Donnerstag, 20. April 2017

Blick zurück ins Chaos

Heilung braucht Zeit. Genauso, wie auch der Hochbegabte für seine Gedankenwelt Zeit braucht.

Der gestrige Beitrag ist überdurchschnittlich oft angeklickt worden; vielleicht hängt es ja damit zusammen, dass es einen quasi-live-Einblick in das Seelenleben eines Hochbegabten in einer Krisensituation ermöglicht hat.

Vorgeschichte: Keep Your Fingers Crossed, A B CT - Eine Odyssee, Zahnprobleme etc., Gestern

Und nun blicke ich zurück auf die letzten achtundvierzig Stunden. Den gestrigen Beitrag hatte ich direkt nach meiner Rückkehr aus der Klinik geschrieben - verwirrt, unsicher und unglücklich. Und weil HBs ja so schnell denken können und zur drama queen neigen, ist es nach dem letzten Satz des Textes nur noch bergab gegangen. Wohlgemerkt: Das spielt sich alles nur im Kopf ab, das bekommt kein Außenstehender mit. In jenem Moment erzähle ich auch niemandem davon, sondern hadere allein mit meinen Gedanken. Tausend Szenarien, wie es wohl mit Dr K gelaufen wäre, allesamt besser als der tatsächliche Hergang. Mir wurde bewusst: Ich brauche die geistige Quarantäne. Ablenkung um jeden Preis, ergo habe ich die X-Files (Akte X) geschaut.

Die Serie hat mir sehr geholfen, denn die meisten Folgen sind intellektuell anspruchsvoll und ich mag es, z.B. die ganzen medizinischen Details zu verfolgen (Stellen, an der die große Buba abschaltet und nur noch Tetris-Musik hört). Das hat wie ein Rettungsanker gewirkt, für mein Gehirn, das ziellos umhergedriftete. Generell hilft es mir, in solchen Situationen (ich glaube, Panikattacken verlaufen recht ähnlich) etwas Vertrautes zu haben. Etwas, das ich kenne, worauf ich mich verlassen kann, irgendwas, das noch richtig funktioniert, nicht wie die Lubinusklinik, die mir plötzlich einen vollkommen fremden Arzt vorsetzt. Die Serienfolgen verlaufen immer nach dem gleichen Schema: In einem etwa fünfminütigen Teaser wird ein unerklärliches Phänomen gezeigt. Dann kommt das Intro, die bekannte Melodie, und dann werden nach und nach viele Teile des jeweiligen Puzzles an ihre Stelle gesetzt, so dass ich am Ende schlauer bin und dennoch genügend Denkstoff für danach vorhanden ist.

Eine Folge dauert etwa fünfundvierzig Minuten - genügend Zeit, um sich richtig fallenzulassen, um den Geist vollkommen in die Story eintauchen zu lassen. Manche sind so komplex, ein Paradies für mein Gehirn - und in jener Situation eigentlich als Antidot gegen die offenen Fragen gedacht, gegen die Unsicherheit aus der Klinik. Und dann hakt die Bluray, ausgerechnet an jenem Tag, und ich sehe sprunghafte Szenen aus der Folge, denke mir, nein, das will ich nicht, und suche die Folge online. Ich finde sie und sehe dort weiter, englisch mit türkischen Untertiteln. Klasse, so kann ich gleich ein paar Worte Türkisch lernen! Hilarius, achte mal auf die Untertitel und bringe sie mit dem in Einklang, was da gesagt wird. Mache ich - und bekomme nichts mehr von der Handlung mit. Auf einmal wird mir bewusst, dass ich jetzt fünf Minuten lang Türkisch gelernt habe, aber keine Ahnung habe, was gerade mit Scully und Mulder, den Protagonisten, passiert ist.

Scheiße, klappt denn heute überhaupt irgendwas? Das war der drama queen-Gedanke, der mich durch den späten Nachmittag getragen hat und mir den Tag effektiv versaut hat. Und ich bin dann von dieser Scheißsituation so sehr in Beschlag genommen, dass ich an nix Anderes mehr denke. Essen und Trinken? Brauche ich nicht, ist doch alles okay gerade (ich habe gestern und heute wieder sehr wenig gegessen). Mal der Sannitanic oder der Buba schreiben? Nein, oder wenn doch, dann nur kurze Andeutungen, die kennen mich ja so gut, dass sie gleich wissen, was los ist (nein, eben nicht, und ich versuche dann so viel wie möglich zu schreiben, damit sie Bescheid wissen - in solchen Momenten gehe ich wirklich davon aus, dass sie meine Gedanken lesen können!).

Und überhaupt bin ich in diesen Krisensituationen sehr impulsiv, so auch gestern. "Ich muss sofort mit Dr K reden, ruf' in der Klinik an!" (na, wer macht sich einen Reim aus dem Wechsel von 1. zur 2. Person?), "Schreib Dr K eine Mail mit allem, was du ihm sagen wolltest!", "Schreib der Sannitanic, dass du unbedingt mit ihr reden musst, Termin für morgen abmachen, sonst geht die Welt unter!", "Schreib der großen Buba, dass du sie unbedingt brauchst, aber erst später, und überhaupt." Diesen Impulsen nicht immer sofort nachzugeben, das muss ich erst noch lernen. So habe ich zwar (noch) keinen Gesprächstermin mit Dr K abgemacht, oder ihm einen Brief geschrieben, aber habe bei den Mädels Gesprächsbedarf angemeldet. Und dann fällt mir ein:

"Hilarius, denk' dran, HB, und auch die Autisten - die Welt geht gerade unter, überall bricht dir der Boden unter den Füßen weg, alles geht schief und nichts wird je so sein, wie es sein soll; in solchen Situationen hilft nur: KLARHEIT - SICHERHEIT - REGELMÄSSIGKEIT, und das Alles gern repetitiv."

Ich weiß, das klingt krank. Aber so ist es eben, es hilft mir, etwas "Normales" auszulösen, was auf jeden Fall klappt, was nach einem bestimmten Schema abläuft, wo mir nichts reinfunkt und meinen sicheren Plan stört. Und sei es, mich vor die Waschmaschine zu setzen, oder im gestrigen Fall, das Meditationsritual zu beginnen. Okay, ich lasse Badewasser ein - ich hab' doch am Tag davor gerade erst gebadet! - egal, das muss sein, dann wird der Körper warm, die Haut wird weich, das ist immer so, das wird klappen, und danach dann ganz sauber und rein und vor allem nackt, ohne Wäsche oder vor allem diese blöde Schiene am Finger - nur ich selbst, mein Körper und mein Geist, auf den gestärkten Handtüchern auf der Liegewiese. Hinlegen, dann die richtige Musik hören. Die habe ich doch schon jeden Tag gehört! Aber genau darum geht es ja, dass ich etwas habe, das ich wiedererkenne. Klarheit, Sicherheit, Regelmäßigkeit. Die Meditation dauert immer siebzig Minuten, genügend Zeit, um meinen Körper abzuschalten.

In diesem Zustand gibt es nur noch meinen Geist, der aufatmet, der sich von allen irdischen Fesseln befreit hat. Die Musik umspielt ihn von allen Seiten wie warme, weiche Tücher, ich kann alle Gedanken zulassen, es sind hunderte, und oft viele von ihnen gleichzeitig. Die anderen Sinne sind abgeschaltet, ich kann mich dem puren Intellekt vollkommen hingeben. Endlich habe ich ein wenig Ruhe. Endlich kann ich alles zurechtdenken und zurechtlegen. Mein Geist ist auf Wanderschaft, ganz entspannt, und endlich merke ich, dass die Situation nicht so schlimm ist. Endlich realisiere ich, dass meine Fingerwunde ganz planmäßig heilt, das ändert sich nicht, nur weil ein anderer Arzt jetzt die Fäden gezogen hat. Endlich realisiere ich, dass ich meine Mädels eigentlich gar nicht brauche, denn die Klarheit, Sicherheit, Regelmäßigkeit, die ich brauche, die habe ich gerade. Die bekomme ich jetzt. Und ich habe keinen Zeitdruck, Zeit existiert in meinem jetzigen Paradigma überhaupt nicht. Weder Zeit noch Ort, denn es ist nur mein Geist, und in jener Dimension ist das Raum-Zeit-Gefüge irrelevant. Es ist friedlich, es ist ruhig, es ist mir wohlgesonnen, endlich realisiere ich, dass die Dinge ihren gewohnten Gang gehen, endlich realisiere ich, dass da zwar ein anderer Arzt war, der keine Ahnung hatte, wer ich bin, und der sich kein bisschen für mich interessiert hat, aber "dass es in Ordnung ist, weil es nur darum ging, dass jemand mir die Schiene anmodelliert und mir klarmacht, wie ich mich verhalten soll."

Gut, ich realisiere jetzt auch endlich, dass Dr G, der Alternativarzt zwar nicht für Klarheit gesorgt hat, aber dass ich selbst alle Fäden in der Hand halte, dass ich immer noch Herr über meinen Geist bin und dass ich noch mit Dr K, meinem richtigen Arzt sprechen werde. Endlich erhalte ich die Seelenruhe, dass das Gespräch mit Dr K nicht eilig sein muss, und mich beruhigt die Sicherheit, dass es stattfinden wird. Egal wann (So wie mich auch die Sicherheit beruhigt, dass Er noch da ist, wenn auch nicht hier bei mir).

Mir wird bewusst, dass die Meditationen mir wirklich helfen können. Auch wenn es bedeutet, dass ich dafür sehr viel Zeit brauche. Auch wenn es bedeutet, dass meine Mitmenschen mich dann in Ruhe lassen müssen und unter Umständen lange nichts von mir hören. Auch wenn es bedeutet, dass ich psychoaktive Substanzen konsumiere, um das Tor zur "reinen Intellektualität" zu öffnen und diese Reise angenehm zu gestalten.

Denn ich weiß, dass es okay ist.
Und meine wahren Freunde wissen das, denn für sie bin ich okay, so wie ich bin.



post scriptum: Puh... der Text ist abgefahrener geworden, als ich es eigentlich beabsichtigt hatte. Ich wollte Euch nicht mit meinen kranken, komischen, ungewöhnlichen Gedanken zuspammen. Das wollte ich nie, ich habe über dreißig Jahre lang geübt, das alles schön für mich zu behalten. Aber... vielleicht ist es besser, sich ab und an zu öffnen.

Mittwoch, 19. April 2017

"Ach, sie sind noch Schüler!"

Das Kreuz habe ich mir aus rein praktischen Gründen aufgemalt; so weiß ich immer, wie herum die Schiene getragen werden muss, denn ab morgen muss ich sie immer mal wieder abnehmen, um zu üben, das Gelenk zu bewegen.

Heute Fäden ziehen bei Dr G. So nenne ich ihn einfach mal; das ist gar nicht mal so irrelevant, denn bisher wurde ich von Dr K betreut. Dr K hat mich damals aufgenommen, die ersten Untersuchungen vorgenommen, er war es, der zu mir meinte "Ich unterhalte mich ein bisschen mit ihnen, weil wir immer gern wissen, wen wir da behandeln" - muss der Mediziner-Plural sein, denn scheinbar war er der einzige der mich behandelnden Ärzte, der sich dafür wirklich interessiert hat, wer ich bin. Ist leider immer häufiger so, dass von Ärzten Fließbandarbeit gefordert wird, ich nehme das niemandem übel, bin aber mit dem System sehr unzufrieden. Ich habe dem Chirurgen im ersten Vorstellungsgespräch erläutert, dass ich HB bin und das hat eine komplett neue Grundlage für unsere Kommunikation geschaffen.

Dr K hat von da an auf fachlicher Ebene mit mir gesprochen, hat mir sämtliche medizinischen Details erklärt und wir konnten zusammen einen Behandlungsplan entwerfen, auch was die direkte Versorgung nach der OP angeht. Dass es dann an der Kommunikation in der Anästhesiologie gehapert hat, hat er nicht zu verantworten. So ist nun mal die Lubinus-innerklinische Bürokratie, das ist bereits bekannt. Dr K wusste genau, wie er mit mir zu reden hat und welches "patientenfreundliche Umformulieren" er sich bei mir schenken konnte. Er hat mich nicht wie einen Mittelstufenschüler bevormundet (wie eine der Sprechstundenhilfen), er hat meine Patientenakte ernstgenommen (nicht wie bei der Vorstellung beim Anästhesisten). Ich war immer wieder froh, wenn ich zu ihm in die Sprechstunde gekommen bin, er hat alle Befunde, Röntgen und CT mit mir direkt am Computer besprochen. Ich habe mich im OP richtig entspannt, als Dr K mich, verborgen hinter dem Chirurgen-Outfit, begrüßt hat. Ein bekanntes Gesicht hat gut getan (und die bekannte Stimme des Chefarztes Dr R).

Dr K war heute im OP, deswegen kam Dr G und hat mich behandelt, wie er jeden Patienten behandeln würde. Nett, freundlich, ohne Kenntnis dieses Patienten. Ich habe das als sehr unangenehm empfunden. Ich hatte damit nicht gerechnet, das hat mich verunsichert, das war so nicht geplant. Die Fragen, die ich mir zurecht gelegt hatte, habe ich alle direkt über Bord geworfen, weil sie darauf gefußt hatten, dass Dr K weiß, auf welches Vorwissen er bei mir zurückgreifen kann. Ich hatte keine Lust, das alles Dr G noch einmal zu erklären, denn das braucht Zeit. Und so viele verschiedene Menschen, das mag ich nicht. Also habe ich mir die üblichen Sprüche angehört, dann ging es um eine Krankschreibung und ich meinte, momentan sind ja eh noch Ferien.

"Ach, sie sind noch Schüler! Entschuldigen sie bitte, das wusste ich nicht." - "Nein, ich bin Lehrer." - "Äh." Pause - Und genau diese Pause war sehr spannend für mich, weil ich Dr Gs Gedanken ziemlich genau vor mir gesehen habe. Nein, ich hatte kein lehrertypisches Outfit an, sondern mein typisches Outfit. Symphony of Death-Shirt mit Gevatter Tod, alles in schwarz, schwarz lackierte Fingernägel und schwarze Hose mit Schädeln, Kreuzen und Tribal-Motiv. Schwarzer Schmuck, schwarze Armbanduhr mit Metallschädeln, schwarze Schuhe, schwarzer Gürtel. In dem Moment hab' ich mir dann gedacht, scheiß' drauf, das dauert zu lange, das alles jetzt zu erklären. Hol' Dir Deine Schiene und Verhaltensregeln ab, mach' einen neuen Termin und fertig, und so war es dann auch.

Ich hoffe wirklich, dass nächstes Mal wieder Dr K da ist. Diese OP war für ihn sehr spannend, weil ich mir das Finger-Mittelgelenk komplett zerlegt hatte a.k.a. gebrochen; das war eine schwierige OP und deswegen hatte sich letztlich auch der Chef ("trotz Kasse") eingeschaltet. (Deswegen hat es mich SEHR verunsichert, als dann die Ärztin, die mir die Schiene anmodelliert hatte, meinte, "Naja, wir behandeln ja jetzt hier keinen Bruch, das geht schon."). Ich bin heute extrem unruhig und unsicher aus der Klinik gekommen und das ist scheiße. Und ich verbringe jetzt den Nachmittag damit, mir klarzumachen, dass alles so ist, wie es sein soll, während ich gleichzeitig nicht aufhören kann, infrage zu stellen, ob das heute alles richtig gemacht worden ist.

Es hat nicht geholfen, dass die Schienen-Ärztin und Dr G aus den Notizen von Dr K nicht ganz schlau geworden sind und das auch kundgetan haben. Ich bekomme immer Angst, wenn in mir drin das Gefühl entsteht, dass ich besser Bescheid weiß als die Person, der ich gerade meine Gesundheit in die Hände lege. Und das ist leider ab und an passiert; bei Dr Müller-Steinmann (wie auch in jedem anderen Fall, der sich so entwickelt hätte) habe ich dann den Arzt gewechselt. Und es ist mir schnurz, ob das arrogant oder überheblich oder wenig nachvollziehbar klingt. So kann ein HB-Gehirn ticken, das bin nicht nur ich, dem es so geht.

Ich bekomme langsam einen Sinn dafür, wie sich so etwas für Autisten anfühlen muss. Das ist eine wertvolle, wenngleich verdammt unschöne Erfahrung.

Dienstag, 18. April 2017

Die Macht der großen Buba

Nehmt Euch in Acht - vor der Große-Buba-Macht!

Ich bin ein ganz normaler Erwachsener, fast. Ich kann ernst bleiben, ich kann mich wie ein ernsthafter, normaler, heterosexueller Mann benehmen. An meiner jetzigen Schule hat mich noch keiner meiner Schüler gefragt, ob ich schwul bin, und ich werde ernst genommen. Dieser Habitus war nicht immer so - in meinem Studium hatte das Verhalten eine ganz andere Wendung genommen, als ich nämlich aus der Wohnung meiner Eltern raus war und mich benehmen konnte, wie ich wollte. Und Conny, meine Mitbewohnerin, würde keinen ihrer Mitmenschen aufgrund ihres Verhaltens herablassend behandelt haben, für sie war ich immer okay.

Und dann war es einmal im Oktober Zweitausendundsechs, in der Leibnistraße vier, Raum fünfundsiebzig/siebenundsiebzig. Ein grauenhafter Seminarraum, viel zu sehr nach hinten in die Länge gezogen, so dass die Studenten wunderbar vor ihrem Dozenten vorn an der Tafel fliehen konnten. In jenem Wintersemester war ich einmal "Dozent", ich habe ein Tutorium zum Grundkurs Lateinische Grammatik gegeben. Da saßen interessante Menschen drin, eigentlich recht normal. So wie ich, wenn man mal von dem Kajal, Lidschatten, Hundehalsband und dazugehöriger Kette abgesehen hat. Aber das waren ja nur Äußerlichkeiten.

Eine Oberfläche, die die große Buba natürlich sofort durchschaut hat. Sie war damals noch nicht die große Buba, sondern eine heterosexuelle Lateinstudentin. Das hat sich geändert; nicht geändert hat sich ihr Blick in ihre Mitmenschen hinein. Angeblich habe sie über meinem Kopf eine neonpinke Leuchtschrift gesehen - Megaschwuchtel. Ich glaube ihr das ja nach wie vor nicht, so heteronormativ, wie ich in den Raum gekommen bin.

Mit drei Teilnehmern des Tutoriums habe ich mich nach dem Abschlusstest, ein paar Monate später, zum netten Beisammensein getroffen, und da war es dann um uns geschehen. Vor elf Jahren wurden wir zur GDB und DGB. Und Die große Buba hat ihren Namen nicht von ungefähr, und das hat nichts damit zu tun, wenn sie anfängt, herumzupoltern, sondern mit der Wirkung, die sie auf mich ausübt; kaum zu glauben, aber so habe ich angefangen, mich vielleicht eventuell mal andeutungsweise ein kleines bisschen schwul zu benehmen, ein wenig vorsichtig herumgetuckt, sozusagen, denn das war genau das, was die große Buba brauchte, ihre persönliche kleine Schwuppe für den Trophäenschrank.

Das ist an sich nichts Ungewöhnliches - welche junge Frau hat sich nicht schon einmal einen schwulen Freund gewünscht, mit dem sie über Alles reden kann, ohne dass sie Angst haben muss, er könnte etwas von ihr wollen. Ja, leider sind die Heten so, die wollen immer was von den Frauen. Sie sind damit nicht allein, denn die Schwulen wollen ja auch immer was von den Männern, egal welche sexuelle Orientierung die sich gerade zugelegt haben. Mit dem schwulen Freund kann man shoppen gehen, denn alle Schwulen lieben es ja, Klamotten einzukaufen. Und sie kann mit ihm über ihre Tage reden, denn alle Schwulen finden das faszinierend und überhaupt nicht eklig. Und sie kann mit ihm über Männer lästern, die sie verletzt haben, denn alle Schwulen personifizieren die pure Empathie. Ich kotz' gleich.

Das klingt so negativ, nein, ist natürlich alles mit einer Dosis Humor zu goutieren. Nehmen wir also aus den vorhergehenden Paragraphen mit: Die große Buba und ich, wir benehmen uns in Gesellschaft anderer Menschen - wenn wir nicht zusammen sind - wie ernsthafte Erwachsene, vielleicht mit einem Sprung in der Schüssel, aber wenn wir zusammen sind, ist der Porzellanschrank dem Erdboden gleichgemacht. Dann wird geklötert, gekrischen, gespült, auf die Nerven gegangen. Nicht uns selbst, aber unseren Mitmenschen, da kommen dann gerne mal Kommentare, "Also zwischendurch war das ja ein bisschen nervig" - und ich weiß gar nicht, was gemeint sein könnte! Dass ich mit einem Mal drei Oktaven höher spreche? Dass in meiner Sprache jedes L durch ein W getauscht wird? Dass per nasalem Tuckentonfall jedes N zu D zu TH und jedes M zu einem B wird? Dass wir nichts mehr ernstnehmen können, egal ob gerade die Welt untergeht oder wir einen Horrorfilm schauen? Dass wir "tot gehen" und dabei "woouuuhhmmmbähbäh" brüllen? Dass wir meine Nachbarn unerbittlich durch unsere Dezibelzahl in den Wahnsinn treiben? Das werden sie schon aushalten, denn das passiert nur, wenn die große Buba da ist. Ich warte immer noch darauf, dass wir bei Edeka und Sky Ladenverbot bekommen.

Denn eigentlich bin ich ein ernsthafter, heteronormativ angepasster Erwachsener.

post scriptum: Jetzt lacht sie gerade und glaubt es "thöäarchtöäh". Ni wi wi a a a!

Montag, 17. April 2017

"Irgendwie spüre ich nichts..."

Clickbait! Oder... geht es hier etwa wirklich um...?

Disclaimer: In diesem Beitrag dichte ich ein bisschen zur Realität hinzu und nehme ein paar Sachen weg, bin also ein sehr unzuverlässiger Erzähler. Das macht aber nichts, weil es mir um das Prinzip geht, und um das zu verdeutlichen, sind mir diverse Mittel und Wege recht. Tatsache ist, dass ich kein Cannabis in der Wohnung habe und daran auch so schnell nichts ändern werde - einfach weil das THC mich kaum reizt.

Vor einer ganzen Weile hatten Er und ich mal Lust, zu kiffen, und es war aus heiterem Himmel Gras da und eine selbstgebastelte Bong, wir hatten gute Laune und damals auch noch niemanden, der zwischen uns stand. Und dann haben wir uns gesagt, okay, das probieren wir mal aus. Wir hatten schon andere Sachen ausprobiert und waren neugierig - wie das nun mal so ist. Und nach ein bisschen Rumgehuste haben wir dann auch was gemerkt und wollten plötzlich einfach nur noch irgendwo herumliegen. Und auch, wenn wir uns nicht unterhalten hätten und uns gegenseitig immer wieder auf den neuesten Geisteszustand angesprochen hätten, hätte jeder sehen können, dass wir ziemlich gut verklatscht waren. Er konnte das sowieso nie verbergen, seine Augen sprachen Bände.

Der aufmerksame Leser mag sich nun verwundert fragen, worauf der Doktor hinauswill - hat er doch im Titel von Nichts-Spüren geschrieben. Richtig. Ich wollte einmal schildern, wie es ist, wenn ich weiß, dass der Andere unter Einfluss steht. Denn man kann das nicht immer sehen, manchmal sehen die Menschen ganz normal aus, verhalten sich auch ganz normal. Wie kann ich dann herausfinden, ob mein Gegenüber irgendeine Wirkung hat? Da muss ich mich wohl auf das verlassen, was er mir berichtet - wie es sich für ihn anfühlt. Und jetzt wird's sexy:

Stellt Euch einmal vor, Er würde mir erzählt haben, dass Er eine ganz tolle, unglaublich entspannende Wirkung spürt, wow, ich bin grad echt geflashed und so ein blabla. Und stellt Euch einmal vor, Er würde das nur getan haben, damit ich nicht enttäuscht bin - weil Er in Wahrheit nämlich gar nichts gespürt haben würde? Warum würde Er mir so einen BS erzählt haben?

Die Damen ahnen natürlich schon längst, worum es geht, denn manch' eine von ihnen wird in ihrem Leben den einen oder anderen Orgasmus beim Sex vorgetäuscht haben, um dem Herrn, der sich da so bemüht versucht hat, nicht zu enttäuschen. Und das funktioniert ja auch, denn der Herr kann nicht in ihren Kopf hineinschauen, und selbstbewusst, wie er nun mal ist, freut er sich, dass er die Dame erwartungsgemäß hat zufriedenstellen können.

Sehen wir die Parallelen? Sex und Drogen sind ja ohnehin ein sehr beliebter literarischer Topos, also nichts Unerwartetes hier. Nur, dass Er und ich nicht die Sex-Version des Ganzen würden gehabt haben - nach wie vor befinden wir uns in einem Gedankenspiel. Er würde ja auch einfach gesagt haben können: "Irgendwie spüre ich nichts..." - würde sich aber dennoch dazu genötigt gesehen haben, BS zu erzählen. Welche Schlüsse soll ich aus einer solchen Vortäuschung ziehen?

Warum kann Er nicht einfach mal sagen, was Sache ist? Warum diese Zwänge, seine Mitmenschen unbedingt glücklich zu machen - würde ich mich gefragt haben. Vor allem weiß ich noch, wie oft Er und ich darüber geredet haben, wie wichtig es mir ist, dass mein Gegenüber sich authentisch verhält, dass Er sich nicht verstellt, denn mit solch' einem Verhalten weiß ich nicht umzugehen. Wir haben das so oft besprochen. Wir haben so oft geklärt, dass Er bei mir, in meiner Wohnung, wo niemand sonst etwas mitbekommt, ganz Er selbst sein kann. Er selbst hat mir von diesem Effekt erzählt. Etwa auch nur, weil Er meinte, dass ich das hören wollte?

Ob sich das mit dem Alter ändert? Wenn man neunundzwanzig wird? Ich weiß, dass sich jetzt noch nichts geändert hat. Noch immer erzählt Er mir BS, wenn es seiner Meinung nach nötig ist, um mich zufriedenzustellen. Er hat eine hochbegabte Freundin und ein hochbegabtes Etwas eine Straße weiter. Warum glaubt Er, sie hinter's Licht führen zu können? Zu müssen?

So ist Er nun mal. Daran ist nichts Schlimmes, daran ist nichts böse Gemeintes. Sollte ich ihn als Teil meines Lebens betrachten wollen, habe ich das zu akzeptieren. Ich lerne. Ob sie das ähnlich sieht?

Vielleicht sind vorgetäuschte Vergnügungen einfach Teil unseres Lebens, Teil unserer Funktionen als Impulsgeber und Antwortmaschine. Dabei wäre es doch so einfach, das zu sagen...

"...irgendwie spüre ich nichts." - "Das ist vollkommen okay."

Lächeln.



post scriptum: Ich sollte selbstkritischer sein und oben einen Satz hinzugefügt haben müssen - "Warum glaubt Er, sie hinter's Licht führen zu können? Zu müssen? Warum lösen wir das in ihm aus?"



vivat tempora convoluta!

Sonntag, 16. April 2017

Volltreffer!

Volltreffer! und Alptraumfahrt und Spuk Halle - die Achterbahnfahrten gehörten zu meinen Lieblingsleveln in der DKC-Reihe und besonders bei DKC2.

Volltreffer! - so heißt im Videospiel Donkey Kong Country 2 für das SNES ein Level, in dem man mit den Affen eine Achterbahnfahrt auf einem Vergnügungspark überstehen muss. Ich habe diesen Abschnitt schon in meiner Jugend geliebt - "Dat is puuuuure Action", würde die verrückte Buba jetzt sagen, weil man während der Fahrt immer mal wieder aus dem Wagen springen musste, um per Schalter Tore auf der Strecke zu öffnen - man musste also Volltreffer landen.

Das habe ich heute auch gemacht. Also, nicht Achterbahn, nicht Tore, aber ich bin trotzdem aus einem Wagen gesprungen und Monster kamen auch vor: Ich bin zur nicht anwesenden Sannitanic gefahren und habe ihre Kaninchen gefüttert. Mal wieder gilt: Ü-Punkte retten Leben. Auf dem Weg dorthin habe ich einen wunderbaren Parkplatz erwischt, nämlich den letzten neben dem Südfriedhof, auf dem man noch parken kann; jener, der am nächsten an ihrer Wohnung dran ist (auf diesen Streifen bezogen) - Volltreffer also! Und ich hoffe, die beiden BMWs, die dreist vor mir im absoluten Halteverbot standen, haben ein paar hübsche Tickets bekommen.

Und auf dem Rückweg kam es noch besser, denn ich habe den Parkplatz quasi direkt neben meiner Haustür erwischt. Gerade da, wo man noch parken darf, und jeder, der an der Helgoländer Straße vorbeikommt, sieht nun das Heck des geschichtenbeladenen Hilarius-Vehikels. Es gibt mir immer ein echt gutes Gefühl, wenn ich dort parken kann. Unter anderem auch, weil ich weiß: Jedesmal, wenn Er (vielleicht mit ihr) unten einkaufen geht, kommt er an diesem Wagen vorbei, jedesmal sieht er ihn, jedesmal löst das einen Gedanken in ihm aus. Und sie hat keine Ahnung, dass ich immer noch da bin. Talk about Genugtuung.

Und auch andere Volltreffer lösen in mir ein Gefühl von Zufriedenheit, von Ausgeglichenheit aus - zum Beispiel, wenn ich die Treppen steige: Ich nehme immer zwei Stufen auf einmal, und wenn ich mit dem letzten Schritt genau oben anlange, verlasse ich die Treppe mit einem Grinsen. Ansonsten fühle ich mich unruhig. Weitere Volltreffer: Wenn ich beim Einsteigen in die S-Bahn direkt den richtigen Sitzplatz bekomme; wenn ich mich zur Meditation hinlege und gleich in der "richtigen" Position liege.

Das mag manchen Menschen auch so gehen, andere fragen sich, ob ich 'nen Knall habe. Nein, aber ich habe manchmal autistische Züge, und das könnte einer davon sein. Wer das empfehlenswerte Buch Supergute Tage (The Curious Incident of the Dog in the Night-Time) von Mark Haddon kennt, der weiß, dass die Qualität der Tage des Protagonisten, seines Zeichens Asperger, davon abhängt, welche Farbe die Autos haben, die er morgens als erstes sieht. Und das ist normal für ihn, und vor allem: Das ist okay. Und genauso okay ist das Gefühl von Glück für mich, wenn ich Volltreffer landen kann.

post scriptum: Falls die irre Tante mit IQ142 da draußen das liest - na, ist Dir das inspiriert genug? Nur weil Du noch nicht den Sinn des anderen Beitrags gefunden hast :-P Sie hat nen Vogel; ich darf das sagen, sie hat davon sogar einige, die sie immer mit sich herum trägt - das kann jeder sehen. Nur ihren Knall, den sieht man nicht so schnell.

Samstag, 15. April 2017

Kleiner


Das heutige Gadget ist ein Timer für die Küche - was früher die gute alte Eieruhr war. Case in point - ich habe das Gefühl, dass die Dinge mit der Zeit und dem technischen Fortschritt immer kleiner werden. Es gab mal eine Zeit, in der ein Telefon aus mehreren Einzelteilen bestand, die ein ordentliches Volumen und Gewicht hatten.


Davon ist heute nichts mehr übrig, das Telefon hat sich verkleinert - wer damals dachte, wow, das Handy ist ja eine tolle Erfindung, so klein und praktisch - der hat noch nicht ahnen können, dass auch das Handy mit den Jahren immer kleiner werden würde. Mittlerweile kann eine Schachtel Zigaretten größer sein und manch' einer lässt sich sein Handy direkt in den Unterarm einsetzen. Mensch wird Maschine.

Oder eben jene Eieruhr, die früher fröhlich vor sich her tickte, mittlerweile genauso flach wie ein Handy und magnetisch, damit man sie direkt an der Dunstabzugshaube anbringen kann. Natürlich geht es noch kleiner - wer Style hat, hat den Timer direkt im Herd integriert.


Wir sind auf dem besten Weg, dass sich die gesamte Wohnung über ein kleines Display steuern lässt. Man muss es nicht einmal anfassen - denn Sprachsteuerung wird immer beliebter. Ebenso wie Uhren, die nichtmal mehr ein Gehäuse besitzen, sondern die Uhrzeit direkt aus der Wandkonsole an die Zimmerwand beamen.

Und dann sind da ja noch diese ganzen Reader. Dünn wie ein Tablet, speichert man darauf den Inhalt eines ganzen Bücherregals und schafft noch mehr Freiräume in der Wohnung (um diese dann professionell vollzumüllen). Und hattet Ihr nicht auch mal eine Situation, in der Ihr einen Mikro-USB-Stick (die Dinger sind echt winzig!) lange habt suchen müssen, eben weil er so winzig ist und nicht auffällt?

Ich frage mich, wie weit das gehen wird. Wird es irgendwann tatsächlich so weit sein, dass wir überhaupt keine Gegenstände mehr brauchen, weil wir alles per Sprache steuern? Wer den Film Wall-E gesehen hat, kennt das Szenario. Mir ist es einfach ein bisschen suspekt, dieser Drang der Technologie, sich selbst zu minimieren. Auf der anderen Seite kann ich mich der schlichten Eleganz nicht vollständig entziehen - so habe ich meine Musiktheke von einem Regal voller CDs in fünf schlanke USB-Sticks verwandelt. Und so eine Beamer-Uhr reizt mich auch.

Ich habe in Husum - wo ich meine letzte Wohnung hatte - festgestellt, dass ich keine Wände und Türen in der Wohnung haben möchte. Ein Zimmer, ein kleines Loft, und damit ich das auch bezahlen kann, sollte es nicht zu groß sein. Und da kommt mir die Verkleinerungswelle ganz gelegen, ehrlich gesagt. Das lässt mir mehr Platz für das Wohnungsdesign.

Ich frage mich, ob man das Ganze irgendwann satt hat und ich einen Blogeintrag Größer werde schreiben können.

Freitag, 14. April 2017