Freitag, 8. Juli 2016

Klasse 5


Ich habe immer ein bisschen Unbehagen, wenn ich daran denke, dass ich irgendwann eine fünfte Klasse unterrichten soll. Nein, das ist untertrieben - das ist für mich der absolute Horror. Das war schon vor ein paar Jahren so und ist immer noch so. Und warum?

Ich habe Angst, dass ich den Anforderungen nicht gerecht werden kann. Meine Tafelbilder sind improvisiert, ich achte nicht auf saubere Heftführung. Meine Unterrichtssprache ist locker - an der Umgangssprache der Schüler orientiert.

Ich mache mir Sorgen, dass ich den Kindern wichtige Werte nicht beibringen kann. Nur weil ich viele Dinge im Kopf erledigen kann und keine sauberen Aufzeichnungen brauche, heißt das nicht, dass jeder das kann. Ich befürchte, dass sich die Kinder sich von meinem Verhalten Vieles abgucken, was eher "ungünstig" ist.

Und die Kinder sind so grabschig. Gehen auf Tuchfühlung, hängen am Rockzipfel. Und das ist ja auch vollkommen okay, sie sind eben noch Kinder! Aber ich mag diese körperliche Nähe nicht so.

Und dann wäre da noch meine allgegenwärtige Angst, dass ich keinen altersstufengemäßen Umgang mit den Kindern habe.

Bah, das ist gerade nichts Halbes und nichts Ganzes. Merkt man, oder? Dass in meinem Kopf gerade ganz andere Dinge wichtig sind? Dass ich hier nur nen halbgaren Kommentar zur eventuellen kommenden Unterrichtsverteilung hinklatsche.

Naja. Wird alles schon bald wieder ganz klar werden. Und: Stimmung ist positiv!

Donnerstag, 7. Juli 2016

Identität - Die Geschichte von Timo und Julian (part 7)


Sollte hier etwa endgültig Funkstille herrschen? Nein, das nicht, aber ich merke doch, dass jetzt mit der neuen Arbeit Tage auftauchen, an denen ich den Kopf für den Blog nicht frei bekomme. Und auch, wenn eine gute Freundin mich unlängst als "hochfunktionalen Soziopathen" bezeichnet hat, habe ich ihr direkt widersprochen: "hochfunktional" bin ich nicht, der Eindruck täuscht. Nun also endlich ein weiterer Teil der Story um die zwei Jungs auf der Suche nach sich selbst.



Disclaimer: Diese Geschichte ist Fiktion. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen und Ereignissen sind rein zufällig und nicht vom Autor beabsichtigt. Das wäre ja sonst ein roman à clef, und zu solchen literarischen Kunststückchen ist der Autor sicher nicht fähig.

Dieser Abschnitt der Geschichte enthält explizite Darstellungen von Drogenkonsum sowie seinen Auswirkungen und/oder Szenen körperlicher Nähe. Wer an solchen Bildern Anstoß nimmt, möge dieses Kapitel bitte überspringen. Darüber hinaus möchte der Autor immer zu einem verantwortungsbewussten Konsum psychoaktiver Substanzen mahnen: Das ist der sicherste Weg zur Drogenmündigkeit, dem Gegenstück zur Abhängigkeit.

Identität – die Geschichte von Timo und Julian



part 7

…und ich möchte gerade gar nicht, dass das aufhört… und Timo… er genießt das bestimmt auch grad richtig… ich hoffe, es ist für ihn okay, dass ich grad so gar nix sag… Wahnsinn, ich fühle mich so wohl, so warm von innen, so klasse, und all der Stress ist weg… die Wiese ist so kuschelig und ich hätte gerade dermaßen Bock auf…

„Na, fühlst du dich wohl?“
„Aber hallo, wow Timo, was hast du da mitgebracht?“
„Ich war mir ziemlich sicher, dass es dir gefallen würde. Ich hab niemanden erlebt, der nen Opioidturn beim ersten Mal nicht super findet.“
„Lass uns unbedingt noch hier liegen bleiben, ich will das grad richtig genießen.“
„Hey klar, wir haben noch reichlich Zeit, wir sollen erst um 18 Uhr bei Cory sein, bis dahin chillen wir hier.“
„So machen wir das.“
Ich rückte unauffällig ein Stück näher zu ihm, so dass unsere Hände sich leicht berührten. Ich kannte dieses Drogengefühl schon und genoss es aus vollen Zügen, gleichzeitig fühlte ich mich so entspannt und enthemmt. Ich war mir sicher, dass es ihm auch so ging, und ich schaute zu ihm rüber. Ich fand es so schön, dass wir ungestört waren, ich war entspannt, all die Aufregung war nun abgefallen. Ich wollte einfach nur mit ihm hier liegen, ohne irgendwelche Ängste oder Sorgen oder Zwänge. Ich strahlte ihn an. Ju schaute zu mir und strahlte zurück. Er hatte Mühe, seine Augen richtig offen zu halten.
„Mh, Timo, das ist so geil…“
„Oh ja… ich finds schön, dass wir heute hier sind.“
„Ich find es auch schön, und die Entscheidung werde ich nicht bereuen.“
„Ich hoffe, es ist okay, wenn ich dich gerade die ganze Zeit angaffe.“
„Ist doch vollkommen okay, warum sollte ich damit ein Problem haben.“
„Ich finde einfach, dass du echt einen schönen Körper hast.“
Wow, das müssen die Drogen sein.
„Sorry“, schob ich schnell hinterher.
„Wieso denn, ist doch alles in Ordnung. Das kannst du doch ruhig sagen.“
„Naja, aber dann denkst du, ich will was von dir oder so, whatever…“
„Ach was, mach dir mal keine Gedanken darum. Außerdem, wer hört nicht gerne, dass er einen hübschen Körper hat?“
„Bist du denn mit ihm zufrieden?“ Das Gespräch kam in Gang, die Opioide taten ihren Dienst. Julian schien sich nicht im Geringsten davon gestört zu fühlen, im Gegenteil, wir genossen den Moment in vollen Zügen.
„Ja, eigentlich schon. Naja, am Bauch ist noch zuviel Fett, das muss noch weg, aber dazu ess ich einfach zu gerne.“
„Hallo? Wo bist du denn da zu fett?“
Julian hob den Kopf und schaute an sich herunter. „Naja, willst du mal anfassen?“
„Darf ich?“
„Warum nicht… schaut doch keiner zu… mach einfach.“
Ich entschied mich dafür, in dieser Stimmung einfach mit dem Flow zu gehen, und legte meine linke Hand auf seinen Bauch. Dabei zog er sein Shirt ein Stück nach oben, damit wir besser schauen konnten. Ich fühlte die kleinen Härchen auf seiner leicht gebräunten Haut und in dem Moment war es mir vollkommen egal, ob er zu fett war oder zu dünn, sein BMI interessierte mich überhaupt nicht und seine Frisur war vollkommen vergessen, und gedankenverloren streichelte ich ein bisschen hin und her… bis mich meine Gedanken wieder einholten und ich zügig die Hand zurückzog, und in möglichst neutralem Ton hinterher schob: „Ach, Schwachsinn, stell dich nicht so an. Ich finde, du siehst gut aus.“ Ich drehte mich wieder zurück, wir lagen beide auf dem Rücken und schauten durch das Blätterdach in den strahlend blauen Himmel. War das gerade echt? Ich wüsste so gern, was in seinem Kopf vor sich geht, dachte ich damals – wie ich es auch danach noch häufig denken sollte.
Nun, da die Zungen endlich gelöst waren, wollte ich wissen, was mit ihm los war. Ich wollte wissen, wie die Geschichte mit seiner letzten Freundin gelaufen war. Ich wollte für ihn da sein und ihm zeigen, dass ich in einer solchen Situation ein guter Freund sein kann. Ich wollte so sehr, dass er mich mochte. Was war da los? Hatte ich mich etwa… nein, das kann gar nicht… ablenken!
„Ju?“
„Ja?“
„Möchtest du von ihr erzählen?“
„Von Thea?“
„Ist das ihr Name?“
„Ach ja, ist er. War er. Ist aber egal, ich versuch das einfach alles hinter mich zu bringen, gibt auch noch mehr Frauen auf dieser Welt und irgendwo ist bestimmt die Richtige dabei.“
Das saß. Ich atmete etwas zu lautstark aus.
„Timo? Alles okay?“
„Ist alles in Ordnung, ich finds nur schade, dass dich das so sehr getroffen hat… ich hoffe, Cory und ich können dich heute ein wenig ablenken.“
„Ich fühl mich jetzt schon gut abgelenkt, ehrlich gesagt.“ Und er drehte seinen Kopf zu mir rüber: „Danke, Timo.“ Und wir lächelten uns kurz an. „Und Heroin ist also so ähnlich wie das jetzt? Dann kann ich verstehen, warum so viele Menschen davon abhängig sind.“
„Ja, es ist noch intensiver, unmittelbarer und so, aber im Wesentlichen kann man das vergleichen. Keine Angst, ich pass auf dich auf.“
„Ich wusste gar nicht, dass es Drogen mit so einer schönen Wirkung gibt. Ich kenn nur Alk, das ist zum Abschießen ja okay, aber auf die Nachwirkungen könnte ich verzichten, und das Kiffen damals hat irgendwie überhaupt nichts bewirkt. Und so was hier, ich finde, das kann man hin und wieder mal machen.“
„Das ist auch einer der Hauptgründe, warum ich so gut wie keinen Alkohol mehr trinke. Das Gefühl ist mir einfach zu räudig.“
„Hast du denn sonst noch mit anderen Drogen Erfahrungen?“
„Hm, sagen wir mal so, ich hab ein paar Sachen ausprobiert, aber nicht so viele verschiedene Substanzklassen. Ich kenn noch ein paar Opiate mehr, hab diverse Beruhigungsmittel mal ausprobiert, das hat mich aber so gar nicht gereizt.“
„Hattest du schon mal einen Trip?“
„Jep, nicht klassisch mit einem Halluzinogen, sondern mit einem Dissoziativum. Dauert zu lang, das zu erklären, jedenfalls hat mir das gut gefallen, weil ich dadurch viel über mich selbst gelernt habe.“
Und das war nicht gelogen. Ich hatte gelernt, mein Verhalten öfters mal von außen zu sehen, ich habe ein Bewusstsein bekommen dafür, dass meine Gedanken und Taten nicht immer die ideale Lösung sind. Und die Trips halfen mir, das Gedankenchaos in meinem Kopf zu beseitigen, weil ich wie bei Meditationen lange, ruhige Nachdenkphasen dabei hatte. All das erläuterte ich Julian. Wir schwiegen einen Moment, als wir bemerkten, dass ein älteres Ehepaar langsam an unserem Platz vorbei flanierte.
„Timo, das klingt jetzt vielleicht ein bisschen verrückt, aber das würde mich auch mal interessieren.“
„Psychedelische Substanzen? Du möchtest mal auf einen Trip gehen?“
„Naja, ich hab ein bisschen Angst, dass ich kleben bleibe, ich hab darüber schon Einiges gelesen. Und ich würds nicht allein machen.“
„Nein, ist besser, wenn man einen Begleiter oder Tripsitter hat, gerade wenn man selbst noch unerfahren ist.“
„Würdest du das machen? Mit mir mal auf einen Trip gehen?“
Ich blickte wieder zu ihm rüber. Das wurde ja immer besser. Als er es bemerkte, wandte er seinen Kopf zu mir.
„Ich mein, musst du nicht, ich will dich zu nichts drängen, aber…“
„…aber du bist neugierig geworden, richtig? Das steht wie ein Punkt zum Abhaken auf der Lebens-To Do-Liste, oder?“
„Woher weißt du das, war das bei dir auch so?“
„Das geht sehr vielen Menschen so. Die Neugier, den eigenen Horizont zu erweitern, etwas Neues zu erfahren, sich selbst kennenzulernen… das machen die Menschen schon seit Jahrtausenden, findet man ja auch bei diversen Naturvölkern.“
„Ist das also ein Ja?“
„Und wie! Du glaubst gar nicht, wie lange ich das schon mal ausprobieren wollte – mit jemandem zusammen auf einen Trip gehen. Das können wir gern machen! Ich werd dir das auch alles erklären, damit du weißt, was auf dich zukommt. Wir planen das Ganze richtig gut durch.“
„Wow, ich bin so aufgeregt, ich würd am liebsten jetzt schon weitermachen…“, sagte er verträumt, aber ich musste ihn bremsen.
„Machen wir, Julian, kein Ding! Aber wir sollten jetzt langsam mal losgehen, wir sollten um 18 Uhr bei Cory sein, und jetzt ist es bereits zwanzig nach.“
„Oh shit, ich hab gar nicht mitbekommen, wie die Zeit rumgegangen ist, ich hätte hier noch ewig liegen können. Macht nichts, für Cory finden wir schon ne Ausrede.“
Wir grinsten uns noch einmal an, dann standen wir auf. Julian geriet deutlich ins Schwanken und stützte sich auf meine Schulter.
„Wow, alles klar, damit hab ich jetzt nicht gerechnet, ich muss mal ne Sekunde stehen bleiben, mir ist schwindelig.“
„Keine Sorge, ganz normal, Du bist zu schnell aufgestanden und das auch noch unter Opioid-Einfluss, da macht der Kreislauf gern mal solche Zicken.“
Er stützte vornübergebeugt seine Hände auf den Knien ab.
„Und? Geht wieder?“
„Ja, danke für die ganzen Erklärungen, Timo, ich fühl mich damit sicherer. Okay, dann mal Abflug zum Auto und auf dem Weg überlegen wir uns ne Geschichte für Cory, warum wir zu spät sind.“
Strahlend wie zwei Honigkuchenpferde wanderten wir über die grüne Wiese Richtung Tor. Bevor wir den Ausgang des Parks erreichten, blieb Ju abrupt stehen, lächelte mich an und fragte: „Möchtest du eigentlich mal meine Muskeln anfassen? Du meintest doch, dass dir das gefällt, oder?“
Alles klar, da denke ich, gut, der Peak ist überschritten, und dann so was. Ich schaute ihm direkt in die Augen. Angriff, und zwar jetzt!
„Klar, würd ich gerne, spann doch mal an!“
Wir schauten uns noch kurz um, ob niemand in der Nähe war, dann zog Julian die Ärmel seines Shirts hoch und spannte seine Oberarme an. Wow. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich sah, wie seine Tattoos durch die Muskeln ein wenig verzerrt wurden. Mir wurde ziemlich heiß, wusste grad nicht so richtig, was ich machen sollte, aber Ju ging nun in die Vollen.
„Na los, du kannst ruhig anfassen!“
Und das tat ich. Zuerst tippte ich nur mit den Fingern ein bisschen dagegen, dann legte ich eine Hand auf seinen Oberarm, schließlich packte ich mit beiden Händen richtig zu. Ju strahlte, während er selbst seinen Arm betrachtete.
„Wow, Julian, da hat sich aber seit dem Theater Einiges getan! Das fühlt sich so geil an, ich fühl mich grad richtig geehrt, dass ich da mal ran darf.“
„Ja, die sind ganz schön fest, oder? Da kommt auch so schnell keiner gegen an. Das muss an den Drogen liegen, ich weiß auch nicht, ich hatte einfach total Lust, Dir meine Muskeln zu zeigen, warum auch nicht? Und jetzt ist die Chance, gleich bei Cory wäre das irgendwie unpassend.“
Ich musste kichern.
„Wenn die wüsste, was wir beide schon alles gemacht haben, bevor wir überhaupt zu ihr losgefahren sind. Lass uns bloß nichts erzählen!“
„Nein, natürlich nicht.“
„Okay, dann komm, ab zum Auto.“
Ein klein wenig schwankend gingen wir den Fußweg zu meinem Auto zurück, während ich fieberhaft überlegte, was ich Cory bloß erzählen sollte…

fortsetzung folgt...

Sonntag, 3. Juli 2016

Im Auge des Sturms


Ich habe Mühe, die Augen offen zu halten. Ich halte die rechte Hand davor, um mich vor den herumfliegenden Teilen zu schützen, Staub, Steinchen, alles, was der Sturm so aufwirbelt. Das Atmen fällt mir schwer. Wenn ich den Mund öffne, wird mir die Luft mit einer solchen Gewalt in den Rachen gedrückt, dass ich mich verschlucke, daher halte ich die Zähne geschlossen und versuche, auf diese Weise zu atmen.

Ich habe nur eine Hand frei, um mein Gesicht zu schützen, die andere sucht unentwegt den Boden ab nach meinen Besitztümern, die der Sturm aus den Regalen gefegt haben könnte. Ich muss versuchen, sie zu retten, bevor sie von der Gewalt des Orkans aufgesaugt und davongeweht werden, es geht hier um mein letztes Hab und Gut, meine letzten Münzen und Trinkets, Erinnerungsstücke an die Zeit vor dem Sturm.

Die Zeit davor... ich halte inne und versuche mich zu erinnern. Wann hat der Sturm begonnen? Es kommt mir vor, also würde ich seit Ewigkeiten durch den Orkan streifen, auf der Suche nach meinen Habseligkeiten, auf der Suche nach Schutz. Auf der Suche nach allem, was mich ausmacht. Nach meiner Identität? Aber es kann gar nicht so lange her sein, dass der Sturm aufgezogen war.

Ich kann mich noch an den Morgen erinnern, ein Morgen wie jeder andere. Ich wurde geweckt durch Sirenen draußen vor dem Fenster. Krankenwagen, Polizei, das Übliche. Kirchengeläut. Warum kann ich mich danach an nichts erinnern? Es ist, als sei der Sturm von einer Sekunde auf die andere aufgekommen, und warum gerade hier? Ich hatte die Fenster geöffnet, um die frische Morgenluft einzuatmen. Ich hatte das Chaos in meiner Wohnung gesehen und mir vorgenommen, etwas dagegen zu tun. Ich wollte aufräumen, und dann...

Plötzlich war ein ungeheurer Lärm aufgekommen, ich konnte den Verkehr draußen nicht mehr wahrnehmen, ich hörte nichts außer dem Heulen des Sturms, der meine Wohnung gnadenlos durchtoste, meine Sachen von einem Ende zum Anderen wirbelte, der begann, mich zu bedrohen. Filmriss. Und jetzt bin ich hier, der Orkan fegt meine Haare durch mein Gesicht, ich stemme mich dagegen, auf der Suche nach einem Ausweg, wie kann ich dieser Katastrophe nur entkommen? Ich werde ihr wohl kaum ein Ende setzen können, oder?

Doch dann blicke ich nach unten, ein Stück nach rechts neben meinen Füßen. Das Symbol. Ich kannte es schon, seitdem ich an diesen Ort gezogen war. Ich hatte gelernt, dass dieses Symbol "Ruhe" bedeutete - ein Kreis, in der Mitte mittels einer Linie durchteilt. Mit weißer Farbe gemalt. Sollte etwa eine bösartige Magie hinter diesem Sturm stecken? Je länger ich das Symbol betrachtete, umso mehr Erinnerungsfetzen fielen an ihren Platz zurück; ich hatte das Symbol heute schon einmal betrachtet.

Was hatte ich getan? Denk nach! Hatte ich dieses Symbol mit einem Ritual aktiviert? Eine Zauberformel gesagt? Geheime Beschwörungszeremonien? War gar ich selbst verantwortlich für diesen Sturm??? Es fiel mir wie Schuppen von den Augen, für einen Moment versagte das Atmen, für diesen Moment der Einsicht, und aus tiefstem Herzen erleichtert hob ich den rechten Fuß und trat auf das Symbol. Innerhalb weniger Sekunden legte sich der Sturm, endlich konnte ich wieder richtig atmen, endlich konnte ich um mich blicken. Ich schaute nach unten.

Es hat lange gedauert, doch ich sehe es nun ein: Ich muss endlich diesen verdammten Staubsauger reparieren!

Samstag, 2. Juli 2016

Drogenmündigkeit


Seit Tausenden von Jahren konsumieren Menschen und Tiere Drogen, wobei ich den etwas sachlicheren Ausdruck "psychoaktive Substanzen" bevorzuge. "Droge" ist negativ konnotiert und versperrt dadurch oft den Blick für die Fakten. So kommt es dann zu Fragen wie: "Konsumierst Du Alkohol oder Drogen?" Nur ganz nebenbei, Alkohol ist eine Droge. Genau wie Nikotin oder Koffein. Der Colatrinker ist Drogenkonsument, ebenso wie der Kaffee- oder Schwarzteetrinker.

Genau so unsinnig ist die Unterteilung in "chemische" und "natürliche" Drogen. Alle Wirkungen, alle Bewusstseinsveränderungen resultieren aus der Anwendung einer Chemikalie. Ich denke mal, die Unterscheidung, die eigentlich gemeint ist, sollte in "natürlich vorkommend" oder "synthetisch hergestellt" resultieren. Und hier ist eine Sache wichtig: Das ist eine sachliche Beschreibung, keine Wertung. Viele Menschen pauschalisieren und erhalten ein Bild im Kopf a la "Natürliche Drogen sind gut - weil sie ja in der Natur vorkommen - und synthetische Drogen sind schlecht - weil sie ja Chemikalien sind", whatever.

In der Fortsetzungsgeschichte äußert Julian seine Angst darüber, dass er abhängig werden könnte. Dass er bereits abhängig ist, wird ihm erst später bewusst werden. Aber auch, dass es okay ist. Aus diesem Grund wird ihm Timo das Konzept der sogenannten "Drogenmündigkeit" erklären. Er ist nämlich der Auffassung, dass das Gegenstück zu Abhängigkeit nicht Abstinenz ist, sondern eben jene Drogenmündigkeit.

Er schließt sich damit der Haltung Gundula Barschs und des Schildower Kreises an. Da haben sich doch in den letzten sechzehn Jahren ein paar Wissenschaftler zusammengetan und den War on Drugs für gescheitert erklärt. Man gelangte zur Einsicht, dass die repressive Drogenpolitik nicht
nützt, sondern eher schadet. Nun, wenn man den Menschen den Konsum nicht verbieten kann, was soll man dann tun? Es gibt da etwas, das nennt sich harm reduction, Schadensminderung. Man akzeptiert einfach, dass die Menschen psychoaktive Susbtanzen konsumieren - es ist schließlich gesellschaftliche Realität - und man gibt ihnen ein paar Tipps an die Hand, damit sie mündig und bewusst ihr Konsumverhalten beobachten und beeinflussen können.

Die vier Grundsäulen des Konzeptes der Drogenmündigkeit:

1. Substanzwissen: Ich weiß, was ich da gerade schlucke, spritze, rauche, aufklebe etc. - ich kenne die Substanz beim Namen, ich kenne ihre Wirkmechanismen. Ich weiß, welche Mengen für einen leichten Rausch nötig sind und ich weiß, ab wann es zuviel ist. Ich weiß, in welcher Hinsicht mein Bewusstsein nach dem Konsum dieser Substanz beeinträchtigt ist. Ich weiß, wie lange es dauert, bis die Wirkung abflaut. Ich weiß, mit welchen Stoffen ich diese Substanz auf gar keinen Fall konsumieren darf.

2. Genussfähigkeit: Wenn ich die psychoaktive Substanz konsumiere, geschieht das nicht mal schnell nebenbei. Ich lasse dem Vorgang ein hohes Maß an Aufmerksamkeit zukommen, zum Beispiel durch Rituale, genaues Abwiegen, aufkochen etc.; wenn die Wirkung anflutet, bin ich mir dessen bewusst und genieße diesen Rausch. Ich bin komplett auf dieses Gefühl konzentriert.

3. Kritikfähigkeit: Ich stelle mich meinen Freunden, die mir meinen Konsum aufzeigen. Ich nehme ihre Hinweise ernst, wenn sie der Meinung sind, dass ich es übertreibe. Ich glaube ihnen, wenn sie den Eindruck haben, dass ich die Kontrolle über den Stoff verliere. Ich leugne diese Beobachtungen nicht. Ich nehme die Kritik ernst und versuche, konstruktiv damit umzugehen.

4. Risikomanagement: Ich habe mich vorher informiert, welche Gefahren beim Konsum bestehen. Ich habe Vorkehrungen dagegen getroffen. Wenn ein Notfall eintritt, weiß ich, wen ich um Hilfe bitten muss. Sollte ich dazu nicht mehr in der Lage sein, habe ich vorher einen Freund o.ä. informiert, der weiß, was ich mache. Ich kenne die Gefahren, ich tue es trotzdem, denn ich bin gut vorbereitet. (dazu gehören so grundlegende Sachen wie Set&Setting, Tripsitter usw.)

Okay, kann sein, dass ich hier und da die Sache nicht genau beschrieben habe, aber das Wesentliche sollte rübergekommen sein. Ich werde diesen Beitrag in die Linkliste links pinnen, weil mir das am Herzen liegt. Gerade als Lehrer beobachte ich oft Schüler, die eben noch drogennaiv sind und ich versuche, sie aufzuklären, damit sie mündig werden.

Der War on Drugs ist gescheitert. Verhelfen wir den Menschen zu einem verantwortungsbewussten Umgang mit psychoaktiven Substanzen, jenseits jeglicher Doppelmoral und zweierlei Maßes!

multo post scriptum: Hier findet sich ein Beitrag zum Thema "Psychische Abhängigkeit".

Freitag, 1. Juli 2016

Wo seid Ihr denn?


Eigentlich wollte ich diesen Beitrag "Scheiß Kackspacken im BMW" nennen, weil ich mich eben tierisch über einen solchen aufgeregt habe. Damit hätte ich ihm hier aber wesentlich mehr Aufmerksamkeit eingeräumt, als ihm zusteht. Sowas wird unter "peinlich" verbucht und Ende, und außerdem soll der Titel des Beitrags ja auch mal im Ansatz positiv klingen. Oder so. Gibt mir immerhin ein gutes Gefühl, dass in den Baustellen auf der A7 so gut wie überall geblitzt wird. Wenn sie da einen mit hundertsiebenunddreißig in einem achtzig-Bereich knipsen, freu ich mich, denn letztlich kann das ja andere Verkehrsteilnehmer ernsthaft gefährden. Überrascht es, dass es meistens Audi/BMW/Benz-Fahrer sind, die zu schnell fahren?

Meine erste Woche an der neuen Schule ist rum. Und ich fühle mich super! Kein Vergleich zu anderen Erfahrungen, die ich irgendwann mal habe machen dürfen. Das Kollegium ist nett, naja, soweit ich das bisher beurteilen kann: Ganz im Trend der Gemeinschaftsschulen haben wir kein großes Lehrerzimmer, sondern mehrere Fachstützpunkte mit fünf bis zwanzig Kollegen, das ist eine wunderbare Größe zum kollegialen Arbeiten. Und ich hab das Gefühl, dass man sich mir aktiv zuwendet - etwas, was ich eigentlich nicht so gut vertrage (hatte ich hier einmal erwähnt), aber an den Gemeinschaftsschulen wird das Miteinander nun mal groß geschrieben und da wird man auch als Neuling warm empfangen.

Die ESA und MSA-Prüfungen sind durch - dementsprechend leer ist es auf einmal in den Kursen der neunten und zehnten Klassen. Ja, da stehe ich im Unterrichtsraum vor dem nicht vorhandenen Kurs und frage etwas verzweifelt: "Wo seid ihr denn?" Kurse? Ach so, Wahlpflicht und so? Nein. In den Klassen sieben bis zehn findet bei uns sogenannte "äußere Differenzierung" statt.

An einer Gemeinschaftsschule sind Schüler unterschiedlichster Leistungen gemeinsam in den Klassen, vom zukünftigen Abiturienten bis zur integrativen Maßnahme (grausige Bezeichnung) mit Förderschwerpunkt "Lernen" ist alles dabei. Man kann nun also auf vier unterschiedlichen Niveaus innerhalb einer Klasse differenzieren. Man entwirft alle Arbeitsbögen in vier Versionen, stellt vier unterschiedliche Klassenarbeiten (heißen bei uns "Tests") und wird oftmals nicht allen Schülern gerecht. Das nennt man "innere Differenzierung"; im anderen Fall werden die Schüler anhand einer Lernstandserhebung in leistungshomogene(re) Gruppen sortiert.

Hier ist es für den einzelnen Schüler leichter, gemäß seiner Fähigkeiten zu arbeiten und der Lehrer kann gezielt auf ein Niveau eingehen. Dass diese unterschiedlichen Kurse die Bezeichnungen "schnell", "mittel" und "langsam" heißen, ist historisch gewachsen. Ich würde gern mal die Leser fragen: Sind diese Bezeichnungen demotivierend? Ich unterrichte derzeit einige langsame Gruppen.

Die Schüler haben sich zwar an die Bezeichnung gewöhnt, aber es ist trotzdem etwas demoralisierend, oder?

Dienstag, 28. Juni 2016

Farage mit Blamage

(c) Ross Hendrick, https://rosshendrick.files.wordpress.com/2016/01/farage-on-toilet-colour.jpg

Ich rege mich derzeit intensiv über Nigel Farage auf, eine der wichtigsten Figuren der Brexit-Bewegung. Alles, was ich im Folgenden schreibe, ist nur meine Meinung. Was sich wie Fakten lesen wird, sind schlecht recherchierte Mutmaßungen, weil ich einfach zu faul dazu bin, mich auch noch vernünftig informiert über ihn zu echauffieren.

Nach dem, was ich so lesen durfte, hat Nigel Farage die letzten fünfundzwanzig Jahre damit verbracht, das Vereinigte Königreich aus der EU zu treiben. Dies schien sein gesamter Lebensinhalt zu sein, seine Berufung, der er sich mit Hingabe gewidmet hat. Farage ist medienwirksam und hat nie eine Möglichkeit ungenutzt gelassen, sich der breiten Bevölkerung zu präsentieren - wie es Populisten nun mal so machen, auch Petry, Gauland und co. stellen sich vor jede Kamera, die sich ihnen bietet. Und wenn sich keine bietet, dann sorgt man eben für einen Eklat, damit kann man sich der Aufmerksamkeit des Fernsehens sicher sein. Ganz nach dem Motto: Auch negative PR ist gute PR. Lieber einmal zuviel das Wort "Schießbefehl" sagen, als von der Presse gar nicht mehr bedacht zu werden. Doch zurück zu Farage.

Man sollte ihm eigentlich Respekt zollen für die Inbrunst, mit der Farage für den Austritt gekämpft hat. Dass er dafür blatante Fehlinformationen nicht rechtzeitig aufklärt, ist ein schönes Beispiel dafür, wie man auch mit Nichtstun für seine Sache arbeiten kann.

Warum also kotzt Farage mich so an? Das ging los mit einem Twit, der in etwa exakt diesen Wortlaut hatte: "No matter the results, Nigel Farage is still a dick." - Egal, wie die Wahl ausgeht, Nigel Farage ist und bleibt ein Schwanz. Bei solch raffinierten Wortmeldungen werd ich natürlich neugierig, wer Farage ist, und habe mich dann über ihn informiert und habe leider keine Informationen gefunden, die für meine Ohren im Ansatz positiv klangen.

Die Selbstgefälligkeit, das feiste Grinsen nach dem Referendum, damit komme ich nicht klar. Immer will er ja Recht gehabt haben, er wusste es schon längst, dass die EU auseinanderfällt. Nigel Farage tut nichts, außer gegen eine Sache zu wettern. Warte mal, womit könnten wir das wohl in Deutschland vergleichen? Ach ja. Die Partei in hellblau: Laut rumpöbeln, das Establishment kritisieren, aber keine halbwegs umsetzbaren Lösungen anbieten.

Das ist nun mal das Konzept des Populismus. Das verbrigt sich nun mal hinter dem Begriff Demagogie. Ein Demagoge ist jemand, der (Kollege Leinhos möge mich korrigieren!) das Volk führt, so ganz wörtlich übersetzt. Das ist jemand, der zum Beispiel Sprache so nutzen kann und eine dergestaltige Ausstrahlung hat, dass sein Publikum ihm ohne zu hinterfragen an den Lippen hängt. Er kann diese Macht nutzen, um das Volk wütend zu stimmen, um Proteste in Gang zu bringen, um Demonstrationen auszulösen.

Eigentlich müsste Demagogie auch im positiven Sinne möglich sein. Aber da man ja lieber mit Anderen gemeinsam über Dinge schimpft, passt Populismus viel besser zur Hetze.

Und dann tritt Farage, der Mann der tausend Grimassen, vor das EU-Parlament und spricht. Er macht sich über die Anwesenden ohne Blatt vor dem Mund lustig. Dafür wird er erwartungsgemäß ausgebuht und aalt sich in diesen Reaktionen - denn er weiß, dass die Kameras laufen und dass "seine Meute" ihn zuhaus umso mehr feiern wird. Kennen wir auch von uns: Je mehr Petry und Konsorten sich in der Opferrolle suhlen können, umso beliebter sind sie bei besorgten Bürgern ohne gesunden Menschenverstand.

Farage lacht die Parlamentarier aus, dass sie ja eigentlich noch nie richtige Arbeit geleistet hätten. Mal ganz davon abgesehen, dass die Aussage "Das EU-Parlament tut nichts" doch recht intensiv mit der Brexit-Parole "Die EU kontrolliert uns zu sehr" kontrastiert, springt zum Glück Präsident Martin Schulz (in etwa) folgendermaßen ein: Wir sehen hier die Ausdrücke und Ansichten, wie wir sie von der Ukip gewohnt sind. Herr Farage, jeder hier anwesende Parlamentarier leistet wichtige Arbeit - vielleicht sollten sei beim Thema Nichtstun nicht von sich auf Andere schließen.

Auch daran geilt Farage sich noch weiter auf. Soll er ruhig, letztlich wird es eine Art Schwanengesang sein. Ich komme nochmals zurück zum zweiten Paragraphen: Der UK-Austritt aus der EU war Farages gesamter Lebensinhalt. Dieses Ziel ist erreicht. Farage soll jetzt noch die Aufmerksamkeit genießen, denn er wird sehr bald von der Bildfläche verschwunden sein, ohne Berufung, wie er es dem Parlament vorwirft. Nigel Farage hat sich abgeschafft.

Montag, 27. Juni 2016

"Sind sie ein Lehrer?"


Und manchmal möchte ich einfach nur antworten: "Deidäh, ich bin eine Tootsie!" (Caro teigt gerade) (und jetzt verschluckt sie sich beim teigigen Lachen) ... (BHAIN!) Aber ich habe dieser kleinen nuklearen Katastrophe nur bestätigt, dass ich der Neue bin.

Anders, als es der Titel vermuten lässt, geht es mir heute aber gar nicht darum, dass ich nicht wie ein Standardlehrer aussehe. Sondern darum, dass ich Angst habe vor Menschen, die ich nicht kenne, und manchmal auch ganz generell. Ich habe Angst, von unbekannten Menschen angesprochen zu werden. Deswegen laufe ich oft mit gesenktem Blick an unbekannten Orten herum oder aber mit Tunnelblick, damit ich um mich herum niemanden wahrnehme. Warum Angst? Weil ich befürchte, dass ich bei der folgenden Performance a.k.a. Konversation versagen könnte. Irgendwas falsch machen.

Meine letzte Erfahrung in Eckernförde hat diese Angst nur wieder bestätigt und mich weiter traumatisiert. Das führt dazu, dass ich irgendwann mit niemandem mehr reden möchte, denn alles, was ich sage, kann und wird missverstanden und dann vor Gericht gegen mich verwendet werden.

Das wird jetzt aber wieder anders. Meine Erfahrung ist, dass Gemeinschaftsschüler forscher und offener sind. Sie fragen ganz direkt, oft ohne Hemmungen. Und das ist auch gut so, denn das wird mir gut tun. Nachdem ich mich während meiner Arbeitslosigkeit zusätzlich von Menschen abgekoppelt habe, wird diese "gezwungene" Rückkehr in die Gesellschaft anfangs wahrscheinlich unangenehm, aber letztlich sehr heilsam für mich sein, damit ich mein Konversationstrauma loswerden kann.

Also, Ihr kleinen Monster, sprecht mich an, fragt mich, was Ihr wollt! Und wenn ich vor Panik in Tränen ausbreche, dann lacht über mich - damit ich merke, dass ich gerade im Modus der Drama Queen bin und dass es eigentlich gar keinen Grund gibt, hier rumzuflennen!