Sonntag, 3. Juli 2016

Im Auge des Sturms


Ich habe Mühe, die Augen offen zu halten. Ich halte die rechte Hand davor, um mich vor den herumfliegenden Teilen zu schützen, Staub, Steinchen, alles, was der Sturm so aufwirbelt. Das Atmen fällt mir schwer. Wenn ich den Mund öffne, wird mir die Luft mit einer solchen Gewalt in den Rachen gedrückt, dass ich mich verschlucke, daher halte ich die Zähne geschlossen und versuche, auf diese Weise zu atmen.

Ich habe nur eine Hand frei, um mein Gesicht zu schützen, die andere sucht unentwegt den Boden ab nach meinen Besitztümern, die der Sturm aus den Regalen gefegt haben könnte. Ich muss versuchen, sie zu retten, bevor sie von der Gewalt des Orkans aufgesaugt und davongeweht werden, es geht hier um mein letztes Hab und Gut, meine letzten Münzen und Trinkets, Erinnerungsstücke an die Zeit vor dem Sturm.

Die Zeit davor... ich halte inne und versuche mich zu erinnern. Wann hat der Sturm begonnen? Es kommt mir vor, also würde ich seit Ewigkeiten durch den Orkan streifen, auf der Suche nach meinen Habseligkeiten, auf der Suche nach Schutz. Auf der Suche nach allem, was mich ausmacht. Nach meiner Identität? Aber es kann gar nicht so lange her sein, dass der Sturm aufgezogen war.

Ich kann mich noch an den Morgen erinnern, ein Morgen wie jeder andere. Ich wurde geweckt durch Sirenen draußen vor dem Fenster. Krankenwagen, Polizei, das Übliche. Kirchengeläut. Warum kann ich mich danach an nichts erinnern? Es ist, als sei der Sturm von einer Sekunde auf die andere aufgekommen, und warum gerade hier? Ich hatte die Fenster geöffnet, um die frische Morgenluft einzuatmen. Ich hatte das Chaos in meiner Wohnung gesehen und mir vorgenommen, etwas dagegen zu tun. Ich wollte aufräumen, und dann...

Plötzlich war ein ungeheurer Lärm aufgekommen, ich konnte den Verkehr draußen nicht mehr wahrnehmen, ich hörte nichts außer dem Heulen des Sturms, der meine Wohnung gnadenlos durchtoste, meine Sachen von einem Ende zum Anderen wirbelte, der begann, mich zu bedrohen. Filmriss. Und jetzt bin ich hier, der Orkan fegt meine Haare durch mein Gesicht, ich stemme mich dagegen, auf der Suche nach einem Ausweg, wie kann ich dieser Katastrophe nur entkommen? Ich werde ihr wohl kaum ein Ende setzen können, oder?

Doch dann blicke ich nach unten, ein Stück nach rechts neben meinen Füßen. Das Symbol. Ich kannte es schon, seitdem ich an diesen Ort gezogen war. Ich hatte gelernt, dass dieses Symbol "Ruhe" bedeutete - ein Kreis, in der Mitte mittels einer Linie durchteilt. Mit weißer Farbe gemalt. Sollte etwa eine bösartige Magie hinter diesem Sturm stecken? Je länger ich das Symbol betrachtete, umso mehr Erinnerungsfetzen fielen an ihren Platz zurück; ich hatte das Symbol heute schon einmal betrachtet.

Was hatte ich getan? Denk nach! Hatte ich dieses Symbol mit einem Ritual aktiviert? Eine Zauberformel gesagt? Geheime Beschwörungszeremonien? War gar ich selbst verantwortlich für diesen Sturm??? Es fiel mir wie Schuppen von den Augen, für einen Moment versagte das Atmen, für diesen Moment der Einsicht, und aus tiefstem Herzen erleichtert hob ich den rechten Fuß und trat auf das Symbol. Innerhalb weniger Sekunden legte sich der Sturm, endlich konnte ich wieder richtig atmen, endlich konnte ich um mich blicken. Ich schaute nach unten.

Es hat lange gedauert, doch ich sehe es nun ein: Ich muss endlich diesen verdammten Staubsauger reparieren!

Samstag, 2. Juli 2016

Drogenmündigkeit


Seit Tausenden von Jahren konsumieren Menschen und Tiere Drogen, wobei ich den etwas sachlicheren Ausdruck "psychoaktive Substanzen" bevorzuge. "Droge" ist negativ konnotiert und versperrt dadurch oft den Blick für die Fakten. So kommt es dann zu Fragen wie: "Konsumierst Du Alkohol oder Drogen?" Nur ganz nebenbei, Alkohol ist eine Droge. Genau wie Nikotin oder Koffein. Der Colatrinker ist Drogenkonsument, ebenso wie der Kaffee- oder Schwarzteetrinker.

Genau so unsinnig ist die Unterteilung in "chemische" und "natürliche" Drogen. Alle Wirkungen, alle Bewusstseinsveränderungen resultieren aus der Anwendung einer Chemikalie. Ich denke mal, die Unterscheidung, die eigentlich gemeint ist, sollte in "natürlich vorkommend" oder "synthetisch hergestellt" resultieren. Und hier ist eine Sache wichtig: Das ist eine sachliche Beschreibung, keine Wertung. Viele Menschen pauschalisieren und erhalten ein Bild im Kopf a la "Natürliche Drogen sind gut - weil sie ja in der Natur vorkommen - und synthetische Drogen sind schlecht - weil sie ja Chemikalien sind", whatever.

In der Fortsetzungsgeschichte äußert Julian seine Angst darüber, dass er abhängig werden könnte. Dass er bereits abhängig ist, wird ihm erst später bewusst werden. Aber auch, dass es okay ist. Aus diesem Grund wird ihm Timo das Konzept der sogenannten "Drogenmündigkeit" erklären. Er ist nämlich der Auffassung, dass das Gegenstück zu Abhängigkeit nicht Abstinenz ist, sondern eben jene Drogenmündigkeit.

Er schließt sich damit der Haltung Gundula Barschs und des Schildower Kreises an. Da haben sich doch in den letzten sechzehn Jahren ein paar Wissenschaftler zusammengetan und den War on Drugs für gescheitert erklärt. Man gelangte zur Einsicht, dass die repressive Drogenpolitik nicht
nützt, sondern eher schadet. Nun, wenn man den Menschen den Konsum nicht verbieten kann, was soll man dann tun? Es gibt da etwas, das nennt sich harm reduction, Schadensminderung. Man akzeptiert einfach, dass die Menschen psychoaktive Susbtanzen konsumieren - es ist schließlich gesellschaftliche Realität - und man gibt ihnen ein paar Tipps an die Hand, damit sie mündig und bewusst ihr Konsumverhalten beobachten und beeinflussen können.

Die vier Grundsäulen des Konzeptes der Drogenmündigkeit:

1. Substanzwissen: Ich weiß, was ich da gerade schlucke, spritze, rauche, aufklebe etc. - ich kenne die Substanz beim Namen, ich kenne ihre Wirkmechanismen. Ich weiß, welche Mengen für einen leichten Rausch nötig sind und ich weiß, ab wann es zuviel ist. Ich weiß, in welcher Hinsicht mein Bewusstsein nach dem Konsum dieser Substanz beeinträchtigt ist. Ich weiß, wie lange es dauert, bis die Wirkung abflaut. Ich weiß, mit welchen Stoffen ich diese Substanz auf gar keinen Fall konsumieren darf.

2. Genussfähigkeit: Wenn ich die psychoaktive Substanz konsumiere, geschieht das nicht mal schnell nebenbei. Ich lasse dem Vorgang ein hohes Maß an Aufmerksamkeit zukommen, zum Beispiel durch Rituale, genaues Abwiegen, aufkochen etc.; wenn die Wirkung anflutet, bin ich mir dessen bewusst und genieße diesen Rausch. Ich bin komplett auf dieses Gefühl konzentriert.

3. Kritikfähigkeit: Ich stelle mich meinen Freunden, die mir meinen Konsum aufzeigen. Ich nehme ihre Hinweise ernst, wenn sie der Meinung sind, dass ich es übertreibe. Ich glaube ihnen, wenn sie den Eindruck haben, dass ich die Kontrolle über den Stoff verliere. Ich leugne diese Beobachtungen nicht. Ich nehme die Kritik ernst und versuche, konstruktiv damit umzugehen.

4. Risikomanagement: Ich habe mich vorher informiert, welche Gefahren beim Konsum bestehen. Ich habe Vorkehrungen dagegen getroffen. Wenn ein Notfall eintritt, weiß ich, wen ich um Hilfe bitten muss. Sollte ich dazu nicht mehr in der Lage sein, habe ich vorher einen Freund o.ä. informiert, der weiß, was ich mache. Ich kenne die Gefahren, ich tue es trotzdem, denn ich bin gut vorbereitet. (dazu gehören so grundlegende Sachen wie Set&Setting, Tripsitter usw.)

Okay, kann sein, dass ich hier und da die Sache nicht genau beschrieben habe, aber das Wesentliche sollte rübergekommen sein. Ich werde diesen Beitrag in die Linkliste links pinnen, weil mir das am Herzen liegt. Gerade als Lehrer beobachte ich oft Schüler, die eben noch drogennaiv sind und ich versuche, sie aufzuklären, damit sie mündig werden.

Der War on Drugs ist gescheitert. Verhelfen wir den Menschen zu einem verantwortungsbewussten Umgang mit psychoaktiven Substanzen, jenseits jeglicher Doppelmoral und zweierlei Maßes!

multo post scriptum: Hier findet sich ein Beitrag zum Thema "Psychische Abhängigkeit".

Freitag, 1. Juli 2016

Wo seid Ihr denn?


Eigentlich wollte ich diesen Beitrag "Scheiß Kackspacken im BMW" nennen, weil ich mich eben tierisch über einen solchen aufgeregt habe. Damit hätte ich ihm hier aber wesentlich mehr Aufmerksamkeit eingeräumt, als ihm zusteht. Sowas wird unter "peinlich" verbucht und Ende, und außerdem soll der Titel des Beitrags ja auch mal im Ansatz positiv klingen. Oder so. Gibt mir immerhin ein gutes Gefühl, dass in den Baustellen auf der A7 so gut wie überall geblitzt wird. Wenn sie da einen mit hundertsiebenunddreißig in einem achtzig-Bereich knipsen, freu ich mich, denn letztlich kann das ja andere Verkehrsteilnehmer ernsthaft gefährden. Überrascht es, dass es meistens Audi/BMW/Benz-Fahrer sind, die zu schnell fahren?

Meine erste Woche an der neuen Schule ist rum. Und ich fühle mich super! Kein Vergleich zu anderen Erfahrungen, die ich irgendwann mal habe machen dürfen. Das Kollegium ist nett, naja, soweit ich das bisher beurteilen kann: Ganz im Trend der Gemeinschaftsschulen haben wir kein großes Lehrerzimmer, sondern mehrere Fachstützpunkte mit fünf bis zwanzig Kollegen, das ist eine wunderbare Größe zum kollegialen Arbeiten. Und ich hab das Gefühl, dass man sich mir aktiv zuwendet - etwas, was ich eigentlich nicht so gut vertrage (hatte ich hier einmal erwähnt), aber an den Gemeinschaftsschulen wird das Miteinander nun mal groß geschrieben und da wird man auch als Neuling warm empfangen.

Die ESA und MSA-Prüfungen sind durch - dementsprechend leer ist es auf einmal in den Kursen der neunten und zehnten Klassen. Ja, da stehe ich im Unterrichtsraum vor dem nicht vorhandenen Kurs und frage etwas verzweifelt: "Wo seid ihr denn?" Kurse? Ach so, Wahlpflicht und so? Nein. In den Klassen sieben bis zehn findet bei uns sogenannte "äußere Differenzierung" statt.

An einer Gemeinschaftsschule sind Schüler unterschiedlichster Leistungen gemeinsam in den Klassen, vom zukünftigen Abiturienten bis zur integrativen Maßnahme (grausige Bezeichnung) mit Förderschwerpunkt "Lernen" ist alles dabei. Man kann nun also auf vier unterschiedlichen Niveaus innerhalb einer Klasse differenzieren. Man entwirft alle Arbeitsbögen in vier Versionen, stellt vier unterschiedliche Klassenarbeiten (heißen bei uns "Tests") und wird oftmals nicht allen Schülern gerecht. Das nennt man "innere Differenzierung"; im anderen Fall werden die Schüler anhand einer Lernstandserhebung in leistungshomogene(re) Gruppen sortiert.

Hier ist es für den einzelnen Schüler leichter, gemäß seiner Fähigkeiten zu arbeiten und der Lehrer kann gezielt auf ein Niveau eingehen. Dass diese unterschiedlichen Kurse die Bezeichnungen "schnell", "mittel" und "langsam" heißen, ist historisch gewachsen. Ich würde gern mal die Leser fragen: Sind diese Bezeichnungen demotivierend? Ich unterrichte derzeit einige langsame Gruppen.

Die Schüler haben sich zwar an die Bezeichnung gewöhnt, aber es ist trotzdem etwas demoralisierend, oder?

Dienstag, 28. Juni 2016

Farage mit Blamage

(c) Ross Hendrick, https://rosshendrick.files.wordpress.com/2016/01/farage-on-toilet-colour.jpg

Ich rege mich derzeit intensiv über Nigel Farage auf, eine der wichtigsten Figuren der Brexit-Bewegung. Alles, was ich im Folgenden schreibe, ist nur meine Meinung. Was sich wie Fakten lesen wird, sind schlecht recherchierte Mutmaßungen, weil ich einfach zu faul dazu bin, mich auch noch vernünftig informiert über ihn zu echauffieren.

Nach dem, was ich so lesen durfte, hat Nigel Farage die letzten fünfundzwanzig Jahre damit verbracht, das Vereinigte Königreich aus der EU zu treiben. Dies schien sein gesamter Lebensinhalt zu sein, seine Berufung, der er sich mit Hingabe gewidmet hat. Farage ist medienwirksam und hat nie eine Möglichkeit ungenutzt gelassen, sich der breiten Bevölkerung zu präsentieren - wie es Populisten nun mal so machen, auch Petry, Gauland und co. stellen sich vor jede Kamera, die sich ihnen bietet. Und wenn sich keine bietet, dann sorgt man eben für einen Eklat, damit kann man sich der Aufmerksamkeit des Fernsehens sicher sein. Ganz nach dem Motto: Auch negative PR ist gute PR. Lieber einmal zuviel das Wort "Schießbefehl" sagen, als von der Presse gar nicht mehr bedacht zu werden. Doch zurück zu Farage.

Man sollte ihm eigentlich Respekt zollen für die Inbrunst, mit der Farage für den Austritt gekämpft hat. Dass er dafür blatante Fehlinformationen nicht rechtzeitig aufklärt, ist ein schönes Beispiel dafür, wie man auch mit Nichtstun für seine Sache arbeiten kann.

Warum also kotzt Farage mich so an? Das ging los mit einem Twit, der in etwa exakt diesen Wortlaut hatte: "No matter the results, Nigel Farage is still a dick." - Egal, wie die Wahl ausgeht, Nigel Farage ist und bleibt ein Schwanz. Bei solch raffinierten Wortmeldungen werd ich natürlich neugierig, wer Farage ist, und habe mich dann über ihn informiert und habe leider keine Informationen gefunden, die für meine Ohren im Ansatz positiv klangen.

Die Selbstgefälligkeit, das feiste Grinsen nach dem Referendum, damit komme ich nicht klar. Immer will er ja Recht gehabt haben, er wusste es schon längst, dass die EU auseinanderfällt. Nigel Farage tut nichts, außer gegen eine Sache zu wettern. Warte mal, womit könnten wir das wohl in Deutschland vergleichen? Ach ja. Die Partei in hellblau: Laut rumpöbeln, das Establishment kritisieren, aber keine halbwegs umsetzbaren Lösungen anbieten.

Das ist nun mal das Konzept des Populismus. Das verbrigt sich nun mal hinter dem Begriff Demagogie. Ein Demagoge ist jemand, der (Kollege Leinhos möge mich korrigieren!) das Volk führt, so ganz wörtlich übersetzt. Das ist jemand, der zum Beispiel Sprache so nutzen kann und eine dergestaltige Ausstrahlung hat, dass sein Publikum ihm ohne zu hinterfragen an den Lippen hängt. Er kann diese Macht nutzen, um das Volk wütend zu stimmen, um Proteste in Gang zu bringen, um Demonstrationen auszulösen.

Eigentlich müsste Demagogie auch im positiven Sinne möglich sein. Aber da man ja lieber mit Anderen gemeinsam über Dinge schimpft, passt Populismus viel besser zur Hetze.

Und dann tritt Farage, der Mann der tausend Grimassen, vor das EU-Parlament und spricht. Er macht sich über die Anwesenden ohne Blatt vor dem Mund lustig. Dafür wird er erwartungsgemäß ausgebuht und aalt sich in diesen Reaktionen - denn er weiß, dass die Kameras laufen und dass "seine Meute" ihn zuhaus umso mehr feiern wird. Kennen wir auch von uns: Je mehr Petry und Konsorten sich in der Opferrolle suhlen können, umso beliebter sind sie bei besorgten Bürgern ohne gesunden Menschenverstand.

Farage lacht die Parlamentarier aus, dass sie ja eigentlich noch nie richtige Arbeit geleistet hätten. Mal ganz davon abgesehen, dass die Aussage "Das EU-Parlament tut nichts" doch recht intensiv mit der Brexit-Parole "Die EU kontrolliert uns zu sehr" kontrastiert, springt zum Glück Präsident Martin Schulz (in etwa) folgendermaßen ein: Wir sehen hier die Ausdrücke und Ansichten, wie wir sie von der Ukip gewohnt sind. Herr Farage, jeder hier anwesende Parlamentarier leistet wichtige Arbeit - vielleicht sollten sei beim Thema Nichtstun nicht von sich auf Andere schließen.

Auch daran geilt Farage sich noch weiter auf. Soll er ruhig, letztlich wird es eine Art Schwanengesang sein. Ich komme nochmals zurück zum zweiten Paragraphen: Der UK-Austritt aus der EU war Farages gesamter Lebensinhalt. Dieses Ziel ist erreicht. Farage soll jetzt noch die Aufmerksamkeit genießen, denn er wird sehr bald von der Bildfläche verschwunden sein, ohne Berufung, wie er es dem Parlament vorwirft. Nigel Farage hat sich abgeschafft.

Montag, 27. Juni 2016

"Sind sie ein Lehrer?"


Und manchmal möchte ich einfach nur antworten: "Deidäh, ich bin eine Tootsie!" (Caro teigt gerade) (und jetzt verschluckt sie sich beim teigigen Lachen) ... (BHAIN!) Aber ich habe dieser kleinen nuklearen Katastrophe nur bestätigt, dass ich der Neue bin.

Anders, als es der Titel vermuten lässt, geht es mir heute aber gar nicht darum, dass ich nicht wie ein Standardlehrer aussehe. Sondern darum, dass ich Angst habe vor Menschen, die ich nicht kenne, und manchmal auch ganz generell. Ich habe Angst, von unbekannten Menschen angesprochen zu werden. Deswegen laufe ich oft mit gesenktem Blick an unbekannten Orten herum oder aber mit Tunnelblick, damit ich um mich herum niemanden wahrnehme. Warum Angst? Weil ich befürchte, dass ich bei der folgenden Performance a.k.a. Konversation versagen könnte. Irgendwas falsch machen.

Meine letzte Erfahrung in Eckernförde hat diese Angst nur wieder bestätigt und mich weiter traumatisiert. Das führt dazu, dass ich irgendwann mit niemandem mehr reden möchte, denn alles, was ich sage, kann und wird missverstanden und dann vor Gericht gegen mich verwendet werden.

Das wird jetzt aber wieder anders. Meine Erfahrung ist, dass Gemeinschaftsschüler forscher und offener sind. Sie fragen ganz direkt, oft ohne Hemmungen. Und das ist auch gut so, denn das wird mir gut tun. Nachdem ich mich während meiner Arbeitslosigkeit zusätzlich von Menschen abgekoppelt habe, wird diese "gezwungene" Rückkehr in die Gesellschaft anfangs wahrscheinlich unangenehm, aber letztlich sehr heilsam für mich sein, damit ich mein Konversationstrauma loswerden kann.

Also, Ihr kleinen Monster, sprecht mich an, fragt mich, was Ihr wollt! Und wenn ich vor Panik in Tränen ausbreche, dann lacht über mich - damit ich merke, dass ich gerade im Modus der Drama Queen bin und dass es eigentlich gar keinen Grund gibt, hier rumzuflennen!

Sonntag, 26. Juni 2016

Ich bin so geil!


Dieser wunderbar bescheidene Threadtitel leitet ein zu einer Beobachtung, die ich schon mehrfach machen konnte und die nun mit einem weiteren Beispiel anschaulich unterlegt wird. Es ist nämlich so, dass ich eine Selbstwahrnehmung habe, die sich mitunter drastisch von der Fremdwahrnehmung unterscheidet. Jemand meinte unlängst zu mir: "Ich frage mich, warum du in deinem Blog immer wieder dich selbst positiv darstellen musst, indem du andere Menschen runterputzt. Ich finde das, ehrlich gesagt, ziemlich feige."

Mein erster Gedanke war natürlich wieder: Aber so etwas tue ich doch nicht, würde überhaupt nicht auf die Idee kommen. Warum sollte ich mich selbst positiver darstellen, als ich bin? Dann habe ich in Ruhe nachgedacht. Tatsache ist, dass ich in meinen Blogbeiträgen manchmal versuche, anschaulich darzulegen, wie ich mich von anderen Menschen unterscheide.

Ich habe das zum Beispiel gemacht in dem mittlerweile indizierten Artikel über Gemeinschaftsschullehrer gegenüber Gymnasiallehrern. Ich habe der Arbeit eines Gemeinschaftsschullehrers unterstellt, dass sie pädagogischer sei als die eines Gymnasiallehrers. Ich hab das (meiner Wahrnehmung nach) nicht mit irgendwelchen Wertungen versehen, sondern aus eigenen Beobachtungen und Erlebnissen abgeleitet. Ich bin der Überzeugung, dass die Gemeinschaftsschule eine andere Art der Arbeit erfordert als das Gymnasium.

Das sollte nicht heißen, dass ich die Arbeit einer Schulform mehr wertschätzen würde als die der Anderen. Es war lediglich die Feststellung eines Unterschieds. Mir ist sehr wohl bewusst, dass viele Leser gleich in die Verteidigungshaltung gehen. Und dann kommen eben solche Reaktionen wie:

"Ich find das nicht in Ordnung, dass du alle Gymnasiallehrer da über einen Kamm scherst und behauptest, dass sie weniger Arbeit hätten." - "Wie kannst du zu so einem Urteil kommen, du kennst uns doch gar nicht." - "Naja, da hast Du die Gemeinschaftsschularbeit aber auch erheblich simplifiziert."

Ich bin eigentlich immer der Auffassung gewesen: Das, was Leser in meine Texte hineindeuten, ist deren Problem. Wenn sie sich dadurch angegriffen fühlen, ist das deren Problem - sofern kein expliziter Angriff beschrieben wird. Und die Leser, die sich angegriffen fühlen, sollten vielleicht mal überlegen: Entweder schreibt Dr Hilarius da völligen Unsinn, dann kanns mir auch egal sein, jeder kann sich ja selbst davon überzeugen, dass die Dinge nicht so sind, wie er schreibt. Oder aber es ist ein Körnchen Wahrheit in dem, was er schreibt, und dass ich mich auf den Schlips getreten fühle, liegt daran, weil ich mich selbst gerade ertappt habe.

Oder aber, man sagt einen der oberen Sätze und bringt als weiteres Beispiel zur Untermauerung an: "Nimm doch mal deinen Beitrag über die Schülerrückmeldungen. Du hast die ganze Zeit geschrieben, wie toll du bist." - "Ja, aber ich habe auch erwähnt, dass ich mir die Kritik zu Herzen nehme." - "Ja, aber da hast du nichts weiter aufgeführt. Siehst du?" Dass ich dann erwähne, dass ich die Kritik nicht ausformuliert habe, weil ich von den jeweiligen Schülern nicht die Erlaubnis hatte, das im Blog zu veröffentlichen, würde da vollkommen untergehen.

Weil es Menschen oft passiert, dass sie beginnen, in Schubladen zu denken. Sie sortieren jemanden schnell dort ein und jeglicher weitere Kontakt mit der Person wird durch die Maske der Schublade betrachtet. Da kann man sich noch so oft einreden "Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung ändern kann" - das Bild im Kopf bleibt allzu oft unumstößlich. Wie schrieb Eugen Roth im Gedicht über die Tasche?

"Der Mensch hat meist den übermächtigen
Naturdrang, andere zu verdächtigen.
Die Aktentasche ist verlegt.
Er sucht sie, kopflos und erregt
und schwört bereits, sie sei gestohlen
und will die Polizei schon holen
und weiß von nun an überhaupt,
dass alle Welt nur stiehlt und raubt.
Und sicher ists der Herr gewesen,
der, während scheinbar er gelesen -
er ahnt genau, wie es geschah.
Die Tasche, ach, da ist sie ja!
Und all der Aufwand war entbehrlich,
und alle Welt wird wieder ehrlich.
Doch den vermeintlich frechen Dieb
gewinnt der Mensch nie mehr ganz lieb.
Weil der die Mappe, angenommen,
sie wäre wirklich weggekommen - 
und darauf wagt er jede Wette - 
gestohlen würde haben hätte."

Das ist nur allzu menschlich, dass man Menschen nicht "neu beurteilen" kann. Und wie schrieb Terenz, hätte er damals auf deutsch geschrieben? "Ich bin ein Mensch. Mir ist, so glaube ich, nichts Menschliches fremd." Und da dieser Satz sich in meinem Lebensskript (TA ftw!) wiederfindet, möchte ich damit ausdrücken, dass auch ich in Schubladen denke. Das heißt, ich möchte mit diesem Beitrag eben *nicht* ausdrücken, dass ich so geil bin. Und *nicht*, das mir so etwas nie passiert. Ganz im Gegenteil.

Und wenn es mir nicht vollkommen egal wäre, was andere Menschen von mir denken, würde mich immer noch der Gedanke plagen, dass man mir in dieser oder jener Situation im Leben keine Chance zur Bewährung gegeben hat.

Like I care!

post scriptum: Wenn du dich mit diesem Artikel tatsächlich persönlich angegriffen fühlst, ja, dann ist das dein Problem. Sei dir bewusst: Ich habe dich hiermit nicht angreifen wollen.

Samstag, 25. Juni 2016

Identität - Die Geschichte von Timo und Julian (part 6)




Disclaimer: Diese Geschichte ist Fiktion. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen und Ereignissen sind rein zufällig und nicht vom Autor beabsichtigt. Das wäre ja sonst ein roman à clef, und zu solchen literarischen Kunststückchen ist der Autor sicher nicht fähig.

Dieser Abschnitt der Geschichte enthält explizite Darstellungen von Drogenkonsum sowie seinen Auswirkungen und/oder Szenen körperlicher Nähe. Wer an solchen Bildern Anstoß nimmt, möge dieses Kapitel bitte überspringen. Darüber hinaus möchte der Autor immer zu einem verantwortungsbewussten Konsum psychoaktiver Substanzen mahnen: Das ist der sicherste Weg zur Drogenmündigkeit, dem Gegenstück zur Abhängigkeit.

Identität – die Geschichte von Timo und Julian


part 6

Nur ein paar Sekunden und meine Aufregung war verschwunden. Ein paar Sekunden Julian in die Augen schauen, wobei ich den Blick wieder nicht schnell genug lösen konnte, und ich fühlte mich am richtigen Ort.
Ich parkte den Wagen am Straßenrand und wir gaben uns die Hand – wir beide bekamen das Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht, wenngleich es bei ihm etwas gequält wirkte; seine Augen waren leicht gerötet und glasig, er wirkte übernächtigt. Aber das war ja alles angekündigt. Trotzdem hatte ich ein kleines bisschen Angst, dass er der Sache nicht genug Aufmerksamkeit schenken würde – oder mir.
„Hey Ju, wow, du siehst fertig aus!“
„Na danke für die Begrüßung – aber hast ja Recht, war auf ner Party gestern, hatte ich erzählt, oder?“
„Jep, hast schon angekündigt, dass du leicht verkatert sein könntest. Und so wirklich happy siehst du auch nicht aus – möchtest du reden?“
„Ehrlich gesagt, im Moment nicht. Ich muss auch zugeben, ich bin dazu ein bisschen zu aufgeregt, was du jetzt mit mir machst.“
„Das klingt, als ob ich dich vergewaltigen will, keine Sorge, das wird echt nett werden!“
Mit diesen Worten öffnete ich den Kofferraum und wollte die Kiste mit den Teesachen herausholen, aber Ju kam mir zuvor.
„Lass mal, ich trag die Sachen rein.“
So näherten wir uns der Haustür seiner Wohnung. Vom Garten, den wir dabei durchquerten, und von seiner Großmutter, die uns freundlich begrüßte, bekam ich dabei nicht allzu viel mit. Mein Blick war auf seinen breiten Rücken fixiert, der durch das etwas zu enge Shirt noch betont wurde. Contenance, Timo! Lass es! Denk an seine Haare. Oder Maggie Thatcher, das schreckt beides ab.
„Lass uns erstmal nach rechts gehen, da ist die Küche. Sorry, es sieht hier etwas chaotisch aus, aber Dennis hat hier wieder gefeiert. Mein Mitbewohner“, setzte er hinzu, als ich nicht sofort antwortete.
„Ach ja, der ist auch schwul, oder?“
„Ja. Ist mein bester Freund seit… jedenfalls seit sehr lange, deswegen haben wir jetzt auch eine WG gegründet.“
„Cool, das freut mich, ist er denn da?“
„Nein, der ist auf der Arbeit. KFZ-Mechatroniker, obwohl er schon seit längerem überlegt, ob er nicht an die FH gehen möchte zum Studieren.“
„Was hält ihn davon ab?“
„Dass er eine faule Socke ist, er kann sich einfach nicht dazu aufraffen, das würde von ihm auch mal etwas Disziplin verlangen und da ist er nicht so groß drin.“
Julian stellte die Kiste auf dem Küchentisch ab. Eine grauenhafte Wachstischdecke. Nahrungsergänzungsmittel, Proteinshakes. Küchenkräuter in bunter Vielfalt. Das sah aus wie eine ganz normale Studenten-WG.
„Was hast du denn jetzt eigentlich alles mitgebracht?“
„Naja, pack doch einfach mal aus, dann siehst du alles.“
Zielstrebig griff er nach dem Teebeutel. „Also das ist dann vermutlich der Stoff zum Entspannen? Was stand da auf dem Aufkleber drauf?“
„Ja, das sind unsere Teeblätter. Da stand der Name der Pflanze drauf – ich möchte aber erst mit dir über die Gefahren sprechen, die das Ganze mit sich bringt. Und wenn ich das Gefühl habe, dass du verantwortungsbewusst damit umgehen kannst, dann sag ich dir den Namen. Denn, dieser Tee ist in Deutschland frei verkäuflich und bisher nicht vom Betäubungsmittelgesetz erfasst; die Schranken zur Abhängigkeit sind damit geöffnet, wenn man selbst nicht stark genug ist, auch mal Nein zu sagen. Ach, eigentlich können wir jetzt auch die Vorbesprechung machen, wir sind ungestört, oder?“
„Ja, meine Oma hat vorhin nur Wäsche aufgehängt, sie wohnt nebenan und wird davon nichts mitbekommen.“
„Alles klar. Mit welchen Drogen hast du denn bisher Erfahrungen gemacht?“
„Naja, Alkohol, aber das hast du dir ja sicherlich gedacht, und auch mal kiffen, aber das fand ich nicht so aufregend, vielleicht lag das auch daran, dass ich damals bereits betrunken war.“
„Alles klar“, antwortete ich, obwohl eigentlich nichts klar war. Aber ich wollte die Stimmung nicht kaputt machen. „Also, was wir heute zu uns nehmen, ist ein Opioid. Werden in der Medizin als Schmerzmittel benutzt, dazu gehört zum Beispiel auch Heroin, und davon hast du ja sicherlich schon gehört.“
„Oh, alles klar… nur bei Heroin denk ich mir immer… ja weiß nicht, ich hab Angst davor, dass…“ druckste Ju herum, und ich konnte ihn nicht dazu bringen, mit der Sprache herauszurücken.
„Lass uns nachher drüber reden, dann wird’s einfacher, den Mund aufzubekommen. Opioide fühlen sich wunderbar an. Du fühlst Dich warm, entspannt, wie in Watte eingepackt und extrem wohl.“
„Das klingt auf jeden Fall schon mal super.“
„Klar, Gefahren gibt es auch: Eine deutliche Überdosis – abhängig von der jeweiligen Substanz – kann zu Atemlähmung und damit zum Tod führen.“
„Okay…“ murmelte Julian nachdenklich, während er den Teebeutel in seinen Händen drehte. Ich konnte seine Anspannung erkennen, mann Timo, bring ihn jetzt nicht zu irgendwas, was er nicht will, oder wovor er Angst hat. Set und Setting. Wäre Mist, wenn sein erstes Mal Opioidkonsum unangenehm für ihn wird. Also hol ihn da runter!
„Aber darum musst du dir bei uns keine Sorgen machen, der Tee enthält ein leichtes Opioid, und die Menge, die wir benutzen, ist auf jeden Fall safe.“
„Gut zu wissen, für nen Moment hatte ich grad etwas Schiss…“
„Ich lass dich hier nicht in irgendwelche Fallen reinlaufen, keine Sorge. Ich pass auf.“
„Deswegen vertrau ich dir da ja auch, du wirkst immer so, als ob du den richtigen Plan im Kopf hast. Ich glaub nicht, dass du mich hier ins Verderben schickst.“
„Ganz bestimmt nicht, hey, wir wollen doch nur etwas Spaß haben“, wobei ich ihm zuzwinkerte und damit ein Lächeln auf sein Gesicht zauberte; die Anspannung schien ihn wieder zu verlassen. Er schaute wieder in die Kiste.
„Soso, und für den Spaß hast du Skittles mitgebracht?“
„Okay, ich sollte dich vorwarnen, dass der Tee extrem bitter schmeckt, ist ne echte Herausforderung. Um den Geschmack im Mund danach loszuwerden, gibt’s erstmal Skittles und dann ein Xylit-Kaugummi.“
„Aha, und deswegen hast du auch den Zucker mitgebracht? Hätte ich doch auch hier gehabt“, wobei er mich anstrahlte.
„Ju, ich geh gern auf Nummer sicher. Auch, was die Mengen angeht“, fügte ich hinzu und stellte die Küchenwaage auf den Tisch. Dabei stieß ich gegen die Zuckerdose – „Huchherrje!“ doch der Deckel blieb zum Glück verschlossen und eine kleine Katastrophe blieb uns erspart.
„Wie süß, huchherrje!“ Ju gab dem Ganzen noch einen etwas tuckigen Touch.
„Ja? Wieso, sagst du etwa nicht huchherrje?“
„Hmmm… ich sag meistens hoppala.“
„Erinnert mich an meinen Biolehrer früher – nachdem er einem Schüler die Tür vor den Kopf geschlagen hatte, meinte er einfach nur oh hoppsala und kümmerte sich nicht weiter drum. Das waren noch Zeiten…“
Ich wog die nötige Menge Tee ab und schüttete die geschredderten Blätter in den Kochtopf. Julian schaute interessiert bei jedem Handgriff zu. Er stand hinter mir und schaute mir über die Schulter und ich merkte, wie sehr ich die Aufmerksamkeit genoss, die er mir entgegenbrachte. Ich fügte Wasser hinzu und rührte das Ganze gut um.
„Eigentlich ist das ja, als würden wir ganz normalen Tee kochen“, meinte Ju.
„Ja, ist tatsächlich so, nur dass dieser Tee etwas entspannender ist als vielleicht andere.“
„Und das gibt auch keine Probleme mit meinem Kater, oder?“
„Keine Sorge, ganz im Gegenteil, das wird dir sehr gut tun. Wetter ist auch perfekt, und wenn wir im Park tatsächlich ungestört sind, dann wird das grandios.“
Es dauerte eine Weile, den Tee zu kochen, er musste eine ganze Weile ziehen. In der Zwischenzeit holte ich meine Digitalkamera aus der Tasche und machte ein paar Fotos von uns. Auf einem sah Ju aus wie ein Zombie, das konnte ich ihm natürlich nicht vorenthalten. Er beschloss, es mit Humor zu nehmen:
„Immerhin, wenn wir nachher bei Cory sind und ich so fertig aussehe, kann ich das alles auf den Kater schieben, dann bekommt sie nichts mit.“
Wir unterhielten uns über recht belanglose Kleinigkeiten. Julian erzählte viel von sich und ich hörte aufmerksam zu. Er wurde langsam etwas lockerer und rückte dann auch mit der Sprache raus, was seine momentane Stimmung betraf: Seine Freundin hatte vor einigen Tagen mit ihm Schluss gemacht. Deswegen war er bei Reg auch so abwesend und hatte die meiste Zeit auf sein Handy gestarrt – er hatte gehofft, dass sie sich meldet und endlich einmal erklärt, was Sache war. Ich tröstete ihn. Ich kann nicht leugnen, dass ich mich über diese Situation freute. Nun war ich da, um ihn ein bisschen abzulenken, das war doch perfekt!
Nach etwa einer halben Stunde goss ich den Tee durch ein Sieb ab, um die Blätter loszuwerden. Im Messbecher blieb nun eine klare Flüssigkeit, sah genauso aus wie Pfefferminztee. Nur dass sie intensiver nach Henna roch. Ju verfolgte wieder jeden meiner Handgriffe.
„Ich bin grad echt gespannt, wie das wohl wird“, wobei er mich angrinste und wirkte wie ein kleines Kind, das Geschenke auspackte. Ich gab die nötige Menge Zucker in den Messbecher, schmeckte den Tee ab – okay, widerlich, so sollte es sein. Eine echte Herausforderung, wenn man diesen Geschmack nicht gewohnt war. Ich nahm mir vor, Julian vorsichtig darauf vorzubereiten.
„Okay, Hälfte für dich, die andere für mich. Trink erstmal einen ganz kleinen Schluck, damit du weißt, was da geschmackstechnisch auf dich zukommt. Ist extrem süß, bitterer Nachgeschmack. Und es kann sein, dass Deine Zunge davon taub wird. Keine Sorge, alles normal. Und dann runter damit und Skittles hinterher futtern.“
Jeder nahm sein Glas in die Hand. Wir stießen auf uns an und schauten uns dabei wieder tief in die Augen. Er könnte die Vorfreude nicht mehr verbergen, so verkatert er auch war, so blutunterlaufen seine Augen schienen – das Glitzern war unübersehbar. Ich schloss meine Augen und setzte das Glas an. Zug um Zug trank ich es aus, fuck, ich hab viel zu viel Zucker genommen… ich spürte, wie meine Zunge langsam taub wurde und trank das Glas in wenigen Zügen aus. Julian tat es mir gleich und schüttelte sich danach angewidert. Ich nahm ein paar Bonbons und reichte ihm dann die Schachtel. Innerhalb kurzer Momente waren die letzten geschmacklichen Reste des Tees im Mund Geschichte. Wir drückten uns noch die Kaugummis rein. Ich strahlte ihn an.
„Dann lass uns mal losgehen, damit wir im Park sind, bevor es losgeht.“
„Klar, puh, ich bin gespannt. Ich finds auch toll, dass du mich so gut darauf vorbereitet hast. Sonst hätte ich vielleicht abgelehnt. Aber ich vertrau dir da voll und ganz.“
Der Gemeindepark war nur ein paar Minuten Fußmarsch entfernt. Ju hatte nicht zu viel versprochen, es war hier idyllisch und fast menschenleer, damit hatte ich nicht gerechnet. Wir bummelten in eine der abgelegenen Ecken und setzten uns auf die Wiese.
„Woran merke ich denn eigentlich, wann die Wirkung losgeht?“
„Warts einfach mal ab. Du wirst das schon deutlich merken, vielleicht daran, dass du dich lieber hinlegen möchtest, um das richtig zu genießen. Wenn deine Arme schwer werden. Wenn es anfängt, in deinem Kopf zu kribbeln. Wenn du dich kratzen möchtest. Wenn du einfach nur noch grinsen möchtest.“
„Alles klar, das werd ich definitiv merken, denn eigentlich ist mir eher weniger nach Grinsen zumute.“
„Kann ich vollkommen verstehen, aber ganz ehrlich, eben in der Küche hast du gestrahlt wie ein Honigkuchenpferd.“
„Naja, weil ich einfach ganz glücklich bin, dass das so geklappt hat. Ich hätte nie gedacht, dass wir hier einmal zusammen im Park sitzen würden und uns abdichten.“
„Wieso denn nicht? Das ging doch eigentlich ziemlich schnell, oder?“
„Naja, ich hab nicht gedacht, dass ich dich mal näher kennenlernen würde.“
„Versteh ich nicht, erklär…“
„Warte mal, Timo. Kann das sein, dass es in den Schläfen anfängt zu kribbeln?“
„Jep, das ist ganz normal. Merkst du etwas in den Armen?“
„Noch nicht, aber ich denke mal, ich werd mich jetzt trotzdem hinlegen.“
Ich tat es ihm gleich, und so lagen wir beide im Schatten einer großen Eiche völlig ungestört im Park, genossen die Sonnenstrahlen, die durch das Blätterdach auf uns fielen. Und legten fast unbewusst den Grundstein für eine sehr spezielle Freundschaft.
„Wow, Timo, das fühlt sich grad an, als ob meine Arme auf den Boden gedrückt werden…“
„Ja, das glaub ich dir. Aber du fühlst dich wohl, oder?“
„Mhhh, und wie, aber das Reden wird gerade anstrengend…“
„Dann sei still, mach die Augen zu, genieß es einfach. Hör darauf, was in deinem Kopf gerade vor sich geht. Lass das alles einfach geschehen, Ju. Ich pass auf, dass nichts passiert.“

Und es drückt mich richtig in die Wiese rein, es ist, als ob ein warmer Schauer durch meinen Körper rast… es fühlt sich alles weich an, als ob die Wiese flauschig ist… und ich möchte gerade gar nicht, dass das aufhört… und Timo…

fortsetzung folgt...