Dienstag, 6. September 2016
Best regards, Arnaud
Nein, Ihr Damen in meinem Leben, ich habe keinen neuen Verehrer. Heute geht es um das Thema Kundenbindung. Wenn ich eine CD bei Amazon bestelle, bekomme ich die CD. Wenn ich ein Buch bei Hugendubel bestelle, bekomme ich das Buch. Allerdings scheint es mir so zu sein: Je kleiner ein Unternehmen ist und/oder je stärker es ein Nischenpublikum bedient, umso herzlicher ist der Kontakt.
Das mag natürlich an der Unternehmensphilosophie liegen, es kann aber auch ganz praktische Gründe haben: Das Unternehmen versucht, Kunden für sich zu gewinnen, damit sie öfters dort einkaufen (oder was auch immer). Der Gedanke ist klar: Wenn mir das Unternehmen sympathisch erscheint, komme ich gern wieder. Und ich habe vor einigen Tagen eine CD beim Downtempo-Label meines Vertrauens, ultimae records, bestellt - und ich habe nicht nur eine CD bekommen, sondern das auf dem Foto abgebildete Set. Jener Arnaud Galoppe schreibt für jede Bestellung eine kleine Grußkarte. Das mögen natürlich standardisierte Texte sein, aber es ist von Hand geschrieben und ein bisschen ungewöhnlich ("I wish you a nice discovery" ist beim Versand eher unüblich). Und personalisiert. Arnaud schickt außerdem zu jeder Lieferung, egal ob Musik oder Merchandise (hab' einmal 'nen Kapuzenpulli bestellt), ein Räucherstäbchen mit; da erkennt man, wes Geistes Kind da in Frankreich sitzt. Und dazu gibt es natürlich noch Lesezeichen und Karten mit netten Motiven (die CD-Cover des Labels sind fantastisch). Ist mir sympathisch, werde wieder dort bestellen.
Ein weiterer Grund, ebenfalls ganz praktisch: Wenn man Kunde eines Unternehmens ist, über das man vielleicht nicht namentlich sprechen sollte (auch dafür gibt es Gründe), so kann man anhand kleiner Nettigkeiten sofort einen Namen zuordnen. Als Beispiel hier: Es gibt Teehändler, deren namentliche Nennung in bestimmten Foren untersagt ist (hier ist es nicht angebracht, Werbung dafür zu machen, und vor allem lesen gewisse Menschen mit, die nichts lieber tun würden, als diese Läden hochgehen zu lassen). Einer der führenden Versender in DE legt zu jeder Lieferung eine kleine Gratisprobe dazu, noch nicht ungewöhnlich, und eine Süßigkeit - irgendwas von Haribo, Schokolade oder Kekse. Das gibt es nicht so häufig und hat den sehr nützlichen Effekt, dass man, wenn jemand von dem "Teehändler mit den Süßigkeiten" spricht, gleich weiß, um wen es geht, und das ohne die untersagte Namensnennung.
Ich finde das klasse, ist mal was Anderes als Massenabfertigung, hat Nutzen und Herz. So, musste ich einfach mal loswerden, weil ich mich über Arnauds Brief echt gefreut hab.
post scriptum: "Herr Homann, mir hat Englisch noch nie so viel Spaß gemacht."
Eat THIS, ehemalige Schule.
Montag, 5. September 2016
Ich will Hackbraten!
So, und nach dem Tippen dieser Überschrift bin ich so KO und ausgehungert, dass ich erstmal wieder Mensch werden muss - Schule bis 16 Uhr ist schon irgendwie anstrengend. Aber...
...endlich wieder Schule! Und endlich wieder eigene Klassen, eigene Schüler, die ich nach Herzenslust verderben kann, Weltbilder, die ich zerstören kann, Kindheitsträume mit dazu und das alles jeglichen Inklusionsfantasien zum Trotz!
Ach ja, und Englisch unterrichte ich auch.
Aber jetzt brauch ich erstmal ein bisschen Hirnarbeit - zum Glück gibt es berieselnde PS-Spiele, die das Hirn ordentlich fordern!
Arbeitslosigkeit ist zum Kotzen. Und sicherlich gibt es Menschen, die das nicht so empfinden und den Zustand schamlos ausnutzen. Aber ich verwette meinen schwarzen Hut, dass es weniger sind, als bestimmte Meckerer in der Gesellschaft uns das glauben machen wollen.
Es ist ja nicht nur das Finanzielle. Es ist nicht nur die Unsicherheit, jeden Monat aufs Neue, ob das Geld für die Miete reicht. Es ist nicht nur die Not, mit kaputten Möbeln zu hausen. Es ist nicht nur die blöde Peinlichkeit, keine Leute einladen zu wollen, weil man sie nicht bewirten kann. Es ist nicht nur, dass ich mit kaputten Schuhen herumlaufe, die bei diesem Sommer alles Regenwasser durch die langsam zerbröselnde Sohle aufnehmen.
Es ist die viele Zeit. Irgendwann hieß es für mich, dass ich in St.Peter-Ording nicht weiterarbeiten werde. Der Schritt war für uns alle schwer, aber wie ein Kollege zu mir meinte - dessen Meinung ich wirklich schätze, Jochen! - irgendwann muss man mal "Farbe bekennen", Stellung beziehen und sich fragen, ob es wirklich das ist, was man vom Leben möchte. Und in wochenlangem Überdenken habe ich beschlossen, meinen Vertrag nicht zu verlängern. Und von da an hatte ich Angst vor dem ersten Tag der Arbeitslosigkeit, weil ich nicht sicher war, ob mein Gehirn mit all der Freizeit würde umgehen können.
Genau das ist der Hauptgrund, warum ich begonnen habe, diesen Blog zu schreiben. Er hat mir etwas Regelmäßigkeit gegeben, und zumindest irgendeine Aufgabe. Und deswegen bin ich sehr glücklich, dass ich wieder arbeiten kann. Ein gewisser Kollege einer gewissen Schule, die ich hier nicht mehr namentlich nenne (naaaaaaa, welche könnte das wohl sein?), hat mir eine faule Arbeitshaltung vorgeworfen, weil ich da nur einen Kurs für zwei Monate vertreten habe. Ich hätte diesem Saftarsch am liebsten direkt meine Meinung gesagt. Habe aber gelernt, dass man das an jener Schule lieber hinter dem Rücken macht.
Solche dämlichen Sprüche kommen von Menschen, die keine Ahnung zu haben scheinen, wie sich Arbeitslosigkeit anfühlt. Ihnen würd ich das mal gönnen - aber nein, sie sitzen verbeamtet auf ihren Posten und wenn ich noch weiter davon schreibe, platzt mir eine Halsschlagader. Es gibt eben auch Saftschulen.
Um meinen Blutdruck wieder herunterzubringen, bereite ich gleich alles für den Hackbraten vor. Das muss jetzt gleich sein (essen erst deutlich später), weil mein Kühlschrank noch immer kaputt ist und ich deswegen nichts kühlen kann. Aber das macht mir heute alles nichts mehr aus, und irgendwann werde ich meiner Schulleiterin - genauso wie Herrn Ramm damals - danken, dass sie mich quasi von der Straße aufgekratzt hat.
Caro, genieß die Ausbildung! Und Sanni, Du bist bald wieder dabei! Bei uns haben sich jetzt schon die ersten krankgemeldet, ich bleib am Ball (hab allerdings ja zB auch selbst spontan aufgestockt, ich muss mal schauen, wo da noch Bedarf ist).
post scriptum: So, und weil das sein muss, für die verrückte Buba: In meine Hände kann ich ein Hackbratönn backen. Dat is puuuure Edhergighie, Prankönn wie ein Tischgrill!
...endlich wieder Schule! Und endlich wieder eigene Klassen, eigene Schüler, die ich nach Herzenslust verderben kann, Weltbilder, die ich zerstören kann, Kindheitsträume mit dazu und das alles jeglichen Inklusionsfantasien zum Trotz!
Ach ja, und Englisch unterrichte ich auch.
Aber jetzt brauch ich erstmal ein bisschen Hirnarbeit - zum Glück gibt es berieselnde PS-Spiele, die das Hirn ordentlich fordern!
Arbeitslosigkeit ist zum Kotzen. Und sicherlich gibt es Menschen, die das nicht so empfinden und den Zustand schamlos ausnutzen. Aber ich verwette meinen schwarzen Hut, dass es weniger sind, als bestimmte Meckerer in der Gesellschaft uns das glauben machen wollen.
Es ist ja nicht nur das Finanzielle. Es ist nicht nur die Unsicherheit, jeden Monat aufs Neue, ob das Geld für die Miete reicht. Es ist nicht nur die Not, mit kaputten Möbeln zu hausen. Es ist nicht nur die blöde Peinlichkeit, keine Leute einladen zu wollen, weil man sie nicht bewirten kann. Es ist nicht nur, dass ich mit kaputten Schuhen herumlaufe, die bei diesem Sommer alles Regenwasser durch die langsam zerbröselnde Sohle aufnehmen.
Es ist die viele Zeit. Irgendwann hieß es für mich, dass ich in St.Peter-Ording nicht weiterarbeiten werde. Der Schritt war für uns alle schwer, aber wie ein Kollege zu mir meinte - dessen Meinung ich wirklich schätze, Jochen! - irgendwann muss man mal "Farbe bekennen", Stellung beziehen und sich fragen, ob es wirklich das ist, was man vom Leben möchte. Und in wochenlangem Überdenken habe ich beschlossen, meinen Vertrag nicht zu verlängern. Und von da an hatte ich Angst vor dem ersten Tag der Arbeitslosigkeit, weil ich nicht sicher war, ob mein Gehirn mit all der Freizeit würde umgehen können.
Genau das ist der Hauptgrund, warum ich begonnen habe, diesen Blog zu schreiben. Er hat mir etwas Regelmäßigkeit gegeben, und zumindest irgendeine Aufgabe. Und deswegen bin ich sehr glücklich, dass ich wieder arbeiten kann. Ein gewisser Kollege einer gewissen Schule, die ich hier nicht mehr namentlich nenne (naaaaaaa, welche könnte das wohl sein?), hat mir eine faule Arbeitshaltung vorgeworfen, weil ich da nur einen Kurs für zwei Monate vertreten habe. Ich hätte diesem Saftarsch am liebsten direkt meine Meinung gesagt. Habe aber gelernt, dass man das an jener Schule lieber hinter dem Rücken macht.
Solche dämlichen Sprüche kommen von Menschen, die keine Ahnung zu haben scheinen, wie sich Arbeitslosigkeit anfühlt. Ihnen würd ich das mal gönnen - aber nein, sie sitzen verbeamtet auf ihren Posten und wenn ich noch weiter davon schreibe, platzt mir eine Halsschlagader. Es gibt eben auch Saftschulen.
Um meinen Blutdruck wieder herunterzubringen, bereite ich gleich alles für den Hackbraten vor. Das muss jetzt gleich sein (essen erst deutlich später), weil mein Kühlschrank noch immer kaputt ist und ich deswegen nichts kühlen kann. Aber das macht mir heute alles nichts mehr aus, und irgendwann werde ich meiner Schulleiterin - genauso wie Herrn Ramm damals - danken, dass sie mich quasi von der Straße aufgekratzt hat.
Caro, genieß die Ausbildung! Und Sanni, Du bist bald wieder dabei! Bei uns haben sich jetzt schon die ersten krankgemeldet, ich bleib am Ball (hab allerdings ja zB auch selbst spontan aufgestockt, ich muss mal schauen, wo da noch Bedarf ist).
post scriptum: So, und weil das sein muss, für die verrückte Buba: In meine Hände kann ich ein Hackbratönn backen. Dat is puuuure Edhergighie, Prankönn wie ein Tischgrill!
Sonntag, 4. September 2016
Let's go!
Liebe Freundinnen und Freunde, liebe Kollegen und Kolleginnen, liebes Lehrer- und Schülerpack!
Sechs Wochen Sommerferien liegen hinter uns, wobei es auch Herbstferien hätten sein können. Bei dem Wetter bin ich tatsächlich froh, wieder in die Schule zu kommen, dann bekomme ich das nicht so mit. Ich freue mich auf die Herausforderungen, die angesichts meiner Klassenstufen so kommen.
Nicht alle Leser gehen ab morgen in die Schule. Manche lassen sich weiterbilden, andere bereiten sich auf eines der aufregendsten Erlebnisse im Leben eines Menschen vor. Irgendwas haben wir alle zu tun, und wir können dazu Gebrauch machen von der Energie, die wir in der freien Zeit aufgetankt haben.
Ich wünsche Euch einen ganz hervorragenden Start in die Arbeit, einen wachen Start in die neue Woche. Und ich wünsche Euch, dass die kommende Zeit Euren Vorstellungen und Wünschen gerecht werden kann.
Samstag, 3. September 2016
Runter - in den Keller...
...wo kalt ist (die verrückte Buba wusste natürlich schon, dass das hier steht, und lacht gerade wie eine Klospülung, oder ein eiernder Motor, das lässt sich manchmal nicht so leicht unterscheiden): Dahin geht es ab sofort im Hansa-Park während des Wartens auf den Schwur des Kärnan.
Mit reichlicher Verzögerung sind die Katakomben der Festung, die den Bahnhof der Achterbahn enthält, an diesem Wochenende eröffnet worden. Das Warten hat sich gelohnt; es findet kein Effekt-Overkill statt, und das ist auch gut so. Man wandert durch den Thronsaal mit den ausgestellten Reichsinsignien und der verhängnisvollen Schriftrolle an der Wand. Diese erwacht von Zauberhand zum Leben und der Bann wird entfesselt, ein schönes Omen für den später folgenden Bannraum.
Mal schauen, wie schnell der Videoclip gelöscht wird ^^ Außerdem werden Waffenkammer und Küche besucht. Nebst Projektionstechnik (s.Video) gibt es auch hier wieder Bildschirme mit neuen archäologischen Videos, das lohnt sich also! Aber aus purer Neugier frage ich mich dann doch, warum das so lange gedauert hat (wobei die Fotos des Baublogs etwas Aufschluss darüber geben, was dazu alles gemacht werden musste).
Nach und nach wachsen die Gerüste am Turm in die Höhe, die Fassadenarbeit am Turm kann beginnen - und im Sommer 2017 wird Der Schwur des Kärnan endlich fertiggestellt sein. Hoffentlich.
post scriptum: Gute Besserung, mein Buba-Herz!
Freitag, 2. September 2016
Identität - Die Geschichte von Timo und Julian (part 9)
Disclaimer: Diese
Geschichte ist Fiktion. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen und
Ereignissen sind rein zufällig und nicht vom Autor beabsichtigt. Das wäre ja
sonst ein roman à clef, und zu solchen literarischen Kunststückchen ist der
Autor sicher nicht fähig.
Identität – die
Geschichte von Timo und Julian
part 9
„Denk dran,
dass du Menschen hast, die dich unterstützen, wo es nur geht.“
Wow, ich muss
ein wenig abgedriftet sein, zwinkere meiner Tante zu.
„Jep, einer
dieser Menschen sitzt gerade vor mir.“
Der Nachmittag
läuft ganz friedlich ab, aber diese Frage geht mir nicht aus dem Kopf – wie es
sich anfühlt, dreißig zu sein. Ich sehe das Gedankenchaos der letzten Tage vor
mir; aufregend fühlt es sich an. Spannend. Denn meine Spannung steigt nun doch
merklich. Nachdem ich die blöden Gedanken vom Abend mit Cory und Ju beiseite
geschoben hab, kann ich mich jetzt darauf konzentrieren, unseren Trip zu
planen.
Naja, wenn da
nicht dieses Gutachten wäre. So eine Scheiße, ich raff’ das einfach nicht. Ich
bin einer der beliebtesten Lehrer dieser Schule geworden, leite meine eigene AG
inklusive Sommerfestauftritt, meine Lehrproben wurden mit Eins und Zwei Plus
benotet. Warum also gibt diese dämliche Kuh von Schulleiterin mir eine Zwei im
Gutachten? Und was mich besonders ankotzt: Sie schreibt, ich würde meine
Lehrproben nicht mit meinen Mentoren abgesprochen haben. Ich könnte platzen, das
war eine einzige Lehrprobe, die ich auf eigene Faust durchgezogen habe. Und das
auch nur, weil meine Mentorin auf Klassenfahrt war.
Okay, in vier
Tagen steht der Besprechungstermin an, bis dahin muss ich mich irgendwie
runterfahren. Das ist nicht leicht, wenn man ein Gehirn hat, das auf
Dauerraserei programmiert ist. Ich hole mir von der Post ein kleines Packset.
Ich habe die Idee, dass ich Ju sozusagen als kleinen Appetitanreger auf das
Event ein Carepaket schicke. Ich packe alles ein, was wir für den Trip brauchen
könnten.
Da wäre
zunächst natürlich die Droge. In der Szene nennen wir sie „Cut“, was sich von
dem Wirkmechanismus ableitet. Cut ist ein Dissoziativum: Durch die Substanz
wird die Datenübermittlung zwischen Kortex und limbischem System getrennt. Muss
ich das jetzt hier noch alles groß erläutern? Können wir auch später machen,
ich habe Ju gesagt, dass er extra etwas früher hier ankommen soll, damit wir in
aller Ruhe die medizinischen Details durchgehen können. Er soll nicht Angst
bekommen, dass da irgendwas aus dem Ruder läuft. Ich möchte, dass er sich in
meiner Wohnung sicher und wohl fühlt, und das sollte wohl zu schaffen sein,
auch wenn das hier echt ein Drecksloch ist.
Wenn ich
früher nicht so abfällig darüber gesprochen habe, dann liegt es einfach daran,
dass ich mit jeder weiteren Woche auf dem Weg zu meinem Staatsexamen das Gefühl
bekomme: „Ich muss hier weg!“ – ich mein, okay, es ist Berlin, ich liebe
Berlin, das ist meine City. Aber ich hätte nie gedacht, dass sich im Osten, in
den schwierigeren Vierteln echte Spießerschulen befinden können! Ich passe da
nicht hin, für die bin ich nicht nur als Lehrer zu unkonventionell. Nur, weil
ich schwarz trage. Nagellack. Lidschatten. Nieten, Ketten und Ringe an jedem
Kleidungsstück. Dieses oberflächliche Pack gibt sich gar nicht erst die Mühe,
mal den Menschen dahinter entdecken zu wollen. Ist ja viel leichter, Herrn
Schneider direkt als Unruhestifter im Kollegium zu brandmarken. Wie heißt es?
Mit leerem Kopf nickt es sich leichter…
Ist doch kaum
zu glauben, ich wollte den Inhalt des Carepakets beschreiben und ein Gedanke
feuert den nächsten an und ich lande schon wieder tausend Meilen entfernt von
meinem eigentlichen Ziel. Hochbegabung kann ganz schön nervig sein, wenn man
mal wieder alles bis ins kleinste Detail erläutert oder erforscht. Naja,
jedenfalls ist unser Stoff im Paket. Kaum zu glauben, aber: Das ist alles
vollkommen legal! Bisher hat sich die deutsche Gesetzgebung noch nicht so
wirklich um Cut gekümmert. Von mir aus kann es auch gern so bleiben, denn ich
habe ein Problem mit illegalen Drogen. Ich kann dann nicht so einfach
abschalten, und darum geht es doch gerade. Whatever.
Zwei
Schachteln liegen im Paket, daneben ein Medikament gegen die Übelkeit. Ganz
ohne Nebenwirkungen geht es leider nicht. Und dann schmeckt das Zeug gegen die
Übelkeit auch noch so scheiße, dass man direkt kotzen könnte! Mega bitter –
deswegen packe ich Kaubonbons dazu. Die helfen auch gegen den ekligen Geschmack
vom Tee – stimmt, Tee brauchen wir! Ich habe extra einen frischen Beutel beim
Händler meines Vertrauens bestellt, der wandert direkt in das Paket.
Xylitkaugummis, unbedingt, damit man nicht mit irgendeinem ekligen
Nachgeschmack auf den Trip geht. Das nervt nur und lenkt vom Erlebnis ab, und
diese Kaugummis sind das perfekte Mittel dagegen. Was packe ich noch ein?
Julian braucht
eine Checkliste. Ne, warte, die schicke ich ihm nachher oder so direkt bei
Facebook. Aber ich stelle noch eine zweite Liste zusammen, so als psychische
Vorbereitung. Damit er sicherstellt, dass er mit guter Laune an das Erlebnis
tritt. Ich schreibe ein paar mysteriös-esoterisch klingende Hinweise auf und
versehe den Text noch mit hübschen Bildern. Ein Phönix würde ganz gut passen,
er soll im Vorfeld mal ruhig ein bisschen ins Grübeln kommen.
Schließlich
habe ich alles zusammen, ich falte das Päckchen zu, klebe die Laschen dicht und
schreibe Jus Adresse vorne rauf. Soll ich meine Adresse als Absender angeben?
Nein, ich schreibe einfach „Grüße vom Psychonauten“, das wird er schon
verstehen. Das steigert die Spannung.
Nachdem ich
das Päckchen zur Post gebracht habe, surfe ich noch im Internet nach Tipps, wie
man das Ganze aufmotzen könnte. Die Checkliste! Stimmt ja, ich stelle sie
zusammen, damit Ju auch nichts vergisst. Nach dem, was ich bisher so von ihm
mitbekommen habe, scheint er nicht gerade sehr gut organisiert zu sein. Naja,
er ist Student, er darf das noch. Ich wette, er wird sehr dankbar sein, dass er
alles auf einem Zettel abhaken kann.
Und das ist
nicht wenig. Neben den obligatorischen Punkten zu Kleidung, Wechselwäsche,
Kissen/Decke soll er sich auch bei seinen Leuten abmelden. Denn wir haben
beschlossen, dass wir das nicht einfach so einmal nebenbei machen. Wir ziehen
das groß auf, wir nehmen uns dafür ein Wochenende Zeit. Das wird fantastisch,
am Freitagabend starten wir mit dem Trip zum Kennenlernen, damit er mit der
Substanz vertraut wird, und am Samstag Abend wiederholen wir das Ganze. Ich
habe ihm lang und ausführlich erklärt, dass Cut an zwei Tagen hintereinander
völlig unterschiedlich wirkt. Beim zweiten Mal wird es etwas psychedelischer,
während beim ersten Mal die oberflächlichen Effekte im Vordergrund stehen. Und
ich möchte ja, dass Ju aus dem Ganzen etwas für sich mitnimmt. Oh mann, das
muss einfach perfekt werden! Ich werde mich um alles kümmern, damit Julian sich
einfach fallen lassen kann, selbst in einem dreckigen Loch in Lichtenberg…
„Hey Ju, ich
hab für dich eine kleine Checkliste gemacht, damit du nichts vergisst.“
„Oh, danke,
Timo. Das macht es ja noch spannender. Ehrlich gesagt, kann ich es kaum noch
abwarten!“
„Nützt nichts,
es sind noch ein paar Wochen. Das letzte Septemberwochenende, wie abgemacht.
Hast du dir den Tag frei genommen?“
„Ja, das
passte total gut, ein Kollege springt für mich ein, der schuldet mir eh’ noch
einen Gefallen.“
„Okay, und
deine Leute machen sich keine Sorgen um dich?“
„Also Dennis
weiß Bescheid, dass ich dich besuchen fahre, hab ihm aber keine Details
erzählt. Ansonsten hab ich das nicht so an die große Glocke gehängt.“
„Wie meinst Du
das?“
„Naja, Lena
zum Beispiel weiß nicht, dass ich zu dir fahre.“
Ach ja. Da war
ja noch etwas. Lena. Ich weiß nicht, wie Ju es schaffte, in so kurzer Zeit nach
der letzten Freundin die nächste zu angeln. Muss wohl sein Körper sein oder so.
Mitte Zwanzig und er wirkt noch wie ein Teenager. Aber das ist schon okay, er
muss das alles mal ausleben. Und, ehrlich gesagt, stört mich Lena überhaupt
nicht: Sie ist eine von denen, die zwischen „natürlichen“ und „chemischen“
Drogen unterscheiden. ’nuff said. Wenn Julian sich bei ihr wohlfühlt, dann ist
das die Hauptsache. Mir kann das ja auch alles egal sein, denn an diesem einen
Wochenende im September gehört er mir. Oder, besser gesagt: Seine
Aufmerksamkeit. Ich freue mich drauf, ihm neue Entdeckungen zu zeigen, und
vielleicht kann ich dann ja auch etwas weniger verklemmt über das sprechen, was
ich für Ju empfinde. Was ich selbst nicht weiß. Was sich nur hin und wieder in
Form von Eifersucht meldet, wenn er erzählt, was er wieder alles mit Leuten
gemacht hat, natürlich nicht mit mir, und wenn er mal wieder vollkommen
besoffen von irgendeiner scheiß Party eine SMS nach der anderen schreibt, denkt
der Idiot, das macht mich glücklich? Denkt der Idiot überhaupt? Scheiße. Ich
habe mich verliebt. Und ich muss aufpassen, dass ich mich da nicht wieder in
irgendwas verrenne. Ich sollte die Chance nutzen und auf dem Trip ganz offen
mit ihm darüber reden. Vielleicht klappt das ja. Das klappt sicher.
Während die
Tage vergehen, wird mir bewusst, wie sehr Ju meinen Alltag bestimmt, obwohl er
kilometerweit weg ist. Und viel zu spät auf Nachrichten antwortet, wenn
überhaupt. Und immer diese „Boah, ich hab grad soooooo viel Spaß!“-Nachrichten.
Spaß ohne mich. Soll ich mich für dich freuen?
Es ist doch
nicht zu glauben, diese ganze Geschichte nimmt mein Gehirn dermaßen in
Anspruch, dass das Gespräch über das Schulleitergutachten völlig beiseite
rückt. Natürlich hat die blöde Kuh nicht die Note geändert, aber immerhin
musste sie in Anwesenheit eines Zuhörers zugeben, dass sie mich schlechter
bewertet hat, weil ihr kleines Experiment nicht geklappt hat. Hat also mit
meiner Eignung als Lehrkraft überhaupt nichts zu tun – und damit wusste ich
alles, was ich wissen wollte. Dann kann die Examensprüfung kommen. Und Ende
Januar bin ich hier weg, die blöde Fotze sehe ich hoffentlich nie wieder.
Das alles
gerät in den Hintergrund. Und ich freue mich wie ein kleiner Schuljunge auf
unser gemeinsames Wochenende. Was kann ich noch alles an Vorbereitungen machen?
Ich habe meine Wandbehänge in mein Schlafzimmer umgehängt, damit wir sämtliche
Deko und das Schwarzlicht in dem Raum haben. Ich habe die zweite Matratze von
meinen Eltern organisiert, so dass wir uns eine Liegewiese zusammenbasteln
können. Ich habe reichlich Essensvorräte da, falls der Heißhunger kommt. Das
Telefon habe ich rausgezogen. Ich lasse niemanden in meinem Wochenende
rumpfuschen. Und die Räucherstäbchen sind auch da, und es wird auch wieder
früher dunkel, so dass sich das mit dem Schwarzlicht auch lohnt, und ich habe
mir meine Outfits genau zurechtgelegt, naja, ich möchte gut aussehen für ihn.
Eigentlich kann gar nichts mehr…!!! Es klingelt! Ich schaue aus dem
Küchenfenster und sehe Jus schwarzen BMW vorne parken. Herzschlag… … man Timo,
lass mal das Denken, jetzt mach schon auf… ich betätige den Summer, höre die
Eingangstür im Treppenhaus zuschlagen. Ich atme tief durch, setze ein Lächeln
auf, und da kommt er.
fortsetzung folgt...
Donnerstag, 1. September 2016
Aufgeschlagen
Damals bei unserem Bunten Abend des Abiturjahrgangs - also gewissermaßen in der Steinzeit - haben wir unter Anderem einen Sketch über unseren Geschichtslehrer gebracht. Teil des Sketches war seine Angewohnheit, während des Unterrichts durch den Klassenraum zu gehen und hier und da die Unterrichtsmaterialien der Schüler auf deren Arbeitsplatz umzusortieren. Es musste bitte alles parallel gelegt werden, es waren nur 90°-Winkel erlaubt. Wir haben uns scheckig gelacht, wann immer er das machte. "Der bekommt das überhaupt nicht mit", kicherten wir damals.
Woher hätten wir auch wissen sollen, dass es so einen Tick tatsächlich gibt, und dass er vollkommen in Ordnung ist - nein, jetzt mal Butter bei die Fische: Woher hätte ich wissen sollen, dass ich irgendwann auch diese Ausprägung zeige? Ich ordne die Dinge auf meinem Schreibtisch und auf dem Couchtisch gern nach mathematischen Prinzipien an. Wenn etwas schief liegt, macht mich das nervös. Ich spüre dann den Drang, es geradezurichten.
Heute habe ich meinen Hausarzt besucht. Szene Wartezimmer (Multikulturalismus macht sich bemerkbar, und es ist TOLL!!! Es lebe die Vielfalt!), Zeitschriften liegen auf kleinen Stapeln, ich schiebe sie etwas zurecht, damit sie gerade liegen und ich nicht ständig auf dieses Chaos schauen muss. Eine Patientin wartet draußen. Sie wird aufgerufen und wirft ihre Zeitschrift aufgeschlagen quer auf den Tisch.
Der aufmerksame Leser kann sich denken, wie sich das für mich angefühlt haben muss. Aber diesmal hat das nichts mit Hochbegabung zu tun, wie mir scheint - der Rechte-Winkel-Sinn kann jeden treffen. Und so widme ich mich jetzt mal meinem Würfelhusten.
post scriptum: Herr Hermann, sollten Sie das je lesen - ich habe Ihnen so viel zu verdanken, Sie haben einem Geschichte-Acht-Punkte-Schüler eine mündliche Abiturprüfung mit fünfzehn Punkten eingebracht, das sagt sehr viel über Ihre Lehrereignung aus!
Mittwoch, 31. August 2016
Vorbereitungen (a.k.a. procrastinatio delectat)
Dr Hilarius beim Vorbereiten einer Lehrprobe
Wir schreiben die letzte Ferienwoche, viele Lehrerkollegen stellen sich jetzt auf das neue Schuljahr ein. Manche werden kotzen, wenn sie realisieren, dass sie absolute Horrorklassen bekommen haben (Definition bleibt jedem selbst überlassen), andere freuen sich über einen straffen Stundenplan mit wenig Rumgammelzeit. Ehrlich gesagt hoffe ich ein bisschen darauf, dass irgendein Kollege sich so sehr über seine Lerngruppen aufregt, dass er sich die Halsschlagader bricht: So könnte meine Freundin noch ein bisschen Vertretungsunterricht geben.
Es gibt sehr vorbildliche Lehrer. Jene haben zu diesem Zeitpunkt selbstverständlich schon die Stoffverteilung für ihre Klassen geregelt, die Schultasche auf- und den neuen Lehrerkalender eingeräumt. Sie können den Schulbeginn kaum abwarten, damit sie gleich am Montag all ihre Klassenarbeitstermine für das Schuljahr reservieren können.
Ich habe noch nicht einmal meinen Lehrerbedarf-Bestellzettel wiedergefunden. Ich mache in den Ferien tatsächlich Ferien. Aber nun habe ich meinen Stundenplan, als hätte ich es geahnt. Ich seh' das positiv, neue Herausforderungen! Aber noch nicht; ich habe den Plan zur Seite gelegt, morgen muss ich erstmal in der Wohnung ein bisschen was schaffen, es geht wieder einmal ins Badreich. Und vielleicht gibt es morgen ja schon Neuigkeiten zum Kühlschrank - denn wie mir seltsame Geräusche und ein sehr fauliger Geruch klargemacht haben: Der tut's nicht mehr. Vielleicht ist aber auch nur ein Teil kaputt. Nun ja, das sorgt momentan dafür, dass ich nach Ewigkeiten wieder Fertiggerichte esse - und ich muss ganz ehrlich sagen, vermisst habe ich sie nicht. Es gibt ein paar Sachen, die sind gut (frisch Zubereitetes), aber das soll kein Dauerzustand sein.
Ich prokrastiniere also wieder einmal, ich schiebe meine Schularbeiten noch ein Stückchen auf und versuche, die letzten sonnigen Ferientage zu genießen. Und das solltet Ihr auch tun!
post scriptum: Hin und wieder muss auch mal ein langweiliger Käsebeitrag sein, verleiht dem ganzen Geschreibsel etwas Authentizität.
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