Mittwoch, 15. März 2017
Lingua...olet?
Ich habe nach dreijähriger Pause heute zum ersten Mal wieder Latein unterrichten dürfen. Die sechsten Klassen haben heute und morgen Schnuppertage, an denen sie in 90-Minuten-Blöcken Probeunterricht im Wahlpflichtbereich erhalten: Latein, Spanisch, Technik und derer mehr. Das Mutterschiff hat mir tolle Materialien zur Verfügung gestellt für eine solche Probestunde und so habe ich mir eine Klasse vorgeknöpft. Ich hatte die leise Befürchtung, dass die Materialien nicht für eine Doppelstunde reichen, also habe ich noch Caius ist ein Dummkopf von Henry Winterfeld mitgenommen - ich habe den Roman bisher mit jedem meiner Lateinkurse gelesen und auch nach zig Jahren kommt er noch gut an.
Doch zu dem Buch sollten wir gar nicht mehr kommen, denn die Schüler waren Feuer und Flamme für das Entdecken lateinischer Ursprünge in unserer Sprache; ich habe nicht damit gerechnet, dass sie so viel Spaß daran haben! Großartige Voraussetzungen, und dann haben wir uns einen weiteren Spaß gemacht und unsere Namen "antiquiert", mit den Endungen -us und -a aufgemotzt und haben uns begrüßt. Klar, dass Schüler wie Magnus oder Felix in solchen Situationen einen großen Auftritt haben. Auch ein paar griechische Buchstaben haben wir uns angeschaut und ein Schüler konnte mir auch schon erklären: Am Anfang ist Alpha und am Ende Omega (natürlich Ommehga ausgesprochen, ich verzeihe das ausnahmsweise - Georg, nicht vor Schmerzen krümmen!).
Wir haben tatsächlich sehr viel geschafft in dieser Schnupperstunde. Der eine oder andere Schüler hat auch schon angekündigt Latein zu wählen, mal schauen, ob er das nach den anderen Fächern immer noch möchte. Ich hoffe es: Schließlich geht es hier quasi um meinen Fortbestand an der Gemeinschaftsschule Neumünster-Brachenfeld.
Es hat mir wirklich Spaß gemacht, für unser Fach zu werben. Ich hatte überlegt, ob ich es wohl aus dem Sinn verliere, wenn ich immer nur Englisch unterrichte, aber die Lust auf Latein ist immer noch da. Und ich fände es toll, wenn ich ein paar der Schüler ab Sommer in einem Lateinkurs begrüßen kann.
Vielleicht kommt damit sogar die Lust, das Fach Latein an unserer Schule generell zu stärken. Wie sagte Arnie? "I'll be back."
Ach so, und wer immer noch nicht die Überschrift des Beitrags hat einordnen können: Es war eine "Schnupper"stunde, und wenn die lingua nicht olet, dann gibt's da nix zu schnuppern.
post scriptum: Klar, die Buba "schduppert" ;-)
Dienstag, 14. März 2017
Ein epileptischer Anfall
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| Das Gewitter im Gehirn |
Vielleicht hat der eine oder andere Kollege schon mal Epileptiker unterrichtet und kennt sich daher mit den Umgangsweisen im Fall eines epileptischen Anfalls bei einem Schüler aus. Er kennt vielleicht die jeweils relevante Medizin und wie er sie zu applizieren hat. Aber wie fühlt sich so ein epileptischer Anfall an? Was passiert da mit dem Menschen, der sich plötzlich krampfend unberechenbar gebärdet? Bekommt er das alles mit? Kann er sich danach daran erinnern? Wie fühlt sich ein epileptiformer Anfall für einen Menschen an (ich benutze den etwas unhandlicheren Ausdruck, weil ich z.B. kein Epileptiker bin, aber zweimal einen Anfall hatte)?
Ich versuche mal, so gut es eben geht, mich zu erinnern. Und zwar nicht an jenen Fall, als ich meine beiden Mitbewohner in der Wohnung hatte und somit recht gut betreut war, sondern an eine Solonummer eines Nachmittags vor etwa einem Jahr. Ich weiß noch, wie ich mich an der Playstation verlustiert habe, Atelier Escha&Logy, ich war dabei, durch ein Dorf zu flanieren und nach Aufgaben und neuen Zutaten für meine alchemistischen Formeln zu suchen.
Irgendwann hatte ich das Gefühl, dass ich im Kreis gegangen war. Ich war mit den Gedanken vollkommen abgeschweift, glaubte ich - denn je mehr ich versuchte, mich an meine derzeitige Aufgabe zu erinnern, umso weniger gelang das. Und das war komisch - mir ist einfach nichts mehr eingefallen. Dann habe ich versucht, mich an den Tag und die Uhrzeit zu erinnern - nichts da. Wann hatte ich zuletzt auf die Uhr geschaut? Wo bin ich hier, was mache ich gerade?
Und passend dazu kamen dann Kopfschmerzen, als wolle jemand nicht, dass ich nachdenke. Und... warum stand der Couchtisch so schief da, der steht doch sonst immer parallel zur Couch? Und dann wurde mir übel und ich beschloss, mich aufs Bett zu legen, vielleicht hatte ich etwas Unrechtes gegessen.
Es hat lange gedauert, bis mir ein Licht aufgegangen ist - dass ich nämlich einen Krampfanfall hatte. Das Gehirn löscht umgehend jegliche Erinnerung daran, aber die Resultate lassen sich nicht immer verbergen: Ich muss mit Kraft gegen den Tisch getreten und ihn verschoben haben und mit aller Kraft auf meine eigene Zunge gebissen haben, denn beim Blick in den Spiegel war sie blauschwarz angelaufen. An den folgenden Tagen hatte ich ordentlichen Muskelkater in den Beinen und mein Unterkiefer tat weh, als hätte ich ihn zu stark belastet.
Das Unheimliche, Surreale war, dass ich mich wirklich an nichts erinnern konnte. Keine Ahnung, wie lange der Anfall gedauert hat, ich hab erstmal umhergeschaut, ob irgendwas beschädigt worden ist, zum Glück nicht. Auch dieses ungewisse Gefühl - irgendwas ist seltsam - macht das Ganze nicht gerade zu einer spaßigen Angelegenheit.
Ich bin sehr froh, dass das für mich Ausnahmeerlebnisse geblieben sind. Jetzt habe ich immerhin ein kleines Bewusstsein für Epileptiker - und bin froh in dem Bewusstsein, dass es mittlerweile Medikamente gibt, mit denen man die Anfälle sehr gut unter Kontrolle halten kann.
Manchmal bemerken wir gar nicht, wie gut es uns eigentlich geht.
Montag, 13. März 2017
Die Musiktheke
Der Beitrag heute: kurz. Während die Ärzte drüber rätseln, was sie nun mit meinem Finger anstellen sollen, fällt es mir schwer, an andere Dinge zu denken. Was mir hilft, um die Gedanken auf Touren zu bringen, ist Musik. Und so habe ich mir über die Jahre viel Musik aus diversen Genres zugelegt. Soooooooo viele Alben, die sooooooooo viel Platz brauchen! Dabei mache ich mir zur Zeit einen Spaß daraus, meine Medien auf so kleines Volumen zu bekommen, wie es irgend möglich ist.
Im Hinblick auf Musik bedeutet das: Alle Alben konvertieren zu MP3 - wobei ich mittlerweile FLAC besser finde - und auf USB-Sticks unterzubringen. So kann man nun auf dem Foto oben meine kleine Musiktheke sehen (Herr Leinhos wird vollkommen zu Recht monieren, dass da keine Theke zu sehen ist, denn er kann Griechisch). Ich finde es echt praktisch, je nach Stimmung den Stick mit der gewünschten Musik über das Heimkinosystem abzuspielen.
Ich finde das cool. Wenn ich all meine Sachen auf die eine oder andere Weise "minimieren" kann, dann hätte ich mehr Platz für Dekogegenstände - wobei auch CDs zur Dekoration dienen können. Ich erwähne mal wieder das Label meines Vertrauens, ultimae records, dessen Alben schlicht und elegant sind, so etwas stelle ich mir gern ins Regal.
Ich dachte immer, ich würde nur die Originalform der Medien mögen - aber langsam denke ich pragmatisch, wer weiß, vielleicht werden dann meine Bücherregale zu einem von diesen Geräten, mit denen man Bücher lesen kann.
Mehr Platz für Räucherstäbchen!
Sonntag, 12. März 2017
Sven, das StuPa und ich
Die große Buba entsorgt sich selbst. Genauer gesagt entsorgt sie Teile ihrer Vergangenheit, indem sie alte Fotos durchwühlt und ihren Bestand ein wenig entmüllt. Das tut ab und an gut, dann kann man auch mal den ganzen Menschenmüll loswerden, mit dem man sich damals so arrangiert hat. Und ja, ich weiß, welche Konnotationen der Begriff Menschenabfall besitzt. Schwenken wir also um zu einem dem Wetter angemesseneren Thema - jenem Foto, das diese Frau ("Ist nun mal so!") mir da gezeigt hat.
Man sieht: Dr Hilarius sitzt auf einem alten, vergammelten (vergabbelt, und sie platzt schon wieder. Ma-Ma!) grauen Sessel in einem kahlen, weißen Raum mit einem weißen Regal voller dicker, vernachlässigter Bücher. Auf seinem Schoß: Eine Kiste, beinhaltend ("Bein-haltend", wie sich alte Saturnalier erinnern mögen) einen Stoffhund. Sieht aus, als wolle er ihn gleich abknutschen. Kein Wunder: Es handelt sich hierbei um Sven Rausch, einen Hund mit einer ganz speziellen Bedeutung, die mittlerweile elfeinhalb Jahre auf dem Buckel hat. Dieses Foto löst sintflutartige Erinnerungsniederschläge aus, an eine Zeit, in der ich noch nicht Dr Hilarius war.
In der ich zu große, schlabberige Pullover getragen habe. In der ich Socken in Sandalen getragen habe, das ganze Jahr hindurch. In der ich meine Kopftuch-Zeit noch gar nicht so lang hinter mir gelassen hatte. In der ich auf Konfrontation mit JR gegangen war und noch nicht wusste, dass er mein Studium begleiten würde. In der ich die Bühne kennenlernte.
Wir brauchten Sven Rausch für eine Theateraufführung. Und das alles nur, weil im Sommer 2006... ach, whatever... jedenfalls war Sven Rausch, das Original, nicht bei jener Theateraufführung, also haben wir das Plüschtier an seiner Statt ins Publikum gesetzt.
Es war die Zeit, in der ich mehr durch Zufall im Studierendenparlament gelandet bin - ich wollte das gar nicht. Ingo wollte mich nur für die Fachschaftsliste HSG (FaLi) aufstellen, um ein paar Stimmen mehr zu sammeln, weil ein paar Studenten mich wohl kannten. Am Ende hat es dazu gereicht, dass ich einen der fünf FaLi-Sitze im Parlament erreicht hatte, dabei wollte ich das gar nicht. Hab es dann aber gemacht.
Und die FaLi sollte nach Möglichkeit in jedem der drei studentischen Ausschüsse vertreten sein, und ich hab gesagt, ich mach das, wenn ich dann nix tun muss. Also wollten sie mich für den Rechtsausschuss aufstellen. Weil aber eine FaLi-Kommilitonin nicht aufgepasst hat, hat sie mich für den Haushaltsausschuss (HHA) nominiert, der monatlich tagt und über die Gelder der Studierendenschaft mitzuverfügen hat. Da sollte ich also rein, dabei wollte ich das gar nicht. Hab es dann aber gemacht.
Und Beides hat mich sehr stark geprägt, weil ich endlich mal studentische Mitbestimmung erlebt habe. Etwas Reiferes als die Fachschaftsvertreterkonferenz (FVK). Etwas weniger leeres Gerede, etwas mehr handfeste Politik. Das hat dazu geführt, dass ich im Folgejahr wieder für die FaLi angetreten bin, diesmal wollte ich das. Und bin wieder gewählt worden, und auch wieder in den HHA, diesmal als Vorsitzender. Und das war echt verdammt spannend, weil ich gelernt habe, wie die Universität hinter den Kulissen aussieht, und weil ich die Gelegenheit bekommen habe, einige Verantwortung zu übernehmen.
Ich habe das Ganze dann auch noch ein drittes Jahr mit denselben Funktionen weitergeführt. Zu jeder Zeit war ich also StuPa-Abgeordneter, Vorsitzender des HHA, Vorsitzender der Fachschaft Klassische Philologie, Mitglied der Saturnaliengruppe und wissenschaftliche Hilfskraft am Institut für Klassische Altertumskunde. Eine Menge Ehrenämter und Nebentätigkeiten, die mich mein eigentliches Studium in den Hintergrund haben rücken lassen, und so summierten sich dann die Semester... aber ich bereue nichts davon. Auch nicht, dass es mich mittlerweile vielleicht die Chance auf eine Planstelle direkt nach dem Referendariat gekostet hat.
Was dagegen nicht stimmt, ist der Rat, den ich so oft bekommen habe: "Mach' ein Ehrenamt, das macht sich später gut im Lebenslauf." Es interessiert kein Schwein, was ich da so gemacht habe, und noch weniger hat es irgendeine Auswirkung auf meine Jobchancen. Das ist sehr schade, denn es führt dazu, dass weniger Menschen ein Ehrenamt übernehmen, sondern sich stattdessen lieber auf das Erreichen ihrer Karrieresschritte konzentrieren, und ich kann es ihnen nicht verdenken. Doch wie oben beschrieben: Es hat mich geprägt und ich würde es jederzeit wieder tun, wenn ich vor die Wahl gestellt würde. Die wichtigsten Dinge im Leben lassen sich eben nicht mit materiellem Wert ausdrücken.
Dabei fällt mir auf, dass "Sven" im Titel dieses Beitrags wohl zweideutig verstanden werden könnte, zum einen als der besagte Sven Rausch-Stoffhund, zum anderen aber ein Kommilitone aus der FVK (und StuPa, wenn ich mich recht entsinne), der jetzt vielleicht gerade diesen Artikel liest und sich an einige interessante hochschulpolitische Momente erinnert.
True, true, Dr Hilarius, we've come quite a long way... these were some of your most formative years and look how much you've grown up (as if!). And you're not finished. You're never finished, you've got quite a way ahead of you. Enjoy the journey!
Freitag, 10. März 2017
Die Flut
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| Er wusste schon lange, dass Die Flut kommt - und das Bild stammt aus dem Manager-Magazin... |
DAVOR
Sie wussten schon längst, dass sie kommt. Hätten wir auf sie gehört, hätten wir auf sie geachtet, wir hätten uns vorbereiten können. Sahen wir nicht, wie sie durch die Schule gingen, all' jene Schüler mit ihren Jeans, deren Hosenbeine brav über den Knöchel hochgekrempelt waren? Knalleng, um die übermäßig fetten oder übermäßig durchtrainierten Oberschenkel zu betonen? Dazwischen ist uncool, höchstens noch übermäßig dürr, Tschonnie wiegt mit seinen zwei Metern fünfzehn gerade mal siebenundsechzig Kilo und hält sich für zu fett, der Mathelehrer hat ihnen jüngst das Phänomen des BMI erklärt, das große Menschen zu Fettsüchtigen werden lässt.
Hoch die Hosen, denn sie wird kommen. Her mit den zahnpastaweißen Fußknöcheln, deren Strahlen in der drohenden Naturkatastrophe vielleicht Leuchtfeuer der Hoffnung sein werden auf der Suche nach Überlebenden dessen, was da naht. Finden sie das sexy? Wirkt das attraktiv auf die jeweilige Zielgruppe? Oder wissen sie, die nahende Flut für ihre Zwecke zu nutzen, indem sie ihre Füße reinigend umspülen lassen wollen?
Nichts hält sie davon ab, diese Mode zu tragen. Kein noch so verächtlicher Blick ihres Englischlehrers, kein noch so bissiger Kommentar, denn die derzeitige jugendliche Damengeneration findet das oberaffentittengeil. Verzeihung, heute sagt man fresh oder sowas. Was ist das für 1e Jugend vong Sprech her?!!!!!1111111elfdrölf
Auch Dr Hilarius wappnet sich für die Flut. Es wird alles weggeräumt, was zerstört werden könnte - erst jetzt wird ihm das Ausmaß der Umweltkatastrophe bewusst, die er durch tagelanges Nachdenken ausgelöst hat. Das Badreich war vorgestern: Hier regiert das verschimmelte (verschibbelt, denkt sich die große Buba) Brot auf einem Thron aus eingebrannter Milch, umgeben von einem Burggraben aus Tee und Tomatensoße. Und es regiert unerschütterlich: Dr Hilarius stößt mit aller Macht seiner arma auf die Gefilde des Grauens ein, doch es bricht nicht die Kruste des Todes, sondern lediglich die Spitze des Messers, mit dem er sich bewaffnet hatte.
Sollte die Flut also für ihn etwas Positives haben? Etwas Reinigendes, nachgerade eine Katharsis in diesem Dickicht der Nachlässigkeit? Er erwartet es zumindest, er hofft auf ein reinigendes Gewitter.
Und dann kommt die Flut.
Wie aus Kübeln regnet es gelbliche Tropfen aus Scheuermilch, die sich zu einer tod- und sauberkeitbringenden Suppe aus Essensresten vermischen. Schäumende, zischende Wellen erreichen die Gestade derer zu Herdplatte, es spritzt, es wabert, Schwung um Schwung rollen die Wassermassen donnernd herein, tosende Heerscharen des Fürsten der Finsternis!
Er gebietet über die reinigenden Schauer, nach seinem Willen ergießt sich die widerliche Brühe über die Weiten der Verdammnis, keine Stelle bleibt unbefleckt, doch er zeigt sich unerbittlich: Nicht nur lässt er die antiseptischen Wogen die Nahrung versprechenden Platten der heimischen Hestia umspülen, er greift zur Waffe seiner Wahl: Der Spülschwamm - und an dieser Stelle bricht die Überlieferung ab, da die folgenden Szenen in ihrer Grausamkeit niemandem zuzumuten sind... die Flut des Jahrtausends bricht herein und es sollte nichts mehr so sein, wie es war...
DANACH
Nichts war mehr so wie vorher. Berge von verkrusteten Ablagerungen abgetragen. Strände von Teestaub weggespült.
Nur die große Buba nach wie vor ein kekseatmender Fels in der Brandung. Und das Mutterschiff treibt weiterhin orientierungslos-passiv-plärrend durch die Fluten und sammelt Seenotleidende ein, die sie dann von ihrem kleinen Rettungsboot vollkotzen lässt (sorry, dieses Kopfkino schon wieder!). Und Herr Leinhos lässt sich in seiner beeindruckend unbeirrbaren Gemütsruhe von so ein paar Wassermassen nicht von seinem Tagesplan abbringen. Und Er biegt sein wogengebogenes Rückgrat wieder in eine aufrechte Position - irgendwann wird Er diese Fluten auch völlig unbeeindruckt überstehen.
Weitere Geschichten: Im Auge des Sturms, Die Zimtsterne (der Katastrophenthriller!!!), Schnellkasse 2 - Die Kontrollwaage schlägt zurück, Der Wanderer - eine Schauermär, Expeditionen ins Badreich, Adler, Töwe, Muschi, Hirsch
post scriptum: Ach herrje, ich habe gerade "Die Zimtsterne" gelesen und mich totgelacht. Was ist das nur für ein krankes Gehirn??? Endlich ist der Herd mal wieder sauber...
Donnerstag, 9. März 2017
Frau Reichelt
| Das ist Frau Reichelt definitiv nicht, denn sie hört nie genervt zu, sondern authentisch interessiert. |
Fallstudie Frau Reichelt. Den Namen habe ich - wie immer - selbstverständlich eventuell geändert. Diesmal aber wirklich! Vielleicht gibt es Frau Reichelt auch gar nicht. Vielleicht erzähle ich von mir - wen kümmert das schon. Und vielleicht liest Frau Reichelt, die vermutlich gar nicht so heißt, jetzt gerade diesen Artikel und erkennt sich mit einem leisen Lächeln wieder. Das weiß niemand... in der Twilight Zone.
Frau Reichelt ist faszinierend. Wobei, da geht das schon los: Wenn man weiß, woher das Wort faszinierend kommt, wenn man es vielleicht nicht vom lateinischen Verb fascinare, sondern vom lateinischen Substantiv fascinum ableitet (wobei das fascinum sicherlich eine Menge Menschen schon immer fascinabat), dann bekommt es einen recht anrüchigen Beigeschmack, Frau Reichelt faszinierend zu finden. Ja ja, schaut jetzt mal alle das Wort fascinum, -i n. nach! Herr Leinhos weiß natürlich, was fascinum bedeutet. Lady Mutterschiff auch. Und die Buba spült, oder auch nicht, sie ist krank. Nicht im Kopf.
...man merkt, ich bin dieser Tage voll von Gedanken und brauche meine kleine Insel hier im dritten Stock, wo ich ganz allein alles ordnen kann...
Frau Reichelts große Stärke ist das Zuhören. Wenn man sich zu ihr setzt, dann weiß man, dass man einen richtigen Gesprächspartner hat. Man kann mit ihr über alles reden und sie hat nicht nur ein offenes Ohr, sie ist nicht nur Gedankenabladeplatz, sondern sie hört wirklich hin. Sie zieht Informationen aus dem, was ihr Gesprächspartner sagt, und bastelt sich ein Portrait im Geist, damit sie weiß, mit wem sie da spricht.
Frau Reichelt nimmt ihren Gesprächstpartner erstmal ernst, und zwar immer. Nie gibt sie ihm das Gefühl "Jaja, red' du mal, ich glaub' dir kein Wort". Sie hört sich das alles an, sie nimmt das alles auf, und dadurch entsteht für den Gesprächspartner ein Gefühl von Offenheit. Dass man so sein darf, wie man ist, und dass man mit ihr über alle Probleme reden kann. Auch Probleme, wo mancher Mensch sagt "Ach komm, das geht uns doch allen so, lass Dich nicht so hängen" - nett gemeint, aber nicht zielführend - Frau Reichelt ist wie eine Psychologin: Sie hört zu, sie nimmt ernst.
Frau Reichelt nimmt sich Zeit. Sie müsste eigentlich etwas Anderes machen, sie muss eigentlich gleich in den Unterricht, aber den Moment nimmt sie sich noch, denn sie hat es erkannt: Unsere wertvollste Sache, die wir jemandem geben können, ist unsere Zeit, und Frau Reichelt wiegelt nie ab "Nein, jetzt nicht, ich möchte nicht mit Dir reden".
Das hat Konsequenzen - Frau Reichelt kommt mal zu spät in den Unterricht, oder oft, oder immer, und manche finden das echt ätzend. Denn als Lehrer hat man Pünktlichkeit vorzuleben, denken sie. Und am Ende der Stunde geht es in die große Pause, aber Frau Reichelt hat eigentlich keine Pause. Sie geht in dieses und jenes Gespräch. Sie hat keinen Leerlauf in ihrem Schulalltag - Zeit für sich selbst kann Frau Reichelt sich nur außerhalb des Schulgeländes und außerhalb der Arbeitszeit nehmen.
Dann fährt Frau Reichelt nach Tansania. Dann kommt sie mal raus, dann erweitert sie ihren Horizont. Sie will mehr von der Welt sehen, sie möchte niemals Scheuklappen an den Augen haben. Denn ihre Umsicht, ihre Weitsicht, all' das trägt dazu bei, dass man so gern mit Frau Reichelt spricht. Man redet wirklich gern mit ihr. Man bekommt Verständnis, Denkimpulse, neue Sichtweisen - und das trifft nicht nur auf die Lehrer zu.
Denn natürlich ist Frau Reichelt bei den Schülern auch beliebt. Die Schüler fühlen sich von ihr ernstgenommen, nicht bevormundet oder verhöhnt. Sie gibt ihren Schülern das Gefühl, auf Augenhöhe kommunizieren zu können - was daran liegt, dass sie tatsächlich nur auf Augenhöhe kommuniziert. Sie lässt sich von niemandem gängeln und schaut nie auf Andere herab. Viele Schüler sehen in Frau Reichelt eine Vertrauenslehrerin und nicht selten die einzige Person, die sie zu verstehen scheint. Sie vertrauen ihr alles an.
Mit ihrer wunderbaren Art hat Frau Reichelt Zugang zu den "schwierigsten" Schülern (ich nenne sie "spannend"). Leistungsverweigerer, Mobber, Rowdys: Frau Reichelt kriegt sie alle, was an ihrer Grundhaltung liegt, herrührend aus der Humanistischen Pädagogik: Jeder Mensch ist an sich gut. Nur mit dem Verhalten eckt er vielleicht an, aber Verhalten hat Gründe. Es gibt keine "bösen" Menschen. Es gibt keine "bösen" Schüler. Ich frage mich, ob Frau Reichelt Gestaltpädagogik kennt.
Jedenfalls habe ich großen Respekt vor Frau Reichelt, die mir ihr positives Menschenbild vorlebt, und ich versuche, mir daraus Denkimpulse mitzunehmen. Ich freue mich jedesmal, wenn ich Frau Reichelt von meinen Problemen erzählen kann, ich bin immer wieder gespannt auf ihre Sichtweise der Dinge. Ich finde, jede Schule sollte eine Frau Reichelt haben.
Dann stellt auch keiner mehr die Frage: "Was ist ein guter Lehrer?"
post scriptum: Wer weitere Menschen kennenlernen möchte, findet hier Hänschen und Kläuschen.
Mittwoch, 8. März 2017
S-Bahn-Fahrt (HB-Style)
| Das ist in einem ICE, nicht in der S-Bahn, aber ich habe leider nicht das Foto gefunden, was hier eigentlich hingepasst hätte. |
Berlin. Nein, genauer: Potsdam Hauptbahnhof. Das ist nicht Berlin. Das liegt in Tarifbereich C, "Bahnhöfe im Berliner Umland". Ich stehe am Bahnsteig und freue mich, denn ein purer Genuss beginnt: Eine Fahrt mit der S-Bahn, aber es muss perfekt sein, denn was jetzt folgt, hat Methode.
Ich hätte auch am Bahnhof Schöneberg einsteigen können, der ist viel näher an der Wohnung meiner Tante, in der ich für meine Berlinreisen unterkommen durfte. Aber eine S-Bahn-Fahrt ist wie ein Ritual. Ich fange ganz am Anfang an, an der Endhaltestelle. Ich bin der Erste, der den Zug betritt, er wirkt noch leer, richtig jungfräulich. Nur so kann ich den idealen Sitzplatz für mich finden, und der ist immens wichtig, denn für die kommenden knapp zwei Stunden ist das mein Meditationsplatz.
Ich steige ganz vorn ein. Ich sitze in der S-Bahn gern vorne, weil ich es aufregend finde, mit hoher Geschwindigkeit in einen S-Bahnhof einzufahren und verschiedenste Menschenmengen zu beobachten, an denen ich vorbeirase. Nach und nach kann ich einzelne wartende Reisegäste besser erkennen, während die Bahn bremst und schließlich stoppt. Ich steige nicht hinten ein. Ich steige nie hinten ein, wenn ich eine Fahrt genießen will.
Ich brauche einen Vierersitz - im Gegensatz zu den Zweiersitzen - damit ich mich nicht eingeengt fühle. Es darf gern voll werden, das macht nichts, es geht um das Prinzip Offenheit. Viel Platz haben, während man fährt, das fasziniert mich. Ich könnte mir vorstellen, eine Wohnung zu haben, die wie eine S-Bahn durch die Stadt fährt. So wird es nie langweilig.
Ich sitze in Fahrtrichtung. Ich möchte gern sehen, was kommt, oder vielmehr: Ich muss sehen, was kommt. Ich mag es nicht, plötzlich in einen Tunnel einzufahren. Ich mag es nicht, plötzlich in einen Bahnhof einzufahren. Ich möchte in Fahrtrichtung sitzen, damit ich weiß: Aha, da vorne kommt der Bahnhof Babelsberg, einen kleinen Moment noch und dann kann ich wieder das Vorbeirauschen an all den Menschen genießen. Das gibt mir also Sicherheit - ich mag es nicht, wenn Zukünftiges unsicher ist, sozusagen in der Schwebe, ich brauche Garantien, auf die ich mich stützen kann. Und der Platz gibt mir nicht nur Sicherheit, sondern auch die Vorfreude - ah, da vorne kommt die Stelle, wo sie letztens die Gleise umschwenken mussten, um die Brücken neu zu bauen - wie das jetzt wohl ausieht?
Ich sitze links. Die meisten S-Bahnhöfe Berlins sind sogenannte Inselbahnhöfe, deren Bahnsteig zwischen den Gleisen liegt. Und weil ich all' die Menschen am Bahnsteig sehen möchte, weil ich an ihnen vorbeirauschen möchte, weil ich mir ausmalen möchte, was sie wohl heute zum Frühstück gegessen haben oder wohin sie wohl fahren wollen. Säße ich rechts, das käme einer Flucht gleich: Ich fliehe vor den Menschen, raus in die Natur. Und ich hätte dann kein leeres Gleis (der Gegenrichtung) neben mir. Das leere Gleis links neben mir, wenn ich ganz vorne links sitze, ist wie eine Aorta. Der Puls der Stadt.
Ich sitze am Fenster, denn ich möchte eine sichere "Wand" neben mir haben. Ich möchte mich an das Fenster lehnen, wenn ich hinausschaue und meditativ über all meinen Denkstoff sinniere. Und natürlich möchte ich so nah wie möglich an all den wartenden Menschen vorbeirauschen, das gibt mir ein zusätzliches Gefühl von Geschwindigkeit. Die Wand ist sozusagen meine Fluchtmöglichkeit: Gleichzeitig möchte ich unter Menschen sein, aber vor ihnen sicher.
Wenn ich diesen idealen Sitzplatz bekomme, dann kann mir nichts mehr meine Stimmung vermiesen. Dann weiß ich: Die nächsten zwei Stunden kann ich sicher und in aller Ruhe genießen. Wenn aber jemand Anderes auf dem Platz sitzt, steige ich nicht ein. Lieber warte ich zwanzig Minuten auf die nächste Bahn nach Oranienburg, als mich mit einem Alternativplatz zufriedenzugeben. Dann kann ich es auch gleich lassen. Das Erlebnis steht und fällt also mit der Situation am Startbahnhof.
Und dann entfaltet sich die Fahrt wie ein Aufklappbuch, wie einem Roman folge ich dem Gleis der Linie S1. Natürlich kenne ich alle Haltestellen der Linie auswendig. Und zu den meisten Bahnhöfen fällt mir eine Anekdote ein, die ich im Kopf jeweils vorfreudig durchgehe.
Ah, gleich kommt die Haltestelle Zehlendorf, da ist immer sehr viel los. Da wird es richtig voll werden, weil der einzige Zugang zum Bahnsteig am Kopfende des Bahnhofs ist, da wird es drängelig, ich klemme meinen Rucksack schonmal zwischen die Beine.
Bahnhof Yorckstraße, jetzt wird es spannend, denn es ist der vorerst letzte oberirdische Bahnhof der Linie: Die S1 taucht ab in den Nord-Süd-Tunnel und wir fahren eine Weile unteriridisch weiter. Und dann diese spannenden Namen! Anhalter Bahnhof hatte für mich immer was Mystisches, und ich dachte, es geht hier wirklich um Anhalter. Oh, und das Feuer in dem Bahnhof, das Jahr, in dem man nur langsam und ohne Halt durch den Geisterbahnhof durchfahren musste!
Gleich kommt der verkehrstechnische Höhepunkt der Linie, Berlin Friedrichstraße. Ich fange gar nicht erst an zu schildern, was dieser Bahnhof in meinem Kopf auslöst, seien es nun Trittbrettfahrer, Berliner Mauer, Konzertsäle - die Gedankenzüge laufen auf Hochtouren, und an diesem Bahnsteig ist immer sehr viel los. Wie gut, dass ich ganz vorne links am Fenster sitze, da ist Platz für meine Beine und ich kann alle Menschen vorbeirauschen sehen und schätzen, wie viele wohl auf dem Bahnsteig sind. Und kann weitere Berechnungen im Kopf anstellen.
Haltestelle Nordbahnhof, wie aufregend! Ich weiß, dass es danach wieder an die Erdoberfläche geht, und weil ich ja ganz vorne links sitze, kann ich aus dem Fenster schauen, na, ist da schon ein Lichtschein zu sehen? Ja! Und ich genieße das Auftauchen der S-Bahn, als handele es sich um Ambrosia.
OKAY, CUT!
Ich merke gerade, wie die Ideen mit mir durchgehen. Dieser Artikel könnte ellenlang so weitergehen, aber das will doch keiner lesen! Daran muss ich mich immer wieder erinnern - und fahre stillschweigend mit einem entspannten Lächeln auf dem Gesicht stundenlang durch und rund um die Metropole, und es wird mir nie langweilig und ich bin vollkommen glücklich.
Mit der U-Bahn hat es noch etwas Anderes auf sich, aber das hebe ich mir für die Zukunft auf. Das war doch jetzt mal richtig hochbegabt-nerdig, oder? Und es ist das erste Mal, dass ich das so öffentlich schreibe. Ich habe mich - ungelogen - immer ein bisschen dafür geschämt, dass mir das gefällt. Das konnte kaum jemand verstehen, und deswegen dachte ich, das ist unnormal. Und hab' es für mich behalten.
Daher: Hochbegabung braucht Offenheit und Aufklärung!
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