Freitag, 25. November 2016

The Knife - Silent Shout: Düster & Mystisch


Okay - das Titanic-Finale wird noch einen Abend weiter geschoben. Damit der gewillte Leser sich einen entspannten und nichtsdestotrotz hochspannenden Lesenachmittag am Sonntag machen kann. Mein unentwegt denkendes Gehirn denkt gerade an etwas Anderes, was dringender auf das "Papier" muss. Einer der Vorteile des Bloggers ist, dass er selbst entscheidet, worüber er schreiben möchte. Und idealerweise interessiert es ihn dabei überhaupt nicht, wie viele Leser seine Beiträge lesen. Diesen hier werden nur sehr wenige lesen, weil sie nicht an Rezensionen alternativer Musik interessiert sind, und das kann ich ihnen nicht verdenken.

Diesen Beitrag sollten Menschen lesen, die Luft auf Neues, Ungewöhnliches, Faszinierendes, Künstlerisches, Düsteres und sehr Schönes haben.

Karin Dreijer-Andersson. Unsere Romanze hat begonnen in der Schwarzen Szene vor acht Jahren - kann auch länger her gewesen sein. Damals hatte ich in der Disco den Song What Else Is There? von Röyksopp im Remix von Trentemöller gehört, dem Karin ihre Stimme geliehen hat. Mir ist direkt ihre Stimme aufgefallen - ich kann sie schlecht beschreiben. Etwas schnarrig? Nein. Auf jeden Fall nicht so weich und keine Massenstimme. Etwas ganz Spezielles, hab ich nicht auf Anfang schön gefunden. Das brauchte Zeit.

Röyksopp ft. Karin Dreijer-Andersson - What Else Is there? (Trentemöller Remix)

Der Song kann süchtig machen, wenn man dazu tanzt, umringt von düster aufgestylten Menschen. Krachende Beats auf dem Dancefloor und zwischendurch Dreijer-Anderssons Stimme, die mich zu hypnotisieren versucht. Und ich fand ihren Namen interessant.

Karin Dreijer-Andersson. Schwester von Olof Dreijer, wie mir Wikipedia damals mitteilt. Sieh an, mit ihm zusammen hat sie ein Musik-Projekt, The Knife. War damals nichts für mich, irgendwie zu dancig, zu - weiß nicht. Nicht mein Ding. Aber es wurde Karins Soloprojekt erwähnt, das ich hier auch schon erwähnt habe, nämlich Fever Ray. Ich habe damals reingehört - sie hat bisher nur ein Album veröffentlicht, gleichnamig, in 2009.

Fever Ray - Keep the Streets Empty For Me

Jenes Album hat mich unglaublich verzaubert. Düster, eiskalt und doch warm, mit einer Art Puls, komplex, hoch anspruchsvoll - versehen mit einer Reihe Musikvideos, die sich nicht bereits beim ersten Ansehen erschließen lassen. Fever Ray hat mich süchtig gemacht und ich bin seither von Dreijer-Andersson fasziniert, obwohl ich sie bisher fast noch nie ohne unglaublich entstellende Verkleidungen gesehen habe. All das gehört zu ihrer Idee von Musik und Kunst dazu.

The Knife - Pass This On

Und nun war es dann doch mal soweit. Nachdem ich einige Singles von The Knife gehört hatte (Heartbeats, Pass This On, You Take My Breath Away), wurde es Zeit für ein ganzes Album. Ich nahm mir direkt das vor, das einen Wandel des Duos zu etwas düsterer Musik markierte: Silent Shout (2006). Ich bekam sofort einen Ohrwurm von dem Lied Marble House, sicherlich auch, weil ich mich dadurch an einen lieben Menschen erinnert gefühlt habe. Dazu hatte ich ein paar Videos online gesehen von ihrer damaligen Live-Show. Und bei Amazon dann gesehen, dass sie eine DVD veröffentlicht haben: Silent Shout: An Audiovisual Experience. 

Es handelt sich dabei um einen nachbearbeiteten und aufgepeppten Mitschnitt eines Konzerts in Göteborg, neu abgemischt auf Dolby 5.1 - rein ins Heimkinosystem, die Lichter aus, meinen Verstand auf Offenheit und Neugier geschaltet, und ich habe mich mitreißen lassen.

The Knife - Silent Shout Live (Titelsong ab 39:23)

Sehr alternative Musik, die gleichzeitig toll ins Ohr geht, der Puls der Musik überträgt sich auf den Zuhörer/Zuschauer. Dazu eine Beamer- und Lichtershow, so mystifizierend, dass die Bezeichnung "audiovisual experience" nicht treffender sein könnte. Nach einundfünfzig Minuten, als die Credits über den Bildschirm rollten, wusste ich nicht wirklich, was mit mir passiert war, aber ich wusste, dass es gut war. Was für eine geile Scheibe, was für ein geiles Projekt.

Die beiden Geschwister sind absolute Perfektionisten. Man erkennt es nicht nur an den Musikvideos und den Bühnenshows, sondern auch an den teils langen Pausen zwischen zwei Veröffentlichungen. Vor einiger Zeit hat das Duo sich - getrennt? Zumindest eine kreative Pause auf unbestimmte Zeit eingelegt, und seit 2010 gibt es auch nichts Neues mehr von Fever Ray. Letztes Jahr allerdings sagte Karin in einem Interview, dass sie wieder an etwas arbeitet. Ob als The Knife oder als Fever Ray, oder vielleicht als ein ganz neues Projekt, das weiß niemand. Und das ist auch gut so, denn ich bin neugierig.

Neugierig auf Anderes.

post scriptum: Haarschnitt bei Frau Kliewer ist günstiger als bei den Billig-Ketten - wieso bin ich da nicht schon längst hingegangen! Eine Last weniger, der Tag war gut.

Donnerstag, 24. November 2016

Termin bei Fr. Kliewer


Ihr glaubt doch wohl nicht ernsthaft, dass ich den spannendsten Teil des Titanic-Krimis an einem Donnerstag veröffentliche, wo niemand Zeit zum Lesen hat, jedermann genervt ist von der Woche und eigentlich nur noch ins Wochenende möchte? Nein, vielleicht morgen. Vielleicht Samstag. Vielleicht in einem anderen Leben. Heute lieber wieder eine Lektüre in Sachen hochbegabte Drama Queens.

Die HBs können aus Allem ein Drama machen. Je unbedeutender, desto mehr Potential. Das müssen sie sogar. Das zeugt von ihrer Fähigkeit, zu... naja, zu... äh... sie können es einfach. Sie tun es einfach. Sie haben nicht mehr alle Tassen im Schrank, das ist ja nix Neues. Sie brauchen Aufmerksamkeit, wollen aber in Ruhe gelassen werden. Hillary, wo ist mein Drehbuch für heute? Schluss mit Bewusstseinsstrom.

Ich mache ein Drama aus Friseurbesuchen. Warum? Meine Haare auf dem Kopf nerven mich. Ich hatte sie mal lang. Sehr lang. Fast bis zu den Hüften. Um das mal ausprobiert zu haben und sagen zu können, dass das jetzt nicht unbedingt mein Ding ist und ich mich mit kurzen Haaren wohler fühle. Wenn ich nicht die ganze Wohnung vollhaare. Wenn die Haarpflege nur drei Minuten dauert. Wenn ich nicht noch drüberfönen muss. Wenn die Haarspitzen mich nicht überall pieksen und kitzeln, denn das nervt beim Denken. Und ich schwitze wie ein Tier. Also: Ab mit dem Kopf!

Es könnte so einfach sein. Ich mach' nen Termin beim Friseur, der schnappt sich das elektrisierte Messer und macht mich ein Haar kürzer. Aber... zu welchem Friseur gehe ich? Abwägung der Argumente. Preis, Qualität, Lage, Freundlichkeit, Service, Sauberkeit, Inneneinrichtung, Geschlecht, um nur ein paar der HB-Faktoren zu nennen. Dann habe ich irgendwann einen scheinbar passenden Friseur in der Stadt gefunden, toller Termin, läuft, ich wieder von der Last befreit nach Hause, toll. Zwei Monate später nervt's mich schon wieder. Aber ich muss extra nen Termin machen? Ich muss da anrufen??? Ne lass' mal.

Und dann müsste ich ja auch erstmal in die Stadt. Das dauert so lange, in der Zeit könnte ich viel Sinnvolleres machen, zum Beispiel Nathan Drakes durchgeschwitztes Hemd anschauen, während er Schätze sucht, oder Miku Hinasaki unter den Rock schauen, während sie vor dem Klingelopa davonläuft (Buba-Titten platzen gerade). Alles viel zu kompliziert, also gehe ich nicht zum Friseur. Haare werden länger und länger, nerven mich mehr und mehr, ich werde richtig unglücklich. Es fängt an, mich richtig zu blockieren.

Dann sollte ich vielleicht die umständlichen Faktoren ausschalten, nämlich das "anrufen und in die Stadt fahren". Denn seitdem ich in meine neue Wohnung gezogen bin, wohne ich drei Etagen über dem Friseursalon von Frau Kliewer, aus dem ich mir mit schöner Regelmäßigkeit Pakete abhole, die sie mal wieder angenommen hat, weil ich gerade Minderjährige gefoltert habe. Warum um alles in der Welt gehe ich nicht einfach zu ihr???

Nein. Dann müsste ich an einen neuen Ort gehen, neue Menschen kennenlernen, und vielleicht ist das da gar nicht gut und zu teuer und Treppensteigen und ich finde immer wieder Gründe. Heute ist mir dann der Kragen geplatzt, als ich vier Kilo Haare unter meiner Couch weggesaugt habe. Nett angezogen, runter zu Frau Kliewer, sagen sie mal, ich kann doch auch einen ganz langweiligen Maschinenhaarschnitt bei ihnen bekommen, oder? Und schon hab ich für morgen einen Termin, um endlich wieder frei durchzuatmen.

War das jetzt so schlimm? Nein. War das jetzt so schwierig? Nein. Aber ich bin hochbegabt, und einfach gibt es bei mir nicht. Außer in den Wissenschaften, da ist alles einfach und logisch. Aber der Alltag kann für mich eine Tortur sein. Ich werd' Frau Kliewer ne Schachtel Pralinen mitbringen, sie weiß ja nicht, was dieser einfache Friseurtermin für mich bedeutet.

Mann HB, warum machst Du es Dir immer so schwer?

Mittwoch, 23. November 2016

Technokratie und asiatisches Essen


Der heutige Beitrag trägt den Titel Technokratie und asiatisches Essen. Und mirabile dictu könnte er frei sein von Buchstabenauslassungen, mit denen mein Notebook mich seit gewisser Zeit reichlich beschert, doch dazu später mehr. Ich biete diesen Beitrag auch als Video an. Es enthält den gleichen Text wie das, was in dieser Sekunde gerade von fliegenden Fingern in das Internetz gebannt wird. Warum hier zwei Varianten der Übermittlung? Weil ich ausprobieren möchte, ob das Headset, das meinen Kopf schmückt, funktioniert.

Und damit wären wir auch schon im ersten Teil des Beitrags, der "Technokratie", etymologisch betrachtet ja so etwas wie die "Herrschaft der Kunstfertigkeit", von mir als neoklassisches Kompositum verwendet zur "Herrschaft der modernen Technologie". Mein Notebook gibt nach und nach den Geist auf, aber ich bin leider nicht in der Lage, mir zu diesem Zeitpunkt ein neues Gerät zu leisten, also müssen erstmal kostengünstige Patches her, sozusagen.

Erster Teil ist eine billige, ramschige (die Träsch-Trüller kennt das), aber hoffentlich mindestens für sechs Monate funktionale Bluetooth-Tastatur, deren Wunder der Leser gerade erleben darf, inklusive Funkmaus. Das alles für weit unter zwanzig Euro - und deswegen hoffe ich auf wenigstens ein paar Monate Spaß damit (wie neun Monate Spaß aussehen, erfahre ich derzeit aus erster Hand von den Rocky-Baby-Mountains-Come-Naturkatastrophe). Ich bin froh, dass endlich alle Buchstaben, die ich eintippe, auch wieder auf dem Bildschirm erscheinen, und zur Abwechslung genieße ich auch mal wieder den Luxus des Mausrades, mit dem ich immer gern hantiert habe.

Zweiter Teil des Gerätewahns ist ein USB-Stick, ebenfalls sehr billig und sehr klein, aber mit USB Drei Punkt Null und wenigstens zweiunddreißig Gigabyte Speicher, damit auch mal der eine oder andere Film darauf passt, denn damit arbeite ich im Englischunterricht sehr gern. Und der Stick ist so klein, dass er an meinem Schulschlüsselbund gar nicht auffällt - und ich habe ihn in jeder Situation, an jedermanns Rechner griffbereit. Das hat mir in SPO-was-sollen-diese-pfömpf-Buchstaben-bedeuten sehr gute Dienste geleistet.

Ja, zu guter Letzt ein Headset, wozu das nur??? Ich habe schöne Lautsprecher, die auch einigermaßen angenehme Tiefen wiedergeben, und wenn ich ein Webcam-Video aufnehmen will, kann ich das doch mit dem integrierten Mikrofon machen. Könnte ich. Wenn mein nach und nach verreckender Lüfter sich bei dem Versuch, die zweitausend Grad der alternden Maschine auf ein erträgliches Maß herunterzukühlen, nicht wie eine Familie sterbender Aliens anhören würde (oder wie die Zimtstern-inhalierende Buba), die jeglichen Mikrofonklang übertönen. Das ist ziemlich scheiße, wenn man skypen möchte.

Aber wer möchte das schon? I am a recluse person, ich ziehe mich gern in mein Reich zurück und habe nicht viel Kontakt mit Menschen. Schon gar nicht per Telefon, also warum dann mit Skype?

Es gibt Situationen, da kann es eine lebenserhaltende Maßnahme sein. Zum Beispiel, wenn der Gesprächspartner in Shanghai sitzt und ein Telefonat jegliche Nebenjobeinnahmen auffressen würde. Oder wenn der Gesprächspartner an ein Krankenhausbett gefesselt ist, und kein Besuch möglich ist. Und es gibt auch noch einen anderen Fall, der zwar ein bisschen konstruiert und unrealistisch klingt, aber ich bin Geschichtenerzähler, also lasst mich. Und Hollywood hat das auch schon verfilmt.

Das wäre dann der Fall, wenn der Gesprächspartner nur eine Straße weiter sitzt. Wenn man sich endlich mal wiedersehen würde wollen. Wenn das aber in natura nicht möglich ist, weil starke Mächte einen davon abhalten. Sachlogisch nicht erklärbar, sonst würde ich es erklären, ich bin ein intelligenter Mensch. Aber hier geht es um Herzensdinge. Keine Chance. Wenn man sich also seit über einem Jahr nicht mehr gesehen und gesprochen hat. Wenn es einen aber sehr danach dürstet. Nein, nicht nur einen, sondern beide. Dann kann Skype in dieser Herzensangelegenheit helfen. Und dann hilft ein Headset, damit der Andere einen auch gut verstehen kann und nicht dieser verkackte scheiß nervige Lüfter die Gesprächspartner zum Ausflippen bringt. Das schaffen die beiden schon gut allein, dazu brauchen sie keine moderne Technik.

Dafür brauche ich ein Headset. Denn wenn alles Andere halt einfach nicht geht, dann ist mir ein Blick durch die Cam und seine Stimme über die Kopfhörer mehr wert als all das, was ich in dieser Phase eben nicht haben kann.

Und was haben nun die Asiaten damit zu tun? Nun, heute habe ich mündlichen Englischprüfungen beigewohnt, und eine Situation hat mich an einen Satz erinnert, der mittlerweile drei Schulen her ist. Damals Englischprüfung in der neunten Klasse, Thema war unser Umgang mit der Natur, carbon footprints, extinction und so weiter. Und es ging um eine Bildbeschreibung, bzw. die Relevanz des Bildes für das Thema. Und der Prüfling legt los: "Naja, it gives a problem, the Asians eat walls."

Ignoriere das "it gives", das fällt unter allgemeinen Sprachgebrauch von Neuntklässlern. Lieber Leser, der Du das dergestalt beschriebene Foto nicht gesehen hast: Hast Du eine Ahnung, worum es geht? The Asians eat walls. Ich musste mich mühsam zusammenreißen, um nicht loszulachen, weil ich mir gerade Tausende Chinesen vorgestellt habe, die ihre eigene weltberühmte Mauer auffuttern, mit Pommes und Katze süß-sauer. Ist schwierig: Was soll ich als Protokollant in dieser Situation aufschreiben?

Der prüfungserfahrenere Kollege wusste natürlich, was gesagt werden sollte: "Die Asiaten essen Wale." und wenn man ein englisches Wort nicht weiß, dann spricht man eben das deutsche Wort englisch aus. Yup, on that day I learned that the Asians eat walls.

So much for today, folks!

post scriptum: Ihr sucht das Video? Ich könnte kotzen, hab mir so viel Mühe gegeben, aber der Windows Movie Maker hat - von mir unbemerkt - nach zwanzig Sekunden einfach abgebrochen. Sorry everyone! Und: Das Nasenspray auf dem Foto wirkt herrlich "out of place".

Dienstag, 22. November 2016

Beteigeuze (Kapitel 7)




23:40 Uhr

Fieberhaft suchte Grearson nach Miller, doch der Steward schien wie vom Erdboden verschluckt zu sein. Niemand konnte ihm weiterhelfen. Dennoch war Patrick Grearson in Hochstimmung. Er hatte den Fall gelöst, und niemand anderes wusste eine bessere Aufklärung. Die Leute um ihn herum interessierten ihn überhaupt nicht mehr. Er bahnte sich seinen Weg durch einen Korridor nach dem anderen, immer auf der Suche nach Miller. Dann kam ihm in den Sinn, dass das so keinen Sinn hatte. Die Titanic war viel zu groß, er würde Miller nie rechtzeitig finden. Sollte er sich zu Bett begeben und morgen mit ihm reden? Konnte die Sache wirklich bis morgen warten? Grearson entschied sich dagegen und überlegte sich einen Plan, wie er die wichtigen Plätze der Titanic systematisch absuchen könnte.
Zunächst kam ihm das Café Parisian in den Sinn. Vielleicht führte der Steward dort noch wichtige Gespräche mit den jungen Gästen. Doch Grearson wurde enttäuscht, als er durch die weiße Tür in den langgezogenen Raum trat.  Nur eine Frau saß an einem Tisch in der Mitte des Raumes und trank langsam eine Tasse Tee. Dabei blickte sie apathisch gegen die Wand und schien bis auf die Bewegung ihrer Hand wie eine Schaufensterpuppe stillzusitzen. Grearson wollte schon wieder gehen, als ihm ein kleines Accessoire der Frau ins Auge stach. Er beglückwünschte sich selbst zu seinen scharfen Augen und trat an ihren Tisch heran.
Nein, er hatte sich nicht geirrt. Auf dem Tisch lag ein Taschentuch mit einem eingestickten L. Auf gut Glück begrüßte er die Frau.
„Guten Abend! Gehe ich recht in der Annahme, dass sie Diana Hilton sind? Die Mutter von Claris Hilton?“
Die Frau setzte die Tasse ab und bewegte nun zum ersten Mal seit seiner Ankunft den Oberkörper. Ihre Stimme war nicht sehr stark und sie wirkte erschöpft und müde.
„Das stimmt. Woher wissen sie das? Wir haben uns zuvor noch nicht gesehen, wenn ich nicht irre?“
„Mein Name ist Patrick Grearson. Ich habe mich heute schon mit ihrer Tochter unterhalten.“
„Ach, wollen sie sie auch heiraten? Nur zu, machen sie nur, was sie wollen. Ich kann Claris sowieso nicht mehr in Schutz nehmen.“
„Sie braucht jetzt keinen Schutz, Mrs Hilton, sie braucht jetzt ihre Unterstützung. Unterstützung, die nur sie als Mutter ihr geben können.“
„Mutter“, sagte sie verächtlich.
„Ich kenne die Wahrheit“, erwähnte Grearson behutsam. „Aber ich bin nicht hier, um darüber mit ihnen zu reden. Ich weiß nicht, was heute Abend alles bei ihnen passiert ist, ich habe nur die zerstörte Tür an ihrer Kabine gesehen.“
„Ja, wir haben ein neues Zimmer bekommen.“
„Mrs Hilton, bitte beantworten sie mir eine Frage. Ich kann unmöglich glauben, dass sie noch nichts von Bruce Ismays Tod wissen. Deshalb brauchen sie sich mir gegenüber nicht zu verstellen. Waren sie heute Abend in Ismays Kabine? Wenn auch nur, um ihn zu grüßen oder ihm von seiner Tochter zu erzählen.“
„Nein. Ich wollte, aber ich habe mich dagegen entschieden. Welchen Sinn hätte es gehabt?“
Sie winkte mit der Hand in der Luft und bekam kurze Zeit später eine Flasche Whisky. Sie schenkte sich in die noch halbvolle Teetasse ein und trank sie in einem Zug leer. Grearson beobachtete sie aufmerksam.
„Ich hätte ihn töten können“, fuhr sie fort, „das wäre der einzige Grund gewesen, ihn aufzusuchen. Dann wäre die ganze Geschichte unentdeckt geblieben. Dieser dämliche Mensch, der sich Anwalt nennt, war ja zu weichlich dafür. Ich wäre gleich zur Tat geschritten, aber ich wusste nicht, wie ich es anstellen sollte.“
Grearson schwieg. Wer diesen Mord geplant hatte, musste sich dafür viel Zeit genommen haben, damit sich ihm solche Fragen nicht mehr stellen würden. Mrs Hilton war unschuldig. Sie hatte keinen Mord geplant. Der Affekt hatte sie zu diesen Gedanken getrieben, mehr aber auch nicht. Mrs Hilton schenkte sich die Tasse wieder mit Whisky voll und blickte mit düsteren Augen auf die Lichter, die sich auf der Oberfläche der Flüssigkeit spiegelten und tanzten.
„Aber sie dürfen nun doch glücklich sein, Mrs Hilton. Ismay ist aus dem Weg und ihre Tochter hat nun endlich, was sie will. Ist das nicht ein Grund, zufrieden zu sein?“
„Zufrieden? Meine Tochter verlässt mich, und dabei habe ich mir geschworen, sie zu behüten, nicht wie dieser Schuft von Bruce und diese andere Kuh. Ich wollte Claris niemals allein lassen.“
Wieder trank sie die Tasse in einem Zug leer, schluckte bitter und schüttelte etwas angewidert den Kopf.
„Ihre Tochter ist jetzt erwachsen.“ Grearson versuchte, behutsam auf die Frau vor ihm einzureden, solange sie noch zurechnungsfähig war. „Sie dürfen sie nicht ewig in einen Käfig sperren. Claris verspürt den Drang, frei zu sein. Frei von ihrer Mutter, frei von den Barrieren, die sie daran hindern, ihr eigenes Leben zu führen.“
„Ihr eigenes Leben? Sie sind witzig! Die Kleine wird sich ins Unglück stürzen und es nicht einmal bemerken. Was für eine Mutter wäre ich, wenn ich nicht versuchte, sie davor zu bewahren?“
„Aber denken sie auch darüber nach, was für eine Mutter sie sind, wenn sie Claris ewig festhalten.“
Offensichtlich zeigte dieser Satz Wirkung. Diana Hilton stellte die Flasche zur Seite und starrte auf den Tisch.
„Was für eine Mutter wäre ich dann?“ sprach sie mehr zu sich selbst und ihre Stimme lallte ein wenig.
Patrick Grearson fand es taktvoll, jetzt aufzustehen und die Frau ein wenig selbst nachdenken zu lassen. Sie hatte genug durchgemacht. Er verließ das Café und machte sich auf den Weg zum Rauchsalon. Vielleicht hatte Miller dort einen Gesprächspartner gefunden.

Quietschend öffnete sich die schwere Tür und fiel mit einem Donnern wieder ins Schloss. Der Metallsteg glänzte schmutzig im fahlen Licht der wenigen Lampen. Ein Fettfilm auf dem Geländer reflektierte die scheuen Lichtstrahlen, die sich ihren Weg durch die Dunkelheit bahnten. Dreck. Und der Lärm war unglaublich. Jeder Schritt eine Gefahr, auf dem schmierigen Boden auszurutschen. Hitze. Wie eine stählerne Schlange bahnte der Steg sich den Weg durch die monströsen Anlagen. Eine Welt aus Eisen, ohne Verzierungen, ohne jeglichen Schmuck. Heiß und doch kalt und abweisend. Dreckig, düster. Die Hand legte sich auf die nächste Klinke.

Der Rauchsalon war gut besucht wie eh und je, doch schien sich das Publikum verjüngt zu haben. Grearson erkannte sofort Lady Dumonde an einem der Tische in der Nähe des Kamins. Er ging zielstrebig zu ihr und setzte sich. Sie hatte den Kopf gesenkt und sah auch nicht allzu fröhlich aus.
„Guten Abend, Mrs Dumonde.“
Sie blickte auf.
„Ach, sie sind es. Es hat keinen Sinn, in seinem Zimmer zu versauern, deswegen versuche ich hier noch die letzten Minuten des Tages zu genießen. Hier, wo ich noch etwas bedeute.“
Grearson fühlte sich an Mrs Hilton erinnert. Auch Lady Dumonde schien ziemlich niedergeschlagen.
„Wissen sie“, sagte sie, „heute zählt ein Adelstitel wohl nichts mehr. Sehen sie sich nur all die jungen Leute hier an! Glauben sie, dass auch nur einer davon seinen Respekt zeigt? Ich hatte immer gehofft, mit dem Titel käme auch der Ruhm. Aber es kamen nur die Verpflichtungen. Und der Spott von guten Freunden. Die Vorwürfe. Ich soll mir meinen Titel erkauft haben! Und die, die mich nicht kannten, kennen mich auch heute nicht. Mein Titel ist nichts wert. Und dafür habe ich nun also alles aufgegeben? Ich hätte eine glückliche Familie haben können. Stattdessen habe ich einen Mann, der die ganze Zeit nur im Haus sitzt und eine Freundin, mit der ich nicht ein einziges ernstes Gespräch führen kann. Das macht mich nicht wirklich glücklich.“
Grearson wusste nicht, was er sagen sollte. Er war noch nie ein guter Lebensberater gewesen und konnte sich nicht vorstellen, das nun zu sein. Lady Dumonde erzählte weiter.
„Diese Fahrt nach Amerika… ich hatte gehofft, mit Bruce wieder zusammenzukommen. Was kümmerte mich noch mein Mann, der in seinem Arbeitszimmer verstaubte? Bruce war einst mein Leben gewesen, warum sollte er es nicht wieder sein? Und diese Frau, die er sich in der Zwischenzeit geangelt hat, die konnte wohl kaum das Richtige für ihr sein. Jeder wusste von seinem kleinen Affärenzimmer hier an Bord. Und ich bin mir sicher, dass sie auch nicht viel von der Ehe hatte. Sie hat ihn nie richtig schätzen gelernt.“
„Lady Dumonde, das ist jetzt alles vorbei. Sie können die Vergangenheit nicht ändern. Nur die Zukunft, die der Vergangenheit am nächsten ist, die können sie selbst in die Hand nehmen. Die Gegenwart, machen sie etwas aus der Gegenwart! Sie haben doch alle Möglichkeiten der Welt!“
Die Dumonde bedachte ihn mit einem dankbaren Blick. Dann ließ sie den Kopf wieder hängen.
„Können sie mir sagen, ob Mr Miller, der Steward, kürzlich hier war?“
„Den kenne ich nicht. Aber ich habe hier keinen Steward gesehen. Da müssen sie woanders suchen, Mr Grearson. Vielleicht schauen sie einmal in der Bibliothek nach.“
„Ich wünsche ihnen noch einen schönen Abend.“
Grearson stand von seinem Platz auf und ging bedächtig am Tisch des Kartenspielers vorbei zum Ausgang. Diese Gesichter von Mrs Hilton und Lady Dumonde würde er so schnell nicht vergessen können. Die Bibliothek. Ein Ort, den er bisher noch nicht aufgesucht hatte. Was sollte er dort vorfinden? Einen sich weiterbildenden Steward? Nichtsdestotrotz machte er sich auf den Weg.

Ein nicht allzu großer Raum. Eine große Maschine, lauter als die anderen. Ein Mann mit einer schwarzen Mütze und einem dunkelblauen Strickpullover, der über und über mit Fettflecken beschmiert war. Schweiß. Die Stimmen kaum zu hören. Ein paar verständigende Worte, ein kurzes Nicken. Fett auf dem Stahlsteg, der sich seinen Weg immer weiter bahnte, zu gegenüberliegenden Tür. Helle Lichter. Der Lärm war unerträglich. Dann fiel die nächste Tür ins Schloss und es wurde still. Der Lärm schien wie ausgesperrt zu sein.

Die Bibliothek war ein warmer, fast muffiger Raum. Viele Regale mit engen Gängen dazwischen füllten ihn. Kaum ein Mensch war hier, nur wenige nutzten die Gelegenheit, sich weiterzubilden und mit einem Buch ihrer Wahl sowie einer Tasse heißer Schokolade auf einem der schönen Sofas zu sitzen und zu lesen. Langsam ging Grearson durch den Mittelgang und blickte sich immer wieder nach links und rechts um. Miller war nicht hier. An einem der letzten Regale stand jedoch Harald Müller, der deutsche Wissenschaftler, und blätterte in einem Buch. Grearson erkannte ihn wieder und trat zu ihm.
„Guten Abend, Mr Müller. Erinnern sie sich?“
„Herr Grearson, jaja, ich erinnere mich. Möchten sie mich sprechen?“
Er stellte das Buch ins Regal zurück. Grearson machte eine entschuldigende Handbewegung.
„Oh, es tut mir leid, ich wollte sie nicht bei ihren Forschungen stören.“
„Forschungen, pah! Was ist das schon? Welchen Sinn hat das schon? Sie stören mich nicht. Mit Forschung habe ich erst einmal alle Fragen geklärt. Leider. Kommen sie!“
Müller führte ihn zu einem der schicken Sofas. Es stand ziemlich versteckt in einer Ecke des Raumes, von zwei Regalen fast vollständig verdeckt. Hier würde bestimmt niemand lauschen können.
„Wissen sie, ich habe immer gedacht, die Forschung wäre eine positive und sinnvolle Sache“, setzte Müller an. „Ich war überzeugt, dass ich der Menschheit mit meinen Nachforschungen helfen könnte, ihnen das Leben erleichtern könnte. Der Mensch strebt nach Wegen, seine Lebensumstände zu verbessern. Das ist der Sinn der Forschung, sei es in der Medizin, sei es in der Wissenschaft – wie sie wollen, es geht immer darum, bessere Wege zu finden. Diesem Ziel habe ich mich verschrieben, in der Hoffnung, etwas zu schaffen. Mir waren keine Preise wichtig, keine Auszeichnungen. Ein Händedruck war mir immer Belohnung genug, und dazu die Zufriedenheit der Menschen, wenn sie den Nutzen meiner Entwicklungen entdeckten. Das war mein Beruf, das war mein Traum, verstehen sie das?“
Beinahe flehend blickte Müller Grearson an.
„Das verstehe ich sehr gut, Mr Müller. Aber warum nur wollen sie diesem Ziel nicht mehr weiter nachgehen?“
„Ich bin ausgenutzt worden. Man hat meine Wissenschaft missbraucht, um sich zu bereichern. Die Forschung wurde genutzt, um Profit herauszuschlagen. Nur zu diesem einen Zweck! Ich dachte, ich könnte wieder neue Wege erschließen, neue Maßstäbe auf dem Weg zu einer hohen Qualität setzen. Eine weitere Stufe setzen an die Treppe, die die Forscher zu den Sternen führt. Aber ohne es selbst zu wissen, habe ich von dieser Treppe ein Stück abgerissen zugunsten geldgieriger Männer. Ich habe etwas getan, was ich zutiefst bereue und ich kann es nun nicht mehr rückgängig machen. Ich kann mit dieser Bürde meinen Beruf, meine Berufung als Forscher nicht mehr vertreten.“
„Ihr Ethos ehrt sie, Mr Müller, aber was sie da reden, ist dennoch Unsinn! Wie können sie nur denken, dass sie der Menschheit nun nicht mehr nützen werden? Ihre Arbeit war hervorragend – sie konnten ja nicht wissen, dass es für den falschen Zweck war! Sie haben die Forschung wieder weitergebracht, nur dürfen sie nicht erwarten, dass all ihre Projekte immer nur zum Guten eingesetzt werden. Dazu ist der Mensch zu gierig. Das ist eine Wesensart, die sie auch mit der allerbesten Wissenschaft niemals tilgen werden. Sie müssen immer damit rechnen, in den Diensten der falschen Seite zu stehen, ohne dass sie es überhaupt bemerken. Deswegen dürfen sie aber doch nicht die Chance vernichten, Großes zu schaffen!“
Müller schwieg einen Moment.
„Vielleicht haben sie Recht“, sagte er schließlich. „Aber es handelt sich hier um einen Skandal, der an die Öffentlichkeit gelangen wird. Dafür sorge ich. Vielleicht kann ich dann meine Ehre wiederherstellen.“
Es war ein wenig unangenehm, aber Patrick Grearson hielt den abrupten Themenwechsel für die sinnvollste Art, an Informationen zu kommen.
„Mr Müller, haben sie heute Abend hier in der Bibliothek einen Steward gesehen? Vor kurzem?“
„Ja. Er stand direkt neben mir und hat sich ein Buch über Astrologie angeschaut. Murmelte immer wieder etwas von Bellatrix und Beteigeuze und so weiter. Und über Afrika, weiß der Himmel, warum! Aber warum fragen sie mich das so plötzlich?“
„Ich kann ihnen das jetzt nicht weiter erläutern. Ich danke ihnen jedenfalls für die Auskunft und wünsche ihnen viel Erfolg in der Forschung weiterhin.“
„Ja ja, sie stellen sich das alles so einfach vor. Sie haben halt keine Ahnung, was es heißt, seine Seele der Forschung überschrieben zu haben. Aber gehen sie nur, sie können mir ja doch nicht helfen.“
Patrick Grearson bahnte sich seinen Weg durch die Regale. Die Überfahrt auf der Titanic – ein unglaubliches Ereignis, ein Erlebnis, eine Hoffnung? So sollte es zumindest gedacht sein. Die Titanic, eine Fassade auf dem Weg nach Amerika? Diese Menschen waren nicht gerade von Hoffnung erfüllt. Eher im Gegenteil.

Stille. Nicht ohne leise Geräusche der Maschinen, aber unerwartet. Und Dunkelheit. Wenige Lampen spendeten das ihnen typische fahle Licht. Kein Fett. Kein schmieriges Geländer. Der Eisensteg bot einen unheimlichen Weg in die Tiefe dar. Endlich fester Halt an dem Geländer zur Linken und Rechten. Dann die Abzweigung, geradeaus, zu den Kesselräumen oder der Weg nach links und die wenigen Stufen nach oben. Nach links. Keine Menschenseele. Hier war es also. Licht. Stille. Die Leitern führten hinauf.

Das nächste Ziel war der Empfang der ersten Klasse auf dem D-Deck. Obwohl Grearson nicht mehr allzu große Hoffnungen hatte, jemanden anzutreffen, versuchte er es. Es wunderte ihn nicht, dass die Treppenhalle fast leer war. Der Empfang war hier vor über drei Stunden abgehalten worden, danach hatte man sich zwar noch nett unterhalten, aber viele Reisende zogen es vor, aus der etwas ungastlichen Halle in die Gesellschaftsräume zu verschwinden, um dortigen Aktivitäten nachzugehen. Genau gegenüber der Haupttreppe saßen auf zwei Korbsesseln zwei Männer. Einer winkte Grearson heran.
„Mister Grearson, da sind sie ja mal wieder. Gehören sie also auch zu den Nachteulen?“
„Mr Stevens, wir sind doch noch jung und wollen die Nacht nicht ungenutzt verstreichen lassen“, antwortete Grearson und zwinkerte.
„Haben sie ihre Informationen über die Frau im Kittel bekommen können?“
„Ja. Ihr Foto hat mir wirklich sehr weitergeholfen. Es ist mir gelungen, die Ereignisse zu rekonstruieren. Sie verstehen sicher, dass ich ihnen darüber aber nicht mehr sagen darf.“
„Das ist schon in Ordnung. Ich bin froh, dass ich helfen konnte.“
Grearson betrachtete den anderen Mann.
„Sie sind Walter Borebank, nicht wahr? Ich habe sie zuvor in Miss Ratchetts Zimmer gesehen. Bei der Untersuchung.“
„Das stimmt“, antwortete der. „Wenn ich mir auch nicht ganz sicher bin, wer sie sind und was sie mit dieser Angelegenheit zu tun haben. Das ist mir auch ziemlich egal. Ich muss erst einmal  verdauen, dass wir unsere Lucy verloren haben, sie werden das sicherlich verstehen.“
„Aber natürlich. Sagen sie, sie haben nicht zufällig den Steward, Miller, hier in der Nähe gesehen?“
„Nein“, antwortete Stevens. „Und dabei habe ich immer ein gutes Auge für Personen. Aber der war hier nicht.“
„Ich habe ihn zuvor auf dem Bootsdeck gesehen“, erwähnte Borebank. Grearson blickte ihn neugierig an.
„Ja?“
„Ich war an Deck, um etwas frische Luft zu bekommen. Es ist zwar unerhört kalt, aber ich habe wenigstens einen klaren Kopf bekommen. Das sollte Lucia auch machen, sie kommt über Lucys Ermordung nur schwer hinweg. Und wie ich da an der Reling stehe, sehe ich in einiger Entfernung diesen Steward, der auch bei der Untersuchung dabei war. Er hat einfach nur in den Himmel geschaut. Als ob er nichts anderes zu tun hätte!“
„Er hat nichts gemacht?“
„Nein. Nur die Aussicht genossen. So schien es mir zumindest. Mir ist es dann jedenfalls zu kalt geworden und ich bin wieder hineingegangen.“
Stevens räusperte sich.
„Der Ausblick heute Abend ist aber auch fantastisch. Wir haben einen sternenklaren Himmel und da kein Mond scheint, kann man die Sterne ganz hervorragend erkennen.“
„Na ja, Mr Stevens, aber sie verstehen wohl, dass ich dafür nicht den Nerv habe. Jedenfalls im Moment nicht“, sagte Borebank.
„Walter, sie sollten ein wenig auftauen. Sie können an der Situation schließlich auch nichts mehr ändern. Sie sind schon genauso deprimiert wie dieser Andrews.“
„Thomas Andrews“, fragte Grearson nach.
„Richtig. Der Ingenieur. Ich habe ihn kurz zuvor im Salon der ersten Klasse gesehen. Geht immer nur auf und ab, den Blick meistens zu Boden, oder er steht an der Wand und schaut ganz abwesend die Verzierungen im Holz an. Nicht sehr redselig, so scheint es mir zumindest.“
„Ich werde Mr Andrews suchen, ich wollte sowieso mit ihm sprechen. Jedenfalls danke ich ihnen für diese Auskunft und wünsche noch eine angenehme Nacht.“
Grearson tippte sich kurz an die Stirn und stieg wieder die Treppe hinauf.

Es war bitterkalt. Hoch oben über der Titanic froren Reginald Lee und Frederick Fleet in ihren Krähennestern. Der kalte Wind trieb ihnen die Tränen in die Augen, doch sie hielten tapfer weiter Ausschau. Die Aussicht, dass in zwanzig Minuten ihre Schicht vorüber sein würde und die warmen Betten auf sie warteten, trieb sie voran. Es war eine Schicht wie jede andere, keine besonderen Vorkommnisse. Zwar wurde ihre Sicht ein wenig beeinträchtigt durch die Tatsache, dass es an Bord des Schiffes keine Ferngläser gab; dieser Fehler würde aber zweifelsohne in New York korrigiert werden.
Die Augen waren fixiert auf den Weg vor ihnen, um bei dem kleinsten Zeichen von Gefahr Alarm zu geben. Dann, urplötzlich, entdeckte Fleet etwas in unmittelbarer Nähe. Auf dem Wasser, direkt vor der Titanic. Seine Augen weiteten sich vor Schreck, als er den Telefonhörer zur Schiffsbrücke in die Hand nahm.

„Mr Andrews, gut, dass ich sie finde. Ich muss mit ihnen sprechen.“
Grearson hatte den Salon betreten und war sofort zu Andrews gegangen, der am Kaminsims stand und apathisch in den Salon schaute.
„Sie habe ich doch schon einmal gesehen“, sagte der Ingenieur teilnahmslos.
„Grearson. Wir haben uns heute Abend schon einmal unterhalten. Ich muss mit ihnen sprechen. Geraldine Dobbins. Sagt ihnen der Name etwas? Ich muss mit ihnen über etwas sprechen, was sie gesagt hat.“
„Dobbins? Das kommt mir bekannt vor.“
„Mr Andrews, bitte helfen sie mir. Mrs Dobbins sprach mit mir über den falschen Ruhm dieses Schiffes. Können sie sich vorstellen, was damit gemeint war?“
„Mrs Dobbins hat mit mir über ihren Mann gesprochen. Er ist ums Leben gekommen, als die Titanic vor einem Jahr vom Stapel gelassen wurde. Sie hat mich dafür verantwortlich gemacht. Alle machen mich verantwortlich. Für die Fehler, die hier passiert sind. Ich bin schuld an allem“, sagte Andrews dumpf.
Grearson wollte darauf nicht weiter eingehen.
„Mr Andrews, worüber haben sie mit Mrs Dobbins noch geredet?“
„Ich habe versucht, ihr klarzumachen, dass sie Titanic eine Fassade ist. Alles strahlt, alles glänzt, aber innerlich steckt dieses Kind voller Fehler, die niemals hätten gemacht werden dürfen. Der falsche Ruhm des Schiffes, so habe ich den berühmten vierten Schornstein genannt. Wissen sie, nur drei der Schornsteine sind echt, der vierte ist eine Attrappe. Er wurde sozusagen als Talisman dazugesetzt, für eine erfolgreiche Überfahrt. Und“, fügte er etwas kleinlaut hinzu, „natürlich wollte man damit prahlen. Sich rühmen mit einem falschen Schornstein! Aber was verstehen sie schon von Ruhm und Verantwortung? Genießen sie ihre Fahrt, es ist ihre Aufgabe, die Fassade zu bewundern und zu staunen, so wie es alle Menschen tun.“
Andrews drehte sich weg. Das war für Grearson das Zeichen, zu gehen. Die Maske der Titanic existierte nicht mehr. Für Andrews hatte sie nie existiert und für ihn, Patrick Grearson, war sie nun zusammengebrochen. Einen Anstrich von Eleganz, Luxus und Majestät, den hatte dieses Schiff erhalten, doch dieser Anstrich war nicht für die Ewigkeit.
Grearson ging zum Zahlmeister, in der Hoffnung, einen Weg zu dem Schornstein zu finden.
„Mr McElroy, gibt es einen Weg, in den vierten, den unechten Schornstein hineinzugelangen?“
„Dazu müssen sie durch die Maschinenräume gehen, Mr Grearson, danach ist es nicht mehr zu verfehlen. Sprechen sie sonst auch die Arbeiter unten an. Aber seltsam, dass sie jetzt auch nach unten wollen!“
„Wieso, was ist daran seltsam?“
„Na ja, eben war Steward Miller hier und hat auch nach den Kesselräumen gefragt. Scheint ja mächtig was los zu sein, da unten“, scherzte er.
Ohne sich zu verabschieden drehte Grearson sich um und lief zur Hintertreppe. Hastig lief er die Stufen hinunter, seine Beine schmerzten ihm bereits. Entgegenkommende blickten ihn überrascht an, doch er beachtete sie gar nicht. Schließlich lief er an den weißen Wänden des Schottlandweges entlang und weiter hinab, bis er vor einer schweren Tür stand. Mit Mühe öffnete er sie und betrat die Maschinenräume. Krachend fiel die Tür hinter ihm zu. Der Geruch von Kohle und Schmierfett stach ihn in der Nase, das fahle Licht der wenigen Lampen erleuchtete den metallenen Pfad, der sich auf mittlerer Höhe zwischen den Maschinen hindurch wand.
Grearson ging ein wenig langsam, da der schmierige Dreck auf dem Weg kein Rennen erlaubte. Schließlich trat er an eine weitere Tür und öffnete sie. Sie führte in einen weiteren Maschinenraum, der hell ausgeleuchtet war. Der Weg führte geradeaus auf die nächste Tür zu. Neben einer Maschine, die einen ungeheuren Lärm von sich gab, stand einer der Arbeiter, fett, ungepflegt. Grearson deutete fragend auf die Tür, der Arbeiter zuckte nur mit den Schultern. Konversation war bei diesem Lärm unmöglich.
Ganz anders dagegen die Stille, die ihn in der nächsten Halle erwartete. Mit dem Schließen der Tür hatte er den Krach zurückgelassen. Hier war es jetzt wieder finster und still. Ein paar Lampen beleuchteten den Weg, der jetzt nicht mehr vom Schmierfett glänzte. Grearson blickte sich um und sah über seinem Kopf zu seiner Linken eine Treppe. Er ging den Pfad entlang, bis er vor einem runden Raum stand. Er blickte hinein. Gelbe Lampen leuchteten ihn aus, er schien keine Decke zu haben. Nur einen Metallpfad, der am Rand des Raumes entlang führte und zu dem eine Leiter den Weg öffnete. Grearson stand im vierten Schornstein.
Er trat die Leiter hinauf und blickte über sich. Ein weiterer Steg, der einmal im Inneren rund um den Raum führte. Eine weitere Leiter führte hinauf. So kletterte Grearson immer weiter nach oben. Ab und an waren einzelne Kisten mit Waren auf diesen Stegen abgestellt, ansonsten war es offensichtlich, dass der Schmuck der einzige Zweck dieses Schornsteins gewesen ist. Dann wurde das Licht schwächer. Je höher Grearson stieg, umso düsterer wurde es. Schließlich hatte er die oberste Plattform erreicht. Kalte Luft schlug ihm ins Gesicht. Er war nicht allein. Ihm gegenüber stand der Steward, Miller, und blickte mit einem Fernglas gen Schiffsbug.
„Miller!“
Der Steward erschrak und drehte sich um.
„Mr Grearson! Wie sind sie hierher gekommen?“
„Genauso wie sie, nehme ich an. Aber was machen sie hier?“
„Mrs Dobbins hat mir gesagt, ich solle das Auge suchen. Nun, ich habe es gefunden.“ Er schwenkte das Fernglas.
„Ein einfaches Fernglas? Und was soll daran so besonders sein?“
„Nun, es gibt auf diesem Schiff offiziell kein einziges Fernglas. Es wird schon einen Sinn gehabt haben, dass Mrs Dobbins es extra hier hat deponieren lassen, da bin ich sicher. Ich habe mit dem Arbeiter unten an der Maschine gesprochen. Sie war heute Abend da und hat ihn gebeten, das Fernglas hier oben zu deponieren. Er scheint ein guter Freund von ihrem Mann gewesen zu sein, deswegen hat er es gemacht.“
„Und wozu soll das nun nützen?“ fragte Grearson verständnislos. Er hatte sich wesentlich mehr von der Lösung dieses Rätsels erhofft.
„Tja, das habe ich gerade versucht, herauszufinden. Ich glaube, ich habe…“
Miller wollte weitersprechen, doch er kam nicht dazu. Ein Ruck ging durch die Titanic, der das Schiff bis ins Innerste erschütterte. Beide Männer hielten sich am Rande des Schornsteins fest, um nicht zu stürzen. Dann wandten sie ihre Blicke zum Schiffsbug, der von unzähligen Eisbrocken bedeckt war. Grearson fand zuerst seine Stimme wieder.
„Sie haben einen Eisberg gerammt. Diese Idioten!“

Montag, 21. November 2016

Kaiserschmarrn



 

Kaiserschmarrn

süß - flaumige Verführung aus dem Backofen

Zutaten für 4 Portionen:

130 g
Mehl
250 ml
Milch
1 EL
Vanillezucker
1 Prise(n)
Salz
4
Eigelb
4
Eiweiß
50 g
Zucker
50 g
Butter
50 g
Rosinen, in Rum eingelegt
30 g
Zucker, zum Karamellisieren

Mehl mit Milch, Vanillezucker und Salz mit Schneebesen glatt verrühren. Eier trennen.

Dotter einrühren. Eiweiß mit Kristallzucker steif schlagen. 

Unter den Teig heben.

Butter in einer ofenfesten Pfanne erhitzen. Masse eingießen, Rosinen darüber streuen (auf den Bildern ohne Rosinen zubereitet). Im vorgeheizten Backrohr ca. 200° 15 Minuten backen. 

Danach in Viertel teilen. Wenden und 10 Minuten fertig backen.
In Stücke teilen, mit Kristallzucker bestreuen und im Backrohr karamellisieren lassen.
Mit Puderzucker abstauben, dazu passt Zwetschkenröster.

Arbeitszeit:
ca. 30 Min.
Koch-/Backzeit:
ca. 25 Min.
Schwierigkeitsgrad:
normal


 post scriptum: Ich hätte solche Lust drauf, aber heute schafft mein Magen nur Tee und Zwieback. Zu dieser Jahreszeit passt der Kaiserschmarrn echt gut.

Sonntag, 20. November 2016

Beteigeuze (Kapitel 6)




23:15 Uhr

Jack Phillips war eingetreten. Einer der Funker der Titanic. Als er von Miller begrüßt wurde, prallte er zunächst ein Stück zurück.
„Was machen sie denn hier?“ fragte er ungehalten.
„Ich könnte sie wohl dasselbe fragen, Mr Phillips. Das heißt, eigentlich weiß ich ja, was sie hier vorhatten. Nur leider wird daraus nichts. Miss Ratchett wird nicht kommen.“
„Woher wissen sie von ihr? Hat sie etwa geplaudert?“
Nervös ging Phillips zum elektrischen Pferd und lehnte sich dagegen.
„Sie dürfen beruhigt sein. Sie hat sie nicht verraten. Und das wird sie auch nicht mehr tun. Sie ist tot. Ermordet in ihrem eigenen Zimmer.“ Nach einer Pause fragte Miller ungewöhnlich stechend: „Ich hoffe, sie sind die ganze Zeit ihren Aufgaben nachgegangen, Mr Phillips?“
Der Funker blickte gegen die Wand. Leere, ausdruckslose Augen spiegelten Entsetzen wieder. Doch trotz aller Verwirrung bemühte er sich, gelassen zu wirken.
„Wieso fragen sie mich das? Natürlich habe ich das getan. Das ist mein Beruf, wissen sie?“
„Es ehrt sie, dass sie ihrer Arbeit so verbunden sind, aber ich sehe sie jetzt zum Beispiel nicht im Funkraum. Wie kommt das? Sie sollten doch dort bereit sitzen und Nachrichten empfangen, richtig?“
„Wozu habe ich Mitarbeiter? Bride kümmert sich um den Laden. Warum wollen sie das überhaupt wissen?“
„Sehr einfach. Ich bezweifle, dass Mr Bride jetzt im Funkraum ist. Er ist bereits in seinem Bett. Der gute Junge hatte den Schlaf dringend nötig, das wissen sie genauso gut wie ich. Und genau in diesem Moment verletzen sie nun also ihre Pflichten. Also haben sie das vielleicht auch schon vorher getan. Es geht mir ganz einfach darum, herauszufinden, ob sie ein Alibi für die Tatzeit haben.“ Miller spürte geradewegs, wie das Glatteis unter ihm krachte und Risse bekam. Er hatte nicht die geringste Idee, auf wann man die Tatzeit festlegen konnte. Er hoffte nur, etwas mehr über Ms Ratchett mit Phillips´ Hilfe erfahren zu können.
„Ich habe nichts getan. Und ich sehe nicht ein, warum ich ihnen überhaupt etwas erzählen sollte.“
„Das ist ganz einfach. In Miss Ratchetts Zimmer wurde eine Notiz gefunden. Eine Notiz von ihnen.“ Miller holte den Zettel hervor, entfaltete ihn und las ihn zur Erinnerung noch einmal vor. Phillips´ Blick versteinerte.
„So, Mr Phillips, und nun sehen sie vielleicht auch selbst ein, dass es besser wäre, wenn sie mir schilderten, was es da für eine Beziehung zwischen ihnen und Miss Ratchett gab.“
Der Funker seufzte tief.
„Ich habe Lucy vor zwei Tagen zum ersten Mal getroffen. Zwischen uns gab es keine richtige Beziehung. Sie war ein leichtes Mädchen. So nennt man sie doch, oder? Ich habe keine Freundin, aber vielleicht können sie sich vorstellen, dass mir ein wenig Leidenschaft fehlt, wenn ich auf See bin. Und Lucy hat mir angeboten, ein paar schöne Stunden mit mir zu verbringen.“
„Und das Angebot haben sie angenommen?“
„Ich konnte nicht Nein sagen. Es war dann auch wirklich schön. Ich wollte sie wieder treffen und habe ihr den Brief geschrieben.“
„Also war Miss Ratchett für sie nichts weiter als eine knisternde Affäre? Wissen sie denn sonst nichts über das Mädchen? Ich meine, sie hätte krank sein können und sie wissen nichts davon!“
„Bleiben sie ruhig. Denken sie nicht, ich hätte an meine Sicherheit gedacht? Ich habe mit ihr gesprochen. Warum sie an Bord ist und so weiter.“
„Mr Phillips, ihnen mag nicht klar sein, warum, aber ich muss das alles wissen. Was hat Ms Ratchett ihnen über sich erzählt?“
„Ihr Name war Lucinda Maria Ratchett. Sie war Kindermädchen bei einer Familie, da hat sie nicht mehr zu gesagt. Ihre Eltern seien verstorben, aber sie hat noch eine Schwester. Deren Name ist Abigail Hopkins.“ Jetzt war Millers Interesse geweckt. „Sie heißt nicht Ratchett, weil sie bereits geheiratet hat. Ihr Mann ist aber bei einem Unfall ums Leben gekommen. Ich fragte Lucy, warum sie mir das alles erzählte. Sie war ein wenig enttäuscht von ihrer Schwester, meinte sie. Abigail hat immer Geld und schöne Kleider, sagte sie. Und dabei hätte sie das gar nicht verdient, weil sie nichts dafür tut und immer ihren Onkel um Taschengeld anbettelt. Um wen es sich da handelt, weiß ich nicht“, sagte Phillips.
Millers Stirn zog sich in Falten. Bruce Ismay.
„Ich war mir nicht sehr sicher, aber Lucy hat ihre Schwester ziemlich genau beschrieben. Ich hätte schwören können, ich habe sie gestern Abend in der Nähe des Funkraums gesehen. Aber das ist ja auch egal. Lucy hat erzählt, dass sie zusammen mit dieser Familie, für die sie arbeitet, nach Amerika geht. Eine längere Zeit wollte sie dort verbringen. Aber nun ist sie tot…“
Phillips blickte wieder mit leeren Augen an die Wand. Miller sagte nichts. Abigail Hopkins war ein Hinweis. Eine Spur, die man vielleicht verfolgen sollte. Wenn sie nicht selbst in die Angelegenheit verstrickt war, dann konnte sie zumindest etwas über ihre Schwester erzählen.
„Der Funkraum ruft, Mr Phillips“, sagte Miller ernst. „Sie haben eine Aufgabe zu erfüllen. Denken sie daran, dass auf ihren Schultern eine Verantwortung lastet. Die Titanic kann nur funktionieren, wenn jeder seinen Teil dazu tut. Ich werde mich wieder unter Deck begeben. Ich will nur für sie hoffen, dass ich keine Hinweise finde, die ihre Aussage irgendwie in Frage stellen könnten.“
Phillips besann sich wieder und sagte auf seine abweisende Art: „Lassen sie mich meine Arbeit tun und kümmern sie sich um ihre. Vom Funken haben sie sowieso keine Ahnung. Ich sage ihnen nur, dass ich nichts mit der ganzen Angelegenheit zu tun haben sollte. Ich war froh, dass ein Mädchen wie Lucy hier an Bord war. Warum hätte ich sie töten sollen?“
Der Funker verließ, ohne sich noch einmal umzudrehen, die Turnhalle. Miller beschloss, Patrick Grearson ausfindig zu machen. Das wichtige Detail der Tatzeit durfte nicht ungeklärt bleiben.

„Das ist eine ganz einfache Frage, Mutter. Warum?“
Diana Hilton saß auf ihrem Bett und wischte sich mit einem Taschentuch Tränenspuren aus dem Gesicht. Es war ein altmodisches Taschentuch mit einem eingestickten L. Misstrauisch blickte Claris auf das Stück Stoff. Ihre eigenen Tränen waren längst versiegt. Nun war sie auf der Seite des Rechts, nun hatte sie die Oberhand über ihre Mutter.
„Claris, du verstehst das doch sowieso nicht.“
„Das hast du mir schon viel zu oft gesagt. Ich verstehe es aber ganz gut! Bruce Ismay war mein Vater und nun ist er tot. Mama, bitte sag mir, dass du es nicht gewesen bist! Wenigstens einmal musst du unschuldig sein!“
„Kind, natürlich bin ich unschuldig. Warum sollte ich deinen Vater umbringen?“
„Vielleicht, damit ich nicht hinter die Wahrheit komme? Vielleicht, damit Stansfield keine Schwierigkeiten bekommt? Was weiß ich? Wobei, es dürfte sich wohl eher um unseren ach so unbescholtenen Anwalt drehen, denn offensichtlich hast du dich um mich stets einen Dreck gekümmert. Hast mir meinen Vater vorenthalten um deines eigenen Vorteils Willen, hast mich meiner Heimat und meinem Geliebten entrissen, damit du Nutzen daraus ziehen kannst.“
Wie ein trotziges Kind verschränkte Claris die Arme und drehte ihrer Mutter den Rücken zu. Diese legte eine Hand auf die Schulter ihrer Tochter.
„Das ist nicht wahr, Claris. Ich bekenne mich schuldig, dass ich mehr an mich gedacht habe, als ich diese Reise in Erwägung gezogen habe. Es tut mir so sehr Leid! Wenn du willst, können wir sofort wieder zurückreisen. Du musst nicht jemanden heiraten, den du nicht magst.“
„Und nun also der plötzliche Sinneswandel, um mit der Tochter alles ins Reine zu bekommen, wie? Nein. Ich bleibe in Amerika, wenn wir erst einmal dort sind. Aber glaube nicht, dass ich diesen eingebildeten Schnösel zu Mann haben will. David ist hier an Bord. Ich habe mit ihm gesprochen. Er ist hier, und wenn wir erst in New York angekommen sind, dann werden wir heiraten. Und weder du noch sonst irgendjemand wird uns daran hindern!“
Diana Hilton schwieg. Einige Minuten herrschte Stille in Kabine D-12. Nur das Vorbeihuschen einiger Schritte auf dem Flur war zu hören, da das Schloss der Tür noch immer zerstört war.
„Es soll dir gut gehen, Claris. Das ist mir das Wichtigste. Du darfst nicht weiter nach deinem Vater fragen. Es würde mich zerbrechen, wenn du die ganze Wahrheit wüsstest. Akzeptiere es, dass dein Vater Bruce Ismay war. Ich glaube nicht, dass er dich erkannt hätte. Nein, dazu bist du zu groß und zu hübsch geworden.“
Wieder nahm sie das Taschentuch zur Hand. Claris nahm es ihr weg und betrachtete es genauer.
„Woher hast du diese Taschentücher mit dem Monogramm, Mama?“
Für einige Momente flimmerten rasante Erinnerungen vor dem Auge Dianas auf. Die Abschiedsszene von Bruce, die vielen Tränen, das Verständnis, der Kuss, die Umarmung. Das Kind, das er ihr übergab. Eingehüllt in die feinsten Windeln. In dem kleinen Körbchen mit einem kleinen Stapel Taschentücher, altmodisch, mit einem eingestickten blauen L. Ein Kennzeichen. Eine Erinnerung an die Vergangenheit. An die Wahrheit.
„Bruce hat sie mir geschenkt“, antwortete Diana kurz. Sie konnte ihrer Tochter nicht die volle Wahrheit erklären.
„Ich werde es herausfinden, wenn du mir nichts sagen willst, Mutter. Ich werde die Wahrheit finden. Vielleicht werde ich dich dann auch verstehen können. In diesem Moment kann ich es jedenfalls nicht. Geh ins Bett, Mutter. Ich werde mich mit David treffen.“
„Ich will, dass du es gut hast, Kind. Ihr beide sollt meinen Segen haben, wenn er denn wirklich der richtige Mann in deinem Leben ist. Ich kann das zwar nicht glauben, so sehr ich auch möchte, aber schließlich ist es nicht meine Entscheidung. Deine Zukunft liegt in deinen eigenen Händen. Mache etwas Sinnvolles daraus!“
„Ich werde es schaffen. Selbst, wenn wir dann nicht das viele Geld haben werden, dass uns dein Traum von Schwiegersohn versprochen hat. Wir werden unseren Weg ehrlich erkämpfen. Was ist erkaufter Ruhm schon wert? Denk darüber mal nach, liebe Mutter!“
Diana sah ihrer Tochter hinterher, die die Kabine verließ. Gut, dachte sie, dass Bruce tot ist. Wenigstens kann Claris jetzt die Vergangenheit ruhen lassen.

„Was wir noch gar nicht erörtert haben, ist die genaue Tatzeit, Mr Grearson.“
„Miller, sie haben Recht. Dieser Gedanke ist mir auch schon durch den Kopf gegangen.“
Die beiden Herren setzten sich an einen ungestörten Tisch im Café Parisian. Nur zwei junge Pärchen befanden sich in dem großen Raum, ansonsten zeigte auch er die Anzeichen eines späten Abends.
„Wann genau haben sie ihre Zimmertür geöffnet, so dass der Tote hineingefallen ist?“
„Ich bin mir ganz sicher. Das war um zwanzig Minuten nach acht. Da wollte ich mein Zimmer nämlich wieder verlassen, um zum Empfang durch Captain Smith zu gehen.“
„Richtig, sie hatten ja diesen Anfall von Seekrankheit. Können sie sich erinnern, wann sie sich zu Bett begeben hatten?“
„Es muss um viertel nach sieben gewesen sein. Etwas früher ist auch möglich.“
„Damit haben wir zumindest den Rahmen. Na ja, er wurde jedenfalls zwischen 19.15 Uhr und 20.20 Uhr an ihre Tür gelehnt und mit Sicherheit war er um zwanzig nach acht bereits tot. Aber es kann um einiges früher geschehen sein. Er kann auch um sechs Uhr ermordet worden sein, oder noch früher.“
„Ich glaube das nicht. Denken sie an Mrs Dobbins! Sie muss etwas Wichtiges beobachtet haben, sie erzählte mir von einer Frau mit einem Dolch, die sich in seinem Zimmer aufgehalten hätte.“
„Der Dolch von Miss Lockett vermutlich. Was hatte dieser Fotograf noch gesagt? Wann hatte er  das Bild von Mrs Dobbins gemacht?“
„Gegen halb acht, wenn ich nicht irre.“
„Ich denke, um überhaupt einen Anhaltspunkt zu haben, sollten wir die Ereignisse zwischen sieben und acht Uhr abends festlegen. Irgendwann in diesem Zeitraum wurde Ismay ermordet und später an ihr Zimmer geschleppt.“ Miller machte sich eine gedankliche Notiz und trank einen Schluck Tee. Dann fuhr er fort: „Was mich aber viel mehr interessiert, Mr Grearson, ist Ismays Kabine. Ich habe mich dort noch gar nicht umgesehen, womöglich ist sie der Tatort. Sind sie bereits auf die Idee gekommen, einen Blick dort hinein zu werfen?“
„Allerdings! Aber ich bezweifle doch stark, dass Ismay in seinem Zimmer umgebracht wurde. Es sind überhaupt keine Spuren zu finden.“
„Bitte beschreiben sie mir die Kabine ganz genau, ich muss jedes Detail wissen.“
Patrick Grearson bemühte sich, das genaue Bild der Kabine zu beschreiben, mit dem großen Bett, den beiden Spiegeln und dem Teppich. Hin und wieder hielt er inne und trank seinerseits etwas Kaffee und korrigierte daraufhin seine Beschreibung ein paar Male. Schließlich hatte er eine recht exakte Schilderung des Zimmers abgegeben. Miller überlegte ein wenig länger.
„Diese Abdrücke im Teppich finde ich interessant. Wenn sie tatsächlich vom Bett zur Tür führen, dann wäre es möglich, dass jemand etwas Schweres vom Bett zur Tür getragen hat. Und bei der Form der Abdrücke vermutlich…“
„Wollen sie etwa sagen, dass eine Frau Ismay vom Bett zur Tür und dann zu meiner Kabine geschleppt hat?“
„Geschleppt ist der richtige Ausdruck, Mr Grearson. Es muss sehr anstrengend für die junge Frau gewesen sein.“
„Wie kommen sie denn darauf, dass es sich um eine junge Frau handelt? Ich meine, denken sie nur an Mrs Dobbins! Die ist alt und kräftig genug, um Ismay ohne Probleme aus dem Zimmer zu befördern.“
Miller lächelte.
„Das ist natürlich richtig, aber bedenken sie doch nur die Form der Schuhabdrücke. Wenn die Vertiefungen, wie sie selbst sagten, so klein sind, konnte es sich um sogenannte Pfennigabsätze an den Schuhen handeln. Damenschuhe mit erhöhter Hacke, deren Absatz sehr schlank zuläuft. Dies ist eher eine Mode der jüngeren Generation, die besonders bei attraktiven Männern Eindruck machen möchte. Und nun stellen sie sich vor, wie schwer es sein muss, auf hochhackigen Schuhen eine Leiche aus einem Zimmer zu tragen, ohne dabei umzuknicken. Ich bin ganz sicher, dass die Abdrücke daher rühren.“
„Und es passt sogar“, sagte Grearson nach kurzer Überlegung. „Mrs Dobbins hatte ja gesagt, dass sie eine Frau mit einem knielangen Rock im Zimmer gesehen hätte. Knielange Röcke werden auch eher von den jüngeren Damen getragen.“
„Sehen sie? Das bringt uns doch schon einen großen Schritt weiter. Nun müssen sie mir unbedingt eine Frage beantworten. Erinnern sie sich bitte genau. Sie sprachen davon, dass das Bett sehr luxuriös gewesen sei. Lagen dort viele Kopfkissen oder nur eines auf jeder Seite? Wenn es nur eines war, war es eher klein oder groß?“
„Ich verstehe nicht, wie diese Frage einen Sinn für sie ergeben kann, Miller!“
„Ich versuche, herauszufinden, ob Ismay auf seinem Bett ermordet wurde oder nicht. Zumindest steht fest, dass sich die Leiche, bevor sie hinausgeschleppt wurde, auf dem Bett befand.“
„Aber er wurde bestimmt nicht auf dem Bett umgebracht. Es gab keine Spuren, in seinem ganzen Zimmer nicht!“
„Und sie halten es demnach für wahrscheinlicher, dass Ismay außerhalb seiner Kabine umgebracht wurde, die Leiche dann hineingetragen und anschließend wieder herausgebracht wurde?“
„Wenn mir wirklich jemand damit einen Schreck verpassen wollte, dass er die Leiche an meine Zimmertür stellt, ist das schon möglich. Stellen sie sich nur vor, Ismay wurde ermordet, bevor ich mich in mein Zimmer begeben hatte. In diesem Fall durfte die Leiche nicht gleich an mein Zimmer gestellt werden. Der Täter musste warten, bis ich mein Zimmer betreten hatte, um den Toten danach zu mir zu bringen.“
„Ein sehr guter Gedankengang, den sie da verfolgen, Mr Grearson, aber ich halte es für unwahrscheinlich. Denken sie an die Schuhabdrücke! Sie sagte, es waren nicht sehr viele und sie waren in einem regelmäßigen Abstand. Wenn der Täter die Leiche zuerst in das Zimmer reingetragen hätte, um sie dort aufzubewahren, dann hätten sich schließlich auch Abdrücke von dem Weg zum Bett hin im Teppich befinden müssen. Ich würde das ausschließen und frage noch mal: Wie war die Beschaffenheit der Kopfkissen?“
„Auch wenn mir ihre Zusammenhänge völlig unklar sind, kann ich ihnen das gerne sagen. Es lagen übertrieben viele Kopfkissen auf dem Bett. Der reinste Pomp, wenn sie mich fragen. Da konnte man schon gar nicht mehr drin liegen, da hat man bestimmt drin gesessen.“
Miller lächelte.
„Ein interessanter Gedanke.“
Der Geschäftsmann an seiner Seite schaute wieder verwirrt, doch der Steward winkte ab.
„Das war schon viel wert, Mr Grearson. Danke für die Information. Und immerhin haben wir uns auf die ungefähre Tatzeit einigen können, das ist schon ein Schritt in die richtige Richtung. Ich werde jetzt mal mit Mr Morrison reden müssen. Ich hoffe, er kann mir Weiteres über Miss Ratchett erzählen.“
„Wo ich sie gerade hier habe: Können sie mir sagen, was mit dem falschen Ruhm der Titanic gemeint ist? Mrs Dobbins hatte das erwähnt, aber ich verstehe es überhaupt nicht.“
„Mrs Dobbins – richtig, zu ihr muss ich auch noch einmal gehen. Mir hat sie ein ähnlich seltsames Rätsel aufgegeben, ich komme einfach nicht dahinter. Nein, ich weiß nicht, was der falsche Ruhm der Titanic ist. Das ist ein Ausdruck, über den sie wohl von der Crew nicht viel werden erfahren können. Vielleicht können ihnen die Arbeiter in den Kesselräumen etwas sagen. Oder sie probieren es mal bei den Liftjungen. Sie hören den ganzen Abend lang so viel Klatsch und Tratsch, vielleicht ist denen schon einmal jemand aufgefallen, der diesen Ausdruck erwähnt hat.“
Grearson schlug sich vors Gesicht.
„Der Liftboy! Dass ich da nicht gleich drauf gekommen bin – der kann mir bestimmt helfen. Für einen Dollar hat er immer die besten News parat. Ich werde ihn gleich aufsuchen.“
„Dann ist ja alles in Ordnung. Wir können uns wieder auf die Suche begeben. Wir treffen uns bestimmt bald wieder. Bis dann!“ verabschiedete sich Miller und ließ Grearson mit einigen Verwirrungen, einigen Vorahnungen und zwei Tassen, einer mit Kaffee und einer mit Tee, zurück.

Er klopfte.
„Mr Morrison? Mein Name ist Miller, ich bin Steward. Wir haben uns vor kurzem im Zimmer von Lucy Ratchett gesehen. Ich muss mit ihnen reden!“
„Herein“, antwortete die Stimme von innen. David Morrison hatte den Korridor des D-Decks schnell verlassen, um nicht aufzufallen. Schließlich musste der Lärm der berstenden Zimmertür doch irgendjemanden aufmerksam gemacht haben. Da Claris offensichtlich eigene Pläne hatte, war er wieder in sein eigenes Zimmer zurückgekehrt.
Miller öffnete die Tür und trat ein.
„Guten Abend, Mr Morrison.“
„Hallo.“
Morrison saß im Schneidersitz auf dem Boden und hielt sich die Finger an die Schläfen. Offensichtlich hatte er meditiert.
„Ich hoffe, Murdoch hat sie nicht zu sehr ausgefragt und beschuldigt?“ fragte Miller teilnahmsvoll.
Morrison seufzte. „Wie man es nimmt. Natürlich war ich für ihn gleich ohne Zweifel der Mörder, schließlich wurde ihr ja der Ring geklaut, und da ich ihn sowieso haben wollte, warum sollte ich sie da nicht gleich auch töten? Aber was interessiert mich das, er hat überhaupt keine Beweise gegen mich in der Hand.“
„Jetzt bitte ganz langsam. Ich möchte mit ihnen über Miss Ratchett sprechen. Natürlich auch über den Ring. Ich glaube, sie sind unschuldig, aber wer auch immer der Täter ist, musste in irgendeiner Verbindung zu Miss Ratchett gestanden haben und aus welchem Grund auch immer an dem Ring interessiert sein.“
Zum ersten Mal blickte Morrison auf.
„Dann setzen sie sich. Das wird nicht allzu einfach. Und der Zufall wird eine große Rolle spielen.“
„Dann erzählen sie bitte.“
„Vielleicht haben sie schon erfahren, dass Lucy neben ihrer Arbeit als Kindermädchen auch noch anderen Aktivitäten nachging. Sie hatte ein Zimmer in der Stadt, obwohl sie bei ihren Arbeitgebern hätte unterkommen können. Dieses Zimmer diente als Ort für ihre kleinen Geschäfte.“
„Geschäfte?“
„Sie war als leichtes Mädchen tätig. Keine Hure im verkommenen Sinn, weiß Gott nicht! Sie war anständig. Aber sie war auch sehr arm und tat viel für ein wenig mehr Geld. In diesem Zimmer empfing sie ihre Kunden. So auch mich damals. Es war für mich nichts Besonderes, aber Lucy schien den irren Gedanken zu formen, dass ich mich in sie verliebt haben könnte. Sie verliebte sich in mich. Sie wollte mich ein weiteres Mal sehen.“
„Und sind sie wieder zu ihr gegangen?“
„Ja. Ich hätte es besser nicht tun sollen. Sie gab mir einen Ring, er sah sehr wertvoll aus, und sie sagte, dass sie mich von ganzem Herzen liebte. Ich konnte ihr nicht die Wahrheit sagen, ich glaubte damals, dass ich sie zu sehr verletzen würde.“
„Denken sie nicht, dass sie sie noch mehr verletzt haben, indem sie sie in dem Glauben zurückgelassen haben, dass sie eines Tages mit ihnen zusammenleben könnte?“
Morrison schüttelte den Kopf.
„Ich weiß, was sie jetzt sagen wollen, ich kenne den Spruch. Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Aber ich wollte ihr damals nicht wehtun, sie schien mir so schüchtern und so zerbrechlich zu sein.“
„Schüchtern? Als leichtes Mädchen?“
„Sie dürfen nicht glauben, dass Lucy allzu viel Spaß an diesen Bettgeschichten hatte. Mir sagte sie, dass es oft nur ums Geld ginge und sie froh wäre, wenn sie endlich unabhängig leben könnte. Ich habe bis heute diesen Ring behalten, den Lucy mir damals gab. Als Erinnerung zunächst, später nur noch als einfaches Schmuckstück. Aber heute Abend habe ich ihn beim Glücksspiel verloren. Sie sollten wissen, dass ich ein leidenschaftlicher Spieler bin. Es gibt nicht viele Leute, die das gutheißen können. Deswegen wurde mir auch meine Geliebte weggenommen. Ihre Mutter hielt mich damals für allzu locker in meiner Lebensweise. Aber was erzähle ich ihnen das“, sagte Morrison und stand auf. Während er in einem Schränkchen nach einer Flasche Whisky suchte, fuhr er fort: „Es geht ihnen natürlich um Lucy und den Ring. Der Ring, den sie mir damals geschenkt hatte, war ein nachgemachtes Stück. Das Original hatte sie selbst behalten. Sie hat es einst von ihrer Arbeitgeberin, Mrs Borebank, geschenkt bekommen. Und dieser Ring ist ihr nun gestohlen worden, kurz bevor ich ihn mir selbst abholen konnte.“
„Selbst abholen? Wovon reden sie?“
„Tja, hier kommt mal wieder der Zufall ins Spiel. Mrs Borebank hat mich peinlicherweise beobachtet, als ich aufgrund einer dummen Unachtsamkeit meinen eigenen Ring im Rauchsalon beim Kartenspiel verlor. Sie warf einen Blick auf das Stück und meinte, dass es eine Fälschung sei, und sie sagte mir, dass ich gerne gegen halb elf zu Lucy gehen dürfte, um mir das Original zu holen. Sie würde es dem Mädchen schon ersetzen. Sie hielt es für Recht, weil sie selbst ihr den Ring ja geschenkt hatte.“
„Und, waren sie bei ihr?“
„Nein. Ich wollte ein wenig später hingehen, um sie auch wirklich anzutreffen. Wer weiß, wen sie heute wieder bezirzt hat? Da konnte es schon etwas später werden, meinen sie nicht?“
„Leider bringt sie gerade diese Umsichtigkeit in eine schwierige Lage. Haben sie ein Alibi für die Zeit vor halb elf? Falls nicht, sieht es schlecht für sie aus. Die Leiche wurde um 22.40 Uhr gefunden. Da könnte es doch sein, dass sie zehn Minuten vorher hinabgestiegen sind und sie ermordet haben.“
Morrison wollte widersprechen, aber Miller kam ihm zuvor.
„Ich weiß. Das ist natürlich Unsinn. Wenn ihnen der Ring sowieso versprochen war, warum hätten sie das Mädchen ermorden sollen? Und genau deswegen glaube ich nicht, dass sie der Mörder sind.“
„Wenigstens einer auf meiner Seite“, seufzte Morrison. „Ich kann ihnen wirklich nicht mehr erzählen, nicht einmal zu meiner Verteidigung. Was sie vielleicht noch interessieren könnte – na ja, es könnte ein wenig unangenehm für den Beteiligten werden…“
„Sprechen sie, Mann. Es geht hier um Mord, viel unangenehmer geht es doch wohl kaum.“
„Na gut. Mr Borebank, Lucys Arbeitgeber, schien auch eine rege Affäre mit ihr zu haben. Er hat sie sogar als Flittchen bezeichnet. Kompetent, aber menschlich ein Wrack. Das will ich hier lieber nicht bestätigen, aber es könnte ja auch sein, dass eine Person den Ring an sich genommen hat und eine andere das Mädchen ausgeschaltet hat. Vielleicht sogar Borebank selbst, damit seine Frau davon nichts erfährt?“
Miller stand auf. Die Thematik wurde nun doch etwas zu heikel.
„Ich will zugeben, dass es ein guter Gedanke ist, mit dem Dieb und dem Mörder. Was aber Mr Borebank angeht – also, das sind Informationen, die muss ich erst einmal unter Vorbehalt annehmen. Ich danke ihnen jedenfalls, Mr Morrison, für dieses Gespräch.“

Abigail Hopkins atmete tief durch. Das Ergebnis ihres ersten Ganges an Deck war ernüchternd. Nun war sie endlich bereit, sich der Welt sorgenfrei zu präsentieren, und was tat die Welt? Ging einfach ins Bett, und das, obwohl die Nacht doch noch jung war! Niemanden hatte sie getroffen, der sie auch nur halbwegs interessiert hätte. Oder hatte sie ihre Ansprüche nun etwa zu hoch gesetzt? Nein. Wer keine Ansprüche hat, der landet noch bei irgendeinem Abschaum. Das kann ja nicht gut sein. Schaudernd dachte sie an ihre eigene Vergangenheit.
Es war schon gut so, wie es war. Wen brauchte sie denn? Sie kam doch gut allein zurecht! Und jetzt, in dieser neuen Situation, würde sie erst recht auf niemanden angewiesen sein. Selbstbewusst trank sie ihr Glas Champagner aus und blickte in den Spiegel ihrer Kabine. Du hast es geschafft, sagte sie sich. Eitel und voller Stolz blickte sie ihr Spiegelbild an. Dann klopfte es an der Tür. Behutsam stellte sie ihr Glas ab und fragte, ohne zu öffnen:
„Wer ist da?“
„Ich bin der Steward. Mein Name ist Miller. Sind sie Mrs Hopkins?“
„Die bin ich. Aber hören sie, sie sind nicht für mich zuständig. Mein Steward heißt Barker. Was wollen sie also hier?“
„Ich komme nicht als Steward zu ihnen. Ich muss mit ihnen über ihre Schwester sprechen. Über Lucy Ratchett.“
Dieser Name zeigte seine Wirkung. Für einen Moment sagte Abigail gar nichts. Dann öffnete sie langsam die Tür. Ihre Miene hatte sich um keinen Deut verändert, sie war undurchsichtig wie eh und je.
„Kommen sie herein.“
Miller trat ein und schenkte der jungen Frau ein aufmunterndes Lächeln.
„Was ist mit meiner Schwester? Ist etwas passiert?“
„Mrs Hopkins, haben sie gewusst, dass Lucy hier an Bord ist?“
„Ja, natürlich. Ich meine, als Schwester sollte man über so etwas im Bilde sein, meinen sie nicht?“ fragte sie leicht verwirrt.
„Dann will ich ihnen die Wahrheit erzählen, und es ist besser, sie setzen sich dazu.“
Eher verwirrt als überrascht nahm Mrs Hopkins auf eine Stuhl platz.
„Ihre Schwester wurde ermordet. Es tut mir sehr leid, Mrs Hopkins, aber Lucy Ratchett ist tot.“
Auch in der folgenden Stille veränderte Abigail ihre Miene nicht. Sie ließ den Gedanken durch den Kopf gehen. Lucy ist tot. Kein Neid mehr. Keine Eifersucht mehr. Keine Klagen mehr. Schon oft hatte sie darüber nachgedacht. Und sie war zufrieden, dass endlich jemand die Leiche gefunden hatte. Ein Lächeln zeichnete sich um ihre feinen Lippen ab.
„Haben sie mich verstanden? Ihre Schwester wurde ermordet! Sind sie darüber gar nicht erschrocken? Begreifen sie gar nicht das Ausmaß dessen, was ich ihnen hier erzähle?“
„Ich begreife alles“, antwortete sie ruhig. „Ich kann Lucy nun mal nicht allzu sehr nachtrauern. Meine Tränen sind versiegt, wissen sie? Mit Lucy hatte ich nie viel gemeinsam. Wir sahen uns kaum. Wir sprachen kaum miteinander. Und ihre Lebensweise! So arm, so schlicht! Sie war so ein naives Dummchen. Und jetzt soll ich ihr nachtrauern? Immerhin ein Gutes hatte sie ja. Ich habe mich nie um sie kümmern müssen. Wahrscheinlich liegt es daran, dass sie mir nun nicht fehlt. Oder habe ich mich an Verluste vielleicht schon zu sehr gewöhnt?“
Sie sagte das auf eine seltsam melancholische Weise, blickte Miller nicht in die Augen, sondern auf irgendeinen Punkt neben ihn, etwas, das nicht existierte. Es wirkte, als würde die junge Frau träumen, während sie sprach. Miller bemühte sich, vernünftig auf sie einzusprechen.
„Wovon sprechen sie? Was für Verluste meinen sie?“
„Mein Mann ist gestorben. Das ist noch gar nicht lange her. Und bereits damals habe ich keine Tränen in mir gespürt. Nur eine dumpfe Leere. Und das Gefühl, dass ich es alleine schaffen konnte. Ich werde es alleine schaffen. Ich brauche niemanden. Wissen sie, was? Meine Schwester ist tot. Mein Onkel ist tot. Und das ist mir alles egal. Ich bin unabhängig. Ich brauche niemanden, um weiterzukommen. Ich habe gelernt, auf eigenen Beinen zu stehen, seit mir damals Unrecht angetan wurde.“
„Mrs Hopkins! Woher wissen sie, dass Bruce Ismay tot ist?“
Sie tat, als hätte sie die Frage nicht gehört und ging zurück zum Spiegel. Dort nahm sie wieder das Champagnerglas an sich.
„Ich habe sie etwas gefragt!“
„Weiß das nicht inzwischen jeder? Und was geht es mich an? Ich bin unschuldig. Genau so, wie ich auch damals unschuldig war.“
„Was meinen sie mit damals?“
Jetzt blickte sie Miller zum ersten Mal scharf in die Augen.
„Ich bin vergewaltigt worden. Verletzt. Geschändet. Nennen sie es, wie sie wollen. Ich bin missbraucht worden, weil ich mich zu sehr auf jemanden verlassen habe. Von jemandem, dem ich vertraut habe. Vielleicht verstehen sie nun, weshalb ich auf eigenen Beinen zu stehen gelernt habe. Das musste ich. Und ich habe gelernt, mich zu rächen. Ich habe mich gerächt. Auf meinen Peiniger wartet nun seine bittere Strafe. Er wird dieselbe Qual erleiden wie ich. Unschuldig.“
Wieder lächelte Mrs Hopkins derart intensiv, dass es Miller mehrere Schauer über den Rücken jagte. Diese junge Frau war gefährlich.
„Wer war es? Wer hat sie missbraucht? Und wie haben sie sich gerächt?“
„Was geht sie das an? Es ist meine Angelegenheit, und die bleibt es auch. Lucy war dumm und schwach. Und arm. Sie hätte es nie allein geschafft. Sie hätte sich einen Mann gesucht, der sie nur ausgenutzt hätte. Und mein Onkel? Was kümmert es mich, dass er tot ist? Er hat sich so selten um mich gekümmert. Aber das Geld ist mein, da er keine Kinder hat! Nun bin ich endlich frei. Ungebunden. Unabhängig.“
Damit trank sie das Glas in einem Zug aus. Miller sah ein, dass es keinen Zweck hatte, noch länger in diesem Zimmer zu bleiben. Bevor er aber den Rückweg antrat, blickte er sich noch einmal gründlich um.  Teure Kleider. Schlichte Kleider, die ihren wahren Preis verbargen. Schmuck. Verschiedene Flaschen teurer Weine. Und eine kleine Notiz auf dem Spiegel, mit rotem Lippenstift daran geschrieben und im Halbdunkel des Zimmers kaum zu erkennen. Der Name „Paddy“, zweimal durchgestrichen. Und zuletzt blickte er noch einmal Abigail Hopkins selbst an. Eine labile Frau. So schien es zumindest. Labil, aber entschlossen. Sehr gut gekleidet. Die Augen trüb vom vielen Alkohol, der Teint sanft gepudert. Schlichte Handschuhe an den Händen, elegante Schuhe an den Füßen, denen Miller eben noch einen zweiten Blick schenkte, bevor er dieses Zimmer endgültig verließ.

Keiner sprach an einem Abend auf der Titanic mit so vielen verschiedenen Menschen wie die Liftboys. Patrick Grearson trat sich im Geiste nochmals selbst auf den Fuß. Er selbst hatte schon mehrmals mit Miles Hutchins gesprochen. Vielleicht hatte der Junge wieder eine interessante Information parat über den falschen Ruhm der Titanic, wie Mrs Dobbins es genannt hatte.
Überrascht stellte Grearson fest, dass der Junge, der die altbekannte Fahrstuhltür öffnete, nun ganz und gar nicht Miles Hutchins entsprach. Miles war groß und schlank, dieser hier war klein und plump. Sommersprossen zierten seine Nase.
„Entschuldige, Junge, ist Miles nicht mehr hier? Das hier ist doch sonst sein Fahrstuhl, nicht wahr?“
„Da stimmt, mein Herr“, antwortete der Kleine mit leicht näselnder Stimme. „Eigentlich war unser Wechsel erst für morgen Mittag vorgesehen, aber Miles hat mich gebeten, bereits heute Abend für ihn einzuspringen, da er zu einem wichtigen Treffen wollte.“
„Hat Miles dir gesagt, worum es dabei geht? Mit wem er sich treffen wollte?“
„Nicht die leiseste Ahnung. Miles erzählt mir sowieso nie etwas. Ich weiß aber, dass er runter zum Squashplatz gegangen ist. So leicht kann man Billy Smithers nicht abschütteln“, sagte er mit stolzgeschwellter Brust und grinste.
„Vielleicht kannst du mir auch weiterhelfen. Sagt dir der Ausdruck ´Der falsche Ruhm der Titanic` etwas? Hast du das heute schon einmal gehört?“
Billy dachte nicht einmal nach, bevor er antwortete: „Woher soll ich das denn gehört haben? Hört sich doch ziemlich unsinnig an. Die Titanic hat keinen falschen Ruhm. Sie ist die Königin unter den Schiffen!“
„Ich dachte ja nur, dass vielleicht ein paar Leute, die du heute Abend mitgenommen hast, das schon einmal erwähnt haben. Die Menschen reden doch immer gerne, richtig?“
„Also, ich weiß ja nicht, was sie von mir denken, mein Herr, aber ich bin nicht so einer, der den privaten Unterhaltungen der Passagiere lauscht. Da kann ich ihnen nicht weiterhelfen.“
Bieder. Was für ein biederer Junge. Genau das Gegenteil von Miles, nicht nur vom Aussehen her. Miles ist ein frecher, neugieriger Junge. Hier aber hatte Grearson es mit einem Duckmäuser erster Güte zu tun. Er hob kurz die Hand zum Gruß und sagte:
„Danke, Billy. Ich werde mal sehen, ob ich Miles finden kann.“
„Glauben sie dem aber bloß nichts. Er erzählt immer alles Mögliche weiter, das kann keinem Menschen gut tun!“
Immer noch besser als deine Verschwiegenheit, dachte Grearson grimmig. Während er die Treppen auf das D-Deck hinabstieg, kam ihm ein Gedanke. Womöglich war Miles gerade mit Mrs Ismay verabredet? Er hatte da doch so etwas erwähnt…
Er freute sich schon drauf, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, als er den langen Korridor zum Squashplatz hinabging. Schwungvoll wandte er sich um eine Ecke und prallte in zwei Männer, die in Umarmung gegen die Wand gelehnt standen. Sie küssten sich. Grearson wollte sich angewidert abwenden, als er bemerkte, dass einer der beiden Miles Hutchins war. Überrascht blieb er stehen.
Als Miles den Störenfried erkannte, wich ihm die Farbe aus dem Gesicht. Der andere junge Mann, der mit dem Rücken zu Grearson stand, drehte sich langsam um. Es war einer der Offiziere.
„Was hat das zu bedeuten?“ fragte Grearson scharf.
„Bitte, Mister“, stotterte Miles ängstlich, „sagen sie niemandem ein Wort! Das könnte schlimme Konsequenzen für James haben!“
James, der andere, blickte mehrmals verwirrt zwischen den beiden hin und her. Dann nickte er Miles kurz zu und verschwand Richtung Foyer. Grearson versuchte, den Liftjungen zu beruhigen.
„Hör zu, Miles, es ist mir egal, was ihr hier gemacht habt. Das interessiert mich gar nicht. Ich habe dich aus einem anderen Grund gesucht. Aber – was ist mit Mrs Ismay? Wolltest du nicht mit ihr…?“
„Mister, zwingen sie mich doch nicht, mich ein für alle Mal festzulegen.“ Schon blitzte der Schalk wieder in seinen Augen auf. „Mrs Ismay ist schließlich selbst untreu und behandelt mich wie einen kleinen Flirt, also bin ich ihr ja wohl nicht verpflichtet“, erklärte der Junge mit unschuldigem Blick.
Grearson schlug die Augen gen Decke.
„Was versuche ich überhaupt, all diese neumodischen Beziehungen zu verstehen? Wer war denn der andere eben? Warum könnte das für ihn unangenehm werden?“
„Das war der sechste Offizier, James Moody. Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine solche Affäre seinem Ansehen gut täte.“
„Erstaunlich einsichtig von dir, Miles. Macht von mir aus, was ihr wollt.“ Innerlich schüttelte es Grearson bei diesem Gedanken. „Weshalb ich dich überhaupt suche – Du bekommst doch immer viele Gespräche der Passagiere mit. Hat da vielleicht jemand mal den Ausdruck ´Der falsche Ruhm der Titanic` erwähnt?“
„Mister, sie sind immer wieder für Überraschungen gut. Sie haben mich doch vorher nach dieser Mrs Dobbins gefragt, nicht wahr? Sie hat genau diesen Ausdruck in einem Gespräch mal benutzt. Ich habe aber keine Ahnung, was damit gemeint sein könnte, wenn sie das wissen wollen.“
Enttäuscht seufzte Grearson.
„Nun seien sie nicht gleich deprimiert“, meinte Miles. „Was kann daran schon so wichtig sein? Wenn sie es unbedingt herausfinden wollen, warum fragen sie dann nicht einfach den Mann, mit dem sie darüber gesprochen hat?“ Er zwinkerte frech.
„Wer? Sag schon, mit wem hat sie gesprochen?“
„Sie hat sich mit Mr Andrews unterhalten. Fragen sie mich nicht, was diese Frau mit einem so hohen Tier zu tun hatte.“
Ganz einfach – ihr Mann ist beim Bau der Titanic, beim Stapellauf, ums Leben gekommen und sie suchte den Verantwortlichen, dachte der Geschäftsmann bei sich.
„Miles, du bist hervorragend. Hier!“
Grearson steckte ihm einen Dollar zu.
„Es ist immer wieder gut, mit ihnen ins Gespräch zu kommen, Mister!“
Er winkte und begab sich wieder ins Foyer. Vielleicht würde er Moody suchen gehen, dachte Grearson. Thomas Andrews lautete der nächste Hinweis. Wenn es stimmte, dass dieser Mensch sich gern in guter Gesellschaft befand, würde man ihn bestimmt noch im Rauchsalon oder im Salon der ersten Klasse antreffen. Er machte sich auf den Weg, obwohl ihm die Beine von der vielen Lauferei schon wehtaten.

Selbstverständlich wanderte der Ingenieur Thomas Andrews noch immer im Salon der ersten Klasse auf und ab, immer auf der Suche nach netten Gesprächen. Diesen Gedanken hatte auch Miller verfolgt und trat an Andrews heran.
„Entschuldigen sie, Mr Andrews, ich muss sie kurz in einer wichtigen internen Angelegenheit sprechen.“
„Sie sind doch Steward, nicht? Was wollen sie von mir?“
„Kommen sie, wir gehen in eine ungestörtere Ecke.“
Das war gar nicht so leicht zu bewerkstelligen. Wenn auch sonst viele Flure des Schiffes wie ausgestorben wirkten, so hatten sich doch alle Nachtschwärmer in den Salons zusammengefunden. Miller führte Andrews in eine etwas ruhigere Ecke hinter einem Paravent.
„Mr Andrews, es ist nur eine kleine Frage, aber als Mitarbeiter an der Titanic können sie mir vielleicht helfen. Es geht um die Kabinenschlüssel.“
„Ja? Was ist mit den Schlüsseln?“
„Nun, ich habe mir sagen lassen, dass es von jedem Schlüssel zwei Exemplare gibt, die Zweitschlüssel sich aber nicht hier an Bord befinden.“
„Das ist korrekt.“
„Was tun sie aber, wenn jemand seinen Schlüssel verliert und sich somit aussperrt? Sie können unmöglich verlangen, den ganzen Weg bis nach New York abzuwarten!“
„Auch das ist richtig. Deswegen gibt es hier an Bord einen Generalschlüssel für alle Kabinen.“
Aha – eine weitere Möglichkeit.
„Ist es möglich, dass sich jemand Unbefugtes Zugang zu diesem Generalschlüssel verschafft hat?“
„Nein. Das ist absolut ausgeschlossen. Er befindet sich in einem versteckten Safe, dessen Kombination nur Kapitän Smith und ich kennen.“
Ausgeschlossen, dass Smith oder Andrews der Mörder ist, dachte Miller resignierend.
„Ich muss sie dann vielleicht anders fragen. Ganz direkt: Ist es möglich, dass sich jemand Zutritt in Bruce Ismays Kabine verschafft hat?“
„Zutritt kann sich nur verschaffen, wer den Schlüssel hat. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Mr Ismay seinen aus der Hand gegeben hätte.“
Außer vielleicht einer reizenden jungen Frau.
„Ismay hatte den Schlüssel aber bei sich“, murmelte der Steward beiläufig.
„Dann war niemand in seiner Kabine“, sagte Andrews. „Und nun entschuldigen sie mich, ich muss mit Mrs Whitehall sprechen.“
Dann war niemand in seiner Kabine. Das ist unmöglich! Es gab nur eine Erklärung, und die bedurfte noch einiger Ausarbeitung. In jedem Fall war an diesem Abend einiger Betrieb in Ismays Kabine gewesen. Zumindest zwei verschiedene Personen waren außer Ismay darin, eine weitere hat durch das Schlüsselloch spioniert. Vermutlich war der Mörder, der sich einen dritten Schlüssel hatte anfertigen lassen, unachtsam gewesen und hat Ismays Kabine nicht abgeschlossen, sondern den Schlüssel sogar stecken lassen. Wer auch immer Ismay dann aus dem Zimmer geschleppt hat, hat abgeschlossen und den Schlüssel in Ismays Tasche gelegt, um die Verwirrung nur noch zu vergrößern. Das heißt, dass der Schlüssel in Ismays Tasche nicht sein eigener war, sondern der des Mörders. Aber wer war so raffiniert, sich einen eigenen Schlüssel nachzumachen – wer hatte diesen Abend so haargenau vorbereitet, sozusagen jedes Detail vorausgesehen?

Stille. Das ganze Krankenzimmer war von Stille erfüllt. Kein Windhauch, kein Atmen. Es war alles weiß und ruhig. Mrs Dobbins hatte die Augen geschlossen. Miller trat neben sie. Ruhe. Die weiße Bettdecke. Kein Atmen. Still und weiß, bis auf zwei kleine, ovalförmige rote Flecken unter den Nasenlöchern. Das Blut war verkrustet, Mrs Dobbins mittlerweile schon tot. Sie lag friedlich in dem Bett, keine Anzeichen eines gewaltsamen Todes. Der Mörder hatte ihr vermutlich eine tödliche Injektion verabreicht und sie weiterschlafen lassen. Ihre Geheimnisse hatte sie jetzt für immer mit ins Grab genommen.
Es handelte sich mit Sicherheit um den gleichen Täter, der auch Ismay getötet hatte. Er hatte auf seltsame Weise Zugang zu allen Räumen dieses Schiffes. Er hatte auf Mrs Dobbins geschossen – und als er merkte, dass die Kugel ihre Wirkung verfehlt hatte – vielmehr, dass er daneben geschossen hatte, musste er ein wirkungsvolleres Mittel finden, die alte Dame, die ihn beobachtet hatte, zum Schweigen zu bringen.
Bei weiterem Nachdenken entschied Miller, dass die Person, die den Schuss abgegeben hat und der tatsächliche Mörder nicht ein und dieselbe Person waren. Das war physikalisch unmöglich. Zumindest, wenn Millers Theorie stimmte. Leider hatte er dafür noch keine Beweise.
„Was ist schon ein Mann ohne Schultern?“
Die Frage hatte der Steward an Mrs Dobbins gerichtet, in der irren Hoffnung, sie würde ihm eine letzte Antwort geben. Doch es blieb still im Zimmer. Still und weiß. Wer war der Mann ohne Schultern? Handelte es sich bei ihm um den Mörder, hat sie deshalb keinen Namen nennen wollen? Er würde niemals auf die Lösung kommen, wenn er sich an diesem Satz festkrallte. Stattdessen erinnerte Miller sich an die andere Aussage der Hausfrau.
„Finden sie das Auge!“
Um welches Auge ging es? Ein Glasauge? Oder ein Bullauge? Nein, ein Bullauge hätte die Frau nur schwerlich verstecken können. Es müsste sich um einen beweglichen Gegenstand handeln. Vielleicht hatte jemand Mrs Dobbins beobachtet – vielleicht hatte sie ein auffälliges Verhalten an den Tag gelegt. Miller schaltete das Licht im Zimmer aus und schloss die Tür. Gedankenverloren ging er ins Foyer des C-Decks.
„Mr Miller! Kommen sie doch mal eben zu mir, mir ist da noch etwas eingefallen!“
McElroy, der Zahlmeister, winkte den Steward zu sich.
„Was gibt es denn?“
„Sie haben doch heute nach dieser Frau im weißen Kittel gefragt. Ich erinnere mich, warum sie hier war. Normalerweise fragt man sich ja, was die Menschen vom F-Deck hier so treiben. Sie hatte mich gefragt, welches Bruce Ismays Kabine ist.“
„Richtig. Aber das haben sie mir schon einmal erzählt, McElroy.“
„Nun warten sie es doch erst einmal ab. Ich habe mich da mit den Zeiten ein wenig vertan. Das muss so gegen kurz vor sieben Uhr gewesen sein. Aber danach war sie noch einmal bei mir. Gegen zwanzig Minuten nach sieben kam sie hier an, hatte irgendetwas in einem Beutel und wollte wissen, wie sie zu den Kesselräumen kommt.“
„Die Kesselräume!“
„Genau das habe ich mir auch gedacht. Was um alles in der Welt will diese Frau bei den Kesselräumen? Sie sagte nur, sie sei befugt, weil ihr Mann Arbeiter ist. Ich wusste ja nicht, ob das die Wahrheit war, also habe ich ihr einfach den Weg beschrieben. Mir war es ziemlich egal, was diese Frau so alles treibt.“
„Und Mrs Dobbins ist dann hinunter gegangen?“
„Ich vermute es. Jedenfalls konnte ich deutliche Flecken auf ihrem Kittel erkennen, als sie zwanzig Minuten später wieder hier vorbeikam und erneut in Richtung von Ismays Kabine ging.“
„Meine Güte, da hatte die Frau scheinbar ganz schön zu tun.“
„Na ja. Sei es, wie es will – ich habe ihnen gesagt, was ich weiß. Bis bald!“
Miller ging zu den Hintertreppen. Mrs Dobbins hat etwas beobachtet. Und etwas aus Ismays Zimmer versteckt. Das Auge vermutlich. Sie ist in die Kesselräume hinunter und war zwanzig Minuten später wieder bei Ismays Kabine, so dass Stevens das Foto von ihr machen konnte. Das Foto war so unscharf – natürlich konnte man da keine Flecken auf der Kleidung erkennen. Und dann musste Mrs Dobbins noch mehr Interessantes beobachtet haben. Vielleicht konnte Mr Grearson dazu Genaueres in Erfahrung bringen. Aber wie hatte Mrs Dobbins es so schnell geschafft, zu den Kesselräumen zu gelangen, dort etwas zu verstecken und wieder zurückzukommen? Sie war auch nicht mehr die Jüngste und allein der Weg runter und wieder hinauf auf das C-Deck dauerte eine gute Viertelstunde.

Immer wieder hatte er überlegt, ob er Claris die Wahrheit erzählen sollte. Patrick Grearson war wie ein Besessener den Korridor des D-Decks auf und ab gegangen. Schließlich trat er an ihre Kabine. Überrascht bemerkte er, dass das Schloss aufgebrochen war. Er drückte die Tür nach innen auf. Das Zimmer war leergeräumt. Offensichtlich bewohnten die Hiltons diese Kabine nicht mehr. Nur die schiffseigenen Möbel füllten den ansonsten kahlen Raum. Grearson nahm sich vor, beim Zahlmeister die aktuelle Lage und den Grund für den Umzug zu erfragen. Scheinbar war hier nichts mehr zu erreichen. Er wollte gerade gehen, als sein Blick nochmals auf das gesplitterte Holz fiel. Dann tippte er sich gegen die Stirn.
„Natürlich! Die Tür! Ich weiß, wer Mr Ismay ermordet hat!“ rief er mit weitaufgerissenen Augen in das Zimmer, so dass seine Stimme von den kahlen Wänden widerhallte.