Donnerstag, 11. Mai 2017

Schwarz färbt ab

Wie geil: Mittlerweile gibt es selbst meinen favorisierten Nagellackentferner in schwarz!

Vorwort: Bei den X-Files gibt es zwei Typen von Episoden. Sogenannte "Monster-of-the-Week-Episodes", die keinen Bezug zur Geschichte im Hintergrund haben, sondern unabhängige Fälle berichten, und "Mythology"-Episoden, die den über die gesamte Serie hinweg ragenden Storybogen fortführen. Ähnlich kommt es mir gerade in diesem Blog vor: Es gibt Beiträge, die wie Tagebucheinträge fungieren - die von meinem täglichen Auf und Ab berichten und gern kitschig und emotional sind und wahrscheinlich für manch' einen Leser sehr albern wirken. Und dann gibt es solche, die einzelne Themen behandeln, und die ich von allzu emotionalen Komponenten freizuhalten versuche. In der Literatur würde man wohl von "comic relief" sprechen, mal mehr, mal weniger komisch. Heute geht es um die schwarze Seuche, und ich blende wieder alles aus, was irgendwie belasten könnte. Das ist absolut notwendig, um überhaupt einigermaßen funktionieren zu können.


Wie Schüler so sind:

Er hat noch nie Kajal getragen. Jungs machen sowas nicht. Er ist noch nicht einmal auf die Idee gekommen, Kajal zu benutzen. Aber jetzt musste es einfach mal sein, er wollte einmal wissen, wie sich das so anfühlt, und was die Anderen sagen. Und er hat sich einen neuen Sitzplatz gesucht: In der ersten Reihe, direkt vor dem Lehrerpult, und war immer voll bei der Sache.

Sie hat zum ersten Mal in ihrem Leben eine schwarze Haartönung ausprobiert. Was ihre Mutter davon gehalten haben mag? Egal, sie hat es gemacht, und hat nun schwarze Haare. Sie möchte wissen, wie das bei ihren Mitschülern ankommt. Sie hat sich nicht in die erste Reihe gesetzt - aber sie hat hinten aufmerksam gesessen und dem Unterricht zugehört, und sich ab und an einmal gemeldet. Anders als in den Fächern, in denen sie weiterhin ihre "Fickt euch alle"-Attitüde zur Schau stellte.

Er hat Nagellack aufgetragen. Natürlich schwarz, fein säuberlich - und fällt damit auf. Welcher Junge lackiert sich die Fingernägel? Was sein Vater sich wohl gedacht haben mag, als er das gemacht hat. Ich vermute, er konnte ihm eine überzeugende Erklärung liefern, genauso wie er von da an eine verdammt gute Unterrichts-Performance abgeliefert hat, ohne Angst davor, sich zu melden und etwas Falsches zu sagen.

Sie geht mit Kopftuch in die Schule, denn das ist eine Tradition, die sie wahren möchte. Doch seit ein paar Wochen trägt sie vermehrt schwarze Kopftücher und findet das sehr elegant. Und endlich, endlich meldet sie sich im Unterricht, sie gibt richtige Antworten und strahlt, wenn sie dafür gelobt wird: Ein Gefühl, das sie vorher nicht kannte.

Wie Schüler eben so sind, wenn ein neuer Lehrer an die Schule kommt. Natürlich ist dieses Verhalten nicht unerklärlich. Natürlich zeigt es, dass Schüler selbst aussuchen, wen sie sich zum Vorbild nehmen. Natürlich bekräftigt es, dass die Vorbildfunktion, die der neue Lehrer ganz nebenbei eingenommen hat, wenig zu tun hat mit der Vorbildfunktion, die ihm das IQSH vermittelt - nämlich dass er keine auffällige Kleidung tragen soll, dass er zum Beispiel keine kurzen Hosen tragen soll (Quelle: Referendariatsbroschüre im Jahr zweitausendzwölf), um die Schüler nicht vom Unterricht abzulenken und um eine gesunde Distanz zwischen Schülern und Lehrkraft zu wahren. Um zu signalisieren, dass er eben keiner von ihnen ist. Natürlich zeigt es auch, dass die professionelle Distanz zwischen Schülern und Lehrkraft nicht bedeuten soll, dass man als Lehrer nicht zeigen darf, dass man auch ein Mensch ist. Nichts davon überrascht, und so wird das Schwarz auch an eventuellen zukünftigen Schulen abfärben.

Was ich allerdings bemerkenswert finde, ist, dass diese "Verseuchung" stattfindet unabhängig von der Schulart, unabhängig vom sozialen Hintergrund oder häuslichem Bildungsstand, unabhängig von der Klassenstufe und unabhängig vom Geschlecht der Schüler. Sie zeigt uns, dass jeder Schüler individuell ist, dass wir sie nicht in Schubladen werfen sollten ("Jungs tragen kein Kajal!"), sondern jeden mit seiner individuellen Seelenwelt wahrnehmen.

Und auch das ist eigentlich nicht überraschend.


post scriptum: Ich habe heute nichts geschafft. Ich hatte keine Ahnung, wie lange es dauert, diesen Brief an die Schulleitung zu schreiben. Nach jedem "Akt" habe ich eine Pause gemacht - weil es eben doch belastend ist. Aber ich wollte alles drin haben, ich wollte, dass der Leser versteht, wie sich die letzten zehn Monate für mich angefühlt haben. So wie ich das an dieser Stelle geschrieben hatte. Und das braucht scheinbar sieben eng computergeschriebene Seiten.

Anlass für diesen Beitrag? Der Satz einer Schülerin: "Sie können jetzt nicht gehen, ich habe gerade angefangen, schwarz zu tragen!" 

Mittwoch, 10. Mai 2017

Passiver Widerstand

passive resistance

Ich habe bisher mit jeder meiner Lerngruppen ab einem gewissen Alter das Thema passiver Widerstand behandelt, egal welches Fach, egal, ob es auf dem Lehrplan steht oder nicht. Wir sollen unsere Schüler zu mündigen Wesen erziehen, dazu gehört, dass wir ihnen einen Sinn für Werte, Rechte und Pflichten vermitteln. Dazu gehört auch, dass sie nichts unhinterfragt lassen müssen und dass sie nicht alles nachäffen müssen, was man ihnen vortanzt.

Dazu gehört auch, dass sie nicht jede Entscheidung, die über ihren Kopf hinweg gefällt wird, unkommentiert hinnehmen müssen. Und meine Aufgabe ist es, ihnen das Prinzip von Widerstand zu erklären. Gewaltfreier Protest. Look it up. Und heute gab es einen schönen Anlass dazu, nämlich meine erste Englischstunde in Klasse sieben nach meiner Zukunftsprognose am Freitag. Und da ich versuche, authentisch zu sein, habe ich nicht direkt mit dem Thema United Kingdom begonnen. Denn es ging mir heute in der Schule extrem beschissen.

Es war der reinste Spießrutenlauf. So unangenehm war die Zeit zwischen den Stunden noch nie. Ich habe mit niemandem gesprochen, wenn es sich irgendwie vermeiden ließ, sondern habe nur auf meinem Platz gesessen und meine Fingernägel angeschaut. Die Pausen habe ich nach Möglichkeit in den Klassenräumen verbracht. Leider war ich noch in der ersten großen Pause zehn Minuten im Stützpunkt, wo wieder diskutiert wurde, wer denn jetzt noch die fehlenden Kurse unterrichten soll, und ob die Kollegen, die meine Stunden übernehmen, nicht noch ein paar Stunden mehr unterrichten wollen.
Ich bin fast geplatzt, ich hätte fast losgeschrien.

Das tue ich mir nicht nochmal an. Das hat dazu geführt, dass ich mit meinen Siebenern erstmal darüber gesprochen habe, warum es mir heute nicht so gut geht, warum ich nicht so laut reden möchte, dass ich vielleicht gehen muss und dann bin ich gegangen, um zu kopieren, weil keiner die Sachen dabei hatte. Draußen bin ich sofort von einer Schülerin abgefangen worden, in Tränen aufgelöst. Sie kann nicht begreifen, warum der einzige Lehrer, dem sie vertrauen kann, jetzt gehen muss. Dann kommt die zweite Schülerin, hält sich ihr Kopftuch vor die Augen, rennt direkt aufs Klo. Sie kann nicht verstehen, warum der Lehrer gehen soll, der in ihr endlich so etwas wie Mut zum Unterricht geweckt hat. Und die nächste Schülerin kommt heraus, knallrot im Gesicht, kurz vorm Platzen. Sie kann nicht verstehen, warum der einzige Lehrer gehen soll, der sie endlich mal versteht.

Und dann habe ich fast losgeheult, weil ich ihnen darauf erstmal keine vernünftige Antwort geben konnte. Nicht, ohne die Kollegen hineinzuziehen, die meine Stunden übernehmen können. Ich habe dann händeringend versucht, ihnen klarzumachen, dass es nicht um Beliebtheit geht. Nicht um Vertrauen. Nicht um Examensnoten. Sondern nur um den Fachbedarf. Dass es ein System fernab der Menschlichkeit ist. Ich habe ihnen versucht zu erklären, was in der Schulleitung schiefgelaufen ist. Das ist alles nicht so leicht, ohne Namen zu nennen. Das trainiert die Contenance, vermutlich.

Ich habe versucht, ihnen klarzumachen, dass wir jetzt alle - irgendwie - ruhig bleiben müssen. Den ersten Schlag erstmal irgendwie wegstecken, auch wenn das echt hart ist. Und dass wir wenig tun können, außer, uns bemerkbar zu machen. Bekannt machen, dass diese Lehrkraft gehen soll. Bekannt machen, warum diese Lehrkraft gehen soll. Ich werde heute Abend endlich mal den kleinen Brief an meinen Schulleiter schreiben und ihm zu erklären versuchen, was da schiefgelaufen ist.

Die Schüler sind bereits aktiv geworden.

Die erste Schülerin hat sich direkt draußen im Flur hingesetzt und gesagt "Dann mache ich jetzt nicht mehr mit. Dann gehe ich auch von der Schule." - und das war für mich ein wunderbarer Anlass, um zu erklären, was man unter passivem Widerstand versteht. Daraufhin haben sich dreizehn Schüler in den Flur gesetzt, Protestbriefe geschrieben und angefangen, Plakate zu basteln, während ich im Klassenraum den verbliebenen Vieren etwas über das UK erzählt habe. Ich habe ihnen gesagt, dass wir das so machen können, dass sie aber in der nächsten Stunde bitte alle Bescheid wissen und die Vokabeln können müssen. Und das werden sie tun.

Als ein paar von ihnen am Ende der Stunde ihre ersten Textentwürfe vorgelesen haben, hätte ich fast wieder angefangen zu heulen und hab' sie alle rausgeschmissen - nicht ohne ihnen zu sagen, wie toll ich das finde (und dass sie BITTE keine anderen Kollegen namentlich mit reinziehen, auch wenn sie vielleicht gerade noch so wütend auf manche sein mögen). Das gibt mir gerade die Energie, die ich brauche, um nicht vollkommen das Handtuch zu werfen. Mal sehen, was ich damit losgetreten habe - denn ich habe den Kiddies klargemacht, dass auch die Eltern in der Sache deutlich werden müssen.

Ich habe mich noch nie so sehr über Leistungsverweigerung gefreut wie heute.

Es ist nicht leicht, sich in so einer Phase nicht einfach seiner Wut hinzugeben. Irgendetwas oder jemanden anschreien, etwas zerschlagen, sich selbst verletzen, um zu spüren, dass das Ganze real ist. Es ist nicht leicht, den Kollegen gegenüber ruhig und gefasst zu bleiben, wenn sie kommen und fragen "Ist alles okay bei dir, du siehst so traurig aus?!" Und die Kollegin, die an meiner Statt bleibt, weiß noch nichtmal, dass ich ihretwegen gekickt werde. Wenn doch, dann wäre sie das unsensibelste, rücksichtsloseste Miststück, das mir je begegnet ist (abgeleitet aus der Art und Weise, wie wir uns heute unterhalten haben, Frau Steigdrauf hat das mit ihren HB-Sensoren natürlich registriert). Und das kann ich nicht glauben wollen. Außerdem wäre es nicht das erste Mal, dass es mit der Kommunikation etwas gehapert hat (Stichwort Klassenstufen).

Weiter ruhig bleiben. Irgendwie.

Der olle Seneca hat mal etwas de ira geschrieben. Wenn ich noch Latein unterrichten würde, könnte ich das jetzt mal lesen.

post scriptum: Und auch, wenn das an dieser Stelle ein extrem selbstmitleidiger Gedanke ist, so ist er eben da - ich wünschte, Er wäre hier und ich könnte mit ihm drüber reden. Aber Er ist bei seiner Freundin und darf nicht mit mir kommunizieren, und so gehen all diese wichtigen Ereignisse in meinem Leben an ihm vorbei - der Autounfall, der Abschied von SPO, die neue Stelle in NMS und diese Phase jetzt. Da meldet sich bei mir wieder die Angst, dass wir irgendwann so weit auseinandergedriftet sind, dass wir nicht mehr zusammen finden, und das nur, weil Er nicht genug Rückgrat (und Vertrauen in seine Beziehung) hat, mich besuchen zu kommen. Weil sie ihm dann die Hölle heiß macht.

Warum müssen Hochbegabte in solchen Situationen eigentlich gleich immer ALLE negativen Faktoren heranziehen? So ein Scheiß! 

Montag, 8. Mai 2017

Geld / Psychosomatisch

Manchmal ist Geld auch einfach schön anzusehen.

"Über Geld spricht man nicht!" - dieser Satz ist mir irgendwie geläufig und dieser Tage wieder in den Kopf geschossen, als unsere assistant teacher Hania from (now) the US mich gefragt hat, was man als Lehrer eigentlich so verdient. Und ich habe überhaupt keine Hemmungen, zu erzählen,

dass ich mit 22,5 Stunden auf Gehaltsstufe 4 netto 2.000€ verdiene. Noch.

Wo ist denn bitte das Problem? Ich hätte eine mögliche Erklärung, die ich in Form eines Gedankengangs notiere: "Naja, wenn mein Gegenüber weiß, wieviel Geld ich verdiene, denkt er ja bestimmt auch darüber nach, wofür ich das ausgebe - nicht, dass ich da Rechenschaft ablegen muss!"

Der Gedanke ist ganz menschlich. Aber ich kann darauf ganz sachlich entgegnen: "Was ich mit meinem Geld anfange, ist meine Entscheidung und ich muss niemandem sagen, wofür ich wieviel ausgebe."

Denn klar würden dann Unterschiede deutlich werden. Wir haben eine ganz individuelle Auffassung von Geld und ganz unterschiedliche Ansichten darüber, was Dinge wert sind. Ich habe ein großes Bild in der Wohnung, Er und ich, ist ein hübsches Motiv. Sollte Er den Weg zu mir wieder finden, möchte ich das Bild auf Leinwand drucken, auf einen Rahmen spannen, damit es mehr hermacht. Klar ginge es günstiger. Aber das ist es mir wert.

Klar ist es eine Verschwendung von Benzin, wenn ich einmal in der Woche in den Hansa-Park fahre (zur Zeit leider noch nicht, aber Fem Finger geht es langsam wieder besser). Aber das ist es mir wert. Klar wäre es mit ziemlichen Kosten verbunden, wenn ich einen Freund auf einen Urlaub einlüde - aber je nach Freund wäre es mir das wert. Klar sind acht Euro für eine Tasse Tee recht teuer - aber es gibt Tee, der ist es mir wert.

Für mich ist Geld meistens nur eine nervige Bremse im Leben, die mich daran hindert, alles zu tun, was ich tun möchte. Dafür gehe ich zur Arbeit und verdiene obiges Gehalt. Und wenn jemand daran interessiert ist, zu erfahren, was eine angestellte Lehrkraft in Schleswig-Holstein so verdient, gebe ich gern Auskunft.

Ich spreche über Geld. Was ich damit mache, bleibt meine Sache.

post scriptum: Den Geld-Beitrag hatte ich bereits vor einiger Zeit geschrieben, nun wird er gepostet und um ein PS in Sachen Psychosomatik ergänzt. Ich liege mit Halsschmerzen und dickem Kopf im Bett. Ich schließe aber aus, dass es etwas Psychosomatisches ist, sowas hat mich bisher (mit einer Ausnahme) noch nie getroffen. Die Lage mag zwar momentan unschön sein, aber ich schiebe es auf keine-Ahnung-was. 

Dabei fällt mir auf, dass es gestern ein richtig schöner Tag war, sonnig und warm, und dass ich endlich wieder mit Shirt und kurzer Hose raus konnte - zur Wahl - dass es aber nachts in meiner Wohnung immer noch sehr kalt ist. Ich habe die Heizung abgestellt, dadurch kühlt es nachts momentan noch sehr stark aus. Ich bin in der letzten Nacht ein paarmal zitternd (aber verschwitzt) aufgewacht. Wird Zeit für Sommer. 

Und der eine Vorfall in Sachen Psychosomatik - das war im Studium, und es war eine recht stressige Phase, in der ich eine Reizdarm-Symptomatik gezeigt hatte. Ich habe versucht, mit verschiedenen Medikamenten dagegen anzugehen, die Ernährung umzustellen, das alles hat nichts genützt - erst ein Wochenend"urlaub" bei meinen Eltern nach ein paar Wochen hat geholfen, danach war alles wieder in bester Ordnung.

Ist es nicht widerlich, wenn man vom Tippen ins Schwitzen kommt? Back to bed.

Sonntag, 7. Mai 2017

Ich wähle... wen???

Bitte lasst es nicht zu, dass die AfD in diesem Land irgendwas zu sagen hat!

Schleswig-Holstein wählt heute seine Landesregierung. Es stehen die üblichen Parteien zur Wahl, und selten habe ich mir selbst die Entscheidung so schwer gemacht wie in diesem Jahr. Ich habe gelernt, dass man unterscheiden muss zwischen Parteiprogrammen und Menschen, die eine Partei repräsentieren. Zum Beispiel muss man sich gut überlegen, ob man die FDP wählen würde, nur weil man ein Kubicki-Fan ist.

Alle Parteiprogramme zu lesen, das dauert mir zu lange. Und es gibt so viele Thesen und Inhalte, zu denen ich überhaupt keine Meinung habe, wie zum Beispiel die Fehmarnbeltquerung oder die Entfernung von Windrädern zu Wohnhäusern. Also habe ich, wie bei jeder Wahl, den Wahl-O-Mat zu Rate gezogen und habe diesmal alle Thesen übersprungen, von denen ich keine Ahnung hatte, und habe mich auf jene fokussiert, zu denen ich eine klare Meinung vertrete - zum Beispiel zum vollständigen Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften, zu G9 und zur Legalisierung von Cannabis (bzw. für einen aufgeklärteren Umgang mit Drogen im Allgemeinen).

Ich war positiv beeindruckt von der Haltung unserer Landes-CDU zum Adoptionsrecht: Entgegen der Bundestendenz setzt sie sich für die vollkommene Gleichstellung von LGBTIWhatever ein. Und Daniel Günther möchte zurück zu G9. Das zeigt zumindest, dass ein Umdenken stattfinden kann - nicht wahr, der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung ändern kann. Sollte ich also etwa CDU wählen?

Nein, dazu ist sie mir dann zum Beispiel in der Drogenpolitik zu konservativ, zu verschlossen, zu wenig aufgeklärt, zu doppelmoralisch, das gefährdet nach wie vor hohe Zahlen junger Drogenkonsumenten. SPD? Nein. Erst Thorsten mit Wara, dann Britta und ich bin bald vielleicht wieder arbeitslos. Diese Partei kommt für mich aus persönlichem Frust in diesem Jahr überhaupt nicht in Frage. Beim Thema Bildungspolitik konnte vor sehr vielen Jahren mal die FDP punkten, zudem hat sie mit Heiner Garg einen recht engagierten schwulen Vertreter, der sympathisch rüberkommen kann. Irgendwie aber kann ich kein Programm bei jener Partei entdecken, nichts, was ich greifen kann.

Im Studium wollte ich Revoluzzer sein, da wollte ich Dinge bewegen, alte Traditionen aus den Angeln hebeln und etwas Neues machen. Weg mit dem Staub der nordischen Bürokratie, hier muss etwas getan werden! Deswegen bin ich in die Hochschulpolitik gegangen, in die FaLi, und ich habe die PIRATEN gewählt. Das klang einfach super, was sie sich vorgenommen hatten, denen wollte ich einmal eine Chance geben. Diese Chance hatten sie nun, und es tut mir Leid, wirklich viel ist dabei nicht herumgekommen. Zu viele ihrer Ambitionen mussten sich den mahlenden Mühlen der Realität beugen.

Die Linke kämpft um den Einzug in den Landtag. Nicht mit meiner Stimme, dafür sind mir dann manche ihrer Einstellungen etwas zu "anti" und hypersozial. Dass ich die AfD nicht wähle, wird der aufmerksame Leser dieses Blogs sich hoffentlich schon gedacht haben. Ich kann nichts anfangen mit populistischen, konservativen, homophoben, ewiggestrigen, reichsbürgerischen, wutmenschlichen "Menschen mit der Forke in der Hand", wie Xavier Naidoo es in seinem schwachsinnigen neuen Song Marionetten so schlecht beschreibt.

Zum ersten Mal in meinem Leben wähle ich B'90/Grüne. Das liegt nicht an Anton Hofreiter, der ich schon seit Monaten gern und aufmerksam verfolge und sehr sympathisch finde. Und ich wähle die Partei trotz Monika Heinold, die als Finanzministerin im Norden nicht nur positiv in Erscheinung getreten ist. Auch liegt es nicht daran, dass ich jetzt auf einmal mein Interesse an biologisch wertvollem Gedankengut gefunden hätte.

In den Punkten, die mich betreffen bzw. die mich interessieren, halte ich die Haltung der Landes-Grünen für am sinnvollsten. Daher schnappe ich mir jetzt meinen Wahl-Zettel und setze meine Kreuze zur Land-Tags-Wahl.

Du auch?

post scriptum: Muss auch mal genug sein mit dem Gejammere hier. Vorgestern und gestern Landunter, das reicht. Dennoch geht die Strategie des Vermeidens weiter, um die Zeit bis zur Antwort zu überbrücken. Also: Übernatürliche Fälle mit Scully und Mulder lösen und mit Serah und Noel die Welt retten. Abwarten und Tee trinken.

Samstag, 6. Mai 2017

Die Flucht

Im Studium bin ich in solchen Phasen gern zum Kronshagener Eichhof-Friedhof gegangen, das hat mich beruhigt.

...und dann gibt es diese Phasen, in denen ich Sicherheit brauche. In denen ich weglaufen kann, geistig, während ich nach wie vor in meiner Wohnung bin. Es ist meine Flucht, wenn sich Alles, was sich außerhalb meiner Wohnung befindet, feindlich anfühlt, gegen mich gerichtet. Dass es nicht so ist, kann ich in solchen Phasen nicht sehen. Es fühlt sich so an, und das ist das Problem. Menschen tun viele Dinge aus Gefühlen heraus. Manchmal sind es drastische Dinge.

Und so flüchte ich an diesem Wochenende von Allem und Jedem. Ich ziehe das Telefon raus und die Rollos runter. Ich möchte mit niemandem reden, ich möchte mich niemandem erklären müssen. Ich möchte kein Mitleid, das führt nur dazu, dass ich schon wieder anfange zu weinen, und das bringt mich in meiner Flucht wieder rückwärts an den Anfang all' der Gefühle. Ich muss vorankommen. Ich höre Musik, um meinen Geist beim Weglaufen zu begleiten.

Vibrasphere - Mountain Lake - schade, dass dieses Downtempo-Duo sich aufgelöst hat, aber toll, dass sie zwei unglaublich gute, melancholische Alben hinterlassen haben (Selected Downbeats Vol.1&2) - genau der richtige Souhndtrack für diese Flucht...

Ich flüchte mich in Videospielwelten und in Fernsehserien, in denen ich mich in solchen Phasen besser aufgehoben fühle als da draußen.

Da sind Sachen, die ich tun müsste. Noten unter den letzten Stapel Tests setzen, die Wäsche aufhängen, die Geschirrspülmaschine ausräumen. Den Freunden mal ein Lebenszeichen geben. Normalerweise bekomme ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich all' diese Dinge nicht tue, und werde depressiv. Da ich allerdings schon depressiv bin, fühlt es sich eher so an, als habe ich einen legitimen Grund, das alles nicht zu tun. Und so bin ich auf meiner Flucht, ignoriere um mich herum alles, worauf ich keine Lust habe, alles, was anstrengend ist, alles, was mich unglücklich machen könnte.

Es fühlt sich stabiler an als gestern.

Trotzdem denke ich, dass ich in der Schule in den nächsten Tagen nicht so viel Zeit im Stützpunkt verbringen will. Am besten gar keine; ich habe keine Lust, mit Kollegen über diese Situation reden zu müssen, schon gar nicht mit jener Kollegin, die nun an meiner Stelle bleiben kann und ungünstigerweise den Arbeitsplatz direkt neben mir hat. Ich kann darauf reichlich verzichten. Also flüchte ich auch vor den Blicken der Kollegen - so wie in der Anfangsphase an jeder neuen Schule: Immer mit gesenktem Kopf durch die Schule gehen, Augen auf den Teppich, nicht zurückgrüßen, wenn Schüler "Hallo, Dr Hilarius!" rufen, sondern eventuell mal die Hand heben, das muss reichen. Es reicht, wenn ich das method acting auf den Unterricht beschränken muss. Gute Laune vorspielen, damit die Schüler unter dem ganzen Scheiß nicht zu leiden haben, so, wie es das Lehrerhandbuch vorschreibt.

Ein paar Stunden später...

Die Flucht wirkt. Die kleinen Rituale wirken. Bekanntes, um ein Gefühl von Sicherheit zu vermitteln und auszublenden, dass meine berufliche Zukunft gerade unsicher ist. "Ja, kann ich mir vorstellen, dass das ein nerviger Zustand ist" - nein, und auch hier wieder, für Hochbegabte - wie auch für Autisten - ist das nicht einfach nur irgendein nerviger Zustand. Es ist, als ob  ich an das Ende eines Stegs komme. Ich muss weitergehen, aber ich weiß nicht, wohin. Und ich weiß nicht, wie ich mich verhalten soll.

Mit jeder Stunde, die vergeht, bekomme ich mehr Abstand von diesem Gespräch gestern. Es tut gut, das analysieren zu können, und die ganze Brachenfeld-Geschichte zu überblicken:

Sehr geehrter Dr Hilarius,
ich suche eine Lehrkraft mit der Fächerkombination Englisch-Latein, Laufbahn für gymnasiales Lehramt. Die Stelle ist befristet auf ein Jahr (1.8.16 - 31.7.17), der Umfang beträgt die volle Stelle. Ich freue mich auf eine Rückmeldung von Ihnen bis Freitag, den 10.6.16. Sollte ich bis dahin nichts gehört haben, gehe ich davon aus, dass Sie keine Interesse an der Stelle haben. Bitte wenden Sie sich auch an mich, falls Sie Fragen zu der Stelle oder den Stellenumfang haben.
 

Mit freundlichen Grüßen,
Silke Rohwer 

So ging das Ganze los und ich bin in ein Vorstellungsgespräch gegangen, in dem ich alles ausgepackt habe, was es an Problemen mit mir als Lehrkraft geben könnte. Das wurde alles vom Tisch gewischt als Kleinigkeiten, das bekommen wir hin - und vielleicht wird danach ja mehr daraus. Und ob ich nicht schon einen Monat früher anfangen könne. Ich war verdammt glücklich, nach fünf erfolglosen Gesprächen in den Wochen zuvor so etwas zu erleben.

Und dann bekam ich meinen Stundenplan mit Einsatz ausschließlich in den unteren Jahrgängen 5, 6 und 7. Ich war extrem verwirrt, ich hatte im Vorstellungsgespräch gesagt, dass es in 5 und 6 Probleme geben könnte ("Naja, das kann man ja bei der Unterrichtsverteilung berücksichtigen.") - ich hatte auch hier im Blog darüber geschrieben.

Es kam alles, wie es kommen musste, es gab die erwarteten Probleme, und Silke konnte sich nicht mehr daran erinnern, dass ich ihr im Vorfeld davon erzählt hatte. Naja, wir hatten in mehreren Gesprächen die Sachlage geklärt, und dabei auch überlegt, wie ich mich über den Unterricht hinaus in die Schule einbringen könnte: Klar, Thema Hochbegabung, Silke fand das super und das Problem mit den unteren Klassenstufen, das können wir dann ja gemeinsam angehen. Und so gingen wir auseinander und Silke meinte, wir würden uns im Frühjahr 2017 in Ruhe zusammensetzen und dann weiterplanen.

Ich war glücklich. Ich hatte eine Sicherheit. Eine Perspektive, etwas, worauf ich hinarbeiten konnte, und ich machte mir klar, dass ich es auch schaffen werde, in Klasse 5 und 6 zu unterrichten. Das bekommen wir hin - denn ja, ich merkte, dass ich an der Schule bleiben wollte. Wie die Sannitanic meinte: "Rede nicht soviel über deinen Unterricht, lass die Stunden für sich selbst sprechen." Ich habe sehr positives Feedback von Eltern bekommen. Gut, so habe ich über die Wochen und Monate den Eindruck erhalten, dass ich bleiben würde, die Frage wäre wohl nur, ob mit einer Planstelle oder weiterhin befristet.

Egal, Hauptsache ist, dass ich Arbeit habe, dass ich eine gewisse Sicherheit habe, dass ich mir keine Sorgen mehr machen muss. Jetzt kann ich auch mit vollem Engagement in den Unterricht gehen, denn für diese Schule würde ich Zeit aufwenden wollen (es ist für mich immer schwierig gewesen, richtig gute Arbeit zu leisten, wenn ich weiß, dass ich eh' nicht bleiben kann). Super! Und so wartete ich seit Wochen auf jenes Gespräch, das angekündigt worden war. Okay, Silke ist nicht mehr Schulleiterin, aber Jürgen ist Vertreter, und der hat das ja auch alles mitbekommen. Passt.

Es kam aber kein Gespräch. Keine Mail, nix. Dann lag auf einmal der große Plan für die Unterrichtsverteilung im Stützpunkt, alle sollten sich für die kommenden Kurse eintragen. Haben sie auch alle gemacht. Auch jene oben erwähnte Kollegin, die genau wie ich befristet angestellt ist. Hm, ich wundere mich zwar, dass ich noch nichts von der Schulleitung gehört habe - aber egal, die werden sich schon noch melden. Hatten sie ja so angekündigt; das war die Sicherheit, mit der ich seit mittlerweile acht Monaten durch die Schule ging.

Und dann begann das Drängen der Kollegen, hey, frag' doch mal, wie es bei dir aussieht, tritt ihnen auf die Füße. Okay, mache ich. Derweil schaute ich mir den Plan der Unterrichtsverteilung an - im ersten Entwurf war jene Kollegin sogar schon im Computer eingetragen. Hm, ob das für mich auch gilt? Ich suche alle Reihen durch und finde - nichts. Nur einmal steht mein Kürzel da - in Klammern, damit alle wissen, um welchen Kurs es geht. Oooooooooookay............

Naja, und dann halt das gestrige Gespräch. Vielleicht ist es jetzt noch klarer nachvollziehbar, warum gestern eine Welt für mich zusammengebrochen ist. Und ich bin immer noch dabei, die Scherben wegzufegen.

post scriptum: Sorry Sanni, sorry Caro, sorry Eltern - ich brauche im Moment einfach nur Ruhe, um in Phantasiewelten zu flüchten. Irgendwie muss ich jetzt diese zwei Wochen rumbringen, bis die Unterrichtsverteilung feststeht. Keine Ahnung, wie das gehen soll - naja, wie oben erwähnt, werde ich den Stützpunkt möglichst meiden und mich in den Pausen ins Auto setzen oder so. Und ich werde meinen Lerngruppen in der nächsten Woche sagen, was ansteht. Vielleicht melden sich ja ein paar Eltern zu Wort.

Freitag, 5. Mai 2017

"Und, wollt ihr mich behalten?"

ohne Worte

"Tja, ehrlich gesagt, weiß ich das nicht so genau."

Soweit also die immerhin ehrliche Antwort meiner Schulleitung. Die anderen befristet eingestellten Kollegen wissen, dass sie bleiben können. Ich nicht - und auch wenn man mit sowas heutzutage immer rechnen muss, kann ich es nicht verstehen und bin, gelinde gesagt, ein wenig enttäuscht. De facto spielt der Hochbegabte natürlich gerade den sterbenden Schwan.

Ich kann es nicht verstehen, weil Silke, meine damalige Schulleiterin, mich extra wegen Latein, meines Zweitfachs, an die Schule geholt hatte. Nicht nur habe ich seitdem keine einzige richtige Stunde Latein unterrichtet - jetzt sieht es sogar so aus, als ob das Fach mich (mal wieder) meinen Kopf kostet. Das ist für mich sachlogisch nicht nachvollziehbar - wie aus einem "Cool, der hat Latein" ein "Ich weiß nicht, ob wir dich brauchen, möchtest du denn bleiben?" werden konnte.

Die anderen Kollegen a.k.a. die anderen Zweitfächer werden eben dringender benötigt. Das geht nicht nach Qualität, Beliebtheit oder dienstlicher Beurteilung. Mittlerweile muss die Sannitanic mir das nicht mehr erklären. Mittlerweile habe ich das selbst mehrfach gemerkt.

Ich soll in zwei Wochen nochmal fragen - wenn die Unterrichtsverteilung feststeht. Dann wird geschaut, ob noch irgendwo Bedarf ist. Ich soll mich aber ruhig auch nach anderen Stellen umsehen. Das mache ich aber nicht.

Das werde ich erst machen, wenn ich weiß, dass es nichts wird. Der status quo zieht mich schon genug runter, da muss ich nicht auch noch aktiv nachhelfen.

Fick Dich, Latein!!!

...mal schauen, ob mir heute Abend noch ein positiveres post scriptum einfällt...

post scriptum: Nein, nix Positives. Ich bin verwirrt. Ich verstehe es nicht, dass man mir von Anfang an eine Weiterbeschäftigung in Aussicht stellt und ein Dreivierteljahr später heißt es, dass man vielleicht gar nicht mehr gebraucht wird. Ich gebe zu, das kann ich nicht so einfach wegstecken.