Freitag, 10. Juni 2016

Dude


Ich bin dabei, eine weitere Wissenslücke in Sachen Filmkunst zu schließen, und die trägt den Namen der Coen-Brüder. Und wer sie kennt und den Titel des Beitrags liest, wird schnell darauf schließen können, dass ich mir gestern endlich einmal The Big Lebowski (1998) angeschaut habe, und das mit Begeisterung.

Ich könnte mich jetzt darüber auslassen, dass ich den Film genau im richtigen Moment geschaut habe, weil es nämlich um eine Lebenseinstellung geht - den Dudeism, der viel damit zu tun hat, die Dinge ruhig anzugehen und gelassen zu bleiben im Angesicht drängender Situationen. Ich könnte davon erzählen, dass diese Haltung mir in dieser Phase gerade ein echtes Vorbild ist - aber das tue ich nicht und genieße eine zünftige praeteritio.

Stattdessen möchte ich von ein paar Dingen erzählen, die mich beim ersten Ansehen schon begeistert haben. Die Reihenfolge? Wie immer bei meinen Einträgen so, wie es mir gerade in den Kopf kommt. Ich mache nur selten vorher eine Gliederung, schließlich ist das hier keine Klausur in der Schule.

Ich fange an mit den ersten Momenten des Filmes, genauer des Vorspanns, in dem Julianne Moore erwähnt wird. Ich halte sie für eine großartige Schauspielerin, die zu Recht den Academy Award gewonnen hat (2014 als Beste Schauspielerin in Still Alice). Ich liebe ihre offbeat-Performances in Cookie's Fortune (1999) und eben jenem The Big Lebowski, ich genieße aber auch ihre etwas mehr am Mainstream orientierten Darstellungen wie z.B. in Non-Stop (2014) oder dem Remake von Carrie (2013). Sie hat keine Probleme damit, ungewöhnliche und anspruchsvolle Rollen zu übernehmen, und so habe ich mir schon vor Anblick ihres Gesichtes gedacht, dass sie es ist, die da gerade nackt an einem Ledergestell aufgehängt durch den Raum fliegt, um ein Gemälde zu kreieren. Grandios!

Jeff Daniels spielt den Dude ("Nobody calls me Jeffrey Lebowski, my name is Dude!") so überzeugend, als hätte er sein Leben lang nichts Anderes gemacht. Das ist keine Schauspielerei mehr, das ist richtige Darstellung. Ich nehme ihm die Rolle sofort ab. John Goodman macht einen perfekten Job als sein Partner, die beiden ergänzen sich, als könne es sie nur im Doppelpack geben.

An Kritik wird nicht gespart, so zum Beispiel daran, Menschen nach ihrem Äußeren zu beurteilen und der arroganten Überzeugung, sie deswegen wie Vollidioten behandeln zu können. Ich muss mich damit einfach identifizieren, denn ich erlebe es selbst immer wieder, dass Menschen aufgrund meines Äußeren zu einem vorschnellen Urteil gelangen und mich behandeln, als wäre ich eher am unteren Ende der Intelligenzkurve vertreten. Ich provoziere das bewusst, das ist mir klar. Ich tue das, um Menschen davon zu überzeugen, sich eine Meinung durch eigenes Erleben zu bilden. (Das wäre, als würde man davon ausgehen, jemand sei eine gute Lehrkraft, nur weil er gut aussieht oder Nadelstreifenanzüge trägt.)

Es hat mir sehr gut getan, den Film zu sehen, gerade jetzt. Weiß nicht, warum ich damit so lange gewartet habe.


Donnerstag, 9. Juni 2016

Hauntingly Beautiful


Ich erinnere mich an einen sehr schönen Abend mit Dir, an dem wir wichtige Dinge für uns klargestellt haben. Du hattest den Sessel und ich saß im Schneidersitz vor Dir auf dem Boden. Bis auf das Licht einer einsamen Kerze war es dunkel. Im Hintergrund lief dieser wunderschöne Song, während ich Dir vorlas, was ich Dir unbedingt sagen wollte, an jenem Novemberabend:


(bietet sich an, die Musik im Hintergrund zu hören, Effekt und so...)


Das Vertrauen in uns

Es tut so gut, zu sehen und mitzuerleben, wie Du erwachsen wirst. Es tut weh, mit Dir Schmerzen zu erleiden, aber es beruhigt, gleichzeitig immer die Perspektive zu haben, dass Du reifer wirst. Es ist ein schönes Gefühl, Dich auf diese Reise mitzunehmen, und ich genieße das, seit wir uns zum ersten Mal die Welt des jeweils Anderen gezeigt haben. Es ist immer wieder schön, den Aha-Moment bei Dir zu erleben. Das Unverständnis, das sich irgendwann in Einsicht wandelt. Und das daraus resultierende, unglaublich starke Vertrauen zu spüren. Egal, ob als Freund oder als Partner – Du gibst mir das Gefühl, geliebt und gebraucht zu werden. Es dauert, bis ich dieses Vertrauen in Dich und uns aufbauen kann und ich komme leider nur in unseren Krisen weiter voran dabei, weil Du mich nur dann wirklich spüren lässt, wie wichtig ich Dir bin. Allzu oft kommt mir das alles so selbstverständlich vor, wenn es uns gut geht. Ansonsten sind es nur Worte, und ich habe allgemein den Glauben an Worte zum Großteil verloren. Actions speak louder than words do.

Wer ich für Dich bin

Was mich bei unserem letzten Gespräch sehr bewegt hat, war die Erkenntnis, dass Du scheinbar niemanden hast, bei dem Du ohne Ängste und ohne Tabus Druck ablassen kannst. Kein Tagebuch, kein so enger Vertrauter. Als es uns beiden bewusst geworden ist, bzw. als Du mir gesagt hast, dass ich dieser Mensch geworden bin, hast Du mich für einen Moment glücklich gemacht. Das, was wir beide uns wünschen. Ich wollte Dir immer etwas bieten können, was Dir niemand sonst bieten kann. Ich wollte für Dich etwas ganz Besonderes sein, etwas Einmaliges. Und mir fehlt immer das Selbstvertrauen, zu glauben, dass ich tatsächlich so jemand sein könnte. Und dass ich so jemand für Dich bin, den Menschen, den ich so lieb habe, gibt mir tatsächlich ein Gefühl von Glück.

Unsere Meilensteine

Es gibt Vieles, was wir erreicht haben. Du hast mir in einer sehr schweren Phase einen sehr wichtigen Impuls gegeben und mir meine eigene Perspektive wieder sichtbar gemacht. Und in Deinem Leben haben wir eine wichtige Pforte geöffnet – eine Initiation für Dich begonnen, die mit Stress und negativen Konnotationen verbunden war und noch immer ist – mit mehr Weitsicht, mehr Einsicht, mehr Perspektive. Du hast die Abwechslung in mein Leben gebracht. Wir haben absurde Momente erlebt, auf Parkplätzen, mit Sonnenbrillen, einer rettenden Tasse Kaffee am Tag dazwischen und der Einsicht, dass manchmal bereits was zu Futtern gegen Übelkeit helfen kann und dass Pizzaburger echt lecker sind. Und wir haben unsere Fähigkeit verbessert, das aufzulösen, was Du „tote Punkte“ genannt hast, und positiv rauszugehen. Du hast mich im Schreibgespräch gefragt, wie wir es schaffen können, nicht mehr an diese toten Punkte zu kommen. Gute Frage – es wird sie immer wieder geben – aber wir sind nicht mehr so hilflos wie damals. Du hast zuerst gelernt, dann nicht stumm zu bleiben. Dann hab auch ich das gelernt. Und dann hast Du wieder etwas dazugelernt, und zwar, Dich nicht mit dem Schweigen zufrieden zu geben, sondern nachzubohren und von mir das Gespräch einzufordern. Auch das war mal anders, weil wir damals den Weg der Vermeidung gegangen sind, wir beide. Wir haben Vieles erreicht und uns eben nicht nur im Kreis gedreht.

Der Preis

Der Preis dafür ist deutlich: Ich lass Dir nicht alles durchgehen, wenn Du es mal wieder zu locker und unkompliziert siehst – und Du lässt mir nicht alles durchgehen, wenn ich es wieder zu schwarz und nihilistisch sehe. Und genau das ist es, womit wir uns damals gut getan haben. Du hast mich auf einen positiven Weg zurückgebracht und ich hab Dich auf einen nachdenklichen Weg gebracht. Diese beiden Einflüsse müssen sich irgendwie die Waage halten. Mir ist das Problem jetzt sehr deutlich geworden. In Phasen, in denen es zu positiv wird, wirst Du „trampelig“ und fällst in Dein Anfangsverhalten zurück. Und in Phasen wie der jetzigen, in denen es zu negativ wird, rede ich alles kaputt, was wir erreicht haben, und spreche uns jegliche Chance für die Zukunft ab. Auch ich falle dann in mein früheres Verhaltensmuster zurück. Du nanntest es damals wegen unserer langen Pausen „auf Null zurückfallen“. Gleichzeitig sagtest Du, dass unsere Freundschaft viel Energie und Zeit benötigt. Eben wegen dieses hohen Preises, wegen dieser anzustrebenden Balance aus Lockerheit und Verantwortung. Und genau wie Du vor ein paar Tagen meintest – es ist kein „lockeres Genießen“ drin. Sollten wir nur das suchen, haben wir beide verloren. Aber: Hätten wir in den letzten eineinhalb Jahren nur das gesucht, wären wir uns nicht so wichtig geworden, sondern nur ein Link bei Facebook gewesen. Und jetzt besteht dieser Link nicht mehr, im Gegenteil, da steht mittlerweile ein Block. Und dennoch sind wir uns wichtig. Die Einsicht, dass jeder von uns aus dieser Freundschaft mehr rausholen kann – ich die Lockerheit und Du das Verantwortungsgefühl – hat uns immer wieder zueinander gebracht. Und wir haben die Möglichkeiten noch lange nicht ausgereizt, denn da ist noch Vieles, was vor uns liegt.

Was vor uns liegt

Es gibt noch so viele Dinge, die ich mit Dir erleben will, und einige dieser Ideen stammen von Dir. Ich will mit Dir zu den Osterinseln und nach Koh Pha Ngan reisen. Ich will mit Dir Cedar Point erobern. Ich möchte mit Dir Twin Peaks schauen, und Mulholland Drive aufklären, auf die Suche nach dem Yeti gehen und Dir noch so viele Sachen zeigen, die Dich bereichern können. Ich möchte das mit Dir weiterführen, was wir begonnen haben.

Wer Du für mich bist

Und das geht nur mit Dir. Ich konnte noch nie so unbeschwert neben jemandem einschlafen. Ich habe es noch nie erlebt, dass ich jemandem so viel erzähle, ich bin eigentlich jemand, der sein Inneres verschlossen hält. Du hast einen Zugang zu mir gefunden. Und dadurch auch beschlossen, Dich selbst zu öffnen. Du hast den Schritt geschafft, mir zu erzählen, was Dich bewegt. Auch das war mal anders. Ich erlebe mit, wie Teile dessen, was Du für Deine Festung erachtet hast, auseinanderbrechen. Die Einsicht, dass Dein bester Freund vielleicht eben doch nicht Dein bester Freund ist. Überhaupt – was ein richtiger Freund ist. Vielleicht müssen wir beide das lernen. Und dann die Unsicherheit sich selbst gegenüber, das eigene Image, das plötzlich wackelt. Zeit, eine Hülle abzustreifen und sich eine neue Haut zuzulegen, dünner, verletzlicher, authentischer. Und wir geben uns dabei Halt. 

...boah ne, ist das kitschig hier! Die sollten mal sinnvollere Texte für ihre Tourismuskampagne schreiben, das hier interessiert doch kein Schwein...

Mittwoch, 8. Juni 2016

Termin beim Arbeitsamt


Eines der Dinge, die ich an der Arbeitslosigkeit überhaupt nicht mag, ist das Gefühl der "Bringschuld", ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken soll. Das Gefühl, ich müsste noch mehr getan haben, mehr Initiativbewerbungen rausschicken, mehr Schulen in persona besuchen, irgendwelche Fortbildungen machen, an Seminaren teilnehmen - da ich Vater Staat ja zur Zeit auf der Tasche liege. Für mich fühlt es sich an, als sei ich ein Geschwür in der Arbeitslosenquote, das entfernt werden muss. Kurzum: Kein schönes Gefühl. Gerade, weil man als Lehrer eigentlich nur warten kann. Die Bewerbungen in Schleswig-Holstein sind permanent im sogenannten pbOn aktiv und für alle Schulen sichtbar. Wann ruft mich jemand ab?

Was ich darüber hinaus machen könnte, zum Beispiel, wären Bewerbungen an Alternativschulen, aber ich hab Angst, dass ich dafür einfach ungeeignet und viel zu normal bin. Also mache ich das nicht. Und wieder Zeit gespart. Zeit, die ich nutzen kann für... was? Für mich fühlt sich die Arbeitslosigkeit an, als habe ich phasenweise (nicht immer) viel zu viel Zeit. Deswegen habe ich mir Beschäftigungen vorgenommen, in den Freizeitpark fahren, die Geschichte mit Timo und Julian weiterschreiben. Und zur Zeit immerhin einen schulischen Kurs vorbereiten.

Wenn also in dieser "Ich mache alles falsch"+"Ich verhalte mich nicht arbeitsamtsanforderungskonform"-Situation dann eines schönen Tages einer, nein, zwei, sogar drei Briefe vom Arbeitsamt kommen... und abends klingelt die Nachbarin mit dem vierten Brief, der aus Versehen bei ihr abgegeben wurde... Dann liegen da auf dem Schreibtisch vier ungeöffnete Briefumschläge mit meiner Adresse und dem Absender "Agentur für Arbeit" - ich hab irgendwas falsch gemacht! Und wieder falle ich in das Muster von "lieber nicht jetzt öffnen, da steht eh nichts Gutes drin, und dann öffne ich es zu spät, so dass ein weiterer Brief mit einer Erinnerung kommt und mich noch kleiner macht".

Nicht mit mir. Diesmal nicht. Und so habe ich beherzt mit meinen Liliendolchen die Briefumschläge aufgeschlitzt - und dabei aus Versehen meinen Sachbearbeiter in zwei Teile geteilt - siehe da, alle Aufregung legt sich. Drei Briefe enthalten je eine Abrechnung der Anrechnung des Nebeneinkommens für die Monate April, Mai und Juni. Und der vierte Brief enthält meinen nächsten Gesprächstermin im Arbeitsamt mit der sehr einladenden Standard-Wendung "Sehr geehrter Arbeitsloser, der mir grad tierisch auf den Zeiger geht, ich möchte gern Ihre berufliche Situation mit Ihnen besprechen."

Aber TOUCHÉ! Was mein Sachbearbeiter noch nicht weiß: Am kommenden Montag steht ein Bewerbungsgespräch an, endlich, endlich wieder zumindest eine Perspektive, egal, ob es erfolgreich wird oder nicht. Natürlich würde ich mich freuen, wenn ich meinem nachdenkenden Sachbearbeiter diesen Vordruck schicken kann:

"Sehr geehrter Herr Sachbearbeiter, der keine Ahnung hat, was in meinem Kopf vor sich geht, aber trotzdem wie bei allen Arbeitslosen im Team Akademiker die gleiche Masche anwendet,

ich werde den Termin zum persönlichen Gespräch nicht wahrnehmen, da ich ENDLICH wieder eine Vertretung habe."

Aber ob es dazu kommt, bleibt abzuwarten, also bitte Daumen drücken!

Sonntag, 5. Juni 2016

Identität - Die Geschichte von Timo und Julian (part 3) - UMZUG!


"Warum lässt du die Geschichte eigentlich in Kiel spielen? Du hast als Autor doch alle Freiheiten, wäre es da nicht schöner, das Alles mal abseits vom eigenen Alltag spielen zu lassen?" - Da ist etwas dran. Warum Husum, warum Kiel? Meine früheren Romane haben auf der Titanic und in Berlin gespielt, und das habe ich sehr genossen. Also nehme ich jetzt einfach Timo, Julian, Cory, Reg und Malte und lasse sie nach Berlin umziehen - die Stadt ist eh' spannender als Kiel. Ändert aber nichts an der aktuellen Szene: Wir befinden uns in Regs Wohnzimmer, Eisenacher Straße 89, an einem wunderbaren Sommertag.

Und noch eine kleine Änderung: Viele kennen sicher diesen Gedanken, dass das eigene Leben einen speziellen Soundtrack besitzt. Für Timo hat Musik eine besondere Bedeutung. Er verknüpft sie mit Erlebnissen, die ihm wichtig sind. Daher werden in der Geschichte ab und an Songs auftauchen als zusätzliche Illustration seines Seelenlebens.


Disclaimer: Diese Geschichte ist Fiktion. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen und Ereignissen sind rein zufällig und nicht vom Autor beabsichtigt. Das wäre ja sonst ein roman à clef, und zu solchen literarischen Kunststückchen ist der Autor sicher nicht fähig.



part 3

Die Haare gehen gar nicht. Was macht der nur damit? Offensichtlich Haarspray, aber glaubt er ernsthaft, dass das gut aussieht? Vielleicht versucht er damit seine Geheimratsecken zu verstecken. Whatever, das waren damals die ersten Gedanken, während ich Reg umarmte. Julian stand auf, ging auf mich zu und gab mir die Hand. Wie höflich.
„Ich hab ne halbe Ewigkeit auf der Stadtautobahn gebraucht, Südring und Berufsverkehr, und das bei der Hitze, sorry, dass ich zu spät bin.“
„Das macht gar nichts, ich kenn das ja.“
„Charmant wie eh und je.“
„Für dich doch immer. Dafür hab ich mich ein bisschen mit Ju unterhalten.“
„Ja, wir haben über das Sommerfest geredet.“
Es klingelte wieder an der Tür.
„Das muss Cory sein.“
Reg betätigte den Summer und wir warteten auf den letzten Gast.
„Juhuuuuu!“ Ich könnte es mir nicht verkneifen, das ganze Treppenhaus zu beschallen, was von Cory mit einem sehr tuckigen „Hallooooaaahahaha!“ quittiert wurde.
„Caroline Ehrhardt. Damit wären wir vollständig.“
„Hör bloß auf damit, so hast du mich damals im Tutorium genannt. Ich hasse es, wenn man meinen Namen falsch drauf hat. So hat Frau Schnetzel mich im Griechischkurs immer genannt.“
Julian grinste breit.
„Ach, du hattest auch bei Frau Schneeeeeehtzel?“
„SCHNETTTZELLLLL!“ kreischten Reg und Cory gleichzeitig. Damit waren die Begrüßungsrituale abgearbeitet; wir gingen ins Wohnzimmer und machten es uns auf der Couch gemütlich, Julian, ich, Cory, Reg und am anderen Ende Malte. Julian fummelte aus seiner Hosentasche ein Handy hervor. Wie ich das hasse. Warum musste er gerade jetzt seine Nachrichten checken? Phubbing nennt man so was. Ehrlich gesagt, wenn ich ein Smartphone hätte, würde ich das vielleicht auch machen. Ich hab bisher noch keinen Bedarf gesehen und hey, auf diese Weise konnte ich wenigstens direkt an Gesprächen teilnehmen. Offensichtlich spielte die interessante Konversation sich zu meiner Linken ab.
Es tat so gut, endlich wieder im Kreis bekannter Gesichter zu sein. Erst in jenem Moment wurde mir bewusst, wie sehr mir meine Freunde fehlten. Es fühlte sich an wie Heimat, hier gehöre ich hin, hier darf ich ich sein. Und so verquatschten wir die Zeit, ich genoss die Ablenkung durch witzige Anekdoten, und je länger unser Treffen andauerte, um so sicherer wurde ich mir, dass ich wieder hierher zurück möchte, an meinen Ort.
Es wurde Abend. Ich hatte gar nicht mitbekommen, wie die Zeit verging. Das Gespräch mit den Anderen hatte ich bitter nötig gehabt, es fühlte sich an wie eine Oase, nachdem man eine halbe Ewigkeit lang die Wüste durchstreift hatte. Und ich dachte immer, ich sei ein Einzelkämpfer, ich brauche niemanden. Wie man sich doch irren kann.
Schließlich lösten wir die Runde auf, ich hatte noch eine ordentliche Fahrt vor mir und es war spät geworden.
„Ein kleiner Spaziergang durch die Nacht wird ganz angenehm sein“, meinte Ju.
„Bist du nicht mit dem Auto hier?“
„Doch, aber ich hab’ den Weg nicht genau im Kopf gehabt, ich war auf der Suche nach einem guten Parkplatz und hab’ den Wagen dann am Kleistpark abgestellt.“
„Am Kleistpark? Das ist ja mindestens eine halbe Stunde zu Fuß, von wegen kleiner Spaziergang.“
„Ach, das macht nichts…“
„Ich fahr’ dich einfach schnell rum, für mich ist das kein großer Umweg“, meinte ich. Mir wurde schlagartig bewusst, dass ich doch eigentlich etwas mehr mit Julian sprechen wollte. Den ganzen Nachmittag hatte er immer wieder auf sein Handy gestarrt und wirkte reichlich lethargisch. Vielleicht erzählt er ja, was los ist, wenn ich ihn zu seinem Wagen fahre, dachte ich mir.
„Okay, das Angebot nehme ich gerne an.“
Und so taperten wir durch die Dunkelheit. Wir hatten uns herzlich voneinander verabschiedet und beschlossen, dass das nächste Wiedersehen nicht so lange auf sich warten lassen dürfe. Und ich hatte den Entschluss getroffen, dass ich wieder umziehe. Ich konnte Ju hinter mir nur hören; die Laternen, die den Parkplatz beleuchten sollten, waren kaputt. Vielleicht wieder jugendliche Randalierer, das war bei uns keine Seltenheit.
„So, steig’ ein, dann bringe ich dich jetzt mal eben rum. Kleistpark, ja?“
„Genau, ganz in der Nähe des U-Bahnhofs.“
Er auf dem Beifahrersitz, ich mit den Händen am Lenkrad. Es war ziemlich ruhig geworden, ich legte eine CD ein und versuchte, mich auf die Straße zu konzentrieren. Das war ein Problem: Während der gesamten Fahrt sausten die Gedanken durch meinen Kopf, von allen Seiten, nach allen Seiten, was soll ich ihn denn jetzt fragen? Worüber möchte ich jetzt mit ihm reden? Überleg Dir schnell was, Timo, in ein paar Minuten sind wir schon da. Sei doch verdammt noch mal nicht so schüchtern, trau Dich, irgendeine harmlose Frage…
„…was für einen Wagen fährst du eigentlich?“ hörte ich mich sagen. Definitiv harmlos.
„Ja, wahrscheinlich bekomm ich gleich wieder nen doofen Spruch ab, Asi-Karre, Rentnertaxi oder so. Ich fahr nen alten Mercedes Benz.“
„Wieso doofer Spruch? Klar ist das ne Mackerkutsche, aber wenn das Auto dir gefällt, ist doch super. Scheiß auf die Sprüche.“
„Naja, man wird halt gleich als dummer Macho-Arsch abgestempelt. Aber ich mag den Wagen echt sehr, er ist schwarz, und ich bin dabei, ihn noch schwärzer zu machen.“
„Passt dann ja so gar nicht zu deinem Outfit heute.“
„Stimmt, ich bin weiß und du bist schwarz, eigentlich solltest du den Wagen fahren.“
„Also hier sind wir am Kleistpark, sag einfach Stopp, wenn ich anhalten soll.“
„Da vorne steht er schon, kannst mich hier rausschmeißen.“
„Naja, zum Wagen komm ich noch mit.“
Und dann standen wir da im schwachen Licht einer Parklaterne, Julian suchte in seiner Hosentasche nach dem Schlüssel und ich hatte immer noch nichts Sinnvolles gesagt. Kein Gespräch. Warum traust du dich nicht? Was soll denn schon passieren?
„Ja.“
„Ja.“
„Okay, äh…“
„Dann… komm gut nach Hause, fahr vorsichtig.“
„Danke, du auch!“ Und dabei schauten wir uns in die Augen. Für einen Moment war alles ausgeblendet. Ich komme nicht damit klar, wenn ich Menschen in die Augen schaue. Ich schaue dann schnell wieder weg, senke den Blick, nach maximal zwei Sekunden muss ich woanders hinschauen. Ich bekomme sonst das Gefühl, dass ich aufdringlich bin, und er soll ja auch nicht denken, dass ich irgendein Interesse an ihm hätte. Und deswegen schaue ich Menschen, die ich nicht so gut kenne, nur ungern in die Augen. Normalerweise.
Ich weiß nicht, was an dem Tag anders war. War es die Nacht, die sommerliche Luft, der schöne Tag? Ich schaute Julian tief in die Augen, bis er es schließlich war, der seinen Blick abwandte.
So gingen wir jeder seines Weges in die Nacht. Ich hatte es mal wieder verbockt. Warum hab ich ihn nicht einfach gefragt, ob wir noch ein bisschen reden wollen? In Ruhe. Immer, wenn es drauf ankommt, mache ich einen Rückzieher. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie viele gute Gelegenheiten ich bisher verpasst habe.
Ich lenkte den Wagen auf den Südring, ich hatte noch eine kappe halbe Stunde, bis ich wieder in Lichtenberg in meiner Wohnung war. Keine Wolken, fast Vollmond, und ich hörte die CD weiter, die ich mit Ju im Auto gehört hatte. Und ich konnte mich nicht entscheiden, ich war glücklich, entspannt und entschlossen, mein Leben wieder hierhin zu verlagern, ich hatte einen tollen Abend mit den Menschen, die mir etwas bedeuten und die ich auf dem Weg ins Referendariat hinter mir gelassen hatte. Eigentlich sollte ich mich freuen. Aber wie das nun mal so ist, fing ich an, mich über meine Feigheit aufzuregen. Es hätte doch noch so nett werden können, wenn ich endlich mal mein Maul aufbekäme. Fuck, ich hab’s verbockt.
Um den Tag positiv in Erinnerung zu behalten, schrieb ich Julian mitten in der Nacht noch eine Nachricht mit einem kurzen Resümee des Treffens.
„Hey Ju, schön, dass du kommen konntest, ich fand, das war ein netter Abend. Können wir ja vielleicht mal wieder machen. Ehrlich gesagt… ich hätte dich am Kleistpark am liebsten noch gefragt, ob wir nicht noch in den Park gehen wollen und noch ein bisschen reden, einfach zu zweit. Ich weiß auch nicht, was mich davon abgehalten hat, naja, aber vielleicht sehen wir uns ja bald mal wieder.“
Schön, Timo, das nennst du jetzt also Mut. Papier ist geduldig, soll diese Nachricht wett machen, dass ich mich nicht getraut habe, ihn direkt anzusprechen? Du bist so erbärmlich, jede Chance, einen Typen kennen zu lernen, machst Du kaputt mit deinen Rückziehern.
Ich merkte, wie meine Stimmung kippte, also legte ich mich ins Bett und versuchte einzuschlafen. Gedankenchaos. Wenn ich ein wenig länger wach geblieben wäre, hätte ich Julians Antwort noch lesen können – denn sie sollte das ganze Erlebnis ungemein aufwerten:
„Hey Timo, ich fands auch total nett, das können wir gern mal wieder machen! Ich hätte tatsächlich Lust gehabt, mich in der Nacht noch von Dir in den Kleistpark entführen zu lassen, um ein bisschen Zeit zu zweit zu haben. Wir holen das einfach irgendwann nach. Liebe Grüße, Ju“

fortsetzung folgt...

Samstag, 4. Juni 2016

Gegenwind und Rückenwind


Ich ertappe mich dabei, wie ich diesen Beitrag beginnen wollte mit "Wenn man..." und wieder zur Verallgemeinerung und Pauschalisierung zu neigen drohte. Ich ändere die Perspektive wieder in die erste Person ab. So habe ich es erlebt, so ist meine Wahrnehmung, kann sein, dass die nicht der Realität entspricht, kann auch sein, dass ich der Einzige bin, der es so erlebt. Also den Inhalt mit Vorsicht genießen.

Wenn ich Menschen erkläre, dass ich ein eher unkonventioneller Lehrer bin, sowohl hinsichtlich meiner Persönlichkeit als auch meiner Methoden, dann schallt mir oft ein "Naja, was ist schon normal?" entgegen - sicherlich nicht als Angriff auf meine Aussage gedacht, sondern um mir das Gefühl zu geben, dass ich gar nicht so anders bin. Um diese positive Geste zu unterstreichen, wird die Reaktion meines Gegenübers oft von einem Lächeln und von Aufgeschlossenheit begleitet: Ich möge doch einfach mal erzählen, was ich denn so anders mache.

Da wäre zum Beispiel, dass ich mich dem Spruch "Pädagogik vom Kinde aus" verschrieben habe. "Naja, das machen wir doch alle so, anders wäre ja auch eine sehr lehrerunwürdige Haltung" tönt es mir dann entgegen. Klingt gut. Also gehe ich in die Details von Lernstandserhebung, Wünschen und Erwartungen an den Kurs seitens der Schüler, "abholen, wo sie stehen", inhaltliche Orientierung an den Interessen der Schüler, ein offenes Ohr für eventuelle bisherige Probleme mit dem Unterricht. Ich komme dann mit meinem Unterrichtsziel, das eben nicht darin besteht, das Lehrbuch durchzuunterrichten, sondern dass die Schüler reicher aus dem Unterricht gehen, als sie gekommen sind, und dass sie auch beim nächsten Mal wieder gern in die Stunde kommen.

Spätestens an dieser Stelle baut sich häufig eine leichte Distanz zwischen mir und dem Gegenüber auf. "Wie, aber Du musst doch mit dem Buch durchkommen!" - "Also bei mir steht die Stoffprogression an oberster Stelle!" - "Aber dann lernen die Schüler doch nichts!"

Und dann gehe ich in die nächste Runde, erzähle von ganzheitlichen Ritualen im Unterricht. Meditation vor einer Klausur. Theaterspiele abseits vom Rollenspielstandard zur Veranschaulichung und Greifbarmachung von Inhalten. Über das Wochenende erzählen.

Die Distanz wird jetzt greifbar. "Wir sind hier doch nicht auf einer Gemeinschaftsschule!" - "Das hier ist ein Gymnasium, hier muss ich erwarten können, dass die Stoffvermittlung oberstes Gebot darstellt." - "Du kannst doch keine Kaffeekränzchen im Unterricht abhalten!" - "Eine Gedankenreise? Die Schüler sollen arbeiten und nicht schlafen!"

So entsteht mir aus dem schulischen Apparat ein Gegenwind, der manchmal unerträglich stark ist. Hin und wieder fällt es mir schwer, bei meinen Überzeugungen zu bleiben. Und angesichts der Reaktionen frage ich mich, wie viel von den oben genannten Beteuerungen der Kollegen lediglich Lippenbekenntnisse sind.

Das können auch ganz kollegiale Reaktionen sein; ich: "Habt ihr schonmal überlegt, dass der Schüler hochbegabt ist und euch deswegen die Wände hochgeht?" - "Wie? Also darauf wäre ich jetzt als Letztes gekommen." - "Also, alles, aber das kann ich mir absolut nicht vorstellen." Ein ganzes Kollegium, eine ganze Eltern-/Erzieherschaft. Das macht es mir manchmal schwierig, bei meinen Überzeugungen zu bleiben.

Das wären also ganz unterschiedliche Formen von Gegenwind. Das heißt nicht, dass es keine Kollegen gibt, die nicht ehrlich aufgeschlossen sind. Es gibt sie, immer mal wieder, und sie stehen hinter mir, auch wenn es ihnen manchmal nicht leicht fällt. Das wäre dann eine Form von Rückenwind.

Die andere Form aber. Sie wird mir zum Glück auch zuteil. Manchmal dauert es länger, manchmal ist es schon nach fünf Wochen so weit. Das Feedback außerhalb des schulischen Apparates. Da spricht mich eine Mutter an und sagt, nachdem wir uns unkompliziert und schnell auf das "du" geeinigt haben: "Ich wollte mich bei dir einmal bedanken. Du hast uns geholfen, unserer ganzen Familie. Wir können endlich wieder einmal durchatmen, mein Kind ist seit ein paar Wochen endlich wieder ausgeglichen. Ich weiß nicht, wie genau du das machst, ich weiß nur, ich wünschte, du könntest bleiben."

Es gibt für mich kein schöneres Lob als Lehrer. Von Schülern bekomme ich immer wieder das Feedback, dass der Unterricht ganz gut läuft, dass man was lernt, ich trau dem immer nicht so recht, weil ich mich nicht für so gut halte: Bei den Kollegen lernen die Schüler mehr, denn die kommen immerhin mit dem Buch durch. Wenn ich mich aber mit einer jahrzehntelangen Erzieherin intensiv über pädagogisches Arbeiten unterhalte und sie nach zwei Stunden zu ihren Schützlingen sagt, dass das ein tolles Gespräch war; wenn ich von einer Mutter eben beschriebenes Feedback bekomme; wenn ich spüre, dass ich im Leben eines Schülers oder vielleicht sogar einer ganzen Familie etwas Positives bewirkt habe ("Sie tun unseren Kindern so gut! Es ist schade, dass sie gehen.") - ich hatte hier einmal etwas geschrieben zum Thema Fußspuren hinterlassen.

Dann bin ich richtig glücklich. Dann wiegt dieser Rückenwind alles auf, was ich mir immer wieder anhören muss, besonders von einem Kollegium, das so eine Art zu arbeiten nicht immer kennt und erst kennenlernen muss, um sie zu akzeptieren.

Und deswegen mache ich genau so weiter, auch wenn weiterhin weder Vertretung noch Planstelle in Aussicht stehen.

post scriptum: Ich habe da eine gewisse Tortenklatscherin ("Klahtsch und Plahtsch"), die diese PSs liebt. Also hier noch eins - dieser Artikel liest sich wie ekelhafte, arrogante Selbstbeweihräucherung. Naja. Ihr müsst ihn ja nicht lesen ;-)

Donnerstag, 2. Juni 2016

DB + Fußballer + Geheimzutat = Fundstück der Woche


Ich hasse Fußball. Nein. Vielleicht nicht ganz so negativ. Es interessiert mich nur einfach nicht, und ich hege eine Abneigung gegenüber gewissen unausgesprochenen Regeln und Animositäten beim Fußball, und ich hege ein Unverständnis für die Bedeutung, die es für manche Länder hat. Mit einem EM-Finale wird man mich nicht hinter dem nicht vorhandenen Kamin hervorlocken. Aber vielleicht ja mit diesem kleinen Jubiläumsvideo, mit dem die Bahn 25 Jahre ICE feiert. Ein Werbespot, den ich so nicht unbedingt erwartet hätte. Ein Spot, den ich irgendwie toll finde, ein Statement. Es geht um einen Fußballfan; bitte mit Neugier einmal anschauen, vor dem Weiterlesen:



Ich find' das toll, ich müsste das eigentlich gar nicht weiter kommentieren. Tu' ich aber doch, und völlig unnötigerweise: Ich denke - in meiner gewohnt taktlosen, rücksichtslosen, unsensiblen Art, dass da am Ende auch noch ein Kuss hingepasst hätte. Oder wäre das für die Allgemeinheit schon wieder zuviel des Guten gewesen? Sollte ich mich nicht damit zufrieden geben, dass da zwei Menschen Händchen halten, von denen man es nicht erwarten sollte, mit der Aussage "Verbindet mehr als nur A und B"? Trifft es das nicht im Kern?

Irgendwie schon, und deswegen finde ich den Clip großartig.

post scriptum: Ich schwitze. Ich backe in meiner eigenen Wohnung. Die Sonne grillt mich gründlich durch; die Schutzfolie wirkt allerdings Wunder, es ist zu ertragen. Sogar fast angenehm? Und dann sehe ich in den Nachrichten, dass die Unwetterlage in Deutschland anhält. Ich finde das extrem! Dieser Unterschied, wir haben hier Sonne, Strand, ich kann mich wohlfühlen, in Niederbayern sterben, moment, wieviele sind es jetzt? Google News bestätigt das fünfte Todesopfer. Was ist hier nur los? Wie kann man angesichts solcher Ereignisse den Klimawandel noch leugnen? Katastrophenfilmregisseure an die Front!

Mittwoch, 1. Juni 2016

B76-Allegorie


Langsam gewöhne ich mich an die Strecke, entlang derer ich an meinen Arbeitsplatz komme. Auf dem Hinweg warte ich immer nur darauf, dass es einspurig wird, ich halte Ausschau nach dem "Play Dorado"-Schild, gewohnte Umgebung. Auf der Rückfahrt ist mir heute bewusst geworden, dass ich die Charakteristika eben jener Rückfahrt metaphorisch betrachten kann.

Wenn ich in Eckernförde auf die B76 abbiege, ist erstmal dreißig angesagt. Ampel wirkt behelfsmäßig, Funktion der Schranken am Bahnübergang nicht nachvollziehbar, manchmal bleiben die Dinger ewig unten und man kann sich während der Wartezeit eine Pizza liefern lassen. Es geht also nur holprig und langsam voran. So fühlt sich mein Gehirn oft an, wenn ich unterrichte. Leute, das müsste doch alles viel schneller gehen, mach' endlich hinne, ich werd' hier noch kirre! (Insider) Mit den Schülern etwas zu erarbeiten kann eine sehr zähe Sache sein und dauert gern mal länger, als man veranschlagt hat.

Dann endlich das Ortsschild, raus aus Eckernförde, Vollgas geeeeeeb.....remsen. Ich werde erstmal auf siebzig gedrosselt. Dann auf fünfzig, Baustelle. Symptomatisch für den Teil im Leben, in dem ich denke, ich hätte nun endlich Freiheiten - besonders nach den vorangegangenen Bremspartien.

Aber dann! Dann wird die Strecke plötzlich zweispurig und hundertzwanzig sind erlaubt. Plötzlich wird die Straße breiter, ich fühle mich freier, als würde ich jetzt tatsächlich etwas hinter mir lassen. Na klar trete ich auf das Gaspedal und genieße meine endlich zurückgewonnene Freiheit. Wo ich denn gefangen war? Nicht schwer zu erraten. Als Zeichen der Ungebundenheit öffne ich die Fenster, lasse die herrliche Sommerluft ins Auto strömen.

Ich komme in einen Rausch, den ich hier schon einmal beschrieben habe.

Dann geht es auch noch nach oben, hoch hinauf auf die Levensauer Hochbrücke. Ich fühle mich, als könne ich auf die ganze Welt herabsehen. Als hätte ich endlich etwas erreicht. Ich sonne mich im Glanz der Errungenschaften. Alles passt perfekt.

Alles... bis auf die komischen Aufbauten da am Straßenrand. Blitzkästen. Sie stehen da oft, an der Brücke bei der Abfahrt Suchsdorf. Im Bruchteil einer Sekunde werde ich wieder ganz klein mit Hut, ich habe nicht daran gedacht, dass hier mittlerweile nur noch hundert Sachen erlaubt sind. Wenn ich zu viele Freiheiten erhalte, werde ich übermütig, ich überspanne den Bogen und werde dann meistens unsanft auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt.

In der Konsequenz fahre ich das letzte Stück bis nach Haus absolut vorbildlich und nehme mir vor, das nie wieder zu tun. Zu übertreiben. Doch leider ist bei Gettorf immer die Fahrbahnerweiterung und immer das höhere Geschwindigkeitslimit. Meinen Vorsatz vergesse ich über Nacht, fahre am nächsten Tag ganz normal hin, fühle mich eingesperrt und möchte ausbrechen. Und das ist gar nicht so leicht, denn, wenn ich in Eckernförde auf die B76 abbiege, ist erstmal dreißig angesagt...