Samstag, 20. August 2016

Barriere aus Schweigen


Ich denke mal, er wird das hier lesen. Deswegen wechsel' ich jetzt die Perspektive und spreche Dich an, wenngleich es ein Punkt ist, den ich allgemein für wichtig erachte. Deswegen auch hier.

Manchmal haben wir Angst, uns bei anderen Menschen zu melden. Besonders, wenn sie uns - in welcher Form auch immer - am Herzen liegen. Wir stellen uns viele Fragen: Wie denkt er jetzt wohl über mich? Ich habe mich lange nicht gemeldet, ob er darüber wohl böse ist? Er hat sich ja auch lange nicht gemeldet, will er vielleicht nichts mehr mit mir zu tun haben? Soll ich dann überhaupt schreiben? Wird ihn das womöglich sogar noch wütender machen? Ich warte lieber noch etwas länger.

Und mit jedem Moment, den wir länger warten, sei es nur ein Atemzug oder ein Tag oder ein Jahr, mit jedem dieser Momente wird die Barriere aus Schweigen zwischen uns größer. Wie eine unsichtbare Mauer. Denn je länger das so geht, umso intensiver stellen wir uns diese Fragen, und umso stärker halten sie uns davon ab, die Mauer des Schweigens zu durchbrechen. Wir leben uns auseinander, wir sind "so nah und doch so fern", wie es oft heißt. Wir denken uns aktiv etwas zwischen uns kaputt, obwohl wir doch nichts weiter tun als zu schweigen.

Und mit jeder Entscheidung, sich nicht zu melden, wächst da vielleicht auch eine Angst. Eine Angst, dass wir uns in irgendeiner Situation überraschend wiedersehen. Dass wir dann nicht wissen, wie wir reagieren sollen. Obwohl wir schon so oft über diesen Fall gesprochen haben, sind wir unvorbereitet, fühlen uns für einen Augenblick hilflos. Dann rutscht uns vielleicht das Herz in die Hose, ich möchte dann vielleicht so schnell wie möglich verschwinden oder Du möchtest einfach nur unsichtbar sein, und wir wollen, dass dieser Augenblick vorüber geht.

Und dann sitzen wir danach jeder bei sich zuhaus, und wir fragen uns, ob das vielleicht der richtige Moment ist, um miteinander zu kommunizieren. Wir haben uns gesehen - sollten wir nicht irgendwie auf diese Situation reagieren? Und dann kommen wieder die Fragen, wieder die Zweifel. Was soll ich ihm denn überhaupt schreiben? Wie es mir geht? Das will er vielleicht überhaupt nicht wissen. Ich habe Angst, irgendetwas kaputt zu machen, noch mehr kaputt zu machen, als es sowieso schon ist, wenn ich jetzt die falschen Worte finde. Dann möchte er erst recht nichts mehr von mir wissen, und die Mauer des Schweigens wächst noch etwas höher und wird immer dicker.

Und das, obwohl wir uns eigentlich sehr mögen, obwohl wir miteinander doch eigentlich OK sind. Wenn da nicht Menschen wären, die das nicht verstehen, weil es zu ungewöhnlich oder zu komplex ist oder weil es nicht in einfach gestrickte Weltbilder passt. Und das wird es auch nicht, wenn wir uns jetzt schreiben, denken wir vielleicht. Dann wird das alles wieder losgehen: Sie werden wieder fragen, warum wir uns das antun, warum wir uns schreiben, warum wir uns wiedersehen wollen, wo doch scheinbar alles, was wir daraus in der Vergangenheit gezogen haben und vielleicht auch wieder daraus ziehen werden, ein Gefühl des Unglücklichseins ist.

Ich zitiere hier wieder Rainer Maria Rilke in seinem Brief an Friedrich Westhoff:

Man muss nie verzweifeln, wenn einem etwas verloren geht, ein Mensch oder eine Freude oder ein Glück; es kommt alles noch herrlicher wieder. Was abfallen muss, fällt ab; was zu uns gehört, bleibt bei uns, denn es geht alles nach Gesetzen vor sich, die größer sind als unsere Einsicht und mit denen wir nur scheinbar im Widerspruch stehen. Man muss in sich selber leben und an das ganze Leben denken, an alle seine Millionen Möglichkeiten, Weiten und Zukünfte, denen gegenüber es nichts Vergangenes oder Verlorenes gibt.

Wenn es also so bestimmt sein sollte, dass wir nicht zueinander gehören, dann sollten wir das wohl endlich wissen. Dann kann die Mauer des Schweigens höher und undurchdringlicher werden, ohne dass es uns etwas ausmacht, denn wir werden nicht berührt von dem Anderen. Wenn wir uns aber in all dieser Zeit Gedanken machen, nicht ununterbrochen, aber immer mal wieder, wenn wir uns tatsächlich die oben beschriebenen Fragen stellen, dann sollten wir einmal nachdenken, warum das so ist. Ich habe das getan.

Sie haben ja alle Recht. Ohne den Anderen wäre so Vieles einfacher. Wir haben das nun vielleicht beide in den vergangenen zwölf Monaten erlebt, und wahrschinlich werden wir das auch in der kommenden Zeit erleben. Wir haben uns in dieser Zeit vielleicht freier gefühlt, unbelasteter. Ich habe mich entspannter gefühlt, und glücklicher, und konnte mich wieder gut auf mein Leben konzentrieren, in dem Einiges vernachlässigt worden ist. Ich konnte den Kopf dafür aufbringen, meine Arbeit an der Westküste zu beenden und mich umzuorientieren. All das schien vorher blockiert.

Ich denke, dass auch Du viele Dinge in dem vergangenen Jahr anders hast angehen können, und wahrscheinlich auch einfacher. Sie haben ja alle Recht, ohne den Anderen ist so Vieles einfacher. Aber das ist zu simpel und nicht zu Ende gedacht.

Mir fehlt nämlich etwas. Und an dieser Stelle muss ich weg von dem Wir, denn ich kann nur für mich sprechen. Ich möchte Dir keine Worte in den Mund legen und keine Gedanken einfach so zuschreiben - dieser Satz dürfte Dir sehr bekannt vorkommen. Es sind die einfachen Dinge, mir fehlt Deine Nähe, Deine Sicht auf manche Dinge, Deine Treue. Es sind aber auch die folgenreicheren Dinge, die mir fehlen: Dass Du zu mir aufschaust und ich in Deinem Leben etwas bewegen kann, und dass Du mir Impulse gibst, umzudenken und etwas über mich selbst zu lernen. Das geht alles weit hinaus über den Wunsch, dass wir vielleicht zusammen die kommende dritte Staffel Twin Peaks schauen.

Was abfallen muss, fällt ab, hat er geschrieben. Ich höre nicht auf viele Menschen, ich habe meinen eigenen Kopf, aber sein Absatz gehört zu den wenigen Texten, mit denen ich mich vollkommen identifizieren kann und von denen ich gelernt habe. Was zu uns gehört, bleibt bei uns, das haben wir in unserer gemeinsamen Zeit so oft besprochen und analysiert. Ich habe Dir oft gesagt, dass ich Dich in meinem Leben haben möchte und dass ich das Gefühl habe, dass Du da hingehörst. Vielleicht fehlt uns manchmal der Mut, darauf zu vertrauen, und dass es auch noch so ist, wenn wir eine lange Zeit nicht miteinander kommunizieren. Das ist etwas, das uns bleibt und das auch in Zukunft bleiben wird.

Wir haben diese Barriere aus Schweigen jetzt durchbrochen. Und das heißt nicht, dass wir genau jetzt genau da weitermachen, wo wir zum Schluss standen. Das heißt nur, dass wir jetzt wissen, was der Andere über uns denkt. Das gibt uns Ruhe. Das macht mich glücklich, und auch ein bisschen vorfreudig, obschon ich weiß, dass wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht bereit sind, weiterzumachen. Aber wir wissen jetzt, dass es weitergeht. Es verhindert, dass die Mauer des Schweigens weiter wächst und uns immer weiter auseinander bringt.

Ich bereue nicht, dass ich mich endlich bei Dir gemeldet habe. Ich habe es so lange vor mir hergeschoben. Vielleicht aus Angst, wie Du reagierst. Vielleicht aus Angst, dass Du reagierst. Aber am stärksten war die Angst, Du könntest denken, ich sei wütend und böse auf Dich, und deswegen kam dieser Schritt zwar spät, aber vielleicht nicht zu spät.

Ich bin mir sicher, dass Du das lesen wirst. Das lesen sie jetzt alle. Und vielleicht werden bei dem Einen oder der Anderen Alarmleuchten angehen aus Sorge, wir könnten uns wieder verletzen oder in irgendeiner Form nicht gut tun. Aber irgendwann werden alle Beteiligten wissen, dass wir uns gut tun, solange wir uns nicht irgendwelchen Zwängen von außen unterwerfen müssen, die uns dazu bringen, dass wir nicht wir selbst sind, wenn wir Zeit zusammen verbringen. Genau das wussten wir eigentlich eine lange Zeit über zu genießen - das Bewusstsein, in dieser kleinen Bubble, auf unserer Weltraumbasis, uns nicht verstellen zu müssen. Lass' uns darauf auch weiterhin vertrauen, bitte.

Du weißt, dass ich Dich immer noch sehr lieb habe.

Freitag, 19. August 2016

MYSTische Welten

Der heutige Eintrag richtet sich an jemanden in Holzdorf. Dieser Jemand ist augenscheinlich hochbegabt und sucht Futter für sein Gehirn. Wie soll man sonst die Ferien überstehen? Mir geht es ja genauso - deswegen spiele ich gerade Resident Evil Zero. Allerdings sind diese Spiele eher no brainer im Gegensatz zu dem, was ich hier zur Disposition stelle; es geht um das Genre der "Grafik-Adventures".

Das muss in den Neunzigern gewesen sein, da hat ein Spiel die Welt im Sturm erobert und enorme Verkaufszahlen eingefahren. Damals waren CDs noch etwas ganz Neues - dieses Spiel war für Millionen Menschen Grund, sich ein CD-Laufwerk zuzulegen. "Hast du schon davon gehört?" - "Das solltest du unbedingt mal ausprobieren!"

Schnitt. Es tritt auf: Meine leicht verrückte Tante aus Berlin, die schon immer gewusst hat, dass ich ein bisschen anders bin. Eine kleine Leuchte. Die Tante schenkt mir eben jenes Spiel, ich solle das mal ausprobieren, das könnte mir gefallen. Habe ich gemacht und mich darin verliebt. Es war ein Volltreffer, Liebe auf den ersten Blick, das Spiel Myst.


Wie beschreibe ich dieses Spiel am besten? Am besten gar nicht! Das ist ein Spiel, dem man sich einfach unterwerfen sollte. Hineinstürzen, im wahrsten Sinne des Wortes. Der Spieler landet am Bootssteg einer kleinen, scheinbar verlassenen Insel. Keine Menschenseele, nur ein paar Notizen übrig. Intuitiv klickt man sich durch die Gegend, findet Hinweise, was passiert ist, wo man ist, es puzzelt sich ein kleines Universum zusammen.

Da ist Hirnarbeit gefragt: Es gibt eine Menge Rätsel zu lösen, manche leichter, manche echte Hirnzermarterer. Man braucht auf jeden Fall Stift und Papier, um sich wichtige Informationen zu notieren, die man auf der Reise verteilt immer mal wieder findet. Die Landschaften, die man durchstreift, sind ein Genuss, und es wird viel mit optischen und akustischen Inputs gearbeitet.

Das Geniale daran ist: Es gibt kaum Text in dem Spiel. Das Gehirn hat eine Menge damit zu tun, sich die Geschichte der Brüder Sirrus und Achenar zu erschließen. Man sucht nach Hinweisen an den unmöglichsten Stellen, und hier freut sich das hochbegabte Gehirn: Endlich knackige Rätsel, kombiniert mit schöner Grafik (heute veraltet, klar, schmälert die Qualität keinesfalls) und einem wunderbaren Ambient-Soundtrack. (daher NIEMALS in die Komplettlösung schauen, denn es geht ja gerade um das Lösen der Rätsel!)

Es gibt verschiedene Enden in dem Spiel, aber wer mitdenkt, wird den Weg zum besten Ende finden, das eine Art Cliffhanger darstellt. Ja, aus diesem Spiel hat sich eine fünfteilige Reihe entwickelt (plus Spin-Offs), dazu eine Roman-Trilogie, man hat den Grundgedanken ordentlich ausgeschlachtet. Was der Grundgedanke ist?

Bücher. Es geht um das Volk der D'ni, die die Fähigkeit besitzen, Bücher über phantastische Welten zu schreiben. Mithilfe dieser Bücher können sie dann in die selbst geschaffene Welt reisen. Es geht um die Verantwortung, die damit zusammenhängt: Darf man einfach so einen Volksstamm erschaffen? Und zwar so, dass man selbst vergöttert wird? Ich will gar nicht zuviel erzählen, sondern nur kurz anreißen. Mit Myst öffnen sich Welten.

Die Spiele sind qualitativ hochwertig, anspruchsvoll und sie sind von Teil zu Teil besser geworden (wobei ich den Abschluss der Reihe, End of Ages, noch nicht so ganz liebgewonnen habe). Es empfiehlt sich, mit dem Original zu starten und die Reihe nach folgender Chronologie zu erleben:

Myst: Das Buch Atrus' (ein Roman, der die Vorgeschichte des ersten Spiels zeichnet)
Myst
Riven
Myst III: Exile
Myst IV: Revelation
Myst V: End of Ages

Kann sein, dass die Technik auf neueren Geräten nicht mehr so rund läuft - hochbegabte neugierige Entdecker, findet Wege, dieses Spiel zu spielen! Es ist zeitlos, es lohnt sich! Ich finde übrigens die realtime 3D-Umsetzung mit dem Namen realMyst richtig gut. Im Spiel vergehen Tag und Nacht, während man forscht, das Wetter wechselt, großartig. Man merkt: Ich war eine Zeitlang richtig besessen davon.

Myst hat Nachahmer losgetreten. Es folgte eine gewaltige Welle dieser Grafikadventures, manche besser, manche schlechter, aber alle mit den für das Genre typischen anspruchsvollen Rätseln, fantastischen Landschaften und wunderbaren Melodien. Ein paar gute Spiele in der Ecke:


Schizm hat den Schwierigkeitsgrad deutlich raufgedreht - und Sequels hervorgebracht. Ich empfehle die DVD-Version, denn bei der 5CD-Version fehlen einige Rätsel und Animationen.


Auch Aura konnte einen Nachfolger hervorbringen - Zeichen dafür, dass von den Programmierern einiges richtig gemacht worden ist.


Und die Atlantis-Reihe habe ich richtig liebgewonnen, gerade wegen ihrer seltsamen Eigenheiten. Es war hübsch anzuschauen und ein Genuss, zu rätseln!

Liebe Hochbegabte, ja, auch Ihr Holzdörfler, lasst Euch nicht von der antiquiert wirkenden Technik abschrecken: In der Essenz haben wir hier hoch anspruchsvolle, ästhetische Spiele, die diesen Dr Hilarius auch nach über zwanzig Jahren noch begeistern.

post scriptum: Ich liebe meine verrückte Tante in Berlin!

Donnerstag, 18. August 2016

Psychonautik


Disclaimer: Dieser Beitrag soll keine Werbung für den Konsum psychedelischer Substanzen darstellen, sondern einen Beitrag zur Aufklärung über eben jene leisten. Er soll Motivationen beschreiben und Hinweise zur Vorsicht geben.

Dieser Beitrag ist nicht für jüngere Leser geeignet. 

Neugier. Sie treibt die Menschen um, treibt sie voran, in neue Entdeckungen und in große Gefahren. Wenn immer diese potentielle Gefahr mitschwingt... wäre es dann nicht viel besser, nicht neugierig zu sein? Better safe than sorry, sagt der Amerikaner. Nicht jeder Mensch kann entschlossen gegen seine Neugier kämpfen. Nicht jeder kann sie im Zaum halten. Und dann kommt es eben so, dann muss man mit der Hand auf die Herdplatte fassen, um auch wirklich zu wissen, ob sie heiß ist.

Man weiß, dass da ein Risiko mitschwingt. Und deswegen bereitet man sich vor. Man sammelt Informationen - was ist alles bereits über den Bereich bekannt, den ich noch nicht gesehen habe? Worauf muss ich achten, gibt es Vorsichtsmaßnahmen zu beachten? Ein Tor, wer einfach frohen Mutes drauflos wandert. Ein guter Entdecker ist gewappnet für die Reise - und damit wären wir beim Thema.

Manch ein Mensch denkt sich, hmmmm, gibt es vielleicht Sachen, die ich noch nicht gesehen habe? Dinge, die ich noch nicht ausprobiert habe? Seiten an mir, die ich erst noch kennen lernen muss? Es gibt verschiedenste Anlässe, sich auf das Gebiet der Psychonautik zu begeben, das ist schon seit Tausenden von Jahren so. Der Mensch war immer neugierig und er wird immer neugierig sein.

Er fragt sich, was das ist. Das "Ich". Die "Seele". Das, was man mit dem Auge nicht begreifen kann. Das, was über Muskeln und Schmuck hinausgeht, das, was in uns steckt. Es gibt viele Erklärungsansätze, immer wieder haben Menschen versucht, sich selbst und ihren Mitmenschen zu erklären, dass es da mehr gibt zwischen Himmel und Erde, als wir wahrnehmen.

Aber jener Mensch kann noch so viele Aufsätze lesen, noch so viele wissenschaftliche Abhandlungen durcharbeiten und sich preisgekrönte Dokumentationen anschauen - nichts kommt dem Erlebnis gleich, die eigene Seele zu erforschen. Das kann man nicht beschreiben, das kann man nicht in Worte fassen. Man erkennt Konzepte, die für den Moment der Erkenntnis strahlend hell aufleuchten - Dinge, die man im normalen Leben aus unterschiedlichsten Gründen nie gedacht hätte.

Im Englischen gilt das Erlebnis, die eigene Seele zu bereisen, als ineffable. Das heißt ziemlich wörtlich, dass man es nicht aussprechen kann, man kann es nicht sagen, nicht in Worte fassen. Man kann es nur erleben und dankbar sein, dass man diese Erfahrung machen durfte. Eigener Erkenntnisgewinn. Der pure Ego-Trip.

Über die Zeitalter hinweg haben mutige Menschen es gewagt, mithilfe diverser Pflanzen und Tiere das Tor zu öffnen in ihre eigene Seele. Sie wurden als Schamanen und Medizinmänner verehrt und gefürchtet. Und auch wenn sich viele Psychonauten heute nicht mehr als Schamanen bezeichnen würden, bleibt das Konzept immer gleich: Der Schlüssel zur eigenen Seele, das Tor ins Ich.

Kurze Griechischstunde zwischendurch (und ich werd' mir wieder Korrekturen einfangen, whatever):
psyche - die Seele
naus - das Schiff
delos - offen, offenkundig
Und wer nun ein bisschen mit Sprache spielt, einfach weil er es kann, kann sich die Bedeutungen solcher Worte wie psychedelisch oder Psychonautik selbst zusammenreimen.

Zeit für klarere Sprache!

Psychedelische Substanzen - Halluzinogene, Dissoziativa und derer mehr -funktionieren als Schlüssel zur eigenen Seele. Im nüchternen Normalzustand ist unser Gehirn in der Lage, unwichtige oder komplett irrelevante Informationen und Impulse auszublenden. Zum Glück ist das so: Sonst wären wir mit einem einfachen Gang über eine Ampel schon überfordert, weil wir uns nicht all der Sinneseindrücke erwehren könnten.

Bei der Entscheidung, auf einen Trip zu gehen, ist dieser Effekt allerdings durchaus erwünscht. Wir möchten, dass das Gehirn in diesem Zustand alle Gedanken zulässt, egal wie unkonventionell oder unerhört sie auch sein mögen - denn nur dadurch schaffen wir es, neue Einsichten zu bekommen und aus dem Erlebnis etwas mitzunehmen. Aldous Huxley nannte diesen Zustand Mind at Large: Das Gehirn ist von der Leine gelassen, quasi entfesselt, und man kann nur rezipieren, alles aufnehmen, was passiert, meistens ohne es in passende Worte fassen zu können (s.oben).

Ohne den Einsatz psychedelischer Substanzen ist dieser Zustand nur durch (mitunter jahre)langes Training und Disziplin erreichbar. Die dafür nötige Geduld können viele Menschen nicht aufbringen.

Etwas Geduld scheint mir aber in jedem Fall angebracht: Im Laufe meiner Präventionsarbeit bin ich zu dem Schluss gekommen, dass man sich erst ab einem Alter von etwa fünfundzwanzig Jahren der Psychonautik widmen sollte. Eine gewisse Reife halte ich für nötig, damit man von den Eindrücken auf der Reise nicht überfordert wird. So etwas kann nämlich schnell in einen sogenannten "Horrortrip" entgleiten, der Gefahren mit sich bringt (wenngleich er auch großes Entwicklungspotential birgt).

Beim Testen einer neuen psychedelischen Substanz sollte man sich einen "Tripsitter" holen: Jemand, der während des Trips nüchtern bleibt und aufpasst, idealerweise jemand, der mit der entsprechenden Substanz bereits Erfahrungen gesammelt hat und den Psychonauten im Stressfall "runterbringen" kann.

Mutig voran, Segel setzen! Turn on, tune in, drop out umsetzen!

Neben Reife und Vor- und Nachbereitung sollte unbedingt auf die rechtliche Situation geachtet werden. Viele psychedelische Substanzen (wie zum Beispiel LSD oder DMT) fallen in Deutschland unter Anlage I des Betäubungsmittelgesetzes. Sie sind damit nicht verkehrs- und nicht verschreibungsfähig und der Umgang mit ihnen ist strafbar (ausgenommen der Konsum selbst, der in Deutschland unter den Tatbestand der "Selbstschädigung" fällt). Daher sollte man sich vorher ausreichend - lieber zu umfangreich - über die Substanz, ihre Haupt- und Nebenwirkungen, ihre Chancen und Gefahren informiert haben, aber dann steht dem psychedelischen Erlebnis nichts mehr im Weg.

Wichtige Werke in dieser Sache:
Timothy Leary: "The Psychedelic Experience"
Alexander Shulgin: "PiHKAL"
Anlage I des BtmG

post scriptum: Meine Mutter hatte einen schönen Ausdruck, wenn sich jemand ungeschickt anstellt. "Mein Nachbar hat den Wagen heute wieder etwas appeldrabsch eingeparkt." Ich fand das Wort sehr witzig, mein Gehirn hat direkt ein Bild dazu entworfen, so dass appeldrabsch mit unbeholfen/seltsam/komisch/umständlich gleichgesetzt und gespeichert wurde. Es passte einfach so gut. "Guck' mal, die Drossel läuft da vorne ein bisschen appeldrabsch herum." - "Du hast Deine Shirts etwas appeldrabsch zusammengelegt." Fein, klingt gut, wend' ich immer mal wieder an.

Und dann kommt meine Gaby in Spiel. Sie hört das Wort immer mal wieder. Genau so, wie ich es damals von meiner Mutter gehört habe. Die große Buba reagiert so wie ich damals - sie scheint das Wort passend zu finden und nimmt es in ihren Wortschatz auf.

Pointe: Der plattdeutsche Ausdruck appeldwatsch bedeutet "Quatsch".

Mittwoch, 17. August 2016

VR Coaster


Vom kulinarischen Hochgenuss zu einem anderen - den Freizeitparks und Achterbahnen. Kein Jahr vergeht derzeit ohne neue Pionierarbeit, ohne wegbereitende Entwicklungen und große Schritte nach vorn. Über eine aktuelle Entwicklung bin ich derzeit aber noch sehr gespaltener Meinung - das Aufmotzen bereits bestehender Achterbahnen durch Virtual Reality. Das Prinzip ist einfach: Einsteigen, Sicherungsbügel anlegen, VR-Headset aufsetzen. Natürlich ist die virtuelle Welt genauestens auf den Streckenverlauf und die Bewegungen der Achterbahn abgestimmt; größere Probleme gibt es, wenn zwischen realen Bewegungen und deren Projektionen in der VR eine Verzögerung liegt - das kann bei Benutzern zu Übelkeit führen.

Ich frage mich, ob das neue Konzept wirklich so toll ist. Derzeit ist es so, dass man mit einem kleinen Aufpreis auf seiner Fahrt das VR-Headset nutzen kann oder aber ganz normal fahren, wie sonst auch. Ich persönlich genieße Bewegungsfreiheit in Achterbahnen. Ich bin ein Feind von Schulterbügeln. Wenn ich mir nun vorstelle, dass ich eines von diesen doch relativ unhandlichen Headsets trage, während ich in der Achterbahn herumgeschleudert werde...

Ich kann mir das nicht sehr gut vorstellen. Irgendwas widerstrebt mir bei der Idee. Dennoch wäre es unsinnig, jetzt ein Urteil zu fällen. Irgendwann werde ich das sicherlich testen; in Deutschland findet man das derzeit nur im Europa-Park im Alpenexpress Enzian. Mal schauen, ob sich diese Entwicklung durchsetzen kann und in Zukunft in mehreren Vergnügungsparks Verbreitung findet.

Dienstag, 16. August 2016

Bekenntnisse eines Connoisseurs


Gestern war ich beim Zahnarzt zur Routineuntersuchung. Ich habe gerne mal Angst vor dem Zahnarzt, und nicht ohne Grund: Meine Zähne scheinen einem Dentinfriedhof zu gleichen, regelmäßig werden neue Gräber ausgehoben und gefüllt. Da kommt gern mal Handlungsbedarf vor. Der Hauptgrund dafür ist meine Zahnpflege, die phasenweise grauenhaft unordentlich ist. Ich schiebe das im Wesentlichen auf die Hochbegabung, die mich oft an andere Dinge denken lässt, so dass ich Grundlegendes vernachlässige oder komplett vergesse. Manchmal esse ich zwei Tage lang nichts, weil ich einfach nicht dran denke, und trinken tu ich sowieso zu wenig. Ein weiterer Grund ist mein sweet tooth - zu gern mag ich Süßes. Angesichts dieses Umstandes war das gestern fast eine Premiere - nichts zu tun, alles in Ordnung. Darf gern so bleiben.

Aber auf den Geschmack auf Süßes muss ich noch einmal zurückkommen. Schokolade: Das Mastfutter unter den süßen Genüssen. Ich esse nicht mehr so gern Schokolade wie noch vor zehn, zwanzig Jahren. Sie ist mir einfach zu langweilig; mittlerweile mag ich raffinierte Kombinationen verschiedener Aromen und bin genau aus diesem Grund auf Trüffelpralinen umgestiegen. Es gibt nur wenige Sorten, die ich ein zweites oder drittes Mal esse - weißer Marc de Champagne-, Cointreau- oder Waldmeistertrüffel, Kir Royal, Mozartkugeln. Früher war es mir sehr wichtig, dass sie kein Alkohol enthalten, mittlerweile fehlt mir bei den alkoholfreien Pralinen einfach die Vielfalt.

Und die findet man in diesem Bereich in erstaunlichem Maß: Biertrüffel, Banane-Curry, Sauerkirsch-Chili, verschiedene Cocktails. Ich liebe es, die Augen zu schließen und mich zurückzulehnen, während ich eine neue Sorte probiere. Jedes Aroma herausschmecken, so wie die Ratten im Film Ratatouille. Ich bekenne: Wenngleich ich oft gänzlich auf Süßes verzichten würde, weil es meiner Haut nicht gut tut, bekomme ich sofort leuchtende Augen, wenn ich an einer Confiserie vorbeigehe und eine neue Sorte entdecke.

Interessant, ich ticke da genau wie Timo (Zufall?) und das wiederum erinnert mich, dass ich bald mal den nächsten Teil der Geschichte um die beiden Jungs posten sollte.

Sonntag, 14. August 2016

Spice up your apartment: Dämmerlicht


Man kann kaum etwas auf dem Foto erkennen - aber genau darum geht es mir ja auch. Seitdem ich von zuhause ausgezogen bin, faszinieren mich Beleuchtungskonzepte, und schließlich sind wir mittlerweile wieder in der dunklen Jahreszeit angekommen, kind of. Man kann natürlich sagen, okay, eine Deckenlampe, einhundert Watt, das reicht aus, um die gesamte Wohnung mit Licht zu fluten. Man kann alles sehen, gut erkennen, man kann lesen, die Augen werden nicht so sehr belastet - ist alles wunderbar. Aber in meiner Wahrnehmung langweilig. Fast schon kühl.

Es hat Jahrzehnte gedauert, bis ich herausgefunden habe, dass mich schummeriges Licht reizt und dass ich das selbst erschaffen kann. Also vielleicht keine einhundert Watt, vielleicht nur vier Watt. Und vielleicht die Wohnung nicht komplett ausleuchten, sondern mit Spots arbeiten. Und wie wäre es mit passiver (oder heißt das "indirekter"?) Beleuchtung (wie auf dem Bild): Das Auge bekommt die Lichtquellen selbst nicht zu sehen, sondern nimmt nur deren Lichtkegel und Reflektionen wahr. Farbakzente setzen! Blaues Licht, grünes Licht, ein bisschen Künstler spielen (irgendwann sieht die Wohnung dann aus wie in Dario Argentos "Suspiria").

Man kann noch künstlerischer werden. Spiegelnde Oberflächen leiten Tageslicht in dunkle Ecken, Winkelspielereien. Dann Räucherstäbchen anzünden; durch den Rauch werden die Lichtstrahlen deutlich sichtbar.Darüber hinaus ist es sehr beruhigend, die Rauchschwaden langsam durch den Lichtkegel wabern zu sehen.

Auch spezielle Lampen können ihren Zweck erfüllen - eine Lampe, die ein bestimmtes Muster an die Wand oder Zimmerdecke projiziert, zum Beispiel; gab es früher mal bei IKEA unter dem wundersamen Namen Isbrytare. Alternativ einen kreativen Lampenschirm mit Aussparungen verwenden, der Muster an die Wand zaubert. Was ich auch gerne mag, besonders nach Meditationen, sind Lampen, die ein sich bewegendes Muster erzeugen. Warum gerade nach Meditationen? Weil meine Sinneswahrnehmung gesteigert ist, speziell die optische Perzeption, das wirkt dann alles noch eindrucksvoller und farbintensiver.

Ein Stück, das mir besonders ans Herz gewachsen ist, ist eine Lampe, die unter langsamem Farbwechsel und mit Lasereffekten ein langsam waberndes Muster an die Decke zaubert. Ich hab davon mal ein kurzes Video aufgenommen:


Das hat etwas von Spannung. Geheimnisvoll. Gleichzeitig aber auch ent-spannend.

Samstag, 13. August 2016

Wenn meine Eltern nicht wären...


...wäre Vieles einfacher, denke ich manchmal. Besonders, wenn meine Ma sich mal wieder rührend um meine Gesundheit sorgt, und vor meiner Rückfahrt (wenn ich zu Besuch bin) auch abklärt, ob ich denn genügend zu essen habe und ob noch ausreichend Klopapier da ist. Dann wird mir bewusst, dass eine Mutter eben niemals aufhören kann, eine Mutter zu sein, und seien die Kinder auch noch so flügge. Und dann wird mir bewusst, dass das auch gut so ist, und mir geht ein ganzer Kronleuchter auf, wie falsch meine eingehende Annahme doch ist.

Sicher: Ich hätte nicht öfters dieses Gefühl, dass ich mich schon wieder zu lange nicht bei ihnen gemeldet habe. Und ich müsste nicht so oft versichern, dass ich genügend Vitamine zu mir nehme und dass ich genügend Socken und heile Shirts zuhause habe. Aber sind das nicht alles liebgewonnene Automatismen geworden? Und wie sehr habe ich mich entfalten können, was ohne meine Eltern nicht möglich gewesen wäre - bzw., wenn sie sich früher anders verhalten hätten, weniger fürsorglich, auch wenn ich manchmal noch so wenig durchschaubar war in meinem erratischen Verhalten.

Dazu gehörte, dass ich gerne mal auf verrückte Ideen gekommen bin. Lasst uns doch mal einen Film drehen!  Zeigt mir mal, wie die Schreibmaschine funktioniert, ich möchte eine Geschichte schreiben! Wenn ich manchmal bei Schülern erkennen muss, wie wenig Zeit sich deren Eltern für sie nehmen (können), und wie sehr diese Kinder nach Aufmerksamkeit lechzen, dann bin ich total glücklich, dass es bei mir anders gewesen ist.

Meine Eltern haben jeden kleinen Ausbruch der Kreativität ihres Sohnes gefördert. Sie haben mir Papier zum Schreiben gegeben, und eine Videokamera, um Drehbücher zu verfilmen. Sie haben mir Orte zum Spielen zur Verfügung gestellt, und wenngleich sie oft den Kopf geschüttelt haben müssen darüber, wie ihr kleiner Hilarius an die Dinge herangeht - unkonventionell, komplizierter als nötig oder mit unangebrachtem Feuereifer - so waren sie stets auf meiner Seite. Sie haben mich ermutigt, weiterzumachen und meine Ideen umzusetzen.

Wenn es beruflich eng geworden ist, wenn es finanzielle Probleme gab oder ich einfach ein Bett für eine Nacht brauchte, oder als ich zwei Jahre lang zwischengefahren bin, um irgendwie meine Arbeit in St.Peter-Ording zu verrichten, von der ich total begeistert war, haben sie nicht gezögert, mich nach Kräften zu unterstützen.

Mir ist erst sehr spät bewusst geworden, dass das keinesfalls selbstverständlich gewesen ist. Und sehr spät habe ich dann erst gelernt, das alles wertzuschätzen. Zu einfach war es, sich ab und an auf ein "Meine Eltern nerven mich!" zu stürzen und damit war die Sache geklärt. Heute ist es ein bisschen anders, in meinem vierten Lebensjahrzehnt weiß ich, wie wichtig das alles für meine Entwicklung gewesen ist. Wie viel mir all ihre Unterstützung bedeutet hat und noch immer bedeutet.

Und deswegen, Mama&Papa, ist der eingehende Satz dieses Artikels nicht viel mehr als eine verblassende Erinnerung einer früheren Denkweise. Ich bin sehr froh, dass ich Euch habe und dass Ihr weiter hinter mir steht. Das ist nicht selbstverständlich, und auch wenn mein Verhalten bisweilen immer noch erratisch ist, exzentrisch und unvorhersehbar, so tut Ihr alles, um sicherzustellen, dass es mir gut geht. Und das ist etwas, was ich nicht werde "zurückzahlen" können. Ich kann dieses Verhalten anderen Menschen angedeihen lassen, um die Rechnung auf null zu bringen und zu zeigen, dass ich von Euch etwas gelernt habe.

Ihr Lieben, fühlt Euch gedrückt, ich denke an Euch, auch wenn mein chaotischer Kopf gerne mal ganz woanders ist. Ich weiß, dass Ihr das lest, ich weiß, dass Papa diesen Beitrag für Mama ausdrucken wird und dann könnt Ihr ihn in aller Ruhe lesen.

Ich habe Euch sehr lieb!

Euer kleiner Dr Hilarius