Dienstag, 25. April 2017
Columbo lässt grüßen
Wann? - heute morgen
Wo? - GemS NMS-Brachenfeld
Wer? - die Keksschaf-Klasse
Was???
Genau. "Was?" mag sich ein Leser fragen, der versucht, Columbo mit Mandelölbad und Schule in Verbindung zu bringen. Die verrückte Frau Stehauf weiß natürlich längst, worum es geht.
Wir haben im Englischunterricht über Werbung gesprochen - mit einer Klasse, die mich heute zum ersten Mal mit der blauen Schiene gesehen hat. "Oh, Dr Hilarius, zeigen sie uns die Narbe?" - "Äh ne hör auf, das will ich nicht sehen!" Hilarius: "Hat denn jemand von Euch vielleicht schon eine Narbe?" Die Kinder zeigen brav ihre Narben her und wenn sie ein paar Jahrgänge höher wären, ließe ich sie den Unfallhergang auf Englisch schreiben.
Auch Horst, über den ich schon einmal geschrieben habe (ich vermute Hochbegabung), möchte mir seine Narbe zeigen, über dem Auge, irgendwo zwischen den Augenbrauen oder so. Weiß ich nicht mehr. Weiß ich deswegen nicht mehr, weil meine Aufmerksamkeit genau in diesem Moment auf seinem anderen Auge ruhte - das obere Augenlid ist leicht gerötet. Tausend Gedankenzüge, Freude.
"Äh, ich hätte da nochmal eine Frage..." und in bester Columbomanier frage ich ihn, ob er Neurodermitis hat. Denn ich weiß, wie sowas aussehen kann - und tatsächlich, Volltreffer. Gehen wir weg von Horst, dem werde ich demnächst mal was zu lesen mitgeben, hin zu einer oft anzutreffenden Übereinstimmung: Hochbegabung und Neurodermitis. Denn etwa drei Viertel der Hochbegabten, die ich kenne, haben Neurodermitis.
Nebenbei: "Hatte ich früher mal, aber jetzt ist das weg" gibt es nicht. Neurodermitis, bzw. das sogenannte "atopische Ekzem" hat man - oder eben nicht. Neurodermitis ist unheilbar, aber zum Glück sehr gut behandelbar - ich bin selbst Neurodermitiker.
Ich habe darüber mal mit der Sannitanic gesprochen und ihr leuchtete das direkt ein: Hochbegabung geht ja in der Regel einher mit Hochsensibilität. Sensible Nervenenden, erhöhte Reizbarkeit, das scheint irgendwie zu passen. Und ein cleverer Kopf fragt dann: Kann das auch Allergien betreffen? Und seit heute weiß ich: Ja! Es lohnt sich, bei Google nach "Hochbegabung Neurodermitis" zu suchen, man findet Erfahrungsberichte und lernt wieder ein bisschen mehr über sich selbst.
Natürlich gibt es auch "gesunde" Hochbegabte, möchte man meinen. Und diese werden vermutlich nichts mit obigem Bild anfangen können. Neurodermitikern kann ein Ölbad helfen, wenn ein Schub vorliegt. Dabei ist es wichtig, kein emulgierendes, sondern ein spreitendes Bad zu wählen, das bedeutet, dass sich in der Wanne ein Ölfilm auf dem Wasser bildet, das Wasser selbst bleibt sauber. Auf diese Weise verlässt man das Bad mit einem Ölfilm auf der Haut, der Feuchtigkeit spendet und bei regelmäßiger Anwendung die Beschwerden lindern kann.
Und nun weiß jeder, wie man Columbo, Schafkekse und Ölbad in einen Kontext bringen kann.
Montag, 24. April 2017
Schulbeginn - Schimmliges Brot
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| Schimmliges Brot - find'n wa nich jut...! |
Warnung: Dieser Beitrag ist mit Humor und Vorsicht zu genießen, es könnte eventuell sein, dass ich bei der Bestandsaufnahme meiner bisherigen Schulen ein bisschen über- oder untertreibe. Es geht einfach um den Spaß, Schadenfreude und schimmliges Brot.
Jene Leser, die Wissenswertes über Erlangen kennen, verstehen sicherlich die Anspielung im Titel. Für alle anderen: Es geht um kleine und große Missgeschicke von Schülern und um Sensationsgeilheit.
"Dr Hilarius, Dr Hilarius, Klaus ist von seinem Stuhl gefallen!" ruft mir, völlig außer Puste, der kleine Dehwitt entgegen. Meine erste Reaktion - so wie die eines jeden guten Lehrers: Meine Augen fangen an zu leuchten, ein breites Grinsen ziert mein Gesicht, meine erste Frage: "Hat jemand das gefilmt?" Käitieh lächelt stolz und ruft: "Schon bei Youtube hochgeladen!" Damit bekommt sie gleich am ersten Schultag den ersten Schleimpunkt.
Ich frage nach: "Hat schon jemand einen Arzt gerufen oder den Sanis Bescheid gesagt?" (in der Hoffnung, dass es noch nicht passiert ist, denn das Spektakel möchte ich gern live miterleben. An manchen Schultagen gehe ich nur dafür zur Arbeit). Tschonnieh schaut mich etwas verwirrt an - "Wieso denn Arzt? Der ist doch nur vom Stuhl gefallen!" Und das Lächeln entgleitet mir wieder. "Wie? Das alles? Nichtmal den Hinterkopf an der Heizung aufgeschlagen, oder das Knie aufgeratscht, gar kein Blut irgendwo? Sorry, Käitieh, aber dann muss ich den Schleimpunkt wieder einkassieren. Das isses mir nicht wert, wahrscheinlich noch nichtmal ein blauer Fleck. Sorry, ihr Lieben, aber das ist schimmliges Brot."
Und damit beziehe ich mich auf einen Songtext von Foyer des Arts, den ich hier zitiere:
Ein Fernsehquiz mit Schwung und mit Schmiss, lockt mich, lockt mich -
aber nein, zu gewinnen gibt's leider nur schimmliges Brot...
Großes Geknall, ein Autounfall, lockt mich, lockt mich -
aber nein, statt Blut sieht man leider nur schimmliges Brot...
Ich deute die Funktion des Ausdrucks "schimmliges Brot" als ein Synonym für enttäuschte Erwartungen. Und wenn wir es so betrachten, dann gibt es nirgends so viel schimmliges Brot wie in der Schule. Vokabeltest neunte Klasse? Schimmliges Brot! Bestechungsversuche der Oberstufler? Schimmliges Brot! Zeugnisnoten in Englisch? Schimmliges Brot! Nettes Kollegengespräch? Schimmliges Brot! Schülerunfall? Schimmliges Brot!
Wie müsste nun also ein Schultag aussehen, der kein schimmliges Brot enthält? Leiten wir uns das aus vorherigem Absatz ab:
In der ersten Stunde gebe ich einen vollkommen fehlerfreien Vokabeltest in der Klasse 9 ab (also am besten einen ohne Vokabeln). In meinem Lehrerfach finde ich dann ein paar hochdotierte Schecks, oder im Fall von Eckernförde, einen Maserati auf meinem Parkplatz. Ich gebe in diesem Schuljahr ausschließlich 1. Muss ja nicht immer die Note sein... und um im Lehrerzimmer zu überleben, gehe ich gar nicht erst hinein, sondern führe Selbstgespräche auf dem Klo, die dann nur von Schantalle unterbrochen werden, die den Feueralarm ausgelöst hat, weil Konnieh sich beim Versuch, aus dem Fenster zu springen, an den Glasscherben aufgespießt hat, und das dauert auch bitte so lange, bis ich vom Klo runter bin und ein Youtube-reifes Video davon gedreht habe.
Vielleicht bin ich noch ein wenig verwöhnt aus der Zeit in St.Peter-Ording. Ich hatte noch nie so viel mit Ämtern und der Polizei zu tun, wie dort, habe noch nie so viele Drogen von Schülern abgegriffen, so viele Missbilligungen geschrieben, so viele Prügeleien unterbrochen - das darf man scheinbar nicht überall erwarten.
Ihr lieben ehemaligen Kollegen, ich vermisse Euch!
post scriptum: Dass das jetzt nicht falsch rüberkommt - ich habe wirklich den Eindruck, dass ich in meiner jetzigen Schule so langsam ankomme. Umso ärgerlicher, dass ich mich am Donnerstag dann arbeitssuchend melden muss, weil mein Arbeitsvertrag mal wieder ausläuft. Ist dann aber erst mein neunter Vertrag nach dem Ref, ich sollte von Schleswig-Holstein keine Wunder erwarten.
Sonntag, 23. April 2017
Ferienende - Angst vor der Schule
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| In solchen Phasen helfen Schülerrückmeldungen - wenn man schon selbst an sich zweifelt, tun sie es wenigstens (noch) nicht ^^ |
Dieses Phänomen betrifft bestimmt nur mich, und ich denke auch nicht, dass es etwas mit Hochbegabung zu tun hat. Es ist mir ein treuer Begleiter geworden seit Beginn meines Referendariats vor fünf Jahren.
Jedesmal, wenn das Ferienende naht, werde ich ein wenig aufgeregt, leider aber nicht mit positiver Vorfreude auf die Schule, sondern mit negativem Lampenfieber. Es sind normalerweise nur die letzten beiden Tage der Ferien betroffen - dann aber manchmal so intensiv, dass ich mich in meiner Wohnung verkrieche. Ich bekomme dann ein wenig Angst vor dem Vergehen der Zeit, schaue immer öfters auf die Uhr. In der Nacht auf den ersten Schultag kann ich kaum schlafen, ich wache immer wieder auf und schaue auf die Uhr - und bin erleichtert, wenn ich noch mehr Zeit übrig habe als "befürchtet". Und wenn am Morgen mein Wecker klingelt, nutze ich die Snooze-Funktion, um noch bis zu einer halben Stunde mehr rauszuholen, in der ich ruhig schlafen könnte, aber eigentlich gelingt es mir dann nicht mehr, mich zu entspannen.
Wovor habe ich Angst? Aus dem Ref lässt sich das ganz gut ableiten: Davor, dass ich zu wenig vorbereitet habe, davor, dass die Kiddies bei mir nichts lernen, davor, dass ich den Schülern irgendwas versprochen habe und dann über die Ferien vergessen, davor, dass ich eigentlich auch in meiner Wohnung viel mehr hätte tun können. Viele dieser Punkte sind mir in der Ausbildung suggeriert worden, vor allem das "Sie sind niemals gut genug, um unseren Ansprüchen gerecht zu werden."
Ich finde es auch faszinierend, wie mir das am Anfang der Ferien immer mal wieder für einen Moment bewusst ist, und ich nehme mir vor, es diesmal anders zu machen. Darauf zu achten, dass ich ausgeglichen bin und ruhig starte. Und immer wieder sitze ich dann am Ferienende da, so wie heute, bin bis auf Konsolen- und Hörspiele wie paralysiert.
Mittlerweile ist mir aber bewusst, dass es morgen, wenn die ersten Stunden erstmal begonnen haben, gar nicht mehr so schlimm ist. Wie beim Lampenfieber - nach Beginn der Aufführung ist alles wieder Routine und ich merke (hoffentlich), dass ich doch kein so schlechter Lehrer bin.
Ich muss zugeben, vielleicht hätte ich dieses Gefühl nicht, wenn ich endlich einmal unbefristet beschäftigt werden könnte. Dann fühle ich mich nicht an jedem Schultag unter einer Art Druck, dass jeder einzelne Fehler mir diese Chance zerstören könnte. Aber, ich gebe auch zu, an eine Planstelle glaube ich mittlerweile nicht mehr.
Samstag, 22. April 2017
Größer
| Reinigende Giganten |
Okay, ich bin ein bisschen überrascht, ich hätte nicht gedacht, dass das Gegenstück zu dem Kleiner-Beitrag mir so zeitnah durch den Kopf jagen würde - aber es ist mir aufgefallen beim Auspacken der Drogerieartikel: Sie werden immer größer! Der geneigte Leser möge bei seinem nächsten Einkauf bei Rossmann oder sonstwo, ich bekomme kein Geld für diese Werbung; jedenfalls möge er darauf achten, wie oft er diese tags findet: "20% mehr", "50% gratis", "jetzt mehr Inhalt" und so weiter.
Bleiben wir bei der Reinigung: Mittlerweile gibt es Geschirrspültabs nicht nur im Paket mit achtundvierzig Stück, sondern im Fünf-Pakete-Set. Und das Waschpulver im zwanzig-Kilo-Karton wird auch schon in Zweierpacks zusammengeschweißt. "Wenn sie zehn Reinigungsprodukte kaufen, bekommen sie eine Spülbürste dazu!" Ich kann gar nicht so viel essen und Besteck verwenden, um all diese Reinigungsmittel irgendwann aufzubrauchen. Eine Packung reicht ewig.
Klar, das sind Köder, so lockt man die Kunden an und man sollte vermuten, dass sich dahinter auch immer eine Preiserhöhung verbirgt. Oft ist das aber nicht der Fall: Tatsächlich werden die Flaschen größer. Der Sagrotan-Badreiniger hat von fünfhundert auf siebenhundertfünfzig Milliliter erhöht, Bref war auch mal kleiner.Und mein Adidas Victory League Duftwasser gibt es jetzt nicht nur als fünfzig Milliliter, sondern direkt daneben mit fünfzig Millilitern zusätzlich - zum gleichen Preis! Ich fühle mich nicht verschaukelt, sondern einfach nur noch hilflos gegenüber dieser geballten Unlogik.
Und das hochbegabte Kopfkino sieht einen Kampf zwischen immer riesiger werdenden Putzmitteln und immer kleiner werdenden Technik-Finessen.
Möge der Kampf beginnen!
post scriptum: Sollte etwa eine unbekannte Macht uns damit andeuten wollen, dass wir vom Antlitz der Erde hinfort geputzt werden? Back to nature (die Technik ist ja eh schon klein und verschwunden) Long live paranoia! Warte mal - genau das ist doch das Zukunftsszenario im Film "Cloud Atlas" - Technik aus dem Nichts kombiniert mit einer naturnahen Lebensweise. Jetzt verstehe ich das. Zufrieden.
multo post scriptum: Die große Buba kann hellsehen, sie hat geahnt, dass ein Beitrag über Reinigungsmittel kommt. Muss halt auch mal was Unbeschwertes sein :-P
Freitag, 21. April 2017
Ich bin aus Plastik
| Viele bunte Karten... |
Nein, der Titel bezieht sich nicht auf die neu in mich eingebauten Teile, die scheinen aus Titan zu sein, wenn ich dem Datenblatt glauben darf. Heute geht es mir darum, wieviel Plastik mittlerweile mein Leben ausmacht - wieviele Bereiche durch kleine Plastikkarten repräsentiert werden, alle im gleichen Format, alle in unterschiedlichen Farben. Ich hätte sie gern alle in schwarz, aber das ist nicht unbedingt immer möglich. Heute ist endlich eine schwarze Karte hinzugekommen, und das hat mir den Impuls gegeben, diesen Beitrag zu verfassen. Hat also nichts mit meinem gesundheitlichen Zustand zu tun; wer sich in der Hinsicht updaten möchte, sollte direkt zum PS springen.
Die heutige Karte gefällt mir vom Design her am besten - es ist meine Mitgliedskarte zum EMP Backstage Club. Seitdem der Laden X-tra-X dichtgemacht hat, bestelle ich meine Szenemode (also mitterweile fast alles) bei EMP - besonders, seitdem sie das Label Spiral in Deutschland vertreiben; es repräsentiert am ehesten den Look, den ich haben möchte, in schwarz, mit vielen Totenköpfen und dem Grim Reaper hier und dort. Die Mitgliedschaft bot sich daher für mich an, immerhin bezahle ich nun keine Versandkosten mehr und bekomme 5% auf jede Bestellung. Den Jahresbeitrag habe ich bereits mit dieser Bestellung raus, also warum nicht. Und das ist eine Karte, die ich gern mal herumzeige (a flashing piece of plastic to flash when other people are around).
Die einzige weitere Karte, die mir vom Look her gefällt, ist meine VISA. Seit über zehn Jahren habe ich meine eigene Kreditkarte, da ich schon seit Langem gern Dinge aus den USA bestelle und es früher nicht so einfach war, mit den Staaten abzurechnen. Klar, mittlerweile gibt es so viele verschiedene Bezahlmöglichkeiten - im Jahr zweitausendvier war das die mit Abstand bequemste Variante. Mittlerweile ist die Kreditkarte für mich unentbehrlich geworden, sei es nun auf einer Exkursion nach Griechenland oder bei einem Freizeitparkbesuch in den Staaten. Für diese Bequemlichkeit zahle ich gern Kontoführungsgebühren, ich rege mich nur noch über die Regelung der Sparkasse auf, dass Gebühren gezahlt werden müssen, wenn ich mit der Kreditkarte im eigenen Haus Geld abheben möchte. Whatever.
Diese beiden Karten finde ich am stylischsten, aber sie sind bei Weitem nicht die wichtigsten Karten in meinem Leben. Meine EC-Karte ist absolut unentbehrlich, und dieser Tage auch meine Versicherungskarte, darüber hinaus mein Führerschein. Letztlich ist auch die CITTI-Karte dann und wann nützlich.
Auf diese Weise wird die Organisation meines ganzen Lebens durch kleine Plastikkarten repräsentiert, einfach mitzunehmen, kein Portemonnaie sollte weniger als zehn Fächer für Karten haben. Wie praktisch! Das ist mal eine nützliche Variante der Verkleinerung des Lebens. Doch leider bleibt diese Bequemlichkeit nicht ohne Nachteile.
Ich hoffe, nicht allzu viele Leser haben das schon einmal erlebt: Das Portemonnaie wird gestohlen, verloren oder kommt sonstwie unwiderbringlich abhanden. Das Schlimmste müssen dann gar nicht die hundert Euro sein, die man mit sich geführt hatte (dank der kleinen Karten benötigt man mittlerweile deutlich weniger Bargeld). Viel ärgerlicher wird der bürokratische Aufwand: Die Verluste müssen gemeldet werden, Kredit- und EC-Karten gesperrt werden, darüber hinaus alle anderen Karten, mit denen man in irgendeiner Form bezahlen kann. Alle Karten müssen neu beantragt werden, alle Mitgliedschaften neu erfasst werden. Alle Kartennummern, die man so schön auswendig drauf hatte - zum Beispiel die der Kreditkarte - müssen neu gelernt und zunächst mühsam von den Karten abgelesen werden. Es kostet viel Zeit und Nerven - und nicht zuletzt auch oft Geld - den Verlust der Geldbörse wieder wettzumachen.
Das ist eben ein Nachteil, wenn man all das lebensbestimmende Plastik zusammen mit sich herumträgt. Und ein weiterer Nachteil im Falle der Bezahlkarten ist: Beim Bargeld konnte man nie mehr Geld ausgeben, als man im Portemonnaie hatte. Bei Kredit- und EC-Karte wird das kleine Stück Plastik einmal durch das Lesegerät gezogen, dann eine Unterschrift oder PIN und das Geschäft war getätigt; nicht selten kommt dann erst Wochen später das eiskalte Erwachen beim Blick auf den Kontoauszug.
Dennoch, ich möchte all' meine Plastikkarten nicht missen, ich finde sie einfach cool, und vielleicht kann ich ja auch nach und nach mehr schwarze Exemplare bekommen. Bis dahin muss meine EMP-Karte ausreichen.
post scriptum: Falls jemand wissen möchte, wie es mir geht - heute ist der erste Tag von "Training und Narbenpflege". Das bedeutet, dass ich die Schiene zweimal am Tag abnehme. Ich versuche dann fünf Minuten lang, den Finger zu begen und zu strecken. Das fühlt sich im Moment sehr unangenehm an, denn ich kann ihn kaum beugen. Da ist diese Barriere im Mittelgelenk. Ich werde ganz unruhig, wenn ich das versuche, daher muss ich mich dazu hinlegen, mich konzentrieren und ganz langsam die Bewegungen versuchen.
Die Narbenpflege ist nicht viel angenehmer - ich reibe eine Salbe auf die Narbe und soll sie mit sanftem Druck eine Weile einmassieren. Es tut nicht weh, aber die Narbe fühlt sich verhärtet an, und es kribbelt, als wäre alles noch teilweise betäubt. Ich halte das kaum aus, aber ich versuche, das einen Moment lang durchzuziehen.
Ich hoffe, dass ich mich im Laufe der nächsten Tage an beides gewöhne. Jetzt ist es noch ungewohnt, als ob dieser Finger nicht zu mir gehört. Ich setze die Schiene wieder auf und versuche, mich abzulenken.
Donnerstag, 20. April 2017
Blick zurück ins Chaos
| Heilung braucht Zeit. Genauso, wie auch der Hochbegabte für seine Gedankenwelt Zeit braucht. |
Der gestrige Beitrag ist überdurchschnittlich oft angeklickt worden; vielleicht hängt es ja damit zusammen, dass es einen quasi-live-Einblick in das Seelenleben eines Hochbegabten in einer Krisensituation ermöglicht hat.
Vorgeschichte: Keep Your Fingers Crossed, A B CT - Eine Odyssee, Zahnprobleme etc., Gestern
Und nun blicke ich zurück auf die letzten achtundvierzig Stunden. Den gestrigen Beitrag hatte ich direkt nach meiner Rückkehr aus der Klinik geschrieben - verwirrt, unsicher und unglücklich. Und weil HBs ja so schnell denken können und zur drama queen neigen, ist es nach dem letzten Satz des Textes nur noch bergab gegangen. Wohlgemerkt: Das spielt sich alles nur im Kopf ab, das bekommt kein Außenstehender mit. In jenem Moment erzähle ich auch niemandem davon, sondern hadere allein mit meinen Gedanken. Tausend Szenarien, wie es wohl mit Dr K gelaufen wäre, allesamt besser als der tatsächliche Hergang. Mir wurde bewusst: Ich brauche die geistige Quarantäne. Ablenkung um jeden Preis, ergo habe ich die X-Files (Akte X) geschaut.
Die Serie hat mir sehr geholfen, denn die meisten Folgen sind intellektuell anspruchsvoll und ich mag es, z.B. die ganzen medizinischen Details zu verfolgen (Stellen, an der die große Buba abschaltet und nur noch Tetris-Musik hört). Das hat wie ein Rettungsanker gewirkt, für mein Gehirn, das ziellos umhergedriftete. Generell hilft es mir, in solchen Situationen (ich glaube, Panikattacken verlaufen recht ähnlich) etwas Vertrautes zu haben. Etwas, das ich kenne, worauf ich mich verlassen kann, irgendwas, das noch richtig funktioniert, nicht wie die Lubinusklinik, die mir plötzlich einen vollkommen fremden Arzt vorsetzt. Die Serienfolgen verlaufen immer nach dem gleichen Schema: In einem etwa fünfminütigen Teaser wird ein unerklärliches Phänomen gezeigt. Dann kommt das Intro, die bekannte Melodie, und dann werden nach und nach viele Teile des jeweiligen Puzzles an ihre Stelle gesetzt, so dass ich am Ende schlauer bin und dennoch genügend Denkstoff für danach vorhanden ist.
Eine Folge dauert etwa fünfundvierzig Minuten - genügend Zeit, um sich richtig fallenzulassen, um den Geist vollkommen in die Story eintauchen zu lassen. Manche sind so komplex, ein Paradies für mein Gehirn - und in jener Situation eigentlich als Antidot gegen die offenen Fragen gedacht, gegen die Unsicherheit aus der Klinik. Und dann hakt die Bluray, ausgerechnet an jenem Tag, und ich sehe sprunghafte Szenen aus der Folge, denke mir, nein, das will ich nicht, und suche die Folge online. Ich finde sie und sehe dort weiter, englisch mit türkischen Untertiteln. Klasse, so kann ich gleich ein paar Worte Türkisch lernen! Hilarius, achte mal auf die Untertitel und bringe sie mit dem in Einklang, was da gesagt wird. Mache ich - und bekomme nichts mehr von der Handlung mit. Auf einmal wird mir bewusst, dass ich jetzt fünf Minuten lang Türkisch gelernt habe, aber keine Ahnung habe, was gerade mit Scully und Mulder, den Protagonisten, passiert ist.
Scheiße, klappt denn heute überhaupt irgendwas? Das war der drama queen-Gedanke, der mich durch den späten Nachmittag getragen hat und mir den Tag effektiv versaut hat. Und ich bin dann von dieser Scheißsituation so sehr in Beschlag genommen, dass ich an nix Anderes mehr denke. Essen und Trinken? Brauche ich nicht, ist doch alles okay gerade (ich habe gestern und heute wieder sehr wenig gegessen). Mal der Sannitanic oder der Buba schreiben? Nein, oder wenn doch, dann nur kurze Andeutungen, die kennen mich ja so gut, dass sie gleich wissen, was los ist (nein, eben nicht, und ich versuche dann so viel wie möglich zu schreiben, damit sie Bescheid wissen - in solchen Momenten gehe ich wirklich davon aus, dass sie meine Gedanken lesen können!).
Und überhaupt bin ich in diesen Krisensituationen sehr impulsiv, so auch gestern. "Ich muss sofort mit Dr K reden, ruf' in der Klinik an!" (na, wer macht sich einen Reim aus dem Wechsel von 1. zur 2. Person?), "Schreib Dr K eine Mail mit allem, was du ihm sagen wolltest!", "Schreib der Sannitanic, dass du unbedingt mit ihr reden musst, Termin für morgen abmachen, sonst geht die Welt unter!", "Schreib der großen Buba, dass du sie unbedingt brauchst, aber erst später, und überhaupt." Diesen Impulsen nicht immer sofort nachzugeben, das muss ich erst noch lernen. So habe ich zwar (noch) keinen Gesprächstermin mit Dr K abgemacht, oder ihm einen Brief geschrieben, aber habe bei den Mädels Gesprächsbedarf angemeldet. Und dann fällt mir ein:
"Hilarius, denk' dran, HB, und auch die Autisten - die Welt geht gerade unter, überall bricht dir der Boden unter den Füßen weg, alles geht schief und nichts wird je so sein, wie es sein soll; in solchen Situationen hilft nur: KLARHEIT - SICHERHEIT - REGELMÄSSIGKEIT, und das Alles gern repetitiv."
Ich weiß, das klingt krank. Aber so ist es eben, es hilft mir, etwas "Normales" auszulösen, was auf jeden Fall klappt, was nach einem bestimmten Schema abläuft, wo mir nichts reinfunkt und meinen sicheren Plan stört. Und sei es, mich vor die Waschmaschine zu setzen, oder im gestrigen Fall, das Meditationsritual zu beginnen. Okay, ich lasse Badewasser ein - ich hab' doch am Tag davor gerade erst gebadet! - egal, das muss sein, dann wird der Körper warm, die Haut wird weich, das ist immer so, das wird klappen, und danach dann ganz sauber und rein und vor allem nackt, ohne Wäsche oder vor allem diese blöde Schiene am Finger - nur ich selbst, mein Körper und mein Geist, auf den gestärkten Handtüchern auf der Liegewiese. Hinlegen, dann die richtige Musik hören. Die habe ich doch schon jeden Tag gehört! Aber genau darum geht es ja, dass ich etwas habe, das ich wiedererkenne. Klarheit, Sicherheit, Regelmäßigkeit. Die Meditation dauert immer siebzig Minuten, genügend Zeit, um meinen Körper abzuschalten.
In diesem Zustand gibt es nur noch meinen Geist, der aufatmet, der sich von allen irdischen Fesseln befreit hat. Die Musik umspielt ihn von allen Seiten wie warme, weiche Tücher, ich kann alle Gedanken zulassen, es sind hunderte, und oft viele von ihnen gleichzeitig. Die anderen Sinne sind abgeschaltet, ich kann mich dem puren Intellekt vollkommen hingeben. Endlich habe ich ein wenig Ruhe. Endlich kann ich alles zurechtdenken und zurechtlegen. Mein Geist ist auf Wanderschaft, ganz entspannt, und endlich merke ich, dass die Situation nicht so schlimm ist. Endlich realisiere ich, dass meine Fingerwunde ganz planmäßig heilt, das ändert sich nicht, nur weil ein anderer Arzt jetzt die Fäden gezogen hat. Endlich realisiere ich, dass ich meine Mädels eigentlich gar nicht brauche, denn die Klarheit, Sicherheit, Regelmäßigkeit, die ich brauche, die habe ich gerade. Die bekomme ich jetzt. Und ich habe keinen Zeitdruck, Zeit existiert in meinem jetzigen Paradigma überhaupt nicht. Weder Zeit noch Ort, denn es ist nur mein Geist, und in jener Dimension ist das Raum-Zeit-Gefüge irrelevant. Es ist friedlich, es ist ruhig, es ist mir wohlgesonnen, endlich realisiere ich, dass die Dinge ihren gewohnten Gang gehen, endlich realisiere ich, dass da zwar ein anderer Arzt war, der keine Ahnung hatte, wer ich bin, und der sich kein bisschen für mich interessiert hat, aber "dass es in Ordnung ist, weil es nur darum ging, dass jemand mir die Schiene anmodelliert und mir klarmacht, wie ich mich verhalten soll."
Gut, ich realisiere jetzt auch endlich, dass Dr G, der Alternativarzt zwar nicht für Klarheit gesorgt hat, aber dass ich selbst alle Fäden in der Hand halte, dass ich immer noch Herr über meinen Geist bin und dass ich noch mit Dr K, meinem richtigen Arzt sprechen werde. Endlich erhalte ich die Seelenruhe, dass das Gespräch mit Dr K nicht eilig sein muss, und mich beruhigt die Sicherheit, dass es stattfinden wird. Egal wann (So wie mich auch die Sicherheit beruhigt, dass Er noch da ist, wenn auch nicht hier bei mir).
Mir wird bewusst, dass die Meditationen mir wirklich helfen können. Auch wenn es bedeutet, dass ich dafür sehr viel Zeit brauche. Auch wenn es bedeutet, dass meine Mitmenschen mich dann in Ruhe lassen müssen und unter Umständen lange nichts von mir hören. Auch wenn es bedeutet, dass ich psychoaktive Substanzen konsumiere, um das Tor zur "reinen Intellektualität" zu öffnen und diese Reise angenehm zu gestalten.
Denn ich weiß, dass es okay ist.
Und meine wahren Freunde wissen das, denn für sie bin ich okay, so wie ich bin.
post scriptum: Puh... der Text ist abgefahrener geworden, als ich es eigentlich beabsichtigt hatte. Ich wollte Euch nicht mit meinen kranken, komischen, ungewöhnlichen Gedanken zuspammen. Das wollte ich nie, ich habe über dreißig Jahre lang geübt, das alles schön für mich zu behalten. Aber... vielleicht ist es besser, sich ab und an zu öffnen.
Mittwoch, 19. April 2017
"Ach, sie sind noch Schüler!"
Heute Fäden ziehen bei Dr G. So nenne ich ihn einfach mal; das ist gar nicht mal so irrelevant, denn bisher wurde ich von Dr K betreut. Dr K hat mich damals aufgenommen, die ersten Untersuchungen vorgenommen, er war es, der zu mir meinte "Ich unterhalte mich ein bisschen mit ihnen, weil wir immer gern wissen, wen wir da behandeln" - muss der Mediziner-Plural sein, denn scheinbar war er der einzige der mich behandelnden Ärzte, der sich dafür wirklich interessiert hat, wer ich bin. Ist leider immer häufiger so, dass von Ärzten Fließbandarbeit gefordert wird, ich nehme das niemandem übel, bin aber mit dem System sehr unzufrieden. Ich habe dem Chirurgen im ersten Vorstellungsgespräch erläutert, dass ich HB bin und das hat eine komplett neue Grundlage für unsere Kommunikation geschaffen.
Dr K hat von da an auf fachlicher Ebene mit mir gesprochen, hat mir sämtliche medizinischen Details erklärt und wir konnten zusammen einen Behandlungsplan entwerfen, auch was die direkte Versorgung nach der OP angeht. Dass es dann an der Kommunikation in der Anästhesiologie gehapert hat, hat er nicht zu verantworten. So ist nun mal die Lubinus-innerklinische Bürokratie, das ist bereits bekannt. Dr K wusste genau, wie er mit mir zu reden hat und welches "patientenfreundliche Umformulieren" er sich bei mir schenken konnte. Er hat mich nicht wie einen Mittelstufenschüler bevormundet (wie eine der Sprechstundenhilfen), er hat meine Patientenakte ernstgenommen (nicht wie bei der Vorstellung beim Anästhesisten). Ich war immer wieder froh, wenn ich zu ihm in die Sprechstunde gekommen bin, er hat alle Befunde, Röntgen und CT mit mir direkt am Computer besprochen. Ich habe mich im OP richtig entspannt, als Dr K mich, verborgen hinter dem Chirurgen-Outfit, begrüßt hat. Ein bekanntes Gesicht hat gut getan (und die bekannte Stimme des Chefarztes Dr R).
Dr K war heute im OP, deswegen kam Dr G und hat mich behandelt, wie er jeden Patienten behandeln würde. Nett, freundlich, ohne Kenntnis dieses Patienten. Ich habe das als sehr unangenehm empfunden. Ich hatte damit nicht gerechnet, das hat mich verunsichert, das war so nicht geplant. Die Fragen, die ich mir zurecht gelegt hatte, habe ich alle direkt über Bord geworfen, weil sie darauf gefußt hatten, dass Dr K weiß, auf welches Vorwissen er bei mir zurückgreifen kann. Ich hatte keine Lust, das alles Dr G noch einmal zu erklären, denn das braucht Zeit. Und so viele verschiedene Menschen, das mag ich nicht. Also habe ich mir die üblichen Sprüche angehört, dann ging es um eine Krankschreibung und ich meinte, momentan sind ja eh noch Ferien.
"Ach, sie sind noch Schüler! Entschuldigen sie bitte, das wusste ich nicht." - "Nein, ich bin Lehrer." - "Äh." Pause - Und genau diese Pause war sehr spannend für mich, weil ich Dr Gs Gedanken ziemlich genau vor mir gesehen habe. Nein, ich hatte kein lehrertypisches Outfit an, sondern mein typisches Outfit. Symphony of Death-Shirt mit Gevatter Tod, alles in schwarz, schwarz lackierte Fingernägel und schwarze Hose mit Schädeln, Kreuzen und Tribal-Motiv. Schwarzer Schmuck, schwarze Armbanduhr mit Metallschädeln, schwarze Schuhe, schwarzer Gürtel. In dem Moment hab' ich mir dann gedacht, scheiß' drauf, das dauert zu lange, das alles jetzt zu erklären. Hol' Dir Deine Schiene und Verhaltensregeln ab, mach' einen neuen Termin und fertig, und so war es dann auch.
Ich hoffe wirklich, dass nächstes Mal wieder Dr K da ist. Diese OP war für ihn sehr spannend, weil ich mir das Finger-Mittelgelenk komplett zerlegt hatte a.k.a. gebrochen; das war eine schwierige OP und deswegen hatte sich letztlich auch der Chef ("trotz Kasse") eingeschaltet. (Deswegen hat es mich SEHR verunsichert, als dann die Ärztin, die mir die Schiene anmodelliert hatte, meinte, "Naja, wir behandeln ja jetzt hier keinen Bruch, das geht schon."). Ich bin heute extrem unruhig und unsicher aus der Klinik gekommen und das ist scheiße. Und ich verbringe jetzt den Nachmittag damit, mir klarzumachen, dass alles so ist, wie es sein soll, während ich gleichzeitig nicht aufhören kann, infrage zu stellen, ob das heute alles richtig gemacht worden ist.
Es hat nicht geholfen, dass die Schienen-Ärztin und Dr G aus den Notizen von Dr K nicht ganz schlau geworden sind und das auch kundgetan haben. Ich bekomme immer Angst, wenn in mir drin das Gefühl entsteht, dass ich besser Bescheid weiß als die Person, der ich gerade meine Gesundheit in die Hände lege. Und das ist leider ab und an passiert; bei Dr Müller-Steinmann (wie auch in jedem anderen Fall, der sich so entwickelt hätte) habe ich dann den Arzt gewechselt. Und es ist mir schnurz, ob das arrogant oder überheblich oder wenig nachvollziehbar klingt. So kann ein HB-Gehirn ticken, das bin nicht nur ich, dem es so geht.
Ich bekomme langsam einen Sinn dafür, wie sich so etwas für Autisten anfühlen muss. Das ist eine wertvolle, wenngleich verdammt unschöne Erfahrung.
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