Freitag, 20. Januar 2017

Ambient und episch?


Ich höre sehr gern Musik. Welchen Musikstilen ich mich dabei zuwende, wechselt in Phasen. In meiner Teenagerzeit war ich mit Leib und Seele Raver, in meinen frühen Twens wandte ich mich dem Gothic Metal zu, später der ganzen Schwarzen Szene. Es folgte eine Goa- und Psytrance-Phase und über Psybient und Ambient bin ich dann im Downtempo gelandet.

Epische Musikstile habe ich vornehmlich beim Metal kennengelernt, von Bands wie Edenbridge, Nightwish oder Epica habe ich gelernt, dass ein Musikstück nicht immer drei Minuten und fünf Sekunden dauern muss, es geht auch umfangreicher. Als Komponist sollte man sich allerdings immer bewusst sein: Bei der Ausdehnung eines Stückes auf eine lange Spielzeit wird eine gut überlegte Songstruktur unabdingbar. Nightwish - Ghost Love Score ist ein Beispiel für eine epische Komposition. Aber was bedeutet das überhaupt?

Das griechische Verb eipeîn bedeutet in etwa "erzählen", ein épos ist dem gemäß eine "Erzählung". Man nennt ein Musikstück episch, wenn es eine Geschichte erzählt, mit einer Einleitung, einem Hauptteil und einem Schluss und Spannungsbogen. Das wird oft mit umfangreicher, gern bombastischer Orchestrierung bewerkstelligt, die Musikgeschichte hat uns reich beschert mit Epen ohne Ende (wörtlich).

Aber wie passt Bombast mit Ambient zusammen? Kann es epische Ambient-Stücke geben?

Der Franzose Alexandre Scheffer kann das. Unter dem Namen Cell hat er auf verschiedenen Compilations epische Downtempomusik beigesteuert, die in diesem Blog zumindest einmal erwähnt sein soll - denn er hat das wirklich richtig gut gemacht.


Ich erwähne zunächst das Stück Floating Retention. Ich habe vor einer Weile auf die Compilation Oxycanta hingewiesen; Scheffer hat hierzu das Mittelstück beigesteuert, definitiv ein Höhepunkt. Sehr leise und ruhig beginnt das Werk, man hat als aufmerksamer Zuhörer viel Zeit, sich auf die Tonart einzustellen und die Soundsamples kennenzulernen, mit denen Scheffer hier arbeitet. Nach und nach baut sich ein Klangteppich auf, es kommt Bewegung in die Erzählung, es wird richtiggehend dramatisch. Man spürt, wie sich eine Situation zuspitzt, das Werk wird drängender, ohne dabei die Tonspuren zu überfrachten, wie man das z.B. vom Power Metal kennt (was nicht heißen soll, dass das schlecht ist). Das nennt man dann subtil.

Man spürt genau, wann der Höhepunkt erreicht ist, sozusagen die musikalische Peripetie. Und dann? Ganz langsam und in aller Ruhe fährt Scheffer seine Sounds runter, kein hastiger Abbruch, noch immer klingen die Harmonien nach, er dünnt die Tonspuren aus, bis nur noch ein einziger Ton bleibt, der in das folgende Musikstück überleitet. Die Spieldauer von mindestens zehn Minuten ist genau gestaffelt und voll ausgenutzt, kein Füllmaterial.

Floating Retention ist nach Meinung dieses Bloggers das "mächtigste" Stück auf der CD Oxycanta. Da passt es ganz gut, dass es in der Mitte positioniert ist - und der Song wirkt nach. Scheffer hat aber auch andere Stücke gebracht, die diesem Anspruch - episch und ambient - gerecht werden. Ich empfehle hier das Stück Idea Spiral, das sich auf der Compilation Greenosophy findet (in der Version vom Ozora-Festival in 2011; Ozora sollte für jeden Psy-Freund ein Muss sein). Gleich beim ersten Anhören hat der Song mit seinen markanten Tönen einen bleibenden Eindruck hinterlassen - Alexandre Scheffer weiß, was er da tut.


Wer das volle Wirkpotential dieser Stücke erleben möchte, sollte alle störenden Einflüsse abschalten (Licht, Telefon, whatever) und dann für zehn bzw. zwölf Minuten ganz auf die Musik fokussiert sein. Viel Spaß!

post scriptum: Läse Flo diesen Beitrag, so wunderte er sich, dass ich nicht Entheogenic's "Love Letters to the Soul" hier erwähnt habe. Der Song bedeutet mir so viel, dass ich ihm zu gegebener Zeit einen eigenen Eintrag widmen werde.

Donnerstag, 19. Januar 2017

From okay to not

Ich hab' das Bild von einer Aktionswebsite gegen  Gewalt gegen Frauen geklaut - einfach weil der Hashtag hier ganz gut passt...

Eigentlich wäre es Zeit, nach dem (für mich) etwas unbequemen Beitrag von gestern über Pädophilie wieder etwas leichter Bekömmliches zu schreiben. Tatschlich geistert in meinen Gedanken bereits ein Artikel über einen französischen Downtempo-Künstler rum, der mich seit einiger Zeit immer stärker begeistert. Ich möchte ihm aber noch etwas Zeit geben, mich noch mehr zu begeistern, also widme ich mich heute einem Spruch, dessen Bedeutung ich an einer neuen Schule leider immer wieder erfahren muss:

Die beste Lüge ist die Wahrheit: Die glaubt einem keiner!

Seitdem ich weiß, mit welchen Problemen ich (aufgrund der Hochbegabung) im Schulalltag zu kämpfen habe, gehe ich offen und konfrontativ damit um. Ich erzähle den Menschen davon, weil ich aufklären möchte. Ich kann nicht erwarten, dass sie Verständnis zeigen, aber alles unter den Teppich zu kehren und mit mir selbst abzumachen, das führt letztlich nicht zu einer Besserung der Lage.

Deswegen erzähle ich Menschen, für die diese Information relevant sein könnte (wie zum Beispiel meiner zukünftigen Schulleitung bei einem Bewerbungsgespräch) von den Problemen, mit denen ich als hochbegabte Lehrkraft zu kämpfen habe. Ich werde dabei explizit, ich erzähle Anekdoten von meinen bisherigen Schulen. Die Reaktion der Schulleitungen war dabei bisher einhellig - und auch, wenn ich mit manchen Kollegen spreche, bekomme ich immer wieder die gleichen Sätze zu hören:

"Ach, mach' dir darum keine Sorgen, solche Probleme haben wir auch."
"Das ist vollkommen okay, das geht auch normalbegabten Menschen so."
"Machen sie sich darum keine Gedanken, solche Situationen erleben wir alle mal im Unterricht."

Das ist also alles vollkommen okay.

Woher wissen die Leute das? Sie kennen mich nicht! Und ich kann ihnen noch so viele Anekdoten erzählen, noch so viele Szenen aus meinem Alltag, es ist immer wieder alles okay, oder nicht so schlimm, oder das bekommen wir schon hin. Und ich Vollidiot habe mir anfangs dabei auch noch gedacht, die Menschen meinen das wirklich so. Dabei gibt es drei wesentliche Gründe, warum sie das sagen:

1. Sie haben eine Lehrkraft wie mich noch nie zuvor erlebt, haben also keinerlei Erfahrungswerte, auf denen sie ihre Einschätzung basieren könnten ("Danke, dass ich nach vierzig Dienstjahren nochmal so jemanden erleben durfte!" habe ich mir nicht für den künstlerischen Effekt ausgedacht - danke, Henning, ich vermisse Euch alle wirklich sehr!).

2. Sie lesen meine dienstliche Beurteilung, die fabelhaft klingt und von all den Problemen, die ich im Beruf habe, nichts erwähnt; das ist der Hauptgrund, warum ich das im Bewerbungsgespräch immer wieder anführe. Nein, sie haben das Gutachten gelesen und denken sich "Den will ich mal an meiner Schule haben, der klingt interessant".

3. Sie wollen mir die Ängste nehmen, die ich aufgrund meiner bisherigen Erfahrungen an Schulen mit mir herumtrage. Sie meinen das ernst, sie wollen irgendwie verhindern, dass ich aufgrund meiner Unsicherheiten oder meiner eigenen Unzulänglichkeiten das Stellenangebot ausschlagen könnte. Das geht soweit, dass sie sich meine Anekdoten nicht mal richtig anhören - ich kann ihnen das nicht verübeln, sie sind Schulleiter großer Schulen, sie haben in dem Moment viel Anderes im Kopf. Sie gehen in das Bewerbungsgespräch mit "Den will ich hier haben" und achten gar nicht wirklich darauf, was ich erzähle.

Und das hat Konsequenzen. So ist tatsächlich alles vollkommen okay. Auch wenn ich um Beratungsgepräche bitte, weil ich merke, da kommen Probleme, es hat nur noch nicht so richtig gekracht. Da heißt es dann vielleicht "Wenn wir Inklusion leben, dann gilt das selbstverständlich auch für das Kollegium" oder so ähnlich, und man versucht mir Mut zu machen.

Doch dann knallt es. Dann kommt irgendwann, früher oder später, eine der mir mittlerweile hinlänglich bekannten Dr Hilarius-Grenzüberschreitungen. Kinder erzählen ihren Eltern davon, die Eltern drehen durch und melden sich bei der Schulleitung. Und die Schulleitung meldet sich bei mir, und plötzlich heißt es "Also DAS geht wirklich GAR nicht!" zu genau dem gleichen Sachverhalt, der Tage, Wochen, Monate zuvor noch vollkommen okay war.

From OKAY to NOT.

Dann heißt es nicht mehr "das geht uns allen so", "diese Probleme haben wir doch alle mal" und so weiter. Dann werden die Sätze deutlicher.

"Da brauchst du echt professionelle Hilfe."
"Das ist eine Störung, das musst du beseitigen lassen."
"Hier haben mehrere psychische Probleme, die tragen wir auch nicht in den Beruf." 
"Da hast du eine riesige Baustelle."

Und ich kann nur schwer ausdrücken, wie sehr mich das verletzt. Denn händeringend habe ich immer wieder versucht, klarzumachen, dass mir die ganze Sachlage vollkommen bewusst ist. Aber nein, die Leute müssen mir dann wieder demonstrieren, dass sie es ja besser wissen, dass ich scheinbar in einer Phantasiewelt lebe, wenn ich glaube, der Lehrberuf wäre das Richtige für mich.

Es kotzt mich an. Aber jemand hat mir beigebracht, dass die richtige Haltung in so einer Situation nicht sein kann "Hier versteht man mich nicht, ich will hier weg.", sondern "Hier muss ich darum kämpfen, ein Verständnis zu erzeugen." Denn hier ist ein Potential, ein Sachverhalt, den ich irgendwann vielleicht verbessern kann.

Und deswegen würde ich gern an meiner Schule bleiben, egal, ob okay oder nicht. Denn, und das mag man glauben oder nicht: Für die Schülerinnen und Schüler, und um die geht es letztlich, bin ich vollkommen in Ordnung. Anders, aber gut. Das Umdenken muss in den Köpfen der Erwachsenen stattfinden, denn wie sagte einst jemand so treffend?

Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung ändern kann.

Mittwoch, 18. Januar 2017

Pädophil


Es kommt nicht oft vor, dass mich ein Blogeintrag etwas Überwindung kostet. Diesmal ist es soweit, aber ich denke, dass es ein wichtiges Thema ist, dessen man sich als Lehrkraft immer bewusst sein sollte.

Ich habe heute meine Englischklasse beim Geräteturnen beaufsichtigt, die Kiddies sollen mal kennenlernen, was man mit diesen Geräten alles machen kann. Nebenbei löse ich Rätsel, ich hab den Intelligenztrainer immer in der Tasche. Doppelstunde vergeht wie im Fluge, allesamt Richtung Umkleidekabine. Ich schließe euch auf, dann könnt ihr euch umziehen.

Zuerst aber müssen sie sich die Sportsachen ausziehen. Haben sie natürlich gemacht, und ich sage ganz offen und ehrlich, dass ich heilfroh war - und bin - dass mich dieser Anblick so überhaupt nicht interessiert hat. Warum schreibe ich das?

Ich schreibe das, weil ein Bekannter der Familie nämlich Lehrer war - und pädophil. Ich habe das nicht "miterlebt", aber ich habe es aus Erzählungen mitbekommen, auch, wie er damit umgegangen ist, Therapie und so weiter. Ich bin also mit der Realität konfrontiert worden, in der es Lehrer gibt, die in den Jungs mehr sehen als nur nervige Rotzlöffel. Die ein Verlangen entwickeln. Die sich an ihnen vergehen.

Es kam meine Jugend, in der ich mir darüber bewusst wurde, dass ich Jungs interessanter finde als Mädchen, also zumindest in sexueller Hinsicht. Ich schaute öfters zu ihnen hin, und natürlich wurde das im Jahrgang bemerkt. Ich hätte einfach konfrontativ und offen damit umgehen können, aber das wurde mir in meiner Familie nicht beigebracht bzw. nicht vorgelebt. Geheimhalten, anpassen, was sollen denn die Leute denken.

Und natürlich wurde getuschelt und natürlich wurde ich gemobbt. Und hab mir all' die Sprüche anhören müssen, die einen wesentlichen Tenor hatten: Schwule sind Kinderficker. Dazu beigetragen hat eine Szene, die ich in Heide im damaligen Wandmaker-Supermarkt erlebt habe. Ich habe bei den Zeitschriften geschaut, ob es wohl auch Magazine für schwule Jungs gibt. Könnte ja sein. Also stehe ich davor und schaue tatsächlich die Magazine durch, als sich ein älterer Herr neben mich stellt. Und mich fragt, ob er mir diese Zeitschrift kaufen soll. Ich sei ja noch zu jung dafür, aber er könne das kaufen und dann gehen wir nachher hinter den Markt und schauen uns das mal an.

Ja, so war das damals. Ich war jung, aber nicht dumm - ich hatte live miterlebt, wie ein Schwuler sich an einen Minderjährigen ranmacht, an mich! Und von da an war ich überzeugt davon, dass ich später auch kleinen Jungs nachstellen würde. Schwuler Lehrer - na klar ist der hinter den Schülern her, ich habe da tatsächlich eine Kausalität erkannt und würde mit dem Erwachsenwerden genau darauf zuschlittern.

Zum Glück sind mir irgendwann offene, aufgeklärte Menschen begegnet, die mich ebenso aufgeklärt haben, und ich hoffe, dass ich das weitergeben kann. Und vor diesem Hintergrund mag der geneigte Leser verstehen, warum fünf Minuten Umkleidekabine mir heute ein ruhiges Gewissen beschert haben; gleichzeitig aber auch ein Verständnis und Mitleid für Pädophile - das sucht man sich nicht aus! Das ist eben so, und man kann versuchen, professionelle Hilfe zu bekommen. Ich selbst werde vielleicht einmal professionelle Hilfe wegen der Hochbegabung brauchen, und dann wünsche ich mir, dass die Menschen mir gegenüber genauso aufgeschlossen sein können.

Derzeit sind es wenige. Be the change you wish to see in the world.

Dienstag, 17. Januar 2017

Die Fotowand


Es war einmal eine weiße Fläche in meiner neuen Wohnung. Toll, denkt sich Dr Hilarius, da kannst du doch ein Pinboard draufpappen, um dort Postkarten aufzuhängen, schön bunt, schön durcheinander. Nach einem halben Jahr hing da eine Karte.

Welch' Überraschung, ich bekomme nicht so viele Postkarten! Hätte ich mir auch gleich denken können. Und warum sollte man sich die Postkarten auch alle anschauen, solche Motive findet man innerhalb von Sekunden im Internet. Warum mache ich nicht etwas Individuelles? Es sollte nicht langweilig sein, ich möchte da gern draufschauen und vor allem auch immer wieder draufschauen und neue Details entdecken. Nehme ich eine Fototapete? Hat doch jeder.

Ich rufe mir ins Bewusstsein, dass diese jetzige Wohnung einen Wendepunkt in meinem Leben markiert: Endlich bin ich im Berufsleben und muss keine Ausbildung mehr absolvieren. Dann markiere ich doch diesen Wendepunkt einfach deutlich! Neun Jahre habe ich in der Kronshagener WG mit Conny und Paul gewohnt, und das war eine irre Zeit, da ist viel passiert - und es sind viele Fotos entstanden.

Ich suche mir also aus den vergangenen zwölf Jahren eine Vielzahl Fotos aus, verkleinere sie auf Visitenkartengröße, laminiere sie und befestige sie mittels Patafix (Lehrers Liebling) an der Wand. Nach und nach entsteht auf diese Weise über Wochen hinweg ein Panoptikum aller schönen und unschönen Momente in meinem Leben. Viele, viele Fotos. Man steht davor und kann immer wieder etwas Neues entdecken.


Und jedes dieser Fotos erzählt seine eigene Geschichte von Liebe, von Freundschaft, vom Studium, vom Sinn des Lebens. Und ich weiß jede einzelne dieser Geschichten noch genau, immer bereit, einem wissbegierigen Besucher Auskunft zu geben.

Die Wand beweist mir, dass ich wirklich gelebt habe. Ich finde das toll und ich werde demnächst neue Bilder hinzufügen - ein "Kunstwerk" dieser Art muss geupdated werden.

post scriptum: Ich sehe, ich muss da mal wieder Staub wischen. Und das Buba-Kuchen-Foto ist dabei, herrlich. Und er ist auch dabei.

Sonntag, 15. Januar 2017

Was ist Liebe?


Ich kann auf diese Frage keine zufriedenstellende Antwort finden. Liebe spürt man, die beschreibt man nicht. Sich verlieben, das kann immer mal passieren. Aber bis daraus die große Liebe wird, das braucht viel Zeit. Geduld und Hartnäckigkeit.

Ich liebe ihn. Das weiß ich besser als noch vor einem Jahr, als wir in die Pause gegangen sind. Damals ist mir erst bewusst geworden, was er alles mir zuliebe getan hat. Damals erst habe ich angefangen, meine eigenen Gefühle zu hinterfragen, einen Schritt zurück zu gehen und das Ganze zu betrachten.

Damals dachte ich öfters, dass ich mir diese Liebe nur einrede. Weil wir viel zusammen gemacht haben. Heute fühlt sich das anders an: Wir haben kaum noch Kontakt zueinander, und trotzdem weiß ich, dass ich ihn in meinem Leben haben möchte. Ich würde alles für ihn tun. Ich möchte für ihn da sein, auch wenn er dafür jemand Anderes hat. Ich möchte ihm die Chance geben, ganz er selbst zu sein. Ich möchte, dass er sich bei mir wohlfühlt.

Ich möchte ihn sehen und in den Arm nehmen. Aber im Vergleich zu einem Jahr zuvor ist es nicht dieses Gefühl, dass ohne ihn mein Leben doof ist. Ich mache mich nicht mehr von ihm abhängig. Ich habe die Zeit unserer Trennung ausgiebig genossen. Ich konnte mich endlich wieder auf mein eigenes Leben konzentrieren. Und die ganze Zeit über wusste ich, dass er immer noch da ist. Nicht nur eine Straße weiter, sondern auch kopftechnisch.

Und er hatte Angst, dass ich wütend hätte sein können. Dass ich ihn nicht mehr würde sehen wollen. Er hat mich auch nach über einem Jahr Funkstille immer noch irgendwo im Hinterkopf. Und immer noch versucht er alles Mögliche, um mich zu sehen. Und ich halte weiterhin zu ihm. Und er zu mir. Ist das Liebe?

Mittlerweile weiß ich, dass er meinen Blog nicht liest (Big Brother is watching...). Das gibt mir ein bisschen Ruhe, ich muss nicht mehr so sehr darauf achten, wie ich Dinge formuliere. Und ich muss keine kleinen Botschaften mehr an ihn zwischen diesen Zeilen verstecken als Möglichkeit der Kommunikation - auch wenn es eine witzige Idee war.

So kann ich hier eine Beobachtung von unserem Treffen beschreiben: Er sagt mir immer noch Dinge, die ich (seiner Meinung nach) hören will. Schönes Beispiel, ich hatte ihn mal gefragt, ob er Brokeback Mountain gesehen hat. Denn wenn er ihn gesehen hat, dann werden ihm ja sicherlich einige Parallelen zwischen dem Film und unserer Situation aufgefallen sein. Er bejaht die Frage ("der wurde damals ja medial gehyped"); ich freue mich, so kann ich bei passenden Analogien einfach mal wieder auf den Film verweisen.

So sind wir also zusammen durch die Stadt gegangen und haben ein bisschen erzählt - aber mit meinen Anspielungen auf den Film und uns konnte er irgendwie nichts anfangen. Ich erzähle ihm vom Ende des Films und dass ich hoffe, dass wir irgendwann auf mehr Akzeptanz stoßen werden. Er: "Ich muss zugeben, ich hab' den nie bis ganz zu Ende gesehen."

Warum sagt er mir nicht einfach, dass er den Film gar nicht gesehen hat? Hat er Angst, mich damit zu enttäuschen? Will er nicht als "unwissend" gebrandmarkt werden? Mich hat die Episode ein bisschen verunsichert: Ich hatte insgeheim gehofft, dass er es mittlerweile schafft, mir einfach zu sagen, wie die Dinge stehen. Die Wahrheit. Ohne Schnörkel.

Aber diese Hoffnung ist erstmal wieder dahin. Und dennoch hält mich das nicht davon ab, ihn weiterhin zu lieben. Ich habe nämlich in den letzten sechzehn Monaten gelernt, dass ich ihn so zu akzeptieren habe, wie er ist. Mit all seinen Verfehlungen - denn er akzeptiert mich auch mit all meinen Macken, und davon hat er sehr viele kennenlernen müssen. Und trotz all dieser Imperfektionen, dieser Ecken und Kanten sind wir immer noch füreinander da. Ist das Liebe? Wenn man immer zueinander hält, auch wenn der Andere mal nicht normal funktioniert, auch wenn der Andere mal gar nicht funktioniert? Es gibt eine Situation, in der ich für ihn da bin, in der sie nicht für ihn da wäre. Aber ich habe das nicht zu bewerten.

In unserer ersten Zeit habe ich mich immer wieder gefragt, was er wohl von mir hält. Ich kam mir so unwichtig vor, wann immer er mir erzählt hat von all den netten Sachen, die er mit seinen Freunden und Freundinnen so gemacht hat. Ich fühlte mich wie eine Dreingabe. Einmal im Monat kommt Mr "Jeder liebt mich" zu mir, damit ich mich auch mal freue.

Heute weiß ich, dass das alles mein eigenes Problem war. Damals aber dachte ich, er hält überhaupt nichts von mir, und war davon sehr überzeugt. So sehr, dass ich ihm einmal auf einer gemeinsamen Reise sagte "Ich habe irgendwie das Gefühl, dass du auf mich herabschaust. Dass du dich überhaupt nicht für mich interessierst." Und ihm ist alles aus dem Gesicht gefallen, damit hatte er nicht gerechnet. Dass ich so über ihn dachte? "Ich mag dich", hat er damals versucht, mir klarzumachen.

Aber das reichte mir nicht. Ich sagte ihm, dass es mir nicht um Worte geht. Er sollte mir nicht sagen, dass er mich mag, sondern er sollte es mir zeigen, mich spüren lassen, mich nicht wie jeden x-beliebigen austauschbaren Kumpel behandeln. Zwei Jahre lang war ich tief innen drin davon überzeugt, dass er mich eben doch nicht mag. Dass das alles nur leere Worte sind. Erst zu spät, direkt bei der Trennung, habe ich dann endlich das Gefühl gehabt, von ihm geliebt zu werden, und zwar nicht wegen irgendeiner Sache, die er mir gesagt hätte, oder einer Aufmerksamkeit.

Er ist von sich aus zu den Ex-RBM gegangen und hat um Rat gefragt. Das hätte er nie gemacht, wenn er nicht wirklich verzweifelt gewesen wäre. Wenn ich ihm nicht wirklich wichtig gewesen wäre. Denn er hat sich nie von sich aus bei meinen Freundinnen gemeldet. Erst ihre eindringlichen Worte haben mir klargemacht, wie blind ich scheinbar zu lange für diese Verbundenheit zwischen uns war. Und wie sehr ich sie mit meinem Drängeln gefährdet habe.

Heute weiß ich, dass er mich mag. Er muss mir nichts mehr sagen. Und das ist ein Gefühl, das ich noch nicht so oft gefühlt habe. Von jemandem wirklich geliebt zu werden, diese Gewissheit zu haben, das kannte ich bisher nicht. Und es macht mich stark genug, abzuwarten und ihm alle Zeit zu geben, die er braucht.

"Ich werd' immer für dich da sein" sage ich zu ihm, und er antwortet "Und ich werde auch immer hier sein, auf jeden Fall gehe ich nicht weg, ohne dir vorher Bescheid zu sagen." Er weiß, dass ich ihm dann folge. Es klingt trotzdem wie Dinge, die er mir nur sagt, damit ich beruhigt bin. Damit ich auch die kommenden sechzehn Monate ohne ihn auskomme. Egal.

Und ich kann noch so oft sagen, dass mir Worte nichts bedeuten - in dieser einen Nacht, als er zu mir sagte "Ich hab' dich lieb, Dr Hilarius", haben mir diese Worte eben doch etwas bedeutet. Sie haben mich erstmal zum Schweigen gebracht. Er hat sie davor noch nie und danach nie wieder benutzt, und ich habe mich danach noch oft gefragt, ob es nur daran lag, dass wir beide nicht nüchtern waren. Aber ich glaube mittlerweile, dass er das damals wirklich ganz ehrlich meinte. Und ich wünschte, ich hätte das ein wenig früher sehen können.

Jedenfalls lerne ich zwischen all diesen Gefühlen von Jahr zu Jahr mehr, was Liebe ist, und was Freundschaft bedeutet.

Samstag, 14. Januar 2017

Auf in den Dschungel!


Ich hätte gestern so viel Anderes posten können als diese kleine schwule Liebesgeschichte. Vielleicht etwas, das mit Freitag, dem Dreizehnten zu tun hat oder eben das, was ich heute poste. Es geht um die Sendung Ich bin ein Star, holt mich hier raus. Oder auch einfach nur Dschungelcamp.

"Wie kannst du dir so einen Schrott nur anschauen?" werde ich gefragt. "Das wäre für mich eine Verschwendung von Lebenszeit. Zu sehen, wie irgendwelche Z-Promis, von denen wirklich noch niemand etwas gehört hat, Käfer essen oder mit Würmern überschüttet werden. Was reizt dich daran?"

Die Frage habe ich mir auch gestellt, jedes Jahr wieder, seit der allerersten Staffel in 2004. Es geht mir um die Psychologie. Ich liebe es, das Verhalten dieser Menschen im Camp zu studieren. Ich liebe den tongue in cheek-Humor der Moderatoren (requiescat in pace Dirk Bach). Ich liebe es, zu verfolgen, wie die Stimmung allmählich kippt. Immer mit der Sensationsgeilheit im Nacken, die allerdings nur selten wirklich befriedigt wird. Es ist die Spannung, die Vorfreude auf das, was passieren könnte.

Ein Dschungelcamp hat seinerzeit enorme Einschaltquoten bekommen - es war wunderbar anzuschauen, wie Sarah Knappiks Psyche eine Show nach der anderen geliefert hat. Der Wahnsinn, und für mich als Verhaltensforscher eine wahre Fundgrube an Denkstoff. Seitdem hoffe ich immer wieder aufs Neue, dass es im Dschungel knallt.

Meine Damen und Herren, ich verstehe vollkommen, wenn Ihr die Sendung als Schund betrachtet, ist sie schließlich auch. Niveaulos, eklig und oft noch nichtmal spannend - wobei man da dem Regieteam ein Kompliment machen muss, sie machen aus wirklich jeder Mücke einen Elefanten. Aber ich kann nicht genug davon bekommen; ich muss dran denken, mit meinen Schülern zu wetten, wer der Dschungelkönig wird.

Wer ist denn diesmal so dabei? Ach herrje. Kader Loth. Die Frau, die sich Winterreifen auf die Lippen hat ziehen lassen, und die Brüste bis zum Kinn aufgeblasen. Gestern schon wieder in Hochform: "Macht auf euch etwas gefasst! Ich bin hier die Trash-Queen." Kann ich nicht widersprechen. Sorry, aber die Frau hat für mich einen unglaublichen Unterhaltungswert. Ich hoffe, Olli Kalkofe beobachtet das Ganze, vielleicht kommt dann wieder eine herrliche Verarsche dabei heraus.


Schön, für das alternde Auge gibt es dann auch noch etwas anzuschauen, Marc Terenzi ist mit von der Partie - und hat sich, im Gegensatz zu manch anderem Ex-Boyband-Gehopse nach seiner musikalischen Karriere nicht komplett verfetten lassen - er dürfte nicht das unattraktivste Mitglied seiner derzeitigen Men Strip-Gruppe SixxPaxx sein. Schön, bekommt hoffentlich ausreichend Screentime - wobei zu vermuten steht, dass er aufgrund mangelnden Unterhaltungswertes bald hinausgewählt wird.

Vielleicht interessiert sich ja auch jemand für Florian Wess, den Botox-Boy. Von dem habe ich zuvor noch nie gehört. Ein Blick in das "Gesicht" und man erkennt, warum er diese Reise angetreten hat. Man muss sich fragen, ob es sich hierbei um ein medizinisches Experiment handelt...


Ganz spannend verspricht auch Hanka Ich-hab-ihren-Nachnamen-vergessen-oder-war-es-Rackwitz zu werden, die stolz und ohne Scheu erzählt, dass sie nicht nur einen psychischen Knacks hat, Waschzwang, Panikattacken und vieles mehr. Das wird wohl eine Masche sein, um mehr Aufmerksamkeit und damit kostbare Screentime zu bekommen. Es erhöht auch ihre Chance, von einem gnadenlosen Publikum in zahlreiche Dschungelprüfungen gewähglt zu werden. Das könnte je nach Vertrag ihre Gage erhöhen, also ist das vielleicht kein schlechtes Script, das sie sich da überlegt hat. Sollte sie allerdings authentisch panisch sein, muss ich mich wundern, warum sie dieses Abenteuer auf sich genommen hat. Das liebe Geld...


Zu viel Normalität muss also nicht befürchtet werden, am ehesten vielleicht noch durch die gereifteren "Stars" wie Frl.Menke (aus der damaligen Neuen Deutschen Welle). Ein Gegenpol zu dem Hirnpüree dürfte allerdings ganz nett sein, sonst wird man als Zuschauer vollkommen überfordert. Ja, sowas gibt es.

Verhalten. Wie faszinierend.

Freitag, 13. Januar 2017

Online-Fundstück


Ich finde Musikvideos ganz interessant. Manchmal zeigen sie einfach den Künstler oder die Band, die ihren Song performen. Manchmal sind es aber auch kleine Geschichten, die in diesen Musikvideos erzählt werden. Diese Geschichten können teilweise hohe literarische Ebenen erreichen; genau aus diesem Grund hat Prof.Dr.Huck im Rahmen der Kulturwissenschaften am Englischen Seminar der Kieler Uni ein Seminar über Musikvideos gehalten.

Ich bin heute auf ein Video gestoßen, das mich beeindruckt hat. Ein mir unbekannter Song, mit sehr kraftvollen Bildern unterlegt. Ich habe kein Wort des Songtextes verstanden, das war aber auch nicht nötig, da die Bilder alle Fragen beantwortet haben. Nehmt Euch, wenn Ihr wollt, sieben Minuten Zeit für diese kleine Geschichte und lasst damit den Freitagabend emotional ausklingen.