Donnerstag, 2. Februar 2017

Kurz gesagt


Ich nehme keine Ratschläge an von Menschen, die ich nicht einschätzen kann.




















































































Und wer runtergescrollt hat, findet auch noch ein wenig Erklärung. Es liegt daran, dass mir jeder Mensch alles Mögliche erzählen kann, wahr oder nicht, richtig oder falsch. Ich habe es erlebt, dass Lehrer Falsches in ihren Stunden unterrichten und von Schülern abfragen, ich bin selbst schon zu falschen Informationen "verbessert" worden - das war der letzte Schritt, der mein Vertrauen in die Informationen von fremden Menschen dahingemeuchelt hat. Ich suche mir daher meine Ratschläge gezielt. Nicht persönlich nehmen!
Es gab keinen speziellen Vorfall, dessentwegen ich diesen Beitrag jetzt poste. Ich mache gern ungewöhnlichen Unterricht, alternativ, und wenn Kollegen das mitbekommen, haben sie ganz schnell Tipps parat. Denn ich bin ja noch so jung und unerfahren, ich muss das erst alles noch lernen. Ich lächele nett und bedanke mich artig. Und mache weiter mein Ding.

Mittwoch, 1. Februar 2017

Keep your fingers crossed!


Das ist eine englische Redewendung, die in etwa dem deutschen "Daumen drücken!" entspricht. In der Hinsicht hatte ich zuletzt keine Probleme: Nachdem ich in der Wohnung gestürzt war und mir einen Finger ausgerenkt? gebrochen? ausgekugelt? hatte, konnte ich die Finger meiner linken Hand kreuzen, ohne sie in eine besondere Stellung bringen zu müssen. Das wäre nicht unbedingt ein Problem gewesen, wenn ich damit direkt zum Arzt gegangen wäre.

Aber nein, ich bin ja hochbegabt. Ich denke mir "Ach, das bekommst du auch selbst wieder eingerenkt, damit musst du nicht zum Arzt." - gesagt, getan, direkt nach dem Sturz hin und her gebogen und erstmal ab ins Bett, passt schon. Am Tag darauf ist der Finger dann so stark angeschwollen, dass ich nicht erkennen kann, ob er noch krumm oder gerade ist. Naja, dann lasse ich das erstmal abschwellen. Dauert etwa eine Woche, nach der ich einsehen muss, dass der Finger alles Andere als gerade ist. Nützt nichts, ich muss zum Arzt, aber da ist mein Kopf im Weg.

Ich brauche mehrere Tage Meditation, um mich überhaupt davon zu überzeugen, endlich zum Arzt zu gehen, und dann muss ich gegen die Angst gegenan kämpfen. Erst drei Wochen nach dem Unfall klappt es dann endlich mal. Und dann muss ich auf einen Termin beim Facharzt warten, in der Zwischenzeit laufe ich als unterhaltsames Fingerding durch die Gegend.

Wenn ich jemandem erzähle, dass ich die Hochbegabung manchmal als geistige Behinderung erlebe und dann folgende Antwort bekomme: "Hör auf, das kannst du doch nicht einfach sagen, das stimmt doch überhaupt nicht!" - dann könnte ich KOTZEN!!! Und nun habe ich eine weitere Anekdote, um meine Wahrnehmung zu untermauern, aber es wird nichts nützen. Ich werde weiter Unverständnis kultivieren und Misstrauen bei Menschen erzeugen, die meinen, sie wüssten es besser als ich. Das macht mich traurig und wütend, aber ich kann einfach nur weiter gegenan aufklären.

Und wenn ich schon mal beim Thema Denkblockade bin: Diese kleinen Nervereien, Finger, Schule, whatever, sorgen dafür, dass ich die Umsicht einschränke, und merke: Ich habe meinen Stromzähler zu spät abgelesen (weil ich nicht daran gedacht habe), der Verbrauch wird also geschätzt werden, ich habe eine Rechnung zu spät bezahlt (weil ich nicht daran gedacht habe), all solche Dinge können ins Geld gehen. Und mir dann abzureden, dass solche durch die Hochbegabung ausgelösten Denkblockaden Behinderungen seien, empfinde ich als wenig rücksichtsvoll und minimal einfühlsam. Dann fühle ich mich nicht ernst genommen. Aber wahrscheinlich muss ich vor den misstrauischen Menschen erstmal zusammenbrechen, bevor sie mir das glauben - weil ich einen Kreislaufkollaps habe, weil ich vergessen habe, etwas zu trinken.

"Du kannst das doch nicht einfach als Behinderung bezeichnen, das geht doch nicht!"

Erzählt das meiner Bank und meinen Ärzten!

post scriptum: And keep your fingers crossed, dass dann irgendwann bei der Handchirurgin das Ganze wieder einigermaßen gerichtet werden kann ;-) Es bleibt einem nichts Anderes übrig, als das mit Humor zu nehmen; vielleicht geht das anderen Hochbegabten auch so.

Dienstag, 31. Januar 2017

Gespräch mit Bruder

Es reicht, wenn Dr Hilarius (mit den Armen oben) in der Achterbahn schnell unterwegs ist...

Eigentlich hätte dieser Beitrag auch Einhundertundzehn v2.0 oder Entschleunigung v2.0 heißen können. Hat nämlich wieder was mit der Geschwindigkeit zu tun.

Aber zuallererst mit meiner Sturheit: Ich nehme keine Tipps von anderen Menschen an. Ich höre sie mir gern an, aber setze nichts um, von dessen Wirksamkeit ich mich nicht selbst überzeugt hätte. "Die Platte ist heiß!" - jaja, und trotzdem fasse ich drauf. "Den Film musst du unbedingt sehen!" - jaja, und ich kenne ihn bis heute noch nicht. "Du solltest mal dies und das im Unterricht machen!" - jaja, ich bleib' bei lehrerzentriertem Frontalunterricht. Es kommt selten vor, dass ich einen Denkimpuls von irgendjemandem nicht nur umsetze, sondern vielleicht sogar in meinen Alltag integriere. Denn ich sage mir "Wenn ich möchte, dass etwas gut gemacht wird, mache ich es am liebsten selbst", und so tappe ich natürlich auch erstmal in alle verfügbaren Fallen, bevor ich gangbare Wege gehe.

Und so fuhr ich kurz nach Weihnachten im Auto meines Bruders zurück nach Kiel, während Familienwagen Nr.2 auf die Werkstatt und TÜV-Begutachtung wartete. Und unter anderem haben wir uns auch darüber unterhalten, welche Fahrweise auf der Autobahn wohl sinnvoll ist. Ich fahre viel zu oft zu schnell. Denn ich denke schnell, ich bin drei Schritte weiter, ich fahre schnell, blablabla, der geneigte Leser kennt diesen Sermon bereits. Und ich kann noch so oft schreiben, wie gut mir Entschleunigung tun würde, das heißt nicht, dass ich es umsetze.

Mein Bruder hat da die Ruhe weg, die Gelassenheit von seinem Vater geerbt, und erzählt mir, dass er auf der Autobahn nicht schneller als mit hundert Sachen fährt. Bitte was? Ich mein', da sind immerhin hundertzwanzig erlaubt (A210). Und auf der A215/A7 darf man auch schneller fahren, ich hab' morgens eh' keine Zeit zum Trödeln. Nein, er fährt Strich hundert und macht es mir vor: Be the change you wish to see in the world. Und dann habe ich mir vorgenommen, dass ich es zumindest einmal ausprobiere: Eine Tankfüllung lang ausschließlich hundert fahren.

Das ist mir am Anfang echt schwergefallen... aber dann kamen sie, nach und nach, die positiven Effekte:

- der Tank reicht für etwa sechzig Kilometer mehr
- mein Blutdruck bleibt unten und ich entspannt
- die Anderen können alle gern überholen
- ich brauche nicht länger als mit der anderen Fahrweise

Ist das geil! Zu erleben, wie es mal die anderen Autofahrer sind, die alle gehetzt überholen, drängeln, whatever, und selbst vollkommen seelenruhig die Strecke abzuklappern. Toll. Das behalte ich jetzt erstmal eine Weile bei.

Und so habe ich einen Denkimpuls übernommen. Danke, Bruder!

Montag, 30. Januar 2017

Was haben Straßenbahnen mit Freizeitparks zu tun?


So auf den ersten Blick vielleicht nichts. Oder vielleicht denkt der geneigte Leser sich, nun ja, Straßenbahnen fahren auf Schienen, Achterbahnen tun das auch, vielleicht war die Straßenbahn ein Vorläufer für moderne Achterbahnen.

Wer das denkt, sollte allerdings nach Russland schauen; dort gab es schon verhältnismäßig früh Schnee- und Eisrutschen, bei denen man auf einen "Berg" (oder auch mal einen Turm) stieg und dann hinabrutschte. Eine Menge Spaß! Und ein Beweis dafür, dass es sich hierbei um einen spirituellen Vorläufer der Achterbahnen handelt, findet sich in der spanischen Bezeichnung für "Achterbahn" wieder: montanya rusa, russischer Berg. Ganz interessant in diesem Zusammenhang: Ausgerechnet in Russland nennt man diese Bahnen amerikanskiye gorki - amerikanische Berge. Doch zurück zur Straßenbahn.


Wir befinden uns knapp vor Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts in Amerika; wie so Vieles haben wir uns auch die Vergnügungsparkwelle dort abgeschaut, wenngleich sie in Deutschland erst mit dem zweiten Goldenen Zeitalter der Freizeitparks in den Siebzigern begann. Das erste goldene Zeitalter fand in den Staaten in den Goldenen Zwanzigern statt. Freizeitparks gab es da bereits seit über dreißig Jahren. Und die Straßenbahn hat den Grundstein dafür gelegt.

Trolleys (so der amerikanische Begriff für Straßenbahnen) waren absolut unverzichtbar, wenn man sich kein Auto leisten konnte und einigermaßen bequem von den Vororten der großen Städte, wo man wohnte, zur Arbeit in die Stadt kommen wollte. Tatsächlich verdienten die Trolley companies den Großteil ihrer Einnahmen durch Fahrgäste aus der working class. Wer so weit folgen konnte, wird sich fragen, was am Sabbat, am Sonntag war: An freien Tagen hatte so gut wie niemand einen Grund, die Straßenbahn zu benutzen, und so mussten trotz reduziertem Fahrplan kaum besetzte Bahnen Verluste einfahren.

Ein geniale Überlegung war es, einen Anreiz zu schaffen, warum man am Sonntag unbedingt mit der Straßenbahn unterwegs sein sollte. Dass der Sonntag von den meisten Menschen zum Abschalten genutzt wurde, um ein bisschen Zeit mit der Familie zu verbringen, überrascht niemanden. Also dachten sich die Bahnunternehmen, dass es gut wäre, einen Ort für Freizeit und Entspannung zu erschaffen, für den die Familien mit ihren Bahnen fahren mussten.

Aus diesem Grund bauten sie an manch einem line terminus - Endhaltestelle - kleine Freizeitparks, die als Trolley Parks große Popularität erlangen sollten. Hier könnten Familien im Grünen entspannen, Spiele spielen oder mit Karussells fahren. Hier kamen einige der ersten Holzachterbahnen Amerikas zu großem Ruhm - es störte auch keinen, wenn sie damals noch sehr ruppig waren. Es sollte an "Tortur" für den Körper noch nichts gegen das sein, was in den Zwanzigern anstand.

Die amerikanischen Trolley Parks sind also direkte Vorläufer der modernen Freizeitparks und eine Idee der Straßenbahngesellschaften. Und da hätten wir den Link, der ausnahmsweise mal nichts mit den Schienen zu tun hat, auf denen beide Fahrzeuge unterwegs sind.

Achterbahnen waren in den USA sehr populär. Man kann sich das heute nicht mehr so gut vorstellen, gerade in Deutschland ist es schwer, sich in die Golden Twenties hineinzuversetzen (übrigens ein Grund, warum The Great Gatsby so berühmt geworden ist: Dieses Buch fängt den damaligen Zeitgeist sehr authentisch ein).

Achterbahnen waren so revolutionär, versprachen so viel Spaß und einfach ein ungewohntes Erlebnis, das wollte jeder einmal ausprobieren, sofern er den Mut aufbringen konnte, sich in eines der hölzernen Ungeheuer zu setzen. Mut war nötig, und das nutzten die Betreiber von Achterbahnen aus: Sie appellierten an die Angst der Gäste, an die Chance, den eigenen Mut zu testen, und das nicht nur mit großen Worten: Es war nicht unüblich, dass eine Krankenschwester im Bahnhof der Achterbahn bereitstand, um eventuelle Übelkeit oder Blessuren zu verarzten.

Ja, Blessuren - noch so viele Verletzungen haben niemanden davon abgehalten, Achterbahnen wie z.B. Harry Travers Terrible Triplets zu fahren, eine besonders brutale Kreation eines Freizeitpark-Pioniers.

Was nun also Harry Traver mit Achterbahnen und Krankenschwestern zu tun hatte, und warum so viele Achterbahnen den Namen Cyclone trugen, darum soll es ein anderes Mal gehen.

Sonntag, 29. Januar 2017

Feel the Bern!


Feel the burn!

Im Englischen wird diese durchaus positive Redewendung benutzt, wenn man zum Beispiel im Training ist, Bodybuilding, und eine anstrengende Trainingssession hatte. Fühl' es brennen, fühl' den Schmerz! Als Beweis dafür, dass man etwas erreicht hat. In den vergangenen vierundzwanzig Monaten hat die homophone Variante mit dem Wort Bern eine ganz neue Bedeutung erhalten, die mich langsam, aber sicher begeistert. Leider erst nach der US-Wahl, und so geht es auch vielen Amerikanern. Das ist zwar schade, denn die Rede ist von Bernie Sanders, einem Senator des amerikanischen Bundesstaates Vermont, der zur Wahl des demokratischen Kandidaten angetreten ist und den weitaus erbittertsten Kampf geführt hat, aber er schließt sein Antreten in Zanzigzwanzig nicht aus. Und das freut mich, denn seine Popularität ist gewaltig und steigt weiter an. Woran liegt das? Ich habe von Sanders zuvor nie etwas gehört und fange erst jetzt an, mich mit diesem Menschen auseinanderzusetzen. Und ich frage mich, warum nicht noch viel mehr Menschen für ihn gestimmt haben. Aber wenn uns die US-Wahl Eines gezeigt hat, dann, dass die Popularität allein keinen Präsidenten macht.

Sanders ist besonders bei den jungen Menschen sehr beliebt. Ist es, dass seine politischen Ideen auf die Zukunft junger Menschen angelegt sind? Ist es die Art, wie er spricht? Laut, deutlich, mit Inbrunst und gezielt, als wolle er sein Gegenüber vernichten? Oder ist es vielleicht die Art, wie er Lügen und Bigotterie schonungslos aufdeckt? Ich könnte ihm stundenlang zuhören.

Als Lehrer hat mich natürlich die Anhörung der zukünftigen Bildungsministerin Betsy DeVos interessiert, und was Bernie ihr zu sagen hat. Einfach mal hineinschauen, gute Unterhaltung! Und bei dieser Gelegenheit auch gern das weibliche Bernie-Pendant anschauen, Senatorin Elizabeth Warren, ebenfalls voller Inbrunst, ebenfalls als Revolutionärin, ebenfalls unglaublich beliebt bei der Bevölkerung (zumindest der, die nicht zu den oberen Zehntausend gehört). Ich wünschte, manch ein junger, aufstrebender Politiker schaute sich Einiges von den beiden ab, um später genau so mitreißend zu sprechen und zu handeln.



Immerhin während meiner Zeit als Mitglied des Kieler Studierendenparlament habe ich den einen oder anderen Studierenden erlebt, der ebenfalls charismatisch gesprochen hat. Vollkommen zurecht wurde eine von ihnen in einem Jahr zur Präsidentin des Parlaments gewählt.

Ich wünschte, das Gros der amerikanischen Bevölkerung ließe sich nicht so leicht von Trump für dumm verkaufen. Aber dazu braucht es Intelligenz, einen breiten Wissens- und Erfahrungshorizont, Aufgeschlossenheit für andere Meinungen. Und das ist anstrengend.

Mit leerem Kopf nickt es sich leichter.

Samstag, 28. Januar 2017

Das Misstrauen

Was ist es, das wir im jeweils Anderen sehen? Was lässt uns entscheiden, ob wir ein Vertrauen oder eine Distanz aufbauen?

Langsam wird es spürbar, greifbar, nicht mehr nur wie ein Nebel im Kollegium, sondern teilweise wie eine Wand, die ich nicht sehen, nicht greifen kann, aber ich spüre, dass sie da ist und fühle, dass ich die Menschen dahinter nicht mehr erreichen kann. Hier eine gerunzelte Stirn, da ein abfälliger Blick, dort eine abgewandte Körperhaltung. Ich kann noch so viel gegenan lächeln: Das wird nichts. Und es kommt mir so bekannt vor - I've been down that road a million times...

Okay, ich versuche immer wieder, mich in den Anderen hineinzuversetzen. Das klappt auch recht gut, ich bekomme den neuen Blickwinkel, ich erhalte die Außensicht von Dr Hilarius. Was ich allerdings bisher nicht gut fühlen kann, ist die Verschlossenheit mancher Menschen. Das fällt mir ernsthaft schwer. Denn bis dahin kann ich die Situation verstehen:

Da kommt ein Mensch, den kenne ich nicht. Er ist groß, er trägt schwarz, und zwar komische Klamotten, und komischen Schmuck. Er sieht aus wie so ein Punk. Muss ich nichts mit zu tun haben (hier geht das mit der Verschlossenheit los) und versuche ihm aus dem Weg zu gehen. Gibt ja genügend Platz hier, dass man sich nicht so oft begegnet. Man, das nervt, nur weil der neu ist, reden die momentan über ihn. Und was gefällt den Schülern daran? Der soll Unterricht machen und sich nicht mit ihnen verbünden. Was höre ich? Der soll eigentlich ganz nett sein, sagt ein Kollege? Ne lass mal, muss ich nicht haben (es passt so wohl besser in das Schubladenmodell, glaube ich) - jetzt lackiert der sich noch die Fingernägel, und sitzt bei einer Versammlung da und löst Rätsel, der scheint sich echt für was Besseres zu halten. Ach ja, ich vergaß, er ist ja hochbegabt, ich kann den nicht leiden. Der soll mal erstmal sein Referendariat machen, dann merkt er, dass das hier der falsche Beruf für ihn ist.

Und es gibt auch noch ein anderes Narrativ - Er würde das wiedererkennen (irgendwann zeige ich Ihm diesen Text mal), denn Er hat das live miterlebt und es hat Ihn echt verletzt, darauf werde ich dann danach eingehen:

Wer ist denn dieser Hilarius, von dem Er jetzt dauernd erzählt? Kenn ich nicht, hab ich noch nie gesehen, Er fährt ja auch immer zu ihm hin und bringt ihn nicht einmal mit oder so. Komischer Mensch. Warum will Er immer etwas mit ihm zusammen machen? Bah, dieser Hilarius macht sich bestimmt an Ihn ran, Er sollte sich echt in Acht nehmen, ich kenn' solche Typen. Warum fährt Er denn jetzt schon wieder zu ihm? Ich will gar nicht wissen, was die zusammen machen! Zu spät, jetzt hat Er mir davon erzählt, Hilarius ist bestimmt so ein kranker Typ. Ob wir mal was zusammen machen wollen, fragt Er mich jetzt, ne lass mal, mir ist der Typ suspekt. Er sollte lieber auf mich, seinen "besten Freund" hören, da wird nix Gutes bei rauskommen. Oh nein, jetzt fragt Hilarius mich auch noch, ob ich Lust hab', bei einer kleinen Überraschung für Ihn mitzumachen? Was für ein Scheiß soll das sein? Ich erzähl Ihm besser mal gleich davon, dann kann Er ihm absagen. Ich will mit dem nichts zu tun haben.

Und das hat "Er" eben alles miterlebt, und es hat Ihn wirklich verletzt. Nicht nur, weil Er dachte, dass jener hier Beschriebene Sein bester Freund war  (weil sie einfach WG-bedingt viel Zeit und viele Erlebnisse zusammen hatten), sondern weil Er Dr Hilarius wirklich mochte. Wirklich sehr, und es hat Ihn verletzt, wie jener "beste Freund" in seiner Verschlossenheit Hilarius immer wieder kleingemacht hat und ihm ausgewichen ist. Er konnte das nicht verstehen. Dieses Misstrauen. Und wenn es nur seitens seines besten Freundes gewesen wäre, wäre das eine Sache. Aber es ist Ihm überall begegnet: Seitens Seiner Eltern, Seiner Freundin, Seiner Kumpels, und das hat Ihn verstört, verletzt, verunsichert, es hat Ihn schweigsam gemacht.

Er stand vor einer Entscheidung: Würde Er Hilarius einfach abschieben? Dann müsste Er sich endlich nicht mehr dem Misstrauens-Dauerfeuer stellen, sondern könnte Sein Leben in der bisherigen Form weiter genießen. Dazu kam ja auch, dass Dr Hilarius mit Ihm nicht gerade zimperlich umgegangen ist. Er hat Ihm mehr als nur einen Spiegel vorgehalten und ihn ordentlich zurechtgewiesen.

Er hat sich entschieden. Und das habe ich nie verstehen können: Er hat sich entschlossen, zu schweigen, um das Misstrauen Seiner Freunde nicht weiter ertragen zu müssen, aber bis heute hat Er zu mir gehalten. Das hat mich verwirrt, warum sollte Er das tun? Das mit dem Misstrauen und der Abkehr wäre ein für Ihn viel einfacherer Weg gewesen, so machen es Viele. Mittlerweils habe ich eine mögliche Erklärung.

Die Menschen, die mir nicht (mehr) mit Misstrauen begegnen, sind wenige, und ich freue mich über jeden Einzelnen. In der Schule sind es noch weniger, aber das braucht Zeit, das bekomme ich immer wieder zu hören. "Gib' den Menschen Zeit und Gelegenheit, dich besser kennenzulernen, damit sie merken, dass ihre Vorannahmen falsch sind. Versuch' nicht, ihre Verdächtigungen mit ungewöhnlichem Verhalten zu untermauern. Sei geduldig."

Das fällt mir schwer. Aber es klappt dank der Menschen, die mich dabei unterstützen. Vielleicht wird das Misstrauen dann irgendwann verschwunden sein.

post scriptum: Meine Ma rät mir öfters, mich dann beim ersten Kontakt - auch wenn es unangenehm ist und schwerfällt - mich etwas anzupassen, damit die Menschen nicht gleich ablehnend auf mich reagieren. Ich verstehe den Ratschlag. Ich versuche dann, ihr zu erklären, dass ich mich etwa zweiundzwanzig Jahre lang an die Erwartungen meiner Mitmenschen anzupassen versucht habe - und dass ich dabei draufzahle. Dass ich mich nicht wohlfühle. Und früher oder später müssen die Menschen eh' erfahren, dass mit mir "etwas nicht stimmt". Deswegen habe ich vor ein paar Jahren beschlossen, offen und konfrontativ damit umzugehen. Auch wenn es eine Distanz zu den Menschen aufbaut: Wenigstens fühle ich mich in meiner eigenen Haut wieder wohl und kann mir selbst treu bleiben. Wie sagte Thekla einst?

"Bleib', wie du bist. Die Menschen werden immer versuchen, an dir herumzufeilen, lass' sie ruhig. Sie dürfen aber nichts abschlagen!"

Freitag, 27. Januar 2017

Die Kommentarfunktion


Humanistische Pädagogik war das Eine meiner beiden Prüfungsthemen im Pädagogikexamen. Das andere lautete Soziale Netzwerke als Mittel zur Konstruktion von Identität, oder so ähnlich. Ich fand das sehr spannend, weil auch ich mich selbst ausprobiert habe und Profile von mir erstellt habe, im StudiVZ, bei Facebook oder auf den blauen Seiten.

Was macht man da so? Nun, der Eine oder die Andere lädt dort Bilder von sich hoch, oder Videos, oder teilt Inhalte mit Anderen. Nach dem Motto "Wow, das musst du dir anschauen, ganz toll!" - und man schaut und kommentiert dann. Ja, das war wirklich ganz toll - oder eben nicht. Manche Menschen kommentieren alles. Sie bringen zu jeder Sache ihre Meinung. Der 0815-Internetuser bringt seine Meinung nur, wenn provokante Bilder oder Thesen gezeigt werden.

Ja, das ist schon spannend, was die Leute so alles zu sagen haben, wenn zum Beispiel Marcus Pretzell von der AfD zum Anschlag auf dem Weihnachtsmarkt sagt "Es sind Merkels Tote!" Also, er hat es nicht gesagt, er hat es getwittert. Macht es nicht besser: Diesen Tweet kann man, wie alles Andere auch, kommentieren. Ist doch super, so kann man endlich der Neuen Rechten das Maul stopfen.

Dachte ich einst.

Damals habe ich Kommentare gelesen. Und ich habe gemerkt, dass mir das nicht gut tut: In den Kommentaren zeigt sich ein Gesicht von Deutschland, das mich anwidert. Da werden rechte Parolen gepostet, ausländerfeindliche Sprüche, homophobe Hetze. Das ist richtig beliebt! Denn in der Anonymität des Internets wird man "ja wohl mal seine Meinung sagen dürfen." Man muss niemandem Rede und Antwort stehen, einfach einen menschenverachtenden Kommentar in die Tasten kloppen, fertig.

Ich dachte damals, das wäre ein Einzelfall. Aber beim Anschauen weiterer Inhalte stieß ich auf mehr Einzelfälle... und noch mehr... bis ich dann irgendwann wütend, schockiert, ängstlich und traurig dagesessen habe und kurz davor war, den Glauben an das Gute im Menschen zu verlieren. Und das hochbegabte Gehirn kocht innerhalb weniger Sekunden auf hundertachtzig hoch und lässt sich dann nicht mehr so leicht beruhigen.

"Wir sind ja so eine aufgeschlossene Gesellschaft." - Nein.
"Ich habe nichts gegen Schwule, aber..." - Nein.
"Ich bin kein Nazi, nur weil..." - Nein.

Ich lese mittlerweile keine Kommentare mehr. Ich bin im Internet unterwegs, um mir die Inhalte anzuschauen und mir meine eigene Meinung zu bilden. Und endlich verfalle ich auch nicht mehr der Versuchung, doch noch einmal die Kommentare zu durchstöbern, weil ich endlich eingesehen habe, dass es mir nichts bringt. Dass ich nur wieder wütend werde.

Die einzigen Kommentare, die ich immer wieder gern lese, sind jene zu den Inhalten, die ich selbst gepostet habe. Und da dürfen auch gern die Hater loslegen. Und ich find's gut, dass Heiko Maas, unser derzeitiger Justizminister, versucht, konsequent dagegen vorzugehen.