Mittwoch, 16. August 2017

Es ist doch alles scheiße! ...oder???

Irgendwie sind fast immer die Anderen scheiße, die Mitmenschen, die Mücken, das Wetter, die Börsenkurse, die Benzinpreise...

Vor nicht allzu langer Zeit habe ich mich hier im Blog darüber aufgeregt, warum ich das alles überhaupt mache. Warum engagiere ich mich, warum opfere ich meine wertvolle Zeit für Andere, warum bin ich trotz aller Egozentrik immer noch für Andere da, wenn ich doch eh' nichts davon habe. Wenn die Welt da draußen doch eh' scheiße ist. Wenn Er sich dauernd einreden lässt, ich tue ihm nicht gut und sei eine Gefahr, wenn Schulen der Meinung sind, man könne mich nicht auf die Schüler loslassen. Und meine Dachgeschosswohnung ist im Sommer zu heiß und im Winter zu kalt, und irgendwas finde ich immer, über das ich mich aufregen kann.

Vor Jahren habe ich dazu ein kurzes Video von Pema Chödrön gesehen, eine buddhistische Nonne, die in einem kurzen Beitrag genau das thematisiert, und das hat sie so anschaulich gemacht, dass ich dieses Video immer bei mir habe und mich zwischendurch daran erinnere und es wieder anschaue, wenn ich schon wieder alles um mich herum nervig finde und mich aufregen möchte:


Was sie sagt, ist grundvernünftig, erfordert aber die Bereitschaft, an sich selbst zu arbeiten, und auch wenn viele Menschen von sich behaupten, ja na klar, natürlich entwickele ich mich weiter, natürlich lerne ich, mit den Umständen umzugehen - oft ist es nichts weiter als ein Lippenbekenntnis.

Warum ich heute mal wieder dieses Video poste - eine Bekannte hat einen Ausschnitt eines Vortrags von Vera Birkenbihl gepostet, die ich für eine wunderbare Motivationstrainerin halte, die nun leider nicht mehr unter uns weilt. Auch Birkenbihl hat immer wieder klargemacht, dass wir meistens an uns selbst arbeiten müssen, wenn sich uns ein Problem eröffnet.

Ich habe das auch im Umgang mit ihm gemerkt - gern habe ich behauptet, Er trage durch sein Fehlverhalten die Verantwortung für die Probleme in unserer Kommunikation, und erst in unserer langen Pause jetzt habe ich mal gründlich über meine Verantwortung nachgedacht und festgestellt, dass ich Vieles an meiner Denkweise und an meinem Handeln ändern sollte. Seitdem trete ich ihm mit einer anderen Haltung gegenüber. Das heißt nicht, dass jetzt alle Probleme geklärt sind, denn diesen Schritt der Selbstveränderung, den hat Er noch zu gehen, und das kann noch eine ganze Weile dauern, solange Er denkt, dass Er alles richtig macht, indem Er Anderen nach dem Mund redet (denn dadurch können sie ja nicht von ihm enttäuscht sein, also müsste das doch eigentlich ein gutes Verhalten sein). Aber genug davon.

Diese Welt ist wesentlich einfacher zu händeln, und wesentlich besser zu ertragen, zu genießen, wesentlich leichter mit dem von Buddha geforderten Lächeln zu durchwandern, wenn man lernt, sich selbst auf die Unwägbarkeiten des Lebens einzustellen. Ich glaube, es kann helfen, das irgendwann einzusehen.

Montag, 14. August 2017

Glücklich durch Chemie


Ich denke mal, ein nicht kleiner Teil der Leser wird bei dieser Überschrift an Drogen denken. Um die geht es allerdings erst in zweiter Instanz: Es geht darum, wie Glücklichsein funktioniert, anhand von Serotonin (gibt natürlich auch noch Dopamin, aber ich möchte diesen Artikel kurz halten). Ich möchte ein bisschen aufklären, weil ich selbst das ganz spannend fand - was wiederum bedeuten könnte, dass es für Normalbegabte langweilig ist.

(Im Kopf der großen Buba läuft jetzt Tetris-Musik, das passiert immer, wenn ich abhebe und irgendwelche Sachverhalte erkläre, die sie nicht versteht - und das passiert regelmäßig, weil ich nie weiß, wo die Grenze zwischen "Normalwissen" und "Spezialwissen" ist - hat mein Lateinmentor im Ref innerhalb einer Woche sofort bemerkt.)

Ich bin weder Arzt, noch Chemiker; alles, was ich hier schreibe, ist mit einem gesunden Misstrauen zu goutieren. 

Ich mache gern Dinge, die mir Spaß machen. Achterbahn fahren, Videospiele, Rätsel lösen, Musik hören. Was heißt das eigentlich, "die mir Spaß machen"? Was passiert da im Gehirn? Warum bin ich nach einer Achterbahnfahrt glücklicher als vorher? Ich benutze in diesem Artikel den Begriff Happy Event (HE). Eine Achterbahnfahrt ist für mich ein HE - das bedeutet aber nicht, dass es für alle Menschen so ist, manche empfinden ein Grauen davor (und ich muss immer wieder darauf achten, nicht von mir auf Andere zu schließen).

Für meine Mutter ist ein Gang durch ihren Garten ein HE, für meinen Vater eine Zigarre am Abend. Es ist auch ein HE für mich, wenn ich ein besonders kniffliges Rätsel gelöst habe. Dann wird im Gehirn Serotonin freigesetzt. Machen wir es bildlich: Die Serotoninspeicher sind Körbe mit Tennisbällen, die Tennisbälle sind das Serotonin. Bei einem HE wird der Korb umgekippt und das ganze Serotonin rollt durch die Gegend: Wir sind glücklich.

Irgendwann merkt aber der Hausmeister, dass die Tennisbälle überall herumliegen, und er sammelt sie nach und nach ein und legt sie in den Korb zurück: Die Euphorie legt sich. Und das ist auch gut so! Wenn nämlich das Serotonin nicht in die Speicher wiederaufgenommen würde, wäre ich zwar glücklich, dauerglücklich sogar - aber der Zustand würde zur Normalität werden und ich würde es nicht mehr als glücklich empfinden.

Dieser Tennisball-Kreislauf kann aber aus unterschiedlichsten Gründen gestört sein. Zum Beispiel räumt der Hausmeister viel zu schnell auf und die Euphorie hält nur für einen kurzen Moment. Oder aber der Korb kann gar nicht erst umgekippt werden. Dann bleiben die Tennisbälle drin und man freut sich gar nicht erst über ein HE. Bei Menschen mit Depressionen können solche Störungen im Serotoninsystem vorliegen.

Zum Glück ist die Medizin einen guten Schritt weiter gekommen. Es gibt eine Vielzahl an serotonergen Substanzen, die in das Serotoninsystem eingreifen (Herr Leinhos weiß natürlich, dass sich das "-erg" vom griechischen érgon ableitet). So gibt es zum Beispiel sogenannte selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (selective serotonin reuptake inhibitors - SSRI). Sie bewirken, dass die Tennisbälle nach einem HE nicht so schnell wieder in den Korb gelegt werden können. So schafft man es - je nach Substanz über einen längeren Zeitraum - das Glücklichsein zu erzeugen bzw. verlängern. Solche Substanzen werden als Antidepressiva (AD) bezeichnet.

Leider haben ADs keinen guten Ruf. Die Menschen wollen ohne Chemie klarkommen, sie wollen keine Medikamente nehmen. Aus persönlichen Gründen, denn mit Sachlichkeit hat das nichts mehr zu tun. Und damit ist nicht zu spaßen: Der amerikanische Autor David Foster Wallace (Infinite Jest) hat nach Jahren, in denen er ADs genommen hat, das Medikament abgesetzt. Die Depressionen sind zurückgekommen, und zwar so stark, dass er sich das Leben genommen hat.

Also, eigentlich wollte ich mit diesem Beitrag nur darauf aufmerksam machen, dass Glücklichsein genaugenommen eine Abfolge von chemischen Reaktionen ist. Ich finde das faszinierend.

Und bei der großen Buba läuft gerade wieder Tetris.

Samstag, 12. August 2017

Immer an meiner Seite: Die Neurodermitis

Sie kann grausam sein. Sehr grausam. Aber dagegen kann man etwas tun.

Willkommen im Land der chronischen Krankheiten, irgendwie klingt das gar nicht so schlimm, fast schon entspannt. Es kommt halt immer darauf an, in was für Worte man die Umstände hüllt - man könnte auch sagen, diese Krankheiten gelten als unheilbar. Und schon klingt es wie ein Todesurteil. Die große Buba hat eine solche Krankheit: Migräne. Abgeleitet aus den altgriechischen Worten für halb und Kopf, ist das etwas ganz Anderes als Kopfschmerzen. Kopfschmerzen tauchen mal auf, Aspirin und fertig. Die Migräne ist immer mit dabei, die große Buba hat ihr einen Namen gegeben: Medusa.

Das mag für manch' einen Menschen albern klingen (wer gibt seiner Krankheit schon Namen???), ist aber sehr vernünftig. Wenn man schon an einer unheilbaren Krankheit leidet, dann sollte man sie akzeptieren und in sein Leben zu integrieren versuchen. Das macht jeder Mensch auf seine eigene Weise. Ich finde den Umgang der großen Buba mit ihrer Medusa toll.

Ich leide auch an einer unheilbaren Krankheit, nämlich der Neurodermitis, und wie ich schon häufiger im Blog geschrieben habe, vermute ich einen Zusammenhang zwischen Hochbegabung und Neurodermitis. Irgendwas mit der Überempfindlichkeit von Nerven oder so, vielleicht. Deswegen frage ich Schüler, bei denen ich eine Hochbegabung vermute, ob sie Neurodermitiker sind. Oft höre ich "Ja, Neurodermitis hatte ich früher mal, aber jetzt nicht mehr..." - sorry, aber dann hast du sie immer noch. Aber du hast sie unter Kontrolle bekommen, und das ist auch gut so.

Ärzte nennen sie auch das atopische Ekzem, und das trifft es ganz gut: a-topisch bedeutet, dass das Ekzem keinen festen Platz hat. Es ist sozusagen immer im Körper vorhanden, manifestiert sich aber an den unterschiedlichsten Stellen. Das können blutende Ohrläppchen sein, verkrustete Mundwinkel, Quaddeln am ganzen Körper - oder lange, blutige Schrammen an Armen und Beinen als Symptom des Kratzens, um den Juckreiz zu bekämpfen.

Ich bin der Medizin und Tradition unendlich dankbar, dass es Mittel und Wege gibt, die Krankheit zu behandeln, so dass ich in langen Phasen gar nichts mehr von ihr bemerke. Nun ist es mal wieder soweit, ich habe einen Schub. Das kann passieren, potentielle Auslöser gibt es viele: Zuviel Zucker in der Nahrung, zuviel geduscht, privater oder beruflicher Stress. Ich habe mir über die Jahre hinweg Verhaltensweisen angeeignet, um mit einem Schub umzugehen - vielleicht kann das hier ja jemandem helfen:

- Ich stelle meine Ernährung radikal um und reduziere Zucker auf ein Minimum. Manchmal bedeutet das für mich, dass es nur noch Wasser und Brot gibt - und das ist wesentlich besser, als es klingt!

- Ich nehme zweimal in der Woche ein Bad, in dem ich Totes-Meer-Salz aufgelöst habe (gibt es sehr günstig) und ein spreitendes Mandelöl zugebe. Dadurch bekommt die Haut einen schützenden Ölfilm und trocknet nicht so schnell aus.

- In Phasen, in denen ich mich nicht mehr beherrschen kann, in denen der Juckreiz so stark ist, dass ich unbedingt kratzen muss, ziehe ich dicke Handschuhe dabei an. Dadurch wird aus dem Kratzen eher ein Reiben und es bleiben nicht so viele blutige Schrammen zurück.

Ich habe meiner Neurodermitis noch keinen Namen gegeben, mal schauen, vielleicht fällt mir irgendwas Nettes ein. Jetzt jedenfalls habe ich erstmal einen Anreiz, nicht mehr so viel Süßes in mich reinzustopfen. Etwa nach einer Woche dürfte der Effekt spürbar sein, und bis dahin gilt: Durchhalten!

Die Krankheit ist Bestandteil meines Lebens, also jammere ich nicht mehr ganz so viel darüber herum wie früher, sondern akzeptiere sie. Wer Elisabeth Kübler-Ross kennt, weiß, dass das der ideale Umgang mit der Situation ist.

post scriptum: Vermutlich wird Herr Leinhos mich gleich korrigieren, weil ich etymologisch geschlampt habe. Und ich möchte mich auf diesem Wege noch einmal bei Allen bedanken, die mir zum Geburtstag gratuliert haben!

Freitag, 11. August 2017

One year none the wiser

Ich muss doch mal meinem Ruf gerecht werden - arrogant, selbstverliebt, vermessen... ;-P

Vierunddreißig.

Ich bin nun also seit vierunddreißig Jahren auf dieser Welt, und was habe ich vorzuweisen? Keinen Job. Keine eigene Familie. Keine eigene Wohnung. Kein eigenes Auto. Keinen eigenen Kleiderschrank.

Und trotzdem bin ich glücklich, denn die wirklich wichtigen Dinge im Leben habe ich. Meine Eltern, die immer hinter mir stehen, auch wenn es nicht so läuft, wie es soll. Meine beiden besten Freundinnen, die immer zu mir halten, egal, wie erratisch mein Verhalten sein mag, denn sie wissen, dass man wahre Freunde so akzeptiert, wie sie sind. Das lerne ich auch noch. Und ich habe, wenn auch derzeit auf Sicherheitsabstand, diesen Mann da drüben, der mein Leben vor fünf Jahren aufzumischen begonnen hat. Und ich habe Lebensträume - eine Perspektive.

Und ich habe eine Fliegenklatsche in der Hand, mit der ich das verdammte Scheißviech, das um meinen Kopf schwirrt, jetzt zu Püree verarbeiten werde!

Auch wenn es im Titel des Beitrags heißen mag, dass ich ein Jahr älter, aber nicht weiser geworden bin, so muss ich das hier schon wieder hinterfragen - denn ein bisschen habe ich dazugelernt. Und ein kleines bisschen geduldiger bin ich geworden. Winzige Fortschritte, die man mit Geld nicht erkaufen kann, und die daher unabhängig von der Jobsituation sind.

Ich beneide Menschen, die älter sind als ich, um ihren Erfahrungsvorsprung. Ich habe in den letzten dreihundertfünfundsechzig Tagen viele Erfahrungen machen können, kuriose, schöne, sehr unschöne; sie alle füge ich meinem Erfahrungsschatz hinzu, lerne aus ihnen und stelle fest, dass das letzte Jahr doch recht reichhaltig war.

Ich habe mich in diesem Blog schon häufiger gefragt, was zum Glücklichsein nötig ist. Und eigentlich habe ich diese Dinge. Die oben angesprochenen Menschen, die mir wichtig sind, und dass ich im Einklang mit mir selbst leben kann - dass ich mich nicht für irgendwelche Vorteile verraten und verkauft habe. Daran hat die Sannitanic mich erinnert und das bedeutet mir tatsächlich etwas.

Donnerstag, 10. August 2017

"Du wohnst in Hassee...?!"

In meiner Kronshagener Zeit fand ich es ganz spannend, die Reaktivierung des Bahnhofs Kiel Hassee-CITTI Park mitzuerleben.

Ich mag diesen Titel - auch, weil der schönste Teil oben gar nicht drin steht, nämlich die hinterhergeschobene Frage: "Du wohnst in Hassee...?! Warum das denn???" Ich denke, die Buba la Tättah wird es mir sicher verzeihen, dass ich diese Frage aus einem ihrer Alltagserlebnisse entführt habe, denn mir hätte sie genau so gestellt werden können. Und warum sollte nicht auch mal was Lehrreiches aus dem Leben der großen Buba kommen? Da steckt ein ganz interessanter Mensch drin. Besonders dieser Tage (ich spül mich weg...).

Das hier wird eine Liebeserklärung an einen Stadtteil Kiels, der ganz bestimmt nicht Düsternbrook ist - und auch nicht Mettenhof oder Gaarden, aber schon ganz gut in die Richtung geht. Wenn man unter diesen Stadtteilnamen ein Gefühl versteht. Ja, Hassee ist ein Gefühl, ein Statement, genau wie der ganze Satz "Ja, ich wohne in Hassee." Und ich denke, ich kann das Gefühl am authentischsten beschreiben, wenn ich einen Einkauf schildere, da unten bei Sky. Bei meinem Sky. Wobei, nein, machen wir einen Einkauf mit der großen Buba daraus, und statt meinem Sky, wo man immer nett gegrüßt wird, nehmen wir Edeka, wo einst der Wanderer den Höllenschlund geöffnet hat:
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Geh du mal vor, ich renn sonst in die Tür rein. Oh, Zigaretten!

Ich brauche Paprika…. Ne rote Zwiebel und Ka---OOoh, Angebote! Addegebot-häh! A a a a

Wie peinlich, ich kann mich hier nicht mehr blicken lassen. Ach, du meinst die Kiste da vorne! Kist-HÄH?!

Dhei-DHÄH!! Gedhau gedhau. Was gibt es denn… Kekse, Suppen und Schokolade. Was für eine Kombi!

Das ist egal, Hauptsache, es ist billig. Geh mal da weg, da will jemand an dir vorbei. Wir unterhalten schon wieder den ganzen… Joghurt! Den brauche ich, ich hab meinen Einkaufszettel vergessen, ach nein, ich hab kein Geld dabei.

Ich hab Geld mit. Ich brauche auch Joghurt. Und saure Sahne…. Wo ist die denn… Und wo bist du eigentlich? Ach da, huch, ich hab schon wieder mit mir selbst geredet!

Wow, hast Du die Schwulen da vorne gesehen? Ja der Typ, der mit dem Mädchen rumknutscht, alles nur pseudo, guck Dir mal seine Fußstellung an, wo bleibst du denn? Ich brauch dich zum Bezahlen. Bezahwen! Verzieh dich, oder es kracht…

Du dumme Thöööööhwe! Ach wie süß! Und wie verstohlen er zu uns rüber schaut. Darf ich den haben? Ich adoptiere ihn und du machst ihn schwul!

Bitte was? Der kauft Hackfleisch? Lass mal, der ist wahrscheinlich doch hetero. Und hier, du brauchtest doch saure Sahne, Angebot, die läuft ab am… gestern. Morgen musst du eh nicht ins Seminar, da macht es nix, wenn du Magenkrämpfe hast.

Du KUH! Na dankeschön! Ich nehme lieber eine frische, ich will ja nicht heute kochen. Ich brauche Pizz-HAH! Ist was im Angebot?

Cool, mir wird gar nicht schwindelig, wenn ich stehen bleibe! Und die Schwuchtel hat grad zu uns rübergeschaut, ich wette, der will dazugehören! Kannst du nicht diese doofen Tussis mit deinen Titten erschlagen? Oh Pizza! OHHHH, ich brauch die… warte mal… die, na du weißt, die haben so eine… mann, wo… oh nö, haben die hier… doch… nein… oh, ich glaube es gerade…

Oh, ich liebe die Prosciutto! Aber ich darf die nicht so oft essen sonst habe ich sie irgendwann über. Oh, guck mal, die doofen Tussis gaffen uns an, vielleicht sollten wir mal die Jurassic Park Diva raushängen lassen. HALLOOOOAAAARGHL!

Hör auf, sonst denken die, wir reden über sie! Wie peinlich… ich geh mal eben vier Regale weiter, damit die nicht denken, wir gehören zusammen. Ich komm dann wieder zurück, du kannst ja bis dahin Pizza anschauen. Und vielleicht höre ich so, was die kleine Schwuppe so zu sagen hat.

Ja toll, lass mich alleine mit meiner Entscheidung. Deinetwegen kaufe ich wieder vier Pizzen statt einer. Aber warte es mal ab, an der Kasse stehst du auch wieder mit fünf Teilen mehr in der Hand als geplant – und ich bin gerne Schuld!

Das ist wie wenn man sich vornimmt, bei McD nur einen Salat zu essen: „Ja, ich hätte gern ein Salat mit Joghurtdressing und ein Mineralwasser bitte.“ – „Joghurtdressing haben wir nicht mehr.“ – „Gut, dann nehme ich fünf BigMac, drei große Pommes mit Majo, zweimal Cola, vier Juniortüten und zwei McFlurry mit Erdbeer.“ a a a a a a a

Gedhau gedhau. Oh, McD wäre auch mal wieder eine Idee. Einmal im Jahr habe ich da auch Lu- oh, da fällt mir ein: KÄSE!

KWÄÄÄHSE! Und überhaupt hast du eben deine thöäarcht-Chance verpasst, als ich gesagt habe „ich glaube es gerade…“, ich glaube, du wirst hetero!

Bitt-HÖÖÖÄÄÄÄH??? Wann hast du das gesagt? Da war ich bestimmt mit dem Kopf im Kühlfach!

Ja eben, als wir über die Pizza geredet haben und ich keinen klaren Satz rausgebracht hatte! Aber nein, du warst ja wieder abgelenkt, ich konzentriere mich wenigstens auf das Wesentliche, so wie bei Resident Evil.
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Warum dieser Einkaufsdialog? Weil solche Albernheiten in Hassee vollkommen in Ordnung sind. Das hier ist ein kunterbuntes Stadtviertel mit Menschen aller Altersgruppen, diverse ethnische Hintergründe, die soziale Leiter rauf und runter. Quasi wie in einer Gemeinschaftsschule: Hier ist jeder willkommen, hier darf jeder sein, wie er will, und das finde ich wunderbar. Da kann ich auch komplett schräg sein. Das ist meine Antwort auf "Du lebst in Hassee? Warum das denn???".

Hätte es nicht mit Kismet zu tun, wenn ich Lehrer an der Gemeinschaftsschule Hassee würde?


Wer mehr über dieses Viertel lesen möchte: Linie 52, Schlimme Ecke, The Bare Necessities, Der Wanderer, Die Zimtsterne (gerade wieder mal gelesen und zu Tode gelacht, was geht nur in diesem kranken Kopf vor???)

post scriptum: Manche Dinger kann ich mir einfach nicht verkneifen.

Mittwoch, 9. August 2017

Der Rebecca-Effekt

Scheinbar sind auch Gothics nicht vor dem Rebecca-Effekt gefeit...

Die große Buba und ich haben ein regelmäßig wiederkehrendes Verhaltensmuster bei mir festgestellt, und ich glaube, wir können es auf die Hochbegabung schieben. Vielleicht findet sich ja der eine oder andere HB-Leser in diesen Zeilen wieder.

Zuächst zur Genese des Begriffs. Die große Buba und ich haben Resident Evil gespielt. Wir waren dabei, ein altes Herrenhaus zu erforschen - wir waren auch schon ziemlich weit gekommen, standen in einem düsteren Arbeitszimmer und hörten von oben einen Schrei um Hilfe. Buba: "Das klingt nach Rebecca, wir sollten schnell dahin und ihr helfen!" Hilarius: "Jaja, machen wir gleich, ich muss erst noch schauen, ob ich diese Schrotflinte jetzt mitnehmen kann oder nicht. Und wir sollten erst noch den Tresor aufbrechen, nicht, dass wir etwas verpassen!"

So haben wir gehandelt - und dann im Abspann erfahren, dass Rebecca von Monstern vernichtet wurde. Buba: "DUUUUUUUUUUU wolltest ja unbedingt noch nach der Schrotflinte suchen, ich hab dir gleich gesagt, dass Rebecca jetzt wichtiger ist, und nun ist sie tot, weil die Zombies sie gefressen haben, nur weil der Hochbegabte wieder nichts verpassen wollte, römpömpöm."

Das lässt sich abstrahieren in "Eigentlich haben wir ja eine Mission, aber nein, der HB muss erst noch alles Andere abklappern und lässt die da hinten verrecken."

Und da ist ja tatsächlich etwas dran! Wenn ich als HB mich für eine Sache voll interessiere, muss alles Andere warten. Dann habe ich keine Wahrnehmung für Anderes. Manchmal kann das unpraktisch werden: Wenn zum Beispiel etwas auf dem Herd kocht und ich plötzlich einen spannenden Artikel im Internet finde. Erst das Zischen dessen, was da auf die Herdplatte spritzt, erinnert mich dran, dass ich da ja eigentlich gerade Wichtigeres zu tun hatte.

Der Rebecca-Effekt bezieht sich also darauf, dass es mir manchmal nicht leicht fällt, anstehende Aufgaben ihrer objektiven Wichtigkeit nach zu sortieren - sondern wie ein Kleinkind gehe ich danach, was ich gerade am spannendsten finde. Und so sorgt dieser Effekt für die große Buba auch weiterhin für Titten-Platzanfälle, wenn ich eigentlich die Welt retten sollte, aber nein, da vorne blinkt ja noch etwas und da links ist eine ungeöffnete Schatztruhe. Buba: "Kannst Du jetzt bitte mal das Dorf vor der Zerstörung bewahren und den Monsterpudding besiegen???" Hilarius: "Warte, ich will nur noch schnell die Level-Ups überprüfen, und da vorne können wir noch einkaufen gehen."

And so the story goes...

Ich möchte nur noch einmal darauf verweisen, dass es für diese Neigung zur Ablenkung ein antikes Vorbild gibt, und zwar die olle Atalante. Streitbare Dame, tötete alle Männer, die scharf auf sie waren, im Wettlauf - bis da jemand so geschickt war und an der Rennbahn drei goldene Äpfel platzierte (Meilanion, du Schuft...!). Da wurde die offensichtlich hochbegabte Atalante so abgelenkt, dass sie sich danach bückte und schließlich von Hippomenes im Lauf besiegt wurde. Als Belohnung gab es Sex, leider nicht in ihrem eigenen kleinen Liebesnest, sondern in einem geweihten Tempel. Die Strafe? Absolut tierisch, sage ich nur, lässt sich nachlesen in Ovids Metamorphosen X, ein ganz wunderbar unterhaltsames-tragisches-perverses Buch (Myrrha und so, aber insgesamt eine sehr schöne Lektüre).

Wir merken: Der Rebecca-Effekt taucht immer wieder auf, und das wussten die Macher von Resident Evil natürlich ganz genau.

post scriptum: Ich fange jetzt einfach mal an, meine Beiträge mit Labels zu versehen, damit man schnell erkennen kann, ob es relevant für einen ist oder nicht.