Sonntag, 1. Mai 2016

Das Ding mit der Übersetzung

"Boah, warum müssen wir überhaupt Englisch können?" - Diese Frage höre ich so oft, man sollte es nicht glauben, ist diese Klage doch besser im Fach Latein aufgehoben. Und was antworte ich dann? Ich erzähle Geschichten aus der Welt der Videospiele, um zu veranschaulichen, was passiert, wenn man der englischen (und deutschen) Sprache nicht mächtig ist. Da kommt es in den deutschen Lokalisierungen gern mal zu unfreiwillig komischen Momenten - ausgerechnet im Genre des Survival Horror.

Das Genre findet seine Wurzeln in Spielen wie Sweet Home, Clock Tower, Alone in the Dark und Resident Evil, um nur ein paar zu nennen. Die Prämisse ist dabei eigentlich immer gleich: Hauptfigur landet durch unvorhergesehenen Zwischenfall in einer gefährlichen Situation (Geisterhaus, Zombiestadt, Ruinen) und muss versuchen, zu überleben. Im Laufe dessen müssen Rätsel gelöst werden und die Hintergrundgeschichte des gefährlichen Ortes aufgedeckt werden. Dabei sind die Rätsel meistens völlig fehl am Platz ("Benutze rosa Gummiball, um Loch in Abfluss zu stopfen und einen festgeklemmten Schlüssel wegzuspülen", großer Dank an Silent Hill) - was nicht heißt, dass sie keinen Spaß machen - und die Geschichten sind recht unrealistisch, ganz im Tenor der Rätsel. Wobei das kein Kritikpunkt sein sollte; wenn ich realistischen Survival Horror möchte, dann gehe ich einfach in eine Brennpunktschule. Wobei ich da leider keine Schrotflinte habe, um mir die Zombies vom Hals zu schaffen.

Ich weiß nicht, warum es ausgerechnet in diesem Genre so häufig zu unsinnigen Übersetzungen kommt - mag es daran liegen, dass man Übersetzungsprogramme wie Babelfish angewendet hat, die mit richtigem Deutsch nicht viel am Hut haben? So wird dann aus "Simulacrum Mask. I got it." das herrliche (Caro weiß, was jetzt kommt) "Spiegelung Maske. Ich habe es." Klingt ein bisschen wie "Klausur sechs. Ich teile aus." oder "Job fest. Ich habe sie." Großer Dank an Project Zero, auch für "Fortgegeisterte" als Übersetzung von "Spirited Away". Sehr schön auch manchmal die Gelassenheit der Figuren angesichts ungewöhnlicher Umstände: "Nur die geschmolzenen Überreste einer Hand. Nicht weiter interessant."

Ich bin für diese komischen Momente ganz dankbar. Denn man muss dem Survival Horror eines lassen: Er bringt einen zum Fürchten, zumindest bei so intensiven Spielen wie Silent Hill 2 oder Project Zero 2. Da kommt man ins Schwitzen, da sitzt man auf der Kante des Stuhls, da erschreckt man sich bei jeder Kleinigkeit und muss sich auch noch gegen Monster wehren, dat kann nich jeder, mitte viele Knöppe da! Und da kann ein bisschen comic relief ab und an gut tun.

(Was nicht heißen soll, dass nicht auch andere Spiele großartige Fehlübersetzungen produzieren - zum Beispiel Final Fantasy VII, ein Ausbund an Sprachfreude, in dem aus "Take's Sword" dann "Nimm's Schwert" wird (Take ist ein Name) und aus dem Angriff "Takedown" wird "Flachlegen").

Solche Geschichtchen erzähle ich meinen Schülern, in der Sicherheit, dass sie solche Übersetzungen natürlich auch fürchterlich finden. Stattdessen: "Was haben sie denn, sie wissen doch, was damit gemeint ist." Und das Grausige: Sie haben Recht. Nächstes Mal an der Fleischtheke werde ich sagen: "Hackfleisch Pfund. Ich kaufe ihn." und an der Kasse "Euro Zwanzig. Du nimmst es."

Abend Feier, ich brauche es.

Donnerstag, 28. April 2016

Aber bitte mit Appretur!

Heutiger Post erinnert mich an "Liebe beim Weichspülen" aus dem Film Die Teufelin und bringt mich zum Schmunzeln.

Wir lernen ein neues Wort, und zwar appretieren, bzw. Appretur. Nun gut, vermutlich bin ich der Einzige, der das noch nicht kannte. Im Prinzip ist es das Gegenteil von Weichspülen. Also - Hartspülen, sozusagen. Stärken. Was ist das und warum mache ich das?

Es geht um Handtücher. Scheinbar drängt die Fernsehwerbung einen unerbittlich, den weichsten Weichspüler für die sanfteste Wäsche zu nutzen. Ich mag das auch, meine normalen Handtücher im Bad sind alle weichgespült, weil es sich auf der Haut besser anfühlt. Aber jetzt kommt wieder der Hochbegabten-Tick, der da sagt: Genau andersrum! Teste doch einfach mal, wie es sich anfühlt, wenn es möglichst rauh ist.

Ich habe seither einen zweiten Satz Hand- bzw. Badetücher in der Wohnung. Ich wasche sie genau wie die anderen, allerdings gebe ich keinen Weichspüler hinzu. Im Gegenteil, in den letzten Spülgang gebe ich Wäschesteife, so nennt sich das. Die Tücher, die ich nach dem Schleudern aus der Maschine hole, unterscheiden sich auf den ersten Blick nicht wesentlich von normalen Handtüchern, sie sehen genauso aus und sie fühlen sich genauso an, nämlich nass.

Wobei hier der erste Unterschied zum Tragen kommt: Sie sind noch sehr nass. Ich schleudere diese Handtücher niedrigtourig, damit möglichst viel Feuchtigkeit und Stärke in der Wäsche verbleibt. Natürlich dauert es sehr lange, bis die Stücke endlich getrocknet sind. Die Feuchtigkeit ist verdunstet, die Stärke ist zurückgeblieben, mit dem Effekt, dass ich die Handtücher wie Pappkarton vom Wäscheständer nehmen kann. Sie sind hart, fest appretiert. Das hat mit anschmiegsam nicht mal im Geringsten etwas zu tun.

Aber warum, Dr Hilarius (dessen Erklärung auch einmal Gegenstand eines Posts sein wird), warum nur wollen sie harte, unbequeme Handtücher, die pieksen, die kratzen, warum kann man das wollen?

Die Meditation.

Ich meditiere stets im Liegen auf meiner Schlafcouch, selbige mit einer Decke überdeckt und auf jene Decke lege ich jeweils ein Handtuch für den Kopf und den Körper. Und zwar nur die gestärkten Meditationshandtücher. Wenn ich mich dann nach dem Duschen - die Haut ist noch weich und warm, alles ganz wohlig - auf diese "Reibbretter" lege, dann geht ein Kribbeln durch meinen Körper. In der Meditation ist meine Haut hochempfindlich - genauer gesagt, mein Gehirn reagiert hochempfindlich auf Sinnesreizungen. Das Kribbeln ist angenehm, ich genieße es, ich merke, wie meine Haut sich an die Oberfläche des Handtuchs anpasst. Es piekst wohlig - wie gesagt, ein Genuss für jeden, der Sinneserfahrungen gern auskosten möchte. Die Durchblutung der Haut wird gefördert, man muss das Erlebnis nur zu schätzen wissen. Ich erlebe es sogar, dass dadurch meine Gedankengänge angeregt werden, es kommt mehr Bewegung in die Kopfwelt. Ich möchte dieses Erlebnis - im wahrsten Sinne des Wortes, diese Sensation - nicht mehr missen.

Tja, und das ist der Grund, warum ich einen Satz weich- und einen Satz hartgespülte Badetücher in der Wohnung habe. Komischer Typ.

post scriptum: Es muss auch mal was Alltägliches sein, nicht immer Grundlagendiskussionen oder so, ich glaub, ich sollte bald mal ein Bilderrätsel posten. Lasst Euch überraschen!

Mittwoch, 27. April 2016

Gemeinschaftsschule - eine Frage der Einstellung

Ich werde etwas unregelmäßig mit meinen Posts. Ich versuch mal, das wieder täglich hinzubekommen, aber nicht immer spuckt mein Gehirn eine brauchbare Idee aus. Heute allerdings doch, angefacht durch meinen heutigen Unterricht in Eckernförde und durch diese Dokumentation, eine Schulwoche an einer Gemeinschaftsschule (GemS) in Mettenhof:


Doch zunächst aus irgendeinem Gymnasium. Ich hatte das Vorurteil im Kopf, dass das alles unglaublich spießig dort ist. Und ja, ein paar Aspekte davon haben sich bewahrheitet. Wir haben dort bildungsnahe Schichten, wir haben hier vorbildlich ausgebildete Lehrer. Im Gespräch mit einem Kollegen meine ich fast eine arrogante Haltung herausgehört zu haben, dabei haben wir uns einfach nur über die Unterschiede unterhalten zwischen Unterricht am Gymnasium und an der GemS. Und seine Haltung "Den Erziehungsauftrag haben doch die Eltern, ich möchte mich auf die Fachvermittlung konzentrieren" kann ich zwar nicht teilen, aber respektieren. Da ich es mittlerweile anders sehe, möchte ich in Zukunft lieber an einer GemS unterrichten.

Sicher, die Kinder sind wesentlich lauter dort. Der Umgang ist lockerer. Das Niveau ist deutlich niedriger. Man schafft nicht viel Stoff. Man verbringt den Großteil der Stunde mit pädagogischem Wirken. Aber das Alles hat Gründe.

Die Kinder sind laut, haben oft keine Manieren, pöbeln sich an, prügeln sich. Sie gehen unter Umständen kriminellen Aktivitäten nach, sie interessieren sich nicht für Schule. Aber mal ehrlich: Vieles davon ist einfach nur menschlich. Ich fand Schule zum Großteil todlangweilig, ich war verhaltensauffällig. Mein Verhalten hat den meisten Lehrern nicht gefallen und oft musste ich die Klasse verlassen und/oder nachsitzen. Mir mag das Verhalten dieser Schüler nicht gefallen, aber das ändert nichts an meiner Grundhaltung: Jeder Mensch ist gut. Das Verhalten, mit dem ich in der GemS konfrontiert werde, hat teilweise sehr ernsthafte Gründe.

Kaum einer der Schüler sucht sich aus, so zu sein. Glaubt etwa irgend jemand, sie seien glücklich mit ihrem Auftreten? Leider ist das eine Einstellung, die ich öfters aus gymnasialer Richtung höre. Aber viele dieser Kinder haben ein zerrüttetes Elternhaus. Manche waren "Unfälle", manche sind sich dessen bewusst. Einige wurden körperlich bis sexuell misshandelt, teilweise schwer und schwerst. Einige werden zuhause vernachlässigt, manche eingesperrt. Haben denn so wenige Kollegen eine Ahnung, was das mit einem Kind anstellen kann? Oder denken sie "Naja, das müssen die Eltern wieder gerade biegen, oder das Jugendamt, aber das ist nicht meine Aufgabe"? Na dann danke, ich denke, dass ich als Lehrer neben dem Bildungsauftrag immer einen Erziehungsauftrag habe. Ob ich das nun will oder nicht: Die Erfahrung lehrt, dass Schüler mir gern folgen. Ich übernehme eine Vorbildfunktion (obwohl ich das überhaupt nicht möchte und denke, dass ich kein gutes Vorbild bin). Wie sagte Erich Kästner:

"Es hat gar keinen Sinn, unsere Kinder erziehen zu wollen. Sie machen uns sowieso alles nach."

Mit den Kindern einer GemS muss ich arbeiten, und zwar wesentlich intensiver als am Gymnasium. Deswegen finde ich es auch immer ein wenig zum Schmunzeln, wenn so viele Gymnasialkollegen sich als Pädagogen bezeichnen. Denn Fachvermittlung nach dem Trichter-in-den-Kopf-Modell hat nichts mit Pädagogik zu tun, ebenso wenig die Anwendung unterschiedlicher Unterrichtsmethoden. Und auch Manieren, höfliches Begrüßen und Türen aufzuhalten sind für mich keine besonderen pädagogischen Leistungen.

Der Begriff Pädagogik kommt aus dem Altgriechischen und bedeutet wortwörtlich "Arbeit mit Kindern". Oder, etwas unschöner formuliert, "Arbeit an Kindern". Und wenn ich erreichen kann, dass ein GemS-Kind gern in meinen Unterricht geht und etwas daraus mitnimmt, wenn es mir sagt "Bei ihnen verstehe ich das wenigstens", dann bin ich sehr stolz. Es gibt mir ein wesentlich stärkeres Gefühl der Genugtuung, einen solchen Erfolg erzielt zu haben, als mit dem Lehrbuch durchgekommen zu sein oder einen methodisch abwechslungsreichen Unterricht zu gestalten. "Herr Homann, sie tun unseren Kindern so gut", dieses Kompliment werde ich mein Leben lang nicht vergessen. Es zeigt mir, dass ich an einer GemS so viel mehr erreichen kann als an einem Gymnasium.

Deswegen möchte ich dort hin. Die Kinder sind authentischer, manche einfach, weil sie nicht die kognitive Kapazität besitzen, um sich zu verstellen. Das ist mir lieber als die teils gespielte Friedfertigkeit der Gymnasiasten. Was kann ich da schon bewirken? Ich möchte im Brennpunkt sein, so wie Marie-Therese Exler in oben verlinkter Doku - ich kann ihre Haltung so gut verstehen. Wenn 45 Minuten meines Unterrichts das Kind aus einem gewalttätigen häuslichen Umfeld entführen können, in dem sie nicht einmal als Lebewesen, als Individuum wertgeschätzt werden, dann macht mich das stolz.

Doch damit es nicht scheint, als würde ich meine Arbeit am Gymnasium lieblos dahinpfeffern - heute hatte ich ein sehr schönes Erlebnis. "Herr Homann, können sie nicht Herrn XY (den ich vertrete) von ihren Unterrichtsmethoden überzeugen?" Ich bin froh, dass ich niemals mich selbst vertreten werde. Und Schüler aus anderen Kursen stecken misstrauisch ihren Kopf in die Klasse und fragen: "Was macht ihr denn da???" Und eine Schülerin antwortet: "Wir meditieren, wir gehen auf eine Gedankenreise." Dann genieße ich durchaus ein bisschen die "Will ich auch!"-Blicke der Schüler, die dann in ihren Kurs zurücktapern. Und ich mache diese Aktionen nicht für den Effekt. Ich mache, verknüpft mit der Gedankenreise, die dann schriftlich auf Englisch festgehalten wird, eine Lernstandserhebung zur Sprachfertigkeit, ohne die Schüler dabei in ein inhaltliches Korsett zu zwängen und sie irgendwie unter Druck zu setzen. Und wenn es Spaß macht - super!

Ich liebe meinen Beruf. Aber ich liebe auch meine Freizeit, weswegen auf meiner Prioritätenliste der Beruf niemals auf dem ersten Platz landen wird.

Montag, 25. April 2016

Gulaschkanone

...und ich bummel also durch plaza (mit all seinen phonetischen Variationen) und sehe, dass es dort Szegediner Gulasch gibt. Sofort fährt ein Gedankenzug los, ich erinnere mich daran, irgendwo mal das Wort "Gulaschkanone" gehört zu haben. Ich finde, das klingt herrlich, weil es sogleich interessante Bilder weckt.

Ich sehe da vor mir eine mittelalterliche Kanone, doch statt mit Kugeln wird mit Gulasch geschossen. Warum sollte man sowas tun? Nun, das erklärt sich, wenn man die Funktion der Kanone im Allgemeinen betrachtet. Völlig fernab jeglichen Gulaschs nutzt man die Kanone als Kriegswaffe, glaube ich zumindest. Gefährliches Halbwissen. Ich versuche damit also, meine Gegner zu töten. Kanone schlägt ein und dann ist Ruhe im Karton, oder so ähnlich.

Mit einem Gulaschknall kann man aber nicht so recht töten - ha, werter Leser, aufgepasst! Wir müssen hier abstrahieren. Ersetzen wir den "Krieg" doch einfach durch "Unterricht", der Feind sind die Schüler. Und die Situation, in der wir uns befinden, ist eine Klassenfahrt.

Es war ein anstrengender Tag, die Klasse wurde durch unzählige Museen gehetzt und musste die Strecken dazwischen auch noch zu Fuß zurücklegen. Die liebevoll SuS genannten Wesen, die Susen, sind genervt, erschöpft, halb ausgehungert und planen eine Meuterei. Aha! Jetzt merken wir, wie der Schüler in die Rolle des Feindes fällt. Wie können wir ihn besiegen? Wie können wir Ruhe im Karton erhalten?

Indem wir ihnen einfach die gierigen Mäuler stopfen! Essen, Essen, Essen, nicht lange kauen, es wird direkt inhaliert! Oder noch besser - und nun haben wir's! Zielen, ein Stück nach rechts, Zündung! Die Gulaschkanone hat einen weiteren Schüler zum Schweigen gebracht. Peng, krach, bumm, weitere Ladungen, und endlich hab ich Ruhe vor den kleinen Monstern.

Und so hat die Gulaschkanone also doch getötet, und zwar den Lärm, und mir damit den Frieden gebracht. Und wer die Google-Bildersuche benutzt, findet ein paar sehr schöne Gulaschkanonen - die im Fachjargon auch Feldkochherd genannt werden.

Guten Appetit!

Samstag, 23. April 2016

Schnellkasse 2 - Die Kontrollwaage schlägt zurück

Kiel Holstenstraße, Milliarden Menschen auf dem Weg, um ihre umfangreichen Einkäufe zu erledigen. Denn wer weiß: Vielleicht wird Kiel morgen von einer nuklearen Katastrophe heimgesucht und es wird nie wieder so unabdingbare Sachen geben wie z.B. Zwiebelmett, Hüftsteak und Kernseife. Drollig - die traditionelle Kernfamilie aus Mutter, Vater und Kind wird im Englischen nuclear family genannt. Angesichts der ganzen Schantalles und Käwiehns gab es also schon heute nukleare Katastrophen in Massen, da trifft es dann auch der Ausdruck Größter Anzunehmender Unfall - GAU.

Und vielleicht wird es dann auch keine Friseure mehr geben, also eile ich dorthin, ab mit dem Kopf, und dann figurativ kopflos irgendwo hin, wo es Zucker gibt. Also warum nicht zum Edeka im Sophienhof. Auch hier: Schakkelines und Horst-Detlefs und Dschastinns, in Gang drei ist eine Milchtüte geplatzt, der Pudel der Frau, die die Gänge zwei und drei gleichzeitig für sich beansprucht, schlabbert alles auf inklusive der Ritalinpille, die da rumkullert, eine Kapsel in modischem grau-violett. Wenigstens scheißt er nicht in die Regale - sonst würde er vermutlich im nächsten Hackbraten landen, das Kilo fünf neunundneunzig, darf's ein bisschen mehr sein, okay, dann sieben neunundvierzig.

Und zwischendurch immer wieder das monotone Piepen, die Scanner der Kassiererinnen, die Waffe der kleinen Hausfrau, wie uns ihrerzeit Anke Engelke bei Ladykracher präsentierte. Sollte Hüdora-Atlantis-Mareike also zu sehr rumplärren, wird ihr einfach das Mundwerk weggescannt. Die Scanner sind der Verkaufsschlager schlechthin, munkelt man doch, dass man mit ihnen auch schlechte Noten, Studienleiter und Exfreunde wegscannen kann. Und befristete Arbeitsverträge inklusive der für sie verantwortlichen Sachbearbeiter. Und Britta Ernst.

Aus den Lautsprechern schallt es: "Frau Römpömpöm, kommst Du mal an Kasse 17!" Mein Blick schnellt zu jener Kasse, an der ein Baby auf das Fließband gekotzt hat, direkt vom Einkaufswagensitz aus, reife Leistung, sollte später irgendwas werden, für das man Zielgenauigkeit braucht. Aber es ist ja nicht nur das, was da auf dem Fließband... liegt. Das Hauptproblem ist, dass der Massenmörderscanner ausgefallen ist, ich krieg' die Krise! Da sehe ich, oh Wunder der Modernisierung, die vier Schnellkassen, an denen man selbst seine Ware einscannt und mit Karte bezahlt. Wie geil ist das denn!

Also gehe ich an die freie Kasse, berühre den Bildschirm wie vorgeschlagen und nehme den Scanner in die Hand. Fühlt sich an wie eine Pistole - kein Witz, am Abzug ist der Scanknopf, also baller ich mit rot-zu-grün-Laserstrahlen auf meine Zuckerpakete. Wenn Wara Wende jetzt hier vorbeikäme... ich fühle mich wie der Meister des Universums mit der Scannerpistole, mist, warum hab ich nur zwei Pakete Zucker eingekauft, ich will noch viel, viel mehr scannen, ich will diese Macht genießen, gibt es eigentlich im Duden schon das Wort "scangeil"? Ich mein' ja nur, weil es auch sowas wie nadelgeil und likegeil gibt. Interessante Vorstellung, dass ein Warenscanner zu einer Droge werden kann. Ich nehme mir vor, nur noch bei diesem Edeka einzukaufen, damit ich noch möglichst viel mit diesen Scannerkassen rumspielen kann. Dafür nehme ich die höheren Preise in Kauf, den Fußmarsch in die City, alles kein Problem, Hauptsache, am Ende steht wieder auf dem Bon "Es bediente Sie Frau SCO42".

Wahnsinn, so, jetzt nur noch bezahlen, das sollte für den Meister des Scanner-Universums kein Problem mehr sein, ich muss den Scanner nur mal eben zur Seite legen, um meine Uzi-Finger für die PIN-Eingabe bereit zu machen. Doch da! Was ist das!! Was ist nur geschehen!!!

ERROR!!!

Ich sehe das riesige, rote Fehlerfenster aufleuchten und fühle mich direkt ertappt. Vermutlich kommt gleich der Warenhausdetektiv. Wie peinlich! Naja, nicht ganz so peinlich wie die Kotzkasse, aber trotzdem. Und somit wird aus dem Meister des Universums ein Sklave Edekas, unterwürfig, demütig um Hilfe bittend. Ich Idiot habe den Scanner auf die Kontrollwaage gelegt, das Gewicht wurde daher während des Zahlvorgangs verändert. Ich bekomme alles kaputt. Hehe... klar, ich habe schließlich die Macht. Aber nicht mehr über den Scanner, denn die Bezahlung ist abgeschlosen und ich wandere gen Ausgang. Und wie sagte Arnie?

"I'll be back..."

Donnerstag, 21. April 2016

Entschleunigung

Es ist Donnerstag, der 21.04.2016, 15:20 Uhr. Ich bin auf dem Rückweg aus Eckernförde. Ich sitze in einem grauen Auto, ein bisschen verbeult, nachdem ich vor einem Jahr einen Unfall zum Glück nur mit Blechschaden inszeniert habe. Und es fängt wieder an: Mein Gehirn läuft heiß. Schneller. Komm, nun fahr doch schneller. Hier sind Hundertzwanzig erlaubt und die Strecke ist doch frei. Die Mutti will nicht neunzig werden, ich tret ins Blech, klappert da hinten was am Tank? Egal, ich will nach Hause, nun mach mal hinne da vorne!

*Mein Kopf wird langsam rot, Rauch tritt aus den Ohren. Wenn man genau hinschaut, erkennt man, wie sich unten im Bodenblech nach und nach der Höllenschlund öffnet und ich noch mehr Zunder im Kopf bekomme.*

Geht das nicht schneller! Da vorne blinkt einer und will überholen, na endlich, ich komme etwas näher an den Langsamfahrer, scheiße, warum fällt jetzt das Radio aus, ich könnte kotzen und die Sonne blendet...

*Ich ziehe einen Schweif des Wahnsinns hinter mir her und lasse nichts als Reifenspuren, Rauch und verblichene Gedanken zurück, die Karosserie fängt langsam an zu glühen*

...Sonnenbrille klemmt, scheiß drauf, Fenster runter, ich brauch Sauerstoff, der Luftstrom dröhnt in meinen Ohren...

*Funken sprühen, Fetzen fliegen, die Landschaft verschwimmt bei der Geschwindigkeit*

...geil maaaaaaaaan, faaaaaAAAHHHRRRR DOCH SCHNELLER DU FO...

Vollsperrung.

Ich stehe im Stau und sehe, dass der Theodor-Heuss-Ring zeitweise gesperrt wird. Und habe auf einmal ganz viel Zeit. Ich brauche 30 Minuten von Kronshagen Nord bis Hamburger Chaussee. Und ich entscheide mich, zu entspannen. Mir wird bewusst, dass es wieder passiert ist, mein Gehirn ist zu heiß gelaufen, die Gedanken sind zu schnell geworden, und was passiert dann? Ich bekomme vom Leben überhaupt nichts mehr mit. Um Tales for an Accelerated Culture ging es in meiner Examensarbeit, Gruß nach Vancouver, Douglas Coupland!

Ich muss wieder mehr darauf achten, meinen Alltag zu entschleunigen, damit ich auch was vom Leben habe. Deswegen habe ich kein Smartphone, deswegen bin ich oft nicht erreichbar, ich lebe lieber direkt. Das war mal anders, und ich bin froh, dass ich davon einigermaßen weggekommen bin.

Leute, warum habt Ihr es alle so eilig?