Dienstag, 1. August 2017

Erster Achter

Time and time again...

So, war das nun eine kreative Schreibpause? Hieße, dass ich viele Ideen in der Zwischenzeit angehäuft habe, nein, ich merke nur gerade, wie ich die Sommerferien nutze, um Spaß zu haben, und da liegt die Blogarbeit hin und wieder brach, obwohl mir das Publizieren auch Spaß macht.

Heute gibt es allerdings einen Anlass, der August beginnt, damit das neue Schuljahr und ich bin jetzt offiziell wieder arbeitslos. Nun könnte ich natürlich direkt im Arbeitsamt vorbeispazieren und mein Arbeitslosengeld beantragen, aber ich möchte mir den Tag nicht direkt versauen. Heute sind genügend andere Dinge zu erledigen, und da es eh' lange dauert, bis das ALG bewilligt wird, muss ich das nicht heute beantragen.

Schöner wäre es, wenn ich es überhaupt nicht beantragen müsste. Die Jobsituation ist auch Hauptgrund, warum ich nicht vor einigen Tagen zum Sommerfest am Institut für Klassische Altertumskunde der CAU gegangen bin. Eigentlich möchte ich schon seit Langem insbesondere einen Prof wiedersehen - aber ich habe keine Lust, mich den bohrenden Fragen zu stellen. Ich war damals leider im Institut bekannt wie ein bunter Hund und sicherlich würden viele Menschen gefragt haben, wo ich denn nun gelandet bin.

Und da stehe ich dann, erkläre den verbeamteten Ex-Kommilitonen mit Ehepartner und Kinderwagen, dass ich wieder im Arbeitsamt gelandet bin. Und dann die mitleidigen Blicke und Kommentare und die strunzdämliche Frage "Oh nein, wie kann das denn sein?" - das dürft Ihr mich nicht fragen! Es gibt Gründe dafür, aber die möchte ich Euch nicht umständlich erklären müssen, denn ich war damals schon ein Freak für Euch und daran hat sich nichts geändert. Und Freaks brauchen eben ein bisschen länger, bis sie ihre Nische gefunden haben. Ein ehemaliger KommilitoneSläschAutist kann davon ein Lied singen.

Und somit habe ich mich gefragt, warum um alles in der Welt ich zu diesem Fest gehen soll? Und dann immer dieses "Ach, so jemand wie du findet doch sofort wieder einen Job!" - ja ne is' klar, willkommen im Land der überflüssigen Phrasen. Stichwort Phrasendrescherei - Er war auch da, und seine Freundin später auch. Und da seine Signale, dass wir langsam mal uns gegenseitig bekanntmachen könnten, wieder nur eine Runde Phrasen-BS von ihm waren, wäre das eine weitere Situation gewesen, auf die ich verzichten konnte. Also kein Sommerfest für diesen Verrückten in diesem Jahr.

Aber es ist ja erst der Erste Achte. Die Sannitanic hat mir geraten, die Sommerferien ausgiebig zu genießen, weil ich am Ende wieder werde unterrichten müssen. Sagt die Frau, die mir sonst immer die Realitätskeule um die Ohren kloppt.

Fruamur ferias! ...oder so ähnlich...

post scriptum: Home Improvement - durch die Seifenspender an der Wand kann ich auf die Flaschen auf dem Wannenrand verzichten, die immer eklige Kalkränder erzeugen ^^ Und... ich merke, wie lange ich keinen 3D-Film mehr geschaut habe, dabei habe ich das ganze Equipment da - also einfach mal genießen, und da wären wir wieder bei der Vokabel "frui".

 

Freitag, 28. Juli 2017

Ambient und ich

Neue Musik, neue Erfahrungen...

Ich dachte eigentlich immer, Ambient sei so eine Musikrichtung, die im Hintergrund läuft. Unaufdringliche Melodien, keine Texte. Lieder, die man bei Gästen im Hintergrund laufen lassen kann. Ich dachte zum Beispiel, Oxycanta sei Ambientmusik. Dann habe ich in einer Rezension gelesen, dass nur die letzten Stücke dieses wunderbaren Albums diese Bezeichnung verdienen. Mittlerweile verstehe ich, warum das so ist.

Eine Meditation dauert bei mir immer etwa eine Stunde. Genauer gesagt: Sie dauert ein Album. Denn ich lasse mich von Konzeptalben begleiten. Im Idealfall Alben, die eine Art Reise beschreiben, bzw. zu denen mein Gehirn sich eine Reise ersinnen kann. Diese Alben haben idealerweise keine Pausen zwischen den Tracks, sondern sind als full mix abgemischt. Sie liegen in sehr hoher Soundqualität als FLAC-Dateien vor. Sie machen Gebrauch von Surroundsystemen, sind mindestens als 5.1 aufgenommen.

Das ist nämlich mein persönlicher Idealtyp der Meditation: Ich liege auf der umgeklappten Couch, natürlich nackt für maximale Freiheit und unverfälschtes Sinnesempfinden der Haut. Die Augen sind geschlossen, behind closed eyelids beginnt für mich die Reise. Die Musik ist überall: Ich kann die Lautsprecher räumlich nicht ausmachen, denn wenn man sich mit Surroundsound umgibt, erfährt man die Bedeutung des Begriffs "Klangwelten". Und ich bin mittendrin. Um mich herum fantastische Welten, suggeriert durch die Musik.

Das kann ich mit jeglicher Musik machen, die mir für den Zweck zusagt, und wie schon öfters in diesem Blog beschrieben, haben sich die Alben abgelöst: Zuerst gab es für mich überhaupt keine Alternative zu Hallucinogen in Dub, doch dann kam ein Franzose und hat das Album vom Thron gekickt. Nebulae (Live at the Planetarium) war von da an die Musik, zu der ich meditieren wollte, die Musik, die mich auf die Gedankenreise mitnehmen sollte. Dann wurde ich auf Oxycanta aufmerksam, und schließlich auf das vor Kurzem erschienene Album Polarity (natürlich vom Downtempo-Label meines Vertrauens, ultimae records).

Warum die Alben "besser" waren als ihre Vorgänger? "Naja, Du hast Dich bestimmt sattgehört an denen, ein bisschen Abwechslung tut auch mal ganz gut." - Nein, habe ich nicht. Ich kann mich an ihnen nicht satthören, dazu sind sie zu komplex, zu progressiv. Nein, diese Alben haben es geschafft, die Welten meiner Gedankenreise plastischer darzustellen. Und nun sind wir beim Ambient: Diese Musik ahmt nach, was um uns herum vor sich geht - etymologisch betrachtet - und der Effekt ist absolut fantastisch: Zu Beginn von Polarity bin ich in einer großen Halle, und hier und dort sind Aufbauten, zwischen denen Vögel hin und her fliegen. Und es geht so weiter.

Das heißt, Polarity, bzw. Ambientmusik schenkt mir nicht in erster Linie schöne Melodien, sondern detailreich ausgestattete Welten, in denen die Musik selbst eine untergeordnete Rolle spielt, und ich fühle mich in dieser Welt wohl - das scheint die perfekte Begleitung für meine Gedankenreisen zu sein. Dass Polarity Größen aus der Downtempo-Szene an einen Tisch holt, muss ich hier nicht extra erwähnen. Dass aber die AMBIENT side nur eine Hälfte des gesamten Erlebnisses ist, dass soll jeder für sich selbst entdecken, wenn er möchte.

Ich reise weiter...


Donnerstag, 27. Juli 2017

"Ich war auch mal so..."

Ja, ich war sehr gern Zivi! ...oder?

Ich habe hier vor ein paar Tagen einen Beitrag über mein Verhältnis zu Handball geschrieben. Ich würde heute gern auf das dem zugrunde liegende Problem etwas tiefer eingehen. Dazu blicke ich mal wieder zurück in meine Jugend. Handball ist die eine Sache, aber da gibt es auch andere Anekdoten.

Was das zugrunde liegende Problem ist? Der unbändige Wunsch, meine Mitmenschen nicht zu enttäuschen.

Sonntags sind wir immer zu Oma gefahren. Dort haben wir Kaffee getrunken, Kuchen gegessen und jedesmal zwei oder drei Runden Drei bis Dreizehn gespielt, das Kartenspiel hat auch einen anderen Namen, an den ich mich aber nicht erinnere. "Du warst doch immer gerne mit dabei, wenn wir zu Oma gefahren sind", tönt es. Aber eigentlich fand ich das langweilig. Die Erwachsenen haben über Themen gesprochen, die ich nicht verstanden habe. Ich mochte Drei bis Dreizehn nicht wirklich. Aber ich habe brav gelernt, wie es geht und natürlich immer mitgespielt, denn ich wollte nicht, dass Mama und Papa von mir enttäuscht sind. Dass ich froh war, nach der ersten Runde aus der Gruppe entlassen zu sein, und dass ich mir dann viel lieber eigene Beschäftigungen gesucht habe, registrierten sie nicht. Wie denn auch? Wie hätten sie es merken sollen, wenn ich sie anstrahle und ihnen erzähle, wie viel Spaß mir das Kartenspiel bereitet. Das schauspielerte ich sehr überzeugend - damit sie nicht von mir enttäuscht sind - jahrelang.

Na klasse, in der Meditation hatte ich so schöne, anschauliche Geschichten von damals parat, und nun sind sie weg. Egal, es geht um's Prinzip, nämlich dass in der Konsequenz meiner Schauspielerei meine Eltern überzeugt waren: "Das hast du früher immer gern gespielt! Das hast du früher immer gern gegessen! Früher mochtest du immer..."

Und ich? Haufenweise Selbstverleugnung, aber der Zweck wurde erfüllt: Sie waren nicht enttäuscht von mir. Dass ich dadurch nie richtig herausgefunden habe, was ich denn nun eigentlich mochte, war egal. "Was ist Dr Hilarius für ein Kind?" - diese Frage hat man damals nie wahrheitsgetreu beantworten können, denn wenn Mama mir neue Schuhe kaufte, dann trug ich sie und sagte brav "Ja, die finde ich gut." So ging es mit Essen, Sport, Kleidung - ich wurde quasi eine Projektionsfläche der Wünsche meiner Eltern und ich versuchte, ihren Vorstellungen so gut wie möglich gerecht zu werden.

Ich dachte, als Kind muss man das nun mal so machen.

Es hat sehr lange gedauert, bis sich etwas in meinem Kopf getan hat. Zwanzig Jahre Anpassung, das wird man nicht mal eben schnell los. Aber letztlich ist es irgendwann passiert, der Schalter ist umgeklappt. Jetzt sage ich offen (manchmal zu offen, ich weiß), was mir gefällt. Jetzt stehe ich zu diesen Dingen. Jetzt weiß ich, dass ich eine eigene Persönlichkeit haben darf. Jetzt weiß ich, dass meine wahren Freunde sich darin zeigen, dass ich ihnen nie etwas vorspielen muss, damit sie nicht von mir enttäuscht sind.

Jetzt ist das Alles anders, und ich bin so glücklich damit und kann gar nicht verstehen, wie Menschen Anderen etwas vormachen, ihnen zuliebe. Leute, das ist doch so einfach, Ihr müsst es niemandem recht machen! Sagt einfach, was Ihr denkt! Ja, so sehe ich das... denn immer wieder vergesse ich, dass ich auch mal so war. Immer wieder vergesse ich, dass ein jahrzehntealter Panzer aus Schauspielerei erstmal aufgebrochen werden musste.

Zum Glück fällt es mir dann hin und wieder ein, zum Glück erlebe ich in manchen Meditationen meine Jugend erneut, erlebe mich, wie ich es allen recht machen wollte, sie sollten nie von mir enttäuscht sein. Und gewinne ein wenig Empathie zurück für einen Menschen, der noch in diesem Panzer steckt. Der jedem das sagt, was er hören will, und darüber hinaus sich selbst oft genug verleugnet und damit falsche Signale nach außen sendet.

Und ich wünsche mir so sehnlich, dass Er diesen Schritt schafft...

Mittwoch, 26. Juli 2017

Die Anonymität

Mein Meditationszimmer in Husum, die einzige Möglichkeit zur Flucht...

Husum ist klein. Husum ist provinziell-spießig. In Husum kennt jeder jeden. In Husum kann ich nicht zum Bäcker gehen, ohne eine Mutter, einen Schüler und meine Schulleiterin zu treffen, und die Bäckerin begrüßt mich beim Vornamen. Wenn ich mir ein neues Auto zulege, weiß das in kürzester Zeit ganz Husum, zerreißt sich das Maul darüber und bildet sich seine Meinung, als hätte niemand Anderes mit seiner Zeit zu tun. In Husum kann ich nichts abseits des Mainstreams tun, ohne mir missbilligende Blicke einzufangen. Wenn ich ungewöhnliche Kleidung trage: Missbilligende Blicke (die Buba sagt "bhissbiwwiggedhe"). Wenn ich Psychedelika ausprobiere: Missbilligende Blicke. Wenn ich Doom Metal höre: Missbilligende Blicke. Wenn ich perverse sexuelle Fantasien habe: Missbilligende Blicke. Husum ist nicht aufgeklärt.

Das waren eine ganze Reihe Gründe, warum ich unbedingt wieder aus Husum weg wollte, aus einer Stadt, in der ich zumindest im Ansatz überlegt hatte, bleiben zu wollen. Es dauerte drei Monate, um diese Überlegungen über Bord zu werfen - denn ich brauche die Stadt, Größe egal. Ich brauche den Lärm. Ich brauche die Möglichkeit zur Flucht innerhalb des Lärms - zum Beispiel durch Parks oder meine Weltraumbasis. Ich brauche die Anonymität. Ich möchte unerkannt einkaufen gehen können. Ich möchte, dass es die Leute einen Scheiß interessiert, ob ich Gothic-Outfits trage. Ich möchte, dass die Leute in Sachen sexueller Vielfalt etwas aufgeklärter sind. Ich möchte nicht beim Vornamen begrüßt werden, außer von meinen Freunden. Ich möchte mein eigenes Offstream-Ding durchziehen, ohne dafür verurteilt zu werden.

Neunzehn Jahre lang habe ich in Dithmarschen gelebt, neunzehn Jahre lang war das nicht möglich - und dann kam Kiel. Und dabei ist Kiel noch nicht einmal Hamburg oder Berlin, bei Weitem nicht, aber es ist auch keine Provinz mehr, kein Nest. Es gibt hier eine Schwarze Szene. Ich habe meine eigene geschmackliche Vielfalt erst hier entdeckt, nicht in den engen Zwängen der Westküste. Nachvollziehbar, dass Husum dann ein gewaltiger Schritt rückwärts in dieser Entwicklung war, und ich auf einmal wieder eingesperrt war in der Ludwig-Ohlsen-Straße, in viel zu engen ("ideologischen") Wänden, strebend nach Platz für meinen Geist zum Durchatmen.

Der Weg zurück nach Kiel hat befreit. Endlich ist diese Luft wieder da, endlich wieder die Anonymität. Gerade in dieser Situation finde ich es faszinierend, dass es eben doch ein paar Menschen gibt, mit denen ich auf Du bin und die mich begrüßen, sei es nun Sven oder die Mitarbeiter unten bei Sky oder Ture von nebenan oder die Damen beim Friseur unten, wo ich gerade her komme. Irgendwie ist es doch schön, ein paar "Ankerpunkte" zu haben, ein paar Punkte festzumachen, anhand derer ich sagen kann:

Das hier ist mein Zuhause.

post scriptum: Spicy mag nicht mehr Pressesprecher des Weißen Hauses sein, aber seine Nachfolgerin Sarah Huckabee Sanders stellt eine veritable Comedy-Goldmine dar. Warum? Nun...

"She's looking like a sorority girl at a rave party whose Ecstasy pill has just kicked in." (S.Colbert)
passing gas...
"Is this supposed to be mommy's birthday present...?!"

"You talkin' to me???"

Montag, 24. Juli 2017

Akte X


So, die Sommerferien haben begonnen, herzlich willkommen in der Freizeit. Irgendwann im Studium habe ich gemerkt, dass die Ferien mir gefährlich werden können: Wenn ich geistig nicht genug ausgelastet bin, geht es mir richtig mies. Also habe ich mir damals gesagt, dass ich mir eine Beschäftigung zulege, wenn Ferien anstehen. Das kann ein neues Videospiel sein, oder ein neues Buch (ich habe ewig nicht mehr gelesen... würde mir zu diesem Zeitpunkt vielleicht ganz gut tun), oder aber eine neue Serie.

So habe ich vor einigen Monaten mit den X-Files gestartet - und am vergangenen Wochenende die zehnte Staffel beendet. Das war eine phänomenale Entscheidung! Für mich als Hochbegabten bieten die X-Files eine ganze Menge, wissenschaftliche Theorien, ungewöhnliche Erkrankungen, übernatürliche Vorfälle - ich habe mich dort sehr gut aufgehoben gefühlt. Es war immer wieder schön, mit Mulder und Scully ungewöhnliche Fälle zu lösen.

Was sind die X-Files eigentlich? In einer Episode wird erklärt, wie es zu diesem Namen kam: Es geht um Fälle des FBI, die nicht gelöst werden konnten und daher unter U für unsolved zu den Akten gelegt wurden. Weil aber irgendwann das Register unter U voll war, hat man die Akten unter X einsortiert, und auf diese Weise wurden sie zur Akte X.

Hauptfiguren sind zwei Ermittler des FBI, Fox Mulder und Dana Scully. Mulder glaubt an das Übernatürliche, und durch seinen Instinkt und seine mentale Offenheit gelingt es ihm oft, die richtige Spur zu finden. Scully ist studierte Ärztin, Wissenschaftlerin, und holt Mulder mit ihrer Forderung nach Beweisen immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurück - im Laufe der Serie allerdings wird Alles, woran sie glauben, auf die Probe gestellt.

Jede Episode fällt in eine von zwei Kategorien. Monster-Of-The-Week-Episoden, die sich mit unnatürlichen Vorfällen beschäftigen, in sich abgeschlossene Fälle, und Mythology-Episoden, die jeweils Teil eines großen, umfassenden Handlungsrahmens sind. Was die Mythologie ist? Naja, es hat etwas mit Außerirdischen zu tun, aber keine Sorge, die Serie geht da ganz nüchtern ran.

Überhaupt sind die X-Files in ihrer Anfangsphase gar nicht mal so unrealistisch gewesen. Vor allem ungewöhnlich, und das hat mir sehr zugesagt, der ich ja ebenfalls in die Kategorie "ungewöhnlich" falle. Die erste Staffel, das war ein richtiges Pilotprojekt, und sie bestand fast nur aus Monster of the Week-Episoden. Nichtsdestotrotz wurden mit dem Staffelfinale einige Türen geöffnet. Viele Handlungsstränge wurden aufgetan - um weiter erzählen zu können, falls die Serie erfolgreich sein sollte.

Und sie war erfolgreich. Was trägt alles zu ihrem Charme bei? Sind es die ungewöhnlichen Charaktere, die auftauchen? Ist es die Chemie zwischen Mulder und Scully? Sind es die catchphrases a la "The truth is out there."? Die zweite Staffel hat ein neues Element in die Serie gebracht, die bis dahin hochspannend, düster und mysteriös war, nämlich den Humor. Die Episode Humbug (S2E20) lebt von rabenschwarzem Humor, geschickt eingebauten one liners, subtil und subversiv. Das hat mich besonders gereizt, das war ein sehr kranker, abgefahrener Humor, das hat gut getan.

Fünf Staffeln lang gab es die X-Files, mit teilweise hervorragend gefilmten Episoden. Manchmal waren es einfach die schrägen Ideen, die mich angesprochen haben, wie z.B. in der Episode Soft Light (S2E23): Ein Mann gerät derart in einen Teilchenbeschleuniger, dass von da an sein Schatten eine Art Antimaterie darstellt. Jeder, der auf seinen Schatten tritt, wird angezogen und in reine Energie umgewandelt.

Was mich besonders reizt, ist der klassische Aufbau der Episoden, das sogenannte cold open: Die Folge beginnt mit einer ganz alltäglichen Situation - in der dann plötzlich das Übernatürliche passiert - manchmal recht unappetitlich. Und der Vorspann läuft ab und wir erarbeiten uns im Lauf der Episode ein Verständnis dessen, was wir in den ersten fünf Minuten gesehen haben. Ich mag diese Erzähltechnik. Sie verlangt in einigen Folgen dem Zuschauer intellektuell etwas ab, das tut gut. Das ist definitiv keine leichte Kost.

Nach fünf Staffeln hatte man ursprünglich beschlossen, die Serie zu beenden und die weitere Story in Kinofilmen zu erzählen. Und so gab es nach der fünften Staffel tatsächlich den Kinofilm X-Files: Fight The Future, der quasi eine XXL-Episode der Serie war. Der Film muss aber als Meilenstein gesehen werden, denn danach wurde alles anders. Auf einmal war die Serie in aller Munde, viele Menschen hatten den Kinofilm gesehen, jetzt muss man es diesen Menschen auch recht machen! Serve the audience, oder so. Und so wurde die Serie ab Staffel 6 wesentlich massentauglicher, das Budget wurde erhöht, mehr Effekte waren möglich, man verlegte den Drehort vom düsteren Vancouver in's sonnige Kalifornien.

Der Wandel der Serie ist deutlich spürbar gewesen, ich musste damit erstmal zurechtkommen. Das heißt nicht, dass die X-Files schlechter geworden sind - es gibt ganz tolle Episoden in den späteren Staffeln, z.B. John Doe (S9E7), wo es um Gedächtnisverlust geht, oder Triangle (S6E3), eine Folge, die im Bermuda-Dreieck spielt und dort in unterschiedlichen Zeiten, nämlich in der Gegenwart und auf einem deutschen Kreuzfahrtschiff 1939.

Klingt abgefahren? Das ist noch gar nichts. Man kann den Reichtum der Serie nicht in Worte fassen, sie ist das reinste Kuriositätenkabinett. Ich habe mich grandios unterhalten gefühlt und kann die Serie jedem an's Herz legen, der Mystery-Thriller mag und seinen Horizont ein ganzes Stück erweitern möchte. Die Serie ist ein cultural icon, wenn man bedenkt, wie einflussreich sie sich zum Beispiel in der deutschen Hörspiellandschaft gezeigt hat.

Und was mich auch freut: Es geht weiter. Nachdem also jene zehnte Season ein Revival dargestellt hat - mit sechs qualitativ ganz unterschiedlichen Episoden - ist eine elfte Staffel in Produktion, und ich bin sehr gespannt, was es dort zu entdecken gibt.

Samstag, 22. Juli 2017

Offener Brief - Bye Bye Brachenfeld!



vorweg: Dieser Text klingt etwas verbittert. Er wurde in derselben Stimmung verfasst wie dieser hier. Das hat aber auch Gründe, und viele Junglehrer werden diese Gründe verstehen.

Ich arbeite für ein System, in dem es nicht auf Qualität ankommt, nicht auf Beliebtheit, Examensnoten oder dienstliche Beurteilungen. Ich arbeite für ein System, in dem eine Lehrkraft auf ihre Fächerkombination reduziert wird – es besteht ein Bedarf oder nicht. Ich arbeite in einem System, in dem die Chancen für externe Bewerber gleich null sind, wenn die Schule einen hausinternen Favoriten hat. Es ist ein System, das befristet angestellten Lehrkräften keinerlei Sicherheiten bietet – und unser Bildungsministerium ist darauf sehr stolz.

Von meinen mittlerweile elf befristeten Arbeitsverträgen in etwas mehr als fünf Jahren war derjenige in Brachenfeld der einzige, der über mehr als sechs Monate lief. So konnte ich an dieser Schule insgesamt dreizehn Monate bleiben und muss nun leider auf diese Zeit als eine Zeitverschwendung zurückblicken.

Ab der vierten Schule nach dem zweiten Staatsexamen überlegt man sich vielleicht schon einmal, ob es bei einer Bewerbung an einer Schule eine Bleibeperspektive gibt – und sagt, wenn man eh’ schon in der Arbeitslosigkeit ist, nicht jedem beliebigen Arbeitsangebot zu, denn was nützt es? Ich kann keine privaten, langfristigen Planungen angehen. Und ich wünsche mir langsam nichts mehr als eine Perspektive.

Wenn diese Perspektive hier nicht bestanden hätte, hätte ich die Stelle bei Euch nicht angetreten. Nun sieht es aber leider doch so aus, dass ich nicht mehr gebraucht werde. Und damit habe ich über ein Jahr Zeit vergeudet, und das wird mir niemand ausreden können. Erfahrungen sammeln? Ganz ehrlich, auf solche Erfahrungen kann ich verzichten. Besonders die Voreingenommenheit mancher Lehrkräfte hat mich erschrocken. Gutes bei den Schülern bewirken? Wozu, wenn es am Ende wieder nur heißt „Du wirst bestimmt leicht eine neue Stelle finden!“

Diesen Satz empfinde ich mittlerweile als Hohn und ich kann ihn nicht mehr hören. Das hat mit der Realität da draußen nichts zu tun.

Eine neue Schule bedeutet ein komplett neues Umfeld. Wieder muss ich mich mit dem Gegenwind im Kollegium konfrontiert sehen, den ich auch hier hatte. Wieder muss ich lange warten, bevor mehrere Kollegen meine Arbeit als positiv registrieren und nicht als Bedrohung (wenn sich jemand angesprochen fühlt: Das geht nicht persönlich gegen Euch, nicht an dieser Stelle). Wieder wird man mich, voreingenommen von Oberflächlichkeiten, wie einen Praktikanten behandeln, der keine Ahnung vom Unterrichten hat, und der offensichtlich noch nie in einer Konferenz gesessen hat, wieder werde ich mir Zurechtweisungen in meine Kompetenzschranken anhören dürfen. Wieder werde ich mich komplett erklären müssen, mit all’ den Sachen, die in meinem Leben anders laufen, und wieder muss ich mir einen Satz anhören: „Das geht uns doch allen so.“ Und: „Das klingt ziemlich unglaubwürdig.“ Und dann, wenn mal etwas nicht funktioniert, heißt es „Warum hast Du uns das nicht gleich gesagt?“ Und ich wünschte, ich hätte mir diese drei Sätze selbst ausgedacht.

Ich empfinde die Entwicklung der Situation als zynisch, weil ich gerade in der Phase aus dieser Schule gerissen werde, in der ich anfange, wenigstens ein paar mehr Kollegen zu vertrauen et vice versa. Ebenso zynisch scheint es mir, dass ich mittlerweile längst eine Planstelle hätte, wenn ich nicht diverse Ehrenämter und Nebenaufgaben in meinem Studium gemacht hätte – immer vor dem Tenor, dass sich das gut im Lebenslauf macht. Ihr wisst selbst, dass das leider Unsinn ist.

Nur, um ein wenig das Verständnis zu schüren, wie es auch laufen kann: In meiner vorletzten Schule in St.Peter-Ording war der Fachbedarf an Englisch und Latein reichlich gedeckt. Trotzdem hat man mit allen Mitteln (und mehr) versucht, mich an der Schule unterzubringen, und es hat auch geklappt. Es finden sich immer Möglichkeiten, die gewünschten Kandidaten in das Kollegium zu bekommen, hat man mir gezeigt. Auch wenn dort meinetwegen eine langjährige Kollegin gehen musste. Ich kenne diesen Satz „Wir brauchen Dich dringender“ aus beiden Perspektiven, diesmal wieder als der, der geht.

Ich realisiere mit jeder weiteren Schule und mit jedem neuen Arbeitsvertrag, dass es umso unmöglicher wird, Wunschkandidaten zu behalten, je näher sich eine Schule an Kiel befindet. (Natürlich vorausgesetzt, dass man überhaupt Wunschkandidat ist)

Ich nehme nicht an der Verabschiedung teil; mir erschließt sich der Sinn nicht. Wozu soll ich mir die – entschuldigung – jeder Grundlage entbehrenden „Viel Erfolg“-Sprüche anhören? Wozu soll ich den Kollegen, die meine Stelle einnehmen, gespielt ruhig ins Gesicht schauen? Ich habe dieses Theater mehrmals mitgemacht, zweimal gern, weil es meine Entscheidung war, die jeweilige Schule zu verlassen. Diesmal ist es wieder anders, und ich möchte niemandem irgendwelche Sätze entgegenbringen, die er oder sie vielleicht nicht verdient hat. Ich möchte hier keine persönlichen Vorwürfe machen, wenngleich ich weiß, dass manch’ einer sich in diesen Zeilen wiederfindet.

Ich hätte die Sache allerdings vielleicht etwas besser weggesteckt, wenn die Lage transparent kommuniziert worden wäre – und wenn Absprachen eingehalten worden wären. Aber das wissen die Zuständigen bereits.

Ein paar von Euch werde ich sehr vermissen – die „Frau vom Zauberwald“, „Frau Reichelt“, Deike, SLH, Frau „Lost Souls“ und wohl auch ein paar andere.

Euer Englisch/Latein

post scriptum: Da wundert es niemanden, wenn ich manchmal etwas sehnsüchtig auf die Kollegen an Alternativschulen blicke.

Donnerstag, 20. Juli 2017

Ich bin raus


So, heute ist es dann doch nochmal zum Gespräch gekommen; ich hab' nicht unbedingt damit gerechnet, man hätte das auch im Sande verlaufen lassen können; ich bin jetzt jedenfalls raus aus Brachenfeld (nicht ohne morgen noch zwei Vertretungen zu übernehmen). Ich kommentiere das nicht weiter. Immerhin weiß Jürgen, mein Schulleiter, dass ich nicht wirklich glücklich auf diese Zeit zurück schaue.

Zeitverschwendung, genau genommen.

post scriptum: Gibt nicht mehr zu sagen. Jemand meinte mal "Wenn du nichts Positives zu sagen hast, dann sag' am besten gar nichts." und den Satz werde ich unter Umständen morgen in der Schule nochmal irgendwo fallen lassen, denn ich möchte mich von niemandem verabschieden, ich möchte einfach nur noch weg sein.