Montag, 19. September 2022

Schnorrer


"'Tschuldigung, haste vielleicht 'nen Euro für was zu essen?"

Ich vermute mal, die meisten von uns sind mit der Situation schon einmal in Berührung gekommen. Klassiker in mittleren und Großstädten, an Bahnhöfen und überhaupt überall, wo viele Menschen verkehren. Ich habe solche Situationen früher gehasst - ich hatte richtig Angst davor. Ich werde sowieso nicht gern von fremden Menschen angesprochen; das ist einer der Gründe, warum ich (zumindest in stressigen Phasen) immer den Blick auf den Fußboden richte, wenn ich durch die Stadt gehe. In der Hoffnung, dass mich keiner anspricht, solange kein Augenkontakt hergestellt ist.

Und wenn es dann doch passiert? Was soll ich sagen? Habe ich einen Euro in der Tasche? Brauche ich den selbst noch? Ich will eigentlich nur schnell weg, also suche ich mir irgendeine Ausrede im Sinne von "Ich bezahle nur noch mit Karte" oder "Ich brauche das Kleingeld für den Bus". Das waren extrem unangenehme Situationen für mich. Früher wollte ich immer auf Abstand zu Menschen bleiben, die anders sind als ich - behinderte Menschen, Obdachlose, ich hatte dabei sofort Panik bekommen und geschaut, ob ich nicht einen großen Umweg gehen kann.

Das Lojong-Geistestraining hat das alles verändert. Ich sehe diese Situationen heute ganz anders, und ich bin sehr dankbar dafür, dass der Buddhismus mich eine Denkweise lehrt, die wirklich zufrieden und glücklich macht. Heutzutage habe ich immer etwas Kleingeld im Portemonnaie, selbst wenn ich fast nur noch mit Karte zahle. Extra für diesen Zweck, und wenn ich dann am Hauptbahnhof unterwegs bin, oder in Gaarden bei der Bushaltestelle Karlstal, dann schaue ich nicht mehr krampfhaft auf den Boden, sondern lächele Menschen an. 

Und wenn mich dann tatsächlich jemand um etwas Geld anschnorrt, bin ich glücklich. Auf der einen Seite glücklich, dass ich in einer reichen Gesellschaft lebe, und dass ich Geld verdiene, so dass ich etwas davon abgeben kann. Auf der anderen Seite glücklich, weil ich mir vorstelle, wie dankbar ich wäre, wenn ich in seiner Haut steckte und mir jemand etwas Geld gibt, egal, wofür ich es in dem Moment brauche. Abgewiesen zu werden ist hart. Und jemandem ein Lächeln auf's Gesicht zu zaubern ist unbezahlbar.

Ich versuche nicht mehr, Schnorrern auszuweichen. Im Gegenteil, es macht meinen Tag etwas wärmer, wenn ich jemandem helfen kann.

post scriptum: Bei'm Korrekturlesen realisiere ich, dass das irgendwie esoterisch-kitschig klingt. Früher hätte ich gegenüber solch' einer Denkweise einfach den Kopf geschüttelt. Aber ich kann nicht von der Hand weisen, dass die buddhistischen Denkweisen und das Lojong-Training mein Leben wesentlich glücklicher gemacht haben.

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