Dienstag, 7. März 2017

Falscher Beruf

Immer auf der Suche nach der eigenen Identität, nach der richtigen Haarfarbe und dem richtigen Beruf - die richtige Haarfarbe habe ich mittlerweile gefunden ;-) (NICHT blond!)

Ich habe über die Jahre hinweg eigentlich nie hinterfragt, dass ich Lehrer werden will. Korrigiere: Dass ich Lehrer werde. Mit Wollen hatte das nie etwas zu tun. Das stand irgendwie fest, wohl, weil ich aus einer Lehrerfamilie komme (Großvater, Mutter, Onkel, Tante, Tante, Brüder, Cousin).  Es stand immer fest, dass ich nach dem Abitur erstmal den Zivildienst mache und dann zum Studieren nach Kiel gehe. Ich habe diese Setzung nie hinterfragt. Ich habe nie ernsthaft daran gedacht, dass es auch noch andere Berufe gibt. Dabei dachte ich immer, okay, Englisch und Latein, das kann ich, aber kann ich später wirklich mit Kindern arbeiten?

Im Studium hat das tatsächlich wie eine ganz entfernte Gewitterwolke immer im Karrierehorizont geschwebt. Studium - und was dann? Was mache ich, wenn ich mit Kindern nicht umgehen kann? Und vielleicht auch gar nicht will? Möchte ich eigentlich lieber eine wissenschaftliche Laufbahn einschlagen? Mit dem ersten Staatsexamen war die Gewitterwolke schließlich angekommen - nun hatte ich meine Fachabschlüsse in der Tasche. Mit Kindern arbeiten? Ich bin dafür vollkommen disqualifiziert. Bestimmt bewirke ich, dass sie irgendein schlechtes Verhalten von mir lernen.

You never know unless you try, dachte ich mir und habe ganz blauäugig mein nulltes Semester vor dem Referendariat in Husum unterrichtet. Ich weiß noch genau, wie ich zu meiner Schulleiterin im Vorstellungsgespräch sagte: "Ich sage ihnen ganz ehrlich, ich weiß gar nicht, ob ich mit Kindern arbeiten kann, ich würde das einfach gern mal ausprobieren - und nach einem halben Jahr könnte ich dann auch wieder aufhören, oder?" Drei Monate später wusste ich, dass es der richtige Beruf ist.

Es gibt immer wieder Situationen, die es mir bestätigen, und da es auch heute eine solche Situation gab, schreibe ich jetzt darüber. Heute hat sich ein "Anfangsverdacht" erhärtet. Ein Schüler, verhaltensauffällig, Klassenlehrerin fragt mich, ob ich irgendwie an ihn rankommen kann, weil er blockt. Ich beobachte ihn im ersten Halbjahr, meine Antennen scheinen irgendeine Information zu empfangen. Und dann der Verdacht: Vielleicht ist dieser Schüler hochbegabt! Seine schulischen Leistungen geben das nicht her, er provoziert die Lehrer, er nervt "und dabei könnte er eigentlich mehr, ich verstehe den Jungen nicht!".

Und dann beginnt in meinem Kopf dieses Gefühl. Dieses "Könnte das echt sein? Denk' mal gründlich drüber nach!" Und in meinen Meditationen habe ich mir diverse Szenen aus dem Unterrichtsalltag wieder vor Augen geführt, diesmal dann mit der Kameralinse "hochbegabt". Es fühlt sich so unglaublich gut an, wenn durch diese Linse hindurch viele Szenen plötzlich Sinn ergeben - dann werde ich richtig neugierig, bin voll bei der Sache. Ich gehe mit dem Schüler ins Gespräch unter vier Augen, unverbindlich, unkompliziert, und hake Symptome auf meiner inneren Checkliste ab. Aus der Kameralinse wird dann eine unsichtbare Brille, die ich im Unterricht aufsetze.

Und der Verdacht erhärtet sich immer weiter. Ich fühle mich wie ein Schatzsucher, der nach fleißigem Graben nicht nur eine Schatztruhe gefunden hat, sondern auch noch einen Hinweis auf eine verlorene Stadt - glücklich, voller Energie und Lust, weiterzuforschen. Ich fühle meinen HB-Spürsinn bestätigt, ich habe die Hoffnung, dass ich diesem Schüler, dieser Familie, dieser Klassenlehrerin etwas Gutes tun kann, indem ich mich einschalte und ein bisschen aufkläre. (Wäre nicht das erste Mal, es funktioniert tatsächlich) Und vielleicht öffne ich einem Jugendlichen tausend neue Möglichkeiten - und ein Bewusstsein für tausend Gefahren - und ich gebe zu, darauf bin ich ein bisschen stolz.

Und dann fragen mich manche Kollegen, ob ich mir vielleicht den falschen Beruf ausgesucht habe. So, wie ich mich das früher gefragt habe.

Die Antwort habe ich gefunden.

post scriptum: Manchmal habe ich mit meinem HB-Verdacht extrem viel Gegenwind im Kollegium, das ist leider immer so, unabhängig von der Schule. Nützt nichts, es hilft nur, den Glauben in die eigenen Fähigkeiten nicht zu verlieren. Egal, wie die Haarfarbe gerade ist.

Montag, 6. März 2017

Schauriger Einflussreichtum


Angeregt durch neulichen Beitrag möchte ich heute anhand einer Episode der Twilight Zone zeigen, wie einflussreich diese Serie war - nachdem ich am Wochenende einfach mit Superlativen um mich geworfen habe. Es geht um die Geschichte The Hitch-Hiker, zu deutsch "Der Anhalter".


ACHTUNG! SPOILERWARNUNG!
Wer die Episode genießen will, sollte das jetzt tun und erst später weiterlesen, denn in der Besprechung wird das Geheimnis um den Anhalter aufgelöst.

Nan Adams hat eine Autopanne, der Reifen ist geplatzt, aber sie findet zum Glück schnell einen Helfer. Der Reifen wird gewechselt, noch einen Kaffee trinken, und dann kann die Fahrt weitergehen. Könnte - denn ein kleiner Mann mittleren Alters bittet darum, mitgenommen zu werden. Nan beachtet ihn nicht weiter und fährt fort.

Als sie dann bei der nächsten Tankstelle ankommt, steht dort eben jener Anhalter und wartet schon auf sie. Nan ist verwirrt, wie kann das sein, dass er vor ihr an diesem Ort ist? Zunächst nur etwas verstört, führen weitere Begegnungen mit dem Anhalter dazu, dass Nan langsam, aber sicher die Fassung verliert. Sie versucht, vor dem Anhalter zu fliehen, hat mittlerweile kein Reiseziel mehr, einfach nur weg von diesem seltsamen Mann.

Irgendwann glaubt sie, ihn abgehängt zu haben, aber sie fühlt sich verloren. Sie weiß nicht, wo sie ist, sie fühlt sich vollkommen fremd. Um wenigstens eine bekannte Stimme zu hören, ruft Nan ihre Mutter an. Sie möchte ihre Stimme hören, um sich selbst zu versichern, dass sie noch bei Verstand ist. Die Stimme, die ihr antwortet, klingt allerdings unbekannt. Eine fremde Frau am anderen Ende klärt Nan darüber auf, dass ihre Mutter im Krankenhaus ist, weil sie den Unfalltod ihrer Tochter nicht verkraftet hat.

Wow.

Und alle Puzzleteile fallen an ihren Platz: Nan ist bei der Autopanne ums Leben gekommen, der Reifen ist geplatzt und der Wagen hat sich überschlagen. Alles, was wir in dieser Episode beobachtet haben, ist Nans Seele, die nicht weiß, dass sie tot ist. Der Anhalter ist der personifizierte Tod, vor dem sie immer wieder geflohen ist.

Sie legt das Telefon auf und fühlt sich plötzlich ganz befreit, sie hat keine Angst mehr. Sie steigt in ihr Auto, der Anhalter sitzt auf der Rückbank und sie fahren zusammen in seine Richtung...

Zur Abrechnung: Dieser Plottwist ist nicht neu. Es handelt sich um einen der bekanntesten und effektivsten überhaupt - kein Wunder, dass er so oft in verschiedenen Medien umgesetzt wurde, zum Beispiel in Ambrose Bierce' Kurzgeschichte An Occurrence At Owl Creek Bridge (1890), in Herk Harveys Film Carnival of Souls (1962, auch hier mit Autounfall, direkt inspiriert von der Twilight Zone?), in der Folge The Tale Of The Dream Girl (1994) der Jugendserie Are You Afraid Of The Dark und im direkt daraus abgeleiteten Kinofilm M.Night Shyamalans, The Sixth Sense (1999).

Der Fairness halber sei gesagt, dass all diese Geschichten wirklich gut umgesetzt sind. Die Serienfolge für Jugendliche wurde altersgerecht aufbereitet und fantastisch gespielt (sie gilt als eine der besten der Serie), Harveys Kinofilm arbeitet genau wie TZ mit ganz einfachen Tricks, bedient sich allerdings eines besonders unheimlichen Settings, einem verlassenen Badehaus, das seine eigene Geschichte erzählt.

Der "Impact" des Plottwists ist meiner Meinung nach bei Bierce' Kurzgeschichte am stärksten, da er ihn nach zwei hochemotionalen und actionreichen Akten in einem einzigen, kurzen Hauptsatz ans Ende der Story stellt. Als Leser liest sich jener Satz wie ein Guss eiskaltes Wasser - unglaublich genugtuend.

Zurück zur Twilight Zone, deren Episode mit einem fantastischen Satz endet, dem einzigen Satz des Anhalters, der von der Rückbank aus zu Nan Adams sagt: "I believe you're going my way?" als Feststellung einer Gewissheit, die im Verlauf der Episode immer düsterer über Nan und ihrem Wagen dräut und doch durch clevere Kameraarbeit und manipulative Musik von Zuschauer möglichst weit ferngehalten wird.

Das Franchise Final Destination lebt zu einem großen Teil von Einflüssen der Twilight Zone, deswegen auch obiges Bild vom FD-Poster. So ist die Prämisse des ersten Teils, die Vision vom Flugzeugabsturz, direkt aus der TZ-Episode Twenty Two abgekupfert worden, die Szene, in der das Auto mitten auf den Bahnschienen stehen bleibt, während ein Zug heranrast, wurde 1:1 aus der oben besprochenen Episode The Hitch-Hiker kopiert. Es handelt sich hierbei um Hommagen an die Serie, nicht um dreisten Ideenraub.  

Unbedingte Schau-Empfehlung!

Sonntag, 5. März 2017

Impulsgeber und Antwortmaschine

Ein Wort gibt das Andere...

Der Titel des heutigen Beitrags klingt nach zwei Erfindungen. Vielleicht ganz neu, oder vielleicht auch schon ganz alt, es klingt ein wenig nach Geräten aus der Telekommunikationstechnik, vielleicht aus der Ära der Marconigramme oder Telefon-Schaltzentralen. Es kann sich aber auch um etwas ganz Anderes handeln: Um die nüchterne Funktionsbezeichnung zweier Gesprächspartner in manch' einer Konversation, die nur dem Selbstzweck dient.

Ich habe in diesem Blog vor einiger Zeit eine meiner Hausarbeiten aus dem Englischstudium gepostet, die sich genau solchen Konversationen in einem Theaterstück gewidmet hat. Allerdings ist dieser Gesprächstypus keinesfalls fiktiv; David Mamet, der Autor des Theaterstücks Sexual Perversity In Chicago, gründet die gesamte Kommunikation im Stück auf genauen Beobachtungen und kommunikationspsychologisches Fingerspitzengefühl.

Szenen, die dem Drama zugrunde liegen, tauchen in unser aller Leben recht häufig auf, allerdings bemerken wir sie nur selten live, da wir uns während eines solchen Gesprächs gut unterhalten fühlen. Erst teils lange Zeit nach der Unterhaltung bemerken wir bei ihrer Reflektion, wie nichtig sie eigentlich gewesen ist, wie wenig wir für uns selbst haben mitnehmen können - zum Beispiel an Erkenntnisgewinn oder Wissenszuwachs - und dass wir die Zeit auch sinnvoller hätten nutzen können.

Aber wie kann ein Gespräch, noch dazu zwischen zwei guten Freunden, nichtig sein? Wie kann Konversation entbehrend jeglicher Substanz überhaupt stattfinden? Sie wächst aus unserer Eitelkeit, Selbstverliebtheit, Egozentrik und aus unserer Angst vor Zurückweisung, vor dem Alleinesein und vor dem Fehlen der Selbstbestätigung durch unsere Mitmenschen. Jene Ängste und Emotionen lassen uns oft zum Impulsgeber und den Anderen zu einer Antwortmaschine werden. Ich versuche, das an einem einfachen Beispiel zu erläutern für die, die weder den anderen Blogbeitrag noch Mamets Theaterstück gelesen haben.

Ich hatte mal einen Freund, den ich der besseren Verständnis hier Björn nenne, auch wenn das nicht sein Name war. Björn hat zu mir aufgeschaut und wollte deswegen um meine Aufmerksamkeit kämpfen und um meine Anerkennung - auch wenn er sich dazu verbiegen musste. Er hat mir die Dinge gesagt, die ich hören wollte - Komplimente und Anderes. Und das hat mir anfangs gefallen, ich habe bei dem Spiel mitgemacht: Ich habe ihm Gesprächsimpulse geliefert, mit denen er eigentlich nur das Richtige sagen konnte. Auch wenn diese Impulse den Gesprächsgehalt nicht gerade bereichert haben. Fishing for compliments, könnte man sagen.

Auch im Theaterstück geben sich die beiden Hauptfiguren, Danny und Bernie, gegenseitig Stichworte, um vom Gesprächspartner die nötige Bestätigung zu bekommen. Bei ihnen ist es sogar so extrem, dass sie keine eigene Identität zu besitzen scheinen und sich nur mithilfe ihrer Antwortmaschinen identifizieren können.

Ich war damals im Referendariat, da war es mit meinem Rückgrat nicht weit her. Es hat sich angefühlt, als ob ich alles falsch mache. Da war ich sehr dankbar für diese Gespräche mit Björn, in denen ich mir die Bestätigung abholte, dass ich ein toller Mensch bin. Und ich habe ihm die Dinge gesagt, die er hören wollte. Armselig, irgendwie. Aber wir beide haben uns in diesen Gesprächsrollen wohlgefühlt.

Das ist jetzt vorbei, oder zumindest wünschte ich mir das. Seitdem ich dieses Prinzip von "sagen, was der Andere hören möchte" verstanden habe, kann ich damit überhaupt nicht mehr umgehen, weil ich alles, was Björn sagt, hinterfrage. Ich weiß nicht, ob er das ernst meint, ergo weiß ich nicht, welche positiven Sachen er ernst meint. Und ich habe dazu tendiert, ihm von dem Problem zu erzählen, aber das hat bis heute nicht gefruchtet.

Aber genug von Björn, zurück zum Allgemeinen: Eine Zeitlang fühlt sich so ein automatisiertes Gespräch vielleicht gut an. Eine Zeitlang lassen wir uns gerne Dinge sagen, die wir selbst mittels verbaler Impulse an den Anderen hören wollen. Aber kann das wirklich der Sinn eines Gesprächs mit einem Menschen sein, der einem so wichtig ist?

Ohne... Authentizität?

Samstag, 4. März 2017

25 zu 30


In letzter Zeit habe ich mal wieder diverse Hitchcock-Filme geschaut. Manche von ihnen sind einfach so zeitlos gut, die kann man immer wieder sehen. Mir ist diesmal noch deutlicher als beim ersten Ansehen der Altersunterschied der Hauptfiguren aufgefallen - die Männer sind in den Vierzigern aufwärts, die Frauen wirken kaum älter als vierundzwanzig.

"Wieso, hast du etwa ein Problem mit Altersunterschieden in einer Beziehung?" Nein, habe ich nicht, ich bin ja schließlich aufgeschlossen. Das ist doch alles altbackenes Gerede, idealerweise sollten beide Parteien gleich alt sein... mein erster Freund war sieben Jahre älter als ich. Das macht doch überhaupt nichts aus, wenn man sich verliebt!

Doch.

Vielleicht noch nicht beim Verlieben, aber später dann, wenn man viel Zeit miteinander verbringt und seinen Partner besser kennenlernt. Und merkt, wie unterschiedlich die Blickwinkel und Herangehensweisen sein können. Und ich sehe es, jetzt, wo wir wieder miteinander schreiben, immer wieder vor mir. Und nein, es geht hier nicht um meinen ersten Freund.

Als wir uns näher kennenlernten, war Er fünfundzwanzig und ich dreißig. Ich habe den Altersunterschied überhaupt nicht wahrgenommen, war mir total egal, wie oben beschrieben. Das hat doch keinen Einfluss darauf, ob man sich mag oder nicht. Und nun nähern wir uns der Crux dieses Beitrags: Die Gefühle überqueren Altersgrenzen, ganz klar, aber es kann verdammt hart sein, ein von den Verhaltensweisen her deckungsgleiches Abbild vor sich zu sehen, nur eben fünf Jahre jünger.

Ich erkenne in ihm viel von mir wieder - die große Buba kann den Satz schon gar nicht mehr hören: "Ich war auch mal so." Und ich merke im Umgang mit ihm, wie ich mich in diesen fünf Jahren weiterentwickelt habe. Und ich rede mir ein, dass ich mich zum Positiven weiterentwickelt habe, ich bin jetzt ausgeglichener, nicht mehr ganz so impulsiv, und ich bin jetzt offener und vor allem ehrlicher geworden.

Und aus irgendeinem Grund kommt hin und wieder der Wunsch auf, nach Art eines Mentors mit ihm umzugehen, ihm Untiefen der Zwanziger-Jahre aufzuzeigen, ihn zu erziehen, genau: Ihn zu bevormunden. Und wenn ich dieses Wort lese, ekelt es mich schon wieder vor mir selbst. Er macht all seine Entwicklungen selbst durch, da kann ich bestenfalls zuschauen, aber nicht eingreifen, und das ist auch gut so.

Nur... manchmal werde ich ungeduldig, denke mir "Süß, die gleichen Fehler hab ich damals auch gemacht, och komm schon, kannst du nicht mal ein bisschen schneller reifer werden?" und gehe irrsinnigerweise einfach davon aus, dass Er sich genauso entwickeln wird wie ich. Und ich freue mich schon drauf, dass Er einmal genauso offen, ehrlich und aufrecht sein wird, wie ich das von mir annehme.

Leider verliere ich manchmal die Tatsachen aus dem Blick, in meinem Wahn nach Mentorrollen, Pädagogik, was weiß ich - die Tatsache, dass Er eben nicht so "weit" ist wie ich (blödes Wort), ich habe einen kleinen Vorsprung: Ich bin nicht mehr im Studium, ich habe mein Referendariat irgendwie überlebt und habe schon ein paar Schulen durch. Und all' diese Entwicklungen haben dazu beigetragen, dass ich so bin, wie ich bin. Er ist noch im Studium, Er hat das alles noch vor sich.

Und in diesem Jahr wird Er neunundzwanzig und ich vierunddreißig. Wieder ein paar Jahre weiter, wieder ein paar Jahre "anders". Und langsam steigt die Spannung, zu erleben, wie Er mit dreißig wohl ist. Und ich habe in diesen paar Jahren auch etwas dazugelernt, nämlich (zumindest manchmal) meinen Mund zu halten und ihn einfach unauffällig (naja, wohl eher nicht) bei seinem Weg zu begleiten.

Worauf es alles hinausläuft: Gefühle mögen Altersgrenzen und Generationen überschreiten, aber im Verhalten macht sich der Altersunterschied deutlich bemerkbar, und ich lerne daran, mich in Geduld zu üben und ihm all' die Zeit zu geben, die Er braucht.

Freitag, 3. März 2017

Die beste Serie der Welt?


Würde man dieser Tage Menschen befragen, welches die erfolgreichste Serie der Welt ist, würde man sehr oft als Antwort Game of Thrones hören. Und das nicht ohne Grund: Ein komplexer Plot, atemberaubende Spezialeffekte, weltbekannte Schauspieler, die Ausstattung und musikalische Untermalung sind opulent. Man merkt: Ich habe davon noch keine einzige Folge gesehen. Ich warte, bis der Hype vorbei ist, und vielleicht schaue ich sie mir dann einmal an. Game of Thrones ist nicht die beste Serie der Welt. An welchen Kriterien würde man das überhaupt festmachen? Welche Maßstäbe werden angelegt?

Auch The Twilight Zone (1959) ist nicht die beste Serie der Welt, wohl aber eine der bekanntesten, ungewöhnlichsten und einflussreichsten. Genug Grund, dass ich ihr den heutigen Beitrag widme.

"There is a fifth dimension beyond that which is known to man... a dimension as vast as space and as timeless as infinity. It is the middle ground between light and shadow, between science and superstition, and it lies between the pit of man's fears and the summit of his knowledge. This is the dimension of imagination. This is the Twilight Zone."

Der geniale Kopf hinter der Serie, Rod Serling, spricht diese Worte zu Beginn jeder Episode und hält damit fest, was für Geschichten hier erzählt werden. TZ ist eine Anthologie, die einzelnen Episoden bauen also nicht aufeinander auf, jede ist eine in sich abgeschlossene Geschichte - mehr oder weniger. Es geht hier um "unwahrscheinliche Geschichten" (so die damalige Bezeichnung in Deutschland), in denen Dinge möglich sind, die im realen Leben nicht vorkommen.

Wir finden hier Zeitreisen, Außerirdische, Paralleluniversen, magische Tränke, den personifizierten Tod und Teufel, Wahrsager; jede Episode wirft ein unwahrscheinliches Element in eine ganz realistische Situation und beobachtet genau, wie die Charaktere mit der Situation umgehen. Beinahe jede Episode bietet eine Moral und ein überraschendes Ende an - nach der ersten Staffel der Serie konnte mich kaum noch ein twist ending überraschen - dachte ich. Mehr als einmal stand mir am Ende einer Folge der Mund offen - zu genial sind manche der Stories, die uns angeboten werden.

Der Aufbau einer Folge ist dabei immer ähnlich: Nach dem Vorspann (s.o.) folgt ein Blick auf die Hauptfigur der Geschichte und die opening narration von Rod Serling, die uns als Exposition dient. Ebenso findet sich am Ende jeder Folge eine closing narration und Rod Serling selbst tritt kurz vor die Kamera, um einen Appetithappen auf die Folge der nächsten Woche anzubieten.

So abgefahren die Themen sein mögen, so dreht es sich doch immer wieder um das Menschsein. Es geht um menschliche Emotionen, Dilemmata, positive und negative Eigenschaften. Die Moral, die daraus entsteht, wirkt aber nie aufgesetzt, sondern findet sich eher subtil ein. Man wird Vieles von sich selbst in der Serie wiederfinden.

Um die Zuschauer in Staunen zu versetzen, brauchte es damals (und heute) nicht viel. Die Serie ist in schwarzweiß abgedreht, es werden einfachste Effekte genutzt (teilweise genial). Manche Folgen bieten eine extrem manipulative Kameraführung, was dem Publikum aber erst beim überraschenden Ende der Geschichte bewusst wird. Auch die Musik wird zur Manipulation genutzt. Man merkt, wie Rod Serling mit dem Zuschauer spielt - und wenn man sich darauf einlässt, wird man reichlich belohnt.

Ich halte diese Serie für eine Glanzstunde der TV-Unterhaltung. Manche Episoden sind viel später in ganze Kinofilme umgearbeitet worden, in den Achtzigern wurde die Serie neu aufgelegt. Den Satz "Ich fühle mich wie in einer Folge Twilight Zone" hat der eine oder andere Leser sicherlich schon einmal gehört. Der Einfluss reicht bis in die Gegenwart, die Serie war ihrer Zeit weit voraus.

Ich arbeite (neben Are You Afraid Of The Dark?) in der Schule gern mit Episoden der Serie, um Schüler zum Staunen zu bringen oder sie das Ende erraten zu lassen. Und es kommt tatsächlich gut an. Man könnte die Serie in verschiedenen Fächern einsetzen, natürlich in Englisch, aber zum Beispiel auch in Philosophie, weil wichtige Fragestellungen des Lebens immer wieder auftauchen.

Inhaltlich tauchen manche Themen häufig auf, Raumfahrt, Militär, Krieg, Serlings Steckenpferde. Er hat auch andere Autoren zur Serie hinzugeholt, darunter Charles Beaumont, dessen Episoden Denkstoff garantieren.

Wenn ich in diesem Blog nur eine Folge posten soll, um eine kleine Kostprobe zu geben, welche nehme ich da bloß? Es gibt so viele geniale Geschichten... ich entscheide mich für The Arrival: Ein Flugzeug landet - aber niemand ist an Bord. Wie kann das sein? Sheckley, ein Spezialist für ungewöhnliche Fälle, soll diesen aufklären - gute Unterhaltung! Twist ending garantiert ;-)

Oh, ich merke, der Link klappt nicht, wie gewünscht, zweiter Versuch, und ansonsten empfehle ich Google ;-)



Mittwoch, 1. März 2017

A B CT - Eine Odyssee


KNACK - könnte man sagen...
Ich habe mir ein Notizbuch zurechtgelegt und dokumentiere dort die Geschichte meines gebrochenen Fingers. Titel: "Eine kleine Geschichte, die von Achtlosigkeit HANDelt". Ich notiere dort alles vom Unfallhergang bis zur Heilung und dokumentiere alles, was mir in die Finger kommt, ärztliche Anschreiben werden abgeheftet, Röntgen-CDs eingeklebt. Warum? Damit ich, wenn ich mal wieder leichtsinnig und unvorsichtig werde, schwarz auf weiß vor mir sehe, wozu das führen kann. Und damit ich für meine Präventionsarbeit eine anschauliche Geschichte zur Hand habe. Und eines der Kapitel in dieser Geschichte dürfte folgenden Titel tragen:

A B CT - Eine Odyssee

Und im Wesentlichen handelt es davon, wie ich nach und nach Arztpraxen, Krankenhäuser und Zuständigkeiten kennenlerne auf dem Weg zu einem gesunden und funktionalen linken Zeigefinger. Davon bin ich bisher noch weit entfernt.

Allerdings habe ich einen (für mich) ganz großen Schritt geschafft, nämlich den ersten Gang zum Arzt. Das habe ich ja eine Weile vor mir hergeschoben - "Ach, deswegen musst du doch nicht extra zum Arzt", "Lass mal, das knickst du dir selbst wieder zurecht" und alles, was dazugehört. Auch ein (hochbegabtes?) "Du weißt sowieso nicht, wo du genau hinmusst, also gehst du gar nicht erst los. Reicht, wenn du dich im Internet schlau machst, was mit deinem Finger ist. So schlimm ist es ja auch gar nicht."

Jetzt bin ich vier Ärzte weiter. Als die letzte Ansage hieß "Melden sie sich in der Lubinusklinik bei der Notfallaufnahme", dachte ich, okay, das Ziel ist in Sicht. Also packte ich mir die große Buba ein und wir fuhren mit dem Bus da hin. Ja, Bus - wenn man, so wie ich, eine gewisse Angst davor hat, an einem unbekannten Ort einem unbekannten Arzt eine etwas hohlbratzige Geschichte aufzutischen (oder einfach nur am fremden Ort ratlos zu wirken), und wenn man dann gegen diese Angst mit etwas Baldrian oder was auch immer seine Nerven beruhigt, sollte man sicherheitshalber nicht mehr Auto fahren, Reaktionsvermögen und so. ("Du hast vielleicht Probleme...")

Und dann kam mein erstes Mal mit der Lubinusklinik. Das heißt, nein, erstes war es nicht, ich war früher schon mal dort, als ich mich auf der Suche nach einer Apotheke verfahren hatte. Den Notfallaufnahmeschalter findet man schnell, großer Eingang, genervte Frau am Tresen. "Ja, ich hätte hier ein Anschreiben, eine Röntgen-CD, eine Verordnung und einen gebrochenen Finger, bin ich bei ihnen richtig?" - "Geben sie mal her!" und ich hätte ihr am liebsten direkt den Finger mitgegeben, aber die Unterlagen reichten. Und ich dachte doch glatt, dass es direkt in den OP-Saal geht, aber nix da, mit einer Telefonnummer wurden wir vom Gelände geschickt.

Mittlerweile bin ich von Eingang A zu B geschickt worden, von einem Tresen zum nächsten, und heute habe ich dann endlich mal den Eingang C kennengelernt, C wie Computertomographie. Und ich war zum Glück pünktlich, wollte doch glatt wieder mit dem Bus fahren, aber da waren heute Warnstreiks angesagt. Also bin ich selbst zur Klinik gefahren, und warum auch nicht! Ich werde da ja wohl noch öfters auftauchen dürfen, also sollte ich mich mit dem Gelände vertraut machen.

Mein erstes Mal CT, das ist überhaupt nicht schlimm, aber angespannt bin ich trotzdem. Und diese Bauchlage mit nach vorn ausgestrecktem Arm ist nicht wirklich bequem. Und dann werde ich in dieses Gerät reingefahren - aufregend, die Hand wird innerhalb eines Rings positioniert, und dann fährt eine Röntgenkamera mehrfach rundherum und erstellt quasi ein 3D-Röntgenbild. Spannend! Der neugierige Dr Hilarius findet das alles ganz faszinierend, schaut sich zuhaus' gleich die mitgegebene CD an, sieht seinen verkrüppelten Finger in allen möglichen Positionen, als 3D-Film, ich kann die Kamera beliebig an die Aufnahme heransteuern. Männerspielzeug (diesmal keine Autos).

Ich bin mittlerweile sehr gespannt auf das ausführliche Gespräch, das Montag ansteht. In meinem Notizbuch werde ich bis dahin alle möglichen Fragen sammeln, denn ich hab' die Chance, etwas zu lernen und für die Präventionsarbeit zu nutzen - ich finde es gut, wenn Andere aus meinen Fehlern lernen können.

Die Odyssee ist noch nicht vorbei, andra moi ennepe mousa polytropon hos mala polla...

post scriptum: Ich würde ja auch korrektes Griechisch schreiben, wenn ich wüsste, wie das geht ;-)

Dienstag, 28. Februar 2017

Lebenslänglich

KEINE Ahnung, warum ich das Bild hier nutze. Leider sind viele Klischees über Fahrer dieser Hersteller nicht unbegründet. Thanks to all these Mr Personalities...

Dieser Tage wurde in Berlin ein Urteil gesprochen, das wohl in die Rechtsgeschichte eingehen wird. Der Fall an sich - leider - nichts Ungewöhnliches: Zwei junge Männer im damaligen Alter von 24 bzw. 27 Jahren mussten eines Nachts auf dem Berliner Ku'Damm raushängen lassen, wer der größere Macker ist - mit Audi und Mercedes, muss ich nicht weiter kommentieren, denn das hat der Richter ziemlich ausführlich erledigt. "Ampelstechen"... ich könnte kotzen, und das Schlimmste daran: Ich kann ja sogar verstehen, warum manche das machen.

Der Vorwurf: Beim nächtlichen illegalen Autorennen mit 170 bzw. 140 km/h über diese Berliner Hauptverkehrsader wurde ein Rentner in seinem Auto angefahren und getötet.

Das Urteil lautet in diesen Fällen für gewöhnlich auf fahrlässige Tötung, da kein Tötungsvorsatz vorliegt. Haftstrafe auf Bewährung, Geldstrafe, vorläufiger Führerscheinentzug, MPU. Doch diesmal war das anders. Und ich muss einfach den Tonfall, den die eine oder andere Zeitung dabei verwendet hat, in Teilen nachahmen, weil ich es mir bildlich vorstellen kann - den Gerichtssaal, die beiden Angeklagten erheben sich zum Richterspruch, ihre Verteidiger stehen bei ihnen, die Verlobten der jungen Männer im Zuschauerraum. Und dann donnert der Richterspruch durch Ralph Ehestädt durch den Saal:

Die Anklage: Vorsätzlicher Mord.
Das Urteil: Lebenslängliche Haft für beide und lebenslanger Führerscheinentzug.

Es ist das härteste Urteil, das bisher in Sachen Raserei in Deutschland gesprochen wurde, stößt aber vielerseits auf großen Zuspruch. Bei mir auch. Und es rührt mich ähnlich wenig wie den vorsitzenden Richter, wenn die Angeklagten dann mit zeitlichem Abstand zusammensacken und die Scherben ihres jungen Lebens vor sich sehen.

Es dauert anderthalb Stunden, bis die Urteilsbegründung abgeschlossen ist. Und es steht fest: Wer sich zu einem solchen  Autorennen überreden lässt, nimmt billigend den Schaden und Tod Unbeteiligter in Kauf. Das lässt die Autos zu Mordwerkzeugen, zu gemeingefährlichen Tatwaffen werden. Und daher ist das Strafmaß enorm - und absolut nötig als Ansage gegen eine Szene, die bisher viel zu glimpflich davonkommt angesichts der Menschenleben, die sie fordert.

Es wird Revision eingelegt, ein Bundesgericht muss den Fall prüfen - bis dahin bleiben die Angeklagten in Untersuchungshaft - sinnvoll, um sie jeglicher möglichen Gefährdung Anderer zu entziehen. Und ich hoffe, dass die nächste Instanz das Urteil bestätigt.

Männer von ihrer hässlichen Seite. Mir kommt das Essen hoch.

post scriptum: Ich finde, dass Geschwindigkeitsdelikte viel härter bestraft werden sollten. Auf der Neumünsteraner Max-Johannsen-Brücke fahren 80% der Autos zu schnell (ebenso wie an den Holstenhallen) - die Stadt könnte sich dumm und dämlich verdienen! Muss erst jemand zu Tode kommen, damit mal deutliches Recht gesprochen wird?

Nicht falsch verstehen: Ich liebe es, schnell zu fahren. Der Temporausch ist spannend, das Gefühl von Bewegung, ich kann es nicht besser beschreiben. Aber Tempolimits gelten und ich möchte niemandem durch meine Fahrweise Schaden zufügen. Wer den Blog verfolgt, weiß, dass ich auch mal anders gedacht habe.

Deswegen versuche ich mir den Adrenalinkick und Geschwindigkeitsrausch in Achterbahnen zu holen - dabei verletze ich (in der Regel) niemanden.