Dienstag, 21. Juni 2016

Bürokratiergehege 2: Der Tempel des ALG-Todes


Herzlich willkommen zur heißersehnten Fortsetzung des Blockbusters "Bürokratiergehege". Hier lernen wir den Tempel des ALG-Todes kennen, dessen genauen Standort niemand weiß und auch die Identität des geldmordenden Hohepriesters bleibt für lange Zeit unbekannt. Wie also kommt man in Kontakt mit dieser gefährlichen Einrichtung?

Wer mindestens zwölf Monate in einem durchgängigen Beschäftigungsverhältnis stand, hat im ungünstigen, aber recht häufigen Falle der Arbeitslosigkeit ein Anrecht auf Arbeitslosengeld (ALGI) - in Höhe von sechzig bzw. sechsundsechszig Prozent des Durchschnittseinkommens der letzten zwölf Monate. Man sendet den Antrag - wie auch alles, was mit dieser Phase des Lebens zu tun hat - an die Agentur für Arbeit, in meinem Fall in Kiel. Ungeachtet der Tatsache, dass sich der persönliche Tempel des Finanztodes nicht zwangsläufig in Kiel befindet.

Das findet man erst heraus, wenn man Antwortpost bekommt, die einem die Bewilligung des ALGI hoffentlich bestätigt. Die Antwort kommt laut Anschrift von der Agentur für Arbeit Kiel, interessanterweise wird als Sachbearbeiter allerdings eine Person in Neumünster angegeben. Oder Flensburg. Oder sonstwo. Man mag nun denken, okay, dann ist diese Person jetzt mein weiterer Ansprechpartner. Nein: Bis auf den Namen werden keine konkreten Kontaktdaten gegeben - da stehen eine Faxnummer und eine Mailadresse, die allerdings in die "Ablage P" des Tempel des Todes wandern und nicht an den jeweiligen Sachbearbeiter. Die Hälfte der Mails kommt nicht an, die andere Hälfte wird nicht bearbeitet, geschweige denn beantwortet. Eine Telefonnummer zur Nachfrage und/oder Beschwerde wird selbstverständlich nicht abgegeben. Der Hohepriester würde sich damit ins eigene Knie schießen. Er sichert sich seine vernichtende Macht durch Abschottung.

Nein, jeglicher Kontakt läuft über das Bürokratiergehege Agentur für Arbeit Kiel, und jeglicher Kontakt läuft schriftlich. Wer es wagt, die kostenfreie Hotline anzurufen, sollte ein wenig Zeit einplanen. Es empfiehlt sich, währenddessen den Pizzaservice kommen zu lassen, ein Schläfchen zu halten und eine ausgiebige Massage zu bekommen. Die Betonung liegt hier auf "und", nicht "oder". Damit letztlich u.U. wieder nur ein "Da müssen sie sich schiftlich an ihre zuständige Agentur für Arbeit wenden." kommt.

Nun will ich nicht meckern, denn meine zuständige Finanz-Hohepriesterin hat mir nach einmonatiger Wartezeit das ALGI bewilligt. Dann war ich so tollkühn und wollte das Geld etwas aufstocken mit einem Nebenverdienst; man darf bis zu einhundertfünfundsechzig Euro monatlich dazuverdienen, solange die wöchentliche Arbeitszeit weniger als fünfzehn Stunden beträgt. Habe ich also beantragt, bekam irgendwann mit einmonatiger Verspätung die Bewilligung und den Bescheid über das in dieser Zeit verringerte ALG. Wieder aus Neumünster, allerdings von einer anderen Priesterin. Wieder eine andere zuständige Fachkraft hat mir nun eine Mahnung und Vorladung zur Anhörung zugesandt, in der mir vorgeworfen wird, mein Beschäftigungsverhältnis nicht angegeben zu haben und dass mir daher seit Mitte April überhaupt kein ALGI mehr zusteht. Mehr noch, neben der Rückzahlung der Leistungen soll ich noch die zuviel entrichteten Beiträge zur Krankenversicherung an das Arbeitsamt überweisen.

Hier zeigt sich also, weshalb vom Tempel des ALG-Todes die Rede ist. Wie wird es weitergehen? Ich habe Widerspruch eingelegt, wieder in Kiel, wieder werde ich Antwort aus Neumünster erhalten, vermutlich wieder von einem neuen Sachbearbeiter. Diesmal hoffentlich mit der Miteilung, dass da ein Fehler (Fehwer!) unterlaufen ist, für den ich ganz bestimmt nicht mit dem Leben (Wehben!) zu bezahlen (bezahwen!) habe.

Und vielleicht wird es dann zur Fortsetzung kommen - "Bürokratiergehege 3: Der letzte Kreuzzug ins Amt".

Samstag, 18. Juni 2016

Ein Tag in Weiß


Herrje, ich habe gestern eine Frage aus den Schülerrückmeldungen nicht hier beantwortet, das tut mir leid, das wird jetzt nachgeholt!

Ein Schüler hatte gefragt, ob ich im Blog nicht erklären könnte, warum ich am letzten Tag ganz in weiß in der Schule war. Normalerweise trage ich schwarze Outfits, schwarzen Schmuck, hin und wieder auch schwarzes Make-Up. Das gehört einfach zu mir, das macht mich aus. Meine Schüler gewöhnen sich zügig daran. Ich habe mir irgendwann einen Spaß draus gemacht, einmal komplett in weiß in der Schule zu erscheinen. Ungläubige Blicke, "Dr Hilarius, ich hätte sie fast nicht wiedererkannt!", aufgerissene Augen, "Sind sie krank?"

Ich habe daraus eine Art running gag gemacht: Jede meiner Lerngruppen erlebt mich einmal in der Unterrichtszeit ganz in weiß. Damit mache ich den Schülern klar, dass man Gewohnheiten auch mal aufbrechen soll. Dass man bereit sein soll, umzudenken. Ich erkläre ihnen das dann meistens auch ausführlich. Das Umdenken hilft, neue Blickwinkel zu entdecken und aus festgefahrenen Verhaltensmustern auszubrechen. Sonst gewöhnt man sich irgendwann so sehr daran, als wäre es ein ungeschriebenes Gesetz, dass Dr Hilarius immer schwarz tragen muss.

"Ich muss gar nichts", hat ein Berliner Elektropop-Team namens Grossstadtgeflüster mal gesungen und da ist viel dran. Wer sagt, dass ich immer schwarz tragen muss? Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung ändern kann!

Na, habe ich Deine Frage damit beantwortet? ;-)

Freitag, 17. Juni 2016

An Euch

Bevor das Gemecker losgeht: Die Rückmeldungen, die ich hier erwähne, tragen das offizielle OK der Schüler. Ich schreibe hier nichts Privates.

Nun sitze ich hier und lese mir Eure Rückmeldungen durch. Und schon beim dritten Text muss ich eine kleine Träne aus dem Augenwinkel wischen. Toll, da schreibt mir jemand, dass er mich am Anfang ganz falsch eingeschätzt hat, ein verschlossenes Buch, vielleicht, weil er versucht hat, vom Äußeren auf den Charakter zu schließen und das passte dann irgendwie nicht. Wenn ich jetzt den Gedanken angestoßen habe, dass man Menschen nie nach dem Aussehen beurteilen sollte (jaaaaaa, eine Rückmeldung beginnt mit dem never judge a book by its cover!), bin ich verdammt stolz. Ich habe versucht, Euch das vorzuleben - Offenheit und Aufgeschlossenheit.

Ein Auszug aus der Rückmeldung mit dem Buchumschlag: "Vor allem gaben Sie uns nie das Gefühl, total dämlich zu sein. Sie haben uns nämlich nicht nur stets vor einer Unterrichtseinheit Gelegenheit gegeben, über bestimmte Ereignisse vorab zu recherchieren, sondern lobten uns auch. Dafür danke." Ich erlebe es in meinem Privatleben manchmal, dass Menschen sich neben mir dumm fühlen, und das tut mir richtig Leid. Deswegen versuche ich immer, eine gedankliche Hand zu reichen.

Mehreren von Euch haben die Spiele gefallen, weil Ihr auf diese Weise einen Anreiz hattet, zu lernen (a.k.a. Ferrero Küsschen, zum Beispiel) und weil manch einer auf diese Weise die Inhalte nicht nur gut behalten konnte, sondern auch genau wusste, wo noch inhaltliche Lücken sind. Genau so war es auch gedacht, meine Damen und Herren, und ich war echt überrascht, als alle Gruppen mir den Taoiseach mit richtiger Aussprache nennen konnten! Das Quiz war mein Highlight, weil Ihr gezeigt habt, dass Ihr echt was gelernt habt. Und denkt dran: Die Spiele kamen dran, weil Ihr Euch das in der ersten Stunde gewünscht habt. Ihr könnt Unterricht mitgestalten!

"Sie sind der erste Lehrer, der mich so akzeptiert, wie ich bin. Es tut gut, auch mal positives Feedback zu bekommen." Manchmal braucht man Mut, um zu sich selbst zu stehen, auch wenn noch so viel Gegenwind kommt. Ich freue mich, dass ich Menschen das Gefühl geben kann, OK zu sein. Dass sie bei mir so sein dürfen wie sie eben sind.

Eure Kritikpunkte sind für mich vollkommen nachvollziehbar, ich nehme sie als Impulse für meinen zukünftigen Unterricht mit. Deswegen ist es mir so wichtig, die negativen Aspekte zu lesen - nur so kann ich etwas zum Positiven ändern.

Okay, ich bin durch und hab tatsächlich ein paar Tränen rollen lassen. Ich freue mich, dass ich etwas bewirken konnte und dass Ihr etwas für Euch mitgenommen habt. Schule setzt einem leider bestimmte Maßregeln, manchmal verhindern diese einen progressiven Unterricht. Ihr habt "Humanistische Pädagogik" erlebt, ein bisschen Pestalozzi, ein bisschen Montessori. Leider gibt es Menschen, die sowas als "Kuschelpädagogik" bezeichnen und sich abfällig darüber äußern. Ich finde das sehr schade.

DANKE, dass Ihr mitgemacht habt. Dass Ihr aufgetaut seid. Dass Ihr offen ward. Dass Ihr mich akzeptiert habt. Unterricht lebt von Lehrern und Schülern.

Wir sehen uns!

Mittwoch, 15. Juni 2016

Kärnan kriecht


So, das wird heute mal ein etwas klassischerer Blogeintrag mit Tagebuchcharakter. Zunächst eine interessante Erfahrung, die ich gemacht habe: Bei längeren Meditationen löst sich der Geist vom Körper, es entsteht ein Gefühl, als läge der Körper nur wie eine leere Hülle auf der Couch, während der Geist durch Gedankenwelten reist. Ein wunderbares Gefühl. Spannend wird es, wenn in diesem Zustand reale Dinge auf das Erlebnis Einfluss üben.

Wenn ich in der Tiefenentspannung bin, kann jemand an der Tür klingeln, aber ich gehe nicht hin. Bitte nicht die Meditation unterbrechen. Aber je nach Klingelsound fährt es mir wie ein Blitz durch Mark und Bein. Oder eher: Wie eine Bandsäge. Die Kunst besteht darin, diese unangenehme Erfahrung möglichst schnell auszugleichen und sich nicht rausbringen zu lassen.

Heute war das erste Mal, dass ein Gewitter während der Meditation aufgezogen ist. Ich liege also da, die erste halbe Stunde ist rum, die perfekte Musik malt mir meine Gedankenreisen aus und ich verarbeite die Ereignisse des Tages. Das Gewittergrummeln ist nicht so "sägend" wie die Türklingel. Es grollt ja schon aus der Ferne, ein tiefes Wummern, das sich mit der Musik vermischt und phasenweise nicht mehr von der Musik zu unterscheiden ist. Doch dann wird es lauter - es fühlt sich an, als würde eine U-Bahn unter mir hindurch fahren, alles wackelt, bebt, aufregende Szenen in der Gedankenreise! Aber es bringt mich nicht aus der Meditation raus, denn im Gegensatz zu der Türklingel ist das Gewittergrollen ein natürlicher Sound und ich konnte wunderbar dabei entspannen. Diese Gewittermeditation war sehr angenehm.

Dann muss ich nochmal etwas aufgreifen, was ich hier schon einmal beschrieben habe. Ich kenne es mittlerweile, dass Bauwerke mehr Zeit zur Fertigstellung benötigen als geplant. Ich kenne es, dass die Kosten explodieren. Die Elbphilharmonie war ursprünglich mit 77 Millionen Euro veranschlagt. Mittlerweile ist bekannt, dass das Bauwerk den Steuerzahler 789 Millionen kosten wird, ein kleines bisschen höher als gedacht - und ein Ende ist nicht in Sicht. Oder der neue Berliner Flughafen: Eine Milliarde Euro wurden eingeplant und der Flughafen sollte im Oktober 2007 seinen Betrieb aufnehmen. Nun ist es Juni 2016, auch hier kein Ende in Sicht, und die Kosten nähern sich heute der Sechs-Milliarden-Marke.

Okay, die jüngste Achterbahn im Hansa-Park spielt nicht in diesen Größenklassen. Aber Parallelen sind zu entdecken: Angedacht war es, 2015 zu bauen und 2016 zu thematisieren ("Thematisierung 2016"). Und dann kamen die Widrigkeiten. Schlechte Wetterverhältnisse, jemand, der vom Vertrag zurücktritt (ist nur ein Gerücht, kann falsch sein!), ich frage mich, ob das Team Leicht sich da übernommen hat ("Thematisierungsbeginn 2016")?

Mich stören die Drängler in Internetforen, die auf einmal nur noch über die Bahn meckern, weil sie noch nicht fertig ist. Leute, Zeit ist Geld und der Hansa-Park ist kein Disneyland, das mal eben EINHUNDERT MILLIONEN DOLLAR für eine Achterbahn verprassen kann (Weltrekord; Expedition Everest im Animal Kingdom). Das Vorhaben des Familienbetriebs ist gigantisch - allein die Planung hat fünf Jahre gebraucht. Ich würde all diesen Meckerern gerne sagen, dass niemand sie zwingt, mit der unfertigen Bahn zu fahren. Einen 80m hohen Turm komplett zu verkleiden, das dauert, und einen kompletten Darkride in der Burg zu installieren - das ist eine andere Größenklasse als der Fluch von Novgorod.

Nach meiner Einschätzung wird das Ergebnis ein echtes Erlebnis, und wir coaster junkies sollten uns einfach in Geduld üben. Ich finde toll, was die da machen, und es tut mir Leid, wenn jetzt tatsächlich der Betrieb, der für die Turmfassade verantwortlich zeichnet, zurückgetreten sein soll. Durchhalten, es wird irgendwann vollendet sein!

post scriptum: Drollige Beobachtung für die Leser - in der Regel wird ein Beitrag von der Publikation bis zum folgenden Tag hier dreißigmal aufgerufen. Der gestrige Beitrag zu meiner Jobperspektive wurde fünfhundertmal geöffnet. Ich finde die Blog-Statistiken immer ziemlich spannend.

Dienstag, 14. Juni 2016

Denk-Zettel

Agentur für Arbeit Kiel
Adolf-Westphal-Str.2
24143 Kiel

Sehr geehrter Herr Denk, hier der Zettel:

Was ich damit sagen möchte: Wenn jetzt nichts mehr dazwischen kommt, habe ich endlich wieder Arbeit und freue mich sehr auf die neue Schule, die erfrischend bunt zu sein scheint. 

Montag, 13. Juni 2016

Identität - Die Geschichte von Timo und Julian (part 4)




Disclaimer: Diese Geschichte ist Fiktion. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen und Ereignissen sind rein zufällig und nicht vom Autor beabsichtigt. Das wäre ja sonst ein roman à clef, und zu solchen literarischen Kunststückchen ist der Autor sicher nicht fähig.

Identität – die Geschichte von Timo und Julian


part 4

Sonnenaufgang über Lichtenberg. Die Fenster meiner Wohnung zeigen nach Osten, die Morgensonne scheint direkt auf mein Bett, das kann ich gut gebrauchen, weil ich morgens Probleme mit dem Aufstehen habe. Zum Glück sind noch Sommerferien, da ist ausschlafen angesagt.
Meine Wohnung entspricht zur Zeit besonders dem Trash-Messie-Klischee. Es ist nicht nur der Müll, der hier herumliegt, weil ich mich nicht zum Aufräumen aufraffen konnte. Es ist auch die völlig veraltete Kesseltherme, die mit Gas erstmal eine ganze Weile das Wasser aufheizen muss, bevor ich warmes Wasser aus der Leitung bekomme. Es sind auch die Stromkabel, die gut sichtbar an der Flurdecke verlegt wurden und wie als solches gedachte Dekoration die Zimmer schmücken. Es sind auch die papierdünnen Wände, die mich am Privatleben meiner Nachbarn teilhaben lassen: Oben Streits und reichlich Sex, neben meinem Bett LAN-Partys und laute Schlagermusik.
Immerhin hat es mich nicht so schlimm getroffen wie Meike, meine Nachbarin quer über den Flur. Über ihrer Wohnung wohnen ein paar junge Erwachsene, die regelmäßig unter der Woche derartig laute – und scheinbar auch zerstörerische – Feiern veranstalten, dass die Polizei schon mehrfach des Nachts an unserer Reihenhausscheibe geklingelt hat. Aber was erwarte ich, ich bewohne ein spottbilliges Fleckchen Wohnraum, Adenauerstraße 11, in einem der miesesten Vierteil von Lichtenberg, tief im Berliner Osten. Für das Referendariat. Es sind rein pragmatische Überlegungen; meine Ausbildungsschule, das Marx-Gymnasium, liegt nicht einmal einen Kilometer entfernt. Und ich habe kein Geld.
An all diese Gedanken hatte ich mich gewöhnt, so dass ich am Morgen nach unserem Treffen bei Reg direkt zur Tagesordnung ging und mich ans Aufräumen machte. Ich hatte keine Lust. Keine Lust, das Chaos hier zu beseitigen, keine Lust, etwas für die Schule vorzubereiten. Keine Lust nach dieser grandios verpassten Chance gestern. Ich beschloss, Reg zu schreiben und etwas von meinem Frust loszuwerden, dass ich schon wieder gekniffen hatte.
Ich öffnete Facebook, meine einzige Verbindung zur Welt außerhalb meiner Wohnung, in der ich mich von meinen Mitmenschen abgeschottet hatte. Auf der Startseite begrüßte mich der leuchtend rote Hinweis, dass ich eine Nachricht erhalten hatte – und so sah ich, was Julian mir noch in der Nacht geschrieben hatte.
Scheiße. Verdammte Scheiße, warum bin ich so eine feige Sau, warum bekomme ich nie mein Maul auf, warum denke ich immer, dass ich es nicht wert bin, dass sich mal jemand mit mir privat trifft, wo ist mein Selbstbewusstsein, wo ist mein Selbstvertrauen? Das Referendariat hatte mir bis dahin systematisch mein Rückgrat gekillt. „Herr Schneider, ihr Unterricht ist sehr ungewöhnlich. Warum halten sie sich nicht an die Hinweise in den Fachdidaktiken, warum ziehen sie keine pädagogische Literatur zu Rate, warum hören sie nicht auf ihre Mentoren?“ Ich kann das nicht. Ich habe ein ganz konkretes Konzept von Schule und Unterricht in meinem Kopf. Ich kann mich nicht anpassen an die Erwartungen der Anderen. Ich habe das jetzt ein Jahr lang versucht und bin regelmäßig untergebuttert worden. Mein Unterricht hatte jegliche Authentizität verloren. Von allen Seiten wurde mir suggeriert, dass ich überhaupt nichts mehr auf die Reihe bekomme, dass ich für die einfachsten Dinge zu blöd sei. Julians Nachricht passte wunderbar in dieses Denkmuster.
Dabei sollte ich mich doch eigentlich freuen, oder nicht? Denn nun hatte ich die Gewissheit, dass er an einem Gespräch mit mir interessiert war. Ich wusste nicht, warum, wahrscheinlich sagte er das zu jedem, den er kennen lernte. Oder lag es eben doch speziell an mir? Mir fiel wieder dieser Augenblick ein, diese zwei, drei Sekunden zu viel, die ich in seine Augen gestarrt hatte, letzte Nacht am Kleistpark. Das verwirrte mich alles noch viel mehr, ich konnte das nicht einordnen. Ich entschloss mich, ein neues Treffen anzuberaumen. Nicht nur mit Julian, bloß nicht, warum sollte er da zusagen, der würde sich doch bestimmt denken, ich hätte irgendwas vor. Also schrieb ich eine Nachricht an Cory und Julian, ob wir uns nicht am nächsten Wochenende bei Cory treffen wollten. Wraps futtern, oder so, ich war mir sicher, dass so eine Verabredung weniger „verbindlich“ wäre, unauffälliger eben. Und ich entschied mich dagegen, Reg zu schreiben, weil ich Angst vor ihrer Antwort hatte. Vielleicht eine weitere Zurechtweisung im Stile von „Wie kann ein Mann so kompliziert sein?“ – und das konnte ich zur Zeit wirklich nicht gebrauchen.
Es dauerte keine drei Stunden, bis ich die Antworten der Beiden hatte, zwei Zusagen, großartig! Wir teilten uns die Einkaufsliste auf.
„Hey Julian, soll ich uns vielleicht mal etwas zum Entspannen mitbringen? Weiß nicht, ob Du an so was Interesse hast. Aber wir könnten uns dann ja zwei Stunden vorher bei Dir treffen, chillen eine Runde, und dann fahren wir weiter zu Cory. Was meinst Du, klingt gut?“
Welcher Teufel hatte mich geritten, das zu schreiben? Und warum ist es so verdammt einfach, eine Nachricht abzusenden, ein einfacher Klick, aber so unmöglich, diese Nachricht zurückzunehmen? Nun sah ich sie die ganze Zeit im Nachrichtenverlauf und kam mir so schlecht vor – und es wurde noch schlimmer, als ich plötzlich dieses kleine Häkchen sah, den Hinweis, dass er die Nachricht gelesen hatte. Ich hatte Angst vor der Antwort, ich schloss den Browser sofort, fuhr den Rechner herunter, als könne ich damit verhindern, dass da irgendeine Antwort kam. Raus hier, weg hier, ich verließ die Wohnung, ging zum S-Bahnhof, stieg ein in Richtung Potsdam. Ich suchte mir einen Fensterplatz, dort saß ich gern, schaute nach draußen und dachte nach. Wieder ein Fluchtversuch vor der eigenen Verantwortung. Und im Hinterkopf immer wieder die Neugier, wie ein kleines Teufelchen, das mit seinem Dreizack ohne Unterlass meinen Verstand piekste, das wissen wollte, ob er wohl geantwortet hatte. Was er wohl geantwortet hatte. Face the music, Timo, übernimm endlich mal die volle Verantwortung für Dein Handeln. Nur so kannst Du irgendwann stärker werden.
Am Grunewald stieg ich aus. Das Wetter war perfekt für einen Spaziergang durchs Grüne. Während ich etwas abseits der vorgesehenen Pfade wanderte, wurde mir wieder bewusst, wie allein ich zur Zeit war. Und wie sehr ich mit Julian befreundet sein wollte, und wie sehr ich wieder in die City ziehen wollte, in die Nähe von Cory und Reg. Sollte ich nur einen einzigen Wunsch für das neue Lebensjahr haben, nahm ich mir vor, Lichtenberg endgültig hinter mir zu lassen. Spießerschule, auf die hatte ich eh keinen Nerv mehr – nur weil sie nicht damit klarkommen, dass ich kein Mainstream-Lehrer bin. Was sollte ich also vermissen, wenn ich wieder in meine gefundene Heimat zurückkehrte?
Ich brauchte dafür nur noch eines: Mehr Mut. Mehr Mut, die Brücken hinter mir abzubrechen, mehr Mut, mich bei einer anderen Schule zu bewerben. Und mehr Mut, auf neue Freunde zuzugehen. Vor meinem geistigen Auge sah ich wieder das Facebook-Häkchen. Bestimmt hatte Julian inzwischen geantwortet. Wovor hatte ich solche Angst? Dass er über mich lacht. Dass er denkt, ich würde ihn irgendwie mögen. Dass ihm das peinlich ist. Dass ich mich in etwas verrenne? Dass er einfach absagt? Letzte Nacht wäre er auch mit mir mitgekommen, wenn ich ihn einfach gefragt hätte. Und worum ging es denn überhaupt, zwei Stunden vorher zu zweit bei ihm verbringen, da ist doch nichts bei. Und wenn es nicht so toll läuft, wären wir danach ja bei Cory, das würde die Spannungen rausnehmen. Und so oft, wie Julian sich volllaufen ließ, sollte er eigentlich auch keine Hemmungen haben, mal etwas Angenehmeres als Alk zu konsumieren. Worauf wartete ich?
Ich machte mich auf den Heimweg. Vom Bahnhof Lichtenberg waren es noch etwa zwanzig Minuten zu Fuß bis zur Adenauerstraße und ihren potthässlichen Reihenhäusern, bei denen der Putz bröckelte, und überhaupt erweckte der Bau den Anschein, als warte er nur noch auf seinen Abriss. Ich entledigte mich meiner Schuhe, holte mir etwas zu trinken und klappte mein Notebook auf. Klasse, Timo, du bist onlinesüchtig, hallte es in meinem Kopf. Mir scheißegal, in diesem Viertel gab es ja sonst keinen Grund zu überleben, außer um regelmäßig seine Nachrichten zu checken und sich anhand der News davon zu überzeugen, dass die Welt sich immer noch dreht. Erster Klick: Facebook. Erster Blick: Eine neue Nachricht. Von Julian.

fortsetzung folgt...

post scriptum: Das Autobahnkreuz Kiel-West - für die nächsten dreizehn Monate bin ich Stammgast!

Samstag, 11. Juni 2016

Haus-DJ


(nicht so subtiles product placement)

"Ey, ich hab' total Lust, heute tanzen zu gehen." - "Ja, coole Idee, wollen wir in die Trauma? MAX? Atrium?" - "Nee, lass ma' Katzenstreu kaufen!"

Klingt zunächst wie ein non sequitur, könnte aber gestern oder heute durchaus so geschehen sein. Da wandere ich durch plaza hindurch und eine leichte Panikattacke schleicht sich an: Überall sind diese Verkostungsstände aufgebaut, Käsewürfel, Wein, Schokolade, Mottenkugeln, alles, was der Mensch zum Wohlfühlen braucht. Dass ich im Durchschnitt einen dieser Stände beim Einkaufsbummel treffe, ist vollkommen normal. Diesmal bin ich allerdings noch nicht mal beim Hackfleisch angekommen, da bin ich schon im Slalom sieben dieser netten jungen VerkäuferInnen ausgewichen. Reizüberflutung, überall die bunten Farben, natürlich besonders aromatischer Käse und da vorne reißt eine Einkaufstasche, Saft überflutet den Boden und ich bin kurz vor dem Nervenzusammenbruch. Oder Kreislaufkollaps. Oder kurz davor, 2,5kg Tilsiter zu kaufen, die Auswirkungen sind fast gleich.

Nun gut, vielleicht sind Aktionstage, ich schaue auf meine Armbanduhr, damit ich nicht die vielen Stände sehen muss - das regelmäßige Ticken des Sekundenzeigers beruhigt mich. Und siehe da, kaum bin ich am Brot vorbei, gibt es keine Stände mehr - die folgenden Nahrungsmittel sind vermutlich zu billig oder zu gesund, sowas kaufen die Leute auch ohne Verkostung.

Was mich allerdings ein bisschen verunsichert, ist das Wummern, ein regelmäßiges UHNtiss UHNtiss UHNtiss UHNtiss. Musik aus dem Kaufhausradio? Aber nein, es wird immer lauter, je näher ich an die Kasse komme und registriere plötzlich, dass im Hauptflur, mitten in der Kunden-Aorta, ein DJ-Pult aufgebaut ist, dahinter ein Klaus oder eine Telse mit Sonnenbrille und Headset, konnte das nicht richtig erkennen, und scratcht sich die Seele aus dem Leib.

Ich kann gar nicht anders, als meine Schritte an das UHNtissUHNtiss (findet man das Wort im Duden?) anzupassen. Ich möchte da möglichst schnell vorbei, denn das irritiert mich noch mehr als die Verkostungsstände. Warum gibts jetzt in der Sky-Disse nen DJ Hacksteak? Oder DJane Tamponade-Girl? Ich verstehe es tatsächlich nicht, reicht nicht mehr der normale Sender aus? Oder ist das eine der Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen für Flüchtlinge, einer der einhunderttausend Ein-Euro-Jobs, auf die Frau Nahles so stolz ist?

Es muss eine Epidemie sein; so streunere ich heute zu Rossmann und bin ob einer riesigen Menschentraube verwirrt. Sie stehen vor irgendwas, ich kann's nicht erkennen, alle mit gesenkten Häuptern. Man könnte es für eine Gebetszeremonie halten, wenn da nicht die Boxen des Soundsystems hier und da aus der Menge herausstächen. Und wieder: UHNtissUHNtissA-TEM-LOStissUHNtiss... ich muss mich durch die Menge drängeln, um überhaupt an den Eingang der Drogerie zu kommen, und da sehe ich, dass diese Tausenden von Menschen sich um eine Reihe Wühltische scharen. Ich weiß nicht, was es da gibt, das scheint schon so leer zu sein, dass ich nicht bis auf den Boden der Kästen blicken kann.

Ich biege ab in den Laden, schnell noch an der letzten Lautsprecherbox vorbei, da ballert eine Stimme mir fast das Trommelfell heraus: "JAAAA, Leute Leute, ich sag's nochmal, alles nur fünfzig Cent, alles nur fünfzig Cent, ich sag's Euch, nur fünfzig Cent, fünfzig Cent, meine Damen und Herren, greifen sie zu!" Wenn er es noch einmal sagt, kaufe ich mir Deospray und ein Feuerzeug und wende an, was ich (nicht bei der Sendung mit der Maus) gelernt habe. Beim After Shave angekommen, höre ich nicht mehr so viel von der menschlichen Sound-Uzi mit dem Headset. Zum Glück. Ich kaufe alles, was ich brauche, möchte bezahlen, da rastet die Kassiererin aus: "KÖNNT IHR MAL DIESE SCHEISS MUSIK LEISER MACHEN, wenn ich das hier noch fünf Stunden ertragen soll, kann ich für nichts garantieren!"

Mit Tinnitus auf dem Heimweg weiß ich jetzt wieder, warum ich lieber keine Kassiererin werden möchte.