Samstag, 10. Juni 2017

Er und ich und die Musik

Dieses Foto versinnbildlicht unsere Gedankenreisen ganz gut

Ich höre gern Musik - so weit ich zurückdenken kann. Die Musikstile haben immer wieder gewechselt, je nachdem, was damals gerade für mich neu war. Rave, Deutschpop, Metal in all' seinen Ausprägungen, Psytrance, Psybient, Downtempo. Es ist immer wieder schön, eine neue Musikrichtung kennenzulernen - auf Expeditionen in neue Klangschaften zu gehen.

Früher gingen diese neuen Entdeckungen immer einher mit der Überzeugung, dass jetzt, wo ich eine neue Musikrichtung entdeckt hatte, natürlich auch all' meine Freunde diese Musik unbedingt würden kennenlernen wollen und letztlich toll finden. Ich bin sehr gut darin, von mir auf Andere zu schließen, und oft ist es mir noch nichtmal bewusst (so denke ich auch immer noch, dass jeder Mensch The Crying of Lot 49 grandios finden dürfte).

Immerhin, ein wenig haben diese Schlussfolgerungen nachgelassen. Ich versuche nicht mehr so intensiv, anderen Menschen meine musikalischen Entdeckungen aufzuzwingen. Und wenn, dann gehe ich da ein wenig subtiler heran; wenn ich Besuch habe und im Hintergrund Musik läuft, dann ist diese in den seltensten Fällen nach dem Zufallsprinzip ausgewählt - und ich spreche auch nicht weiter drüber. Es kommt dann häufiger mal zu der Frage, was wir da eigentlich gerade hören, fertig, "Ziel" erreicht. Und wenn nicht, dann macht das nichts - ich kann ja niemanden zu seinem Glück zwingen.

Das habe ich mir auch gedacht, als Er und ich damals mit unseren Gedankenreisen und Meditationen angefangen hatten (hier mehr zum Thema "Er/ich/Musik"). Ich hatte ein paar Jahre Erfahrungsvorsprung zu ihm und eine ungefähre Ahnung davon, welche Musik sich für solche Anlässe eignet und welche nicht. Da ich ihn aber nicht bevormunden wollte (yeah, whatever...), habe ich ihm da komplett freie Hand gelassen. Die ersten Male hat Er auch ordentlich herumprobiert, mit allen "Erfahrungen", die man mit ungünstiger Musik so machen kann.

Irgendwann hatte Er dann einst vergessen, seinen MP3-Player mitzubringen. Seine Kopfhörer lagen noch hier herum, und mein MP3-Player hat zwei Eingänge für Kopfhörer. Also hat Er sich dann einmal in meine fürsorglichen Hände begeben. Ich hatte mir Mühe gegeben, eine Playlist zusammenzustellen, die ihm gefallen könnte. Ich wusste, welche Musik Er gern hörte, also habe ich davon ausgehend ein paar musikalische Expeditionen zusammengebaut.

Das war ein komisches Gefühl, zu wissen, dass Er neben mir gerade die gleiche Musik hörte wie ich - quasi, als hätten wir die gleiche, gemeinsame Gedankenreise (Alliteration!). Als würden wir zusammen unterwegs sein, mein Kopf hat natürlich gleich diverse Szenarien erdichtet und ich komme nicht umhin festzustellen, dass ich das sehr schön fand. Denn ich hatte ihn wirklich sehr, sehr gern, und das gemeinsame Erleben... es wirkte so real. Gleichzeitig hatten wir ruhigere Passagen, in denen wir uns in der Fantasiewelt umschauen konnten, gleichzeitig wurde es dann wieder schnell und knallig, als seien wir auf einer Achterbahnfahrt der Gedanken.

Nachdem wir dann wieder "zurück" waren, stellte sich heraus, dass ihm diese Gedankenreise auch sehr gefallen hatte - aus den gleichen Gründen wie bei mir. Ich weiß noch, wie wir uns grinsend von einzelnen Szenen berichtet haben, die tatsächlich ähnlich ausgefallen sind. Und der schönste Moment war für mich, als Er dann meinte, dass wir das gern wieder so machen konnten - so zusammen. Er meinte, Er vertraut mir da vollkommen, und mein Herz hat einen kleinen Sprung getan.

Von da an gab ich mir viel mehr Mühe als sonst, aufregende, abwechslungsreiche Klangwelten zu gestalten, immer wieder mit Musik, die Er bereits aus seiner Jugend kannte. Für ein bisschen Nostalgie, für noch mehr Wohlfühlen, ich wollte, dass Er gern bei mir war und dass Er gern zusammen mit mir auf die Reise ging.

An eine Playlist und die damit zusammenhängende Reise kann ich mich noch sehr gut erinnern. Er auch - leider nicht nur aus positiven Gründen.

Ich wollte das Ganze diesmal noch immersiver machen. Ich wollte, dass Er sich einmal richtig fallen lassen kann. Ich wollte dem Bild in seinem Kopf gerecht werden, von meiner Wohnung als unserer "Weltraumbasis", oder als "Bubble", in der wir alles Andere einfach mal draußen lassen können. Und ich wollte ihm zeigen, dass da auf meiner Seite Menschen sind, die sich für uns freuen - weil Er auf seiner Seite leider auf sehr viel negatives Echo uns gegenüber gestoßen ist. Ich wollte, dass Er sich nicht für das rechtfertigen oder gar schämen muss. Es reichte schon, dass Er irgendwann niemandem mehr davon erzählen konnte. Also schmiedete ich einen Plan, um ihm ein wenig Selbstvertrauen zurückzugeben...

Ich wollte eine richtige Inszenierung starten. Wir hatten uns bereits einen Tag ausgesucht, an dem Er mich besuchen kommt - diesmal schickte ich ihm eine "offizielle" Einladung. Ganz im Stil der Weltraumbasis aufgemacht, um die Vorfreude zu steigern, und kündigte ihm ein ganz spezielles Erlebnis an. 
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Ihre Buchung vom 15.12.2014


Sehr geehrter Herr xxx,

wir bedanken uns für Ihr Vertrauen und freuen uns, Sie als Gast von Fantasy Airlines begrüßen zu dürfen. Wir übersenden Ihnen hiermit Ihr Flugticket in die Region des Unfassbaren. Die Details Ihres Fluges entnehmen Sie bitte den untenstehenden Daten. Bitte bedenken Sie, dass das Mitführen von Handys an Bord der Maschine nicht gestattet ist. Für die Dauer des Fluges wird jeglicher Kontakt zur Realität unterbrochen sein; setzen Sie bitte Ihre Mitmenschen in Kenntnis, dass Sie in diesem Zeitraum nicht erreichbar sind.


Mit freundlichen Grüßen
Fantasy Airlines - Ihr Partner für das Übersinnliche
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Diesmal sollte es eine ganz besondere Playlist werden für unseren Flug - und natürlich gehörten zu einem Flug auch Flugdurchsagen. Ich wollte, dass zwischendurch, über die Musik gelegt, Menschen, die uns kannten, schöne Grüße durchgeben, uns viel Spaß wünschen, ihm das Gefühl geben, dass es etwas Schönes ist, was wir machen. Dafür brauchte ich ein paar Verbündete; man merkt, ich hatte das lange vorher geplant.

Also sprach/schrieb ich ein paar Menschen, ich erzählte ihnen von der Idee und fragte, ob sie bereit wären, eine Flugdurchsage aufzunehmen und mir als Datei zu schicken. Ich fragte meine Eltern, die große Buba, die Sannitanic und YazzTazz und ich hatte von fast allen im Handumdrehen die MP3-Dateien. Aber das reichte nicht, das sind alles Menschen, mit denen ich mich identifizieren kann. Wenn ich aber eine Playlist speziell für ihn basteln möchte, sollte ich auch Menschen aus seinem Bekanntenkreis mit einbeziehen. Ich war mir unsicher - ich kannte diese Menschen ja kaum - aber schrieb dann seinen Mitbewohner an. Ich erklärte ihm, worum es ging. Das war mir sehr wichtig, denn damals waren Er und sein Roomie beste Freunde, dachte Er. 

Damals hatten wir noch anders gedacht; so dachte ich, dass ich ein Freund in seinem Freundeskreis sei, so wie die Anderen auch. Deswegen hatte ich mir dabei nichts Böses gedacht und war überzeugt, dass Er sich freuen würde, wenn auch eine Durchsage von seinem Mitbewohner käme. Der allerdings hat zuerstmal gar nicht geantwortet. Naja, 'nen Versuch war es wert, dachte ich mir. Und ich konnte nicht zu auffällig nachfragen, denn Er ahnte von alledem ja nichts, es sollte eine Überraschung sein.

Ich organisierte mir ein Musikbearbeitungsprogramm und schneiderte Musik und Durchsagen zusammen, innerlich aufgeregt, wow, wie würde Er wohl reagieren, wenn wir an die spannenden Passagen kommen? 

Und dann war es so weit, Er stand vor meiner Tür, nicht ahnend, dass ihm bekannte Stimmen um den Kopf schwirren sollten, und ich begrüßte ihn, breit grinsend, vorfreudig auf seine Reaktionen. Wir gingen in die Meditation/Gedankenreise wie üblich, erstmal den Körper runterfahren, langsame Atmung und alles, was dazugehört. Und etwa zwanzig Minuten in der Playlist kam dann die erste Flugdurchsage. Wir lagen nebeneinander auf dem Bett, Augen geschlossen, Kopfhörer aufgesetzt, vollkommen unbeweglich. Konzentration ist wichtig für die Gedankenreisen. Doch nachdem die erste Durchsage verklungen war und wir wieder im nächsten Musikstück angekommen waren, berührten sich unsere Arme, als eine Art Zeichen: Er hat sich wirklich darüber gefreut und wollte es mir auf diese Weise kundtun. Und unsere Gedankenreise ging weiter...

Ich gehe hier nicht weiter ins Detail, das hat hier nichts zu suchen, es war jedenfalls eine tolle Nacht, weil alles sich nach meiner Regie entwickelt hat. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das ein ganz besonderer Abend war. An jenem Abend habe ich herausgefunden, dass Er seinen Freunden zwar von mir erzählt hat, dass sie aber ziemlich misstrauisch waren und nicht wussten, was sie von mir halten sollten. Deswegen hatte sein Mitbewohner mir auch nicht geantwortet. Sie alle fanden Dr Hilarius ziemlich komisch. Damit konnte Er nicht gut umgehen, und in jener Nacht nahm Er sich vor, mit seinen Freunden nicht mehr über mich zu reden.

Das macht er auch heute noch so. Ich bin ein kritisches Thema und Er hat leider nicht das Rückgrat, sich dazu zu bekennen. Aber vielleicht wird Er erwachsener und eines Tages werden wir beide wieder zu einer ganz besonderen Playlist auf die Gedankenreise gehen.

Freitag, 9. Juni 2017

Ella S

Es geht um dieses Bild

In heis picser on your left seid is Mother Marge is blow in you rum. Is Homer slide of ground at his kitschen on you right seid. In a low sey a 3 chilrin in seh kitsch i haf a famiy. I slide af a grund mit the towel. (...)

Dieser Test hat mir die Augen geöffnet. Aufgabe war eine Bildbeschreibung, hatten wir vorher gründlich geübt. Dann lese ich obige Zeilen und bin ratlos, wie ich das bewerten soll. Nein, ich bin nicht gleich auf die Idee gekommen, das einmal laut zu lesen. Denn dann hätte ich mir die ganze Ratlosigkeit erspart. Klar, es geht um Lese-Rechtschreibschwäche (LRS). Bis heute dachte ich immer, ja, das sind die Schüler, die mal ein paar Buchstaben vertauschen, Nachteilsausgleiche gibt es ja in einer Vielfalt - Arbeitszeitverlängerung, Schreiben auf einem Notebook, größerer Druck und so weiter...

Und damit habe ich es mir - mal wieder - viel zu einfach gemacht. Langsam bekomme ich eine Idee davon, was bei manchen LRS-Schülern im Kopf vorgeht - bzw. was nicht. Es muss gerade in Englisch die Hölle sein, dass Geschriebenes ganz anders gesprochen wird. Wird vermutlich auch in Französisch so sein; ob Latein diesen Schülern wohl entgegen kommt?

Es gibt so viele verschiedene Ausprägungen der LRS - und die Kinder haben diese Schwäche nicht zu verantworten, also sollten wir Hilfestellungen geben, wo möglich. Und ja klar unterrichte ich seit fünf Jahren LRS-Schüler, aber aus irgendeinem Grund brauchte es erst diese Bildbeschreibung, um mir das Problem klarzumachen.

Und natürlich denken wir dran: LRS hat nicht unbedingt etwas mit Intelligenz zu tun. Es gibt hochbegabte LRSler, einer liest gerade diesen Beitrag. Und ich werde in Zukunft mal wieder versuchen, etwas mehr Empathie zu üben.

Donnerstag, 8. Juni 2017

Warnungen


Seitdem Menschen diesen Blog lesen, bekomme ich immer wieder gut gemeinte Warnungen - weil diese Menschen sich um mich sorgen oder aber, um auf Fehlverhalten meinerseits hinzuweisen. Manche dieser Punkte sind definitiv angebracht und ich fühl mich immer wieder schlecht, wenn ich ertappt werde, wie ich etwas geschrieben habe, was - aus welchem Grund auch immer - in diesem Blog nicht stehen sollte. Und ich bin auf diese Warnungen angewiesen, denn woher sollte ich sonst wissen, dass ich etwas falsch gemacht habe? Ich versuche das auch meinen Schülern immer wieder vor Augen zu halten: Viele Menschen bemerken ihr Fehlverhalten nicht, wenn sie nicht expressis verbis darauf hingewiesen werden. Und man sollte ihnen zumindest eine Chance geben, es besser zu machen.

Paradebeispiel im schulischen Kontext: "Dr Hilarius, Frau Römpömpöm ist so eine schlechte Lehrerin, niemand mag ihren Unterricht, und sie ist immer so streng, gibt viel zu viele Hausaufgaben auf, das kann man gar nicht schaffen, und sie haut einzelne Schüler vor versammelter Klasse in die Pfanne, wir haben Angst vor ihrem Unterricht, können wir die nicht irgendwie loswerden?"

An der Stelle schaltet sich dann das hochbegabte Drängen ein, immer beide Seiten verstehen zu wollen, und jegliches stattfindende Verhalten zu erklären. Und ganz oft frage ich die Schüler dann: "Habt ihr mit Frau R denn schon einmal darüber gesprochen? Denn... vielleicht merkt sie gar nicht, dass ihr mit ihrem Unterricht nicht klarkommt, vielleicht weiß sie gar nicht, was sie mit ihrem Verhalten bei euch anrichtet? Versucht ihr mal ganz ruhig zu schildern, was ihr Unterrichtsverhalten bei euch auslöst, und gebt ihr zumindest eine Chance, sich zu verbessern. Vielleicht meint sie das Alles nicht böse!"

Tja, und so nehme ich mir manche Warnungen und Tipps zu Herzen, mancher Kommentare bin ich aber auch überdrüssig. Ein paar Menschen weisen mich darauf hin, dass ich meine wahre Identität nicht gut genug verschlüssele, dass man herausfinden könne, wer sich hinter Dr Hilarius verbirgt. Da antworte ich dann, dass mir das vollkommen bewusst ist. Dass ich den Namen nicht gewählt habe, um möglichst unerkannt zu bleiben. Und dass ich zu all dem, was ich hier schreibe, auch stehe. Das ist schon in Ordnung so.

Auch bekomme ich öfters zu hören, ich solle mir gut überlegen, wieviel ich hier von mir preisgebe. Das irritiert mich, weil es sich manchmal so anhört, als würde ich hier völlig unbedarft und gänzlich ohne nachzudenken alle möglichen Informationen von mir posten. Tatsache ist, dass ich eben doch darüber nachdenke - dass ich einfach nicht so viele Geheimnisse habe wie andere Menschen. "Du machst dich damit angreifbar!", das verstehe ich bis jetzt immer noch nicht. Tatsache ist, dass ich mich hier ganz bewusst inszeniere - und dass ich meinem Vorsatz folge, für jede meiner Handlungen gänzlich die Konsequenzen zu tragen, und das jederzeit.

Worauf ich immer wieder achten muss ist, die Persönlichkeitsrechte Anderer zu wahren. Unkenntlichmachung bei Fotos oder Videos oder die betreffenden Personen direkt zu fragen, ob ich eine Anekdote, derer sie Teil sind, in meinem Blog posten darf. Ich kann es nicht verantworten, dass Andere irgendwelche Konsequenzen durch diesen Blog zu fürchten haben dadurch, dass ich "neue" Informationen preisgebe. Wenn ich dagegen über die Arroganz einer Schule lästere, die bereits in aller Munde ist, schere ich mich recht wenig darum, das zu anonymisieren.

Und natürlich ist es für einen Lehrer mithin ein Seiltanz, wenn es um das Thema Verschwiegenheit geht. Zwar sind Beamte zur Verschwiegenheit verpflichtet, allerdings bedeutet das nicht, dass ich hier überhaupt nicht über Schule und Unterricht reden darf. Es gibt nämlich gleich unter Ziffer Zwei die sogenannten "Ausnahmen von der Verschwiegenheit". Also kein Grund, gleich allzu paranoid zu werden.

Generell geht an jeden Leser die Bitte heraus: Wenn Ihr mit jeglichem meiner Beiträge ernsthafte Probleme habt, dann lasst uns in einen Dialog treten und schauen, wie man Abhilfe schaffen kann. Und ansonsten wünsche ich auch weiterhin gute Unterhaltung!

Mittwoch, 7. Juni 2017

nova ratio procrastinationis

Soooooo schön - bei den Saturnalien gab es immer eine vorgegebene Reihenfolge..

Die drei Wörter aus dem Titel könnte man vielleicht auffassen als eine neue Art der Prokrastination, oder vielleicht ein neuartiger Anlass zur Prokrastination. Wenngleich ich in Gesprächen den Eindruck erhalten habe, dass es ein HB-Problem ist, könnte es ja sein, dass Andere die Situation auch kennen, und deswegen beschreibe ich hier ein Gefühl.

Ich müsste viel tun: Die Wäsche waschen, Briefmarken holen, ein Paket wegbringen, das Bad putzen und noch einiges mehr. Also eine lange To Do-Liste. Ich hab mir extra alle Aufgaben aufgeschrieben, damit ich den Überblick habe, ich blicke stolz auf die Auflistung... und das war es dann auch. Was soll ich zuerst machen? Gibt es etwas, wo ich vielleicht sogar zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen kann? Muss ich B vor A machen? Und hierfür brauche ich Tageslicht, das kann ich nicht am Abend machen. Und überhaupt würde ich gern möglichst effizient arbeiten, mit Musik im Hintergrund, ich muss nur noch überlegen, welches Album ich heute hören möchte. Oder sollte ich nicht doch besser mit C anfangen? Denn, ich mein', das liegt da schon so lange herum. Ach Mist, und mir fällt ein, dass ich ja auch noch dies erledigen sollte! Scheiße, Rechnungen überweisen, heute ist Frist. Dann muss ich das Ganze nochmal umsortieren. Wenn ich die Rechnungen überweise, kann ich gleich den Müll runterbringen und den Ölstand beim Auto messen, und dann? Oh nein, und im Auto liegt noch ein Stapel Tests - sollte ich die vorziehen?

Ich gehe alle Szenarien gründlich im Kopf durch, finde immer wieder Argumente gegen eine bestimmte Reihenfolge und werde sauer. Ja, richtig wütend, weil ich es nicht raffe, dass ich mir schon wieder selbst im Weg stehe, anstatt einfach anzufangen! Dann werde ich depressiv, so ein Scheiß, ich mache erstmal die Playstation an, um mich abzulenken.

Und wieder habe ich nichts geschafft, weil ich gar nicht erst angefangen habe. Frau Eislauf kennt das.

post scriptum: In solchen Momenten möchte man auf eine Torte hauen. Wirklich!

 

Dienstag, 6. Juni 2017

What goes around...

Rube Goldbergs Zeichnungen wurden zum Inbegriff des Ursache-Wirkungs-Prinzips

...will come around. Dieser Spruch besagt, dass jede Ursache einen Effekt auslöst. Ich versuche meinen Schülern immer klarzumachen, dass ihre Unterrichtsperformance sich auf die Note auswirkt - und gleichzeitig mache ich ihnen klar, dass ich niemanden zu seinem Glück zwinge. Auf die Unterrichtssituation bezogen bedeutet das: Ich nehme keine Schüler dran, die sich nicht melden. Der Großteil der Kollegen wird jetzt die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. "Das kannst du doch nicht machen, was ist mit Schülern, die nunmal still sind und sich nicht melden wollen? Die bekommen dann eine 5, obwohl sie eigentlich gar nicht so schlecht in Englisch sind."

Ich versuche, meine Motivation zu erläutern. Im Referendariat haben wir alle gelernt, zu unterscheiden zwischen Sach-, Methoden-, Sozial- und Selbstkompetenz. Diese Unterscheidung leuchtet mir ein. Ich wollte gern viele Lehrproben sehen, aus denen ich genau lernen konnte, was mit diesen vier Kompetenzen gemeint ist und wie ich sie unterrichtlich unterbringen kann. Leider ist aber bei den Lehrkräften im Vorbereitungsdienst (LiV) die Sachkompetenz der totale Renner, wenn es um die hauptsächliche Einordnung geht. Hin und wieder erlebt man auch mal eine Lehrprobe in Methodenkompetenz.

Da ich manchmal gegen Trends stänkere, hatte ich mir vorgenommen, meine Examensstunden im Fokus der Sozialkompetenz durchzuführen, hat auch geklappt. Wir haben eine Möglichkeit der peer correction im Lateinunterricht eingeführt, das stärkt das soziale Element. Aber...

...wie sähe denn nun eine Stunde aus, in der die Selbstkompetenz vor allen anderen gefördert wird? Mir ist da nicht viel eingefallen, und deswegen habe ich zu Beginn meiner Zeit als Lehrer beschlossen, die Selbstkompetenz über das ganze Jahr verteilt zu trainieren. Ich mache den Schülern von Anfang an klar, wie das System meiner Noten Unterrichtsbeiträge funktioniert, ich zeige ihnen ein paar Wenn-Dann-Beispiele, und dann taucht das Thema erst wieder bei den Ferien auf. Und wie!

So hat Fritz sich im Unterricht nie gemeldet, in der Ecke gesessen, sich mit anderen Dingen beschäftigt - und ich drücke ihm die 5 rein. Nun sollte man meinen, dass er jetzt erst recht mauert - und in der Tat dauert es immer unterschiedlich lang, bis jeder merkt, dass sich die freiwillige Mitarbeit lohnt. Aber es zeitigt Effekte: Die Schüler nehmen mich beim Wort, melden sich daraufhin jede Stunde, und das wird natürlich auch belohnt. So habe ich es hinbekommen, dass auch die ganz Stillen sich trauen, sich zu melden.

Ich ringe immer um die Selbstkompetenz der Schüler, so war es auch in der Hausarbeit im Referendariat. Und ich freue mich, wenn es dann heißt: "Dr Hilarius, wie haben sie das geschafft, dass mein Sohn freiwillig Hausaufgaben erledigt und Vokabeln lernt?" Klar, da mögen mehrere Faktoren hineinspielen. Ich möchte aber, dass sie lernen, dass ihnen im Leben nicht immer alles hinterher getragen wird. Dass sie ihr Schicksal selbst in der Hand haben. Und so hat ein Schüler einmal eine 1 bekommen, wenngleich die Sprachfertigkeit im 2-Bereich gelegen haben mag. Das ist es mir wert, und er hat gelernt:

What goes around will come around.

Montag, 5. Juni 2017

"Das geht uns doch allen so."

Genug gewabert, spart Euch die Höflichkeitsfloskeln...

Es ist mal wieder soweit. Mal wieder möchte ich mich jemandem erklären, erklären, dass ich - bedingt durch meine Andersartigkeit - manchmal Probleme habe, und in der grenzenlosen Mitgefühligkeit und Empathiewoge meiner Mitmenschen bekomme ich eine der nutzlosesten Antworten überhaupt.



"Ich bin leider sehr unflexibel, ich kann mich nicht einfach woandershin bewerben. Wenn ich mich an ein Umfeld gewöhnt habe, ist es für mich die absolute Katastrophe, wenn ich aus diesem Umfeld gerissen werde."

"Ach, das geht uns doch allen so! Ich mag Veränderungen auch nicht so gern. Ich bin manchmal auch ein bisschen stur und möchte nicht von meinem gemütlichen Platz runter. Keine Sorge, damit bist du nicht allein."

Na vielen Dank für das Mitgefühl, vielen Dank für den Versuch der Empathie, aber es ist leider nicht zielführend. Es tut mir leid, aber Du kannst nicht nachempfinden, wie es sich für mich anfühlt. Und nein, es geht Euch eben nicht allen so. Oder bekommt Ihr erstmal einen gepflegten Nervenzusammenbruch, nachdem Ihr aus Eurer gewohnten Umgebung genommen werdet? Sitzt tage- und wochenlang nur zuhause herum, versumpft, esst und trinkt kaum etwas, lest keine Post, beantwortet keine Mails, keine Telefonate, klappt zwischendurch zusammen, weil Euer Kreislauf im Eimer ist, bekommt Mahnungen wegen unbezahlter Rechnungen, sprecht an Eurer neuen Arbeitsstätte mit niemandem, lauft mit gesenktem Blick durch die Schule, damit Euch bloß keiner grüßt, seid froh, wenn Ihr möglichst schnell wieder aus der Schule zuhause seid, habt Angst davor, angesprochen zu werden, baut eine Mauer um Euch herum auf, die nicht gerade zu Eurer Integration ins Kollegium beiträgt, habt Angst vor jedem einzelnen Telefonklingeln, denn es könnten Eltern oder Kollegen oder die Schulleitung sein, die sich über Dein Verhalten beschwert, weil Du ja noch neu bist und die Anderen in der Schule noch nicht verstanden haben, dass Du ein bisschen anders tickst, und mit jeder unbezahlten Rechnung und jedem nicht korrigierten Test baut sich auf Deiner Seele ein zusätzlicher Brocken auf, der Dir das Gefühl gibt, nicht willkommen zu sein, und Du hörst bei jedem Gang durch die Schule, wie sich die Kollegen das Maul über Dich zerreißen, weil Du schwarz trägst, weil Du Deine Fingernägel lackierst, weil Du nicht mit jedem Menschen sprichst und nicht sofort versucht hast, Dich perfekt in das Kollegium zu integrieren? Und diese Scheiße erlebst Du mindestens ein Dreivierteljahr, bevor sich die Wogen endlich glätten und Du als Kollege akzeptiert wirst? Und das an jeder neuen Schule???



"Wenn ich irgendwas habe, was mich intensiv beschäftigt, dann vergesse ich darüber hinaus alles Andere, meine Wohnung ist das reinste Chaos."

"Ach, mach dir mal keine Gedanken, du müsstest mal meine Wohnung sehen, ich habe schon seit zwei Tagen den Müll nicht rausgebracht und Sonja steigt mir langsam aufs Dach, weil ich noch das Bad putzen muss."

Das Bad putzen, wie niedlich. Aber immerhin geht es Dir noch gut. Du hast keinen Schimmel, der sich in irgendwelchen Müllbergen ansammelt, die Du nicht mal mehr wahrnimmst, weil es um den Fixpunkt Deines Interesses herum nichts mehr gibt, Du merkst nicht am ersten Tag eines langen Feiertagswochenendes, dass Du nichts mehr zu essen in der Wohnung hast, kein Klopapier, keine saubere Wäsche, kein sauberes Besteck, und Du fischst Dir einen dreckigen Teller aus der Spülmaschine, die anzustellen nur eine Minute dauern würde, aber daran denkst Du einfach nicht, und dann schaust Du nach, wie lange das Brot da hinten schon abgelaufen ist, und so lange noch kein Schimmel drauf ist, kannst Du es ja wohl noch essen - und die Eier sind zwei Wochen drüber, egal, probier den Trick mit dem Wasserglas, vielleicht gehen sie ja noch, und auch die abgelaufene Wurst ist zwar ein wenig grau, aber so schlimm riecht sie noch nicht, und sonst bekommst Du halt ein paar Magenprobleme, das geht auch vorbei, und die nicht korrigierten Tests siehst Du schon gar nicht mehr, weil Du jegliche ankommende Post einfach drüberlegst, denn das sind alles nur gefühlte Randnotizen, während Du mit Deinen Gedanken in Deinem neuen Buch/Videospiel/Album/was auch immer bist und Überleben für Dich eigentlich sekundäre, Arbeit für die Schule höchstens tertiäre Bedeutung hat, und dass die Toilette verstopft ist, merkst Du so gut wie gar nicht, denn da Du nichts isst und trinkst, musst Du so gut wie nie aufs Klo und dann gibst Du Dich auch damit zufrieden, dass das Scheißteil fünf Stunden zum Ablaufen braucht, und auch die Sonnenschutzfolien, die Du längst vor dem Sommer an die Fenster hast bringen wollen, liegen noch herum, und Du schwitzt Dich lieber vom Rumsitzen halbtot - denn eigentlich geht es ja - als endlich einmal etwas zu erledigen, das nichts mit Deinem Gedankenfokus zu tun hat? Aber das scheinst Du ja zu kennen, offensichtlich besser als ich, der Hochbegabte, der augenscheinlich mit dreiunddreißig Jahren zum ersten Mal einem Menschen von seinen Problemen erzählt und die natürlich viel schlimmer aufbauscht, als sie eigentlich sind, und der nur darauf gewartet hat, zu hören, dass es ja auch den "Normalos" so geht.



"Ich bin offen und ehrlich und sachlich, manche Menschen können damit nicht umgehen, aus den unterschiedlichsten Gründen."

"Ja, aber da gehöre ich nicht dazu, ich finde es super, dass du offen und konfrontativ mit den Problemen umgehst."

Und deswegen dachte ich, Du hattest das ernst gemeint, als Du mir sagtest, wie toll es ist, dass ich den Schülern die zwei Seiten der HB-Medaille zu erklären versucht habe, als wir im Sitzkreis waren und ich ihnen ganz in Ruhe mit anschaulichen Beispielen von den Problemen erzählt habe, und habe festgestellt, dass ich diesen offenen Umgang mit den Schülern toll finde, anders als in den Schulen, für die das ein rotes Tuch ist, die erwarten, dass man so etwas nicht mit den Schülern bespricht, und ich habe Dich beim Wort genommen, weil ich ja nicht ahnen konnte, dass Du mich wieder nur trösten wolltest, nur beruhigen, und weil ich nicht damit gerechnet hatte, dass Du mir zwei Monate später ziemlich fassungslos Vorwürfe machst, wie ich mit den Schülern nur über das Thema sprechen könnte, und dass ich ihnen ja all' die negativen Dinge dieser Sache erzählt habe, dass ich das doch nicht einfach machen könne, das verstehen die doch gar nicht und es hat im Unterricht nichts zu suchen und ich solle die Schüler in Zukunft bitte nicht mehr so zutexten, und dann sitze ich wieder mit einem Fragezeichen im Gesicht vor Dir, weil es nur eines von mehreren Beispielen ist, die belegen, dass ich Dich nicht mehr ernst nehmen kann und dass es mit Deiner Offenheit, von der Du vom ersten Tag an gesprochen hast, wohl doch nicht so weit her ist, und Du wolltest einfach nur einen "Ich finde das richtig gut von dir"-Satz anbringen, weil wir gelernt haben, dass wir immer erstmal ein positives Feedback geben sollen, aber wenn es nicht ernst gemeint ist, dann ist es der größte Bullshit ever und ich möchte das nicht mehr haben, nicht mehr diese Verstellungen, diese Floskeleien, diese Höflichkeiten, und es wird sich nichts daran ändern, dass ich auch weiterhin offen und ehrlich zu meinen Mitmenschen bin, egal, wie angreifbar mich das macht und auch egal, ob die damit nicht umgehen können, denn das ist ihr Problem und ich habe sie zumindest vorgewarnt mit dieser Frage "Willst du das wirklich wissen"?



Das sind nur drei Beispiele, die dieses Problem beleuchten. Ich sage: "Ich bin hochbegabt, ich erlebe mein Leben in ein paar Punkten anders als Normalbegabte. Das führt manchmal auch leider zu Problemen." Mein Gegenüber sagt: "Ach ja? Kannst du da mal ein Beispiel nennen?" Und dann erzähle ich zum Beispiel eine der obigen Geschichten und werde mittels eines "Das geht uns doch allen so." wieder in die Gemeinschaft aufgenommen. So kann ich es leider nicht schaffen, ein Verständnis dafür zu erzeugen, dass ich eben doch anders bin.

Viele Menschen wollen mir dann einreden, dass es nicht so ist; vermutlich ist das so, weil sie der Auffassung sind, dass Hochbegabung etwas Tolles ist, und wollen nicht hinnehmen, dass ich Schattenseiten dieses Umstands nenne. Und dann fallen sie einige Zeit später völlig aus allen Wolken, wenn sie erleben, dass ich eben doch anders bin, und dann höre ich mir Sätze an wie "Warum hast du davon denn nichts gesagt?" oder "Ja, aber ich dachte, du übertreibst da und machst es schlimmer, als es eigentlich ist". Und ja, mir ist bewusst, dass viele Hochbegabte sich eben doch nicht als anders bezeichnen würden.

Leute, ich bin nur ehrlich zu Euch, und Ihr solltet Euch entscheiden, ob Ihr die Wahrheit hören wollt oder nicht, aber nicht mit white lies und Floskeln daherkommen und mich nachher dafür verantworten machen, dass Ihr die Welt nicht mehr versteht. "Das geht uns doch allen so", und ich schüttele bei diesem Satz mittlerweile nur noch milde lächelnd den Kopf.

Yeah, whatever...

post scriptum: Die Große Buba kennt das Problem in einer anderen Variation, die ich hier nur kurz nenne und nicht ausführe - weil ich es eben nicht nachempfinden kann:

"Ich bin Migränepatient." - "Oh ja, ich kenn' das, ich hab auch manchmal ganz schlimme Kopfschmerzen."

...no comment...

Sonntag, 4. Juni 2017

Er

Er und ich (ja, dieses Foto gibt es auch aus der entgegengesetzten Perspektive)

Du warst immer behütet, immer im sicheren Schoß Deiner Eltern, immer auf einem sicheren Weg durch Dein Leben - mit allen Unwägbarkeiten, die jeder Lebensabschnitt für Menschen bereithält. Natürlich hattest Du zuhause mit Problemen zu kämpfen, natürlich hatte das Leben für Dich auch die eine oder andere Zitrone parat. Aber wenn es Dich belastet hat, so war es immer ein Jammern auf ganz hohem Niveau, denn Du wurdest beschützt und behütet, als größter Reichtum, den Deine Eltern sich vorstellen konnten. Ihr Ein und Alles, und sie haben sich Mühe gegeben, für Dich den Weg in's Leben zu gestalten, ohne dass sich Dir größere Hindernisse entgegen stellten. Eine heile Welt, gemessen an der Realität, die da draußen wirklich herrscht.

I am fire, I am damage in the making

Auch ich bin wohl behütet aufgewachsen. Eine heile Kindheit, auch wenn ich hin und wieder dachte, dass es mir echt mies geht, niemand versteht mich, ich werde gemobbt, warum muss alles Schlechte immer nur mir passieren? Du kennst diese Gedanken. Wir haben oft unter vier Augen darüber gesprochen, über unsere Wahrnehmung der Welt damals. Meine Eltern haben ebenso versucht, mir einen Pfad in das Leben zu ebnen. Allerdings hat sich mir eine andere Welt aufgetan, als ich das behütete Zuhause verließ, um die Welt kennenzulernen. Das Weltbild, das meine Eltern für mich immer zu erhalten versucht haben, hielt der Begegnung mit der großen weiten Welt kaum stand. Ich entdeckte, was es da draußen alles gibt, ich erweiterte meinen Horizont und ich lernte, die heile Kindheit zu verachten, weil ich sah, wie wenig authentisch das doch alles war. Und ich entwickelte einen Drang, noch mehr Neues zu erleben, und irgendwann traf ich Dich, und fand etwas, was ich längst mit den Erinnerungen an meine Jugend begraben glaubte. Ich fand Dich.


I am an army, set out to control your every ticking

Ich konnte das eine lange Zeit nicht glauben - dass ich in einen Spiegel blickte. Dass ich mich selbst in Dir in so vielen Punkten wiedererkannte. Ich fragte Dich über alles Mögliche aus, wir redeten über Gefühle, über Ängste, Wünsche, darüber, wie wir unsere Umwelt und Mitmenschen wahrnehmen. Und je länger ich Dich beobachtete, und je länger ich Dir zuhörte, umso mehr erkannte ich, dass Du jünger bist als ich. Dass Du noch immer in der behüteten, heilen Welt lebst, noch immer beschützt von Deiner Mutter, noch immer der Horizont, den ich selbst hatte, als ich die elterliche Heimat verließ. Ich fing an, mir zu wünschen, dass Du auch diese Erfahrungen machen könntest, diese Horizonterweiterungen, denn ich merkte, dass Du genau so neugierig bist wie ich. Und ich versuchte, zunächst ganz subtil, Dich auf die vielen Möglichkeiten aufmerksam zu machen, die das Leben für uns Menschen bereithält. In ganz kleinen Schritten versuchte ich, Deinen Denkprozess, Deinen Entwicklungsprozess zu kontrollieren, zu beeinflussen, immer mit dem Wunsch, dass Du glücklich bist. Und auch wenn es sich für mich wie kleinste Schritte anfühlte, wie ein kaum merkbarer "Fortschritt", den ich bei Dir beobachtete, so verlor ich - wie so oft - aus dem Blick, dass Deine Wahrnehmung eine andere war.


I am a giant stepping on the tiny world you're living in

Ich zeigte Dir die Dinge, die ich entdeckt hatte, mit solcher Vehemenz, mit so viel Nachdruck, dass das von Deinen Eltern vermittelte Weltbild zu beben begann. Ich klopfte nicht an Deinem Leben an, ich platzte mit riesigen Schritten hinein. Ich versuchte, mir eine Bedeutung in Deiner Realität zu geben - warum? ... Ich unterstellte Dir Engstirnigkeit, ich suggerierte Dir, dass Deine kleine heile Welt nicht das Ende Deiner Entdeckungen sein konnte. Ich behauptete, dass Du in dieser kleinen Welt doch kaum richtig glücklich sein konntest. Ich zeigte Dir Blickwinkel, Denkweisen, die Du schon immer in Dir vermutet hattest, aber es fehlten die Impulse, um sie aus Dir herauszukitzeln. Zu sehr wurde Dein Weg geebnet, zu angenehm fühlten sich diese vorbestimmten Pfade an.

And you shake and you shiver 
As the roof is coming down
And the walls grow thinner

Mit der Neugier kommt die Angst, die Unsicherheit, und mit dem Neuen kommen die Zweifel, ob es das Richtige ist. Und das erkannte ich bei Dir nicht. Unaufhörlich gab ich Dir neuen Input, neue Gedanken, neue Bilder, neue Blickwinkel, und ließ Dir nie Zeit zu verschnaufen, das Erlebte richtig zu verarbeiten. Und das Beben in Deinem Weltbild wurde stärker. Die Wände, die Dich einst vor Gefahren schützen sollten, bekamen Risse.

Mass confusion, never been so excited

Das sahen sie. Die anderen Menschen in Deinem Leben, und sie versuchten - so wie immer - Dich vor Gefahren zu schützen. Sie erklärten Dir, dass ich kein guter Umgang sei. Sie waren nicht zugänglich für Deine Aufregung, Deine Begeisterung für all das Neue, was ich in Dein Leben gebracht hatte. Sie stießen Dich zurück, sie drohten, sich abzuwenden. Und Du konntest es nicht verstehen. Du warst nicht nur überfordert mit dem unablässigen Input meinerseits, Du warst verwirrt von den Reaktionen Deiner Mitmenschen und es fühlte sich für Dich an, als würdest Du den Halt verlieren - und noch schlimmer: Als würdest Du uns verlieren. Und Du wolltest niemanden verlieren, Du wolltest immer alles haben und immer alle Mitmenschen zufriedenstellen.

What your heart felt for us was evidently unrequited

Wir spürten die Chemie, wir erlebten die Anziehung, aber es war eine ganz unterschiedliche Auffassung von Freundschaft, die wir da entwickelten. Du sendetest ein Gefühl aus, das ich nicht erwidern konnte, nicht erwidern wollte, ich wollte es anders haben. Wir waren uns ganz nah, aber irgendwas stimmte nicht, irgendwas war unklar, das konnten wir beide spüren. Wir hatten damals noch kein Verständnis der Situation, und wenn ich Dich angeblickt hätte, wüsste ich nicht, ob Du mit dem gleichen Blick zurückgeschaut hättest, und wenn ich Dich geküsst hätte, wüsste ich nicht, ob Du den gleichen Kuss erwidert hättest. Das waren alles Gedankenspiele damals in unseren Köpfen.

And by the sea
I'm laying down my hopes
You've conquered all
Your rise, our fall

Und Dein Stern sollte weiter steigen, Türen waren geöffnet worden, neue Wege lagen vor Dir, die ich Dir gezeigt hatte, und Du gingst diese Wege entlang... Du nahmst das Leben in vollen Zügen, siegestrunken, denn sie war da. Sie ist der Mensch, den Du Dein Leben lang gesucht hast, Du spürst, dass sie die Richtige ist. Ich gehe ein paar Schritte zurück, dagegen komme ich nicht an, und schaue aus der Entfernung, schaue von unten hinauf, wie Ihr Euren Weg weiter geht.

Und die Zeit vergeht...

And by the sea
I'm laying down my hopes
You will conquer it all
Our rise, your fall

Ich schaue nicht mehr von unten hinauf, denn wir sind auf Augenhöhe. Ich schaue aus der Distanz zu Dir, ich sehe, wie Du stärker wirst. Ich sehe, wie Du langsam anfängst, Deine Fesseln abzuschütteln. Ich sehe, wie Du Dich aufrichtest, mehr Mut, mehr Rückgrat, langsam, aber sicher. Ich beobachte Deine Initiation und ich denke nach...

...wie wir irgendwann das haben werden, was wir uns von diesem Leben erhoffen, wie wir losgelöst sein werden von unseren Qualen, wie wir stärker zusammen sein werden, zusammen gehen werden, den Blick nach vorn gerichtet...

Let the shadow swallow all
Let the dark upon us fall

I am fire, I am damage in the making...

Und ich wandere weiter...




post scriptum: "shadowshow" lyrics by iamamiwhoami/jonna lee, taken from this song: