Mittwoch, 1. Februar 2017
Keep your fingers crossed!
Das ist eine englische Redewendung, die in etwa dem deutschen "Daumen drücken!" entspricht. In der Hinsicht hatte ich zuletzt keine Probleme: Nachdem ich in der Wohnung gestürzt war und mir einen Finger ausgerenkt? gebrochen? ausgekugelt? hatte, konnte ich die Finger meiner linken Hand kreuzen, ohne sie in eine besondere Stellung bringen zu müssen. Das wäre nicht unbedingt ein Problem gewesen, wenn ich damit direkt zum Arzt gegangen wäre.
Aber nein, ich bin ja hochbegabt. Ich denke mir "Ach, das bekommst du auch selbst wieder eingerenkt, damit musst du nicht zum Arzt." - gesagt, getan, direkt nach dem Sturz hin und her gebogen und erstmal ab ins Bett, passt schon. Am Tag darauf ist der Finger dann so stark angeschwollen, dass ich nicht erkennen kann, ob er noch krumm oder gerade ist. Naja, dann lasse ich das erstmal abschwellen. Dauert etwa eine Woche, nach der ich einsehen muss, dass der Finger alles Andere als gerade ist. Nützt nichts, ich muss zum Arzt, aber da ist mein Kopf im Weg.
Ich brauche mehrere Tage Meditation, um mich überhaupt davon zu überzeugen, endlich zum Arzt zu gehen, und dann muss ich gegen die Angst gegenan kämpfen. Erst drei Wochen nach dem Unfall klappt es dann endlich mal. Und dann muss ich auf einen Termin beim Facharzt warten, in der Zwischenzeit laufe ich als unterhaltsames Fingerding durch die Gegend.
Wenn ich jemandem erzähle, dass ich die Hochbegabung manchmal als geistige Behinderung erlebe und dann folgende Antwort bekomme: "Hör auf, das kannst du doch nicht einfach sagen, das stimmt doch überhaupt nicht!" - dann könnte ich KOTZEN!!! Und nun habe ich eine weitere Anekdote, um meine Wahrnehmung zu untermauern, aber es wird nichts nützen. Ich werde weiter Unverständnis kultivieren und Misstrauen bei Menschen erzeugen, die meinen, sie wüssten es besser als ich. Das macht mich traurig und wütend, aber ich kann einfach nur weiter gegenan aufklären.
Und wenn ich schon mal beim Thema Denkblockade bin: Diese kleinen Nervereien, Finger, Schule, whatever, sorgen dafür, dass ich die Umsicht einschränke, und merke: Ich habe meinen Stromzähler zu spät abgelesen (weil ich nicht daran gedacht habe), der Verbrauch wird also geschätzt werden, ich habe eine Rechnung zu spät bezahlt (weil ich nicht daran gedacht habe), all solche Dinge können ins Geld gehen. Und mir dann abzureden, dass solche durch die Hochbegabung ausgelösten Denkblockaden Behinderungen seien, empfinde ich als wenig rücksichtsvoll und minimal einfühlsam. Dann fühle ich mich nicht ernst genommen. Aber wahrscheinlich muss ich vor den misstrauischen Menschen erstmal zusammenbrechen, bevor sie mir das glauben - weil ich einen Kreislaufkollaps habe, weil ich vergessen habe, etwas zu trinken.
"Du kannst das doch nicht einfach als Behinderung bezeichnen, das geht doch nicht!"
Erzählt das meiner Bank und meinen Ärzten!
post scriptum: And keep your fingers crossed, dass dann irgendwann bei der Handchirurgin das Ganze wieder einigermaßen gerichtet werden kann ;-) Es bleibt einem nichts Anderes übrig, als das mit Humor zu nehmen; vielleicht geht das anderen Hochbegabten auch so.
Dienstag, 31. Januar 2017
Gespräch mit Bruder
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| Es reicht, wenn Dr Hilarius (mit den Armen oben) in der Achterbahn schnell unterwegs ist... |
Eigentlich hätte dieser Beitrag auch Einhundertundzehn v2.0 oder Entschleunigung v2.0 heißen können. Hat nämlich wieder was mit der Geschwindigkeit zu tun.
Aber zuallererst mit meiner Sturheit: Ich nehme keine Tipps von anderen Menschen an. Ich höre sie mir gern an, aber setze nichts um, von dessen Wirksamkeit ich mich nicht selbst überzeugt hätte. "Die Platte ist heiß!" - jaja, und trotzdem fasse ich drauf. "Den Film musst du unbedingt sehen!" - jaja, und ich kenne ihn bis heute noch nicht. "Du solltest mal dies und das im Unterricht machen!" - jaja, ich bleib' bei lehrerzentriertem Frontalunterricht. Es kommt selten vor, dass ich einen Denkimpuls von irgendjemandem nicht nur umsetze, sondern vielleicht sogar in meinen Alltag integriere. Denn ich sage mir "Wenn ich möchte, dass etwas gut gemacht wird, mache ich es am liebsten selbst", und so tappe ich natürlich auch erstmal in alle verfügbaren Fallen, bevor ich gangbare Wege gehe.
Und so fuhr ich kurz nach Weihnachten im Auto meines Bruders zurück nach Kiel, während Familienwagen Nr.2 auf die Werkstatt und TÜV-Begutachtung wartete. Und unter anderem haben wir uns auch darüber unterhalten, welche Fahrweise auf der Autobahn wohl sinnvoll ist. Ich fahre viel zu oft zu schnell. Denn ich denke schnell, ich bin drei Schritte weiter, ich fahre schnell, blablabla, der geneigte Leser kennt diesen Sermon bereits. Und ich kann noch so oft schreiben, wie gut mir Entschleunigung tun würde, das heißt nicht, dass ich es umsetze.
Mein Bruder hat da die Ruhe weg, die Gelassenheit von seinem Vater geerbt, und erzählt mir, dass er auf der Autobahn nicht schneller als mit hundert Sachen fährt. Bitte was? Ich mein', da sind immerhin hundertzwanzig erlaubt (A210). Und auf der A215/A7 darf man auch schneller fahren, ich hab' morgens eh' keine Zeit zum Trödeln. Nein, er fährt Strich hundert und macht es mir vor: Be the change you wish to see in the world. Und dann habe ich mir vorgenommen, dass ich es zumindest einmal ausprobiere: Eine Tankfüllung lang ausschließlich hundert fahren.
Das ist mir am Anfang echt schwergefallen... aber dann kamen sie, nach und nach, die positiven Effekte:
- der Tank reicht für etwa sechzig Kilometer mehr
- mein Blutdruck bleibt unten und ich entspannt
- die Anderen können alle gern überholen
- ich brauche nicht länger als mit der anderen Fahrweise
Ist das geil! Zu erleben, wie es mal die anderen Autofahrer sind, die alle gehetzt überholen, drängeln, whatever, und selbst vollkommen seelenruhig die Strecke abzuklappern. Toll. Das behalte ich jetzt erstmal eine Weile bei.
Und so habe ich einen Denkimpuls übernommen. Danke, Bruder!
Montag, 30. Januar 2017
Was haben Straßenbahnen mit Freizeitparks zu tun?
So auf den ersten Blick vielleicht nichts. Oder vielleicht denkt der geneigte Leser sich, nun ja, Straßenbahnen fahren auf Schienen, Achterbahnen tun das auch, vielleicht war die Straßenbahn ein Vorläufer für moderne Achterbahnen.
Wer das denkt, sollte allerdings nach Russland schauen; dort gab es schon verhältnismäßig früh Schnee- und Eisrutschen, bei denen man auf einen "Berg" (oder auch mal einen Turm) stieg und dann hinabrutschte. Eine Menge Spaß! Und ein Beweis dafür, dass es sich hierbei um einen spirituellen Vorläufer der Achterbahnen handelt, findet sich in der spanischen Bezeichnung für "Achterbahn" wieder: montanya rusa, russischer Berg. Ganz interessant in diesem Zusammenhang: Ausgerechnet in Russland nennt man diese Bahnen amerikanskiye gorki - amerikanische Berge. Doch zurück zur Straßenbahn.
Wir befinden uns knapp vor Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts in Amerika; wie so Vieles haben wir uns auch die Vergnügungsparkwelle dort abgeschaut, wenngleich sie in Deutschland erst mit dem zweiten Goldenen Zeitalter der Freizeitparks in den Siebzigern begann. Das erste goldene Zeitalter fand in den Staaten in den Goldenen Zwanzigern statt. Freizeitparks gab es da bereits seit über dreißig Jahren. Und die Straßenbahn hat den Grundstein dafür gelegt.
Trolleys (so der amerikanische Begriff für Straßenbahnen) waren absolut unverzichtbar, wenn man sich kein Auto leisten konnte und einigermaßen bequem von den Vororten der großen Städte, wo man wohnte, zur Arbeit in die Stadt kommen wollte. Tatsächlich verdienten die Trolley companies den Großteil ihrer Einnahmen durch Fahrgäste aus der working class. Wer so weit folgen konnte, wird sich fragen, was am Sabbat, am Sonntag war: An freien Tagen hatte so gut wie niemand einen Grund, die Straßenbahn zu benutzen, und so mussten trotz reduziertem Fahrplan kaum besetzte Bahnen Verluste einfahren.
Ein geniale Überlegung war es, einen Anreiz zu schaffen, warum man am Sonntag unbedingt mit der Straßenbahn unterwegs sein sollte. Dass der Sonntag von den meisten Menschen zum Abschalten genutzt wurde, um ein bisschen Zeit mit der Familie zu verbringen, überrascht niemanden. Also dachten sich die Bahnunternehmen, dass es gut wäre, einen Ort für Freizeit und Entspannung zu erschaffen, für den die Familien mit ihren Bahnen fahren mussten.
Aus diesem Grund bauten sie an manch einem line terminus - Endhaltestelle - kleine Freizeitparks, die als Trolley Parks große Popularität erlangen sollten. Hier könnten Familien im Grünen entspannen, Spiele spielen oder mit Karussells fahren. Hier kamen einige der ersten Holzachterbahnen Amerikas zu großem Ruhm - es störte auch keinen, wenn sie damals noch sehr ruppig waren. Es sollte an "Tortur" für den Körper noch nichts gegen das sein, was in den Zwanzigern anstand.
Die amerikanischen Trolley Parks sind also direkte Vorläufer der modernen Freizeitparks und eine Idee der Straßenbahngesellschaften. Und da hätten wir den Link, der ausnahmsweise mal nichts mit den Schienen zu tun hat, auf denen beide Fahrzeuge unterwegs sind.
Achterbahnen waren in den USA sehr populär. Man kann sich das heute nicht mehr so gut vorstellen, gerade in Deutschland ist es schwer, sich in die Golden Twenties hineinzuversetzen (übrigens ein Grund, warum The Great Gatsby so berühmt geworden ist: Dieses Buch fängt den damaligen Zeitgeist sehr authentisch ein).
Achterbahnen waren so revolutionär, versprachen so viel Spaß und einfach ein ungewohntes Erlebnis, das wollte jeder einmal ausprobieren, sofern er den Mut aufbringen konnte, sich in eines der hölzernen Ungeheuer zu setzen. Mut war nötig, und das nutzten die Betreiber von Achterbahnen aus: Sie appellierten an die Angst der Gäste, an die Chance, den eigenen Mut zu testen, und das nicht nur mit großen Worten: Es war nicht unüblich, dass eine Krankenschwester im Bahnhof der Achterbahn bereitstand, um eventuelle Übelkeit oder Blessuren zu verarzten.
Ja, Blessuren - noch so viele Verletzungen haben niemanden davon abgehalten, Achterbahnen wie z.B. Harry Travers Terrible Triplets zu fahren, eine besonders brutale Kreation eines Freizeitpark-Pioniers.
Was nun also Harry Traver mit Achterbahnen und Krankenschwestern zu tun hatte, und warum so viele Achterbahnen den Namen Cyclone trugen, darum soll es ein anderes Mal gehen.
Sonntag, 29. Januar 2017
Feel the Bern!
Feel the burn!
Im Englischen wird diese durchaus positive Redewendung benutzt, wenn man zum Beispiel im Training ist, Bodybuilding, und eine anstrengende Trainingssession hatte. Fühl' es brennen, fühl' den Schmerz! Als Beweis dafür, dass man etwas erreicht hat. In den vergangenen vierundzwanzig Monaten hat die homophone Variante mit dem Wort Bern eine ganz neue Bedeutung erhalten, die mich langsam, aber sicher begeistert. Leider erst nach der US-Wahl, und so geht es auch vielen Amerikanern. Das ist zwar schade, denn die Rede ist von Bernie Sanders, einem Senator des amerikanischen Bundesstaates Vermont, der zur Wahl des demokratischen Kandidaten angetreten ist und den weitaus erbittertsten Kampf geführt hat, aber er schließt sein Antreten in Zanzigzwanzig nicht aus. Und das freut mich, denn seine Popularität ist gewaltig und steigt weiter an. Woran liegt das? Ich habe von Sanders zuvor nie etwas gehört und fange erst jetzt an, mich mit diesem Menschen auseinanderzusetzen. Und ich frage mich, warum nicht noch viel mehr Menschen für ihn gestimmt haben. Aber wenn uns die US-Wahl Eines gezeigt hat, dann, dass die Popularität allein keinen Präsidenten macht.
Sanders ist besonders bei den jungen Menschen sehr beliebt. Ist es, dass seine politischen Ideen auf die Zukunft junger Menschen angelegt sind? Ist es die Art, wie er spricht? Laut, deutlich, mit Inbrunst und gezielt, als wolle er sein Gegenüber vernichten? Oder ist es vielleicht die Art, wie er Lügen und Bigotterie schonungslos aufdeckt? Ich könnte ihm stundenlang zuhören.
Als Lehrer hat mich natürlich die Anhörung der zukünftigen Bildungsministerin Betsy DeVos interessiert, und was Bernie ihr zu sagen hat. Einfach mal hineinschauen, gute Unterhaltung! Und bei dieser Gelegenheit auch gern das weibliche Bernie-Pendant anschauen, Senatorin Elizabeth Warren, ebenfalls voller Inbrunst, ebenfalls als Revolutionärin, ebenfalls unglaublich beliebt bei der Bevölkerung (zumindest der, die nicht zu den oberen Zehntausend gehört). Ich wünschte, manch ein junger, aufstrebender Politiker schaute sich Einiges von den beiden ab, um später genau so mitreißend zu sprechen und zu handeln.
Immerhin während meiner Zeit als Mitglied des Kieler Studierendenparlament habe ich den einen oder anderen Studierenden erlebt, der ebenfalls charismatisch gesprochen hat. Vollkommen zurecht wurde eine von ihnen in einem Jahr zur Präsidentin des Parlaments gewählt.
Ich wünschte, das Gros der amerikanischen Bevölkerung ließe sich nicht so leicht von Trump für dumm verkaufen. Aber dazu braucht es Intelligenz, einen breiten Wissens- und Erfahrungshorizont, Aufgeschlossenheit für andere Meinungen. Und das ist anstrengend.
Mit leerem Kopf nickt es sich leichter.
Samstag, 28. Januar 2017
Das Misstrauen
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| Was ist es, das wir im jeweils Anderen sehen? Was lässt uns entscheiden, ob wir ein Vertrauen oder eine Distanz aufbauen? |
Langsam wird es spürbar, greifbar, nicht mehr nur wie ein Nebel im Kollegium, sondern teilweise wie eine Wand, die ich nicht sehen, nicht greifen kann, aber ich spüre, dass sie da ist und fühle, dass ich die Menschen dahinter nicht mehr erreichen kann. Hier eine gerunzelte Stirn, da ein abfälliger Blick, dort eine abgewandte Körperhaltung. Ich kann noch so viel gegenan lächeln: Das wird nichts. Und es kommt mir so bekannt vor - I've been down that road a million times...
Okay, ich versuche immer wieder, mich in den Anderen hineinzuversetzen. Das klappt auch recht gut, ich bekomme den neuen Blickwinkel, ich erhalte die Außensicht von Dr Hilarius. Was ich allerdings bisher nicht gut fühlen kann, ist die Verschlossenheit mancher Menschen. Das fällt mir ernsthaft schwer. Denn bis dahin kann ich die Situation verstehen:
Da kommt ein Mensch, den kenne ich nicht. Er ist groß, er trägt schwarz, und zwar komische Klamotten, und komischen Schmuck. Er sieht aus wie so ein Punk. Muss ich nichts mit zu tun haben (hier geht das mit der Verschlossenheit los) und versuche ihm aus dem Weg zu gehen. Gibt ja genügend Platz hier, dass man sich nicht so oft begegnet. Man, das nervt, nur weil der neu ist, reden die momentan über ihn. Und was gefällt den Schülern daran? Der soll Unterricht machen und sich nicht mit ihnen verbünden. Was höre ich? Der soll eigentlich ganz nett sein, sagt ein Kollege? Ne lass mal, muss ich nicht haben (es passt so wohl besser in das Schubladenmodell, glaube ich) - jetzt lackiert der sich noch die Fingernägel, und sitzt bei einer Versammlung da und löst Rätsel, der scheint sich echt für was Besseres zu halten. Ach ja, ich vergaß, er ist ja hochbegabt, ich kann den nicht leiden. Der soll mal erstmal sein Referendariat machen, dann merkt er, dass das hier der falsche Beruf für ihn ist.
Und es gibt auch noch ein anderes Narrativ - Er würde das wiedererkennen (irgendwann zeige ich Ihm diesen Text mal), denn Er hat das live miterlebt und es hat Ihn echt verletzt, darauf werde ich dann danach eingehen:
Wer ist denn dieser Hilarius, von dem Er jetzt dauernd erzählt? Kenn ich nicht, hab ich noch nie gesehen, Er fährt ja auch immer zu ihm hin und bringt ihn nicht einmal mit oder so. Komischer Mensch. Warum will Er immer etwas mit ihm zusammen machen? Bah, dieser Hilarius macht sich bestimmt an Ihn ran, Er sollte sich echt in Acht nehmen, ich kenn' solche Typen. Warum fährt Er denn jetzt schon wieder zu ihm? Ich will gar nicht wissen, was die zusammen machen! Zu spät, jetzt hat Er mir davon erzählt, Hilarius ist bestimmt so ein kranker Typ. Ob wir mal was zusammen machen wollen, fragt Er mich jetzt, ne lass mal, mir ist der Typ suspekt. Er sollte lieber auf mich, seinen "besten Freund" hören, da wird nix Gutes bei rauskommen. Oh nein, jetzt fragt Hilarius mich auch noch, ob ich Lust hab', bei einer kleinen Überraschung für Ihn mitzumachen? Was für ein Scheiß soll das sein? Ich erzähl Ihm besser mal gleich davon, dann kann Er ihm absagen. Ich will mit dem nichts zu tun haben.
Und das hat "Er" eben alles miterlebt, und es hat Ihn wirklich verletzt. Nicht nur, weil Er dachte, dass jener hier Beschriebene Sein bester Freund war (weil sie einfach WG-bedingt viel Zeit und viele Erlebnisse zusammen hatten), sondern weil Er Dr Hilarius wirklich mochte. Wirklich sehr, und es hat Ihn verletzt, wie jener "beste Freund" in seiner Verschlossenheit Hilarius immer wieder kleingemacht hat und ihm ausgewichen ist. Er konnte das nicht verstehen. Dieses Misstrauen. Und wenn es nur seitens seines besten Freundes gewesen wäre, wäre das eine Sache. Aber es ist Ihm überall begegnet: Seitens Seiner Eltern, Seiner Freundin, Seiner Kumpels, und das hat Ihn verstört, verletzt, verunsichert, es hat Ihn schweigsam gemacht.
Er stand vor einer Entscheidung: Würde Er Hilarius einfach abschieben? Dann müsste Er sich endlich nicht mehr dem Misstrauens-Dauerfeuer stellen, sondern könnte Sein Leben in der bisherigen Form weiter genießen. Dazu kam ja auch, dass Dr Hilarius mit Ihm nicht gerade zimperlich umgegangen ist. Er hat Ihm mehr als nur einen Spiegel vorgehalten und ihn ordentlich zurechtgewiesen.
Er hat sich entschieden. Und das habe ich nie verstehen können: Er hat sich entschlossen, zu schweigen, um das Misstrauen Seiner Freunde nicht weiter ertragen zu müssen, aber bis heute hat Er zu mir gehalten. Das hat mich verwirrt, warum sollte Er das tun? Das mit dem Misstrauen und der Abkehr wäre ein für Ihn viel einfacherer Weg gewesen, so machen es Viele. Mittlerweils habe ich eine mögliche Erklärung.
Die Menschen, die mir nicht (mehr) mit Misstrauen begegnen, sind wenige, und ich freue mich über jeden Einzelnen. In der Schule sind es noch weniger, aber das braucht Zeit, das bekomme ich immer wieder zu hören. "Gib' den Menschen Zeit und Gelegenheit, dich besser kennenzulernen, damit sie merken, dass ihre Vorannahmen falsch sind. Versuch' nicht, ihre Verdächtigungen mit ungewöhnlichem Verhalten zu untermauern. Sei geduldig."
Das fällt mir schwer. Aber es klappt dank der Menschen, die mich dabei unterstützen. Vielleicht wird das Misstrauen dann irgendwann verschwunden sein.
post scriptum: Meine Ma rät mir öfters, mich dann beim ersten Kontakt - auch wenn es unangenehm ist und schwerfällt - mich etwas anzupassen, damit die Menschen nicht gleich ablehnend auf mich reagieren. Ich verstehe den Ratschlag. Ich versuche dann, ihr zu erklären, dass ich mich etwa zweiundzwanzig Jahre lang an die Erwartungen meiner Mitmenschen anzupassen versucht habe - und dass ich dabei draufzahle. Dass ich mich nicht wohlfühle. Und früher oder später müssen die Menschen eh' erfahren, dass mit mir "etwas nicht stimmt". Deswegen habe ich vor ein paar Jahren beschlossen, offen und konfrontativ damit umzugehen. Auch wenn es eine Distanz zu den Menschen aufbaut: Wenigstens fühle ich mich in meiner eigenen Haut wieder wohl und kann mir selbst treu bleiben. Wie sagte Thekla einst?
"Bleib', wie du bist. Die Menschen werden immer versuchen, an dir herumzufeilen, lass' sie ruhig. Sie dürfen aber nichts abschlagen!"
Freitag, 27. Januar 2017
Die Kommentarfunktion
Humanistische Pädagogik war das Eine meiner beiden Prüfungsthemen im Pädagogikexamen. Das andere lautete Soziale Netzwerke als Mittel zur Konstruktion von Identität, oder so ähnlich. Ich fand das sehr spannend, weil auch ich mich selbst ausprobiert habe und Profile von mir erstellt habe, im StudiVZ, bei Facebook oder auf den blauen Seiten.
Was macht man da so? Nun, der Eine oder die Andere lädt dort Bilder von sich hoch, oder Videos, oder teilt Inhalte mit Anderen. Nach dem Motto "Wow, das musst du dir anschauen, ganz toll!" - und man schaut und kommentiert dann. Ja, das war wirklich ganz toll - oder eben nicht. Manche Menschen kommentieren alles. Sie bringen zu jeder Sache ihre Meinung. Der 0815-Internetuser bringt seine Meinung nur, wenn provokante Bilder oder Thesen gezeigt werden.
Ja, das ist schon spannend, was die Leute so alles zu sagen haben, wenn zum Beispiel Marcus Pretzell von der AfD zum Anschlag auf dem Weihnachtsmarkt sagt "Es sind Merkels Tote!" Also, er hat es nicht gesagt, er hat es getwittert. Macht es nicht besser: Diesen Tweet kann man, wie alles Andere auch, kommentieren. Ist doch super, so kann man endlich der Neuen Rechten das Maul stopfen.
Dachte ich einst.
Damals habe ich Kommentare gelesen. Und ich habe gemerkt, dass mir das nicht gut tut: In den Kommentaren zeigt sich ein Gesicht von Deutschland, das mich anwidert. Da werden rechte Parolen gepostet, ausländerfeindliche Sprüche, homophobe Hetze. Das ist richtig beliebt! Denn in der Anonymität des Internets wird man "ja wohl mal seine Meinung sagen dürfen." Man muss niemandem Rede und Antwort stehen, einfach einen menschenverachtenden Kommentar in die Tasten kloppen, fertig.
Ich dachte damals, das wäre ein Einzelfall. Aber beim Anschauen weiterer Inhalte stieß ich auf mehr Einzelfälle... und noch mehr... bis ich dann irgendwann wütend, schockiert, ängstlich und traurig dagesessen habe und kurz davor war, den Glauben an das Gute im Menschen zu verlieren. Und das hochbegabte Gehirn kocht innerhalb weniger Sekunden auf hundertachtzig hoch und lässt sich dann nicht mehr so leicht beruhigen.
"Wir sind ja so eine aufgeschlossene Gesellschaft." - Nein.
"Ich habe nichts gegen Schwule, aber..." - Nein.
"Ich bin kein Nazi, nur weil..." - Nein.
Ich lese mittlerweile keine Kommentare mehr. Ich bin im Internet unterwegs, um mir die Inhalte anzuschauen und mir meine eigene Meinung zu bilden. Und endlich verfalle ich auch nicht mehr der Versuchung, doch noch einmal die Kommentare zu durchstöbern, weil ich endlich eingesehen habe, dass es mir nichts bringt. Dass ich nur wieder wütend werde.
Die einzigen Kommentare, die ich immer wieder gern lese, sind jene zu den Inhalten, die ich selbst gepostet habe. Und da dürfen auch gern die Hater loslegen. Und ich find's gut, dass Heiko Maas, unser derzeitiger Justizminister, versucht, konsequent dagegen vorzugehen.
Donnerstag, 26. Januar 2017
Unterrichtsversuch, pt.2: Das Gutachten
Gestern habe ich hier meine Hausarbeit aus dem Referendariat gepostet. Der Vollständigkeit halber soll nun das Gutachten von Herrn Kruse, meinem damaligen Studienleiter, folgen. Das macht vielleicht dem einen oder anderen Referendar etwas Mut, der sich nicht sicher ist, ob er einen waghalsigen Unterrichtsversuch unternehmen soll.
Dazu muss gesagt sein, dass Herr Kruse ein großartiger Studienleiter war, der mit einem etwas anderen als dem üblichen IQSH-Auge auf die auszubildenden Lehrkräfte und deren Unterrricht geschaut hat. Er war eine der vier Personen, die mich in meinem eigenen Ref damals dazu gebracht haben, bis zum Ende durchzuhalten und nicht einfach alles hinzuschmeißen. Warum spreche ich in der Vergangenheit? Nicht nur, weil meine eigene Ausbildung zum Glück abgeschlossen ist (auch wenn einige meiner Kollegen sich das nicht vorstellen können - wirke ich doch auf sie wie ein Nulltsemester ohne jegliche pädagogische Erfahrung und Ahnung), sondern auch, weil Herr Kruse nun einen anderen Posten angetreten hat: Er ist Schulleiter der Friedrich-Paulsen-Schule in Niebüll - ein Karrieresprung, von dem die ganze Schule profitiert haben wird, denn da sitzt jemand mit einem Auge für den Menschen.
Nun denn, was hatte also jener Herr Kruse zu diesem vollkommen versemmelten Unterrichtsversuch zu sagen? Voll für die Tonne konnte die ganze Nummer dann ja doch nicht gewesen sein, sonst würde Cai Christophel, IQSH-Leiter für die Schulart Gymnasium, nicht am Examenstag angefragt haben, ob man die Hausarbeit im IQSH ausstellen dürfe. Daran hatte ich allerdings kein Interesse; jener Laden für "Qualitätssicherung" an schleswig-holsteiner Schulen hat so intensiv an mir herumzudoktern versucht, um aus mir einen "guten Lehrer" zu machen, dass ich keine Lust darauf hatte, dass die Hausarbeit womöglich noch als Ergebnis der "hervorragenden" Ausbildung des IQSH dargestellt würde. Nein danke. Stattdessen möchte ich sie lieber den Lesern dieses Blogs zur Verfügung stellen, zusammen mit dem nun folgenden Gutachten.
"Dr Hilarius leitet seinen Unterrichtsversuch aus der pädagogischen Praxis, genauer gesagt aus seinen Hospitationen ab. Er beobachtet aufmerksam die lehrerzentrierten Stunden eines Kollegen seiner Schule und nimmt zwei Defizite wahr, die er auf die zu hohe Lehrersteuerung zurückführt: Der Kollege arbeite kaum themenorientiert und übergebe seinen Schülern in den Stunden keine Verantwortung für den eigenen Lernprozess. Bezüglich der Themenorientierung ist festzuhalten, dass diese auch in lehrerzentriertem Unterricht erreicht werden kann und muss. Da dieser Aspekt für die weitere Arbeit aber keine Rolle spielt, wirkt sich die fälschlich postulierte kausale Verknüpfung von fehlender Sinnorientierung und Lehrerzentrierung nicht weiter negativ aus. Stattdessen macht Dr Hilarius den Aspekt der Verantwortung für den Lernprozess zu seinem Thema und das gelingt ihm sehr überzeugend.
Es wird argumentiert, dass Schüler der neunten Klasse (unter G-8 Bedingungen) vor dem Eintritt in die Oberstufe auf die stetig wachsende Übernahme der Verantwortung für ihren Lernprozess vorzubereiten seien. Dr Hilarius sieht darin einen wichtigen Beitrag zur Persönlichkeitsentwicklung der Schüler und möchte ermöglichen, dass die Schüler in stärkerem Maße ihr eigenes "Potential selbst entdecken können" (S. 3). Diesen Effekt möchte er durch die radikalste Form von materialgestütztem offenen Unterricht erzielen, der Freiarbeit. Auch der Lerngegenstand, die Einführung in den Konjunktiv im Hauptsatz, ist radikal: Bisher ist es Konsens in der fachdidaktischen Literatur, dass sich die Einfürung neuer Grammatik nicht für offenen Unterricht eignet. Diese Setzung möchte der junge Kollege hinterfragen und tut dies mit einem Grammatikum, das an Komplexität kaum zu überbieten ist. Die Übergabe der Verantwortung für den Lernprozess wird gewissenmaßen einem "Härtetest" unterzogen. Am Ende wird zu evaluieren sein, ob das Vorgehen lernwirksamer als in lehrerzentriertem Unterricht ist (L 1). Außerdem will der Verfasser prüfen, ob die Schüler die Herausforderung an die eigene Selbstkompetenz gebührend nutzen.
Dr Hilarius stützt seine Arbeit auf sehr wenig Sekundärliteratur. Das wirkt sich aus zwei Gründen aber nicht negativ auf die Qualität der Darstellung aus. Einmal ist das Thema aufgrund seiner Radikalität sehr innovativ und bietet somit wenig adäquate fachdidaktische Literatur. Dass Dr Hilarius nicht auf allgemeine pädagogische Literatur oder fachdidaktische Arbeit verwandter Fächer zur vertieften Problematisierung seines Vorgehens zurückgreift, ist unwesentlich, weil sich der fachdidaktisch-pädagogische Blick des jungen Kollegen im Verlauf der Arbeit als außerordentlich sensibel und scharf erweist.
Fraglich bleibt bis in die Reflektion hinein die Wahl der Freiarbeit. Während dem Gutachter einleuchtet, dass dem Thema der Arbeit die Radikalität der Freiarbeit zuträglich ist, so ist doch zu bezweifeln, dass man bei einer Grammatikeinführung die Festlegung eines Pflichtpensums "vermeiden" (S. 10) kann. Leider erkennt Dr Hilarius diese Fehleinschätzung auch im Resümee nicht (vgl. S. 16), weil der Wunsch, größtmögliche Freiheit einzuräumen, den Blick für diesen inneren Widerspruch verstellt. Die ursprüngliche Idee der Planarbeit wäre sicher das passendere Instrument gewesen.
Sehr erfreulich hingegen ist der fachkompetente Umgang mit dem Thema Konjunktiv im Hauptsatz. Dr Hilarius erkennt genau, worauf es bei dem Thema ankommt, und kann in der Reflexion zeigen, dass er seine Fehleinschätzungen bezüglich der Anforderungen nach der Durchführung klar erkennt und geeignete Wege zur Optimierung findet.
Die Konzeption der Reihe ist klug durchdacht und genügt hohen Ansprüchen. Sie ist auch gut auf die Lerngruppe abgestimmt und geeignet, am Ende der Reihe den Unterrichtsversuch angemessen zu evaluieren. Die gesamte Arbeit ist von großer gedanklicher Klarheit geprägt. Dr Hilarius hat seine Fragestellung stets vor Augen und gibt wichtige Eindrücke aus den Freiarbeitsstunden wieder. Die Darstellung der Höhen und Tiefen des Versuchs wirkt uneingeschränkt realistisch. Die Evaluationsinstrumente greifen eindrucksvoll ineinander und werden in ihrer Aussagekraft nicht überstrapaziert. Die Leitfragen werden überzeugend und differenziert beantwortet.
Der Höhepunkt der Arbeit ist zweifelsohne das Resümee. Besonders der vortrefflich-schonungslose Blick für die Schwächen der Arbeit ist beeindruckend. Für jedes Defizit kann der Verfasser auch überzeugend aufzeigen, wie die Reihe für einen zweiten Durchgang verändert werden müsste. Dr Hilarius exemplifiziert somit Unterrichtsentwicklung auf sehr hohem Niveau.
Fazit
Dr Hilarius traut sich zu, einen radikalen Versuch zu unternehmen. Die Neigung zur reformpädagogischen Arbeit nach Montessori und das Ringen um selbstkompetente Schüler sind die Triebfedern des Ansatzes, der reiche fachdidaktische und fachmethodische Früchte trägt. Besonders beeindruckend ist, dass die Begeisterung für die Arbeit in offenen Formen nicht den Blick für die Erfordernisse des Faches verstellt. Die Arbeit ist somit trotz einiger Monita noch sehr gut.
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Danke, Herr Kruse!
post scriptum: Ich habe mittlerweile gemerkt, dass ich in lehrerzentriertem Unterricht viel besser arbeiten kann - wenn die Schüler das mitmachen. In der Regel klappt das.
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