Freitag, 17. Juni 2016

An Euch

Bevor das Gemecker losgeht: Die Rückmeldungen, die ich hier erwähne, tragen das offizielle OK der Schüler. Ich schreibe hier nichts Privates.

Nun sitze ich hier und lese mir Eure Rückmeldungen durch. Und schon beim dritten Text muss ich eine kleine Träne aus dem Augenwinkel wischen. Toll, da schreibt mir jemand, dass er mich am Anfang ganz falsch eingeschätzt hat, ein verschlossenes Buch, vielleicht, weil er versucht hat, vom Äußeren auf den Charakter zu schließen und das passte dann irgendwie nicht. Wenn ich jetzt den Gedanken angestoßen habe, dass man Menschen nie nach dem Aussehen beurteilen sollte (jaaaaaa, eine Rückmeldung beginnt mit dem never judge a book by its cover!), bin ich verdammt stolz. Ich habe versucht, Euch das vorzuleben - Offenheit und Aufgeschlossenheit.

Ein Auszug aus der Rückmeldung mit dem Buchumschlag: "Vor allem gaben Sie uns nie das Gefühl, total dämlich zu sein. Sie haben uns nämlich nicht nur stets vor einer Unterrichtseinheit Gelegenheit gegeben, über bestimmte Ereignisse vorab zu recherchieren, sondern lobten uns auch. Dafür danke." Ich erlebe es in meinem Privatleben manchmal, dass Menschen sich neben mir dumm fühlen, und das tut mir richtig Leid. Deswegen versuche ich immer, eine gedankliche Hand zu reichen.

Mehreren von Euch haben die Spiele gefallen, weil Ihr auf diese Weise einen Anreiz hattet, zu lernen (a.k.a. Ferrero Küsschen, zum Beispiel) und weil manch einer auf diese Weise die Inhalte nicht nur gut behalten konnte, sondern auch genau wusste, wo noch inhaltliche Lücken sind. Genau so war es auch gedacht, meine Damen und Herren, und ich war echt überrascht, als alle Gruppen mir den Taoiseach mit richtiger Aussprache nennen konnten! Das Quiz war mein Highlight, weil Ihr gezeigt habt, dass Ihr echt was gelernt habt. Und denkt dran: Die Spiele kamen dran, weil Ihr Euch das in der ersten Stunde gewünscht habt. Ihr könnt Unterricht mitgestalten!

"Sie sind der erste Lehrer, der mich so akzeptiert, wie ich bin. Es tut gut, auch mal positives Feedback zu bekommen." Manchmal braucht man Mut, um zu sich selbst zu stehen, auch wenn noch so viel Gegenwind kommt. Ich freue mich, dass ich Menschen das Gefühl geben kann, OK zu sein. Dass sie bei mir so sein dürfen wie sie eben sind.

Eure Kritikpunkte sind für mich vollkommen nachvollziehbar, ich nehme sie als Impulse für meinen zukünftigen Unterricht mit. Deswegen ist es mir so wichtig, die negativen Aspekte zu lesen - nur so kann ich etwas zum Positiven ändern.

Okay, ich bin durch und hab tatsächlich ein paar Tränen rollen lassen. Ich freue mich, dass ich etwas bewirken konnte und dass Ihr etwas für Euch mitgenommen habt. Schule setzt einem leider bestimmte Maßregeln, manchmal verhindern diese einen progressiven Unterricht. Ihr habt "Humanistische Pädagogik" erlebt, ein bisschen Pestalozzi, ein bisschen Montessori. Leider gibt es Menschen, die sowas als "Kuschelpädagogik" bezeichnen und sich abfällig darüber äußern. Ich finde das sehr schade.

DANKE, dass Ihr mitgemacht habt. Dass Ihr aufgetaut seid. Dass Ihr offen ward. Dass Ihr mich akzeptiert habt. Unterricht lebt von Lehrern und Schülern.

Wir sehen uns!

Mittwoch, 15. Juni 2016

Kärnan kriecht


So, das wird heute mal ein etwas klassischerer Blogeintrag mit Tagebuchcharakter. Zunächst eine interessante Erfahrung, die ich gemacht habe: Bei längeren Meditationen löst sich der Geist vom Körper, es entsteht ein Gefühl, als läge der Körper nur wie eine leere Hülle auf der Couch, während der Geist durch Gedankenwelten reist. Ein wunderbares Gefühl. Spannend wird es, wenn in diesem Zustand reale Dinge auf das Erlebnis Einfluss üben.

Wenn ich in der Tiefenentspannung bin, kann jemand an der Tür klingeln, aber ich gehe nicht hin. Bitte nicht die Meditation unterbrechen. Aber je nach Klingelsound fährt es mir wie ein Blitz durch Mark und Bein. Oder eher: Wie eine Bandsäge. Die Kunst besteht darin, diese unangenehme Erfahrung möglichst schnell auszugleichen und sich nicht rausbringen zu lassen.

Heute war das erste Mal, dass ein Gewitter während der Meditation aufgezogen ist. Ich liege also da, die erste halbe Stunde ist rum, die perfekte Musik malt mir meine Gedankenreisen aus und ich verarbeite die Ereignisse des Tages. Das Gewittergrummeln ist nicht so "sägend" wie die Türklingel. Es grollt ja schon aus der Ferne, ein tiefes Wummern, das sich mit der Musik vermischt und phasenweise nicht mehr von der Musik zu unterscheiden ist. Doch dann wird es lauter - es fühlt sich an, als würde eine U-Bahn unter mir hindurch fahren, alles wackelt, bebt, aufregende Szenen in der Gedankenreise! Aber es bringt mich nicht aus der Meditation raus, denn im Gegensatz zu der Türklingel ist das Gewittergrollen ein natürlicher Sound und ich konnte wunderbar dabei entspannen. Diese Gewittermeditation war sehr angenehm.

Dann muss ich nochmal etwas aufgreifen, was ich hier schon einmal beschrieben habe. Ich kenne es mittlerweile, dass Bauwerke mehr Zeit zur Fertigstellung benötigen als geplant. Ich kenne es, dass die Kosten explodieren. Die Elbphilharmonie war ursprünglich mit 77 Millionen Euro veranschlagt. Mittlerweile ist bekannt, dass das Bauwerk den Steuerzahler 789 Millionen kosten wird, ein kleines bisschen höher als gedacht - und ein Ende ist nicht in Sicht. Oder der neue Berliner Flughafen: Eine Milliarde Euro wurden eingeplant und der Flughafen sollte im Oktober 2007 seinen Betrieb aufnehmen. Nun ist es Juni 2016, auch hier kein Ende in Sicht, und die Kosten nähern sich heute der Sechs-Milliarden-Marke.

Okay, die jüngste Achterbahn im Hansa-Park spielt nicht in diesen Größenklassen. Aber Parallelen sind zu entdecken: Angedacht war es, 2015 zu bauen und 2016 zu thematisieren ("Thematisierung 2016"). Und dann kamen die Widrigkeiten. Schlechte Wetterverhältnisse, jemand, der vom Vertrag zurücktritt (ist nur ein Gerücht, kann falsch sein!), ich frage mich, ob das Team Leicht sich da übernommen hat ("Thematisierungsbeginn 2016")?

Mich stören die Drängler in Internetforen, die auf einmal nur noch über die Bahn meckern, weil sie noch nicht fertig ist. Leute, Zeit ist Geld und der Hansa-Park ist kein Disneyland, das mal eben EINHUNDERT MILLIONEN DOLLAR für eine Achterbahn verprassen kann (Weltrekord; Expedition Everest im Animal Kingdom). Das Vorhaben des Familienbetriebs ist gigantisch - allein die Planung hat fünf Jahre gebraucht. Ich würde all diesen Meckerern gerne sagen, dass niemand sie zwingt, mit der unfertigen Bahn zu fahren. Einen 80m hohen Turm komplett zu verkleiden, das dauert, und einen kompletten Darkride in der Burg zu installieren - das ist eine andere Größenklasse als der Fluch von Novgorod.

Nach meiner Einschätzung wird das Ergebnis ein echtes Erlebnis, und wir coaster junkies sollten uns einfach in Geduld üben. Ich finde toll, was die da machen, und es tut mir Leid, wenn jetzt tatsächlich der Betrieb, der für die Turmfassade verantwortlich zeichnet, zurückgetreten sein soll. Durchhalten, es wird irgendwann vollendet sein!

post scriptum: Drollige Beobachtung für die Leser - in der Regel wird ein Beitrag von der Publikation bis zum folgenden Tag hier dreißigmal aufgerufen. Der gestrige Beitrag zu meiner Jobperspektive wurde fünfhundertmal geöffnet. Ich finde die Blog-Statistiken immer ziemlich spannend.

Dienstag, 14. Juni 2016

Denk-Zettel

Agentur für Arbeit Kiel
Adolf-Westphal-Str.2
24143 Kiel

Sehr geehrter Herr Denk, hier der Zettel:

Was ich damit sagen möchte: Wenn jetzt nichts mehr dazwischen kommt, habe ich endlich wieder Arbeit und freue mich sehr auf die neue Schule, die erfrischend bunt zu sein scheint. 

Montag, 13. Juni 2016

Identität - Die Geschichte von Timo und Julian (part 4)




Disclaimer: Diese Geschichte ist Fiktion. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen und Ereignissen sind rein zufällig und nicht vom Autor beabsichtigt. Das wäre ja sonst ein roman à clef, und zu solchen literarischen Kunststückchen ist der Autor sicher nicht fähig.

Identität – die Geschichte von Timo und Julian


part 4

Sonnenaufgang über Lichtenberg. Die Fenster meiner Wohnung zeigen nach Osten, die Morgensonne scheint direkt auf mein Bett, das kann ich gut gebrauchen, weil ich morgens Probleme mit dem Aufstehen habe. Zum Glück sind noch Sommerferien, da ist ausschlafen angesagt.
Meine Wohnung entspricht zur Zeit besonders dem Trash-Messie-Klischee. Es ist nicht nur der Müll, der hier herumliegt, weil ich mich nicht zum Aufräumen aufraffen konnte. Es ist auch die völlig veraltete Kesseltherme, die mit Gas erstmal eine ganze Weile das Wasser aufheizen muss, bevor ich warmes Wasser aus der Leitung bekomme. Es sind auch die Stromkabel, die gut sichtbar an der Flurdecke verlegt wurden und wie als solches gedachte Dekoration die Zimmer schmücken. Es sind auch die papierdünnen Wände, die mich am Privatleben meiner Nachbarn teilhaben lassen: Oben Streits und reichlich Sex, neben meinem Bett LAN-Partys und laute Schlagermusik.
Immerhin hat es mich nicht so schlimm getroffen wie Meike, meine Nachbarin quer über den Flur. Über ihrer Wohnung wohnen ein paar junge Erwachsene, die regelmäßig unter der Woche derartig laute – und scheinbar auch zerstörerische – Feiern veranstalten, dass die Polizei schon mehrfach des Nachts an unserer Reihenhausscheibe geklingelt hat. Aber was erwarte ich, ich bewohne ein spottbilliges Fleckchen Wohnraum, Adenauerstraße 11, in einem der miesesten Vierteil von Lichtenberg, tief im Berliner Osten. Für das Referendariat. Es sind rein pragmatische Überlegungen; meine Ausbildungsschule, das Marx-Gymnasium, liegt nicht einmal einen Kilometer entfernt. Und ich habe kein Geld.
An all diese Gedanken hatte ich mich gewöhnt, so dass ich am Morgen nach unserem Treffen bei Reg direkt zur Tagesordnung ging und mich ans Aufräumen machte. Ich hatte keine Lust. Keine Lust, das Chaos hier zu beseitigen, keine Lust, etwas für die Schule vorzubereiten. Keine Lust nach dieser grandios verpassten Chance gestern. Ich beschloss, Reg zu schreiben und etwas von meinem Frust loszuwerden, dass ich schon wieder gekniffen hatte.
Ich öffnete Facebook, meine einzige Verbindung zur Welt außerhalb meiner Wohnung, in der ich mich von meinen Mitmenschen abgeschottet hatte. Auf der Startseite begrüßte mich der leuchtend rote Hinweis, dass ich eine Nachricht erhalten hatte – und so sah ich, was Julian mir noch in der Nacht geschrieben hatte.
Scheiße. Verdammte Scheiße, warum bin ich so eine feige Sau, warum bekomme ich nie mein Maul auf, warum denke ich immer, dass ich es nicht wert bin, dass sich mal jemand mit mir privat trifft, wo ist mein Selbstbewusstsein, wo ist mein Selbstvertrauen? Das Referendariat hatte mir bis dahin systematisch mein Rückgrat gekillt. „Herr Schneider, ihr Unterricht ist sehr ungewöhnlich. Warum halten sie sich nicht an die Hinweise in den Fachdidaktiken, warum ziehen sie keine pädagogische Literatur zu Rate, warum hören sie nicht auf ihre Mentoren?“ Ich kann das nicht. Ich habe ein ganz konkretes Konzept von Schule und Unterricht in meinem Kopf. Ich kann mich nicht anpassen an die Erwartungen der Anderen. Ich habe das jetzt ein Jahr lang versucht und bin regelmäßig untergebuttert worden. Mein Unterricht hatte jegliche Authentizität verloren. Von allen Seiten wurde mir suggeriert, dass ich überhaupt nichts mehr auf die Reihe bekomme, dass ich für die einfachsten Dinge zu blöd sei. Julians Nachricht passte wunderbar in dieses Denkmuster.
Dabei sollte ich mich doch eigentlich freuen, oder nicht? Denn nun hatte ich die Gewissheit, dass er an einem Gespräch mit mir interessiert war. Ich wusste nicht, warum, wahrscheinlich sagte er das zu jedem, den er kennen lernte. Oder lag es eben doch speziell an mir? Mir fiel wieder dieser Augenblick ein, diese zwei, drei Sekunden zu viel, die ich in seine Augen gestarrt hatte, letzte Nacht am Kleistpark. Das verwirrte mich alles noch viel mehr, ich konnte das nicht einordnen. Ich entschloss mich, ein neues Treffen anzuberaumen. Nicht nur mit Julian, bloß nicht, warum sollte er da zusagen, der würde sich doch bestimmt denken, ich hätte irgendwas vor. Also schrieb ich eine Nachricht an Cory und Julian, ob wir uns nicht am nächsten Wochenende bei Cory treffen wollten. Wraps futtern, oder so, ich war mir sicher, dass so eine Verabredung weniger „verbindlich“ wäre, unauffälliger eben. Und ich entschied mich dagegen, Reg zu schreiben, weil ich Angst vor ihrer Antwort hatte. Vielleicht eine weitere Zurechtweisung im Stile von „Wie kann ein Mann so kompliziert sein?“ – und das konnte ich zur Zeit wirklich nicht gebrauchen.
Es dauerte keine drei Stunden, bis ich die Antworten der Beiden hatte, zwei Zusagen, großartig! Wir teilten uns die Einkaufsliste auf.
„Hey Julian, soll ich uns vielleicht mal etwas zum Entspannen mitbringen? Weiß nicht, ob Du an so was Interesse hast. Aber wir könnten uns dann ja zwei Stunden vorher bei Dir treffen, chillen eine Runde, und dann fahren wir weiter zu Cory. Was meinst Du, klingt gut?“
Welcher Teufel hatte mich geritten, das zu schreiben? Und warum ist es so verdammt einfach, eine Nachricht abzusenden, ein einfacher Klick, aber so unmöglich, diese Nachricht zurückzunehmen? Nun sah ich sie die ganze Zeit im Nachrichtenverlauf und kam mir so schlecht vor – und es wurde noch schlimmer, als ich plötzlich dieses kleine Häkchen sah, den Hinweis, dass er die Nachricht gelesen hatte. Ich hatte Angst vor der Antwort, ich schloss den Browser sofort, fuhr den Rechner herunter, als könne ich damit verhindern, dass da irgendeine Antwort kam. Raus hier, weg hier, ich verließ die Wohnung, ging zum S-Bahnhof, stieg ein in Richtung Potsdam. Ich suchte mir einen Fensterplatz, dort saß ich gern, schaute nach draußen und dachte nach. Wieder ein Fluchtversuch vor der eigenen Verantwortung. Und im Hinterkopf immer wieder die Neugier, wie ein kleines Teufelchen, das mit seinem Dreizack ohne Unterlass meinen Verstand piekste, das wissen wollte, ob er wohl geantwortet hatte. Was er wohl geantwortet hatte. Face the music, Timo, übernimm endlich mal die volle Verantwortung für Dein Handeln. Nur so kannst Du irgendwann stärker werden.
Am Grunewald stieg ich aus. Das Wetter war perfekt für einen Spaziergang durchs Grüne. Während ich etwas abseits der vorgesehenen Pfade wanderte, wurde mir wieder bewusst, wie allein ich zur Zeit war. Und wie sehr ich mit Julian befreundet sein wollte, und wie sehr ich wieder in die City ziehen wollte, in die Nähe von Cory und Reg. Sollte ich nur einen einzigen Wunsch für das neue Lebensjahr haben, nahm ich mir vor, Lichtenberg endgültig hinter mir zu lassen. Spießerschule, auf die hatte ich eh keinen Nerv mehr – nur weil sie nicht damit klarkommen, dass ich kein Mainstream-Lehrer bin. Was sollte ich also vermissen, wenn ich wieder in meine gefundene Heimat zurückkehrte?
Ich brauchte dafür nur noch eines: Mehr Mut. Mehr Mut, die Brücken hinter mir abzubrechen, mehr Mut, mich bei einer anderen Schule zu bewerben. Und mehr Mut, auf neue Freunde zuzugehen. Vor meinem geistigen Auge sah ich wieder das Facebook-Häkchen. Bestimmt hatte Julian inzwischen geantwortet. Wovor hatte ich solche Angst? Dass er über mich lacht. Dass er denkt, ich würde ihn irgendwie mögen. Dass ihm das peinlich ist. Dass ich mich in etwas verrenne? Dass er einfach absagt? Letzte Nacht wäre er auch mit mir mitgekommen, wenn ich ihn einfach gefragt hätte. Und worum ging es denn überhaupt, zwei Stunden vorher zu zweit bei ihm verbringen, da ist doch nichts bei. Und wenn es nicht so toll läuft, wären wir danach ja bei Cory, das würde die Spannungen rausnehmen. Und so oft, wie Julian sich volllaufen ließ, sollte er eigentlich auch keine Hemmungen haben, mal etwas Angenehmeres als Alk zu konsumieren. Worauf wartete ich?
Ich machte mich auf den Heimweg. Vom Bahnhof Lichtenberg waren es noch etwa zwanzig Minuten zu Fuß bis zur Adenauerstraße und ihren potthässlichen Reihenhäusern, bei denen der Putz bröckelte, und überhaupt erweckte der Bau den Anschein, als warte er nur noch auf seinen Abriss. Ich entledigte mich meiner Schuhe, holte mir etwas zu trinken und klappte mein Notebook auf. Klasse, Timo, du bist onlinesüchtig, hallte es in meinem Kopf. Mir scheißegal, in diesem Viertel gab es ja sonst keinen Grund zu überleben, außer um regelmäßig seine Nachrichten zu checken und sich anhand der News davon zu überzeugen, dass die Welt sich immer noch dreht. Erster Klick: Facebook. Erster Blick: Eine neue Nachricht. Von Julian.

fortsetzung folgt...

post scriptum: Das Autobahnkreuz Kiel-West - für die nächsten dreizehn Monate bin ich Stammgast!

Samstag, 11. Juni 2016

Haus-DJ


(nicht so subtiles product placement)

"Ey, ich hab' total Lust, heute tanzen zu gehen." - "Ja, coole Idee, wollen wir in die Trauma? MAX? Atrium?" - "Nee, lass ma' Katzenstreu kaufen!"

Klingt zunächst wie ein non sequitur, könnte aber gestern oder heute durchaus so geschehen sein. Da wandere ich durch plaza hindurch und eine leichte Panikattacke schleicht sich an: Überall sind diese Verkostungsstände aufgebaut, Käsewürfel, Wein, Schokolade, Mottenkugeln, alles, was der Mensch zum Wohlfühlen braucht. Dass ich im Durchschnitt einen dieser Stände beim Einkaufsbummel treffe, ist vollkommen normal. Diesmal bin ich allerdings noch nicht mal beim Hackfleisch angekommen, da bin ich schon im Slalom sieben dieser netten jungen VerkäuferInnen ausgewichen. Reizüberflutung, überall die bunten Farben, natürlich besonders aromatischer Käse und da vorne reißt eine Einkaufstasche, Saft überflutet den Boden und ich bin kurz vor dem Nervenzusammenbruch. Oder Kreislaufkollaps. Oder kurz davor, 2,5kg Tilsiter zu kaufen, die Auswirkungen sind fast gleich.

Nun gut, vielleicht sind Aktionstage, ich schaue auf meine Armbanduhr, damit ich nicht die vielen Stände sehen muss - das regelmäßige Ticken des Sekundenzeigers beruhigt mich. Und siehe da, kaum bin ich am Brot vorbei, gibt es keine Stände mehr - die folgenden Nahrungsmittel sind vermutlich zu billig oder zu gesund, sowas kaufen die Leute auch ohne Verkostung.

Was mich allerdings ein bisschen verunsichert, ist das Wummern, ein regelmäßiges UHNtiss UHNtiss UHNtiss UHNtiss. Musik aus dem Kaufhausradio? Aber nein, es wird immer lauter, je näher ich an die Kasse komme und registriere plötzlich, dass im Hauptflur, mitten in der Kunden-Aorta, ein DJ-Pult aufgebaut ist, dahinter ein Klaus oder eine Telse mit Sonnenbrille und Headset, konnte das nicht richtig erkennen, und scratcht sich die Seele aus dem Leib.

Ich kann gar nicht anders, als meine Schritte an das UHNtissUHNtiss (findet man das Wort im Duden?) anzupassen. Ich möchte da möglichst schnell vorbei, denn das irritiert mich noch mehr als die Verkostungsstände. Warum gibts jetzt in der Sky-Disse nen DJ Hacksteak? Oder DJane Tamponade-Girl? Ich verstehe es tatsächlich nicht, reicht nicht mehr der normale Sender aus? Oder ist das eine der Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen für Flüchtlinge, einer der einhunderttausend Ein-Euro-Jobs, auf die Frau Nahles so stolz ist?

Es muss eine Epidemie sein; so streunere ich heute zu Rossmann und bin ob einer riesigen Menschentraube verwirrt. Sie stehen vor irgendwas, ich kann's nicht erkennen, alle mit gesenkten Häuptern. Man könnte es für eine Gebetszeremonie halten, wenn da nicht die Boxen des Soundsystems hier und da aus der Menge herausstächen. Und wieder: UHNtissUHNtissA-TEM-LOStissUHNtiss... ich muss mich durch die Menge drängeln, um überhaupt an den Eingang der Drogerie zu kommen, und da sehe ich, dass diese Tausenden von Menschen sich um eine Reihe Wühltische scharen. Ich weiß nicht, was es da gibt, das scheint schon so leer zu sein, dass ich nicht bis auf den Boden der Kästen blicken kann.

Ich biege ab in den Laden, schnell noch an der letzten Lautsprecherbox vorbei, da ballert eine Stimme mir fast das Trommelfell heraus: "JAAAA, Leute Leute, ich sag's nochmal, alles nur fünfzig Cent, alles nur fünfzig Cent, ich sag's Euch, nur fünfzig Cent, fünfzig Cent, meine Damen und Herren, greifen sie zu!" Wenn er es noch einmal sagt, kaufe ich mir Deospray und ein Feuerzeug und wende an, was ich (nicht bei der Sendung mit der Maus) gelernt habe. Beim After Shave angekommen, höre ich nicht mehr so viel von der menschlichen Sound-Uzi mit dem Headset. Zum Glück. Ich kaufe alles, was ich brauche, möchte bezahlen, da rastet die Kassiererin aus: "KÖNNT IHR MAL DIESE SCHEISS MUSIK LEISER MACHEN, wenn ich das hier noch fünf Stunden ertragen soll, kann ich für nichts garantieren!"

Mit Tinnitus auf dem Heimweg weiß ich jetzt wieder, warum ich lieber keine Kassiererin werden möchte.

Freitag, 10. Juni 2016

Dude


Ich bin dabei, eine weitere Wissenslücke in Sachen Filmkunst zu schließen, und die trägt den Namen der Coen-Brüder. Und wer sie kennt und den Titel des Beitrags liest, wird schnell darauf schließen können, dass ich mir gestern endlich einmal The Big Lebowski (1998) angeschaut habe, und das mit Begeisterung.

Ich könnte mich jetzt darüber auslassen, dass ich den Film genau im richtigen Moment geschaut habe, weil es nämlich um eine Lebenseinstellung geht - den Dudeism, der viel damit zu tun hat, die Dinge ruhig anzugehen und gelassen zu bleiben im Angesicht drängender Situationen. Ich könnte davon erzählen, dass diese Haltung mir in dieser Phase gerade ein echtes Vorbild ist - aber das tue ich nicht und genieße eine zünftige praeteritio.

Stattdessen möchte ich von ein paar Dingen erzählen, die mich beim ersten Ansehen schon begeistert haben. Die Reihenfolge? Wie immer bei meinen Einträgen so, wie es mir gerade in den Kopf kommt. Ich mache nur selten vorher eine Gliederung, schließlich ist das hier keine Klausur in der Schule.

Ich fange an mit den ersten Momenten des Filmes, genauer des Vorspanns, in dem Julianne Moore erwähnt wird. Ich halte sie für eine großartige Schauspielerin, die zu Recht den Academy Award gewonnen hat (2014 als Beste Schauspielerin in Still Alice). Ich liebe ihre offbeat-Performances in Cookie's Fortune (1999) und eben jenem The Big Lebowski, ich genieße aber auch ihre etwas mehr am Mainstream orientierten Darstellungen wie z.B. in Non-Stop (2014) oder dem Remake von Carrie (2013). Sie hat keine Probleme damit, ungewöhnliche und anspruchsvolle Rollen zu übernehmen, und so habe ich mir schon vor Anblick ihres Gesichtes gedacht, dass sie es ist, die da gerade nackt an einem Ledergestell aufgehängt durch den Raum fliegt, um ein Gemälde zu kreieren. Grandios!

Jeff Daniels spielt den Dude ("Nobody calls me Jeffrey Lebowski, my name is Dude!") so überzeugend, als hätte er sein Leben lang nichts Anderes gemacht. Das ist keine Schauspielerei mehr, das ist richtige Darstellung. Ich nehme ihm die Rolle sofort ab. John Goodman macht einen perfekten Job als sein Partner, die beiden ergänzen sich, als könne es sie nur im Doppelpack geben.

An Kritik wird nicht gespart, so zum Beispiel daran, Menschen nach ihrem Äußeren zu beurteilen und der arroganten Überzeugung, sie deswegen wie Vollidioten behandeln zu können. Ich muss mich damit einfach identifizieren, denn ich erlebe es selbst immer wieder, dass Menschen aufgrund meines Äußeren zu einem vorschnellen Urteil gelangen und mich behandeln, als wäre ich eher am unteren Ende der Intelligenzkurve vertreten. Ich provoziere das bewusst, das ist mir klar. Ich tue das, um Menschen davon zu überzeugen, sich eine Meinung durch eigenes Erleben zu bilden. (Das wäre, als würde man davon ausgehen, jemand sei eine gute Lehrkraft, nur weil er gut aussieht oder Nadelstreifenanzüge trägt.)

Es hat mir sehr gut getan, den Film zu sehen, gerade jetzt. Weiß nicht, warum ich damit so lange gewartet habe.


Donnerstag, 9. Juni 2016

Hauntingly Beautiful


Ich erinnere mich an einen sehr schönen Abend mit Dir, an dem wir wichtige Dinge für uns klargestellt haben. Du hattest den Sessel und ich saß im Schneidersitz vor Dir auf dem Boden. Bis auf das Licht einer einsamen Kerze war es dunkel. Im Hintergrund lief dieser wunderschöne Song, während ich Dir vorlas, was ich Dir unbedingt sagen wollte, an jenem Novemberabend:


(bietet sich an, die Musik im Hintergrund zu hören, Effekt und so...)


Das Vertrauen in uns

Es tut so gut, zu sehen und mitzuerleben, wie Du erwachsen wirst. Es tut weh, mit Dir Schmerzen zu erleiden, aber es beruhigt, gleichzeitig immer die Perspektive zu haben, dass Du reifer wirst. Es ist ein schönes Gefühl, Dich auf diese Reise mitzunehmen, und ich genieße das, seit wir uns zum ersten Mal die Welt des jeweils Anderen gezeigt haben. Es ist immer wieder schön, den Aha-Moment bei Dir zu erleben. Das Unverständnis, das sich irgendwann in Einsicht wandelt. Und das daraus resultierende, unglaublich starke Vertrauen zu spüren. Egal, ob als Freund oder als Partner – Du gibst mir das Gefühl, geliebt und gebraucht zu werden. Es dauert, bis ich dieses Vertrauen in Dich und uns aufbauen kann und ich komme leider nur in unseren Krisen weiter voran dabei, weil Du mich nur dann wirklich spüren lässt, wie wichtig ich Dir bin. Allzu oft kommt mir das alles so selbstverständlich vor, wenn es uns gut geht. Ansonsten sind es nur Worte, und ich habe allgemein den Glauben an Worte zum Großteil verloren. Actions speak louder than words do.

Wer ich für Dich bin

Was mich bei unserem letzten Gespräch sehr bewegt hat, war die Erkenntnis, dass Du scheinbar niemanden hast, bei dem Du ohne Ängste und ohne Tabus Druck ablassen kannst. Kein Tagebuch, kein so enger Vertrauter. Als es uns beiden bewusst geworden ist, bzw. als Du mir gesagt hast, dass ich dieser Mensch geworden bin, hast Du mich für einen Moment glücklich gemacht. Das, was wir beide uns wünschen. Ich wollte Dir immer etwas bieten können, was Dir niemand sonst bieten kann. Ich wollte für Dich etwas ganz Besonderes sein, etwas Einmaliges. Und mir fehlt immer das Selbstvertrauen, zu glauben, dass ich tatsächlich so jemand sein könnte. Und dass ich so jemand für Dich bin, den Menschen, den ich so lieb habe, gibt mir tatsächlich ein Gefühl von Glück.

Unsere Meilensteine

Es gibt Vieles, was wir erreicht haben. Du hast mir in einer sehr schweren Phase einen sehr wichtigen Impuls gegeben und mir meine eigene Perspektive wieder sichtbar gemacht. Und in Deinem Leben haben wir eine wichtige Pforte geöffnet – eine Initiation für Dich begonnen, die mit Stress und negativen Konnotationen verbunden war und noch immer ist – mit mehr Weitsicht, mehr Einsicht, mehr Perspektive. Du hast die Abwechslung in mein Leben gebracht. Wir haben absurde Momente erlebt, auf Parkplätzen, mit Sonnenbrillen, einer rettenden Tasse Kaffee am Tag dazwischen und der Einsicht, dass manchmal bereits was zu Futtern gegen Übelkeit helfen kann und dass Pizzaburger echt lecker sind. Und wir haben unsere Fähigkeit verbessert, das aufzulösen, was Du „tote Punkte“ genannt hast, und positiv rauszugehen. Du hast mich im Schreibgespräch gefragt, wie wir es schaffen können, nicht mehr an diese toten Punkte zu kommen. Gute Frage – es wird sie immer wieder geben – aber wir sind nicht mehr so hilflos wie damals. Du hast zuerst gelernt, dann nicht stumm zu bleiben. Dann hab auch ich das gelernt. Und dann hast Du wieder etwas dazugelernt, und zwar, Dich nicht mit dem Schweigen zufrieden zu geben, sondern nachzubohren und von mir das Gespräch einzufordern. Auch das war mal anders, weil wir damals den Weg der Vermeidung gegangen sind, wir beide. Wir haben Vieles erreicht und uns eben nicht nur im Kreis gedreht.

Der Preis

Der Preis dafür ist deutlich: Ich lass Dir nicht alles durchgehen, wenn Du es mal wieder zu locker und unkompliziert siehst – und Du lässt mir nicht alles durchgehen, wenn ich es wieder zu schwarz und nihilistisch sehe. Und genau das ist es, womit wir uns damals gut getan haben. Du hast mich auf einen positiven Weg zurückgebracht und ich hab Dich auf einen nachdenklichen Weg gebracht. Diese beiden Einflüsse müssen sich irgendwie die Waage halten. Mir ist das Problem jetzt sehr deutlich geworden. In Phasen, in denen es zu positiv wird, wirst Du „trampelig“ und fällst in Dein Anfangsverhalten zurück. Und in Phasen wie der jetzigen, in denen es zu negativ wird, rede ich alles kaputt, was wir erreicht haben, und spreche uns jegliche Chance für die Zukunft ab. Auch ich falle dann in mein früheres Verhaltensmuster zurück. Du nanntest es damals wegen unserer langen Pausen „auf Null zurückfallen“. Gleichzeitig sagtest Du, dass unsere Freundschaft viel Energie und Zeit benötigt. Eben wegen dieses hohen Preises, wegen dieser anzustrebenden Balance aus Lockerheit und Verantwortung. Und genau wie Du vor ein paar Tagen meintest – es ist kein „lockeres Genießen“ drin. Sollten wir nur das suchen, haben wir beide verloren. Aber: Hätten wir in den letzten eineinhalb Jahren nur das gesucht, wären wir uns nicht so wichtig geworden, sondern nur ein Link bei Facebook gewesen. Und jetzt besteht dieser Link nicht mehr, im Gegenteil, da steht mittlerweile ein Block. Und dennoch sind wir uns wichtig. Die Einsicht, dass jeder von uns aus dieser Freundschaft mehr rausholen kann – ich die Lockerheit und Du das Verantwortungsgefühl – hat uns immer wieder zueinander gebracht. Und wir haben die Möglichkeiten noch lange nicht ausgereizt, denn da ist noch Vieles, was vor uns liegt.

Was vor uns liegt

Es gibt noch so viele Dinge, die ich mit Dir erleben will, und einige dieser Ideen stammen von Dir. Ich will mit Dir zu den Osterinseln und nach Koh Pha Ngan reisen. Ich will mit Dir Cedar Point erobern. Ich möchte mit Dir Twin Peaks schauen, und Mulholland Drive aufklären, auf die Suche nach dem Yeti gehen und Dir noch so viele Sachen zeigen, die Dich bereichern können. Ich möchte das mit Dir weiterführen, was wir begonnen haben.

Wer Du für mich bist

Und das geht nur mit Dir. Ich konnte noch nie so unbeschwert neben jemandem einschlafen. Ich habe es noch nie erlebt, dass ich jemandem so viel erzähle, ich bin eigentlich jemand, der sein Inneres verschlossen hält. Du hast einen Zugang zu mir gefunden. Und dadurch auch beschlossen, Dich selbst zu öffnen. Du hast den Schritt geschafft, mir zu erzählen, was Dich bewegt. Auch das war mal anders. Ich erlebe mit, wie Teile dessen, was Du für Deine Festung erachtet hast, auseinanderbrechen. Die Einsicht, dass Dein bester Freund vielleicht eben doch nicht Dein bester Freund ist. Überhaupt – was ein richtiger Freund ist. Vielleicht müssen wir beide das lernen. Und dann die Unsicherheit sich selbst gegenüber, das eigene Image, das plötzlich wackelt. Zeit, eine Hülle abzustreifen und sich eine neue Haut zuzulegen, dünner, verletzlicher, authentischer. Und wir geben uns dabei Halt. 

...boah ne, ist das kitschig hier! Die sollten mal sinnvollere Texte für ihre Tourismuskampagne schreiben, das hier interessiert doch kein Schwein...