Donnerstag, 1. Juni 2017

Random Steuererklärung

ElsterFormular ist ein Programm, mit dem sogar ein vor Bürokratie in die Knie gehender Hochbegabter seine Steuererklärung ganz einfach selbst machen kann. Naja, fast einfach...

Ich sitze bis zum Hals in unerledigten Arbeiten, weil mich die Unsicherheit lähmt. Heute habe ich es geschafft, diese Fesseln zu sprengen, und habe einen Arbeitsschwung gehabt. Das war ein spannendes Gefühl: Endlich mal Motivation, etwas zu tun, die bevorstehenden Aufgaben anzugehen, nur wo fange ich an? Der Hochbegabte zögert. Stundenlang. Während jeder andere Mensch schon alles abgearbeitet hat, tüftelt der Hochbegabte noch den genauen Ablauf der Aufgaben durch. Aber diesmal nicht, und ich habe losgelegt.

Von allen Möglichkeiten, seine Lebenszeit zu verbringen, ist das Anfertigen der eigenen Steuererklärung wohl eine der einträglichsten. Liebgewonnene Beschäftigung vieler Lehrkräfte in den Osterferien, stellt sie weit mehr als nur eine Abrechnung mit Vater Staat dar. Sie führt einem das vergangene Jahr noch einmal sehr deutlich vor Augen. Meine diesjährige Steuererklärung spricht Bände und das Anfertigen macht mich nachdenklich.

Das beginnt mit dem Ausdruck der elektronischen Lohnsteuerbescheinigung für 2016, den jeder im vergangenen Jahr Berufstätige schon einmal gesehen haben wird. Das ist normalerweise ein graues Papier, auf dem sich das Kieler Finanzverwaltungsamt dessen rühmt, was es mir an Steuern abknöpfen konnte. Diesmal ist es nicht ein Papier, sondern derer drei, eines für jede Dienststelle, derer ich zugehörig war. Einen Monat St.Peter-Ording, zwei Monate Eckernförde, sechs Monate Neumünster. Und irgendwo dazwischen eine mehrmonatige Lücke in meinem Lebenslauf.

Die erste Abrechnung, SPO, bezieht sich nur auf den Januar, doch kann ich hier die meisten Ausgaben von der Steuer absetzen, denn ich habe in SPO gearbeitet, mehrere Tage in der Woche, aber in Kiel gelebt, und ich bin viel gefahren. Ich werde diese nächtlichen Touren Richtung Westküste nicht vergessen, auch nicht diese nachmittäglichen Rückfahrten, die ich allesamt gern gemacht habe, weil es eine tolle Arbeit war. Auf diese Phase blicke ich gern zurück und ein Lächeln ziert mein Gesicht, während ich die Zahlen per Tastatur in die richtigen Zeilen kloppe.

Ich habe lange an der Idee festgehalten, ich könnte so leben: Drei Tage unterrichte ich mit höchstmöglicher Stundenzahl, habe irgendeine Schlafgelegenheit vor Ort, ich arbeite komplett durch, und dann geht es in die freie Phase, vier Tage Entspannung und Privatleben. Ein Leben mit Gegensätzen, darauf bin ich eingestellt. Aber ich denke, damit wäre ich nicht glücklich geworden, weil es nichts Halbes und nichts Ganzes ist, zwei verschiedene Leben, die ich im Wechsel erlebe. Ich brauche eine Sicherheit.

Die zweite Abrechnung, ECK, beginnt erst am 18.04. - bis dahin habe ich die - für mich - Hölle auf Erden kennen gelernt, Arbeitslosigkeit. Ignorieren. Und zwei Monate ECK angeben, ich tippe schnell und unkonzentriert, denn daran möchte ich nicht zurückdenken. Ich möchte nicht an eine Schule zurückdenken, die ihre Probleme unter den Tisch kehrt, ich möchte nicht an einen Lehrer zurückdenken, dem sein Kurs vollkommen egal ist, ich möchte nicht an einen Schüler zurückdenken, dessen "geistige Konfiguration" weit über sechs Jahre unerkannt geblieben ist, ich möchte nicht an einen Schulleiter zurückdenken, der mich wider besseren Gewissens eingestellt hat, ich möchte nicht an die gewaltige Diskrepanz jener Schule zwischen Außenwirkung und Realität in den eigenen vier Wänden zurückdenken. Ich habe keine Steuern bezahlt, sondern das Geld zusätzlich zu meinem Arbeitslosengeld verdient. Hätte ich mal besser nicht gemacht.

Die dritte Abrechnung, ich wünschte, sie symbolisierte meine Zukunft. Ich trage einige Monate Arbeit in Neumünster ein, und während die Zahlen im Elster-Formular an ihren Platz fallen, wird mir wieder die Jobsituation bewusst. Ich habe meine Bewerbungen im pbOn noch nicht aktualisiert. Ich habe keine anderen Schulen kontaktiert. Ich möchte nicht schon wieder alles neu starten müssen, es muss einen Weg geben, in Brachenfeld zu bleiben.

Meine Friseurin drei Etagen tiefer hat mir heute nochmal die Gemeinschaftsschule Hassee und die Klaus-Groth-Schule empfohlen; letztere hat ernsthafte Probleme: Kaum männliche Lehrkräfte bei einer Schülerschaft, die männliche Bezugspersonen dringend braucht - Stichwort Brennpunkt. Eigentlich müsste ich davon angezogen werden wie Fliegen von einem riesigen Haufen Scheiße. Sorry, aber diese Metapher kam direkt vom Gehirn auf die Tastatur, ich kann gegen dieses Ding in meinem Kopf nichts machen. Was tatsächlich dagegen spricht, ist die Schulform - nämlich mit Grundschule. Ich bleibe dabei, dass ich erst ab Klasse 7 aufwärts richtig gut funktioniere (auch wenn die 5a und die 6d das vielleicht anders sehen).

Aber, ganz ehrlich, ich möchte mich einfach nicht mit dem Gedanken auseinandersetzen, eine neue Schule suchen zu müssen. Bei mir bricht gerade eine Welt zusammen und es ist immer so zeitaufwändig, das alles wieder aufzubauen.

Bleibt die Hoffnung, dass die nächste Steuererklärung wieder unkompliziert wird.

post scriptum: Herr Leinhos wird jetzt etwas verwundert sein, weil ich "Poetisches" angekündigt habe. Wie das nun mal ist mit diesen Hochbegabten und ihren Stimmungsschwankungen - das Poetische ist zu 2/3 fertig und wird irgendwann hier erscheinen, aber ich bin über den Stimmungsumschwung zur Steuererklärung ganz froh, das wertet den Tag auf.

Mittwoch, 31. Mai 2017

Mit viel Liebe und LRS

Leider nichts weiter als Altpapier in den verantwortlichen Händen...

Ich kann zur Zeit oft nicht die Lust aufbringen, hier etwas zu schreiben, obwohl in meinem Kopf viele Artikel bereits fertig wären. Es ist die allgemeine Unlust, die Frage nach der Sinnhaftigkeit. Heute haben Schüler mir den Job abgenommen.

Nachdem (sehr zum Unmut der Schulverantwortlichen) bekannt geworden ist, dass ich wahrscheinlich nicht an der Schule werde bleiben können, haben einige Schüler versucht, sich zu äußern. Eine Kollegin hatte vorgeschlagen, dass sie dies mit Briefen an die Schulleitung machen könnten; sie haben das gemacht - ebenfalls zum Unmut der Verantwortlichen. Damit das nicht wieder vorkommt, haben sie mir den letzten Brief gegeben, damit zumindest ich weiß, was in ihren Köpfen vor sich geht. Und ich kann nur erahnen, wie hilflos man sich in solch einer Situation als Schüler fühlen muss.

Und dieser Gedanke - dass all sowas in der Schule nichts zu suchen hat, Privates und so, und dass all sowas lieber geheim bleiben sollte, weil man den Schülern mit der Information keinen Gefallen tue - all das kommentiere ich besser nicht mehr. Ein offener Brief ist in Arbeit, aber wie ich mich kenne, wird es schon reichen, ihn zu schreiben, um mein eigenes Unverständnis zu äußern. Ich denke nicht, dass ich ihn noch veröffentlichen werde.

Und hier also dieser Schülerbrief, nochmal als Transkript, weil ich nicht weiß, wie gut man das Bild wird erkennen können:

"DR HILARIUS DARF NICHT GEHEN!

Der mittlere englisch Kurs hat mitbekommen das Dr Hilarius vieleicht gehen muss. Aber das wollen wir nicht und deswegen haben wir agomente gesamelt. Die sie vieleicht umenscheiden kann.

Dr Hilarius soll bleiben weil: er der eizichste Lehrer ist der wirklich zuhört wenn man ein wirkliches problem hat. Weil unser Noten spiegel höher gekommen ist.
Wir freuen uns jeden Tag English zu haben mit Dr Hilarius. Dr Hilarius ist der beste Lehrer der Welt! Er ist der einzichste denn ich meine Probleme erzählen kann und niemand will aus dem Kurs das er geht! und übrigens er ist der einzichste der so gut unterrichten kann. Früher im englisch unterricht (5-6) war ich nicht so gut weil der unterricht langweilig war. und in der 7. bin ich immer besser geworden weil der unterricht spannen ist!

Wir hoffen das er nicht geht. Wir wollen kein anderen Lehrer als Dr Hilarius!

In traurigen grüßen von dem mittleren englisch Kurs"

Mir fällt es nicht ganz so leicht, ein cooles Gesicht zu bewahren, wenn eine Schülerin mir das in die Hand drückt und in dem Kurs sowieso nur noch Endzeitstimmung herrscht. Unprofessionell, ja ja, unprofessionell am Arsch!

post scriptum: Hat eigentlich jede Fernsehserie eine "Time Loop"-Folge, in der sich ein Tag immer wieder wiederholt, nur mit kleinen Variationen? Das haben wir im Kino gesehen ("Groundhog Day" - "Und täglich grüßt das Murmeltier") und es ist mir nach der Twilight Zone und Xena heute auch bei Akte X aufgefallen.

Samstag, 27. Mai 2017

Silicon Sally

Silicon Sally - diese Dame verspricht pure Handwerker-Erotik!

Letzte Nacht konnte ich nicht schlafen. Nach dem Freizeitparkbesuch kam die Meditationsnacht, die wirklich unglaublich entspannend, atmosphärisch-mystisch war, es ist himmlisch, all' die Erlebnisse des Tages noch einmal durchzugehen, teilweise vor dem geistigen Auge noch einmal wie im Original zu erleben, in aller Ruhe, mit toller Musik dazu... und so war ich etwa gegen vier Uhr morgens durch mit dem "Programm" und wollte mich schlafen legen, für sieben Stunden zumindest, bis mir der Kollege heute die restlichen Abiklausuren vorbeibringt - aber Pustekuchen. Um 4:30 a.m. kommen die Vögel da draußen richtig in Stimmung, da wird der Lärm vom Vögeln von drinnen nach draußen verlagert (sorry, musste gerade sein, mir ist nach geistigem Brechdurchfall). Also habe ich die Fenster geschlossen, mit halber Saunahitze in der Wohnung und der Körper immer noch aufgeheizt von der Freizeitparksonne. Und habe da gelegen, mal in diesser, mal in jener Position, und um half past ten klingelte es. Zweimal. Postmann und so... (und irgendjemand da draußen realisiert gerade, dass Dr Hilarius mit seiner fünften Klasse vor Kurzem die Uhrzeiten behandelt hat) - und dann wollte ich gar nicht mehr einschlafen.

Etwas Zeit war noch totzuschlagen, also habe ich endlich mal meinen Arsch hochbekommen und meine letzten beiden Fenster mit der UV-Schutzfolie beklebt - gerade weil es jetzt wirklich heiß hier oben auf der Weltraumbasis wird. Dazu war ein bisschen Möbelschieben nötig, und ein bisschen Umräumen des Wohnungsequipments, aber letztlich hat es geklappt, und unter einer Welle von Fixierflüssigkeit a.k.a. Seifenlauge habe ich die beiden Folien an die Fenster gebracht, ausgerichtet und glattgerakelt - in der Hoffnung, dass ich jetzt die eine oder andere Saison mit nicht ganz so hohen Temperaturen aushalten muss; der Unterschied ist wirklich deutlich spürbar, dafür hat sich die Investition gelohnt.

Leider gab es diesmal ein kleines Problem, und zwar dass bei beiden Fenstern der Fensterkitt unten zu weit nach oben aufgetragen war und die Spiegelfolie sich dort nicht mehr am Glas anschmiegen konnte, sondern auf dem Kitt auflag. Das ist katastrophal, denn dann ist ein Ablösen der Folie in kurzer Zeit vorprogrammiert. Die beste Strategie dagegen lautet Silikonmasse aus dem Baumarkt, mit der man die Kanten fixiert und abdichtet.

Ich hatte Silicon Sally, meine Klebepistole, hier schon von den ersten Fenstern liegen, wo diese Maßnahme allerdings nicht nötig war - diesmal aber hat es sich gelohnt, und so habe ich mit Latexhandschuhen die Silikonmasse schön gleichmäßig auf Fensterkitt und Folie verstrichen. Erotik pur, mit freiem Oberkörper, weil es oben bereits heiß war. Was sollen nur die Nachbarn denken - ach nein, die hat es hier ja eh' nicht mehr, die haben die große Buba und ich schon längst totgelacht. Außer dem Knaben von nebenan, der müsste hier später noch zwei Pakete abholen, die Rückschlüsse auf sein Leben erlauben - ich liebe es!

Home improvement rocks!

Fünfzehn Überschläge

Da fliegen sie...

"Boah, guck mal da oben die beiden Männer, die drehen total durch!"

Das hat der eine Mann gerade noch so mitbekommen, der andere nicht, denn der war wirklich am Durchdrehen und hat jegliche Koordination verloren. Aber vielleicht sollte ich am Anfang anfangen...

...und so langsam wird das Wetter richtig sommerlich, und ich möchte die ganze Schulscheiße einfach nur noch von mir werfen, und so war es die richtige Entscheidung, zuzusagen, als mein Cousin mich bei Facebook angetickert hat. Ob ich am Himmelfahrtswochenende schon etwas vorhätte, und ob wir nicht einfach mal wieder in den Hansa-Park fahren wollen.

Ich habe hier vier Stapel Klassenarbeiten, die bei uns Tests heißen, zu liegen und ein schlechtes Gewissen, weil ich noch nicht richtig mit der Zweitkorrektur für's Abi losgelegt habe. Ich müsste eigentlich arbeiten. Aber momentan funktioniere ich sowieso nicht richtig, weil meine Zukunft unsicher ist, und dann ist mir alles irgendwie scheißegal, hat doch alles eh' keinen Sinn. Und daher denke ich mir, scheiß' drauf, Du warst in dieser Saison noch kein einziges Mal im Freizeitpark, weil Du Deinen Finger schonen musstest, jetzt kannste endlich die Bremsen lösen und abdüsen, nutz' die Chance. Leb' mal ein bisschen.

Also habe ich zugesagt. Obwohl ich gestern einen Schülerbesuch hatte und mein Bedarf an sozialer Interaktion eigentlich gedeckt war. Und obwohl Meditationstage waren - danach muss mein Körper sich erstmal regenerieren (weil ich wenig esse, Kreislauf und so). Aber das musste sein, ich musste raus, und ich wollte endlich einen Sky Fly aus dem Hause Gerstlauer ausprobieren. Insider geben Daumen hoch, das Teil ist genial.

Die Saison hat für mich begonnen.

Endlich wieder Freizeitparks. Ich fühle mich dort so wohl, ich genieße das Gemenge aus multisensorischem Input und wissenschaftlichen Überlegungen zu den Fahrgeschäften. Ich liebe es. Ähnlich wie S-Bahn-Fahren. Meistens gehe ich allein in den Park. Wenn es eine neue Attraktion gibt, sei es ein Karussell, eine Achterbahn, whatever, möchte ich mein erstes Mal ganz allein, ganz für mich erleben. Diese Gedanken waren durchaus präsent, als mein Cousin in den Wagen stieg. Ich nenne ihn aus unerklärlichen Gründen Kleist. Wenn er das hier liest, kichert er und wackelt mit den Armen. Das ist ein ähnliches Ritual wie das Klospülen mit der großen Buba, die gerade die Toskana plattrollt.

So gondeln wir also los und sehen ein Umleitungsschild. Wär' ja auch langweilig, die B76 hat einen Ruf zu bedienen. Also fahren wir tatsächlich über die Abfahrt Richtung Lebrade, verlassen den gewohnten Weg und fahren durch Dörfer, die niedlich sind. Kaum zu glauben, wir fahren durch ein Fünfzig-Seelen-Dorf, das eine seiner Straßen tatsächlich Vorstadt nennt. Ich liebe es. Und wir fahren weiter, kotzen uns aus über das Regelschulsystem, über G8, denn Kleist ist auch Lehrer. Jetzt sogar offiziell, mit einem viiiieeeel besseren Examen als Dr Hilarius und viiiieeeeeeel besseren Berufsaussichten - und ich gönne es ihm von ganzem Herzen, und das meine ich ehrlich! Der Junge gehört an die Schule, und zwar an ein Gymnasium, da kann er viel bewirken. Tut er auch, ich habe ihn unsubtil darauf hingewiesen, dass er direkt in seinen Enddreißiger-Burnout steuert, wenn er so weiter macht. Aber wir sind ja beide alt, da fällt das nicht so auf.

Und beim Thema Alter (mittlerweile hatten wir Plön erreicht und waren wieder auf die B76 eingeschwenkt), da ist mir eingefallen, dass ich die Batterien meiner Kamera austauschen musste. Andersherum. Ich hatte den Rucksack zwischen den Beinen und die Batterien ausgetauscht, um ein Foto für diesen Blogeintrag zu machen (und habe es dann vergessen, weil ich so intensiv im Flow-Erleben war). Und dann meinte ich zu Kleist, dass ich noch eine Batterie übrig hätte, um seinen Herzschrittmacher wieder auf Vordermann zu bringen, aber er wiegelte ab. Und diese leere Herzschrittmacherbatterie wurde zu einem running gag den ganzen Tag über, sei es nun bei Hinweisschildern zu Sicherheitsvorkehrungen oder bei einem Stromkabel, das irgendwo aus der Wand herausragte.

Ich sitze hier noch ewig, wenn ich alle Details erzähle, und das will doch keiner lesen! Aber erwähnenswert war, wie supergut dieser Tag war (in Anspielung auf den Roman Supergute Tage zum Thema Asperger):

Erstes Fahrgeschäft: Rasender Roland, und gleich bei der ersten Fahrt hatten wir im Looping das Date mit Nessie. Manche Leser werden das verstehen. Das ist ein irrer Moment: Man ist noch lahmarschig-sackbräsig von der Autofahrt, sitzt im Achterbahnsitz (mit neuen Bügeln zur Saison 2017) und wird den Lifthill hinaufgezogen, plötzlich realisiert man: Wir sind in einer Achterbahn! Warum machen wir das eigentlich gerade, ah, jetzt gehts abwärts, Kontrollverlust und GENAU in diesem Moment fliegt einem der Nessie-Zug so dicht am Kopf vorbei, dass man meint, abklatschen zu können - mit den Leuten, die da gerade kopfüber über mich hinwegsausen. Ein sehr geiles Element, wenn man es wertzuschätzen gelernt hat, ungewöhnlich und damit symptomatisch für den Hansa-Park, der gern ungewöhnlich baut. Irgendwann kommt dieser Kärnan-Review!

Also, das Date im Loop, das geile Wetter, die genau richtigen Anstehzeiten, es hat einfach alles gepasst, die olle Areté wäre stolz (Herr Leinhos versteht das, mir fehlen immer noch die Schriftzeichen, aber ich bin heute in so vielen verschiedenen Positionen arretiert worden, da kann ich nicht auch noch nach Schriftarten suchen).

Ich möchte nur ein Ereignis herausheben, nämlich die "Haupt"-Neuheit des Hansa-Park in der Saison 2017. Der Park hat seit 2009 ein Techtelmechtel mit Gerstlauer Amusement Rides, und hier darf man wirklich von einer erfolgreichen Kooperation sprechen. Der Fluch von Novgorod, Die Schlange von Midgard, Der Schwur des Kärnan und jetzt eben das Kärnapulten stammen alle von den Müsterländer Profis mit dem Hang zum Unkonventionellen (yeah, friss' das, Bolliger&Mabillard). Das Fahrgeschäft trägt den Modellnamen Sky Fly und ist eine Weiterentwicklung des vor einigen Jahren erfundenen Sky Roller.

Zwölf Sitze sind an einem großen Arm montiert, der wie ein Katapult aussieht - überhaupt ist das Fahrgeschäft perfekt zum Kärnan passend thematisiert. Wir erreichen hier ein relativ hohes Niveau für einen Park dieser Größe, nach und nach (spätestens seit Kärnan mit der ziemlich genialen Weltneuheit) schaut man sich international gern mal Richtung Sierksdorf um, wenn man eine Theme Park World Journey startet (ein Traum! Aber ich habe nicht genug Geld dafür).

Es sind Einzelsitze; das Kärnapulten-Erlebnis ist ein wahrer Ego-Flug. Ich setze mich in den bequemen Sitz, mein eigenes kleines Flugzeug, und schließe den Schulterbügel. Links und rechts neben mir habe ich Flügel, Tragflächen, die ich selbst bewegen kann: Ich kann sie unter einem markanten klack-klack-Geräusch rauf- und runterstellen. Wozu das wohl gut ist? Aerodynamische Gedanken feuern die Vorfreude an... die Fahrt beginnt, die zwölf Flieger werden ein Stück in die Höhe gehoben. Alles ist ruhig - dann klickt es - und die Sitze fangen an, frei zu schwingen: Sie können sich 360° um die Herzlinie drehen. Wie man sie zum Überschlag bekommt? Durch kluges Bewegen der Tragflächen - aha! Dazu kann man sie also vor- und zurückklappen, dafür das klack-klack.

Ein Paradies für den Hochbegabten, der sich während der Wartezeit überlegt, wie das System funktioniert. Er entwickelt eine Theorie und leitet daraus eine Strategie ab. Er hat einen Plan, wie er die Flügel bewegen will, eine konkrete Idee, wie es sein muss, um möglichst schnell zum Überschlag zu kommen. Aber muss man das denn? Nein, und das ist das Geniale: Die Intensität dieses Fahrgeschäfts sucht jeder Flieger sich selbst aus. Man kann einen sehr coolen Höhenflug mit einer tollen Aussicht genießen - oder man macht es wie der Hochbegabte.

Die Sitze sind also "freigeschaltet", ich warte noch, ich genieße den Moment. Der Arm beginnt, sich zu bewegen. Ich steige immer höher in die Luft auf, atme noch einmal tief durch und dann geht es los. Ich wende meine Strategie an (und verrate sie hier bewusst nicht, damit jeder es selbst ausprobieren kann, das ist ein richtiges Spielzeug!) - und sie geht auf. Ich schwinge nach links, nach rechts, nochmal links und schon gelingt mir der Überschlag. Einer? Reicht nicht (gestern war Einer toll) - meine Strategie beinhaltet das Ziel, den Rekord zu brechen, und ich ziehe sie durch. Ich merke, wie die Überschläge immer schneller und schneller werden, ich werde mittlerweile richtig in den Sitz gedrückt. Ich habe jegliche Orientierung verloren, ich weiß nicht mehr, wo ich bin, wer oder wie viele. Ich drehe mich schneller und schneller. Dann allerdings entschließe ich mich, die Strategie abzubrechen, nein, heute keinen Rekordversuch, der Magen meldet sich - ich lasse die Tragflächen los und sie klappen in die Ausgangsposition zurück. Die Überschläge werden langsamer, ich pendele mich wieder in horizontaler Lage ein. Die Sitze werden arretiert, die Fahrt endet. Ich steige aus: Am Ausgang ist eine Anzeigetafel, die genau anzeigt, wie viele Überschläge jeder einzelne Flieger geschafft hat. Ich bin stolz - meine erste Fahrt, es sind fünfzehn. Meine Theorie ist aufgegangen. Wissenschaft in action. Bei dieser Fahrt war ich Rekordhalter, aber Kleist neben mir hat dreizehn Überschläge geschafft, das ist fast genauso gut! Wer das mal in Aktion sehen möchte:


Kurzum: Es sehr geiles Teil. Man hat selbst die Kontrolle über den Flugverlauf - das finde ich reizvoll (und ich weiß, die Sannitanic hat zuhause einen Mann sitzen, der dieses Fahrgeschäft LIEBEN wird). Dieses irre Erlebnis, kombiniert mit meiner Kleist-Manipulation (denn ich wollte, dass er möglichst viel Vergnügen aus seiner ersten Kärnan-Fahrt bekommt), das war rundum ein superguter Tag. Ich bin glücklich und dankbar, dass man auch in so einer beschissenen Gesamtsituation noch so viel Spaß haben kann.

Rock on, die Saison hat gerade erst begonnen!

Donnerstag, 25. Mai 2017

Einer

Auch diesmal geht es ein bisschen um Lehrer als Privatmenschen.

Ich war aufgeregt. Ich war damals richtig aufgeregt, denn meine Englischlehrerin - ich nenne sie hier Frau Goethe - hatte zum Kurstreffen eingeladen. Was soll ich nur anziehen? Wie wird es bei ihr aussehen? Es gibt sie auch als Privatperson? Wie ungewöhnlich, denn unsere Lehrer waren in der Regel sehr bemüht, ihr Privatleben zu verbergen. (mir wäre das zu anstrengend) Ob Frau Goethe ein großes Haus hat? Wie wohl ihre Inneneinrichtung aussieht, ob sich da ein bestimmter Stil abzeichnet? Ob es gemütlich ist?

Ich war kurz davor, meine Lieblingslehrerin privat kennenzulernen. Sie war erst seit zwei Jahren an der Schule, ganz jung, direkt nach dem Referendariat mit dem Wunsch, die Welt zu verändern - zumindest für ihre Schüler. Und sie war eine tolle Lehrerin (in Richtung Frau Reichelt), sie hat es geschafft, dass ich nach einer intensiven Mobbing-Phase endlich wieder Spaß an Schule hatte. Sie hat sich ihren Schülern als Mensch präsentiert, und das ist definitiv keine Selbstverständlichkeit.

Und dann kam ich in ihr Wohnzimmer. In guter HSP-Manier habe ich alles um mich herum intensiv wahrgenommen. Die Beleuchtung, die Bücherregale, den Kamin. Ein Gespräch fand natürlich statt, aber parallel schaute ich mich in dem Wohnzimmer um und versuchte, Frau Goethe noch mehr zu verstehen. Was hatte wohl dieses Teil da hinten zu bedeuten? Warum sie wohl die Spiegel abgehängt hat (hatte sie nicht)? Es war, als würde mir die Wohnung etwas über Frau Goethe erzählen, und ich fand es toll. Wahnsinn! Ich lernte meine Lehrerin als Privatmensch kennen! Für mich eine völlig neue Situation, und ich sollte an jenem Abend viele Denkimpulse mit nach Hause nehmen.

Sechzehn Jahre später und ich habe die Seiten gewechselt. Jetzt bin ich der Lehrer, mit einer Wohnung, die ganz wunderbar mein Seelenleben widerspiegelt, und lade einen ehemaligen Schüler zu mir ein. Was für ein Gefühl, das Ganze jetzt von der anderen Seite zu erleben! Meine Wohnung sieht chaotisch aus, und ich überlege für einen Moment, ob ich nicht aufräumen sollte. "Was sollen denn die Leute denken?" höre ich meine Mutter im Geiste fragen. Doch dann entscheide ich mich dagegen. Ich beschließe, ihm eine authentische Hochbegabtenwohnung zu präsentieren - denn auch er ist hochbegabt. Ich nenne ihn "Einer" (kleiner Seitenhieb auf "Ach, der Kurs ist nicht dolle, die sind alle echt schwach. Da ist gerade mal einer, der kann ein bisschen was, aber den Rest kannste vergessen").

Und so war Einer heute bei mir zu Besuch. Schlechter Gastgeber, der ich bin, hatte ich natürlich nichts zum Anbieten außer Leitungswasser - aber Hochbegabter, der er ist, hatte er bei diesem Treffen sicher andere Dinge im Kopf als Essen und Trinken. Die Gesprächsinhalte haben in diesem Blog nichts zu suchen, wohl aber die Gedanken an Frau Goethe damals. Da waren Parallelen. Wie muss Einer sich wohl gefühlt haben?

Genervt vom Verkehr und der Parkplatzsituation? Im Treppenhaus dem leichten Duft nach Räucherstäbchen folgend? Und dann ist da die offene Tür, und Einer kommt herein und sieht - Alles. Ich habe in meiner Wohnung nichts zu verbergen, und ich bin sicher, dass Einer ganz intensiv die Eindrücke wahrnimmt, die Wandbehänge, die Wandtattoos, die Form der Wohnung, die Konzentration auf die Farbe Schwarz.

Und ob Einer wohl versucht hat, sich abzuleiten, wie das Leben des Dr Hilarius aussieht? Und ob er wohl versucht hat, Ticks zu erkennen, die ihm sonst nur bei sich selbst aufgefallen sind? Und ob er Dr Hilarius jetzt so als "authentisch" wahrgenommen hat wie ich damals Frau Goethe? Ich hoffe es, denn es unterfüttert diese Studie, die da behauptet, dass das Lehrer-Schüler-Verhältnis ausschlaggebend für einen sichtbaren Lernerfolg sei. Und dass es vielleicht ja doch eine Strategie des Dr Hilarius ist, um seine Schüler für den Unterricht zu begeistern.

Dass er sich als Mensch zeigt.

post scriptum: Ich vermute mal, Einer wird diesen Beitrag früher oder später lesen und er könnte mich womöglich in allen Punkten widerlegen, die seine Gedankenwelt betreffen. Aber vielleicht funktioniert das ja wirklich alles nach Mustern, die immer wieder auftauchen. Und so sind wir "Jenseits der Norm", wie Frau Brackmann sagt, aber unter uns vollkommen normal, und vor allem: vollkommen OK.

Mittwoch, 24. Mai 2017

Es klatscht, aber keinen Beifall

Eigentlich hätte ich auch mitlaufen können, ich hab ja endlich wieder Schuhe. Aber ich wollte der "Baumdame" helfen, die das mit organisiert hat.

Es gibt da etwas, das nennt sich Sponsorenlauf. Viele Schulen nehmen an so etwas teil, erfreulich viele Schüler haben auch bei uns teilgenommen, aus allen Klassenstufen. Man holt sich dabei einen Sponsorenvertrag ab, der Sponsor können Eltern sein, aber auch jeder, der sonst noch bereit ist, für jede gelaufene Minute einen Betrag für die Schule zu spenden.

Heute war es also ein wunderbares Wetter und eine ausgelassene Stimmung, ein Hauch von Musik in der Luft, es ging in erster Linie um den Spaß an der Sache. Startschuss um half past ten, Schlusspfiff um twelve o'clock. Und mehrere hundert Schüler haben bis ganz zum Ende durchgehalten, auch einige meiner Schüler, denen ich das nie zugetraut hätte. Toll, wenn man als Lehrer auch mal richtig stolz sein darf!

Ich war einer von mehreren Streckenposten, habe (mehr oder) weniger angefeuert und die gelaufene Zeit quittiert, wenn jemand in meiner Nähe aufgegeben hat. So sind also über tausend Schüler über einen Fußweg von gut einem Meter Breite an mir vorbeigelaufen. Für mich der absolute Horror:

1. Ich mag es nicht, wenn mir Menschen zu nahe kommen, erst recht keine Menschen, die ich nicht kenne.

2. Es haben mich unzählige Schüler mit Namen gegrüßt, die ich noch nie gesehen habe. Ich grüße keine unbekannten Menschen zurück.

3. Viele meiner Schüler und auch ein paar der unbekannten wollten abklatschen, high five und so'n Tüddelkram, und ich mag niemandem die Hand geben, den ich nicht kenne, und ich mag es erst recht nicht, wenn man zwanzig Zentimeter vor mir ruft: "Los Dr Hilarius, abklatschen!" und mir die Hand mitten vor das Gesicht hält.

"Ja, gleich klatscht es hier wirklich", denke ich mir, versuche zu lächeln, bekomme aber angesichts des nicht enden wollenden Stroms aus Schülern langsam ein bisschen Angst und schaue weg, bis sie vorbei sind. Immerhin hatte ich nette Gesellschaft in Gestalt der Frau Heißauf (heiß auf einen Typen, dessen Namen ich schon wieder vergessen habe).

Unterm Strich war es ein schöner Tag, und ich bin stolz auf mich, dass ich mich nicht wegen der Ausrede "Korrekturberge" vor meinem Job als Streckenposten gedrückt habe. Das wäre einfach mal scheiße und unkollegial, denn jene Sportkollegin, die das Ganze organisiert, gibt sich seit meinem Auftauchen an der Schule Mühe, mich zu unterstützen.

Ändert nichts daran, dass hier die Abiklausuren liegen und vier ganz frische Stapel Klassenarbeiten. Mache ich aber nicht morgen, auch nicht übermorgen, die Tage sind verplant. Und ich mache das auch nicht jetzt; ich werde jetzt weiter an meinem zweiten Jürgen-Brief schreiben. Ich möchte unbedingt an dieser Schule bleiben...