Dienstag, 20. Juni 2017

Integrative/Inklusive Maßnahme

Grundidee: nachvollziehbar; Umsetzung: ungenügend

Drei meiner Lerngruppen schreiben morgen ihren letzten Test/Klassenarbeit. Das bedeutet, dass ich sieben verschiedene Testversionen entwerfen musste. Das ist für mich nicht mehr ungewöhnlich; seit knapp vier Jahren unterrichte ich in integrativen Schulformen. Ich unterrichte I-Kinder. Das I steht für integrative Maßnahme, eine wundervoll zynische Bezeichnung für die kleinen Steppkes.

I-Kinder haben einen in der Regel bereits festgestellten sonderpädagogischen Förderbedarf; in einigen Fällen muss dieser erst noch gewährt werden - gerade wenn man in Grundschulen und Orientierungsstufen unterrichtet. Es gibt verschiedene Förderbedarfe, die je nach Schulkonzept als Teil inklusiver Unterrichtsformen anerkannt werden. So gibt es Schulen, die nur Schüler mit einer festgestellten Lernschwäche (Förderbedarf L) als I-Schüler bezeichnen - Schüler wie Kläuschen.

Es gibt allerdings noch weitere Formen des Förderbedarfs: E/S (emotionale/soziale Entwicklung), körperliche Entwicklung (Behinderungen), geistige Entwicklung (Behinderungen), autistisches Verhalten - das sind zumindest die Formen, mit denen ich bisher zu tun hatte.

Diese Darstellung gefällt mir - man beachte, wie bei ordentlicher Inklusion der Rahmen angepasst wird!

Wara Wende, Britta Ernst und was uns noch so erwartet - sie alle setzen auf das Konzept der Inklusion: Weg mit den Förderzentren/Sonderschulen, die die Kinder aus unserer Gesellschaft ausgrenzen, hin zu speziellen I-Klassen, in denen die Kinder mit "normalen" Schülern zusammen den Schulalltag erleben dürfen. Das klingt ja eigentlich ganz nett, aber ich störe mich an einigen Punkten:

1) Die Abschaffung der Sonderschulen und Reduktion der Flexklassen wird ausgeglichen durch individuelle Förderung der Schüler durch eine sonderpädagogisch ausgebildete Förderlehrkraft. Klingt nett - aber de facto bekommt ein Kind pro Woche 1,5 Stunden Förderung. Das ist so verschwindend gering, dass die meisten Förderlehrkräfte all ihre Stunden in einer I-Klasse (meistens zwischen vier und sechs Schülern, also bis neun Unterrichtsstunden) zusammenlegen und mit den I-Gruppen verbringen, die dann oft wieder einen eigenen Raum zum Arbeiten suchen. Großartig. Da hätte man sie gleich in den Sonderschulen belassen können, in denen sie den ganzen Schultag über angemessen betreut wurden.

2) Von normal ausgebildeten Lehrkräften wird erwartet, dass sie wissen, wie sie mit diesen speziellen Bedarfen umzugehen haben. Nichts gegen unsere Kompetenzen, aber ich fühle mich unzulänglich qualifiziert.

3) Dass der Klassenteiler an einer GemS von 26 in einer normalen Klasse auf 20 in einer I-Klasse reduziert wurde, ist genau wie das gesamte Inklusionskonzept eher geeignet, damit das Bildungsministerium sich einer Sache brüsten kann. Dass es teilweise katastrophal läuft, das könnte Britta Ernst nur herausgefunden haben, indem sie mal nicht in Vorzeigeklassen gegangen wäre, sondern in wirkliche Problemgruppen. Ist sie aber nicht, denn was sie dort erlebt hätte, passt nicht in ihr Narrativ von der erfolgreichen Inklusion.

Was bedeutet das Unterrichten in heterogenen Lerngruppen für mich als Lehrkraft? In jeder I-Klasse muss ich sowohl eine normale als auch eine differenzierte Version jeder Klassenarbeit erstellen, die genau dem jeweiligen Förderbedarf angepasst sein sollte. Super, wenn die Förderlehrkraft das übernehmen kann. Gut, wenn die Schulbuchverlage adäquate Diff-Aufgaben bereit stellen. Man sollte sich aber dennoch auf einen höheren Arbeitsaufwand in einer I-Klasse einstellen.

Und um das nicht außen vor zu lassen, denn bisher haben sich erst vier der Testversionen für morgen erklärt (zwei I-Gruppen): Selbst wenn in einem Jahrgang äußere Differenzierung herrscht [zum Beispiel in schnelle, mittlere und langsame Kurse (oh toll, jetzt fühlt sich keiner mehr ausgegrenzt, nur noch dumm)], so muss ich trotzdem in meinem mittleren Kurs auf drei Niveaus differenzierte Tests entwerfen. Ich bin der Meinung, dass Schulen da noch Entwicklungspotential haben - zum Beispiel durch erhöhte Kursdurchlässigkeit statt innerer Differenzierung (zusätzlich zur äußeren).

Fazit:

Die Idee der Inklusion klingt gut. Oder zumindest nachvollziehbar. Aber so schlampig, wie sie in Schleswig-Holstein unter Wende und Ernst (nomen est omen) umgesetzt worden ist, tun mir die Kinder mit Förderbedarf ehrlich leid.


Montag, 19. Juni 2017

Jamaika

Heiner Garg (FDP), Monika Heinold (B90/Grüne), Daniel Günther (CDU)

Ich bin völlig unqualifiziert, was politische Kommentare angeht - sollte mich aber nicht daran hindern, meine Meinung zu äußern. Seit der Mitte meines Studiums interessiere ich mich zumindest ein wenig dafür, was Politik kann - und was sie macht. Und ich räume ein bisschen mit falschen Ansichten in meinem Kopf auf.

So habe ich mich immer vehement gegen die CDU gestellt. Verknöcherte, erzkonservative Ansichten, damit konnte ich nie viel anfangen. Und was Merkel mit ihrem Bauchgefühl begründet, dass nämlich die Ehe für homosexuelle Paare nicht geöffnet werden soll und dass darüber hinaus es weiterhin kein gemeinsames Adoptionsrecht geben soll, diese Punkte haben in meinen Augen die CDU zu einer Partei werden lassen, die mich persönlich diskriminiert - unabhängig davon, ob ich würde heiraten und Kinder adoptieren wollen.

Ich habe damals im Haushaltsausschuss der Kieler Studierendenschaft mit einem Mitglied der JU (Junge Union) zusammen gearbeitet und habe versucht, ihm zu erklären, warum ich nie die JU an der Uni gewählt haben würde; daraufhin hat er mir zu erklären versucht, dass es Unterschiede zwischen Landes- und Bundespolitik einer Partei geben kann. Dass es außerdem teils große Generationsunterschiede in Ansichten innerhalb einer Partei geben kann. Ich habe das zur Kenntnis genommen, aber nie wirklich geglaubt. Bis zur Landtagswahl SH 2017.

Denn dort hat Daniel Günther, Spitzenkandidat der Landes-CDU und voraussichtlicher neuer Ministerpräsident des Landes, in intensivem Wahlkampf klargemacht, dass seine Partei sich für die homosexuelle Ehe inklusive vollem Adoptionsrecht für Paare einsetzt. Mir ist das bewusst geworden, als ich nach Argumenten gesucht habe, warum ich niemals die CDU wählen könnte - habe dann in deren Wahlprogramm geschaut, und wenngleich ich in manchen Punkten immer noch andere Positionen beziehe, so hat sich dieses Argument verflüchtigt. Ich finde es toll, dass Günther Rückgrat zeigt und diese Ansichten auch auf Bundesebene einbringen will.

Der Koalitionsvertrag wird bald beschlossene Sache sein, und Ehe/Adoption sind dort fest verankert. Das finde ich klasse. Dass ich dennoch grün gewählt habe, liegt einfach daran, dass für die Grünen die homosexuelle Gleichberechtigung nie in Frage gestellt wurde - und darüber hinaus setzt sie sich für die Legalisierung von Cannabis ein, ein Modellversuch, den ich sehr begrüßen würde.

Wer sich für mich derzeit vollkommen disqualifiziert hat, ist die SPD - ich bin einfach von diesem Bildungssystem herb enttäuscht worden und verbinde das nun mal untrennbar mit Albig, dessen Arroganz über die letzten zwei Jahre verteilt mich angewidert hat. Dass ich ab August arbeitslos bin, kann ich dagegen keiner Partei anlasten.

Ja, ich habe tatsächlich überlegt, ob ich nicht dieses Mal schwarz wähle. Insofern muss ich zugeben, dass ich mit der Aussicht auf eine Jamaika-Koalition im Land große Erwartungen an die nächsten fünf Jahre stelle. Wollen wir hoffen, dass sich das Bündnis nicht allzu schnell entzweit.

post scriptum: Kommentare ausdrücklich erwünscht! Wie sind Eure Prognosen für die nächsten Jahre? Wird es vielleicht zu gar keinen Veränderungen kommen? Wird das Bündnis vielleicht nicht einmal die gesamte Legislatur überstehen?

Samstag, 17. Juni 2017

Keine Zeit

Das hängt jetzt mittig in meiner Wohnung.

Ich schreibe diesen Beitrag als kleines Zeugnis einer Erkenntnis, die mich heute erreicht hat. Ich wette, ich hatte diese Erkenntnis schon öfters - und es wird mir immer wieder auffallen. Wenn ich gerade mal nicht HB-stylisch absorbiert bin in irgendwelchen Aktivitäten (Trackmania-Strecken kennenlernen, Lara Croft durch Unterwasserruinen scheuchen, X-Files mittlerweile in der achten Staffel genießen, sollte ich nicht eher korrigieren?), blicke ich um mich herum und entdecke das Chaos. Müll. Geschirr. Staub. Wäsche. Alles liegt überall. Und ich frage mich immer wieder: Wie konnte es so weit kommen?

Und ich schiebe es mal wieder auf die hochbegabte Sichtweise der Dinge: Ich überlege mir gut, was ich mit meiner Zeit - Denkzeit - anfangen möchte. Und plane schon immer drei Schritte voraus, das ist nichts Neues. Dann horchen wir doch mal in die Gedanken hinein:

"Du müsstest den Teller und das Besteck vom Couchtisch noch in die Spülmaschine räumen. Ja, aber warte mal, das dauert, das mache ich später. Jetzt muss ich erstmal diese Rennstrecke zu Ende fahren."

"Das Bad wollte ich schon längst gewischt haben, aber das dauert so lange, das mache ich nicht jetzt, sondern später, denn jetzt passt es gerade nicht hinein."

"Ach ja, die Wäsche müsste ich noch abnehmen, die ist trocken, aber das dauert eine Viertelstunde und ich möchte mich nicht aus meinem Flow bringen lassen."

"Ja, erstmal den Blogeintrag. Dann noch schnell mit Lara, nur eben da den Schlüssel holen, das geht ganz schnell, danach dann."

Der aufmerksame Leser bemerkt: Es ist nicht Faulheit, es passt nur gerade einfach nicht mit dem Abwasch, Durchwischen, Wäscheabnehmen und Konsorten. Ich finde immer eine Erklärung, warum ich jetzt gerade keine Zeit habe, die Arbeit zu machen.

Soll also heißen, dass meine hochbegabte Wohnung verdreckt, nicht aus Faulheit, sondern aus "viel zu viel nachdenken über die Arbeiten, anstatt die Arbeiten einfach zu machen". Unglaublich! Immer dieses nervige Nachdenken!

Und deswegen das neue Schild.

Freitag, 16. Juni 2017

Grillsex

Echt! Wenn man nach links aufklappt, bekommt man "Männerrezepte", "Frauenrezepte" sind rechts.

Ich gehe einkaufen und sehe auf einem Flyer bei Edeka tatsächlich eine Unterscheidung zwischen "Männergrillen" und "Frauengrillen" - ist es mal wieder so weit?

Okay, seit Tausenden von Jahren versuchen wir, unsere Waren an den Mann zu bringen, wir errichten ganze Arbeitskreise zur Psychologie des Einkaufens, nicht wahr, Schantall-Regal direkt an der Kasse? Wir versuchen, den Kunden direkt anzusprechen. Jeden. Auch die in den Nischen. Und das ist auch nicht neu - ich hatte hier einmal über Männer-Marzipan geschrieben. Das ist über ein Jahr her, inzwischen gibt es M/F-Chips, M/F-Schokolade; ich hatte insgeheim gehofft, dass das nur eine schwachsinnige Werbeidee war, aber es hält sich tapfer in den Regalen. Warum muss man bestimmte Lebensmittel Geschlechtern zuordnen? "Typisch Mann" soll wohl dahinter stecken, wir befinden uns auf dem Rückweg in die Heteronormativität.

Woher weiß man denn, was "Frauengrillen" ist? Gehen wir einfach nach Klischees, Frauen essen lieber weiße Schokolade, Männer eher dunkle, Frauen mögen Chips mit Balsamico-Aroma, die Männer-Chips schmecken natürlich nach Barbecue. Und die Grillrezepte? Für die Frauen am besten vegetarisch, und schön leicht, damit sie nicht fett werden? Und unsere Muskelmänner, die brauchen natürlich Fleisch, uga uga. Buba: Uwah!

Ich finde das irgendwie schwachsinnig - wenn, dann bitte richtig. Dann sollten wir gleich Männer- und Frauensupermärkte einrichten. Bei den Männern gibt es Werkzeug, bei den Frauen Beauty-Equipment.

Warum gehen wir mit dergestalt riesigen Schritten emanzipatorisch rückwärts? Haben wir da eine Nahrungsmittellobby, die lieber auf konservative Genderkonzepte baut? Mal ehrlich, es ist nicht allzuviele Jahre her, da haben alle nach Gleichberechtigung und Emanzipation geschrien. Und nun müssen wir uns immer wieder vor Augen führen, dass Frauen anders sind als Männer?

Ich finde das genauso schwachsinnig wie diese ganze Diskussion um sexuelle Orientierung, dieses krampfhafte Schubladendenken. Ich glaube, wir werden uns erst dann vernünftig emanzipiert haben, wenn Sex und Gender einfach mal egal ist. Sekundär.

Ich hoffe, Er liest das.

post scriptum: Gebt mir Euren Senf dazu! Mich interessiert, wie Ihr über die Gender-Produkte denkt, klatscht das alles bei Facebook in die Kommentare!

paulo post scriptum: Ich muss hier raus. Morgen geht es Richtung Hansa-Park, ich möchte endlich mit der Kärnan-Analyse anfangen.

Mittwoch, 14. Juni 2017

Apartment für zwei

Zwei. Was möchte mein Gehirn mir damit sagen...?

Im Lauf meines Lebens habe ich nach und nach herausgefunden, dass ich eine Wohnung brauche, die genau auf meine Bedürfnisse zugeschnitten ist. Seit ein paar Jahren wohne ich in einer Ein-Zimmer-Wohnung, fast wie ein kleines Loft, und ich spüre, dass es die richtige Wohnung ist. Deswegen habe ich auch angefangen, längerfristige Veränderungen vorzunehmen, denn das hier wird *meine* Weltraumbasis.

Nun denke ich also über den Wohnungsfortschritt nach und mir fällt ein interessantes Detail auf. Das mag nun mal eine Singlewohnung sein, ich brauche meine Freiheiten und fühle mich wohl - aber hinsichtlich des Equipments scheine ich mich auf Zuwachs einzustellen. So habe ich nicht eine, sondern zwei Shutterbrillen für 3D-Filme. Und ich habe nicht ein Gamepad für die PS4, sondern mittlerweile zwei. Und als es an der Zeit war, sich ein neues Bett zuzulegen, habe ich eins genommen, in dem zwei Männer Platz haben.

Ob sich da andeutet, dass ich vielleicht irgendwann doch werde jemanden "dauerhaft" an meiner Seite haben wollen? Und natürlich schwirrt Er mir im Kopf herum, denn Er war der zweite Mann im neuen Bett, und Er hat mit mir zusammen 3D-Filme geschaut.

Ich schaue mal, ob sich dieser Trend bei Neuanschaffungen fortsetzt - immerhin, sollte ich mir irgendwann ein eigenes Auto leisten können, darf es gern ein Zweisitzer sein.

Sonntag, 11. Juni 2017

Männer, Muskeln & mutual fun

Nicht ganz so einfach vorstellbar, dass es sich hier um zwei heterosexuelle Männer handeln könnte - oder?

Sticky topic. Aber das macht es spannend, und vielleicht erfährt der eine oder andere Leser hier etwas, das er vorher noch nicht wusste, gell, Buba? V-HORHER NIEHCHT! Und bei diesem Thema gehen die Geschmäcker so herrlich weit auseinander - und aus schwarz-weiß vorher kann ein Kontinuum danach werden.

Dass ich mich in diesem Beitrag auf Männer konzentriere, soll nicht heißen, dass Frauen diese gedanklichen Spielarten nicht kennten, im Gegenteil. Aber bei Männern ist es ganz witzig, was sie manchmal für ein Aufhebens darum machen, während Frauen mir aufgeschlossener erscheinen.

Der Titel deutet an, dass es etwas mit Körperkult zu tun hat. Und dass Muskeln mit Männlichkeit in Verbindung gebracht werden, ist nichts Neues - nur die Art und Weise, damit umzugehen, wandelt sich über die Jahrhunderte hin und her. Nun zeigen manche Männer mehr oder weniger stark ausgeprägte selbstverliebte Neigungen - während die einen im Studio vor den großen Spiegeln ihre Muskeln betrachten, um auf Form, Masse und Defi zu achten, sowie auf Proportionen - gerade wenn es um Wettkämpfe geht - schauen die anderen sich einen Moment länger an, und ein klein wenig anders, intensiver, diese eine Sekunde zu lang, denn sie genießen es, sich ihre Erfolge anzuschauen.

Manche Männer machen das mehr, manche weniger auffällig. Diese Neigung hat im Übrigen mit sexueller Orientierung rein gar nichts zu tun, aber dazu später mehr. Es gibt ja die unterschiedlichsten Motivationen, mit dem Krafttraining zu beginnen - eine gesündere Körperhaltung (das war auch bei mir damals im Studium der Auslöser), die Körperbeherrschung zu steigern (kommt bei terminal illness häufiger mal vor) - oder einfach mal die reine Optik. In diesem Fall spricht man von den Disco-Pumpern; sie trainieren sich einen Körper an, mit dem sie in der Disco rumprotzen können. Auf das Trainingsverhalten heruntergebrochen heißt das: Fokus auf Oberkörper, genauer auf oberem Rücken, Brust, Arme. Warum? Naja, wenn sie ihre Jeans in der Disco tragen, sieht eh' keiner ihre Beine, also können sie den Leg Day gerne mal skippen, viel wichtiger ist, dass das knallenge Shirt möglichst fast platzt, an drei Stellen: Brust, Ärmel, oberer Rücken.

Ich möchte diese Trainingsvariante hier nicht bewerten - im Gegenteil, mir geht es in diesem Beitrag ja auch in erster Linie um den oberflächlichen Genuss; ich habe die Erfahrung gemacht, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen Trainingsverhalten und Neigung zum muscle worship, denn genau darum geht es in diesem Artikel. Und für die Veranschaulichung denke ich mir Dennis und Tom aus - fiktiv, aber durchaus realistisch.

Tom ist ein ziemlich gewöhnlicher, heterosexueller Mann. Wie viele andere Exemplare seiner Spezies ist er sehr auf sein Äußeres bedacht, und dazu gehört auch, dass er regelmäßig in's Fitnessstudio geht, um seine Muskeln zu stählen. Er trainiert längst fast nur noch im Freihantelbereich: Die Maschinen sind was für Normalos, Freihanteln verlangen viel mehr Körperbeherrschung; dass dieser Bereich rundum mit riesigen Spiegeln umgeben ist, kommt ihm dabei sehr gelegen. Wenn ihn jemand darauf anspricht: "Ja, damit ich auf die Körperhaltung und die saubere Ausführung der Übungen achten kann." Was sicherlich nicht gelogen ist, aber...

...er liebt es, sich seinen Körper im Spiegel anzuschauen. Zu schauen, wie sein Training sichtbare Erfolge zeitigt, wie er seine Muskeln kontrollieren kann, wie er seine Pecs zucken lassen kann, wie sein schon im Ruhezustand ordentlich sichtbarer Bizeps nach der Trainingseinheit richtig aufgepumpt aussieht, die Arme glühen, die Adern treten deutlich hervor, er kann die Arme nicht einmal mehr komplett anwinkeln, so sehr sind seine Oberarme aufgepumpt. Er liebt dieses Gefühl - keine einzige Wiederholung mehr zu schaffen, bis zum Äußersten gegangen zu sein, no pain, no gain, lautet seine Devise. Und bevor er danach in die Duschen geht, gönnt er sich noch eine kleine Extrarunde Flexing vor den Spiegeln - oder zwei... und auch noch einmal aus einer anderen Perspektive. Und er hofft, dass in diesem Moment viele andere Männer zuschauen und neidisch werden, wenn sie ihre Spargelärmchen mit seinen Guns vergleichen - got your tickets for...? ist ein Spruch, der ihm immer auf der Zunge liegt. Damn, war das ein geiles Training heute, und völlig kaputt, aber zufrieden, verlässt er den Tempel des Körperkults - und die Vorfreude auf zuhause steigt, denn dort wartet seine Freundin, und er liebt es, sie mit seinen granitharten Muskeln zu beeindrucken - wobei es ihn manchmal etwas irritiert, wenn sie sagt, dass er aber nicht zu sehr übertreiben solle. Denn zuviel findet sie nicht gut. Das ist immer wieder ein komischer Kommentar, denn er kanzelt ihn ab. Der selbstverliebte, muskelgeile Egomanie-Höhenflug bekommt einen Dämpfer, aus dem Gott des Fitnessstudios wird wieder der ganz normale Tom, "eben auch nur ein Mann".

Und genau in solchen Phasen ist Tom froh, dass er mit Dennis befreundet ist. Dennis ist schwul, und in einer schier unendlichen Tradition homosexueller Vorlieben mag er Männer mit Muskeln. Seine Logik: "Wenn ich eine Prinzessin haben wollte, hätte ich ne Hete werden können" - yeah, whatever. Dennis und Tom kennen sich seit ein paar Jahren, eigentlich immer eher flüchtig, aber irgendwann ist Dennis aufgefallen, dass Tom trainiert, und er hat das Thema angesprochen. Komplimente gemacht, wow, du hast ja ziemliche Fortschritte gemacht! Und natürlich hat Tom sich das gern sagen lassen. Das war genau das Feedback, das er haben wollte. Und Dennis ist ins Detail gegangen - hat ihm geschrieben, bei welchen Muskelgruppen es ihm besonders aufgefallen ist, und hat ihn nach Körpermaßen gefragt, hat sich richtig interessiert. Auf eine ganz andere Art als Tom's Freundin, noch etwas - authentischer? intensiver? Tom gelangte an einen Punkt, an dem er es mit Worten nicht mehr akkurat ausdrücken konnte. Er genoss die Aufmerksamkeit, die Dennis ihm entgegenbrachte, das war genau die Art von Aufmerksamkeit, die er sich beim Training im Studio von anderen Menschen wünschte. Alle Blicke nur auf ihn gerichtet, und er konnte endlich einmal hemmungslos herumprotzen, ohne sich blöde Kommentare anhören zu müssen - "pass aber auf, dass das nicht zu viel wird" oder "meinst du nicht, dass du es mit der Selbstverliebtheit ein bisschen übertreibst?" - von Dennis kamen nie blöde Kommentare, und das war ein tolles Gefühl.

Und Dennis? Für ihn war es auch ein tolles Gefühl - denn er hatte schon oft heterosexuellen Fitnessschnitten Komplimente gemacht, aber bisher war keiner so begeistert davon wie Tom. Manchmal waren sie irgendwann genervt, fühlten sich angeschwuchtelt, ne, lass' ma' lieber, ich hör' das dann doch lieber von ner gutaussehenden Frau. Das hatte Dennis schon so oft erlebt, und deswegen schrieb er Tom auch, dass sich das für ihn irgendwie neu anfühlte. Und das erwiderte Tom: Ein neues Gefühl. Und das hatte nichts mit Sex oder Orientierung zu tun, denn Tom fühlte sich davon in keiner Form erregt. Klar, Dennis genoss diese Momente insgeheim, und Tom tauchte immer wieder in sexuellen Fantasien auf. Aber er würde nie auf die Idee gekommen sein, Tom irgendeine Form von Sex vorzuschlagen. Stattdessen fragte er Tom, ob sie nicht einmal Fotos machen wollten.

Fotos? Das war eigentlich gar nicht so schlecht, dachte Tom sich, so könnte er selbst mal sehen, wie seine Muskeln aussehen, wenn sie richtig in Szene gesetzt werden. Und da ist doch nichts dabei, oder? Und so verabredeten sie sich einmal, bei Dennis, und er hatte verschiedene Shirts rausgelegt, um mal zu sehen, wie die wohl an Tom's wesentlich muskulöserer Statur aussehen würden. Und Tom war an dem Tag extra noch vormittags zum Training gegangen, das war sein eigener Vorschlag gewesen, damit es sich dann auch richtig lohnt. Und doch... ein kleines bisschen schüchtern, verklemmt, unsicher waren sie dann doch, und verbrachten die erste Zeit damit, sich über Alltägliches zu unterhalten - wobei Dennis sich nicht helfen konnte, dabei immer wieder auf Tom's Oberarme zu starren, und das blieb auch Tom irgendwann nicht mehr verborgen. Die beiden halfen schließlich ein wenig dabei nach, sich zu enthemmen, und nahmen sich dann für ihre Fotosession reichlich Zeit.

Tom zeigte in allen möglichen Posen, was er hat, während Dennis mit Beleuchtung und Kameraperspektive herumprobierte, um ästhetische Bilder hinzubekommen. Es war ein schönes Gefühl, diese Muskeln endlich einmal aus der Nähe zu betrachten, und er ließ Tom spüren, wieviel Spaß er hatte - nicht zuletzt durch ausgiebige Komplimente, die Tom immer übermütiger werden ließen. Schließlich hatten sie eine ganze Reihe Bilder aufgenommen und auf dem Computer betrachtet, wobei Dennis schließlich meinte "So ein Körper muss sich bestimmt toll anfühlen"; Tom strahlte ihn an und fragte, ob er denn einmal anfassen möchte. Dennis' Herz machte einen Satz Richtung Knie, aber der Nachmittag war schon so gut verlaufen, was sollte jetzt noch schiefgehen? Und so zeigte Tom nochmal ihm persönlich seine Muskeln und ließ ihn anfassen.

Das war einst. Mittlerweile sind die beiden Männer etwas weiter. Tom ist immer noch heterosexuell, hat inzwischen eine neue Freundin. Allerdings laufen solche Treffen wie eben beschrieben mittlerweile anders ab. Sie verabreden sich ganz bewusst zum muscle worship, oft sagen sie einfach nur, sie wollen sich einen "netten Abend" machen. Tom weiß, dass er dann am Nachmittag zum Training geht, und Dennis weiß, was ihn dann abends erwartet. Mittlerweile stellen sie sich dabei vor den großen Wohnzimmerspiegel, damit Tom sich beim Flexing anschauen kann. Dennis steht manchmal hinter ihm, streichelt seinen Bizeps, legt von hinten seine Hände auf Tom's Pecs, während der sie anspannt und springen lässt. Dabei schaut er ihm über die Schulter, ebenfalls in den Spiegel - oder aber er steht vor ihm und schaut sich nicht die Reflektion, sondern Toms Körper direkt an, immer darauf bedacht, nicht im Weg zu stehen. Sie reden dabei weniger als noch in der Anfangsphase - sie sind nun sehr konzentriert, manchmal hat Dennis auch seine Augen geschlossen und genießt das Gefühl harter Muskeln unter seinen Händen. Das hat mit Kuscheln nicht mehr viel zu tun, denn Tom's Körper fühlt sich an wie aus Granit. Dennis schafft es nicht immer, seine Erregung für sich zu behalten, und immer wieder kommen diese kleinen Momente, in denen sie die Fassung verlieren - in der Dennis zudrückt, so hart er kann, in denen Tom vor Anstrengung beim Gegenandrücken keucht. Die Zeit verliert für die beiden jegliche Bedeutung und sie genießen es, alle gesellschaftlichen Konventionen für eine Weile abzustreifen.

Diese Neigung zum muscle worship beruht auf Gegenseitigkeit, ohne dass Tom deswegen in jeglicher Hinsicht als schwul/bi betrachtet werden könnte. Es ist einfach so, dass seine Freundin ihn auf eine andere Art bewundert, das ist auch schön, aber manchmal braucht er diese ungestörten Phasen, in denen er Mann sein kann und dafür bewundert wird - so hat er es Dennis erklärt. Und so haben sie noch heute diesen gemeinsamen Spaß, den sie sich von niemandem nehmen lassen.

Genug von den Beiden; die wesentlichen Punkte, die man als Erfahrung aus diesem Artikel mitnehmen kann: Muscle worship ist ein Fetisch (dazu ein anderes Mal mehr), der auf kein Geschlecht und keine sexuelle Ausrichtung beschränkt ist und der wesentlich mehr als nur zwei unterschiedliche Motivationen kennt. So bieten zum Beispiel professionelle Bodybuilder (Männer und Frauen) bezahlte Worship-Sessions an, um ihren Unterhalt aufzubessern und ihre supplements zu finanzieren. Manchmal nehmen gerade junge Männer mit Kumpels solche Videos auf und verkaufen sie über das Internet - mittlerweile findet man diese Videos überall. Außerdem ist diese Neigung nicht auf irgendeine Altersgruppe beschränkt.

Wie schon eingangs beschrieben, gehen die Meinungen dazu weit auseinander: Es gibt sehr viele Menschen, die mit einem zu muskulösen Partner nichts anfangen können, sei es, dass es ihrer ästhetischen Wahrnehmung entgegen spricht oder dass sie einfach keinen unbequemen Schrank im Bett neben sich haben wollen.

Und manchmal ist der Gegenwind des sozialen Umfeldes so stark, dass man diese Vorliebe besser für sich behält und hinter verschlossenen Türen genießt, ohne darüber zu sprechen.

post scriptum: Für alle, die so etwas einmal in Bewegung sehen möchten. Ich bin gespannt, wie sich dieses Thema auf die Klickzahlen auswirkt - besonders abschreckend oder Neugier weckend? ;-)