blick über den Text wandern. Charles Letticeworth hatte ihn verfasst. Vivien blickte auf. Ist dies die Kabine des Kapitäns? Sie schaute sich schnell um. Hatte sie nicht eben ein Geräusch gehört? War der Geist zurückgekehrt, den sie damals auf der Brücke gesehen hatte? Sie fühlte sich unwohl und setzte sich mit dem Papier in einen Sessel, der mitten im Raum stand.
„Dieses Schiff ist nicht mehr das, was es einst war. Früher strahlte es die Glorie der Familie Letticeworth aus, jetzt ist es nur noch ein Wrack, behaftet mit all den schrecklichen Geschichten, die sich ereignet haben. Ich möchte die glückliche Geschichte meines Schiffes wiederbeleben. Ich werde es wieder so herrichten, wie es einst war, damals, als ich meine Marion kennen gelernt habe. Der Spiegel – er muss wieder in den anderen Flur. Ans Ende zum Heck hin. Ich hätte wissen müssen, dass es Unglück bringt, vor der eigenen Tür einen Spiegel aufzuhängen.“ Vivien stutzte. Sie ging zur Tür und schaute auf den Flur. Tatsächlich hing genau gegenüber der Tür zur Kabine ein großer Spiegel an der Wand. Wie kommt der dahin? Habe ich den vorher denn nicht bemerkt, fragte sie sich. Unsinn, vorher war da kein Spiegel. Ich habe doch hier gesessen und die Wand angestarrt. Sie war leer, da bin ich ganz sicher. Egal, jetzt hängt er dort. Kann mir auch egal sein. Sie ging zurück in die Kabine und las weiter. „Dort wird er dann wieder das Leben, das ich damals als junger Mann geführt habe, widerspiegeln und neu erstrahlen lassen. Ich will niemals unsere gemeinsame Zeit in Afrika vergessen, sie ist das Einzige, das mir noch bleibt. Ich habe die beiden Andenken an meine Frau sicher weggeschlossen. Es war schließlich nicht leicht, auf den langen Reisen ohne sie auszukommen. Ich komme nur nicht an die beiden Schätze heran, und ich möchte nicht, dass sie auf dem Schiff bleiben. Ich will sie Marion zurückgeben. Der raffinierte Mechanismus an den beiden Türen der Schatzkammern lässt sich aber nur zu einer bestimmten Sternenkonstellation öffnen. Die Sterne, die das Pentagramm bilden, müssen durch das Steuerbordfenster leuchten, um den ersten Raum zu öffnen. Wie der zweite Raum geöffnet wird, weiß nur Marion. Ich muss sie fragen, wie es funktioniert. Dann ist das Schiff bald in seinem Urzustand, so soll es dann auch bleiben. Das ist mein letzter Wunsch, damit ich all die schrecklichen Ereignisse endlich hinter mir lassen kann. 16. Januar 1903, Charles Letticeworth“
Vivien legte das Dokument beiseite. Es war etwas mehr als ein halbes Jahr geschrieben worden, bevor Letticeworth starb. Der Kapitän hatte es offensichtlich nicht geschafft, das Schiff wieder herzurichten. Der Spiegel hing an altem Ort und Stelle – wahrscheinlich waren auch noch die Schätze in den Räumen. Es musste sich um die Kammern am Heck des Schiffes handeln, deren Türen mit den seltsamen Zeichen versehen waren. Sollte sie versuchen, alles an seinen Platz zu räumen? Sonst hatte sie schließlich nichts zu tun. Zweifelnd stand Vivien auf. Das Papier faltete sie mehrmals und steckte es in die Hosentasche. Dabei bemerkte sie, dass aus irgendeinem Grund beide Taschen intakt waren. Aber ich habe doch heute – oder war es gestern? Ich habe doch meinen Schlüssel durch ein Loch verloren, und jetzt ist plötzlich alles in Ordnung? Sich weiter darüber Gedanken zu machen hielt Vivien für unsinnig. Sie verließ die Kabine. Ich denke, ich fange mit dem Spiegel an. Es lief unerwartet gut, ohne große Umstände hielt Vivien den Spiegel in beiden Händen. Er war nicht einmal besonders schwer. Als Vivien jetzt aber in Richtung Halle gehen wollte, fiel ihr auf, dass die Tür zur Kajüte des Kapitäns verschwunden war. Davon ziemlich verwirrt hing sie den Spiegel wieder an die Wand. Als wäre nichts geschehen, spiegelte sich dort wieder die Tür. Ungläubig drehte Vivien sich um. Sie öffnete die Tür und betrat das Zimmer von Charles Letticeworth. Beim Hinausgehen betrachtete sie sich selbst im Spiegel. Kann es sein, dass die Tür nur erscheint, wenn der Spiegel hängt? Ich werde den Spiegel jetzt in den anderen Korridor bringen. Mit dem Fuß stieß sie die Tür zur Haupthalle auf. Dort erhellten die Kerzenleuchter wieder die Atmosphäre.
Vivien passte auf, dass sie mit den Füßen nicht gegen einen der vielen Stühle stieß, die in der Empfangshalle herumstanden. Was wäre bloß, wenn der Spiegel herunterfiele und zerbrach? Dann könnte ich nicht mehr in die Kabine des Kapitäns zurück… Aber ich könnte doch bestimmt die Wand mit irgendetwas einschlagen, ist ja nur Holz. Zu dumm, dass meine Magie in dieser Welt nicht wirkt. Das würde vieles erleichtern. Noch während Vivien darüber nachdachte, kam zur anderen Flurtür. Sie setzte den Spiegel ab und bewahrte ihn mit einer Hand vor dem Umfallen. Mit der anderen öffnete sie die Tür. Dann nahm sie den Spiegel wieder auf und betrat den Korridor. So, wo kommt jetzt der Spiegel hin, fragte Vivien sich. Sie lehnte ihn an die Wand und zog das Papier aus ihrer Tasche. „Ans Ende zum Heck hin.“ Stand dort geschrieben. Welches Ende war denn das Heck? Natürlich! Die Empfangshalle lag fast direkt unter der Brücke, das musste der Bug sein. Also muss ich ans andere Ende. Vivien nahm den Spiegel in beide Hände und ging den Flur hinunter. An der hinteren Tür angekommen überlegte sie, wo der Spiegel denn nun aufzuhängen sei. Sie suchte die Wände nach einem Haken oder ähnlichem ab. Fast ganz am Ende, auf der Seite, an der sich nur die Doppeltür befand, waren zwei Aufhänger angebracht. Mühsam wuchtete Vivien den Spiegel hinauf. Schon beim Aufhängen konnte sie sehen, wie sich etwas im Spiegelbild zeigte. Mit einem Male zierten drei Totenköpfe die gegenüberliegende Wand, die bis zu diesem Zeitpunkt noch unscheinbar gewesen war. Erst durch die Reflektion wurden die Totenköpfe sichtbar. Vivien betrachtete sie. Drei Schädel, nebeneinander an der Wand angebracht. Der mittlere hatte seine Kiefer auseinandergeklappt. Es war nicht schwer zu erraten, was hier geschehen musste. Trotzdem zögerte Vivien. Sollte sie ihre Hand dort hineinstecken? Ihr war sehr mulmig zumute. Das leise Rauschen und der Windhauch aus Kabine 5b nebenan beruhigten sie nicht gerade. Was kann mir denn noch groß passieren? Sie steckte die Hand in den Mund des mittleren Schädels. Dort befand sich in der Wand ein Knauf. Vivien drehte ihn langsam herum. Um die Schädel herum zeichnete sich eine Tür ab, die sich nun nach innen öffnete. Vivien betrat das geheime Zimmer und wurde von dem kommenden Spektakel überwältigt.
Sie trat in einen dunklen Raum. Um sie herum wurde es auf einmal lebhaft. Visionen zeichneten sich an den Wänden ab. Sie zeigten Afrika. Wüste, dann wieder Dschungel und Berge, wilde Tiere, die umherzogen, weite Ebenen und Felder, endlose Wildnis. Dann ein Eingeborenendorf. Vivien spürte direkt die Gluthitze, die von der strahlenden Sonne ausging. Mehrere Eingeborene standen auf einem Platz im Dorf um einen Brunnen herum. Ein sehr alter Mann stand im Brunnen und hielt eine Ansprache. Dann wechselte das Bild. Vivien fand sich in einer Hütte wieder. Dort saß ein junger Mann an einem Tisch und schrieb Sachen in ein Buch. Es war ein weißer Mann. Er schloss das Buch und verließ die Hütte. Vivien erkannte Charles Letticeworth´s Tagebuch. Das musste der junge Letticeworth auf seiner Reise durch Afrika sein, von der er geschrieben hatte. Das Bild änderte sich. Letticeworth befand sich auf einer Safari durch einen Dschungel. Sie führte vorbei an wunderschönen Pflanzen und seltenen Tieren, bis zu einem riesigen, malerischen Wasserfall.
Letticeworth sprang kopfüber in einen See und tauchte ab. Er war verschwunden und Vivien fand sich in einer Höhle wieder. Viele Malereien zierten die Wände, von oben drang helles Licht herein. Eine junge Frau saß an einem kleinen Altar und formte eine Tonskulptur. Letticeworth betrat die Höhle und bewunderte die Arbeit der Eingeborenen. Sie führte ihn hinaus, zurück ins Dorf. Zusammen mit den beiden betrat Vivien die Hütte des Mädchens. Dort waren auf einem Regal viele solcher Tonfiguren gesammelt. Das Mädchen schien sehr stolz darauf zu sein. Bewundernd schaute Letticeworth die Figuren an. Er schien von ihnen sehr angetan zu sein. Jedoch war er auch dem Mädchen nicht abgeneigt. Sie schien ebenfalls Zuneigung zu ihm zu empfinden. Sie blickten sich tief in die Augen. Die Umgebung änderte sich wieder. Letticeworth und die junge Frau saßen auf dem Rücken eines Elefanten und ritten über ein weites Feld, die wunderschöne Landschaft und eine majestätische Bergkette in ihrem Rücken. Vivien wünschte, sie wäre wirklich dort. Es fühlte sich alles so echt an.
Wieder im Dorf erkannte Vivien, dass sie in einer Art Kapelle standen. Letticeworth stand mit der jungen Frau vor einem Bambusaltar und ein Priester sprach seinen Segen über die beiden aus. Er nahm ein kleines Kästchen, auf dem in vergoldeten Buchstaben stand: „Charles & Marion Letticeworth“ Das war es also, was der Kapitän mit der schönen Zeit damals in Afrika meinte. Deshalb sollte der Spiegel wieder an der Wand hängen. Damit Jeder sehen konnte, wie glücklich die Letticeworths in Afrika waren, als sie sich kennen gelernt hatten! Aber dann ist etwas passiert, was das Familienglück getrübt hatte. Aber was?
Im nächsten Moment stand Vivien mit dem frisch verheirateten Paar an einem Strand in einer himmelblauen Lagune. Die beiden liefen ins Meer und badeten vergnügt, spritzten sich nass und tauchten sich gegenseitig unter Wasser. Dann eine Szene zurück im Eingeborenendorf. Marion lag im Bett und hatte ein rotes Gesicht. Charles kniete bei ihr. Es schien ihr sehr schlecht zu gehen. Ob eine Krankheit sie niedergestreckt hatte? Ein Medizinmann gab ihr eine Flüssigkeit aus einer Kokosnussschale zu trinken. Dann schloss Marion die Augen. Um Vivien herum wurde es schwarz. Dann hellte sich das Bild wieder auf. Noch immer waren sie in der Hütte – oder schon wieder? Marion sah jetzt sehr gesund aus und hielt in ihren Armen ein kleines weißes Bündel Stoff. Liebevoll drückte sie ihr Kind an sich. Charles gab ihr einen Kuss auf die Stirn. Beide sahen überglücklich aus. In diesem Moment verschwand die Vision.
Vivien fand sich in dem Zimmer wieder und erkannte jetzt die Einrichtung. An den Wänden hingen mehrere Schädel, in denen Kerzen leuchteten. Speere und Schilde der Eingeborenen zierten die Wände. Ein Bastrock und verschiedene andere Andenken waren im ganzen Zimmer verteilt. Es gab keine Stühle oder Tische. Dieses Zimmer war offensichtlich nur zur Erinnerung an die Afrikareise gedacht. Der Boden wurde von einer Bambusmatte bedeckt. Eine Tür führte nach rechts aus dem Zimmer hinaus, doch als Vivien die Klinke drückte, erwies sich auch diese Tür als verschlossen. Sie musste in das Zimmer nebenan führen. Leider waren alle Eingänge in die Kabine offensichtlich versperrt. Sie blickte sich um. Bilder an den Wänden zeigten Marion und Charles auf vielen ihrer ausgedehnten Spaziergänge durch die afrikanische Wildnis. Auf vielen Bildern waren sie mit ihrem Sohn zu sehen. Mal erkannte Vivien ihn als kleinen Jungen, auf anderen Bildern mochte er gut acht Jahre alt sein. Die Familie Letticeworth hatte eine lange und sehr schöne Zeit in Afrika verbracht. Wiederum auf anderen Bildern war die Abreise aus Afrika zu sehen. Mehrere Bilder der „Letitia“ in einem Hafen waren in einem Rahmen untergebracht. Viele Dorfbewohner standen dabei und winkten zum Abschied. Dann war Charles mit seinem Sohn auf einem Foto abgebildet. Es zeigte einen der Räume auf dem Schiff, genauer gesagt, die Tür davon. Vivien nahm das Bild von der Wand und hielt es an eine der Lampen, um Genaueres erkennen zu können. Letticeworth drehte den Knauf der Tür nach oben und brachte dadurch einen zweiten Knauf zum Vorschein. Das war sehr interessant, das könnte das Rätsel der ganzen verschlossenen Türen lüften. Naja, zumindest eine Tür müsste ich so öffnen können, sagte Vivien zu sich. Ich müsste nur noch wissen, welche Tür das ist. Irgendetwas ist da auf dem Griff zu sehen, eine Zeichnung oder ein Relief… kann das… eine Sonne sein? Natürlich! Das ist eines der Zimmer auf dieser Seite! Die Kabine mit der Sonne auf dem Knauf. Das war doch gleich neben dem Tresor, glaube ich. Dort muss ich hin. Vielleicht finde ich dann heraus, was damals passiert ist, hoffte Vivien insgeheim.
Vivien verließ das afrikanische Zimmer und ging den Korridor hinab. Bei der vorletzten Tür zu ihrer Linken blieb sie stehen. Hier bin ich richtig. Diese Tür hat das Sonnenmotiv auf dem Knauf. Es nützt also nichts, wenn ich den Knauf nach links oder rechts drehe. Dann werde ich ihn mal nach oben drehen. Gesagt, getan. Durch die Drehung nach oben kam, genau wie vorher auf dem Bild dargestellt, ein weiterer Knauf zum Vorschein. Ihn zierte ein Sichelmond. Plötzlich ging ein gewaltiger Ruck durch das Schiff. Es begann, leicht zu schwanken. Vivien lief in die Empfangshalle und die Treppe hinauf aufs Deck. Das Schiff machte langsam wieder Fahrt, die zwei Segel waren unversehrt und gespannt und brachten Schwung in das Schiff. Dennoch konnte sie nicht erkennen, wo es hingehen sollte. Die Nacht war wieder sternenklar, aber nirgendwo war Land zu erkennen. Ein frischer Wind umschmeichelte ihre Beine, wie es auch bei ihrer Ankunft auf dem Geisterschiff der Fall gewesen war. Vivien betrat die Brücke. Dort hatte sich seither nichts verändert. Niemand stand am Steuer, niemand hatte die Bausteine zur Seite geräumt. Enttäuscht verließ sie die Brücke wieder. Sie hatte gehofft, dass der Geist des Kapitäns vielleicht wiedergekehrt sei und sie ihn um Hilfe bitten könnte, aber wie er es schon gesagt hatte, war eine Begegnung mit anderen Geistern extrem selten. Nachdem sie sich vergewissert hatte, dass nichts Außergewöhnliches passiert war, ging Vivien wieder unter Deck. In der Empfangshalle schien es ihr für einen Moment, als wäre sie voller Menschen. Sie meinte, Stimmen zu hören, die sich unterhielten. In den hinteren Stühlen glaubte sie sogar, Geister erkennen zu können. Die Trugbilder verschwanden jedoch noch bevor Vivien näher kommen konnte. Sie ging wieder in den rechten Flur und zur Tür mit dem Mondknauf. Vivien drehte ihn rechtsherum und die Tür sprang auf.
Es bestand kein Zweifel: Dies musste Cedrics Kinderzimmer sein. Es war das Zimmer, das der Kapitän seinem Sohn auf dem Bild so stolz gezeigt hatte. Es war wohl extra für die Reise aus Afrika für ihn eingerichtet worden. Ein kleines Bett stand in einer Ecke, ein Tischchen an einer Wand mit einem Stuhl davor, in einer Ecke waren viele Kissen zu einem Berg aufgetürmt, Spielsachen lagen auf dem Boden verstreut. Verschiedene Mobiles baumelten von der Decke. Bunte Bilder schmückten die Wände. Cedric hatte sie selbst gemalt und mit ungelenken Buchstaben seinen Namen darunter gekritzelt.
In ein Schränkchen mit vielen Schubladen waren diverse Kleidungsstücke wild hineingestopft, einige hingen noch aus einer Schublade heraus. Dazwischen lag ein Zettel, vielleicht eine Notiz oder ein Brief. Was macht der denn zwischen den Sachen? Vielleicht wollte Cedric nicht, dass jemand diesen Zettel liest. Naja, der Junge wird mittlerweile tot sein, es dürfte ihn also kaum stören, wenn ich ihn lese, dachte Vivien bei sich und nahm den Zettel.
„Liebe Mutter! Die Fahrt auf dem Schiff ist toll, das macht viel Spaß. Schön, dass Vater mich auf diese Reise mitgenommen hat. Es erinnert mich an die Fahrt von Afrika nach England. Ich werde Afrika vermissen. Wenn ich mal größer bin, fahre ich selbst dorthin. Bald sind wir wieder bei Dir, es kann nicht mehr lange dauern. Wir hatten noch keines der schlimmen Unwetter, von denen Du mir immer erzählt hast. Du machst Dir viel zu viele Sorgen. Schiff fahren ist gar nicht so schlimm, wie Du immer sagst. Ich möchte noch viele Reisen machen. Ich bin stolz auf Vater und auf seinen Beruf. Vielleicht werde ich auch einmal Seemann. Dann lerne ich die ganze Welt kennen. Warum kommst Du nicht auch einmal auf eine Reise mit? Es ist wirklich nicht gefährlich und das Schiff ist ganz toll. Vater kann Dir ein schönes Zimmer einrichten, er sagt, dass wir mit unserer Reise dieses Mal eine Menge Geld verdienen. Komm doch einfach mal mit, dann siehst Du auch was von der Welt. Ich verspreche Dir, wir sind bald wieder da. Dein Dich liebender Sohn Cedric.“
Warum nur hat Cedric diesen Brief nie seiner Mutter gegeben? Er war voller Zuneigung gegenüber seiner Mutter geschrieben und lag nun zerknüllt in einer Schublade zwischen den Klamotten? Was war bloß mit dieser Familie passiert?
Der Wellengang wurde etwas stärker, ein Schaukelpferd rutschte von einer Seite der Kabine zur anderen. Vivien schaute aus dem Bullauge. Es schien erneut ein Sturm aufzuziehen. Wie damals in der fatalen Nacht war der Himmel auch jetzt wolkenlos. Was würde wohl passieren? Und was sollte sie jetzt als nächstes machen? Das Schiff bot nicht viele Möglichkeiten, weiterzukommen. Vivien zog resignierend die Notiz des Kapitäns aus ihrer Tasche und überflog sie erneut. Die Andenken! Letticeworth hatte von den Andenken seiner Frau erzählt, die sicher auf dem Schiff weggeschlossen wurden. Vivien verließ die Kabine und machte sich auf den Weg zum Heck des Schiffes, wo sich die beiden Schatzkammern befanden.
In der hinteren Halle angekommen, untersuchte Vivien erneut die beiden Türen mit den seltsamen Symbolen darauf. Sie konnte sich keinen Reim darauf machen. Es waren Sterne abgebildet und verschiedene Konstellationen dargestellt, die sie aber nicht deuten konnte. Auch das runde Gitter im Boden war nach wie vor verschlossen. „Wenn die Sternenkonstellation des Pentagramms durch das Steuerbordfenster scheint, öffnet sich die erste Kammer.“ Vivien schaut durch das linke Bullauge nach draußen. Viele Sterne leuchteten am Himmel, aber nirgendwo war eine Anordnung zu erkennen, die einem Pentagramm ähnlich sah. Sie schaute aus dem anderen Bullauge. Da, knapp über dem Horizont erkannte Vivien einen Haufen Sterne, die ein Pentagramm bildeten. Sie sollten durch das Steuerbordfenster hereinleuchten. Welche Seite war denn nun Steuerbord? Vivien überlegte. Sie stellte sich mit dem Blick zu den beiden Gängen auf, die zur Empfangshalle führten. Jetzt schaue ich zum Bug. Wie war das noch? Rechts ist Steuerbord und links Backbord, glaube ich. Die Sterne leuchten zur Linken herein. Das ist falsch, ich muss das Schiff wenden, damit es stimmt. Es geht wohl nicht anders. Vivien, du wirst jetzt zum Kapitän, dachte sie schmunzelnd, während sie sich auf den Weg zum Oberdeck machte.
Dort angekommen führte ihr Weg sie direkt auf die Brücke. Das Steuerrad schien sie düster anzugrinsen, doch davon völlig unbeeindruckt griff sie mit beiden Händen zu. Sie wollte es gerade herumdrehen, als ihr einfiel, dass sie gar nicht wusste, wann sie weit genug gewendet hatte. Eine halbe Drehung war vonnöten, damit das Licht der Sterne ins richtige Fenster schien. Vivien blickte zum Himmel hinauf. Sie konnte hell und deutlich den Polarstern am Himmel ausmachen. Jetzt nahm sie ein Holzklötzchen vom Boden und legte es in die Richtung, in der sich der Nordstern befand. Genau in die andere Richtung legte sie ein zweites Klötzchen. Wenn der Stern dort angekommen ist, habe ich mich genau um 180 Grad gedreht, so soll es sein, dachte sie sich und drehte das Steuer. Langsam zog das große Schiff herum; es dauerte eine Weile, bis der Polarstern an der angegebenen Position strahlte, aber schließlich war es vollbracht. Voller Vorfreude ging Vivien Richtung Unterdeck. Dass der Wind beträchtlich zugenommen hatte und ihre Haare durcheinander wehen ließ, nahm sie ebenso wenig wahr wie die Blitze, die am Horizont aufzuckten und ein drohendes Unwetter verkündeten.
Vivien rauschte durch die Empfangshalle und den linken Korridor in die hintere Halle. Dort bot sich ihr ein erstaunlicher Anblick: Durch das linke Bullauge schien ein heller Lichtstrahl in den Raum und wurde auf mysteriöse Weise von den Holzwänden reflektiert, bis er direkt auf die linke Tür mit den Verzierungen traf. Vivien konnte erkennen, dass die Tür sich ein kleines Stück weit geöffnet hatte. Gespannt betrat sie die erste der beiden Schatzkammern.
Der erste Anblick enttäuschte Vivien jedoch maßlos. Der Raum war ebenso düster wie der Rest des Schiffes, nicht einmal eine Kerze spendete Licht. Zudem war die Kammer fast leer. Nur von einem Exponat auf einer kleinen Säule ging ein warmes Leuchten aus. Es war eine Art goldener Käfer mit geöffneten Schwingen. Darunter hing ein Zettel, der eine nähere Erklärung des Schmuckstückes bot:
„Dieser Goldskarabäus ist ein Geschenk von Kuneelah aus Tepeh, unserem afrikanischen Heimatdorf. Sie bot ihn uns als Abschiedsgeschenk an, damit wir sie nie vergessen mögen.“ Wieder hörte Vivien eine Stimme in ihrem Kopf, dieses Mal eine tiefe Männerstimme. Es war die Stimme des Kapitäns. „Eigentlich war es so, dass Kuneelah ihn mir geschenkt hatte, ohne dass Marion etwas davon wusste. Natürlich habe ich ihr nichts erzählt. Stattdessen habe ich ihr den Anhänger geschenkt und gesagt, es sei ein Abschiedsgeschenk des Dorfältesten. Marion war so glücklich und gleichzeitig traurig über unseren Abschied aus dem Dorf. Nie werde ich ihr Gesicht von damals vergessen. Aber es ist ihr noch nie leicht gefallen, sich von jemandem zu trennen. Marion brauchte viel Liebe. Ich war immer bemüht, mich um sie zu sorgen, bis dann eines Tages…“ Die Stimme wurde immer leiser. Vivien konnte nichts mehr verstehen. „Kapitän Letticeworth? Charles? Wo sind sie? Bleiben sie bei mir! Ich brauche ihre Hilfe, was ist damals passiert?“ rief sie ins Dunkel, doch sie bekam keine Antwort. Vivien nahm den kleinen goldenen Käfer und steckte ihn in ihre Tasche.
Was sollte sie nun machen? Nochmals holte sie die Notiz von Letticeworth aus der Tasche, doch sie brachte keine neuen Ideen zum Vorschein. Der Spiegel war umgehängt, der Schatz war gefunden. Aber es sollte doch noch einen zweiten Schatz geben! Vivien verließ die Kammer und ging hinüber zur zweiten Tür mit den Intarsien im Ebenholz. Sie war nach wie vor verschlossen. In der Notiz hieß es, Charles´ Ehefrau wüsste, wie die Tür zu öffnen sei. Aber wo sollte Vivien Marion finden, geschweige denn Kontakt aufnehmen? Ihr blieb keine andere Wahl, sie musste das Schiff nochmals komplett absuchen. Vielleicht hatte sie irgendwelche Hinweise übersehen.
Beim Rundgang über das Unterdeck wurde Vivien klar, dass sie schon längere Zeit gegen ihren Willen auf diesem Schiff festgehalten wurde. Alles, was ihr zuerst noch Angst gemacht hatte, schien nun normal. Das Flackern der Kerzenleuchter schreckte sie längst nicht mehr. Daher bemerkte sie auch nicht, dass das Knarren der Bohlen und der Seegang beträchtlich zugenommen hatten. Vivien schaute durch die Räume auf der Steuerbordseite. Die Gerümpelkammer bot noch immer keine weiteren Aufschlüsse. Die Staubschicht auf den Truhen und Fässern ließ Vivien schnell aus dem Zimmer verschwinden. Die Kabine des Kapitäns war ohne den Spiegel verschwunden. Ich werde, wenn ich wieder drüben bin, den Spiegel mitnehmen und wieder hier hinhängen, nahm Vivien sich vor. Vielleicht birgt die Kapitänskajüte ja doch noch mehr Spuren. Als nächstes kam sie wieder in ihre eigene Kabine. Vivien setzte sich auf das Sofa und dachte nach.
Was weiß ich denn bis jetzt? Als junger Mann erbte Charles Letticeworth von seinem Vater dieses Schiff, die Letitia. Danach musste er sich auf Abenteuerreise begeben haben. Weshalb sonst wäre er in Afrika gelandet? In Afrika hat Charles dann seine Frau Marion kennen gelernt und sie haben einen Sohn bekommen. Cedric, ganz offensichtlich. Nach einigen Jahren haben sie Afrika verlassen und sind nach England gezogen. Im Jahre 1902 hat Charles Letticeworth den Auftrag für die Überführung eines Schatzes aus Afrika nach England von der Queen erhalten. Zusammen mit Cedric hat er sich auf die Reise begeben, während Marion in England geblieben ist. Zwischen dem 3. Oktober 1902 und dem 16. Januar 1903 musste dann etwas passiert sein, was das Familienglück getrübt hat. Dann kamen die Mordfälle ins Gespräch. Am 7. September 1903 wurde Charles Letticeworth ermordet, obwohl für die Öffentlichkeit aus irgendwelchen Gründen Selbstmord als Ursache geschildert wurde. Plötzlich meldete sich Viviens Gedächtnis zu Wort. „Wussten sie eigentlich, dass ein Junge ertrunken ist? Ein Jahr, bevor die anderen beiden umgebracht wurden?“ Mary Riley hatte es doch deutlich genug gesagt, oder zog sie voreilige Schlüsse? Scheinbar war Cedric Letticeworth ertrunken. Aber das hieße, nach der Aussage von diesem Matrosen… Nounes hieß er. Das hieße, dass alle Todesfälle, der von Cedric Letticeworth, Charles Letticeworth, Victoria Norton und Daniel Baker auf seltsame Weise verknüpft waren. Und vielleicht war auch ihr eigener, Vivien Glooms Mord eine Folge in dieser Kette. Und wenn sie diese Kette erklären könnte, herausfinden könnte, wer der Mörder war und warum all diese Morde begangen wurden, was damals, zwischen dem 3. Oktober 1902 und dem 7. Oktober 1903 wirklich passiert war, würde sie dann vielleicht von diesem verfluchtem Geisterschiff erlöst werden? Waren diese Ereignisse von damals vielleicht das Unrecht, von dem der Geist des Kapitäns auf der Brücke gesprochen hatte? Sie war jetzt auf einer heißen Spur, die sie weiter verfolgen musste. Entschlossen stand Vivien auf und verließ ihre Kabine. Draußen im Gang hörte sie eine klägliche Frauenstimme sprechen. Sie sah sich um, konnte aber die Sprecherin nicht ausfindig machen. „Kommen sie! Kommen sie in mein Zimmer. Sehen sie, welches Leid über unsere Familie gefallen ist. Der blutige Spiegel wird es ihnen erzählen. Kommen sie! In mein Zimmer, den Schlüssel haben sie bereits!“

Kapitel 8 – Schuldgefühle & Verdachtsmomente
Vivien wagte erst gar nicht, nachzufragen. Sie wusste, dass die Stimme verschwunden war und ihr nicht antworten würde. Sie konnte jedoch etwas anderes wahrnehmen, ein leises Rauschen.
War es die Anwesenheit des Bösen, die sie spürte? Vivien verließ ihr Zimmer und ging auf den Flur. Noch immer war das Rauschen zu hören. Auf dem Korridor schien es sogar noch lauter zu sein als im Zimmer. Es klang wie das Rauschen des Meeres. Vivien ging nochmals in ihre Kabine und schaute durchs Bullauge. Nein, obwohl es draußen ziemlich windig geworden ist und das Meer rauscht, höre ich hier drinnen ein anderes Rauschen. Es wird lauter, je weiter ich ins Innere gehe, meinte Vivien. Sie ging wieder auf den Korridor und versuchte, anhand der Lautstärke die Quelle des Rauschens ausfindig zu machen. Sie ging mehrmals den Gang auf und ab, bis ihr eine Idee kam. Die große Doppeltür, war sie immer noch verschlossen? Sie hatte sie die ganze Zeit außer Acht gelassen. Resignierend stellte Vivien fest, dass sie sich noch immer nicht öffnen ließ. Dann kam ihr ein zweiter Gedanke.
Ich habe dieses Geräusch schon einmal gehört. Wo war das nur? Beim afrikanische Zimmer! Sie verließ den Korridor, wandte sich in der Empfangshalle herum und lief den anderen Flur hinunter. Das Rauschen war hier viel lauter als im anderen Flur. Zielstrebig ging sie zum afrikanischen Zimmer, blieb jedoch auf dem Weg dorthin stehen. Es gab keinen Zweifel, woher das Rauschen kommen musste. Es kam aus der vorletzten Kabine auf der rechten Seite. Aus dem Inneren des Raumes drang ein Leuchten, kein stilles, sondern ein wildes Flackern der hellsten Lichter. „Kabine 5c, Ma…“; der Rest war nicht zu erkennen. Mit dem Ärmel wischte Vivien über das Messingschild. Es war nur eine dicke Staubschicht, die es bedeckte. Der volle Name des Bewohners kam zum Vorschein: Marion Letticeworth. Vivien fühlte sich vor den Kopf gestoßen. Ich war hier doch schon mal. Habe ich nicht erkannt, dass es nur eine Dreckschicht war, die das Schild bedeckte? Auch vorher kam dieses geheimnisvolle Rauschen und Knistern aus dem Raum. Nur das blitzende Licht ist neu. Was mag das sein, fragte sie sich.
Wie war die Tür zu öffnen? Sie hatte keinen Knauf und keine Klinke, nicht einmal ein Schlüsselloch. Vivien war sich sicher, dass dies das Zimmer der Person war, die gerade zu ihr gesprochen hatte. Es war Marion, die sie gebeten hatte, in ihr Zimmer zu kommen. Den Schlüssel habe sie bereits, hieß es. Aber was für ein Schlüssel sollte das sein? Vivien dachte an die Notiz des Kapitäns. Dann stieß sie mit der Hand gegen ihre Stirn. Vivien, du dumme Göre. Siehst du nicht direkt vor dir das Relief des Käfers? Ein Käfer mit ausgebreiteten Flügeln. Das sollte dir doch eigentlich bekannt vorkommen. Kopfschüttelnd über die eigene Begriffsstutzigkeit holte sie den Goldskarabäus aus ihrer Tasche und setzte ihn in die Vertiefung in der Tür ein. Er passte perfekt. In diesem Moment erlosch das Licht aus dem Zimmer. Auch das Rauschen wandelte sich in ein unheimliches Knistern, als würde in dem Zimmer etwas brennen. Mit der Tür ging eine seltsame Wandlung vor sich. Vom Skarabäus gingen goldene Stäbe strahlenförmig aus; wie Flüsse liefen sie in Schnörkeln und wilden Verzierungen auf den Türrahmen zu und hatten bald die Tür wie wilder Efeu bedeckt. Dann brach das Feuer durch. Zuerst war es nur ein schwarzer Fleck, der sich auf der Holztür abzeichnete, dann brannte innerhalb kürzester Zeit die ganze Tür lichterloh. Vivien trat einige Schritte in den Gang zurück, um sich vor den Funken zu schützen. Dann sah sie, wie es wieder dunkel im Gang wurde. Das Feuer musste erloschen sein. Sie trat wieder an den Raum heran. Die Tür war komplett verbrannt, ein kleines Häufchen Asche bedeckte den Boden. Dennoch war Vivien der Zutritt zum Raum verwehrt, denn die goldenen Ranken versperrten jetzt den Durchgang. Sie konnte gerade mal hindurchsehen, erkannte jedoch, dass das Feuer im Inneren keine Verwüstung angerichtet hatte. Es schien, als hätte es nie dort gebrannt. Nichts war mehr von der Hitze zu spüren, die hier eben gewütet hatte, kein Geruch von Qualm oder Glut. Dennoch war Vivien unzufrieden. Wie sollte sie in den Raum hineingelangen? Sie betrachtete immer noch den Skarabäus, der in der Mitte des Rankengewirrs thronte. Ich nehme ihn wieder mit, wenn es geht. Ich will nicht, dass dieser wertvolle Schatz einfach so hier herumliegt, so dass ihn jeder mitnehmen kann. Sie versuchte, den Skarabäus mit den Fingern zu lösen. Sie wackelte daran herum, bis die Fassung schließlich nachgab. Behutsam entfernte Vivien den Käfer aus der Konstruktion. Dadurch fingen die Ranken an, sich aufzulösen. Sie wurden allesamt grau und zerfielen zu Staub. Vivien steckte den Skarabäus wieder ein, der Weg in Kabine 5c war nun frei. Jetzt würde sie endlich sehen, welche aufschlussreichen Informationen Marion Letticeworth zu diesem Fall hatte.
Etwas hielt Vivien vom Betreten des Raumes ab. Ein seltsames Gefühl beschlich sie. Warum hatte Marion Letticeworth eine Kabine auf diesem Schiff? Bis jetzt schien es so, als hätten die Opfer dieser Mordserie ihre Kabine auf dem Schiff bekommen. War etwa auch Mrs Letticeworth ermordet worden? Die Antwort liegt in diesem Raum, ich bin ganz sicher, dachte Vivien. Das Rauschen war verschwunden. Auch flackerte es in dem Zimmer nicht mehr, es wurde jetzt durch den Schein zweier Kerzen auf dem Nachttisch neben einem Himmelbett erhellt. Die Kerzen brannten mit blauer Flamme, es war also kein helles Licht. Dennoch sah Vivien, wie liebevoll die Kabine eingerichtet war und dass in der Mitte ein großer Spiegel stand. Er hatte eine schwarze Spiegelfläche, wie Obsidian oder Onyx, blitzblank poliert. Zu ihrer Linken erkannte Vivien eine Tür. Sie würde wohl ins afrikanische Zimmer führen, dachte sie bei sich. Wahrscheinlich ist sie verschlossen. Vivien betrachtete den Nachttisch. Außer den Kerzen stand nichts darauf. Sie hoffte, in den Schubladen ein Tagebuch oder vielleicht Notizen von Marion zu finden, doch sie wurde enttäuscht. Die Schubladen waren leer. Einzig und allein eine dünne Goldkette mit einem Anhänger und eine zerrissene Seite fanden sich in der untersten Schublade. Der Anhänger war in der Mitte durchgebrochen. Er stellte wohl einen Schutzengel mit weit ausgebreiteten Flügeln dar. Daneben lag ein Briefumschlag mit der Aufschrift: „Für meine geliebte Ehefrau – auf dass wir nie getrennt werden.“ Offensichtlich war die eine Hälfte des Anhängers für Charles, die andere für Marion bestimmt gewesen. Aber wenn dies hier Marions war, wo konnte dann die Hälfte von Charles sein? Vivien steckte den Anhänger in die Tasche. Die Seite war offensichtlich aus einem Buch gerissen.
„Nur ich weiß, wie die zweite Schatzkammer geöffnet wird. Es ist keine Frage von Schlüsseln oder geheimen Kombinationen. Das wäre zu einfach. Ein wahrer Geniestreich, den wir in Afrika gelernt haben, lässt einen diese Tür durchschreiten. Der Glaube daran, dass es gelingt, muss sehr stark sein. Erst wenn die Tür sich vor den Augen des Betrachters teilt, ist sie wirklich offen.“ Wie bitte? Das ist mir zu kompliziert, dachte Vivien und wandte sich dem Spiegel zu. Die Notiz steckte sie aber zur Sicherheit in ihre Hosentasche.
Marions Geist sagte, der Spiegel würde mir alles erzählen. Aber es ist nichts zu sehen, er ist einfach nur schwarz. Wie kann er mir verraten, was damals geschah, wunderte Vivien sich. Sprach der Geist nicht von einem blutigen Spiegel? Was meinte er damit? Sie ließ ihren Blick durch die Kabine wandern. Keine Hinweise ließen auf die Bedeutung dieses Satzes schließen. Vivien kniete auf den Boden und schaute unter das Bett. Dort stand ein alter, verrosteter Eimer. Er enthielt offensichtlich etwas, denn er war ziemlich schwer und er roch seltsam. Ein unangenehmer, fauliger Geruch. Vorsichtig zog sie den Eimer hervor und schaute hinein. Beim ersten Anblick wurden ihr die Knie weich. Der Eimer war voller Blut. Vivien musste würgen. Nicht auszudenken, woher dieses Blut wohl kam! Dennoch war es wohl der einzige Weg, das Rätsel des Spiegels zu lösen. Sie tauchte einen Finger in das Blut und wischte damit über den Spiegel. Dort, wo das Blut die schwarze Oberfläche benetzte, schien sich ein Bild zu formen. Sie konnte einen kleinen Ausschnitt eines Bildes sehen, das sich bewegte. Ich habe wohl keine andere Wahl, sagte sie sich und nahm den Blecheimer in beide Hände. Mit einem Schwung goss sie das Blut über den Spiegel und beobachtete, was geschah.
Aus einer Rauchwolke entstand das Bild. Es war gestochen scharf und zeigte die „Letitia“ an einem sonnigen Tag auf einer ihrer Reisen. Kapitän Letticeworth stand auf der Brücke. Dann konnte Vivien einen Blick auf das Schiffsdeck werfen. Cedric Letticeworth spielte dort, rannte von einer Seite zur anderen und versuchte, einigen Möwen hinterherzujagen. Dann konnte Vivien zwei junge Leute sehen; offensichtlich waren es Daniel Baker und Victoria Norton, denn sie küssten sich leidenschaftlich hinter einem Stapel von Kisten und Fässern. Ein paar Matrosen unterhielten sich am Heck des Schiffes. Niemand schien auf Cedric zu achten. Dieser ging mittlerweile auf einer Planke auf und ab und übte, zu balancieren. Der Wind füllte die Segel voll aus. Plötzlich kam eine starke Bö, die den Jungen von der Planke riss und ins Meer stürzte. Keiner merkte etwas. Einige Zeit später rief der Kapitän etwas über seine Schulter. Als nichts geschah, rief er ein zweites Mal. Scheinbar hatte er nach seinem Sohn gerufen, denn als er keine Antwort bekam und nach hinten aufs Deck lief, mit dem Pärchen sprach und diese nur ahnungslos den Kopf schüttelten, brach er kurze Zeit später unter Tränen zusammen. Dann wechselten die Bilder in schneller Reihenfolge. In einem Hafen erschienen mehrere Fischboote, jeder der Bootsleute konnte gegenüber Letticeworth jedoch nur betrübt den Kopf schütteln. Dann sah man Charles und Marion in einem Salon sitzen; Marion brach ebenfalls, als sie die Nachricht hörte, zusammen. Dann sah man, wie Charles Letticeworth mit einer großen, blutenden Wunde in der Brust auf einem Feld lag und viele Menschen herbeiliefen. Das gleiche Schicksal widerfuhr dem Liebespärchen. Die nächste Szene zeigte einen Gerichtssaal, Marion Letticeworth als Angeklagte und eine Frau ungefähr in ihrem Alter als Zeugin. Der Hammer fiel, Marion weinte bittere Tränen. Dann sah man Marion mit verbundenen Augen an einer Wand stehen. Ein Vivien unbekannter Mann hielt einen Revolver in der Hand und drückte ab. Dann wurde das Bild abrupt schwarz und der Spiegel zersprang in unzählige Teilchen.
Vivien war überwältigt von der Flut der Bilder, die auf sie eingestürmt war. Sie wünschte sich, alles noch einmal sehen zu können, aber der Spiegel war zerbrochen. Nun wusste sie, was passiert war und konnte alle Puzzleteile von damals an ihren Platz setzen. Damals, auf der letzten Reise der Letitia, mit dem Schatz der Königin an Bord, ist der kleine Letticeworth ertrunken. Beim Spielen ist er von Bord gefallen, ohne dass einer etwas bemerkt hatte. Genau das habe ich doch in meinem Traum gesehen! Jedes Mal das Kind, dem ein Unglück geschieht, während die anderen wegschauen! Vivien fiel es nun endlich wie Schuppen von den Augen. Dann stutzte sie. In Ordnung, nun weiß ich was damals passiert ist. Jetzt weiß ich, was Mary Riley meinte, als sie sagte, dass ein kleiner Junge ertrunken ist, bevor die beiden anderen starben. Mein Gott! Daniel Baker – er war doch mit der Aufsicht des Jungen betreut. Ob er sich nicht Vorwürfe gemacht hat? Ich muss noch einmal in seine Kabine schauen, dachte Vivien und ging zur Nachbarkabine.
Das Schild an der Tür hatte sich jedoch verändert. Es stand nicht mehr der Name „Daniel Baker“ daran; „Kabine 8c, Victoria Norton, Au-pair-Mädchen“ war dort zu lesen. Verwirrt betrat Vivien die Kabine, die sich komplett verwandelt hatte. Das Fotolabor war verschwunden. Bis auf die Fotos, die sie in die Tasche gesteckt hatte, hatten sich alle Bilder scheinbar in Luft aufgelöst. Die verdorrte Pflanze stand nun in einer anderen Ecke; noch während Vivien in das Zimmer trat, blühte sie zu kräftigem Grün auf. Das Zimmer war nun eher spartanisch eingerichtet. Wahrscheinlich hat man damals als Au-pair-Mädchen nicht allzu viel verdient, vermutete Vivien. Zielstrebig ging sie zu einem kleinen Tisch, auf dem ein Bild mit einem Rahmen und ein Briefbeschwerer lagen. Das Bild zeigte dasselbe junge Mädchen, das auf dem Foto mit Kapitän Letticeworth und Cedric zu sehen war. Es musste sich dabei um Victoria Norton handeln. Das Glas, das einst das Foto schützte, war zerbrochen. Auf dem Boden neben dem Tisch lagen noch einzelne Splitter verteilt. Der Briefbeschwerer war ein kleiner Jadeelefant. Er stand auf einem kleinen Stapel Briefen. Als Vivien den Elefanten herunternahm, ertönte die zarte Stimme einer jungen Frau, leicht verunsichert und unglücklich.
„Liebster Daniel! Ich schreibe dir diese Zeilen, weil ich eine Schulter brauche, die mich stützt in meiner Not und eine Hand, die mich führt in meinem Irren. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich wünschte, ich wäre damals nie mit auf die Reise gekommen. Dann hätte ich nie auf diesen Jungen aufpassen müssen, hätte nie meine Pflicht vernachlässigt und müsste mich nicht mit meinem Gewissen herumplagen. Aber andererseits hätte ich dich dann nie kennen gelernt, meinen kleinen Fotografen. Wäre nur unser Verlangen damals nicht so unendlich gewesen, hätten wir uns auf der Rückreise nur bändigen können! Wir hätten so viel Zeit gehabt, zu hause all die Dinge tun zu können, nach denen unser Gemüt verlangte. Warum nur waren wir so töricht und haben uns gehen lassen? Ich quäle mich jetzt Tag und Nacht mit meiner Schuld. Ich habe den kleinen Jungen getötet. Sicher war ich es nicht selbst, doch meine Unachtsamkeit war so grenzenlos, dass er dafür bezahlen musste. Hilf mir, mein Geliebter! Sag mir, was ich tun kann, um mein Gewissen zu erleichtern!“
Nachdem die Stimme verhallt war, betrachtete Vivien den Brief. Es war eine Antwort auf die Klage von Victoria.
„Meine liebste Vicky, Königin der Seerosenblüten! Du machst Dir zu viele Vorwürfe, zu viele Gedanken um alles, was damals geschehen ist. Deine Tränen werden nicht von heute auf morgen trocknen, aber das ist ganz natürlich. Es ist verständlich, dass Du dich schuldig fühlst, aber sei Dir immer bewusst: Du trägst nicht die Schuld. Sie trifft nicht Dich noch mich, niemand kann etwas dafür, dass der Junge so leichtsinnig war und an Deck gespielt hat. Niemals hätte Charles Letticeworth seinen Sohn auf die Reise mitnehmen sollen. Er hätte wissen müssen, dass das Kind nur Unfug treibt. Bitte lass Dir die Tage nicht verderben von den Gedanken an etwas, dass Dich nicht betrifft. Vergiss, was damals passiert ist!“
Vivien legte den Brief betroffen zur Seite. Wie konnte dieser Baker nur so denken! Er hat doch schließlich das Kind total vernachlässigt, obwohl er den Auftrag hatte, sich um den Jungen zu kümmern. Zumindest seine Geliebte hätte auf ihn aufpassen sollen. Konnte er sich denn nicht in ihre Lage versetzen? Wieder ertönte Victorias Stimme.
„Daniel, wie kannst du so reden? Es ist alles meine Schuld. Der Kapitän hat mir vertraut, er hat mir das Leben seines Sohnes anvertraut, es in meine Obhut gegeben, und ich habe meine Aufgabe schändlich außer Acht gelassen. Wir hatten ein paar schöne Stunden auf dem Schiff, aber zu welchem Preis? Siehst du noch die Tränen seiner Frau? Ihr schmerzerfülltes Gesicht? Die unendliche Trauer, die sie ausstrahlte? Warum nur kannst du nicht empfinden, welch einen Verlust diese Frau erlitten hat? Ich weiß nicht, ob ich meine Schuld je ungeschehen machen kann. Bitte verzeih mir, Geliebter, aber ich brauche jetzt die Einsamkeit. Ich werde dir schreiben, wenn ich wieder zu mir selbst gefunden habe. Deine Vicky.“
Vivien entfaltete das zweite Papier, das sie in der Hand hielt. Es enthielt nur einen Satz:
„Werde ich Dich je wiedersehen?“
Darunter befand sich noch ein Brief, der aber quer durchgerissen war. Die erste Hälfte fehlte.
„…sind jedoch, das sehe ich jetzt ein, nicht allein verantwortlich für das, was sie getan haben. Ich hätte meinen Sohn niemals mit auf die Reise gehen lassen dürfen. Auch denke ich, dass ihre Selbstvorwürfe Strafe genug für sie sein werden. Ich denke, dieser Angelegenheit ist Genüge getan, wenn wir uns gegenseitig aus dem Gedächtnis streichen. Das ist für uns das Beste. Marion Letticeworth, 27. März 1903“
Was hatte das zu bedeuten? Vivien dachte angestrengt nach. Dann fiel ihr das Zimmer des Reporters ein. Die Akte zum Fall Letticeworth. Der Beweis, den sie gefunden hatte. Man hat den ersten Teil des Briefes als Beweis verwendet. Als Beweis gegen Marion Letticeworth. Es hieß: „Sie werde für das, was sie getan haben, büßen.“ Man hat das also so gedeutet, dass Marion Letticeworth aus Rache für den Tod ihres Sohnes Victoria Norton und ihren Geliebten ermordet hat. Deshalb wurde Marion Letticeworth hingerichtet. Hätten die Polizei damals doch nur die zweite Hälfte des Briefes gefunden! Sie war offensichtlich gar nicht rachsüchtig gewesen! Offensichtlich hat man die Falsche hingerichtet, denn das Morden ging weiter. Mein eigener Tod ist dafür Beweis genug, dachte Vivien. Wieder meldete sich Viviens Stimme aus dem Dunkel.
„Geliebter Daniel! Ich brauche dich. Bitte triff mich dort, wo wir glücklich waren. In einer Woche. Victoria, 30. September 1903“
Das war eine Woche vor dem Mord! Bei ihrem Treffen müssen sie getötet worden sein. Vivien spürte, wie ihr Tränen in die Augen stiegen. Warum nur musste das Schicksal so grausame Wege gehen! Nach so langen Monaten meldete Victoria sich endlich wieder bei ihrem Geliebten, dann endlich das lang ersehnte Wiedersehen… Vivien dachte an den Zeitungsartikel zurück. Sie hatten sogar vor, zu heiraten! Und dann dieser grausame Mord! Es war alles so ungerecht. Doch eines wurde Vivien in diesem Moment klar. Die Büchse der Pandora war geöffnet. Vivien würde den Täter ausfindig machen, denn endlich zeigten sich die ersten Lichtstrahlen im Dunkel. Von draußen hörte sie ein lautes Knarren.
Vivien glaubte, kurz darauf unendlich viele Stimmen von irgendwoher zu hören. Dann war sie sich sicher: Die Stimmen kamen aus dem Korridor. Sie verließ Kabine 8c, um den Grund für die Geräusche herauszufinden. Sie musste sich nicht lange umsehen. Genau gegenüber hatte sich die große Doppeltür einen Spalt nach innen geöffnet. Ob das von dem starken Wellengang kommt? Der Sturm hatte gewaltig zugenommen. Viviens Herz klopfte schneller. Nun endlich würde sie erfahren, was sich hinter diesen Türen verbarg. Sie schloss die Tür zur Kabine hinter sich und öffnete die Flügeltür ein Stück weiter. Gespannt und auch ein wenig zögernd betrat Vivien eine große Halle. Sie konnte sehen, dass sie noch zwei weitere Ausgänge hatte, eine Tür gegenüber und eine am linken Ende. Das sind dann wohl die Türen, die in den anderen Korridor und in die Empfangshalle führen, dachte Vivien sich.
Am rechten Ende der Halle schmückte ein großer Kamin die Wand. Über dem Kamin befand sich eine riesige, prachtvolle Uhr. Ansonsten waren die Wände rundum mit Ritterrüstungen und Statuen in bunter Reihenfolge gemischt. Über jeder Statue und jeder Rüstung hing ein Gemälde. Darauf waren die Portraits verschiedener Menschen abgebildet. Viviens Blick wanderte an die Decke. Sie schien erstaunlich hoch, eigentlich ließ dieses Schiff solche Ausmaße gar nicht zu. Zwei große Kronleuchter hingen herab und schenkten dem Raum Licht. Zwischen ihnen schienen unzählige Schatten herumzuschweben. Parkettfußboden unterstrich die würdige Ausstrahlung der Halle. Vivien ging herum und betrachtete die Gemälde, da die Statuen und die Rüstungen alle gleich aussahen. Jede Statue hatte eine Leidensmiene und war gekrümmt, als trüge sie eine zentnerschwere Last. Jede der Rüstungen stand aufrecht und hielt ein Schwert vor sich. Die Gemälde waren da schon aufschlussreicher. Einige der Personen kamen Vivien erstaunlich bekannt vor. Da waren unter anderem Marion und Charles Letticeworth abgebildet, Cedric, Victoria Norton und Daniel Baker sowie viele andere Menschen, die Vivien nicht kannte. Auf einmal erschrak sie. Ein Gemälde zeigte ihr eigenes Porträt. Vivien Gloom. Es war jedoch im Gegensatz zu den anderen Bildern ziemlich verschwommen, als sei Wasser darüber gelaufen. Was hat mein Bild hier zu suchen, und warum ist es so undeutlich, fragte sie sich. Auf die Antwort musste sie nicht lange warten. Hinter ihr rauschte es ein wenig und ein blaues Leuchten lenkte Viviens Aufmerksamkeit auf sich.
„Das fragen sie sich noch immer? Ich dachte, sie müssten mittlerweile wissen, was hier auf diesem Schiff gespielt wird und warum sie hier sind. Ich habe mich nicht vorgestellt, entschuldigen sie bitte. Mein Name ist Victoria Norton. Ich bin vor Jahrzehnten gestorben, ebenso wie mein Verlobter. Ich wünschte, ich könnte ihn wiedersehen, aber auf diesem Schiff sind die Chancen darauf sehr gering.“ Vivien unterbrach den Redefluss ihres Gegenübers. Endlich hatte sie mal die Möglichkeit, mit einem Zeitzeugen zu reden. „Victoria, sie müssen mir helfen. Ich weiß nicht, was hier gespielt wird. Ich habe mittlerweile eine ganze Menge über diesen Mordfall erfahren, aber was habe ich damit zu tun?“ „Sie sehen all diese Bilder hier?“ fragte Victoria. „Sie stellen alle Menschen dar, die im Laufe der Jahrzehnte mit dieser Angelegenheit in Kontakt gekommen sind. Daher ziert nun auch ihr Gemälde die Wand, sie sind ja auch umgebracht worden.“ „Woher wissen sie das?“ wollte Vivien wissen. Victoria seufzte. „Weil alle es gesehen haben. Wir waren mit dem Schiff zu der Zeit doch direkt bei ihnen. Sie haben uns nicht sehen können, weil, wie sie bereits wissen, der Kontakt zwischen Geistern fast unmöglich ist.“ „Das habe ich verstanden. Deswegen müssen wir zum Punkt kommen. Hat Marion Letticeworth sie ermordet oder nicht? Schließlich ist sie dafür hingerichtet worden, mit handfesten Beweisen, zumindest aus den Augen der Polizei.“ Victoria schüttelte den Kopf. Ihre langen Haare wallten wie in Zeitlupe auf. „Sie spielen bestimmt auf den Brieffetzen von Mrs Letticeworth an. Die Wahrheit ist, dass die Polizei den ganzen Brief gehabt hat. Damit hatten sie keinen Verdächtigen. Die Polizei wusste ja nicht einmal, dass damals dieser Unglücksfall passiert ist. Die wussten nur von dem Mord an Daniel und mir und an Mr Letticeworth. Wenn da nicht diese blöde Mrs Riley gewesen wäre und diese Andeutung gemacht hätte. Da konnten sich die Beamten natürlich eine schöne Geschichte zusammenbasteln und Mrs Letticeworth belasten. Sie hätte Daniel und mich aus Rache für den Tod ihres Sohnes umgebracht. Den Brief habe sie einfach an einer passenden Stelle durchgerissen, Hauptsache, der Fall war abgehakt. Und Charles Letticeworth haben sie als Selbstmord vom Tisch gefegt. Das hätte nämlich nicht in das Schema gepasst. Eine Ungerechtigkeit war das damals, und sie ist nie gesühnt worden. Das Morden geht weiter, und solange das Rätsel nicht gelöst ist, werden alle Opfer der Mordserie ein trostloses Zuhause auf diesem verfluchten Schiff finden. Sie sehen doch die große Uhr über dem Kamin? Charles Letticeworth hatte sie nur zur Zierde anbringen lassen. An dem Tag jedoch, als er ums Leben kam, begann sie zu ticken. Unendlich langsam, möchte man meinen, denn in den vergangenen hundert Jahren ist sie erst ein paar Stunden weitergelaufen. Mittlerweile weiß ich, dass diese Uhr das Schicksal aller Seelen auf diesem Schiff anzeigt. Tage und Nächte spielen hier keine Rolle mehr, auf diesem Schiff gilt eine andere Auffassung von Zeit. In ungefähr zwei Tagen wird diese Uhr hier zwölf schlagen. Dann ist unser Schicksal besiegelt. Wenn wir den Mörder bis dahin nicht entlarvt und alles Unrecht gerächt haben, werden unsere Seelen in der Hölle landen. Dann hätte der Täter sein Ziel erreicht. Wenn das Rätsel aber rechtzeitig gelöst wird…“ Vivien war schockiert. Dann bemerkte sie, wie der Geist von Victoria langsam verschwamm. „Victoria! Bleiben sie!“ „Ich kann nicht, es zieht mich wieder weg. Sie müssen das Rätsel lösen. Denken sie daran: Ihr Gemälde ist noch unklar, sie haben die Chance, dieses Schiff zu verlassen, wenn sich alles aufklärt. Dann wird ihre Seele in den Himmel gelangen, während wir im Fegefeuer enden. Retten sie sich, es ist ihre letzte…“ Nachdem die Stimme immer leiser geworden war, war sie zuletzt ganz verschwunden.
Nichts mehr zeugte von dem Auftreten des Geistes. Vivien war verwirrt. Sollte sie froh sein oder traurig? Sie hatte die Möglichkeit, alles zu klären, aber nur, um ihre Seele dann erlöst zu wissen? Damit war sie dann endgültig tot, nie mehr würde sie… Ich darf darüber nicht nachdenken! Das bringt mich nur auf dumme Ideen. Vivien, willst du etwa bis in alle Ewigkeit auf diesem Schiff spuken? Erlösung ist dein Ziel, also finde heraus, wer die Schuld an allem trägt! Mein Gott! Sie schaute zu den Gemälden. Aus dem Nichts erschienen zwei neue Gemälde, darunter eine Statue und eine Rüstung. Die Bilder zeigten Tim und Sally. Sie waren also wirklich umgebracht worden. Aber sie waren doch unschuldig! Und warum waren ihre Portraits so deutlich? Ob das vielleicht damit zusammenhing, dass sie selbst aus der Parallelwelt stammte? War ihr Geist stärker als der ihrer Wohnungsnachbarn? Ich werde diese Taten beenden, koste es, was es wolle. Nicht, damit ich befreit werde, sondern damit dieser Irre aufhört, total unbeteiligte Menschen zu töten. Vivien seufzte auf. Ich höre mich an wie jemand aus so einem schlechten Film.
Ihr rechtes Bein knickte ein. Der Boden begann mit einem Mal, gefährlich zu schwanken. Vivien hatte Mühe, auf den Beinen zu bleiben. Das Unwetter draußen tobte erbarmungslos. Ein metallenes Geräusch ließ sie aufhorchen. Sie schaute nach oben und konnte sich im letzten Moment mit einem beherzten Sprung vor dem herunterfallenden Kronleuchter retten. Er zerbarst mit einem ohrenbetäubenden Scheppern. Der andere Leuchter an der Decke war erloschen. Es war urplötzlich stockduster in der großen Halle. Vivien spürte einen starken Luftzug durch ihr Haar wehen. Dann geschah etwas Unglaubliches. Auf dem Teppich erschien eine Spur auf kleinen Feuern. Brennende Fußspuren, die sich langsam ausbreiteten. Sie führten zum Ausgang in die Empfangshalle. Vivien folgte den Spuren mit einem unbehaglichen Gefühl.
Sie führten sie direkt in die Empfangshalle. Auch hier war es dunkel bis auf die flammenden Schritte. Vivien vermutete, dass sie an Deck laufen würden. Tatsächlich! Schritt für Schritt wanderte das Feuer auf die Treppe zu. Eine Spur nach der anderen. Dann jedoch rechts an der Treppe vorbei. Wie? Sie führten hinter die Treppe und dann auf die Wand unter der Treppe zu. Dort endete die Spur. Sie endete direkt vor einer Tür. Ein Raum? Genau unter der Treppe? Ich muss ihn übersehen haben. Ob er auch abgeschlossen ist? Vivien drückte die Klinke herunter. Die Tür sprang nach innen auf. Schwaches Licht zeigte das Innere der Kabine. Vivien konnte nicht ausmachen, woher das Licht kam. Es war ein Funkraum. Nur ein einziger Schreibtisch und ein Stuhl davor befanden sich in dem kleinen Zimmer. Auf dem Schreibtisch stand ein Funkgerät. Es sah ziemlich zerstört aus, gab aber dennoch Geräusche von sich, die Vivien nicht entschlüsseln konnte. Eine Lampe leuchtete schwach auf. Das Schiff wankte bedrohlich. Vivien setzte sich auf den Stuhl. Sie konnte erkennen, dass ein Funkspruch ankam. Die Apparatur setzte die Signale gleich in Buchstaben um, so dass auf einem kleinen Ausdruck der Funkspruch zu lesen war.
„Hier spricht die MS Lightwater. Sie befinden sich mit uns auf Kollisionskurs! Können sie uns verstehen? Weichen sie aus und setzen sie Positionslampen!“ Der Ausdruck lief noch weiter, aber Vivien war vor Schreck erstarrt. Sie werden uns rammen! Noch bevor sie etwas tun konnte, begann die kleine Lampe am Funkgerät immer stärker zu glühen. Immer heller wurde das Licht, wie damals, als sie Tim und Sally gefunden hatte. Vivien hielt eine Hand vor die Augen und verließ die Kabine. Sie schloss die Tür. Das helle Licht schien sogar durch die Ritzen am Rahmen der Tür. Wie Laserstrahlen zerschnitt es die Dunkelheit in der Halle. Es warf einen Rahmen aus Licht auf die gegenüberliegende Wand.
Von dem Anblick gefesselt, ging Vivien langsam auf die Wand zu. Der Gedanke, das Schiff umzulenken, war wie weggeblasen. Das Licht zeigte an der Wand eine Tür, die vorher unsichtbar war. Der Knauf war genau wie die Wand gemustert und aus der Ferne nicht zu erkennen. Vivien öffnete die Tür und betrat einen geheimen Gang.
Er war ziemlich finster. Vivien wusste nicht genau, wohin er führte. Er war schmal und ziemlich lang und verwinkelt. Dann geschah das Unausweichliche. Das Schiff geriet ins Trudeln, ein lautes Krachen ging durch die Bohlen. Das kam nicht mehr von dem Sturm. Das andere Schiff muss uns gerammt haben! Vivien wollte zurücklaufen, aber die Tür in die Halle war verschwunden. Wieder krachte es und Risse brachen ins Holz. Ein dünner Wasserstrahl traf Vivien ins Gesicht. Verdammt! In Panik rannte sie los, immer den Gang hinunter.
Er wurde mit der Zeit etwas heller, was Vivien aber nicht beruhigen konnte. Jetzt musste sie sehen, wie das leckgeschlagene Schiff langsam auseinander fiel. Das Wasser bedeckte langsam den ganzen Boden. Prompt rutschte sie auf dem rutschigen Untergrund aus und fiel der Länge nach hin. Panisch blickte sie hinter sich und rappelte sich auf. Dann rannte sie, mit einem Bein humpelnd, weiter.
Schließlich endete der Gang und Vivien fand sich in einem Raum wieder. Sie vermutete zumindest, dass es ein Raum sein musste. Es war alles schwarz, sie konnte nicht einmal mehr die Hand vor Augen sehen. Nachdem sie wenige Schritte in den Raum hineingegangen war, fiel ihr ein, dass sie vielleicht wieder zurückgehen und sich an der Wand entlang tasten sollte. Sie ging die paar Schritte rückwärts, suchte mit beiden Händen nach der Wand, doch da war nichts. Vivien schien mitten im Nichts zu stehen, es war keine Wand mehr da. Alles um sie herum war schwarz, und zu allem Übel stieg langsam aber sicher das Wasser im Zimmer. Bald stand ihr das Wasser bis zum Hals. Vivien fiel das Atmen schwer. Wohin sollte sie gehen, was sollte sie tun? Dann flammten aus dem Nichts unzählige Kerzenleuchter auf. Sie erhellten den Raum, Vivien konnte eine Art Thronsaal entdecken, in dem sie sich befand. Das Wasser stand mittlerweile meterhoch, dennoch befand sich die Decke in unendlicher Entfernung. Auf dem Thron ganz weit hinten konnte sie sehen, wie jemand darauf saß und winkte. Dann erfasste sie ein starker Sog.
Es war, als ob jemand den Stöpsel gezogen hatte. Vivien wurde in einen starken Strudel gezogen. Das ganze Wasser lief aus der pompösen Halle ab. Die Gestalt auf dem Thron schaute zu, wie Vivien von der Strömung erfasst wurde. Sie hielt die Luft an und tauchte unter. Dann ging es mit rasender Geschwindigkeit vorwärts. Durch eine riesige Höhle wurde sie gezogen, danach immer weiter in die Tiefe. Plötzlich endete das Wasser und Vivien fiel nach unten heraus in die Luft. Begierig sog sie die Luft ein und atmete tief durch. Während sie sich in der Luft befand, drehte sich alles um sie herum und sie fiel wieder herunter ins Wasser, wo sie weiter fortgeschleppt wurde. Dann merkte sie, wie das Wasser plötzlich zähflüssiger wurde. Es kam ihr vor, als tauchte sie durch Honig oder Creme. Immer fester wurde die Masse um sie herum. Erst wie Kleister, dann wie Knetmasse, bis alles schließlich wie Zement erstarrte. Vivien war gefangen und konnte sich keinen Zentimeter mehr bewegen. Sie konnte auch nicht mehr atmen. Bald wurde sie ohnmächtig.


Bis der Schlaf sie erneut ergriff…