Samstag, 20. Mai 2017

Wolf Chi

In meiner Wahrnehmung passt es alles...

...und dabei gab es einmal eine Zeit, in der es mir egal war, was für eine Bettwäsche ich habe. Ich habe rein pragmatische Gedanken von meiner Mutter übernommen: Gemütlich soll es sein. Schließlich sehen eh' nicht so viele fremde Menschen meine Bettwäsche, wen würde ich damit also beeindrucken wollen?

Ich lebe seit drei Jahren in einer Wohnung, die meine Wohnung ist. Die sich so anfühlt, in der ich mich nicht wie ein Mieter fühle, nicht wie ein temporärer Fremdkörper, so wie in Husum. Diese Wohnung passt zu mir, sie ist genau so speziell wie ich. Sie hat komische Winkel, sie hat nur ein Zimmer, ein Loft ohne störende Wände und Türen. Ein Ort, an dem ich zu jedem Zeitpunkt alles im Blick habe, überall hingehen kann und alles gedanklich wie auch mit den Händen erreichen kann. Nichts, was sich meiner gedanklichen Kontrolle entzieht.

Je bewusster mir dieser Umstand wird, umso mehr überlege ich mir, wie ich diese Wohnung meinen Wünschen anpassen kann, denn ich möchte hier bleiben, und so habe ich vor Monaten mit den Wandtattoos angefangen. Dieses Jahr folgt die Spiegelfolie an den Fenstern gegen die Sonne. Nach und nach erneuere ich meine Möbel so, dass sie genau in diese Wohnung passen. Und nach und nach realisiere ich, dass auch mein neues Bett ein integraler Bestandteil dieser Wohnung ist und sich auch visuell organisch einfügen sollte.

Und daher die neue Bettwäsche.

Ich denke mal, jede HSP (Hochsensitive Person) kennt das: Wir nehmen alles sehr intensiv wahr, auch wenn es am Rande unseres Blickfeldes liegt. Wir registrieren alles, was "stört", was nicht recht dazu passt. Manchmal ist es ziemlich spannend, vor einer Klasse zu stehen, in der ein Schüler ein sehr individuelles, irgendwie überhaupt nicht "passendes" Outfit trägt. Das nimmt meine Aufmerksamkeit in Anspruch.

Als ich in diese Wohnung eingezogen bin, war nichts passend. Ich habe alles aus meinen alten Wohnungen übernommen, TV-Schrank, Bett, Kleiderschrank usw.; jetzt allerdings weiß ich, dass ich hier bleiben möchte. Endlich kann ich anfangen, mir meinen Ort so zu gestalten, wie ich es möchte und auch brauche, um mich hier geschützt zu fühlen.

An diesem Wochenende geht mir Vieles durch den Kopf und mir wird Vieles klarer. Symptomatisch äußert sich das darin, dass ich heute spontan zwei Stunden aufgeräumt habe. Nein, noch am Aufräumen bin. Heute mal brechen mit den Zeitrastern, ich mache gleich weiter.

Es wird Zeit für Neues.

post scriptum an Frau Scheißdrauf: Ich hoffe, dass das Wochenende sich für Dich nun angenehmer gestaltet. Heute ist es nicht so heiß, perfekt für einen wunderbaren Nerd-Abend oder so ^^

Freitag, 19. Mai 2017

Symptome der Hochbegabung

Es fühlt sich an wie ein Hochbegabungssensor...

Das könnte jetzt ganz interessant werden, denn ich schreibe im stream of consciousness, alles, was mir gerade in den Sinn kommt. Als Impuls zum Einstieg nehme ich die Bitte einer Kollegin: "Kannst du mir nochmal aufschreiben, woran du deine Einschätzung festmachst, dass Schüler A, B und C hochbegabt sind?"

Denn ich fühlte mich an eine Situation in SPO erinnert, fast haargenau so vorgefallen:

Wir hatten in reduzierter Schülerrunde ein hochspannendes Gespräch, in dem ich zwei meiner Schüler ganz neu kennengelernt habe (beim dritten hatte ich das schon länger vermutet). Dieses Gefühl ist einfach unbeschreiblich. Man redet über dies und jenes, und auf einmal realisiert man "...ne, echt? A ist auch hochbegabt?" und es passt alles so wunderbar zusammen, die Puzzleteile stimmen.

Dann fühlt es sich an, als ob ich nur noch mit A, B und C spreche. Die anderen beiden im Raum sitzen da und hören zu. Sie existieren kaum. Ich schaue immer wieder von A zu B zu C, ich realisiere, dass sie gerade genauso aufmerksam sind wie ich. Ihnen gehen die gleichen Gedanken durch den Kopf. Bei ihnen hat es auch gerade Klick gemacht. Und wir sind auf einer Wellenlänge. Ich muss meine Sprache nicht mehr anpassen, ich kann durchatmen - wie das eben so ist, wenn man unter Hochbegabten redet.

(Deswegen würde ich SEHR gern eine Neigungsgruppe an der GemS Brachenfeld dafür anbieten!!!)

Wir unterhalten uns, wir tauschen uns aus. Der Altersunterschied ist in dem Moment völlig irrelevant, auch die Tatsache, dass ich Lehrer bin und sie Schüler sind. In diesem Moment sind wir gemeinsam hochintelligente Menschen, die auf Augenhöhe kommunizieren. Ein irre gutes Gefühl!

Und dann ZACK.

Die Stunde ist zu Ende, der Moment ist verflogen, die Normalität kehrt ein. Ich erzähle der Klassenlehrerin von diesem Erlebnis und von meinen Erleuchtungen und die graue Realität kehrt wieder: "Kannst du mir nochmal aufschreiben, woran du deine Einschätzung festmachst, dass Schüler A, B und C hochbegabt sind?"

Wie soll ich das schaffen? Wie kann ich das Gedankenuniversum, das in jenem hochbegabten Moment existierte, in für normalbegabte Menschen verständliche Worte fassen? Jetzt kommt's:

- Neurodermitis
- fühlt sich oft unverstanden
- vergisst Essen und Trinken, wenn begeistert
- manchmal führt das sogar bis zum Kreislaufkollaps und in's Krankenhaus (Liebe Eltern, ich bin mir dessen mittlerweile bewusst und versuche genau deswegen, die Schüler aufzuklären. Keine falsche Zurückhaltung!)
- hochaufmerksam im Gespräch
- beschäftigt sich im Unterricht mit anderen Dingen
- malt alles mit den Lochis an oder schneidet Muster in sein Workbook
- versucht, sich durch auffälliges Äußeres von Mitschülern abzugrenzen (gilt schließlich auch für Dr Hilarius!)
- liefert extrem konträre Leistungsnachweise ab
- findet die anderen Schüler so unreif, wenn sie einen Penis an die Tafel malen
- extreme Stimmungsschwankungen
- reagiert gereizt, wenn in Konzentrationsphasen gestört wird
- frühzeitiges Interesse für Politik

(ich denke, ich werde diesen Beitrag links im Blog anpinnen und diese Liste erweitern, wann immer mir HB-Punkte einfallen)

Das Problem bei der ganzen Sache ist: Ich kann meinen Instinkt nicht aufschreiben. Ich spüre, dass ein Schüler hochbegabt ist, manchmal.

Und das kauft mir kaum einer ab, manchmal.

Donnerstag, 18. Mai 2017

Ärztehopping

Möglichst viele Verschreibungen zu sammeln - kein ungewöhnliches Verhalten...

Bevor ich zum verlockenden Thema der Überschrift komme, muss ich hier etwas niederschreiben, was mich jetzt seit sieben Minuten beschäftigt - und zwar hat mir jene Kollegin, die meine Stunden übernehmen wird, eine Freundschaftsanfrage bei Facebook geschickt, und ich fühl mich ziemlich mies. Denn auch, wenn sie ja eigentlich nichts dafür kann, wäre die Annahme dieser Anfrage das Falscheste, was ich seit Langem würde getan haben. Das sind einfach blöde Situationen. Ich hoffe, sie spricht mich nicht in der Schule drauf an. Was soll ich dann sagen???

Doch nun zum Ärztehopping, das besonders den Konsumenten psychoaktiver Substanzen und den Menschen, die in der Präventionsarbeit tätig sind, ein Begriff sein dürfte. In jenem Zusammenhang bezeichnet man damit das Verhalten, von einem Arzt zum nächsten zu springen, gern mehrere täglich, um sich von verschiedenen Ärzten möglichst große Mengen verschreibungspflichtiger Medikamente zu erschleichen.

Das muss nicht immer vorgetäuscht sein. Ein Standardbeispiel ist der grippale Infekt. Für einen Selbstzahler oder Privatpatienten ist es überhaupt kein Problem, zu einem Allgemeinarzt nach dem anderen zu gehen, jedem kräftig etwas vorzuhusten, dazu eine ordentliche Portion method acting und schon hat man mehrere Verschreibungen für Hustentropfen und/oder Tabletten in der Tasche, die ganz oft missbrauchsfähige Opioide enthalten.

Das mag rechtlich nicht anfechtbar sein, erfordert aber eine gehörige Chuzpe und Skrupellosigkeit. Aber das kann man sich sehr schnell antrainieren und dann hat man da kaum noch Hemmungen.

Mein heutiges Ärztehopping war allerdings anderer Natur; so bin ich vormittags zu meinem Zahnarzt gegangen, den ich ab sofort "Ulf" nennen kann. Das kommt mir gelegen, denn ich fühle mich nicht so wohl mit dem Siezen. Gerade im Arzt-Patienten-Verhältnis fühlt sich die Vertrauensbasis für mich auf "Du" besser an. Und meine Zähne sind in Ordnung bis auf zwei Füllungen, die im Sommer nach längerer Zeit mal ausgetauscht werden müssen. Super! Und nebenbei erfahre ich, dass "Ulf" damals zusammen mit meinem Handchirurgen in den Vorlesungen gesessen hat, und dieser passende Zufall gab Anlass zu Nähkästchengeschichten und einem durch und durch angenehmen Zahnarztbesuch.

Das Hopping führte mich im Anschluss tatsächlich wieder in die Handchirurgie der Lubinusklinik, und zum Glück back to Dr K - nachdem ich mit seiner Vertretung Dr G ja damals ein sehr unangenehmes Erlebnis hatte. Ich habe mich riesig gefreut, als ich im Wartebereich bereits die vertraute Stimme wiedererkannt habe. Und dann hat das heutige Gespräch all den Terror bei den letzten Besuchen wieder wettgemacht. Ich konnte Dr K endlich erzählen von den Fahrlässigkeiten, die in der Klinik vorgefallen sind und bin damit auf weit geöffnete Ohren gestoßen, denn die Fälle sind bekannt und er ist sehr dankbar für die Informationen. Ich finde es toll, wenn ein Arzt so offen über die Verfehlungen (bzw. das Verbesserungspotential) seines Arbeitgebers reden kann.

Ich bin jetzt meine Schiene los, die Schrauben haben sich gut in das Gelenk eingefügt. Der Bewegungsradius des Mittelgelenks ist durch das Üben von 30° auf 50° gestiegen, der Arzt meinte, das sei sehr gut. Die Narbe ist glatt, jetzt kann es losgehen mit Lymphdrainage und Physiotherapie.

Zwei "erfolgreiche" Arztbesuche und Sonne sorgen dafür, dass das heute trotz der Gesamtsituation ein ganz toller Tag war!

Mittwoch, 17. Mai 2017

(K)Eine Lehrer-Persona?

Als Lehrer muss man (zumindest sehr oft) in ein Raster passen, so scheint es...

Mich verfolgt ein Paradox, mittlerweile an der vierten und wahrscheinlich auch an meiner nächsten Schule. Da sagen mir Menschen, die mich zu beurteilen haben, dass ich eine tolle Lehrerpersönlichkeit habe. Ich müsse sie nur ändern.

Die altsprachlich bewanderten Leser kennen das Wort (auch die Bergman-Fans), sie wissen, dass persona im Lateinischen "Maske" bedeutet. Abgeleitet von der Funktion bei Theaterspielen wurde daraus die Bedeutung "Charakter", dann schließlich "Persönlichkeit" und "Person" abgeleitet. Ich bin in vielen Hospistunden bei Kollegen immer wieder an die ursprüngliche Bedeutung erinnert worden.

Es scheint so: Viele Lehrkräfte legen sich eine Lehrer-Persona zu. Sie zeigen einen Charakter, ein Verhalten, ein Auftreten, das sich grundsätzlich von ihrem "privaten Ich" unterscheidet. Eine Kollegin hat es ihren Schülern gegenüber einmal so formuliert: "Ich bin in der Schule Frau XY. Und außerhalb der Schule gibt es mich nicht."

Außerdem scheint es so: Dass man sich als Lehrkraft eine "vorbildliche" Lehrer-Persona zulegt, wird an Regelschulen erwartet (z.B. Stichwort "Nähe und Distanz", eine der durchgekaut hingekotzten Phrasen, die jeglicher Substanz entbehren und letztlich nur ein Portfolio aufdreschen sollen). Da soll man nichts von seinem Privatleben in den Klassenraum mitnehmen, weil es

1. die Schüler nichts angeht
2. im Fachunterricht nichts zu suchen hat
3. die Schüler nur ablenkt
4. privat ist. (expressis verbis)

Das ist mir in jeder Schule früher oder später sehr deutlich klargemacht worden. Mittlerweile habe ich genug Rückgrat, um darauf zu antworten: "Das mag deine Ansicht sein. Ich vertrete einen anderen Standpunkt, und die Schüler haben sich darüber noch nie beschwert. Im Gegenteil, das schafft eine Vertrauensbasis (und nochmal ein random Hattie)" - Moment, ich tue jetzt der Nordseeschule in St.Peter-Ording Unrecht: Dort hat man mich akzeptiert für das, was ich bin, ohne dass ich mich verstellen und im Unterricht irgendeine Rolle spielen bzw. eine persona aufsetzen musste. Da ich aber in diesem Blog oft genug erwähnt habe, wie toll es an jener Schule war, werde ich das hier nicht ausführen.

Wie gesagt, ich lasse den Anderen ihre Meinung, aber ich werde mich nicht ändern, nur damit ich näher an der Lehrernormalität bin. Ich verstelle mich nicht, ich bin immer Dr Hilarius, egal ob in der Schule oder in meiner Freizeit. Und das bleibt so, weil es

1. die Schüler interessiert
2. ein Zeichen meiner Offenheit ist
3. mich den Schülern gegenüber glaubhaft und menschlich macht
4. die Schüler dazu bringt, mir persönliche Dinge anzuvertrauen.

Ich habe damit bei Schülern Positives bewirken können. In meiner jetzigen Schule haben einige Schüler das der Schulleitung sehr deutlich vor Augen geführt, mit teils herzzerreißenden Briefen. Aber wie bereits vor ein paar Tagen und auch davor berichtet: Um Qualität, Beliebtheit, Examensnoten oder eine Vertrauensbasis geht es hier nicht. Nur um die richtigen Fächer.

Immerhin signalisiert mir das, dass es nicht an meiner mangelnden Lehrer-Persona liegt, wenn ich wieder gehen muss. Mittlerweile muss man mir das System des Bildungsministeriums auch nicht mehr erklären; ich habe derzeit meinen elften Arbeitsvertrag. Langsam kenne ich das.

Vielleicht kann mir jemand von Euch dieses Problem mit dem "als Lehrer verstellen" ja so erklären, dass ich es verstehe. Nicht, dass ich es dann tun würde (mich verstellen), aber es würde helfen, wenn ich das nicht mehr einfach so hinnehmen müsste.

post scriptum: Hey, Frau Tretdrauf, wetten, ich schaffe es, meine Depression in der Schule besser zu maskieren als Du? ;-)

Dienstag, 16. Mai 2017

Heute mal 160

...says it all...

Das ist momentan eine Phase, in der mich so ziemlich alles ankotzt. Um damit irgendwie zurecht zu kommen, werde ich nächste Woche mal anfangen, meinen Arbeitsplatz in der Schule (auf?)zuräumen. Und ab sofort rede ich nicht mehr über meine berufliche Situation. Das "Und bei dir?" heute mittag war schon wieder vollkommen für den Arsch. Auch das "Lasst uns mal überlegen, wer welche Kurse übernehmen möchte!" als einziger Angestellter zwischen verbeamteten Kollegen ist eine Demütigung, die ich mir nicht nochmal geben werde.

Insofern passt es ganz wunderbar in die Stimmung, dass ich heute zwei Stunden und siebenundvierzig Minuten gebraucht habe, um von der Schule nach Hause zu kommen. Hinter dem Steuer "meines" Autos, ohne Zwischenstopp. Weil ein LKW es geschafft hat, die Auffahrt NMS-Nord zu blockieren und damit zwischen fünf und fünfzehn Kilometer Stau entstanden sind. Einmal in Richtung Süden, einmal in Richtung Rendsburg, denn auf die A7/A215 ist niemand mehr raufgekommen. Meine Odyssee hat um 14.24 Uhr begonnen, jetzt, um 17.33 Uhr bin ich zuhause angekommen. Und das letzte Stück auf der Autobahn, da hatte ich keine Lust mehr auf hundert, deswegen heute schneller.

Ende Gelände.

Samstag, 13. Mai 2017

Widersprüche

Wenn ich in den Spiegel blicke, merke ich, dass ich nicht so konsequent und eindeutig bin, wie ich das immer dachte...

Ich verstricke mich andauernd in Widersprüche. Mal ticke ich so, ein paar Tage, Wochen, Jahre später dann andersherum. Ich halte es mit einem Politiker, der einst meinte: "Was kümmert mich mein Geschwätz von damals?" Was zählt, ist das Hier und Jetzt. Daher ist es spannend, dass ich scheinbar nicht die gleichen Maßstäbe an andere Menschen anlege.

Fluch der Hochbegabung: Wenn mich eine Sache interessiert, merke ich mir die "unwichtigsten" Informationen sofort. Bei einmaligem Hören bzw. Ansehen. Detailgenau. Und ein Leben lang. Diese Informationen werden dem großen Puzzle in meinem Kopf hinzugefügt, das die Realität da draußen abbildet - und zwar die Wahrheit. Ein imaginäres Puzzle, das bis in das letzte Randstück korrekt ist und jede einzelne Nuance meines Lebens authentisch abbildet.

Es versteht sich von selbst, dass dieses Puzzle zu Lebzeiten nie fertiggestellt sein kann. Immer wieder kommen neue Teilmotive hinzu, immer wieder entdecke ich Ecken und Winkel, die sich vorher meiner Wahrnehmung entzogen haben. Das gibt meinem Leben einen Drive, eine Motivation, immer weiter zu gehen, mehr zu entdecken, und das Puzzle immer weiter zu vervollständigen. Es verhindert Leerlauf, es verhindert das Ennui, es ist für das Überleben absolut nötig.

Nun kommt Claudi mit ihrem Audi und sagt: "Aber woher weißt du denn, dass alle deine Puzzleteile immer der Wahrheit entsprechen? Was ist, wenn Menschen Dir etwas vorlügen? Was ist, wenn sie sich nicht authentisch verhalten?" Und ich versuche ihr zu erklären, dass ich das nicht weiß. Meine Grundhaltung ist, dass ich zuerst einmal jeden Menschen, jeden Anblick und jeden Eindruck als wahr rezipiere. Und jedes Puzzleteil so wie erlebt meinem Bild hinzuzufügen versuche. Auch wenn das vielleicht nicht der Wahrheit entsprochen haben mag, gelingt es mir eigentlich immer, das Teil erstmal irgendwo anzudocken und notfalls meine Realität direkt drumherum ein bisschen zu variieren.

Es gehört zu einer der großen Lehren in meinem Leben, dass ich wesentlich häufiger "falsche" Puzzleteile hinzufüge, als ich dachte. Irgendwann bricht der Glaube, dass alle Menschen einem die Wahrheit erzählen, dass man von allem, was man sieht und erlebt, sofort die der Wahrheit entsprechende Interpretation findet und abspeichert. Das gehört zum Erwachsenwerden dazu, und das ist eine Entwicklung, die wir als Pädagogen immer wieder begleiten dürfen.

Nun ist es so, wie oben beschrieben: Der Mensch ist ein in sich widersprüchliches Wesen. Von einer Phase auf die nächste ändert er seine Standpunkte, und darüber hinaus erzählt er oft nicht die Wahrheit, sondern was ihm am besten in sein eigenes "Bild" von sich selbst passt - auch wenn das mit der Realität oft nicht übereinstimmt.

Und hier ist wieder der Fluch der Hochbegabung: Mir fallen diese Widersprüche auf. Hochbegabte merken sich unter Umständen Alles. Sie gleichen daraufhin jegliches Verhalten ihrer Mitmenschen in einem Mordstempo mit allem Abgespeichertem ab und entdecken die Unstimmigkeiten. Ich weiß nicht, wie es anderen HBs geht, aber für mich fühlen sich diese Unstimmigkeiten sehr unangenehm an und ich mache mich daran, diese Widersprüche aufzuklären, um meiner eigenen Anforderung gerecht zu werden - dass nämlich das Bild in meinem Kopf immer der ganzen Wahrheit entspricht.

Ein Schritt auf diesem Weg ist es, dass ich meine Mitmenschen manchmal recht unverblümt mit ihren Fehlern konfrontiere. Ich weise sie auf ihre Widersprüche hin, natürlich ganz sachlich, ich halte ihnen ihre Fehler vor, im Wunsch, das alles zu verstehen und falsche Puzzleteile in meinem Kopf durch richtige auszutauschen.

Viele "normale" Menschen können aber mit diesem Verhalten nicht umgehen. Sie fühlen sich von mir angegriffen, als wollte ich ihnen etwas Böses, und sie wollen auch nicht einsehen, dass ihre Widersprüchlichkeit aufgeflogen ist. Sie wollen sich selbst nicht eingestehen, dass da irgendwas nicht stimmt.

Dieses Problem bemerke ich immer wieder, wenn ich in Kontakt mit Menschen trete. Und es trägt dazu bei, dass ich gern allein bin, denn ich möchte den Menschen nicht auf den Schlips treten, kann aber die Unstimmigkeiten nicht einfach ignorieren. Die große Buba hat das schon oft genug mitbekommen - dass ich irgendwas, was nicht passt, ganz direkt anspreche.

Dieser Stunden, dieser Tage bemerkt das auch mein Schulleiter, und ich gebe zu, ich habe ein bisschen Angst davor, wie er damit wohl umgehen wird. Auf der anderen Seite wird mir sein Verhalten ein guter Indikator dafür sein, ob ich an meiner jetzigen Schule bleiben sollte oder nicht.

Die Schulleitung meiner ersten Schule hat sich in massive Widersprüche verstrickt, darüber aber immer wieder den Mantel des "Sie sind nur Referendar, sie haben hier nichts zu sagen"-Mantel gedeckt. Das war verdammt unangenehm, aber es hat mir immerhin sehr klar gezeigt, dass ich dort nicht bleiben möchte. Und nein, es ist eben nicht an jeder Schule so, auch wenn es oft auftritt, dass Schulleitungen eigene Fehler nicht zugeben können. Muss die gleiche Seuche sein, die auch gewisse Politiker gern mal heimsucht, und auch Er kennt das.

Ich zitiere hier meine Studienleiterin in Englisch (damals im Ref) - denn sie kennt das Problem (aus guten Gründen): "Dr Hilarius, sie sind für eine Schule absolut notwendig. Sie werfen Sand in das Getriebe, und das muss so sein, damit man die Schule verbessern kann. Dadurch sind sie aber auch den Menschen, die die Schule "machen", verdammt unangenehm, und sie müssen lernen, damit umzugehen."

Und so scheint es ein Hochbegabten-Topos zu sein: "Sage ich ihm jetzt, dass er falsch liegt, oder nicht?" - denn ich würde ja gern die Situation verbessern, aber der Weg dahin führt durch unangenehme, traurige, wütende Phasen. Und ganz oft wird die Schuld für das eigene Fehlverhalten dann beim Hochbegabten gesucht, der es einfach ausgesprochen hat.

Und damit wären wir wieder bei dem alltäglichen Gesprächs-Seiltanz. Vielleicht erklärt das, warum ich überhaupt keine Probleme damit habe, allein zu sein: Ich muss nicht so viele Widersprüche aushalten, das ist ganz angenehm.

post scriptum: Mich würde mal interessieren, wie sich dieser Text liest. Ich finde das alles ganz logisch und nachvollziehbar und auch gut verständlich. Ist das so? Liebe Leser, bitte postet ein paar Attribute, die diesem Text zugemessen werden könnten, ich bin einfach neugierig.

Und: Ich habe diesen Beitrag in die Themenliste links aufgenommen, weil ich das mit der Wahrheit ganz spannend finde. Insofern passt es haargenau, dass ich dieser Tage die X-Files schaue, die sich intensiv dem Thema Wahrheit und Lüge widmen.

Freitag, 12. Mai 2017

Treffen sich zwei Hochbegabte...

Schokoladenpizza! Ooookaaaayyyy.....???

Was wie ein Witz beginnt, ist gestern Abend passiert, und wer sich diesen Text durchliest, wird am Ende auch wissen, was die Schokoladenpizza damit zu tun hat. Bei unserem Sky trifft sich das Hasseer Viertel (okay, "sie" habe ich noch nicht getroffen, aber irgendwie fehlt mir das auch nicht), man kennt sich mittlerweile, man blickt an der Kasse verschämt zu Boden, weil die Kassiererin uns kennt und merkt, dass wir irgendwie nur ungesundes Zeug kaufen, nicht wahr, Buba la Tättah?

So traf ich gestern Sven in der Tiefkühlecke - und wir hatten eine echt coole Unterhaltung (schlecht, aber der musste sein). Kennzeichnend dieser Wortwechsel: "Hey Sven, na, wie geht's Dir?" - "Hey, naja, eigentlich nicht so, ach so, möchtest Du die Wahrheit hören oder die...?"

Genau das! Ich frage Menschen mittlerweile auch immer häufiger, ob sie die Wahrheit hören wollen. Meistens wollen sie es nicht, das "Wie geht's" ist eine automatisierte Phrase wie die amerikanische "How do you do"-Begrüßung: Darauf antwortet man eigentlich nicht. Aber ein Hochbegabter nimmt seinen Gegenüber natürlich erstmal ernst.

Irgendwie finde ich es ganz schön, mich hin und wieder mit einem Hochbegabten zu unterhalten. Man weiß, dass man auf hohem Niveau reden kann, man versteht sich, und ich weiß, wenn ich rede, dass Sven ganz genau zuhört und jedes einzelne Wort mitbekommt. Und ich muss keine Angst haben, dass ich mich zu kompliziert ausdrücken könnte; außerdem kann ich ohne Hemmungen über HB-Themen reden. Eines davon hatten wir auch, aber das ist tabu für diesen Blog (Stichwort Manipulation).

Das macht so ein Gespräch unbeschwert - und ich kann davon ausgehen, dass mir keine white lies entgegengebracht werden, so wie Er das macht (vollkommen menschlich; ich hoffe, Er kommt irgendwann darüber hinweg). War cool, tiefgekühlt - vielleicht sollte ich wirklich mal Mensa beitreten. Und bis dahin habe ich ja auch Frau Reitdrauf, mit der ich mich unterhalten kann (die sich hoffentlich ein ruhiges Wochenende verdient hat). Ich könnte mir vorstellen, an der Schule eine AG für Hochbegabte anzubieten, in der sie sich miteinander austauschen können. Das tut definitiv gut.

Ja nun, und dann war ich also an der Tiefkühltruhe und habe die Schokoladenpizza entdeckt.


Seit Anfang April ist sie auf dem Markt, endlich hat sie es auch zu uns geschafft. Zumindest einmal probieren - weil das so skurril klingt, dass ich meinen Horizont erweitern wollte. Und ich bin positiv gestimmt: Die Schokoladensoße ist sehr süß, aber der Boden aus Kakaoteig mildert das etwas ab. Die Schokotropfen setzen Geschmacksakzente. Und dann ist da dieser Rand... knusprig, als würde man Cookies essen, eine nette Variation zum weicheren Boden unter der Soße.



Ich könnte sie nicht als Hauptmahlzeit essen, dazu ist sie mir einfach zu mächtig. Aber ein Stück ganz frisch (warm ist der Hammer) und eines später (denn sie schmeckt auch kalt), das ist ganz nett. Ich denke, es ist eine pfiffige Idee, wenn man Gäste hat und etwas Ungewöhnliches anbieten will.

Soviel für den Moment; ich habe heute den Brief abgegeben und nächste Woche steht dann ein Gespräch an. Mal schauen, wie das wird.