Samstag, 1. Juli 2017

Tagebuch: Lymphdrainage

Heilende Hände sind ein beliebter literarischer Topos

gestern, geschrieben von einem Heutegestrigen

...und was ist das überhaupt für ein Scheißwetter, es regnet den ganzen Tag, es ist den ganzen Tag dunkel, es ist Ende Juni, aber es ist Schleswig-Holstein, und was erwarte ich, denn schließlich hatten wir eine Kieler Woche mit untraditionell viel zu gutem Wetter und ganz ohne terroristischen Anschlag, da muss ja irgendwann eine Quittung kommen, also warum nicht, wenn die Touris alle weg sind und Dr Hilarius in die Stadt muss zur Lymphdrainage, weil das auch schon so grau und dreckig klingt, als ob man mir Schläuche in die Arme steckt, in die Venen, in meinen Finger mit "noch leicht lymphatischer Schwellung", Schläuche - natürlich durchsichtig - durch die dann weiß-gelbliche, eitrige Pampe vermischt mit Blut abgesaugt wird, weil ich nicht auf die Idee komme, dass das lateinische lympha sich direkt vom griechischen nymphe ableitet (denn ich kann ja kein Latein mehr und ignoriere nach wie vor die von Herrn Leinhos empfohlenen griechischen Schriftzeichen) und daher kann ich nicht wissen, dass lympha keine eitrige Pampe ist, sondern in der übertragenen Bedeutung einfach nur "klares Wasser" bezeichnet, sodass letztlich auch eine Birgit Vanderbeke auf mich stolz sein dürfte. So ein Scheißwetter ist das.

Und dann überfordern mich die ganzen Sinneseindrücke, das ging schon in der Schule los, in der ich mehrere Tests zurückgeben konnte und die übliche Mischung von Lachen und Weinen dabei war, und immer mehr Schüler mich in der Pausenhalle fragen, warum ich denn im Sommer von der Schule gehe, auch wieder Schüler, an die ich mich nicht erinnern kann, und ich kann ihnen nur antworten, dass ich an dieser Schule eben nicht gebraucht werde. Immerhin ist das ehrlich. Auch wenn ich weiß, dass manche Menschen die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, mensch, das kannst du denen doch nicht so sagen!

Draußen fahre ich vorsichtig. Denn teilweise steht das Wasser zentimeterhoch auf der Straße, und es war genau so ein Wetter in genau so einem Juni vor ein paar Jahren, als ich meinen Autounfall hatte, und seitdem lerne ich, respektvoll mit regennasser Straße umzugehen. Gleichzeitig sitzt mir die Zeit ein bisschen im Nacken - denn sobald ich zuhause bin, habe ich nur zwanzig Minuten Zeit, bevor ich los muss zum Bus in Richtung eiterabsaugende Schläuche. Warum fährst Du nicht mit dem Auto, warum nicht gleich nach der Schule in aller Ruhe dorthin, fragt mich Frau Steinbau, wohl wissend, dass ich als HB immer etwas Angst habe, wenn ich an neue, unbekannte Orte reisen soll und neue, unbekannte Menschen treffen, und ich habe Angst, dass ich mich mit dem Auto verfahre und keinen Parkplatz finde, und zu spät komme und alle enttäuscht von mir sind, und ich hasse es, über ein Gelände zu laufen und auszusehen, als hätte ich die Orientierung verloren, weil ich doch immer alles gleich irgendwie hinbekommen habe und ich einfach nicht hilflos aussehen möchte. Also fahre ich mit dem Bus da hin, und zwar viel zu früh, damit ich genügend Zeit habe, um mich dort zurechtzufinden. Klar könnte ich dort einfach Leute fragen, Ärzte, Campus-Studenten, aber das kann ich nicht, das habe ich nie richtig gelernt und überhaupt brauche ich das ja gar nicht.

Was ich nicht erwartet habe: Der Bus hat fünfzehn Minuten Verspätung - in der Zwischenzeit fahren alle anderen Linien an mir vorbei, kein anderer Fahrgast wartet noch auf die Einundsechzig. Ich werde unruhig und ängstlicher, mein schöner Zeitvorsprung schwindet dahin, ich werde auf dem Campus in einem Mordstempo diese kleine Praxis finden müssen, und es windet und nässt...

...und dann stellt sich das alles als typische HB-Paranoia heraus. Auf die Minute genau betrete ich die Reha-Praxis, und eine junge Dame wartet mit einem freundlichen Lächeln auf mich und nun erfahre ich, was genau eine Lymphdrainage ist - sie soll das aufgestaute Wasser dicht unter der Hautoberfläche in den betroffenen Arealen ableiten, um Schwellungen zurückgehen zu lassen. Und das passiert nicht durch brutales Absaugen, sondern durch eine ganz zarte Massage des Fingers, des gesamten linken Arms bis zur Achsel und der Lymphknoten am Hals. So massiert sie mir die relevanten Stellen und wir erzählen locker ein wenig über Ausbildung, Traumberufe, Schuhgrößen und dies und das und ich fühle mich sauwohl. Ich liege da entspannt auf der Liege und zwei warme Hände sorgen für pures Wohlbefinden, und um diesen Satz noch schlüpfriger zu machen, erwähne ich beiläufig - hier im Blog - dass Er auch mal Physiotherapeut werden wollte, und ich komme nicht umhin, den Gedankenschön zu finden, wie er diese Lymphdrainage bei mir durchgeführt hätte.

Total entspannt bummele ich durch den Regen Richtung Weltraumbasis. Entspannt, zufrieden, ausgeglichen, und erst jetzt bemerke ich beim Blick auf meinen operierten Finger, dass die Schwellung jetzt schon deutlich zurückgegangen ist, endlich kann ich wieder Poren und kleine Hautfältchen erkennen, und ich leuchte noch mehr innerlich - natürlich in Regenbogenfarben, denn seit meinem Blick in die Nachrichten von der Schule aus weiß ich, dass es endlich die gleichwertige gleichgeschlechtliche Ehe in Deutschland gibt.

Und ich bin glücklich.

Es versteht sich von selbst, dass mit der Ankunft zuhause der Wellness-Abend erst begonnen hat und dann mit einem sinnlichen Entspannungsbad, einer wunderbaren Meditation und voller Stolz auf meine Diplombuba abgerundet werden konnte.

Manche Tage sind einfach so, und so sollte man jedem einzelnen Tag die Chance geben, großartig zu werden.

post scriptum: Wenn ich auch viel Mist schreibe - irgendwie finde ich diesen Artikel gut. Jetzt kräht es wieder von den Dächern: "Arrogant! Selbstverliebt!" Mich muss nicht jeder mögen. Vielleicht liest ja zufällig irgendwann ein Lektor das Geschmiere hier, cacata charta (Catull anyone?), und es bringt mir Tantiemen ein? Aber beim Reflektieren - nein, so gut ist dieser Text dann doch nicht.

Freitag, 30. Juni 2017

Will you marry me?

Studium. Alkohol. Twen-Unsinn. Spaß.

Frankly? No.

Ich sitze an der Tastatur und muss es irgendwie schaffen, diesen Tag zu verarbeiten, der so viel verschiedenen Input hatte - bitte ertragt es, wenn ich ein wenig gedanklich mäandere.

Nun ist es also soweit. Endlich. ENDLICH! Merkels Brigitte-Interview kann als ein Meilenstein deutscher Geschichte betrachtet werden, wenn man bedenkt, dass sie von ihrem "unguten Bauchgefühl" abgerückt ist und es zu einer "Gewissensentscheidung" gemacht hat. Angela Merkel hat - wenig überraschend - gegen die gleichgeschlechtliche Ehe gestimmt - #EheFuerAlle dürfte ein sehr populärer Hashtag sein. Und was soll ich in diesem Blog dazu schreiben, wo doch Alles schon anderorts geschrieben wird, und mehrheitlich sogar besser? Ich gebe einfach wieder eine Runde Bewusstseinsstrom Light für alle aus.

Ich habe mich geschämt. Jahrelang. Jahrelang habe ich mich dafür geschämt, dass unsere Bundesregierung der Homo-Ehe im Weg steht. Was habe ich mich geschämt, als Petra Mede beim ESC 2013 im Intermezzo Swedish Smorgasbord (geile Nummer) die Homo-Ehe als Selbstverständlichkeit für Schweden präsentiert hat! Was habe ich mich heute geschämt, als die SPD das als ihren Sieg verkündet, wenn ich bedenke, dass diese Partei jahrelang um des Koalitionsfriedens Willen den Mund gehalten hat.

Die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Partner war längst überfällig, und ich bin zufrieden, dass es endlich geklickt hat. Wahlkampf hin oder her. Und Beatrix von Storch kotzt jetzt wahrscheinlich und es würde mich interessieren, wie Alice Weidel (AfD) es mit ihrer Lebenspartnerin handhabt - werden sie jetzt auch heiraten? Oder nicht? Wie steht sie dazu? Diese Fragen sind rhetorisch. Ich möchte keine Antworten darauf. Ich möchte meine wertvolle Denkzeit nicht mit der AfD vergeuden.

Möchte ich heiraten? Ich kann dazu keine Aussage machen. Ich kann es nur etwas allgemeiner formulieren: Er ist der Mensch, für den ich tatsächlich Verantwortung übernehmen würde. Für den ich einstehen würde. Den ich immer unterstützen würde. Egal ob Ehe oder nicht, und außerdem hat Er ja eine Freundin ;-) Ich kann also nur sagen: Zu diesem Zeitpunkt ist eine Lebenspartnerschaft für mich nicht relevant.

Aber ich freue mich unglaublich für alle Paare da draußen. Ich kann das Gefühl nicht in Worte fassen. Ich leuchte innerlich, in Regenbogenfarben. Endlich Zeitgeist. Endlich Liebe. Endlich gesunder Menschenverstand.

Endlich einen Schritt weiter.

Donnerstag, 29. Juni 2017

Ich habe mich verliebt...

...nicht in fiktive Figuren - aber in eine Geschichte; ich finde es immer wieder faszinierend, wie man sich mit fiktiven Charakteren anfreunden kann - so dass man sich bei ihnen irgendwie "zuhause" fühlt....

...aber nicht in einen anderen Mann. Dieses Gefühl hat immer noch Er für sich gepachtet, egal, wie die Situation gerade sein mag (never say never...).

Es geht um ein neues Adventure in meinem Spieleregal. Zu meinen PC-Zeiten zuhause und im Studium habe ich alle möglichen Adventures gespielt, Point'n'Klick, Grafikadventures und Konsorten. Ich mochte es immer, in aller Ruhe eine Welt zu erforschen, die meistens visuell und akustisch wunderbar ausgestattet war. Dazu galt es, vertrackte Rätsel zu lösen, ein paar dieser Spiele boten echte Kopfnüsse. Das galt inbesondere für die Grafikadventures - und manch' ein Spiel hatte dann auch noch echt tolle Stories parat, verpackt in wunderbarer Atmosphäre, zum Beispiel Syberia, Runaway, Maniac Mansion - und unzählige mehr.

Seit meinem Umzug nach Husum vor Jahren habe ich keine klassischen Adventures mehr gespielt - doch beim Stöbern in den Shopregalen wurde ich fündig und habe wieder richtig Lust bekommen, und zwar auf Life Is Strange. Da ich selbst noch in der ersten Episode bin und nichts spoilern möchte, weise ich nur auf die Elemente hin, die mich beim ersten Spielen angezogen haben: Das Setting - in einer Highschool - die Protagonistin - eine achtzehnjährige Fotografiestudentin, die eine übersinnliche Gabe entdeckt - und vor allem die Musik - pure Melancholie, emotional; das Ganze kombiniert mit den ersten zwanzig Minuten des Spiels, in denen es direkt um Gewalt, Drogen und Schimpfworte geht, das hat mich gefesselt. Ich stelle fest, dass die am häufigsten benutzten Wörter fuck, shit, ass, bitch, douche und dick sind. Toll, ich fühle mich direkt gut aufgehoben! Der Wortschatz der heutigen Jugend wurde verdammt gut getroffen.

Und als ich dann bei einem Song im Hintergrund die weibliche Gesangsstimme gehört habe, dachte ich - moment mal, die kommt mir irgendwie bekannt vor. Ich hatte gleich den Verdacht, dass bei dem Indie-Folk-Soundtrack zwei Leutchen involviert waren, und eine kurze Recherche hat bestätigt: Angus&Julia Stone haben mitgemischt. Ich höre solche Musik eigentlich nie bewusst, sondern eher zufällig nebenbei und dann mag ich sie. Wer sich nichts drunter vorstellen kann, darf einen Blick werfen in das Video zu Paper Aeroplane, mein erster Song von ihnen, und ich habe ihn bis heute nicht aus dem Kopf bekommen:


Soviel also zu meiner Spiele-Nostalgie für heute. Gibt es da draußen noch mehr Menschen, die mit diesen Namen etwas anfangen können? Zak McKracken and the Alien Mindbenders, Loom, Indiana Jones and the Fate of Atlantis, Myst, Riven, Schizm, Reah, Aura, überhaupt mit dem ganzen "Benutze Dosenfutter mit zweiköpfiges Eichhörnchen"-Gedöns? Oder "Drücke Sophia" (Insider)?

Und jetzt widme ich mich wieder der Meditation, gibt gerade genügend Denkstoff...

Mittwoch, 28. Juni 2017

Flores ingenuitatis discipulorum (FID) - Stilblüten

Yes, they did their best...

Geburtstagsparty, es sollten die richtigen Vokabeln eingesetzt werden:

"Holly and Olivia can sit in the fire." 
Wobei ich zugeben muss, manchmal hat man ja tatsächlich Gäste, die man am liebsten wieder loswerden möchte - und da hilft auch der folgende Tipp:

"She can barbecue her friends."
Irgendwie finde ich das so witzig, dass ich dafür einen Bonuspunkt geben sollte; wer Addams Family Values gesehen hat, weiß, wie man Menschen grillt.

"She has a money party."
Ich finde es ein wenig verstörend, wenn Fünftklässler sich Geldparties vorstellen. Ob da ein zukünftiger Donald Trump heranwächst? Dessen Lieblingsverb taucht dort auf:

"She wants to fire the money." 
An dieser Stelle bin ich mir nicht sicher, ob das Geld einfach nur gekündigt werden soll; ich lese es so, dass sie das Geld scheineweise in den Kamin schaufeln soll.

Aufgaben zum will-future:

"Please be careful with my new sunglasses!"- "Don't worry, I will break them." 
Das Trickreiche ist ja, dass der Satz grammatikalisch korrekt ist, mir fällt es tatsächlich schwer, hier einen Fehler anzustreichen.

"Oh no, I forgot my Maths homework!" - "Don't worry, I will tell Mr Swindon."
Hach, solche Mitschüler hat man sicherlich gern - ist immer schön, wenn man sich umeinander kümmert.

"I can lend you some money." - "Thank you! I won't pay you back."
Okay, wenigstens ist er ehrlich. Auch hier wieder das Problem: Grammatikalisch ist das richtig - und inhaltlich auch möglich. Also dürfte ich das eigentlich nicht als falsch markieren.

Neue Götter:

"Martem ist der Akkusativ von Martus, Lovem, achso, klar, damit ist Juppiter gemeint, der Gott der Liebe, und Mercurius ist der Gott des Handels, weil er halt handelt, während die Anderen nur rumsitzen."

'nuff said.

post scriptum: Drollig, aber tatsächlich ist dieses PS das Erste, was ich in diesem Beitrag schreibe. Ich bin gerade zum Haus rein und sehe schon wieder einen Umzugswagen vor der Haustür. Ich fasse zusammen: Ich wohne seit gut drei Jahren in dieser Wohnung. Meine Nachbarin rechts ist ausgezogen. Mein Nachbar links verstorben und wurde von der Polizei herausgetragen. Die Nachbarn unter mir ziehen jetzt zum zweiten Mal aus. Ich glaube, die Buba und ich haben eine abschreckende Wirkung - ich kann mir GAAAAHHRRRTHÖÄARCHT vorstellen, warum...

PPS: Typisch HB: In der ersten Praxis hat es mit der Physio nicht geklappt, die nötige Therapeutin ist derzeit im Urlaub. Anstatt gleich bei der nächsten anzurufen, muss ich das erstmal verarbeiten ^^

Sonntag, 25. Juni 2017

Das Schwimmbad

Wenn aus Flächenberechnung ein ganzes Abenteuer wird...

Siebte Klasse, Mathe bei Herrn Kries. Flächenberechnung. Und Herr Kries erklärt es nochmal für alle, das hatten wir doch schon, können wir nicht endlich weitermachen? Aber nein, er versucht es nochmal auf eine andere Art und Weise zu beschreiben. Ich blicke auf meine Zeichnung von einem Quader minus kleinerer Quader und lasse die Gedanken schweifen. Das sieht aus wie der Grundriss von einem Haus, oder so. Ich zeichne mal Fenster und Türen ein, dann ist das Bild nicht mehr so langweilig, kann ja noch eine Weile dauern, bis wir in Mathe weitermachen. Und wenn schon Fenster und Türen drin sind, dann kann ich meiner Flächenberechnung auch gleich noch Möbel hinzufügen, und Menschen. Und einen weiteren Raum, und hier noch zwei. Und einen Schatz da hin und eine Bombe dorthin. Und natürlich ist die Tür zum Schatz verschlossen, warte mal, das zeichne ich hier ein, ich nenne den Schlüssel "A", damit ich nicht durcheinander komme, denn ich möchte noch mehr Schlösser einbauen...

Und während Herr Kries mittlerweile tatsächlich unterrichtlich weiterging, hatte ich mich bereits vollkommen in meine Zeichnung vertieft. Von den Anderen hatte ich nichts mehr mitbekommen, mein Gehirn lief auf Hochtouren, und ich fing tatsächlich an, dem ganzen Grundriss einen Plot hinzuzufügen. Das ist keine ungewöhnliche Situation gewesen, sowas kam öfters vor. Und jeder Kollege, der schon einmal hochbegabte Autisten unterrichtet hat, dürfte dieses Verhalten so oder so ähnlich kennen.

Ich habe also in den darauffolgenden Mathestunden meinen Grundriss immer weiter verfeinert, ich habe ein Schwimmbad entworfen mit einem Löwengehege in der Eingangshalle, einem blutigen, zerfetzten Kleid, das im Gitter hing, eine Midnight Lounge, in der sich ein zerstrittenes Ehepaar, ein Polizist und ein Transvestit aufhielten. Versorgungsgänge, Kellergewölbe, ein geheimer Fahrstuhl, ein Park hinter dem Schwimmbad...

Und so hatte ich ein paar Wochen später ein komplettes Rollenspiel entworfen, inklusive eines Soundtracks, der je nach Raum im Hintergrund laufen sollte - aber ob das auch etwas taugte? Es sollte sich herausstellen, dass meine Mitschüler, Bandmitglieder und Freunde Spaß daran hatten, das Geheimnis des Schwimmbades zu enthüllen; ich habe das Schwimmbad in den darauffolgenden Monaten und Jahren immer wieder mit neuen Bekannten gespielt.

Und weil ich das so cool fand, biete ich das in diesem Juli in unserer Schulprojektwoche an - Rollenspiele selbstgemacht - ich werde das originale Schwimmbad mit meiner Gruppe erst spielen und die Schüler dann anleiten, eigene Rollenspiele zu entwerfen. Und ich bin richtig gespannt, wie das wird!

Das Spiel hat damals tatsächlich eine epische Fortsetzung erhalten (jaja, wenn der Hochbegabte sich erstmal für etwas begeistert...) und aus dem dritten Teil ist mein erster "Roman" geworden. Das hat echt Spaß gemacht - kreative Zeiten...

Samstag, 24. Juni 2017

Abgelehnt

Toller Schulfotograf - aber ganz bestimmt nicht meine Schule, und so geht die Suche weiter...

"Mit Latein kannst du dir nachher deine Schule aussuchen!"

Mit diesem Satz habe ich das Werner-Heisenberg-Gymnasium verlassen und bin an die Universität gegangen. Das war eine Art Credo für mich, ich habe mich durch das damals sehr anspruchsvolle Lateinstudium gearbeitet mit genau diesem Ziel im Blick: Dass ich keine Probleme haben werde, eine Arbeit zu finden. Und jedesmal, wenn ich überlegt hatte, das Studium zu schmeißen, kam immer wieder dieses "...garantierter Job." in den Kopf und ich habe mich aufgerappelt und weitergekämpft. Ich kann mich in sowas ziemlich gut hineinsteigern, verliere dann auch gern den Blick für die Realität da draußen.

Deswegen bin ich heilfroh, dass ich die Sannitanic habe. Sie hat ihr Studium ein Jahr vor mir beendet, ein vorbildliches, fleißiges Bienchen. Als ich also mein erstes Staatsexamen einkassiert hab, hatte sie bereits ein Jahr Arbeitsmarkt und Realität erlebt und kontinuierlich, mal mehr, mal weniger subtil mir einzuhämmern versucht, dass der Satz "Mit Latein kannst du dir nachher deine Schule aussuchen!" mittlerweile obsolet war. Und immer, wenn ich irgendwelche freudigen Höhenflüge hatte, mir ausgemalt hatte, wie schön gesichert meine Zukunft sich entfaltet, dann kam sie und prügelte mir gesunden Menschenverstand ein.

Für uns gab es da draußen kein "Schule aussuchen" mehr. Man muss nehmen, was man kriegen kann. Und die Sannitanic hatte Erfolg, ich bekam einen genauso pessimistisch-realistischen Blick auf den Stand der Dinge wie sie. Und als ich mein zweites Staatsexamen einkassiert hatte, gab es nur noch "Ich nehm' Alles, hauptsache irgendeine Arbeit!" (Dass der nächste Job mich an eine Traumschule führen sollte, lasse ich jetzt mal dahingestellt)

Und so ist es noch heute. Man sollte nehmen, was man kriegen kann. Auch wenn es Fahrzeiten bedeutet. Auch wenn es Umzug bedeutet. Und ich bewundere Herrn Leinhos da draußen, der sowohl Schulart als auch Bundesland gewechselt hat (er liest das jetzt gerade) und eine Arbeit hat. Ich beneide ihn ein wenig darum, denn ich kann das nicht. Ich bin viel zu unflexibel. Und ich habe das ein oder andere Jobangebot abgelehnt. Sylt hat eine Planstelle angeboten - der Sannitanic-Schrei: "Nimm', was du kriegen kannst!!!" - aber ich möchte in Kiel bleiben, ich möchte in meiner Wohnung bleiben. Aber es gibt auch andere Gründe, eine Stelle abzulehnen.

So hat die Lübecker Geschwister-Prenski-Schule angefragt, es ging um eine Planstelle. Sannitanic: "Wow, das würde ich mir überlegen, die soll echt gut sein!" - und das hat mich misstrauisch gemacht. Ich möchte nicht an so eine "tolle" Schule. Warum? Weil ich mir ernsthaft Sorgen mache, dass ich den Ansprüchen nicht gerecht werden kann. Dass ich nicht mit den tollen Kollegen mithalten kann. Und das würde mir immer wieder wie eine unsichtbare Last auf den Schultern gelegen haben. Lieber würde ich an eine Schule gehen, an der es Probleme gibt, damit ich mein Ding durchziehen kann.

Und es hat auch die Klaus-Groth-Schule aus Neumünster angefragt (aber befristet). Und zwar expressis verbis nach mir gefragt, denn den Schulleiter  habe ich im Studium mehrfach erlebt. Und er mich. Und mir war klar, dass ich nicht an seine Schule möchte. Nicht, weil er kein guter Lehrer wäre, ganz im Gegenteil, er ist echt super. Aber er hat mir im Studium suggeriert, dass es nur eine Art zu unterrichten gebe, nur eine Hauptstraße durch den Text (jetzt kotzt jemand). Er würde womöglich von mir erwartet haben, mich an die KGS anzupassen, mich an seinen Stil anzupassen, und das wäre ganz unschön ausgegangen, Querkopf, der ich bin. Deswegen habe ich höflich abgelehnt. Allerdings hat der Schulleiter sich nicht so schnell abwimmeln lassen, und da kommen wir zu einem weiteren Argument für eine Ablehnung.

"Dr Hilarius, wir sind ein Gymnasium, reizt sie das nicht?" - Nein, habe ich ihm nett geantwortet, gerade das ist ein Grund, nicht anzunehmen. Ich möchte an eine Gemeinschaftsschule (wie ich hier schon bis zum Erbrechen erörtert habe). Bei der Schulart Gymnasium sitzt schon wieder diese unsichtbare Last auf meinen Schultern: Elitäre Schüler, toller Ruf der Schule, niveauvoll, anspruchsvoll, keine Fehltritte erlaubt - ich würde dem niemals gerecht werden können.

Und so bleibt immer wieder die Frage - soll ich irgendeinen Job annehmen? Oder einen, in dem ich mich wohlfühlen werde? Sannitanic: Naja, dann gib' doch mehreren Schulen die Chance, die richtige für dich zu sein! Ich: Ich habe zurzeit eine Schule gefunden, an der ich mich wohlfühle und in die ich gut hineinpassen würde, trotz (oder aber wegen) meiner Eigenarten - warum soll ich an eine andere gehen?

post scriptum: Die letzte Frage ist rhetorisch ^^

Freitag, 23. Juni 2017

Ferienreif?

Liebgemeinte Abschiedsbriefe tun gerade nicht wirklich gut...

Ich habe heute in der Schule eine interessante Atmosphäre wahrgenommen. Die Sommerferien nahen, und das macht sich im Verhalten Aller bemerkbar. Ich schildere einmal ein paar Beobachtungen.

Da werden Unterrichtsstunden genutzt, um Tanzen zu üben - für die Abschlussbälle des neunten, zehnten und dreizehnten Jahrgangs. Ich finde das großartig, ich habe heute selbst dabei Aufsicht geführt. Es ist niedlich, wie unbeholfen manche Schüler sich bewegen, und es erinnert mich daran, dass ich ganz genau so war (und in Standardtänzen immer noch bin). Wieder ist mir der Wechsel bewusst geworden, vom Schüler, der da brav die Abschlusstänze mit seiner Tanzpartnerin einübt (Conny, ich war ungeoutet), zum Lehrer, der alle richtig motivieren möchte, anfeuern, anschieben, los Leute, schlaft ihr? Wo sind eure Hüften? ...war eine schöne Stunde.

Der Raumplan zerledert sich mittlerweile. Räume sind frei, die nicht frei sein sollten, weil einige Jahrgänge keine Schule mehr haben, die Ausbuchung der Filmräume steigt deutlich an, manche Räume müssen für Nachschreiber, Projektpräsentationen und Konsorten umgemünzt werden. Das "Alles hat seinen Platz." löst sich in Luft auf - für den Hochbegabten zwar spannend, aber auch nervenaufreibend, weil da Sicherheiten wegbrechen. Wo finde ich meine Lerngruppen? In welchem Raum kann ich einen Film schauen? Wo setze ich meine eigenen Nachschreiber hin? Ich bin heute sehr viel durch die Schule gelaufen.

Die Prüfpläne hängen aus, von Montag bis Mittwoch wird die Schule ziemlich leer sein, aber vor nervlicher Anspannung explodieren, vermute ich. Gut, dass ich noch Tests korrigieren muss, dann habe ich etwas zu tun, denn wir wissen: Selbst wenn man in keiner Prüfung eingeteilt ist, besteht Anwesenheitspflicht während der Prüfungstage. Ich finde das irgendwie schwachsinnig, aber gut, soll so sein. Und eine Prüfung habe ich dann ja doch, ich bin sehr gespannt: Ich übernehme den Fachvorsitz einer mündlichen Lateinprüfung im zehnten Jahrgang, Stichwort Zulassung zur gymnasialen Oberstufe. Ich erinnere mich noch an dieses Feeling: Nach den mündlichen Prüfungen ist eh' nichts Wichtiges mehr. Wobei es auch Kollegen gibt, die den Unterricht durchziehen: Ich fange nächste Woche mit meiner Klasse eine neue Unit an. Film vor den Ferien okay, aber bis dahin wird gelernt.

Ich empfinde diese "Endzeitstimmung" als extrem früh. Die Sommerferien beginnen erst in einem Monat. Mir ist bewusst, dass es normal ist, dass jetzt schon die Zügel lockerer gelassen werden, das ist an vielen Schulen so. Ich erinnere mich aber an St.Peter-Ording: Zeugniskonferenzen in der letzten Schulwoche - und bis dahin ganz normaler Unterricht. Und ich fand das ganz schön, muss ich zugeben. Ich vermisse die Nordseeschule.

Dadurch, dass das diesmal so früh losgeht, wird ein Gefühl verstärkt: Mir bricht der Boden unter den Füßen weg und ich weiß nicht, ob es weitergeht.