Montag, 22. August 2016

Spice Up Your Apartment: Agarbathi


Heute ist der Titel des Beitrags mal ganz wörtlich zu nehmen. Es geht darum, der eigenen Wohnung ein bisschen Würze zu verleihen. Unlängst hatte ich mit dem Dämmerlicht über die visuelle Wahrnehmung der Wohnung geschrieben, heute geht es um das olfaktorische Element. Agarbathi (in verschiedenen Schreibweisen) ist die indische Bezeichnung für Räucherstäbchen - ach, und da geht das Chaos schon los.

Es gibt unzählige Substanzen, die beim Verbrennen bestimmte Gerüche erzeugen, Tabak zum Beispiel. Allerdings ist Zigarettengeruch in der Wohnung nicht meine Vorstellung von Wellness zuhause. Daher verwende ich spezielle Räucherware. Es gibt Sachen, die man direkt anzündet und verbrennt, es gibt aber auch Sachen, die man auf glühende Kohle legt und die dann sozusagen "indirekt" verbrennen. Das können Blätter sein, Hölzer oder Harze, die Palette ist reichhaltig.

Ich habe mich im Laufe des Studiums für Räucherstäbchen entschieden. Ich betrachte sie als einfache Weise, der Wohnung eine bestimmte Duftnote zu verleihen. Und das macht tatsächlich eine ganze Menge aus für das Wohlbefinden, auch wenn man es nicht immer aktiv wahrnimmt. Man entspannt sich, ist weniger gestresst. Wenn man schon die Möglichkeit hat, dem Riechsinn in der Wohnung Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, dann sollte man das ruhig tun.

Ganz klar: Es gibt Menschen, die bekommen tränende Augen vom Rauch, und noch viele Unverträglichkeiten mehr. Das sollte man vorher abklären. Und dann heißt es immer, ach herrje, Räucherstäbchen sind doch nicht gut für die Gesundheit. Abgesehen davon, dass es auf die Sorte ankommt (japanische Räucherstäbchen z.B. enthalten keinen Holz-Glimmspan und sind daher oft besser verträglich), so sträube ich mich ein wenig gegen den "Fetisch Gesundheit", wie Gundula Barsch die Situation in ihrem Buch zur Suchtprävention nennt. Besessen davon, immer gesund zu leben - nun, sterben werden wir eh alle einmal. Und ich habe vor, das Leben aus vollen Zügen (und gern auch einmal in einer leeren S-Bahn) zu genießen.

Japanische Räucherstäbchen, wie schon gesagt, besitzen keinen Holzspan, auf den die Kräuterpaste aufgetragen wird. Die japanischen Aromen sind in der Regel wesentlich milder als zum Beispiel indische oder tibetische. Ich mag es gern etwas knalliger, daher finde ich sie nicht so reizvoll. Wer aber seine Wohnung ein bisschen aufmotzen möchte, ohne dass der Duft "aufdringlich" wirkt, ist hiermit sehr gut beraten.

Tibetische Räucherstäbchen wirken für die daran nicht gewöhnte Nase "muffig", "dreckig", "erdig". Es sind Düfte, die eine warme Atmosphäre erzeugen, ich finde, das passt ganz gut zu der Kälte in Tibet. Ich habe zwar diverse Sorten davon, verwende sie aber nur selten, weil sie mir oft zu "schwer" sind. Balinesische Räucherstäbchen haben auch diese erdige Note, sind allerdings leichter als die tibetischen.

Ich arbeite mit indischen Räucherstäbchen. Vielen Menschen sind ihre Düfte zu intensiv oder zu süß, ich kann das gut nachvollziehen - aber wie schon gesagt, ich habe es gern etwas plakativ. Bleibt noch die Frage, welche Duftnoten man gern mag. Ich halte nicht viel von den "Supermarkt-Räucherstäbchen", die nach Seife, Chemie und Industrie riechen. Ich bestelle lieber direkt aus Indien und habe mich im Wesentlichen auf drei verschiedene Düfte festgelegt.



Nag Champa-Räucherstäbchen dürften wohl die bekanntesten Räucherstäbchen der Welt sein. "Die Blauen". Es handelt sich um einen warmen, süßlichen Duft, den es je nach Hersteller in unterschiedlicher Intensität gibt. Von "eher dezent" bis "sehr süß":

Shrinivas Sugandhalaya - Vijayshree - Goloka - Maya


Nag Chandan/Sandelholz ist ein nicht ganz so süßer Duft, weltweit verbreitet, ich kann ihn gar nicht gut beschreiben. Ich nehme eine ganz kleine herbe Note wahr, die ich sehr beruhigend finde. Verglichen mit Nag Champa sind diese Räucherstäbchen deutlich weniger süß.


Adlerholz/Aloeholz verwende ich erst seit etwa einem Jahr. Ich habe herausgefunden, dass Adlerholz eines der teuersten Räucherhölzer weltweit ist und es scheint sehr beliebt zu sein - daher habe ich mir Goloka Goodearth bestellt, eine Duftmischung mit Adlerholz. Ich mag den Duft sehr gern, gerade weil meine Nase sonst nur an Nag Champa gewöhnt war; der Duft ist deutlich leichter, frischer, ein Hauch von Zitrus. Gute Sorte für die, denen die anderen Düfte zu süß sind.

So, jetzt werde ich mal in die nächste Meditation gehen und dabei den Duft der Räucherstäbchen genießen. Das ist Wellness pur.

post scriptum: Dat is pure Edhergighie!

Sonntag, 21. August 2016

Identität - Die Geschichte von Timo und Julian (part 8)




Disclaimer: Diese Geschichte ist Fiktion. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen und Ereignissen sind rein zufällig und nicht vom Autor beabsichtigt. Das wäre ja sonst ein roman à clef, und zu solchen literarischen Kunststückchen ist der Autor sicher nicht fähig.


Identität – die Geschichte von Timo und Julian


part 8

„Die Sahne!“ rief ich.
„What?“ fragte Ju.
„Wir erzählen Cory einfach, dass die Sahne im Kofferraum aufgeplatzt und ausgelaufen ist und wir die Sauerei erstmal beseitigen müssen.“
„Aber warum sollte die Sahne aufgeplatzt sein?“
„Sowas fragt doch keiner. Keine Ahnung, weil da Sachen draufstanden. Genau, wir haben die Getränkeflaschen aus Versehen draufgestellt.“
Julian grübelte. „Okay“, meinte er schließlich, „machen wir so, ich hoffe mal, dass sie uns das abkauft.“
„Sieh es mal so, es ist ja nur zu ihrem Besten, damit sie nicht traurig ist, wenn sie erfährt, dass wir schon eine Runde Spaß ohne sie hatten. Schau mich mal an!“
Wir hatten etwa die Hälfte des Heimwegs zurückgelegt. Wir blieben kurz stehen, Ju schaute zu mir und ich untersuchte seine Pupillen.
„Okay, deine Augen sind ein bisschen blutunterlaufen und glasig, und deine Pupillen sind winzig klein, das ist normal bei Opioiden.“
„Macht nichts, wir erzählen ihr, dass das von gestern kommt und noch Katerstimmung ist.“
„Stichwort Katerstimmung: Wie geht’s dir denn mittlerweile, etwas besser?“
„Ja, und wie, seitdem die Wirkung vom Tee da ist, geht’s mir echt super.“
„Sehr schön, noch ein positiver Effekt. Weißt Du, das ist auch einer der Gründe, warum ich keinen Alk mehr trinke – die Nachwirkungen sind mir zu unangenehm. Gibt viel schönere Substanzen.“
Den Rest des Wegs legten wir schweigend zurück. Genau genommen war das erstaunlich, weil wir so viele Gesprächsimpulse gesetzt hatten; wir hätten weiter über die Teewirkung reden können, wir hätten auch schon mal unseren Trip ein wenig planen können, aber so hing jeder seinen Gedanken nach. Julian zog sein Smartphone aus der Hosentasche und rief Cory an, um ihr Bescheid zu geben. Ich konnte mir das Lachen dabei nicht verkneifen.
Schließlich waren wir zurück beim Auto. Wir luden die Zutaten für den Abend in den Kofferraum und stellten die Kiste mit den Teeutensilien daneben; wir deckten sie ab, damit niemand den Inhalt sehen konnte.
„Hoffentlich werden wir nicht von der Polizei angehalten“, meinte ich mit einem Zwinkern zu Ju. Dieser zuckte unmerklich zusammen.
„Hmm, was würden wir denn dann machen? Könnte das irgendwie gefährlich werden?“
„Also, für dich schon mal gar nicht. Du bist ja nur Beifahrer. Und ich würde dann sagen, dass ich ein Medikament gegen Husten genommen habe, die enthalten öfters Opiate. Aber ich werd mal zur Sicherheit unauffällig fahren.“
Ju schien dadurch nicht allzu beruhigt zu sein.
„Bleib ganz locker, genieß die Wirkung, passiert schon nichts.“
Als wir auf die Schnellstraße Richtung City abgebogen waren, schaute Julian wieder zu mir.
„Also ich bereue nicht, dass ich das gemacht habe. Danke für die Einladung, sozusagen!“
„Nix zu danken.“
„Doch – du hast mich gut beraten und ich habe das Gefühl, dass du auf mich aufpasst.“
„Ja, aber das ist doch selbstverständlich“, antwortete ich ihm.
„Naja, ich hätte nicht gedacht, dass wir beide mal was zusammen unternehmen.“
„Wieso? Ist der Gedanke so abwegig?“
„Ich erinnere mich noch ans Theater; ich hatte immer zu dir aufgeschaut, irgendwie hattest du immer den Masterplan und alle haben auf dich gehört.“
„War das so? Ich bekomme so was nie mit…“ Und das entsprach tatsächlich der Wahrheit. Ich bin ein Egozentriker mit Tunnelblick. Mich interessiert nicht mehr, was Andere über mich denken. Das war auch mal anders, aber ich bin froh, dass diese Phase vorbei ist. Es ist einfach zu kompliziert, sich den Vorstellungen Anderer anzupassen, nur um es ihnen Recht zu machen. Ich habe das jahrelang versucht und irgendwann gemerkt, dass ich nur selbst dabei draufzahle.
„Ja, du wirktest so erwachsen. Ich hab zu dir aufgeschaut, hab mich aber nicht getraut, dich anzusprechen.“
Jetzt ernsthaft? Ich konnte das in dem Moment nicht so richtig glauben.
„Du kannst mich ruhig jederzeit ansprechen. Ich koche auch nur mit Wasser, und in diesem Fall war ich es, der sich nicht getraut hat, dich anzusprechen.“
„Warum denn nicht?“
„Ich habe ziemliche Probleme damit, neue Leute kennenzulernen. Von mir aus gehe ich eigentlich nie auf Andere zu. Auch nicht, wenn sie mir sympathisch sind, ich hab da eine Blockade, meistens.“
„Na dann fühle ich mich geehrt, dass es bei mir anders ist!“
„Bei dir wirkt alles so unkompliziert, ich glaub, das tut mir ganz gut.“
Noch etwa zehn Minuten, bis wir bei Cory waren.
„Und du sagst, dein Mitbewohner ist auch schwul?“
„Jep“, antwortete Ju, „ich hab damit kein Problem.“
„Hast du schon mal einen Mann geküsst?“ fragte ich dreist. Wieder mal die Drogen.
„Nein… wie kommst du darauf?“
„Also Reg meinte nach dem Treffen bei ihr, dass du mindestens bi sein dürftest. Aber sag ihr bloß nicht, dass ich das gesagt hab.“
„Keine Sorge. Mindestens bi… das ist ja interessant…“
Den Rest der Fahrt blieben wir still, jeder hing seinen Gedanken nach. Oder genoss weiterhin die Wirkung des Tees, oder beides.
Endlich bogen wir in die Münstersche Straße ein, in der Corys Eltern wohnten. Zur Zeit hatte sie sturmfrei. Ein wenig gestresst – weil ich mich so sehr auf den Verkehr konzentrieren musste – blickte ich mich um, auf der Suche nach einem Parkplatz. Da war nichts zu machen… doch, am rechten Fahrbahnrand entdeckte ich eine Lücke, kaum größer als mein Wagen. Na toll. Ich hasse seitliches Einparken, und dann auch noch in diesem Zustand!
„Ju, ich kann nicht so gut einparken, ist die Lücke nicht viel zu klein?“
„Nein, das müsste passen. Warte, ich steig aus und lotse dich rein.“
„Aber nicht lachen, wenns nicht gleich klappt!“
„Ach was“, sagte Ju, stieg aus und gab mir Anweisungen. Dabei musste er selbst aufpassen, dass er nicht das Gleichgewicht verlor. Oh mann. Was würde Cory bloß sagen, wenn sie uns dabei sähe? Und dennoch: Mit einigen Zügen zuviel, schafften wir es mit Teamwork am Ende doch, den Wagen in die Lücke zu bugsieren. Julian holte die Box mit den Zutaten aus dem Wagen, ja, ich gaffte dabei wieder auf seine Arme. Wir gingen zu Corys Haustür, er stellte sich hinter mich – damit sie nicht gleich in seine Augen blicken musste – und ich klingelte.
Und wenn ich ehrlich bin, habe ich gar keine Lust, von dem Abend zu erzählen. War für mich eine totale Pleite. Der Anfang war ja noch okay, wir bereiteten alles für das Essen vor und plauderten über belanglose Dinge. Zwischendurch saßen wir um den Wohnzimmertisch herum. Cory ging ab und an in die Küche, um nach dem Essen zu sehen; währenddessen warfen Ju und ich uns vielsagende Blicke zu. Irgendwie war es ganz witzig, dass wir beide nen kleinen Insider zwischen uns hatten.
Das Essen war wunderbar – erst danach begann das Gespräch sich zu wenden. Cory und Ju sprachen über seine Exfreundin, was alles schiefgegangen ist und wie toll es doch vorher war. Und Cory berichtete von ihren eigenen Erlebnissen. Ich wurde ziemlich still. Nicht ernsthaft, oder? Ich fühlte mich ertappt… ertappt, wie ich eifersüchtig wurde. Aber worauf denn eifersüchtig? Dass ich bei ihrem Gespräch nicht mitreden konnte? Ich schaute ins Nichts und sagte überhaupt nichts mehr.
Eifersüchtig, dass Cory nur mit Ju redete? Nein. Ich wusste, dass Cory meine beste Freundin war, alles im grünen Bereich. War ich… war ich ernsthaft eifersüchtig auf Julian? Wollte ich tatsächlich lieber mit ihm allein sein? Aber wir hatten doch heute schon eine schöne Zeit zu zweit. Mensch Timo, was ist Dein verdammtes Problem, dachte ich und blickte auf den Boden. Ich bekam zu diesem Zeitpunkt überhaupt nichts mehr von ihrem Gespräch mit. Es war kurz vor Mitternacht und ich wollte nur noch nach Hause. Und zwar am liebsten allein. Ich hatte Angst vor der Rückfahrt mit Ju. Was, wenn er mich fragte, warum ich so abwesend war?
Die Zeit wollte einfach nicht vorüber gehen. Ich gähnte ein paar Mal demonstrativ, in der Hoffnung, dass wir aufbrechen konnten – aber mein wortloser Appell blieb unbemerkt. Die Wirkung des Tees war bei mir vollkommen verflogen und übrig blieb nur dieses dumpfe, etwas traurige Gefühl.
Endlich, gegen zwei Uhr, entschieden wir uns, aufzubrechen. Ich nahm Cory in den Arm, bedankte mich für den schönen Abend – so heuchlerisch war ich lange nicht mehr gewesen, aber ich wollte niemandem den Abend verderben. Ich hatte nur wenig gegessen, beim Aufstehen setzte mein Kreislauf für einen Moment aus, aber ich versuchte mir nichts anmerken zu lassen, ich wollte nur noch nach Haus. Allein sein.
Julian und ich schwiegen auf der gesamten Rückfahrt. In Frohnau angekommen stieg er aus, wir umarmten uns flüchtig.
„Ja, dann komm gut nach Hause, und ich würde sagen, wir schreiben uns“, meinte er.
Ich drehte mich um. „Jo, machen wir“, antwortete ich, ohne ihn anzuschauen. Ich stieg ins Auto, startete den Motor und verließ den Vorort. Ich versuchte, nicht zu denken. Leider funktioniert das bei mir nicht.

Der Morgen danach, Email an Reg:

„Hi Reg!
Drei Stunden geschlafen, länger ist schwer, wenn man sich wie Trash fühlt.
Ich... setz kurz nen Tee auf. Mein Körper is vollkommen im Eimer und ich muss meinen Magen mal beruhigen. Moment...
Wasser heizt grad an. Okay, also eine kleine Beschreibung von gestern. Autofahrt hat super gepasst, Stadtring war exakt bis zu meiner Abfahrt frei, war auf die Minute genau (oder so ungefähr) bei Ju. Der, total verkatert - was jetzt nicht die Überraschung war, aber wir kennen ja Katermedizin, eine Koffein, zwei ASS und eine halbe Emesan, er war etwas überfallen, aber egal. Und er war sowieso ziemlich aufgeregt, was denn nu passieren würde. Naja, wir kochen also den Tee - der Beutel hat echt ne seeeeeeeehr gute Qualität. Whatever, also runter damit, und dann sind wir in nen Park gegangen, war echt einfach schönes Wetter und wir waren total ungestört. Moment, muss mal eben in die Küche...
Naja, wir haben dann nebeneinander gelegen, weil sitzen einfach zu unentspannt war, und ihn hats richtig weggebeamt. Er ist sehr entspannt und happy geworden und ich auch, und wir haben viel erzählt. Und er hat viele echt sehr sehr nette Sachen gesagt. Hätte er vielleicht lieber nicht machen sollen, aber was hätte das geändert. In dem Moment war einfach alles schön, und ich mein das aus seiner Perspektive, für mich war das ja so gesehen nichts Neues. Ein, zwei Sätze hab ich Dir ja getickert... und es war 18 Uhr, irgendwann um viertel nach hab ich ihn dann gefragt, ob wir mal los sollen, wegen Cory halt... er meinte, ach, lass uns doch noch nen Moment hier bleiben. Und für die Checkliste, ja, ich hab ihn von oben bis unten angegrabscht, und das war SEINE Idee. Und das war schön. Und wir haben ziemlich viel Klartext geredet. Und uns beiden war klar, dass der Moment zerbrechen würde, wenn wir jetzt aufstehen, dass er dann einfach zu Ende ist. Wie das nun mal so ist. Aber es führte ja kein Weg drumherum. Du hattest Recht. Es hätte zu zweit sein sollen. Und ganz ohne irgendjemanden sonst. Ohne das Gefühl, dass der Moment aufhören muss, dieses Gefühl, was wir beide da hatten (auch seine Worte). Ich hab mit Jan damals stundenlang zusammengelegen. Aber wir haben Cory um 45 Minuten versetzt, ne halbe Ewigkeit, das muss reichen. Ju so dermaßen abgedichtet, der sah echt - lustig aus…
Und die Autofahrt war eigentlich auch noch schön. Weil er immer noch sehr schöne Sachen gesagt hat. Und auch bei Cory wars nett. 22 Uhr gings los, oder etwas später. Timo wieder stocknüchtern und dann haben erst wir geredet, dann sie. Ich hab fast gar nix mehr gesagt. Und es war ausnahmsweise mal nicht die Eifersucht, glaub ich zumindst. Es war der Umstand, dass sie mit allem, was sie da besprochen haben, mein Leben, so wie es ist, kurz und klein geschlagen haben. Teils einfach unbewusst und in keinem Fall böse gemeint. Und ich sollte nicht so egoistisch sein. Denn für Ju war es wichtig und es hat ihm gerade gut getan. Aber ich hab ab Mitternacht gebetet, dass ich endlich wegkomme. Bis zwei Uhr hats dann noch gedauert.
Und...
Und das war eigentlich auch schon mehr, als ich erzählen wollte, und ich mach jetzt Schluss, weil ich schon wieder anfange zu heulen. Ich wollte anfangen, irgendwas für die Schule zu tun, aber ich werd mich heute einfach nur noch hängen lassen.
Sorry für die ganze Texterei. Und die ganze Ich-Bezogenheit. Vielleicht hilft das Dämpfen gleich. Ich zieh das Telefon heute raus.
Liebe Grüße, Timo
PS.: Danke nochmal für den Tipp mit dem Glückstagebuch, ich arbeite jetzt diszipliniert dran. Und komm auf Ideen, hoffentlich, dass man ja so einen Nachmittag einfach wiederholen kann. Und ohne Cory. Nur wir zwei. Und auch das war seine Idee."

         fortsetzung folgt...

Samstag, 20. August 2016

Barriere aus Schweigen


Ich denke mal, er wird das hier lesen. Deswegen wechsel' ich jetzt die Perspektive und spreche Dich an, wenngleich es ein Punkt ist, den ich allgemein für wichtig erachte. Deswegen auch hier.

Manchmal haben wir Angst, uns bei anderen Menschen zu melden. Besonders, wenn sie uns - in welcher Form auch immer - am Herzen liegen. Wir stellen uns viele Fragen: Wie denkt er jetzt wohl über mich? Ich habe mich lange nicht gemeldet, ob er darüber wohl böse ist? Er hat sich ja auch lange nicht gemeldet, will er vielleicht nichts mehr mit mir zu tun haben? Soll ich dann überhaupt schreiben? Wird ihn das womöglich sogar noch wütender machen? Ich warte lieber noch etwas länger.

Und mit jedem Moment, den wir länger warten, sei es nur ein Atemzug oder ein Tag oder ein Jahr, mit jedem dieser Momente wird die Barriere aus Schweigen zwischen uns größer. Wie eine unsichtbare Mauer. Denn je länger das so geht, umso intensiver stellen wir uns diese Fragen, und umso stärker halten sie uns davon ab, die Mauer des Schweigens zu durchbrechen. Wir leben uns auseinander, wir sind "so nah und doch so fern", wie es oft heißt. Wir denken uns aktiv etwas zwischen uns kaputt, obwohl wir doch nichts weiter tun als zu schweigen.

Und mit jeder Entscheidung, sich nicht zu melden, wächst da vielleicht auch eine Angst. Eine Angst, dass wir uns in irgendeiner Situation überraschend wiedersehen. Dass wir dann nicht wissen, wie wir reagieren sollen. Obwohl wir schon so oft über diesen Fall gesprochen haben, sind wir unvorbereitet, fühlen uns für einen Augenblick hilflos. Dann rutscht uns vielleicht das Herz in die Hose, ich möchte dann vielleicht so schnell wie möglich verschwinden oder Du möchtest einfach nur unsichtbar sein, und wir wollen, dass dieser Augenblick vorüber geht.

Und dann sitzen wir danach jeder bei sich zuhaus, und wir fragen uns, ob das vielleicht der richtige Moment ist, um miteinander zu kommunizieren. Wir haben uns gesehen - sollten wir nicht irgendwie auf diese Situation reagieren? Und dann kommen wieder die Fragen, wieder die Zweifel. Was soll ich ihm denn überhaupt schreiben? Wie es mir geht? Das will er vielleicht überhaupt nicht wissen. Ich habe Angst, irgendetwas kaputt zu machen, noch mehr kaputt zu machen, als es sowieso schon ist, wenn ich jetzt die falschen Worte finde. Dann möchte er erst recht nichts mehr von mir wissen, und die Mauer des Schweigens wächst noch etwas höher und wird immer dicker.

Und das, obwohl wir uns eigentlich sehr mögen, obwohl wir miteinander doch eigentlich OK sind. Wenn da nicht Menschen wären, die das nicht verstehen, weil es zu ungewöhnlich oder zu komplex ist oder weil es nicht in einfach gestrickte Weltbilder passt. Und das wird es auch nicht, wenn wir uns jetzt schreiben, denken wir vielleicht. Dann wird das alles wieder losgehen: Sie werden wieder fragen, warum wir uns das antun, warum wir uns schreiben, warum wir uns wiedersehen wollen, wo doch scheinbar alles, was wir daraus in der Vergangenheit gezogen haben und vielleicht auch wieder daraus ziehen werden, ein Gefühl des Unglücklichseins ist.

Ich zitiere hier wieder Rainer Maria Rilke in seinem Brief an Friedrich Westhoff:

Man muss nie verzweifeln, wenn einem etwas verloren geht, ein Mensch oder eine Freude oder ein Glück; es kommt alles noch herrlicher wieder. Was abfallen muss, fällt ab; was zu uns gehört, bleibt bei uns, denn es geht alles nach Gesetzen vor sich, die größer sind als unsere Einsicht und mit denen wir nur scheinbar im Widerspruch stehen. Man muss in sich selber leben und an das ganze Leben denken, an alle seine Millionen Möglichkeiten, Weiten und Zukünfte, denen gegenüber es nichts Vergangenes oder Verlorenes gibt.

Wenn es also so bestimmt sein sollte, dass wir nicht zueinander gehören, dann sollten wir das wohl endlich wissen. Dann kann die Mauer des Schweigens höher und undurchdringlicher werden, ohne dass es uns etwas ausmacht, denn wir werden nicht berührt von dem Anderen. Wenn wir uns aber in all dieser Zeit Gedanken machen, nicht ununterbrochen, aber immer mal wieder, wenn wir uns tatsächlich die oben beschriebenen Fragen stellen, dann sollten wir einmal nachdenken, warum das so ist. Ich habe das getan.

Sie haben ja alle Recht. Ohne den Anderen wäre so Vieles einfacher. Wir haben das nun vielleicht beide in den vergangenen zwölf Monaten erlebt, und wahrschinlich werden wir das auch in der kommenden Zeit erleben. Wir haben uns in dieser Zeit vielleicht freier gefühlt, unbelasteter. Ich habe mich entspannter gefühlt, und glücklicher, und konnte mich wieder gut auf mein Leben konzentrieren, in dem Einiges vernachlässigt worden ist. Ich konnte den Kopf dafür aufbringen, meine Arbeit an der Westküste zu beenden und mich umzuorientieren. All das schien vorher blockiert.

Ich denke, dass auch Du viele Dinge in dem vergangenen Jahr anders hast angehen können, und wahrscheinlich auch einfacher. Sie haben ja alle Recht, ohne den Anderen ist so Vieles einfacher. Aber das ist zu simpel und nicht zu Ende gedacht.

Mir fehlt nämlich etwas. Und an dieser Stelle muss ich weg von dem Wir, denn ich kann nur für mich sprechen. Ich möchte Dir keine Worte in den Mund legen und keine Gedanken einfach so zuschreiben - dieser Satz dürfte Dir sehr bekannt vorkommen. Es sind die einfachen Dinge, mir fehlt Deine Nähe, Deine Sicht auf manche Dinge, Deine Treue. Es sind aber auch die folgenreicheren Dinge, die mir fehlen: Dass Du zu mir aufschaust und ich in Deinem Leben etwas bewegen kann, und dass Du mir Impulse gibst, umzudenken und etwas über mich selbst zu lernen. Das geht alles weit hinaus über den Wunsch, dass wir vielleicht zusammen die kommende dritte Staffel Twin Peaks schauen.

Was abfallen muss, fällt ab, hat er geschrieben. Ich höre nicht auf viele Menschen, ich habe meinen eigenen Kopf, aber sein Absatz gehört zu den wenigen Texten, mit denen ich mich vollkommen identifizieren kann und von denen ich gelernt habe. Was zu uns gehört, bleibt bei uns, das haben wir in unserer gemeinsamen Zeit so oft besprochen und analysiert. Ich habe Dir oft gesagt, dass ich Dich in meinem Leben haben möchte und dass ich das Gefühl habe, dass Du da hingehörst. Vielleicht fehlt uns manchmal der Mut, darauf zu vertrauen, und dass es auch noch so ist, wenn wir eine lange Zeit nicht miteinander kommunizieren. Das ist etwas, das uns bleibt und das auch in Zukunft bleiben wird.

Wir haben diese Barriere aus Schweigen jetzt durchbrochen. Und das heißt nicht, dass wir genau jetzt genau da weitermachen, wo wir zum Schluss standen. Das heißt nur, dass wir jetzt wissen, was der Andere über uns denkt. Das gibt uns Ruhe. Das macht mich glücklich, und auch ein bisschen vorfreudig, obschon ich weiß, dass wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht bereit sind, weiterzumachen. Aber wir wissen jetzt, dass es weitergeht. Es verhindert, dass die Mauer des Schweigens weiter wächst und uns immer weiter auseinander bringt.

Ich bereue nicht, dass ich mich endlich bei Dir gemeldet habe. Ich habe es so lange vor mir hergeschoben. Vielleicht aus Angst, wie Du reagierst. Vielleicht aus Angst, dass Du reagierst. Aber am stärksten war die Angst, Du könntest denken, ich sei wütend und böse auf Dich, und deswegen kam dieser Schritt zwar spät, aber vielleicht nicht zu spät.

Ich bin mir sicher, dass Du das lesen wirst. Das lesen sie jetzt alle. Und vielleicht werden bei dem Einen oder der Anderen Alarmleuchten angehen aus Sorge, wir könnten uns wieder verletzen oder in irgendeiner Form nicht gut tun. Aber irgendwann werden alle Beteiligten wissen, dass wir uns gut tun, solange wir uns nicht irgendwelchen Zwängen von außen unterwerfen müssen, die uns dazu bringen, dass wir nicht wir selbst sind, wenn wir Zeit zusammen verbringen. Genau das wussten wir eigentlich eine lange Zeit über zu genießen - das Bewusstsein, in dieser kleinen Bubble, auf unserer Weltraumbasis, uns nicht verstellen zu müssen. Lass' uns darauf auch weiterhin vertrauen, bitte.

Du weißt, dass ich Dich immer noch sehr lieb habe.

Freitag, 19. August 2016

MYSTische Welten

Der heutige Eintrag richtet sich an jemanden in Holzdorf. Dieser Jemand ist augenscheinlich hochbegabt und sucht Futter für sein Gehirn. Wie soll man sonst die Ferien überstehen? Mir geht es ja genauso - deswegen spiele ich gerade Resident Evil Zero. Allerdings sind diese Spiele eher no brainer im Gegensatz zu dem, was ich hier zur Disposition stelle; es geht um das Genre der "Grafik-Adventures".

Das muss in den Neunzigern gewesen sein, da hat ein Spiel die Welt im Sturm erobert und enorme Verkaufszahlen eingefahren. Damals waren CDs noch etwas ganz Neues - dieses Spiel war für Millionen Menschen Grund, sich ein CD-Laufwerk zuzulegen. "Hast du schon davon gehört?" - "Das solltest du unbedingt mal ausprobieren!"

Schnitt. Es tritt auf: Meine leicht verrückte Tante aus Berlin, die schon immer gewusst hat, dass ich ein bisschen anders bin. Eine kleine Leuchte. Die Tante schenkt mir eben jenes Spiel, ich solle das mal ausprobieren, das könnte mir gefallen. Habe ich gemacht und mich darin verliebt. Es war ein Volltreffer, Liebe auf den ersten Blick, das Spiel Myst.


Wie beschreibe ich dieses Spiel am besten? Am besten gar nicht! Das ist ein Spiel, dem man sich einfach unterwerfen sollte. Hineinstürzen, im wahrsten Sinne des Wortes. Der Spieler landet am Bootssteg einer kleinen, scheinbar verlassenen Insel. Keine Menschenseele, nur ein paar Notizen übrig. Intuitiv klickt man sich durch die Gegend, findet Hinweise, was passiert ist, wo man ist, es puzzelt sich ein kleines Universum zusammen.

Da ist Hirnarbeit gefragt: Es gibt eine Menge Rätsel zu lösen, manche leichter, manche echte Hirnzermarterer. Man braucht auf jeden Fall Stift und Papier, um sich wichtige Informationen zu notieren, die man auf der Reise verteilt immer mal wieder findet. Die Landschaften, die man durchstreift, sind ein Genuss, und es wird viel mit optischen und akustischen Inputs gearbeitet.

Das Geniale daran ist: Es gibt kaum Text in dem Spiel. Das Gehirn hat eine Menge damit zu tun, sich die Geschichte der Brüder Sirrus und Achenar zu erschließen. Man sucht nach Hinweisen an den unmöglichsten Stellen, und hier freut sich das hochbegabte Gehirn: Endlich knackige Rätsel, kombiniert mit schöner Grafik (heute veraltet, klar, schmälert die Qualität keinesfalls) und einem wunderbaren Ambient-Soundtrack. (daher NIEMALS in die Komplettlösung schauen, denn es geht ja gerade um das Lösen der Rätsel!)

Es gibt verschiedene Enden in dem Spiel, aber wer mitdenkt, wird den Weg zum besten Ende finden, das eine Art Cliffhanger darstellt. Ja, aus diesem Spiel hat sich eine fünfteilige Reihe entwickelt (plus Spin-Offs), dazu eine Roman-Trilogie, man hat den Grundgedanken ordentlich ausgeschlachtet. Was der Grundgedanke ist?

Bücher. Es geht um das Volk der D'ni, die die Fähigkeit besitzen, Bücher über phantastische Welten zu schreiben. Mithilfe dieser Bücher können sie dann in die selbst geschaffene Welt reisen. Es geht um die Verantwortung, die damit zusammenhängt: Darf man einfach so einen Volksstamm erschaffen? Und zwar so, dass man selbst vergöttert wird? Ich will gar nicht zuviel erzählen, sondern nur kurz anreißen. Mit Myst öffnen sich Welten.

Die Spiele sind qualitativ hochwertig, anspruchsvoll und sie sind von Teil zu Teil besser geworden (wobei ich den Abschluss der Reihe, End of Ages, noch nicht so ganz liebgewonnen habe). Es empfiehlt sich, mit dem Original zu starten und die Reihe nach folgender Chronologie zu erleben:

Myst: Das Buch Atrus' (ein Roman, der die Vorgeschichte des ersten Spiels zeichnet)
Myst
Riven
Myst III: Exile
Myst IV: Revelation
Myst V: End of Ages

Kann sein, dass die Technik auf neueren Geräten nicht mehr so rund läuft - hochbegabte neugierige Entdecker, findet Wege, dieses Spiel zu spielen! Es ist zeitlos, es lohnt sich! Ich finde übrigens die realtime 3D-Umsetzung mit dem Namen realMyst richtig gut. Im Spiel vergehen Tag und Nacht, während man forscht, das Wetter wechselt, großartig. Man merkt: Ich war eine Zeitlang richtig besessen davon.

Myst hat Nachahmer losgetreten. Es folgte eine gewaltige Welle dieser Grafikadventures, manche besser, manche schlechter, aber alle mit den für das Genre typischen anspruchsvollen Rätseln, fantastischen Landschaften und wunderbaren Melodien. Ein paar gute Spiele in der Ecke:


Schizm hat den Schwierigkeitsgrad deutlich raufgedreht - und Sequels hervorgebracht. Ich empfehle die DVD-Version, denn bei der 5CD-Version fehlen einige Rätsel und Animationen.


Auch Aura konnte einen Nachfolger hervorbringen - Zeichen dafür, dass von den Programmierern einiges richtig gemacht worden ist.


Und die Atlantis-Reihe habe ich richtig liebgewonnen, gerade wegen ihrer seltsamen Eigenheiten. Es war hübsch anzuschauen und ein Genuss, zu rätseln!

Liebe Hochbegabte, ja, auch Ihr Holzdörfler, lasst Euch nicht von der antiquiert wirkenden Technik abschrecken: In der Essenz haben wir hier hoch anspruchsvolle, ästhetische Spiele, die diesen Dr Hilarius auch nach über zwanzig Jahren noch begeistern.

post scriptum: Ich liebe meine verrückte Tante in Berlin!

Donnerstag, 18. August 2016

Psychonautik


Disclaimer: Dieser Beitrag soll keine Werbung für den Konsum psychedelischer Substanzen darstellen, sondern einen Beitrag zur Aufklärung über eben jene leisten. Er soll Motivationen beschreiben und Hinweise zur Vorsicht geben.

Dieser Beitrag ist nicht für jüngere Leser geeignet. 

Neugier. Sie treibt die Menschen um, treibt sie voran, in neue Entdeckungen und in große Gefahren. Wenn immer diese potentielle Gefahr mitschwingt... wäre es dann nicht viel besser, nicht neugierig zu sein? Better safe than sorry, sagt der Amerikaner. Nicht jeder Mensch kann entschlossen gegen seine Neugier kämpfen. Nicht jeder kann sie im Zaum halten. Und dann kommt es eben so, dann muss man mit der Hand auf die Herdplatte fassen, um auch wirklich zu wissen, ob sie heiß ist.

Man weiß, dass da ein Risiko mitschwingt. Und deswegen bereitet man sich vor. Man sammelt Informationen - was ist alles bereits über den Bereich bekannt, den ich noch nicht gesehen habe? Worauf muss ich achten, gibt es Vorsichtsmaßnahmen zu beachten? Ein Tor, wer einfach frohen Mutes drauflos wandert. Ein guter Entdecker ist gewappnet für die Reise - und damit wären wir beim Thema.

Manch ein Mensch denkt sich, hmmmm, gibt es vielleicht Sachen, die ich noch nicht gesehen habe? Dinge, die ich noch nicht ausprobiert habe? Seiten an mir, die ich erst noch kennen lernen muss? Es gibt verschiedenste Anlässe, sich auf das Gebiet der Psychonautik zu begeben, das ist schon seit Tausenden von Jahren so. Der Mensch war immer neugierig und er wird immer neugierig sein.

Er fragt sich, was das ist. Das "Ich". Die "Seele". Das, was man mit dem Auge nicht begreifen kann. Das, was über Muskeln und Schmuck hinausgeht, das, was in uns steckt. Es gibt viele Erklärungsansätze, immer wieder haben Menschen versucht, sich selbst und ihren Mitmenschen zu erklären, dass es da mehr gibt zwischen Himmel und Erde, als wir wahrnehmen.

Aber jener Mensch kann noch so viele Aufsätze lesen, noch so viele wissenschaftliche Abhandlungen durcharbeiten und sich preisgekrönte Dokumentationen anschauen - nichts kommt dem Erlebnis gleich, die eigene Seele zu erforschen. Das kann man nicht beschreiben, das kann man nicht in Worte fassen. Man erkennt Konzepte, die für den Moment der Erkenntnis strahlend hell aufleuchten - Dinge, die man im normalen Leben aus unterschiedlichsten Gründen nie gedacht hätte.

Im Englischen gilt das Erlebnis, die eigene Seele zu bereisen, als ineffable. Das heißt ziemlich wörtlich, dass man es nicht aussprechen kann, man kann es nicht sagen, nicht in Worte fassen. Man kann es nur erleben und dankbar sein, dass man diese Erfahrung machen durfte. Eigener Erkenntnisgewinn. Der pure Ego-Trip.

Über die Zeitalter hinweg haben mutige Menschen es gewagt, mithilfe diverser Pflanzen und Tiere das Tor zu öffnen in ihre eigene Seele. Sie wurden als Schamanen und Medizinmänner verehrt und gefürchtet. Und auch wenn sich viele Psychonauten heute nicht mehr als Schamanen bezeichnen würden, bleibt das Konzept immer gleich: Der Schlüssel zur eigenen Seele, das Tor ins Ich.

Kurze Griechischstunde zwischendurch (und ich werd' mir wieder Korrekturen einfangen, whatever):
psyche - die Seele
naus - das Schiff
delos - offen, offenkundig
Und wer nun ein bisschen mit Sprache spielt, einfach weil er es kann, kann sich die Bedeutungen solcher Worte wie psychedelisch oder Psychonautik selbst zusammenreimen.

Zeit für klarere Sprache!

Psychedelische Substanzen - Halluzinogene, Dissoziativa und derer mehr -funktionieren als Schlüssel zur eigenen Seele. Im nüchternen Normalzustand ist unser Gehirn in der Lage, unwichtige oder komplett irrelevante Informationen und Impulse auszublenden. Zum Glück ist das so: Sonst wären wir mit einem einfachen Gang über eine Ampel schon überfordert, weil wir uns nicht all der Sinneseindrücke erwehren könnten.

Bei der Entscheidung, auf einen Trip zu gehen, ist dieser Effekt allerdings durchaus erwünscht. Wir möchten, dass das Gehirn in diesem Zustand alle Gedanken zulässt, egal wie unkonventionell oder unerhört sie auch sein mögen - denn nur dadurch schaffen wir es, neue Einsichten zu bekommen und aus dem Erlebnis etwas mitzunehmen. Aldous Huxley nannte diesen Zustand Mind at Large: Das Gehirn ist von der Leine gelassen, quasi entfesselt, und man kann nur rezipieren, alles aufnehmen, was passiert, meistens ohne es in passende Worte fassen zu können (s.oben).

Ohne den Einsatz psychedelischer Substanzen ist dieser Zustand nur durch (mitunter jahre)langes Training und Disziplin erreichbar. Die dafür nötige Geduld können viele Menschen nicht aufbringen.

Etwas Geduld scheint mir aber in jedem Fall angebracht: Im Laufe meiner Präventionsarbeit bin ich zu dem Schluss gekommen, dass man sich erst ab einem Alter von etwa fünfundzwanzig Jahren der Psychonautik widmen sollte. Eine gewisse Reife halte ich für nötig, damit man von den Eindrücken auf der Reise nicht überfordert wird. So etwas kann nämlich schnell in einen sogenannten "Horrortrip" entgleiten, der Gefahren mit sich bringt (wenngleich er auch großes Entwicklungspotential birgt).

Beim Testen einer neuen psychedelischen Substanz sollte man sich einen "Tripsitter" holen: Jemand, der während des Trips nüchtern bleibt und aufpasst, idealerweise jemand, der mit der entsprechenden Substanz bereits Erfahrungen gesammelt hat und den Psychonauten im Stressfall "runterbringen" kann.

Mutig voran, Segel setzen! Turn on, tune in, drop out umsetzen!

Neben Reife und Vor- und Nachbereitung sollte unbedingt auf die rechtliche Situation geachtet werden. Viele psychedelische Substanzen (wie zum Beispiel LSD oder DMT) fallen in Deutschland unter Anlage I des Betäubungsmittelgesetzes. Sie sind damit nicht verkehrs- und nicht verschreibungsfähig und der Umgang mit ihnen ist strafbar (ausgenommen der Konsum selbst, der in Deutschland unter den Tatbestand der "Selbstschädigung" fällt). Daher sollte man sich vorher ausreichend - lieber zu umfangreich - über die Substanz, ihre Haupt- und Nebenwirkungen, ihre Chancen und Gefahren informiert haben, aber dann steht dem psychedelischen Erlebnis nichts mehr im Weg.

Wichtige Werke in dieser Sache:
Timothy Leary: "The Psychedelic Experience"
Alexander Shulgin: "PiHKAL"
Anlage I des BtmG

post scriptum: Meine Mutter hatte einen schönen Ausdruck, wenn sich jemand ungeschickt anstellt. "Mein Nachbar hat den Wagen heute wieder etwas appeldrabsch eingeparkt." Ich fand das Wort sehr witzig, mein Gehirn hat direkt ein Bild dazu entworfen, so dass appeldrabsch mit unbeholfen/seltsam/komisch/umständlich gleichgesetzt und gespeichert wurde. Es passte einfach so gut. "Guck' mal, die Drossel läuft da vorne ein bisschen appeldrabsch herum." - "Du hast Deine Shirts etwas appeldrabsch zusammengelegt." Fein, klingt gut, wend' ich immer mal wieder an.

Und dann kommt meine Gaby in Spiel. Sie hört das Wort immer mal wieder. Genau so, wie ich es damals von meiner Mutter gehört habe. Die große Buba reagiert so wie ich damals - sie scheint das Wort passend zu finden und nimmt es in ihren Wortschatz auf.

Pointe: Der plattdeutsche Ausdruck appeldwatsch bedeutet "Quatsch".

Mittwoch, 17. August 2016

VR Coaster


Vom kulinarischen Hochgenuss zu einem anderen - den Freizeitparks und Achterbahnen. Kein Jahr vergeht derzeit ohne neue Pionierarbeit, ohne wegbereitende Entwicklungen und große Schritte nach vorn. Über eine aktuelle Entwicklung bin ich derzeit aber noch sehr gespaltener Meinung - das Aufmotzen bereits bestehender Achterbahnen durch Virtual Reality. Das Prinzip ist einfach: Einsteigen, Sicherungsbügel anlegen, VR-Headset aufsetzen. Natürlich ist die virtuelle Welt genauestens auf den Streckenverlauf und die Bewegungen der Achterbahn abgestimmt; größere Probleme gibt es, wenn zwischen realen Bewegungen und deren Projektionen in der VR eine Verzögerung liegt - das kann bei Benutzern zu Übelkeit führen.

Ich frage mich, ob das neue Konzept wirklich so toll ist. Derzeit ist es so, dass man mit einem kleinen Aufpreis auf seiner Fahrt das VR-Headset nutzen kann oder aber ganz normal fahren, wie sonst auch. Ich persönlich genieße Bewegungsfreiheit in Achterbahnen. Ich bin ein Feind von Schulterbügeln. Wenn ich mir nun vorstelle, dass ich eines von diesen doch relativ unhandlichen Headsets trage, während ich in der Achterbahn herumgeschleudert werde...

Ich kann mir das nicht sehr gut vorstellen. Irgendwas widerstrebt mir bei der Idee. Dennoch wäre es unsinnig, jetzt ein Urteil zu fällen. Irgendwann werde ich das sicherlich testen; in Deutschland findet man das derzeit nur im Europa-Park im Alpenexpress Enzian. Mal schauen, ob sich diese Entwicklung durchsetzen kann und in Zukunft in mehreren Vergnügungsparks Verbreitung findet.

Dienstag, 16. August 2016

Bekenntnisse eines Connoisseurs


Gestern war ich beim Zahnarzt zur Routineuntersuchung. Ich habe gerne mal Angst vor dem Zahnarzt, und nicht ohne Grund: Meine Zähne scheinen einem Dentinfriedhof zu gleichen, regelmäßig werden neue Gräber ausgehoben und gefüllt. Da kommt gern mal Handlungsbedarf vor. Der Hauptgrund dafür ist meine Zahnpflege, die phasenweise grauenhaft unordentlich ist. Ich schiebe das im Wesentlichen auf die Hochbegabung, die mich oft an andere Dinge denken lässt, so dass ich Grundlegendes vernachlässige oder komplett vergesse. Manchmal esse ich zwei Tage lang nichts, weil ich einfach nicht dran denke, und trinken tu ich sowieso zu wenig. Ein weiterer Grund ist mein sweet tooth - zu gern mag ich Süßes. Angesichts dieses Umstandes war das gestern fast eine Premiere - nichts zu tun, alles in Ordnung. Darf gern so bleiben.

Aber auf den Geschmack auf Süßes muss ich noch einmal zurückkommen. Schokolade: Das Mastfutter unter den süßen Genüssen. Ich esse nicht mehr so gern Schokolade wie noch vor zehn, zwanzig Jahren. Sie ist mir einfach zu langweilig; mittlerweile mag ich raffinierte Kombinationen verschiedener Aromen und bin genau aus diesem Grund auf Trüffelpralinen umgestiegen. Es gibt nur wenige Sorten, die ich ein zweites oder drittes Mal esse - weißer Marc de Champagne-, Cointreau- oder Waldmeistertrüffel, Kir Royal, Mozartkugeln. Früher war es mir sehr wichtig, dass sie kein Alkohol enthalten, mittlerweile fehlt mir bei den alkoholfreien Pralinen einfach die Vielfalt.

Und die findet man in diesem Bereich in erstaunlichem Maß: Biertrüffel, Banane-Curry, Sauerkirsch-Chili, verschiedene Cocktails. Ich liebe es, die Augen zu schließen und mich zurückzulehnen, während ich eine neue Sorte probiere. Jedes Aroma herausschmecken, so wie die Ratten im Film Ratatouille. Ich bekenne: Wenngleich ich oft gänzlich auf Süßes verzichten würde, weil es meiner Haut nicht gut tut, bekomme ich sofort leuchtende Augen, wenn ich an einer Confiserie vorbeigehe und eine neue Sorte entdecke.

Interessant, ich ticke da genau wie Timo (Zufall?) und das wiederum erinnert mich, dass ich bald mal den nächsten Teil der Geschichte um die beiden Jungs posten sollte.