Dienstag, 4. April 2017

Es blitzt nicht


Zwei Tage ohne Beitrag, und am Vorabend der OP sollte man von Dr Hilarius vielleicht eher so etwas erwarten wie Rising Action, Falling Spirits, wie ich gestern tatsächlich schreiben wollte, aber das beunruhigt nur. Und vor allem gibt es da einen anderen Punkt, der mich jetzt schon wesentlich länger beschäftigt und über den ich schon öfters schreiben wollte, nämlich, dass es nicht blitzt. Alternativtitel Max-Johannsen-Brücke, Auslöser heute war aber Kiel, und deswegen nicht Max-Johannsen-Brücke. Neumünsteraner ahnen vielleicht, was kommt. Ist das ein verständlicher Absatz?

Seit einiger Zeit ist die A215 vom Anfang Höhe Westring bis zum Rastplatz Rumohr immer wieder gespickt mit Baustellen. Seien es nun Kombiprojekte wie die Auf- und Abfahrt von der B76 oder das gesamte Autobahndreieck Kiel-West, es wird gebaut. Seither schießen Geschwindigkeitsbegrenzungen wie Pilze aus dem Boden, da hundert, hier achtzig, wer links bleibt siebzig, wer rechts abbiegt sechzig. Und by the way: Durchgezogene Streifen heißen, dass man die Fahrbahn dort nicht wechseln darf. Ja, das wissen viele. Meinen manche. Der Alltag belehrt mich eines Besseren.

Geschwindigkeitsbegrenzungen in Baustellen haben einen Grund. Wenn man mit erhöhter Geschwindigkeit die Baustelle durchfährt, gefährdet man z.B. die Menschen, die dort arbeiten. Aber wir haben es ja alle ach so eilig also überholen wir diejenigen Autofahrer, die sich an das Tempolimit halten. Was mir noch nicht so ganz einleuchtet: In den letzten Wochen habe ich unzählige Temposünder erlebt. Kiel könnte sich dumm und dämlich daran verdienen, wenn man mitten in die Baustelle einfach mal einen Blitzkasten setzt. Warum tut man das nicht? Ich meine mich zu erinnern, dass mobile Geschwindigkeitskontrollen immer "bemannt" sein müssen, die Polizei also vor Ort sein muss, und vielleicht fehlt es einfach am Personal. Das Gehalt hätten sie schließlich in kürzester Zeit wieder reinbekommen. Aber es blitzt nicht.

Und was hat das nun alles mit der Max-Johannsen-Brücke in Neumünster zu tun? Nun, aus irgendeinem Grund ist die Straße dort vierspurig, die Brücke ist recht lang, die Strecke gut überschaubar, nichtsdestotrotz befinden wir uns innerorts und es gilt fünfzig. Aber allein die Tatsache, dass es zwei Fahrstreifen in jede Richtung gibt, verlockt unzählige Autofahrer zum Überholen. Für viele scheint sechzig eine Art Mindestgeschwindigkeit auf dieser Brücke zu sein.

Ich rege mich über zu-schnell-Fahrer proportional zum Grad der Gefährdung anderer Verkehrsteilnehmer auf. Ich fahre selbst gern schnell, wenn es geht. Seit ein paar Jahren halte ich mich allerdings immer an das Tempolimit - und bekomme nicht selten das Gefühl, dass ich etwas falsch mache, wenn mich auf einmal ein Auto nach dem anderen überholt.

So, genug zum Autofahren, nun doch noch ein kleiner Nachschlag in Sachen OP. Der Tranquillizer liegt bereit, kommt aber erst später zum Einsatz. Ich könnte den Abend jetzt in Panikstarre verbringen und mich fühlen, als stünde der Weltuntergang bevor. Hochbegabte tendieren zu Extremen, und das gilt auch für ihre Emotionalität. Aber nein, diesmal möchte ich es anders machen. Und so werde ich gleich etwas Leckeres essen und dann noch ein bisschen auf Gespensterjagd gehen, Videospiele zur Zerstreuung. Und morgen vor der OP noch die fehlenden zwei Sonnenschutzfolien anbringen. Einfach tun, als wäre nichts. Manchmal schaffe ich das.

Samstag, 1. April 2017

Game over, Dr Hilarius!

Dass die Wohnung ein einziges Chaos ist, möge mal geflissentlich ignoriert werden... ^^

Ja, endlich kann ich mir das traurige Urteil auch ohne klassischen Spiegel selbst anschauen. Erst wollte ich den Artikel Home Improvement nennen, denn so nenne ich es eigentlich immer, wenn ich meine Wohnung ein bisschen voran bringe, sei es nun mit neuen Möbeln, Design oder Reparaturen. Dieses Jahr wird es endlich einmal Zeit für etwas Schutz gegen die Sonne.

Ich habe eine Dachgeschosswohnung mit Dachschrägen und vier (vertikalen) Fenstern Richtung Süden/Südwesten - im Prinzip den ganzen Weg der Sonne entlang, denn ich habe eine Eckwohnung und ich werde morgens bereits von der Sonne im Osten begrüßt. Das ist toll, denn so habe ich eine sehr helle Wohnung und bekomme sehr viel Licht im Sommer - für mein Serotonin die reinste Wohltat. Für meine Körpertemperatur eine echte Herausforderung, denn im Winter wird es kalt, sehr kalt, und im Sommer unglaublich warm. Ich bin ein Charakter der Extreme, also störe ich mich nicht an diesen Temperaturextremen, sondern lerne, damit zu leben. Und dazu gehört auch, dass ich versuche, die Wärme im Sommer zumindest ein kleines bisschen auszuschließen.

Das geht hervorragend, indem ich die Fenster von außen mit Spiegelfolie abdecke. Das geht richtig billig mit der Thermodecke, die jedermann im Auto mit sich herumfährt, für zwei Euro im Baumarkt, reicht bei mir für alle vier Fenster. Also im letzten Jahr fleißig ausgeschnitten und mit der Silberseite nach außen über alle Fenster geklebt.

Wie geil! Der Effekt ist wirklich deutlich spürbar! Es ist viel angenehmer in der Wohnung, weil der Großteil der Sonnenstrahlung gar nicht erst in die Wohnung gelangt, sondern reflektiert wird. Gleichzeitig ist die Thermodecke so dünn, dass ich ohne Probleme nach draußen schauen kann. Das war ein paradiesisches Erlebnis. Für etwa vier Wochen.

Dann wurde es zwischendurch auch mal Zeit für Regen, Gewitter und vor allem für Wind. Die Folie knistert mächtig an den Fenstern, wenn der Wind drüber fegt. Gut, stört mich nicht so, damit bin ich gut klargekommen. Die Folie hingegen leider nicht, denn sie ist überhaupt nicht reißfest. Und so hingen die ersten Fetzen nach zwei Monaten herunter und nach drei Monaten sah das Ganze extrem zerkrümpelt aus. Und es gab da auch noch ein anderes, vielleicht nicht ganz so kleines Problem:

Diese Thermodecke reflektiert nicht nur, sie spiegelt. Und da sie zusammengefaltet ist, also geknittert, stellt sie unzählige kleine Spiegelflächen dar, wenn schon ein leichter Wind drüberstreicht. Die Sonne, die am späten Nachmittag und Abend darauf scheint, wird also wie von einer Diskokugel irgendwohin reflektiert, ziemlich wild und unkontrollierbar. Eigentlich nicht weiter schlimm, aber Dr Hilarius mag ja Physik, Lichtbrechung, Reflektion und Berechnungen und all so einen Scheiß und hat da eine böse Ahnung. Also geht er eines Spätnachmittags einmal runter, bei bestem Wetter, und spaziert die Hamburger Chaussee, eine stark befahrene Straße, rauf und runter und erlebt es am eigenen Körper: Die Sonnenstrahlen werden quer über die gesamte Kreuzung unten reflektiert, mitunter direkt auf die Windschutzscheiben der unten an der Ampel wartenden Autos.

Spaß beiseite: Das stellt ein ernsthaftes Sicherheitsrisiko dar, und es ist wohl eher Zufall, dass bisher noch nichts passiert ist (zumindest habe ich nichts mitbekommen und auch das Ordnungsamt hat sich noch nicht gemeldet).

So günstig also der Sonnenschutz per Thermodecke für zwei Euro sein mag: Das geht so nicht weiter. Also musste ich in diesem Jahr in professionelle Sonnenschutzfolien investieren. Die sind je nach Intensität, Reflektionsfaktor blablabla unterschiedlich teuer, für meine vier Fenster zugeschnitten mit Montagematerial bin ich nun halt nicht bei zwei, sondern einhundertzweiundzwanzig Euro gelandet - dafür aber mit sehr gutem Gewissen, und vielleicht halten sie ja länger als zwei Monate (sollen sie jedenfalls). Und heute ging die Montage los.

Ein ziemlicher Saukram; diese Folien werden direkt auf die Fensterscheibe geklebt - besser von außen, um das Glas nicht mehr mit erhitzen zu lassen. Bei Dreifachverglasung dringend empfohlen. Mit Hilfe einer Montageflüssigkeit schmiegt sich die Folie ganz von allein an die Scheibe an und kann noch passgenau verschoben werden. Danach muss die gesamte Flüssigkeit darunter hervorgerakelt werden; das geht recht einfach, ist aber eine Sauerei, weil natürlich alles vom Fenster heruntertropft. Aber dagegen hat man ja mit Handtüchern vorgesorgt. ...nicht wahr? Danach wird alles gründlich abgetrocknet. Und nun wirkt es ansatzweise professionell: Die Folie klebt komplett auf der Scheibe. Kein Glitzern durch Knisternflächen, kein wildes Spiegeln. Und von innen kann ich hervorragend durchschauen.

Einmal geschafft, noch three to go, weil meine Küchenrolle alle ist. Nachschub besorgen, und dann wird weitergebastelt. Das Ergebnis fühlt sich gut an! Ich bin immer ein bisschen stolz, wenn ich etwas in der Wohnung allein hinbekomme. Das verstärkt dann das Gefühl, dass es meine Wohnung ist.

Freitag, 31. März 2017

Geisteskrank

Auch eine Thalia wurde mit reichlichen Selbstgesprächen geprobt (die ist allerdings wirklich geisteskrank)

Früher wurde es als Symptom einer Geisteskrankheit erachtet, wenn ein Mensch Selbstgespräche führte. Mittlerweile sind wir im einundzwanzigsten Jahrhundert angekommen, da hat man einen Knopf im Ohr oder wie auch immer - man telefoniert mit jemandem, und Außenstehende sehen gar nicht mehr das Telekommunikationsmedium. Man hat sich daran gewöhnt, dass Menschen durch die Stadt laufen und scheinbar mit sich selbst sprechen.

Ich spreche öfters mit mir selbst, wenn ich allein bin. Ein schönes Beispiel ist das rehearsal, zu deutsch "Probe". Wenn ein Gesprächstermin ansteht, egal welcher Anlass, egal, wie viele Beteiligte, dann male ich mir vorher im Kopf alle möglichen Szenarien aus, wie sich das Gespräch entwickeln könnte. Als Absicherung, weil ich es nicht mag, im Gespräch überrascht zu werden.

Um ein konkretes Beispiel zu geben, mit dem sich vielleicht auch KollegInnen identifizieren können: Die Schulleitung hat Gesprächsbedarf angemeldet, "Dr Hilarius, wir müssten mal über den Arbeitsvertrag reden, Montag in der dritten Stunde hast du frei, kommst du dann ins Büro?" - Natürlich, kein Problem, und das Wochenende vor dem Montag nutze ich und male mir mehrere verschiedene Szenarien aus, mit dem Ziel, alle möglichen Szenarien dann schon einmal gesehen zu haben. Wie gesagt, ich mag keine Überraschungen. Wenn ich alle Szenarien durchgespielt habe und im Kopf abgespeichert, dann gibt mir das gedankliche Klarheit und Ruhe. Dann kann auch etwas Schlimmes oder Unangenehmes anstehen, ich habe Seelenruhe. Nächsten Mittwoch ist die Operation, und natürlich bin ich sie im Geiste schon mehrmals durchgegangen, mit variierenden Ärzten und Medikamenten und Erfolgen/Misserfolgen.

Aber wir bleiben bei dem schulischen Beispiel. In all diesen Szenarien, die ich mir ausmale, lege ich ja auch mein eigenes Verhalten fest, wie ein Drehbuch, das ich vorher schreibe - was auch erklärt, warum ich manchmal Probleme habe, mit der Situation klarzukommen, wenn sich jemand nicht an mein ausgemaltes Drehbuch hält. Wir haben in diesem Drehbuch natürlich auch gesprochene Texte. Ich lasse die Schulleitung in Gedanken reden; meine Antworten spreche ich laut aus. Warum? Um meine Stimme zu hören, meine Intonation zu überprüfen. Welche Wörter möchte ich besonders betonen? Immer mit dem Ziel im Kopf: Was möchte ich erreichen? Ich wiederhole die Sätze auch mal, moduliere die Sprache ein wenig. Mimik und Gestik probe ich auf diese Weise natürlich auch. Es muss alles perfekt sein.

Selbst wenn ich gerade etwas Anderes mache, habe ich diese rehearsals. Beim Backen, beim Duschen, selbst wenn ich mich intensiv in ein Videospiel vertieft habe, kann es vorkommen, dass ich eine kleine Szene probe.

Geisteskrank? Nein, das hat Methode, nennt sich Method Acting und ist für mich ein herrliches Training. Was ich trainiere? Menschen zu manipulieren, um meine Ziele zu erreichen. So ist es nun mal.

post scriptum: Und, wie schon oben erwähnt, diese Proben beruhigen mich, nehmen mir die Angst vor Konfrontationen, und das hat mir schon sehr viel Gutes gebracht.

post PS scriptum: Eben bei der Tagesschau wieder gehört: "Triologie" - da krümmt sich bei mir alles zusammen!

Donnerstag, 30. März 2017

SET (Schulentwicklungstag)...

Gemeinschaftsschule Neumünster-Brachenfeld

...hieß zu meiner Schulzeit SchiLF-Tag, schulinterne Lehrerfortbildung. Alter Wein in neuen Schläuchen. Man entwickelt die Schule weiter, man entwickelt sich selbst weiter, tolle Sache.

Das heutige Motto war "Lehrergesundheit", das fand ich großartig! Es wurden viele Workshops angeboten, ich hatte eine große Auswahl. Und ich hab mir gedacht: "Stimmtraining" und "Konflikte und gewaltfreie Kommunikation", das interessiert mich, da trage ich mich ein! Ist doch eigentlich nachvollziehbar, oder? Und doch war es keine optimale Entscheidung.

Denn: Wenn den Hochbegabten ein Thema interessiert, dann taucht er ein, ganz tief, dann weiß er alles darüber. Da fühlt er sich wohl, darin geht er auf. Das heißt also im Workshop-Kontext: Die Themen interessieren mich, das heißt, ich weiß bereits alles darüber. Und gehe dann in den Workshop und wundere mich, dass mir das alles bekannt vorkommt, nichts Neues. Ich Idiot! Wenn ich unbedingt etwas Neues würde erfahren haben wollen, dann wären doch mir unbekannte Themen sinnvoller gewesen!

Also Zeitverschwendung? Wieder dasitzen, denken "blablabla kenne ich schon, wie lange noch"? Nein, diesmal nicht. Der Tag war toll und hat sich gelohnt, denn der Workshop zum Stimmtraining hat mir bestätigt, dass ich hinsichtlich der Gesundheit meiner Stimme alles richtig mache, die Meditationen, Zwerchfellatmung, Atemfrequenz, Lautung. Ich hab mir das alles selbst beigebracht und wusste nie, ob das sinnvoll ist, was ich tue. In diesem Workshop habe ich das alles bestätigt bekommen, und die Referentin hat das echt toll gemacht, das hatte Hand und Fuß und viel Praxisanteil.

Und ich habe die Lehre mitgenommen, dass ich mich vielleicht mal in unbekannte Themen eintragen sollte, um Neues zu erleben und meinen Horizont zu erweitern, anstatt immer nur die Themen zu suchen, die mich interessieren.

post scriptum: Wieder eine "erkannt" - diesmal eine Kollegin. Ich bin zufrieden.

Mittwoch, 29. März 2017

Parting Words und das Schwarze Loch

Das Kreuz habe ich damals von meinem Schulleiter zum Abschied bekommen, zusammen mit dieser Rede.

"Dr Hilarius ist seit dem 10. Februar 2014 als Vertretungslehrkraft an der Nordseeschule tätig. Er ist dabei zu einer Art Springer geworden, der sowohl am Gemeinschaftsschulteil als auch am Gymnasium tätig war, mit laufend wechselnden Verträgen. Vornehmlich hat er dabei das Fach Englisch unterrichtet, sein zweites Fach Latein nahm weniger Raum ein (yeah, like, gar keinen, Anm. des Autors), aber auch in Religion wurde Dr Hilarius im Gemeinschaftsschulteil eingesetzt.
Ich werde meine weiteren Worte nun mit Bedacht wählen, aber da uns der werte Doktor ja einen satirischen Vortrag angekündigt hat und mit Spott und Bösartigkeiten droht, will ich das als eine Art Intro schon einmal vorbereiten. Also, Dr Hilarius, nicht böse sein, ist nur Satire! Ich fasse mich auch ganz kurz, der Auftritt gebührt Ihnen.
Wenn unser lieber Doktor eine Farbe wäre, dann wäre das gewisslich schwarz. Ich denke aber, dass schwarz viel mehr ist als eine Farbe. Schwarz ist eine Haltung, die bei der verträumten Jugend häufig mit Rebellion und Selbstfindung in Verbindung gebracht wird. Vermutlich kommt er deshalb auch besonders im Gemeinschaftsschulteil bei so vielen Kindern gut an, er ist einer von ihnen. Zur Hilariösen Selbstfindung habe ich dabei die Theorie, dass er sich sehr bewusst für schwarz entschieden hat, denn die einzig denkbare Hilarius-Variante wären nicht etwa blau, grün oder von mir aus auch rot gewesen. Die einzig denkbare Hilarius-Variante wäre rosa gewesen. Und rosa ist natürlich, ähnlich wie schwarz, keine Farbe. Rosa ist ein Gefühl. Der Glaube, dass es sich hier um eine Farbe handelt, hält sich ja seit Jahren hartnäckig, wurde aber, wie ich finde, inzwischen hinlänglich widerlegt. Das Gefühl lässt sich am besten mit den häufig zitierten Worten eines vierjährigen Mädchens umschreiben: „Ich will eine Prinzessin werden.“ Das ging unserem lieben Doktor dann doch zu weit, also sollte es schwarz sein.
Was beinhaltet jetzt so ein echtes Hilarius-Schwarz. Es sind ja nicht nur die notwendigen Utensilien wie Haare färben, Fingernägel lackieren und ein Totenkopf pro Kleidungsstück, das kann jeder, das wäre ein normal begabtes Schwarz. Ein hochbegabtes Schwarz verbindet diese Zutaten mit einer überraschenden Zuverlässigkeit, Empathie und viel Freude am pädagogischen Arbeiten. Ein hochbegabtes Schwarz weiß (rhetorisches Mittel!) um seine Stärken, sieht aber auch seine Schwächen. Ein hochbegabtes Schwarz ist damit viel mehr als die Summe seiner Äußerlichkeiten.
Ich stelle abschließend fest, und das verstehen Sie jetzt bitte richtig: Jede Schule braucht einen Dr Hilarius - aber keine könnte mehr als einen aushalten.
Also, lieber Dr Hilarius, bleiben Sie besonders, ich drücke Ihnen die Daumen, dass Sie schnell eine Brennpunktschule finden, die genau nach Ihnen gesucht hat. Ich wünsche Ihnen für die weitere berufliche und private Zukunft alles erdenklich Gute."

(Der Schulleiter der Nordseeschule in St.Peter-Ording, anno 2016)

post scriptum: Ich habe die wunderbar vorbereitete Gelegenheit dann nicht genutzt, um den breit angekündigten satirischen Vortrag zu halten, sondern bin ein einziges Mal in diesem Leben ernst geblieben und habe von der Horizonterweiterung berichtet, die ich in jenen zwei Jahren am Gemeinschaftsschulteil erfahren durfte.
Ich habe ein wenig allegorisiert mit der Theorie vom Schwarzen Loch, was den ebenfalls anwesenden Physikkollegen sehr gefreut hat. Das Schwarze Loch ist ein mittlerweile nachgewiesenes Objekt im Weltraum. Seine Masse ist unglaublich groß, daher hat es eine unglaublich hohe Gravitation. Man kann ja mal die Masse der Erde und ihre Gravitation betrachten; die Gravitation/Anziehung eines Schwarzen Lochs ist so hoch, dass ihr nichts entkommen kann, nicht einmal Lichtpartikel. Daher erscheint es als schwarz. Man kann erahnen, wie groß die Masse des Objektes sein muss, der alles hinzugefügt wird, was den sogenannten "Ereignishorizont" überschreitet und damit kontinuierlich vom Zentrum und der dort vermuteten "Singularität" angezogen wird. Was also wissen wir über Schwarze Löcher?

1) Niemand weiß, was hinter dem Ereignishorizont liegt.
2) Niemand weiß, was genau in der Mitte passiert.
3) Niemand war je dort und kehrte zurück, um davon zu berichten.
4) Da fliegt alles Mögliche rein.
5) Womöglich liegt dort der Schlüssel zum Erforschen der Gravitation. = eine große Erkenntnis 

Diese Punkte werden im Film "Interstellar" sehr anschaulich und wissenschaftlich akkurat abgehandelt. Und ich habe sie übertragen - daher allegorisiert - auf den Gemeinschaftsschulteil in St.Peter-Ording:

1) Jeder weiß, dass es ihn gibt.
2) Niemand weiß, was genau dort passiert.
3) Da kommen alle möglichen Schüler hin.
4) Man hört nicht viel Gutes und hat daher Angst davor, niemand will sich ihm nähern.
5) Niemand (keine Lehrkraft) ist von dort zurückgekehrt und konnte Gewinnbringendes berichten (andere Springerlehrkräfte scheinen es als Horror-Erfahrung beschrieben zu haben).
6) Womöglich kann man dort eine ganze Menge lernen.

Und so habe ich meine Arbeit dort mit dem Erforschen des Schwarzen Lochs verglichen. Denn sicherlich war es harte Arbeit. Physisch und psychisch wesentlich anstrengender als Alles am Gymnasialteil, und das trotz des "SPO-Paradigmas", das seeeeeeehr viel möglich gemacht hat, was umso unmöglicher wird, je näher eine Schule an Kiel liegt.
Viel ist schiefgegangen und viele Rückschläge habe ich eingesteckt. Aber ich habe unglaublich viel gelernt durch diese Arbeit. Über das Menschsein, über das Kindsein, über Zusammenarbeit, über Vertrauen, über Kommunikation, über "echte" Pädagogik und über mich selbst. 

Und deswegen habe ich den eher ernsthaften Tenor meiner Abschiedsworte in SPO dazu genutzt, um mich bei allen Beteiligten, die von beiden Schulteilen gekommen waren, zu bedanken, mit den ihnen gebührenden Worten, für diese tolle Erfahrung. Und um den Kollegen des Gymnasialteils vorzuschlagen, dass sie selbst diesen Versuch einmal wagen, in der Hoffnung, dass sie vielleicht eine ähnlich ertragreiche Erfahrung machen können wie ich.

Ich vermisse die Schule und alle am Schulleben Beteiligten wirklich unbeschreiblich.
Bisher habe ich so etwas leider noch nicht wieder erleben dürfen. 

post PS scriptum: "Er ist einer von ihnen" wurde an meiner Husumer Schule *gegen* mich verwendet. Könnt Ihr Euch mal einigen, ob das etwas Positives oder Negatives ist? Lässt Rückschlüsse auf die Schulleitung zu... 

Case in point: Never judge a book by its cover.

Dienstag, 28. März 2017

Ein Freak macht Urlaub


Ich muss mich in dieser Phase auf andere Gedanken bringen. Also denke ich an einen aufregenden Urlaub.

Dr Hilarius ist ein Freak. Er liebt Freizeitparks. Er liebt Achterbahnen. Höher, schneller, weiter, immer sucht er den Adrenalinkick. Wenn er Urlaub macht, dann in einem Freizeitpark. Hansa-Park, Heide Park, Europa Park, Phantasialand - und wenn möglich, darf es auch um die Welt gehen, denn das ist ein Teil seines Plans im Leben.

Und so ging es dann 2011 in die USA. Da gibt es so viel zu sehen: die Golden Gate Bridge, die Freiheitsstatue, Death Valley, den Grand Canyon, Yosemite National Park, die Bayous - aber nichts davon reizt ihn. Seine Ziele heißen Busch Gardens, Six Flags Magic Mountain, Cedar Point  - und eines Tages hieß das Ziel Kings Island in Ohio. Sein erstes Mal in einem amerikanischen Freizeitpark.

"Was soll da schon anders sein, Achterbahnen kannst du hier auch fahren", sagt Öle, die Nöle. Unwissend, dass sich Freizeitparks in den USA anders anfühlen. Es ist nicht nur, dass die Achterbahnen dort extremer sind. Dass die Menschen wesentlich mehr abkönnen und auch suchen als bei uns in Deutschland, wo man sich nur in Ausnahmefällen über die 100 km/h traut, wo man die Achterbahnen lieber noch etwas weiter runterbremst, damit sie familientauglich bleiben, nicht wahr, Silver Star? Es ist auch das Lebensgefühl. Dort schließen die Parks nicht um 18 Uhr, sondern gerne mal um 10 p.m. - 22 Uhr, weit nach Sonnenuntergang, so dass man mitten im Sommer den Park noch in einer ganz anderen Atmosphäre erleben kann. Wer einmal im Dunkeln in einem Freizeitpark war, weiß, was das bedeutet. Es ist auch die Freundlichkeit der Menschen, von der wir Deutschen nur träumen können. Niemand drängelt, es gibt kein line jumping, man nimmt aufeinander Rücksicht. Es ist auch das Talent für den Betrieb einer Achterbahnstation - mit passender Musik und jede Station hat ihren eigenen DJ, der mit flotten Sprüchen die Leute bei Laune hält. Applaudieren am Ende einer Fahrt ist dort Gang und Gäbe, hier in DE für viele immer noch peinlich. Man weiß dort einfach, wie man Spaß hat, und man lässt sich mitreißen. War jedenfalls ein unvergessliches Erlebnis, hier nun als unausweichliches Video von damals. Warum dieser Song im Hintergrund läuft? Weil ich ihn damals unzählige Male in der Warteschlange von Diamondback gehört habe- weil ich unzählige Male mitgefahren bin - und ihn nicht mehr aus dem Ohr bekommen habe: All You Wanted - Michelle Branch.


post scriptum: Wer genau hinschaut und hinhört, merkt, wie bei 2:10 - als ein Achterbahnzug in einer abendlichen Szene den Bahnhof verlässt - die Leute durchdrehen, kreischen und winken. Das ist da normal. Die sind da so - und es macht Spaß! Und ein bisschen Nerd-Info - die letzte Bahn im Video ist The Beast  - seit mittlerweile siebenunddreißig Jahren die längste Holzachterbahn der Welt und echt unbeschreiblich gut. Nein, wäre das Erlebnis unbeschreiblich, hätte nicht jemand eine zwanzigseitige Abhandlung darüber geschrieben ^^

Montag, 27. März 2017

Das ist nicht Eure Ernst!

Sie ist Ernst, bitterer Ernst. Äh, Britta Ernst.

Doch, und es ist leider kein Tippfehler. Es ist unsere Ernst, unsere Bildungsministerin Britta Ernst, die mal wieder von sich reden macht. Es dürfte Vielen nicht unbekannt sein, dass am 07.05. der schleswig-holsteinische Landtag gewählt wird. Gäbe es also einen besseren Zeitpunkt für Wahlwerbung? Das mag Ernst sich gedacht haben und verschickte einen vierseitigen Brief an Schulen und Schulräte im Land, in dem sie die hervorragenden Leistungen des Bildungsministeriums herausstrich, dabei auf das Wahlprogramm der SPD und im Vergleich dazu auf das der CDU verwies.

Wie es sich gehört, hat die Opposition losgepoltert und eine Missbilligung ausgesprochen - die Koalitionspartner B90/Grüne und SSW distanzieren sich von dem Schreiben, das man, so SPDStegner, "anders hätte formulieren können".

Ich bekomme immer wieder einen Hals, wenn ich Frau Ernst sich ihrer Erfolge brüsten sehe und ich bedenke, dass ich in vier Monaten wieder arbeitslos bin - und damit nicht der einzige Junglehrer im Land bin, der auf irgendeinen Vertrag hofft. In vier Wochen muss ich mich wieder beim Arbeitsamt arbeitssuchend melden. Ich darf mich nicht aufregen. Der Blutdruck.

Ich finde, es ist an der Zeit, dass wir endlich mal wieder ein kompetentes und ehrliches Bildungsministerium bekommen. "Nach der Wende kam die Ernst", das klingt schon wie eine schulpolitische Bankrotterklärung.

KN-Artikel
SHZ-Artikel

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Tranxilium Tabs (Clorazepat)

Gestern ging das los, da habe ich es zum ersten Mal gespürt - dass langsam die Aufregung vor der Operation steigt. Und das, obwohl ich alles Mögliche versuche, um mich zu beruhigen - in allen Meditationen bin ich die OP mehrfach durchgegangen, ich versuche mir Antworten auf alle offenen Fragen zu holen und eigentlich ist es ja auch nichts Lebensbedrohliches.

So habe ich mir auch heute früh in der Klinik wieder Antworten abgeholt. Aber trotz allem: Ein bisschen Angst ist da, ein bisschen Aufregung, ein bisschen wünschen, dass es vorbei ist. Und ich war eigentlich so weit, dass ich dachte, ich bräuchte am Vorabend nix, um meine Gedanken runterzufahren und gut zu schlafen. Aber ich merke, dass ich sehr dankbar dafür sein werde. Scheiß Hochbegabung, die mich oft vor lauter Gedanken nicht einschlafen lässt. Und was soll denn überhaupt bei der OP passieren? Außer durchtrennte Nerven, Sehnen, Thrombose, chronische Schmerzen, Entzündungen... ja, ich weiß, so darf man nicht denken. Aber die Ärzte müssen einen ja vorher auch über die Risiken aufklären und dann hat man wieder Alles direkt vor Augen.

In den letzten Tagen habe ich öfters nicht mal dran gedacht, einen Blogeintrag zu schreiben. Das ist halt so in den intensiven Denkphasen, das habe ich irgendwie auch meiner Mutter erklären müssen - weil ich mich dann oft sehr lange nicht bei ihr melde und sie sich natürlich Sorgen macht. Morgen bin ich nochmal einen Tag in der Schule, aber es wird mir verdammt schwer fallen, mich auf den Unterricht zu konzentrieren. Ist blöd, wenn die Schüler das mitbekommen. Meistens bekommen sie es nicht mit. Aber sie bekommen es ab.

Zum Glück gibt es Anxiolytika - angstlösende Medikamente, so wie das oben abgebildete Clorazepat. Leider haben Benzodiazepine unter den missbrauchsfähigen Substanzen eines der höchsten Abhängigkeitspotentiale und der Entzug ist grausam und langwierig (das sog. Ashton-Manual sieht ein monatelanges Abdosieren vor). Umso glücklicher bin ich, dass diese Medis mich nicht zum Missbrauch reizen, sondern nur für den therapeutischen Nutzen interessant sind. Und der kann wirklich Vieles einfacher machen. Clorazepat ist ein sogenanntes Prodrug, dessen Hauptwirkung sich erst durch seine Metaboliten (Stoffwechselprodukte) entfaltet. Das hat den Vorteil, dass man abends eine Tablette nehmen kann, die Wirkung etwas verzögert einsetzt und hauptsächlich am Folgetag zu spüren ist. Es nimmt einem die Angst auf dem Weg zur OP, nur sollte man sich nicht mehr hinter's Steuer setzen.

Ah, Auto-Gedankenexkurs: Genau aus diesem Grund hatte ich mal angefragt, ob Er mich in die Klinik fahren könnte. Nicht uneigennützig: So hätten wir einen legitimen Grund, dass wir uns endlich mal wiedersehen können. Aber daraus wird leider nix, ich erfahre u.U. erst morgen nachmittag die genaue Uhrzeit der OP. Und so lange will ich ihn nicht auf die Folter spannen, Er würde das ja gern planen können. Schade drum. Zurück zu den Benzos.

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Okay, zugegeben, bis hierhin hatte ich den Beitrag schon am Sonntag geschrieben, weil ich nicht davon ausgegangen bin, dass es noch irgendwelche Änderungen gibt. Ist nun aber doch so, weil der Chefarzt die OP durchführen wird (was sie normalerweise nur bei Privatpatienten machen, wie sie mir unverhohlen erklärt haben) - und der hat sich das Ganze heute nochmal angeschaut und mit mir alle Möglichkeiten sondiert. Und daraus ergibt sich, dass eine kompliziertere OP ansteht als geplant und erst Mittwoch in einer Woche. Und Aufklärung und Vertrag müssen überarbeitet werden.

Immerhin das Bild oben im Thread kann ich stehenlassen, denn ich habe auch diesmal wieder Clorazepat für den Vorabend bekommen. Das beruhigt, denn da weiß ich, dass ich nicht panisch zu dieser OP gehe. Bleibt nur noch die Frage der Schmerzmittel, das könnte etwas umständlicher werden, schauen wir mal. Und dann kann es noch eine Weile länger dauern, bis ich wieder einsatzbereit bin. Egal, das wird jetzt versucht.

Und an dieser Stelle vielleicht eine kleine Aufmunterung an alle da draußen, die auch Angst vor Operationen haben - oder auch Angst vor einer Zahnbehandlung - diese Angst lässt sich abstellen. Man muss da keinen tapferen Helden spielen, Benzodiazepine sind (unter anderem) genau für diesen Zweck als Medikament zugelassen.

Mother's Little Helper...