Freitag, 24. März 2017

Kindkontakt!

Sowas ist doch nicht normal!

Ich tu' mich ja durchaus mal schwer mit dem Thema Körperkontakt. Das Mutterschiff weiß da eine Geschichte eines Sommerfestes zu erzählen, wo sie abendlich mit Wein angeschwipst - und es war kühl - näher an mich rangerutscht ist und das war mir ziemlich unangenehm. Und sie wusste auch, dass ich mich mit ihrem kleinen Sonnenscheinchen schwer tun würde und dass ich ein bisschen besorgt war, ich würde ihr zu nahe treten, weil ich die Kleine nicht auf den Arm würde nehmen wollen.

Oder diese Anekdote, als ich bei Pizza World in der Olshausenstraße gesessen habe - meine damalige Mitbewohnerin hat während ihres Studiums dort gejobbt, ich habe auf ihr Schichtende gewartet und wir wollten zusammen nach Hause gehen. Und dann werde ich von dem Mann rechts neben mir angesprochen, sorry, aber ich bin gerade nicht in Redestimmung, aber er redet nicht nur weiter, sondern rutscht näher an mich heran. Und ich blicke nach links und sehe die Ecke der Sitzbank näherkommen. Und dann legt er ohne Vorwarnung seine Hand auf mein Bein (Spül-Buba liest das laut). Kann ich nicht haben, wirklich nicht, nicht anfassen.

Und auch Er weiß um diesen Umstand, auch wenn es ihm erst gen Ende bewusst geworden ist; ich nehme Menschen nicht so gern und oft in den Arm. Bei ihm hat es mich allerdings nie gestört, das habe ich schon damals in Husum gemerkt - im Gegenteil, ich fand es immer schön, ihn im Arm zu halten. Wenngleich es für ihn anfangs noch etwas ungewohnt war, dass zwei Jungs sich zur Begrüßung in den Arm nehmen, so hat er sich daran auch gewöhnt. Und mittlerweile möchte es wohl keiner von uns mehr missen. Allerdings habe ich ihm erst kurz vor Funkstille erklärt, dass das für mich nichts Alltägliches ist- eben weil ich es nicht so mit dem Körperkontakt habe. Und dass es bei ihm eine Ausnahme ist, deren Grund sich jeder selbst denken möge (ich habe es ihm aber zur Sicherheit nochmal explizit gesagt, filum longum und so).

Gestern wurde es dann aufregend. Aus den Rocky-Baby-Mountains ist ja inzwischen ein havariertes Mutterschiff geworden - wobei das die mountains so verharmlost: Der derzeitige Zustand erinnert an das Ergebnis schwungvoll aufeinander zudriftender Kontinentalplatten, Dr Hilarius, kannst Du Dich bitte noch komplizierter ausdrücken? Das versteht doch kein Mensch mehr! Dabei wollte ich einfach nur aussagen, dass mittlerweile ein komplettes Tafelbild auf ihrem Dekolleté Platz hat, danke auch an Jan für lustige Kommentare!

Ich besuche sie also, alles routiniert-schön-plauderig, aber weil die kleine nukleare Katastrophe mit dem goldigen Lächeln das Stillen dann doch irgendwie zum Kotzen fand, musste die RMS Sannitanic sich erstmal umziehen (kreatives Erbrechen hier gerade, hey Stegauf, hamwa drüba gesprochen, wa?). Das bedeutet: Ich für einen Moment allein mit dem Kind.

Niemand sonst.

Huch, es schaut mich an! Soll ich etwas sagen? Soll ich winken? Soll ich lächeln? Das bewegt sich ja! Was mache ich denn jetzt. Oh, es schaut auf meine Fingernägel. Ich strahle es an und zeige den schwarzen Nagellack, WHAAAAAAAAAAAHHHHHTTTTT! Das Ding greift nach meinem Finger! Körperkontakt, Kindkontakt, was passiert hier, jetzt wird es bestimmt krank, ich hab es kaputt gemacht.

Nein, im Gegenteil, es lächelt und gluckst und ich strahle und merke - Hey, so schlimm ist es ja gar nicht! Also einmal anfassen ist schon okay, und kann ich mit dem Ding reden? Das hört ja, was ich hier jetzt sage, oder? Hilfe, ich hab' das noch nie gemacht, was tue ich hier gerade, aber da kommt die Sannitanic zurückgekentert und wir bereiten alles vor für einen Gang an die Sonne und frische Luft.

Wieder ein Gefühl, das ich nur ganz schwer beschreiben kann. Kind. Und glücklich, dass es auf mich reagiert. Das muss erstmal verarbeitet werden. Ein schönes Gefühl, und dabei dachte ich immer, dass ich das vielleicht gar nicht so mag. Ich freue mich unbeschreiblich für die Sannitanic samt Vater über ihre kleine Familie!

Donnerstag, 23. März 2017

James Bond - immer einsatzbereit

Bei dem Namen James Bond musste ich an dieses Foto denken - wir hatten dabei eine Menge Spaß ;-)

Ich liebe es, mir Horrorszenarien auszumalen. Nehmen wir mal Folgendes: Da hat einer - wir brauchen einen Namen. James Bond. James Bond hat gerade seinen Master-Abschluss an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel gemacht. Er hat Englisch und Sport studiert, und so sieht er auch aus - das ist eine Feststellung, kein Lästern ;-) James ist extrem freundlich, hat ein sonniges Gemüt und eigentlich immer ein Lächeln im Gesicht.

James ist der reinste Fachwissenschaftler, hat sich mit englischer Literatur und Linguistik auseinandergesetzt, kennt jegliche Prinzipien der Sporttheorie und ist mit Stephen Greenblatt vertraut. Er hat einen ordentlichen Abschluss hingelegt, ist jetzt belesen und sportlich ausgebildet.

Zeit für ein wenig Realität.

James wird zum Nulltsemester an einer Gemeinschaftsschule. Mit einem Angestelltenvertrag des Landes, befristet natürlich, stellt er für Britta Ernst und ihr Bildungsministerium eine wunderbare Möglichkeit dar, Unterrichtsausfall zu vermeiden, flexibel und viel kostengünstiger als ein verbeamteter Kollege. Als fliegende Vertretung kann er jederzeit jegliche Klassenstufe in jeglichem Fachunterricht vertreten - zum Glück hat die Schule Filmräume und eine Gelegenheit für die Kinder, Brettspiele zu spielen. Aber es kommt noch besser!

Denn James Bond bekommt einen I-Kurs. Wir erinnern uns, dass es einige Schüler gibt, die von Mutter Natur mit etwas weniger Intelligenz bedacht wurden. Das ist vollkommen okay, so wie jeder Mensch vollkommen okay ist. Diese I-Kinder brauchen besondere Zuwendung. Man spricht vom zieldifferenten Unterrichten, sie nehmen alle zusammen am Unterricht teil, aber die kleinen Kläuschens brauchen vor allem Eines: erfahrene Pädagogen. Menschen, die das kennen. Die wissen, wie man mit I-Schülern arbeitet.

Für James Bond ist das alles neu, er kommt gerade aus seiner Examenswolke über den postmodernen amerikanischen Roman herabgeschwoben und freut sich schon darauf, mit Schülern über die Generation X zu philosophieren - auf Englisch, versteht sich. Doch daraus wird nichts, denn ein langsamer Englischkurs in 7 (äußere Differenzierung) ist eben kein Sprachprofil mit Profilfach Englisch, wo es vor leistungswilligen Schülern nur so wimmelt - das sind diese Kurse, in denen man einen stummen Impuls an die Tafel klatscht und die Schüler gestalten sich die folgenden neunzig Minuten selbständig.

Sorry, James Bond, aber solch' einen Kurs hast Du leider nicht. Du hast eine ganz kleine Runde, elf Schüler sitzen da und schauen Dich verträumt an, weil Du in ihren Augen einfach niedlich bist und sie verstehen kein Wort Deiner englischen Begrüßung, aber immerhin schiebst Du es auf Deutsch noch einmal hinterher. Okay, Du merkst, Du musst es ein wenig herunterbrechen. Shakespeare wird es wohl nicht, und auch keine Postmoderne. Aber das macht ja nichts, wir können ja auch schöne Bildbeschreibungen zusammen auf Englisch machen!

James Bond, ich fürchte, Du überschätzt Deine lieben Schüler, die kaum einen englischen Satz zustande bringen, die eine Blockade haben, fast schon Angst, etwas Englisches zu sagen. Du realisierst, dass für diesen Kurs Unterrichtssprache Deutsch gilt. Und Du realisierst, dass da noch jemand in Deinem Klassenraum sitzt: Eine Förderlehrkraft, speziell ausgebildet für diese Kinder mit besonderen Bedarfen. Du lernst, Dich mit ihr kurzzuschließen, damit bei den Kindern ein Licht angeht.

Es ist ein hartes Jahr für James Bond. Britta Ernst bekommt davon natürlich nichts mit, das Einzige, was Britta Ernst davon mitbekommt, ist: "Wie wunderbar, wir haben fast eine fünfundneunzigprozentige Unterrichtsversorgung. Das liegt daran, dass unser Bildungskonzept aufgeht!" Ich kann gar nicht so viel essen, wie ich kotzen möchte.

Es ist ein verdammt hartes Jahr für James Bond, aber: Es entlohnt ihn in einem Umfang, wie es ein "einfaches" Gymnasialjahr nicht könnte. Er erweitert seinen Horizont, er lernt Schüler kennen, die nicht hochintelligent sind. Er lernt Vielfalt kennen. Er lernt, zu differenzieren. Er lernt, dass diese I-Kinder keine armen Schweine sind, im Gegenteil, und er lernt, sich ihnen zuzuwenden. Er lernt Menschlichkeit kennen, und seine Kiddies lieben ihn.

Ich habe Respekt vor Dir, James Bond!

post scriptum: Und wer es noch nicht mitbekommen hat, mit diesem Beitrag möchte ich wettern gegen eine Tendenz, junge, unerfahrene Lehrkräfte auf anspruchsvolle Lerngruppen anzusetzen, damit man selbst seine Ruhe hat.

Mittwoch, 22. März 2017

Bewegender Tag


Ich erzähle von einem interessanten Mittwoch, und wieder einmal wird der Hochbegabungsfilter über allem schweben. Und angefangen hat alles mit einer Postankündigung.

Heute vormittag sollte mich eine sehr wichtige Lieferung per Nachnahme erreichen und ich musste irgendwie sicherstellen, dass die Annahme abgewickelt werden kann. Also frage ich Dschennewjähf (Du hast mich darauf gebracht ^^) von zwei Etagen tiefer, sie müsste doch noch Semesterferien... oder... nein, shit, leider nicht, sie ist ab Vormittag aus dem Haus. Ich brauche einen Plan!

Das dachte ich dann gestern Abend. Ein Plan muss her, tausende Gedankenzüge rasen durch meinen Kopf, wie komme ich an diese Post? Scheiße, wo ist diese verdammte CD mit den Vorschlägen zur Leistungsmessung, ich soll doch morgen in allen Lerngruppen Tests schreiben lassen und einer ist noch nicht vorbereitet - die lag doch immer hier auf dem Boden, was mache ich jetzt nur? Keine Test-CD, keine Post, so ein Scheiß, ich geh' ins Bett und stell' mir den Wecker auf fünf Uhr, ich kann schnell denken, mir fällt schon was ein. Manchmal hat die Hochbegabung ihre Vorteile.

Mittwoch früh, Wecker klingelt und mir kommt die Idee: Im Friseursalon von Frau Kliewer und Frau Baumgart unten ist immer irgendjemand! Mist, es ist jetzt kurz nach fünf, ich muss um halb sieben los, damit ich noch genügend Zeit habe, die Tests zu kopieren. Um halb sieben ist beim Friseur noch nichts los. Okay, denken, denken, denken... ich renne runter zur Sparkasse und hole das Geld für die Nachnahme, ich stecke die Geldscheine in einen Briefumschlag, klebe ihn bei Frau Kliewer an den Türrahmen, wird schon klappen (nächstes Mal aber doch besser in den Briefschlitz!), schreibe einen Brief für Frau Kliewer mit der Bitte/Vollmacht, die Nachnahme anzunehmen. Wie kann ich sicherstellen, dass sie den Zettel auch wirklich rechtzeitig sieht? Alles klar, ich klebe ihn einfach direkt an die Ladentür, Geld klebt, Zettel klebt, jetzt nur noch einen Brief für den Postboten, den ich neben der Klingel an die Wand pappe. Alles präpariert, ich fühle mich, als hätte ich das Haus verwanzt oder vermint. Nach mir die Sintflut, ich werfe meine Sachen ins Auto und rase gen NMS.

Ja. Heute, nach wochenlanger 100-km/h-Fahrerei, düse ich mit hundertsechzig über die Autobahn, ich muss diese Tests noch zusammenschnippeln, und hoffentlich steht im Fachschaftsfach noch eine weitere Leistungsmessungs-CD, und im Kopf überlege ich gleichzeitig, ob der Friseur-Plan aufgeht.

Sonnenaufgang, ich rolle auf den leeren Parkplatz an der Plöner Straße, stelle mich schon wieder abfahrbereit hin und gehe zügig Richtung Stützpunkt, da ist das Fachschaftsfach, da stehen ganz viele CDs, bittebittebitte lass' sie dabei sein... Hörbeispiele, Digitaler Unterrichtsassistent, Action!UK-DVD, JAAAAAA, da steht sie, "Leistungsmessung... Klasse 7" - scheiße, ich brauche Klasse 5... aber jemand hat Erbarmen mit mir, da steht sie und zum ersten Mal seit Dienstagabend kann ich etwas entspannt durchatmen.

Die nächsten Tagespunkte laufen so, wie sie sollen, alle drei Tests werden geschrieben, drei Stapel Korrekturen zusätzlich zu den zweien, die zuhause noch warten, da habe ich eine Beschäftigung, wenn ich nach der OP mich zuhause schonen muss. Und die Tests waren auch bewegend, da flossen Tränen, da gab es einen Täuschungsversuch, da war ich SO froh, dass ich ein wenig Unterstützung hatte durch Frau Stegauf... ne warte, Steigauf, oder Stehauf? Das kann sich doch kein Mensch merken (und sie liest das jetzt und kichert ein bisschen) - doppelte Aufsichtsführung kann manchmal notwendig sein.

Dann sind die sechs Stunden endlich um. Endlich. Noch ein wenig Schülerberatung geleistet (in Brachenfeld darf ich das, in Husum durfte ich das irgendwann nicht mehr), ab an den Rechner im Stützpunkt, Sendungsverfolgung, na super, "Ihre Lieferung konnte nicht..." - ZUGESTELLT AN NACHBARN! Wie geil, es hat geklappt! Ein zweites Mal atme ich durch, diesmal noch tiefer, noch entspannter. Endlich sind alle Pläne aufgegangen. Endlich kann der Tag sich so entfalten, wie ich es mir gewünscht habe.

Es versteht sich von selbst, dass die heutige Meditation unglaublich positiv verlaufen ist - es gab allerdings wirklich viel zu verarbeiten. Und das kostet Zeit - aber die nehme ich mir, das muss sein. Hochbegabte brauchen Zeit zum Denken.

Und dieser Tag war auch auf eine andere Art bewegend, denn ich habe ein neues Paar Schuhe bekommen, zusätzlich mit der oben beschriebenen Lieferung. Meine alten Turnschuhe waren nach zehn Jahren komplett aufgelaufen, die Sohle nur noch zur Hälfte vorhanden und diese Hälfte hing herunter, gammelig, jeder normale Mensch würde diese Schuhe nicht mehr tragen. Aber hier kommt Dr Hilarius: Warum soll ich mir neue Schuhe kaufen? Die alten tun es doch noch, sie funktionieren doch noch, ich hab' jetzt wirklich andere Sorgen, und so habe ich die Schuhbestellung immer weiter vor mir hergeschoben. Ich glaube, das könnte ein Hochbegabten-Ding sein.

Und damit wäre auch das Foto erklärt.

Dienstag, 21. März 2017

Kreidestaub und Prioritäten


Wer? - Dr Hilarius und eine Kollegin
Wo? - GemS Neumünster-Brachenfeld, Stützpunkt Sprachen
Wann? - Heute um 13:23 Uhr

Was? - Ich bin fröhlich dabei, VERA zu korrigieren, um die Zeit bis zur Fachgruppensitzung totzuschlagen, als jene Kollegin etwas entnervt hereinkommt und sich den Kreidestaub von ihrem schwarzen Rock und ihrem schwarzen Oberteil abklopft. "Ich weiß nicht, wie du das immer machst, Dr Hilarius, mit den schwarzen Klamotten. Man sieht überall die Kreide, das muss doch nervig sein, das immer abzuklopfen!"

Ich habe damit überhaupt keine Probleme, und das rührt daher, dass ich mich nicht so sehr um mein Äußeres schere. Schwarz muss es sein und fertig. Und da ich Lehrer bin, ist es vollkommen selbstverständlich, dass ich keinen Tag ohne Kreideflecken überstehe. Aber wo ist denn überhaupt das Problem?

"Naja, dann machen sich die Schüler darüber lustig, und so will man doch nicht herumlaufen und ich finde das dann auch nicht mehr adrett." - Like I care!

Ich muss nicht perfekt aussehen, ich setze andere Prioritäten. Es ist mir ziemlich egal, wieviel Kreide sich auf meiner Kleidung verteilt, wenn es ein Beweis dafür ist, dass wir sinnvoll in der Stunde gearbeitet haben. Im Gegenteil, ich bin sogar ein bisschen "stolz" auf die Kreideflecken; es signalisiert mir selbst, dass ich etwas gemacht habe und vor allem lässt es mich authentisch erscheinen. Das wiederum ist mir sehr wichtig: Ich möchte, dass die Schüler wissen, wen sie da vor sich haben. Und dass der sich nicht verstellt.

Und ich versuche auch, die Kreideflecken pädagogisch sinnvoll zu nutzen: "Wo ist denn das Problem, liebe Leute? Ich bin immer noch Dr Hilarius, ihr habt immer noch Spaß am Unterricht - ist es euch so wichtig, dass ihr perfekt ausseht? Tut mir leid, das kann ich nicht nachvollziehen. Ich finde andere Dinge wichtiger."

Case in point: Nieder mit der Oberflächlichkeit!

Samstag, 18. März 2017

Das Lächeln

Okay, dieses Lächeln ist creepy...

Man findet diverse literarische Kleinode im Internet zum Wert eines Lächelns - dass es das Günstigste sei, was wir einem Menschen schenken können, und wie wertvoll es gleichzeitig sei. Ich würde diese Theorie gern mit ein, zwei eigenen Erfahrungen unterfüttern.

Besonders ist es mir im Laufe der vergangenen Jahre bewusst geworden, wenn ich in der Meditation war. In diesen sechzig bis neunzig Minuten liege ich normalerweise vollkommen regungslos da, mit einem nichtssagenden Gesichtsausdruck, einfach möglichst entspannt und still. Manchmal merke ich allerdings, wie die Stimmung sich während der Meditation bessert - oder manchmal sind es einfach nur positive Gedanken, witzige Überlegungen, und ich fange an zu grinsen. Ohne dass es jemand bemerken würde. Ich selbst spüre allerdings direkt die Konsequenzen: Wenn die Gesichtsmuskeln betätigt werden, die für ein Lächeln nötig sind, werden Glückshormone ausgeschüttet. Manchmal kann ich eine volle Stunde regungslos und ausgeglichen in der Meditation gelegen haben, danach fange ich an, zu lächeln und merke, wie die Stimmung dabei steigt. Man kann sich quasi glücklich lächeln, und das war für mich eine sehr wertvolle Erfahrung.

Aber auch Andere können davon profitieren: Wir haben öfters darüber gesprochen, warum Er immer wieder zu mir gekommen ist, auch wenn es so viele Umstände mit sich gebracht hat. Und eine seiner Antworten war das Lächeln: "Wenn ich bei dir durch die Haustür komme und von dir angestrahlt werde, dann geht's mir auch gleich viel besser, und das ist immer wieder toll." In der Tat, nicht selten ist Er damals aus einer nervigen, stressigen Privatsituation heraus für das Wochenende nach Husum gekommen und das Lächeln zur Begrüßung hat ihn das alles beiseite räumen lassen. Natürlich, manchmal wurden dadurch Sachen verdrängt, über die wir lieber hätten reden sollen, aber ich war damals ganz glücklich darüber, dass Er so gern zu mir kommt.

Allerdings kann das Lächeln auch eine Schattenseite haben, wenn es einem nämlich negativ ausgelegt wird. So war ich im Referendariat nicht glücklich, achtzehn Monate lang, habe aber versucht - wie man das als professioneller Lehrer machen sollte, denke ich - das nicht an meinen Schülern auszulassen. Im Gegenteil, ich war bemüht, in der Schule freundlich zu sein und jedem mit einem Lächeln zu begegnen, und das hat die meiste Zeit über auch geklappt. Ich dachte, dass ich damit etwas Gutes tue.

Im Gespräch mit meiner Schulleiterin wurde mir das Lächeln allerdings zur Last gelegt: Ich sei arrogant und überheblich durch die Schule gegangen, unangenehm selbstsicher, wie es hieß. Meine Wahrnehmung, in der ich das Referendariat als sehr unangenehm empfunden habe und darunter gelitten habe, wurde mir als "reichlich unglaubwürdig" ausgelegt und somit ignoriert: "Sie sind immer mit einem Lächeln durch die Schule gegangen, ich nehme ihnen das nicht ab, dass sie im Referendariat irgendwie gelitten hätten."

Für mich war in dem Moment die Sache gegessen, denn spätestens in jenem Moment wusste ich, was mir da für ein Mensch gegenüber sitzt und ich wusste, wie ich damit umzugehen hatte. Aber ich war wütend und reichlich hilflos, als hätte man mir den Boden unter den Füßen weggezogen, dass mein so gut gemeintes Lächeln, meine ansteckende Fröhlichkeit auf diese Weise gegen mich verwendet werden würde.

Und dennoch.

Ich bewahre mir das Lächeln. Denn unter dem Strich bleibt mehr Positives als Negatives übrig. Und ich halte es weiterhin mit Buddha:

Lächle und die Welt verändert sich.

Freitag, 17. März 2017

VERA, my love


Schade, mir hat der gestrige Beitrag so viel Spaß gemacht, weil ich mich so herrlich über Donald Trump aufregen kann, aber er hat verhältnismäßig wenig Klicks bekommen. Für mich als Hochbegabten ist es spannend, im Kopf die ganzen einflussgebenden Faktoren tanzen zu lassen und sie gegeneinander abzuwägen - woran mag die niedrige Klickzahl gelegen haben?

Whatever, heute habe ich in einer Klasse eine Vergleichsarbeit (VERA) im Fach Englisch schreiben lassen. Wer schon im Beruf ist, kennt das Prinzip: Alle Schüler einer Jahrgangsstufe (in der Regel 3, 6 und 8) schreiben die gleiche Arbeit, quer durch Schleswig-Holstein, und zwar in den Fächern Deutsch, Englisch und Mathe.

Vielen Lehrern ist VERA ein Dorn im Auge, denn diese Vergleichsarbeiten bedeuten Aufwand. Damit meine ich nicht, dass man aus seiner regulären Stoffprogression aussteigt und Zeit aufwenden muss, um für VERA zu üben - denn das ist nicht zielführend, ich werde das unten noch genauer erläutern. Es ist aufwendig, eine Doppelstunde zu blocken, denn diese Arbeiten haben eine Bearbeitungszeit von sechzig bis achtzig Minuten. Es ist aufwendig, die Arbeiten zu korrigieren - dabei sollen sie nicht korrigiert werden, sondern es werden ausschließlich Punkte gezählt. Das kann eine Weile dauern, wenn man da sechsundzwanzig Testhefte mit jeweils sechsundzwanzig Seiten Umfang zu liegen hat. Es ist aufwendig, die Ergebnisse in das Online-System einzutragen - jede einzelne Aufgabe jedes einzelnen Schülers, das dauert. Und die Arbeit darf noch nichtmal als Ersatzleistung für einen regulären Leistungsnachweis verwendet werden.

Ich verüble es niemandem, wenn er deswegen VERA nicht mag. Und versucht, sich darum zu drücken: Nicht alle VERAs sind verbindlich, Vieles ist freiwillig. So war VERA 6 Englisch freiwillig, und unter den sechs sechsten Klassen war ich die einzige Lehrkraft, die mitgemacht hat. Wie gesagt, ich nehme es niemandem krumm, dass er sich diesen Arbeitsaufwand nicht antun möchte. Aber es lohnt sich!

Am Ende der Auswertungsphase erhält jede teilnehmende Lehrkraft umfangreiche Ergebnisse in digitaler Form. Es werden eine Menge Fragen beantwortet:

Wie schneidet meine Klasse im Vergleich zu anderen Klassen ab?
Wie ist der "Notenspiegel" bei einer objektiv gestellten und korrigierten Testung?
Wie schneidet meine Klasse ab im Vergleich mit dem, was im ESA bzw. MSA erwartet wird?
Wo liegen Stärken und Schwächen bei den Sprachfertigkeiten?

Jede Frage wird im Klassenverband beantwortet und jeder Schüler kann eine Einzelrückmeldung erhalten. Die Frage ist, was man als Lehrer daraus macht. Und deswegen erzähle ich, was ich mit meiner Klasse in St.Peter-Ording gemacht habe.

Die Klasse hat den üblichen Dr Hilarius-Effekt gezeigt: Laissez faire-Haltung, weil der Lehrer ja so cool und gechillt ist. Konsequenterweise rauschten die Noten in den Keller, wo 6 is'. Und vielleicht kennt der eine oder andere Leser das ja auch: Man versucht, an die Vernunft der Schüler zu appellieren, sie müssen mehr tun, um ihre Abschlüsse zu schaffen - nichts hilft. Auch nicht die 5 im Zeugnis.

Dann war es Zeit für VERA, damals in Klasse 8. Ich habe die Ergebnisse mit der Klasse am Smartboard in aller Ruhe besprochen. Und die Kiddies haben in Farbe, grafisch schön dargestellt, gesehen, wo ihre Leistungen liegen. Und da sind einige Münder aufgeklappt. Ja, ihr Lieben, da links, die gestrichelte Linie, da liegt ihr. Das bedeutet, dass zwei Drittel von euch nach dem aktuellen Stand der Dinge nicht einmal den Hauptschulabschluss schaffen. Macht euch das einmal klar! Leute, es wird jetzt Zeit, zu handeln, noch könnt Ihr das Ruder herumreißen. Der Schulabschluss wird euch nicht einfach hinterhergeschmissen (das Abitur ausgenommen), und wenn ihr euch nicht am Riemen reißt, dann steht ihr nächsten Sommer ohne Abschluss da, scheiße, und dann könnt ihr euch nicht mehr die geilen Klamotten kaufen und Justin Bieber-Konzerte besuchen, weil ihr kein Geld dafür habt. Weil ihr nämlich keinen Ausbildungsplatz bekommt, weil ihr nicht einmal den Hauptschulabschluss gepackt habt. Leute, ich sag' euch das jetzt seit Monaten, kriegt den Arsch endlich hoch - und jetzt seht ihr das mal vor euch. Im Vergleich zu den ESA-Anforderungen müsst ihr noch eine Schippe drauflegen. Ich helf' euch dabei, aber ihr müsst, verdammte Scheiße, mitmachen, lasst euch nicht weiter hängen!

Das hat wirklich geholfen, das war ein Weckruf für die Klasse (die ich bis heute ins Herz geschlossen habe) und sie sind aus dem Leistungssumpf gekommen. Weil sie endlich mal den Vergleich gesehen haben. Nicht nur das, was Dr Hilarius ihnen immer wieder gesagt hat, pffff, der kann alles Mögliche sagen - diesmal gab es eine Normreferenz. Und gerade die Objektivität ist die auffälligste Eigenschaft von VERA, gerade daher sollte man sich genau an die Durchführungsanleitung halten und vor allem nicht für VERA mit den Schülern üben. Es geht um eine Lernstandserhebung, um den status quo, nicht um die Frage, wie gut die Schüler sich auf eine Arbeit vorbereiten können.

Aus diesem Grund mag ich Vergleichsarbeiten. In den USA finden seit langer Zeit die Standard Aptitude Tests (SAT) statt, und wenngleich ich vor einigen Jahren noch ein Feind von Vergleichsarbeiten war und VERA für reine Schikane des IQSH gehalten hatte, so habe ich auch hier meine Meinung geändert.

Donnerstag, 16. März 2017

Röm Pöm Pöm

Dieses Foto sollte in den Wörterbüchern unter dem Begriff feist erscheinen...

Okay, die große Buba wird eine Weile darauf gewartet haben, dass ein Beitrag mal diesen Titel bekommt, und würde Er das lesen, freute Er sich sicherlich ebenso darüber. Viel Anderes geistert mir im Moment einfach nicht durch den Kopf, wenn ich in die Nachrichten schaue. Und mal wieder Trump sehe.

Das amerikanische Selbstbräuneropfer mit den Pommeshaaren und dem Temperament einer fallenden Tomate (platzt bei der kleinsten Berührung) muss die nächste Niederlage hinnehmen. Und dabei kommentiere ich gerade nicht den "Ersatz" für Obamacare, den sie schon seit Langem angepriesen haben und der vollkommener Schwachsinn ist [grandios, was eine Bekannte gepostet hat - man nennt es DonaldTrumpCare, oder kurz DonTCare]. Man könnte sich zum Beispiel fragen, warum gerade die vermögenderen US-Bürger mehr von der neuen Gesundheitsreform profitieren sollen - Trump gibt sich als eine Art Robin Hood in reverse - nicht, dass wir jemals etwas Anderes erwartet hätten von einem Kabinett, in dem eine Vetsy the Boss, ich meine natürlich Betsy DeVos Bildungsministerin wird.

Würden Sie dieser Frau die Erziehung Ihrer Kinder anvertrauen? Würden Sie ihr überhaupt irgendwas anvertrauen?

Nein nein, hier geht es mir um den neuen Einreisestopp. Den Begriff muslim ban wollte Trump ja schon beim ersten Durchgang nicht gelten lassen, obwohl es definitiv genau das war. Und nun das Ganze noch einmal, diesmal allerdings mit sechs Staaten, aus denen die Einreise geblockt wird. Und ich habe gehofft und darauf gewartet, und in Hawaii ging es dann los: Erneut hat ein Gericht entschieden, dass dieser Erlass gegen die amerikanische Verfassung ist, und diverse Bundesgerichte haben sich dem Urteil umgehend angeschlossen.

Tja, Mr Loser of the Popular Vote, scheiße, wenn man nur den reichen Klüngel und eine mittlerweile reuige Bevölkerungsschicht hinter sich hat(te), hm? Natürlich, Mimose, die er nun mal ist, zeigt Trump sich beleidigt, all das schade dem amerikanischen Image (as if...) und natürlich werde er vor den obersten Gerichtshof ziehen. Bei so einem Kindergarten fällt mir nur Eines ein:

Hack. Bra. Tönn. Mitten in's Gesicht.

Röm Pöm Pöm.

Oder aber der Wunsch nach Impeachment, nach einem Amtsenthebungsverfahren, um diesen Irrweg der amerikanischen Demokratie möglichst bald und möglichst unkompliziert zu beenden, um einen Rest des Ansehens der Staaten noch zu retten. Zum Glück werden Politiker wie Elizabeth Warren, Bernie Sanders oder Chuck Schumer nicht müde, Opposition zu beziehen, und ich hoffe, sie lassen sich durch den politischen Wahnsinn aus dem Weißen Haus auch weiterhin nicht davon abbringen.

Es ist einer der seltenen Momente in meinem Leben, in denen ich eine leckere Marzipantorte opfern würde, um sie - anstatt sie zu essen - Mr Trump ins Gesicht zu klatschen, damit ich diesen orangenen Wahnsinn nicht mehr ertragen muss. Das macht Kindern doch Angst!

Speaking of which: Ich habe meiner sechsten Klasse gerade das present perfect beigebracht, Aussagen, Verneinungen, Fragen. Und sie geben sich Mühe, manche von ihnen kämpfen mit der Grammatik, aber das, was sie da auf dem Papier zustande bringen, ist immer noch wesentlich sinnvoller als die Äußerungen eines Donald Trump, eines Sean Spicer (Melissa McCarthy hat bis zu ihrem Lebensende ausgesorgt) oder einer Kellyanne Conway - ich frage mich immer noch, welche Drogen sie konsumiert, um in einer derartigen Parallelwelt zu leben.

Ich hoffe nur, dass der Einreisebann nicht auch bald Deutschland als "signifikant von Muslimen geprägtes Land" betrifft. Ich trage mich immer noch mit dem Gedanken, irgendwann den amerikanischen Freizeitpark Cedar Point zu erobern. Zur Not muss ich dann eben mein Adolf Hitler-Kostüm raussuchen, das dürfte "un-muslimisch" genug sein.

post scriptum (extra für die verrückte Buba, damit sie mal wieder brupst): WANN habe ich eigentlich den Übergang unserer Welt in ein Glitzereinhorn-Paralleluniversum verpasst??? Da betrete ich den Supermarkt meiner Wahl, Heimat der Scannerkassen, und finde auf den ersten Warenmetern nur Einhornartikel! Einhornschokolade, Einhornbackmischung, Einhornpralinen, Einhornkekse, Einhornlikör (natürlich Erdbeer, weil pink) - und nicht als Gag *eines* Herstellers, sondern von unterschiedlichsten Marken! Wann haben diese Donuts scheißenden, Regenbogen pupsenden Pferdeäpfelmaschinen unsere Realität erobert? Don't believe me? Hier sind die Glitzerpralinen:

Geschmack wird dann heute Abend mal getestet. Everything to get my mind off of Mr Trump's escapades...