Sonntag, 9. April 2017

Freakshow

"Freak im Keller", by Dr Hilarius, 2004

Es war einmal...

Es war einmal zu einer Zeit, als nur Freaks das Fach Latein studierten. Für Normalsterbliche galt es als zu schwer, als ausgestorben, irrelevant, viel zu abgefahren. Damals gab es noch nicht einhundert, sondern fünfzehn Studierende pro Semester - wobei man munkelt, dass eine neue solche Ära hereinbricht.

Die Freaks lebten hoch oben, sie schwebten nicht nur intellektuell über den Wolken. Der fünfte Stock war ihr Zuhause, wo niemand sonst sich aus Versehen hin verirrte. Es sei denn, die armen Wesen mussten ihr Latinum oder Graecum nachholen - das waren die Phasen, in denen der Fahrstuhlknopf "5" regelmäßig ausgeleiert wurde - Phasen, in denen die Freaks in ihren Wohnungen blieben, denn Menschenkontakt war ihnen suspekt, sie blieben unter sich, sie wollten sich nicht den Blicken der Normalen aussetzen. Denn sie waren anders.

ER1 war sein Leben lang komisch gewesen. Freunde hatte er kaum, wozu auch, kam er doch allein gut zurecht. Ein Freak, wie er im Buche stand, ging er mit Kopftuch in die Universität und trug das ganze Jahr über Socken in Sandalen, auch im Winter, wenn es schneite. Irgendwann entschied er sich, das Kopftuch abzuwerfen, und es zeigte sich die äußerst ungewöhnliche Eigenart, mit den Jahreszeiten die Haarfarbe zu wechseln. Rot, Grün, Blau, Orange, Gelb, Schwarz, Violett, dazu trug ER1 Kriegsbemalung im Gesicht und sprach kaum mit anderen Menschen. Er war froh, wenn er in Ruhe gelassen wurde und die Normalen waren froh, wenn er sie nicht ansprach. Was er natürlich nie tat. Was sie nicht wussten: Er war hochintelligent, hoch sensibel, hatte ein Gespür für den Umgang mit Menschen - doch all das verbarg er hinter einer Maske aus Angst vor Zurückweisung.

SIE1 war ihr Leben lang komisch gewesen. Aufgewachsen in einer Familie, die sich nicht um sie kümmerte, die nicht ihre eigene zu sein schien, war sie immer nur ein Störenfried, nie tat sie das, was sie sollte, und wann immer sie es versuchte, machte sie es verkehrt. Niemand kümmerte sich um sie, Verwahrlosung war ihr ständiger jugendlicher Begleiter - und wenn sich jemand ihr zuwandte, dann nur, um ihr die Schuld an allem zu geben, was gerade nicht lief. Dadurch lernte sie, für sich selbst zu sorgen - sich nicht auf Andere verlassen zu müssen, und so trat sie in die Freakshow ein als selbständiges Wesen mit einem Panzer gegen Blicke, die zu tief in ihr Inneres schauen wollten. Ihr Freaksein versteckte sie - aber sie lebte von da an unter Freaks, die wussten, was es heißt, anders zu sein. Diese Freaks nahmen sie bei sich auf und gaben ihr ein Gefühl von Zugehörigkeit.

SIE2 hatte ein Rad ab, das war offensichtlich. Sie war ein Ausbund an Gesprächigkeit, umgab sich immer mit Menschen, sie lebte von Konversation, von guter Laune und Geselligkeit. Wer sich aber ernsthafter mit ihr beschäftigte, erkannte ihre freakige Seite: Sie neigte zu Gedankengängen und -sprüngen, die für manch' einen wenig nachvollziehbar schienen. Sie vereinte in ihrer Lebensweise Tradition und Moderne, ein scheinbarer Widerspruch für ihre Familie, aber nicht für sie, und manchmal kämpfte sie verzweifelt um Anerkennung für ihre Offenheit. Der Sprung in der Schüssel zeigte sich in ihrer Vorliebe für indisches Kino, indische Lebensweise, indisches Essen. Die Normalen fanden das nervig, die Filme zu lang, die Outfits zu bunt, die Songs zu kitschig. Für SIE2 war es die perfekte Möglichkeit, ihren eigenen Horizont zu erweitern. Die Normalen kamen gern zu ihr zum Feiern, weil sie immer für gute Stimmung sorgen konnte. Oft aber fragten sie sich, was mit ihr eigentlich nicht stimmt. Was sie nicht wussten: Sie war eine hochintelligente Frau, die auf ihr Herz hörte - doch hin und wieder interferierte ihr Gehirn, und das schien für manch' einen Außenstehenden nicht nachvollziehbar. Man schaute nur auf ihr Äußeres, man ließ sich durch ihr Verhalten irritieren - und erahnte das Potential dieser Frau nicht einmal im Ansatz. Vielleicht tat sie das selbst phasenweise nicht.

SIE3 hatte einen Knall, das war offensichtlich - denn wer studiert schon Latein UND Mathematik? Sie war unauffällig, in sich gekehrt, hatte eine ruhige Stimme, die sie nie in einer momentanen Stimmung erhob - denn die gab es bei ihr nicht, zumindest nicht sichtbar. Sie vermied es, im Mittelpunkt zu stehen. Sie war die Illustration des weiblichen Nerd, trug Pullis und Jeans - so unauffällig, dass sie fast schon normal wirkte. Aber wehe, wenn sie ein mathematisches Problem zu Gesicht bekam, dann fingen ihre Augen an, zu leuchten, dann verschmolzen ihre Gedanken mit dem Papier, das sie in der Hand hielt, dann blühte sie innerlich auf, dann wurde sie gesprächig. Den Normalen war das suspekt, aber da auch ihr zweites Studienfach einer Freakshow ähnelte, bekam kaum ein Normaler sie je zu Gesicht. Und wenn doch, dann gab es da etwas, was er bestimmt nicht wusste: SIE3 war einer der hilfsbereitesten Freaks, die je ein Student zu Gesicht bekommen hatte. Sie opferte sich für ihre Aufgaben auf, sie ließ niemals einen ihrer Mitfreaks im Stich. Man konnte sich immer auf sie verlassen, selbst wenn sie dadurch ihre eigenen Interessen zurückstellen musste. Sie teilte sogar ihr letztes Brot mit ER1 - und er hat ihr dafür niemals angemessen danken können.

ER2 kannte SIE3 gut, denn auch er studierte Mathematik und Latein. Als Pendant zu SIE3 personifizierte er den männlichen Nerd. Dazu kam eine seltsame Art, auf Witze zu reagieren: Manchmal kicherte er irre vor sich hin, oft aber reagierte er vollkommen sachlich und zerlegte den Witz in seine Bestandteile, um logische Irrtümer zu markieren. Das konnten Normale kaum verstehen, so konnte er manchmal als Spaßbremse wirken, und wenn er dann seinerseits einen Witz erzählte, war der überhaupt nicht lustig. Was sie nicht wussten: Er war für sie nicht lustig, weil er zu intelligent war, zu hoch, sie konnten ihn nichtmal ansatzweise verstehen. Weil auch er ein hochintelligenter Freak war, und weil er Autist war, reagierte er selbst auf Witze, die einer Logik entbehrten, oft sachlich und unbeeindruckt. Das wusste aber kaum jemand, und es war auch nicht schlimm, denn sie mochten ihn genau so, wie er war.

Und das hatte einen einfachen Grund: Sie alle waren Freaks, und manch' ein Normaler mied sie deswegen. Aber unter sich waren sie selbst die Normalen, denn sie kannte Ablehnung, sie kannten Unverständnis, und hatten deswegen gelernt, Menschen nicht nach ihrem Äußeren zu bewerten, auch nicht nach ihrem Verhalten. Sie hatten gelernt, in die Menschen hineinzuschauen und sie aufgrund ihres Wesens in ihr Herz zu schließen. Sie alle waren Freaks, sie waren merkwürdig, aber sie waren zu engen Freunden geworden, sie waren füreinander da, sie gingen zusammen durch ihr Studium.

Das alles war einmal zu einer Zeit, als nur Freaks das Fach Latein studierten. Das konnten die Normalen nicht verstehen, aber das mussten sie auch nicht, denn wer verirrte sich je in den fünften Stock?

Und sie waren keine Freaks, sie waren Menschen, und sie wussten, was Menschlichkeit bedeutet.

ER1 denkt gern an die Zeit zurück. Mittlerweile gehen sie ihre eigenen Wege, sie alle haben die Freakshow verlassen, sind ein wenig erwachsener geworden - und für Außenstehende vielleicht ein wenig normaler. Tief drinnen werden sie immer Freaks bleiben, und werden sich immer an die Phase der Freakshow zurückerinnern.

Es war eine tolle Zeit, Leute!

nomen amicitiae sic, quatenus expedit, haeret;
   calculus in tabula mobile ducit opus.
cum fortuna manet, vultum servatis, amici;
   cum cecidit, turpi vertitis ora fuga.
(...)

(Petron 80,9)

Armer Encolpius, aber auch Du solltest noch den Wert wahrer Freundschaft kennenlernen.

Samstag, 8. April 2017

Zahnprobleme, gestresste Ärzte und Fahrlässigkeit

So können die Zahnräder nicht ineinander greifen...

Der "Zahnprobleme"-Teil im Titel dieses Beitrags löst bei unterschiedlichen Lesern unterschiedliche Assoziationen aus. Vielleicht hat einer demnächst einen Zahnarzttermin und kann sich unter Zahnproblemen etwas vorstellen - und bekommt einen eiskalten Schauer, wenn er dann von gestressten Ärzten und Fahrlässigkeit liest - und sieht sich schon auf dem Zahnarztstuhl ermordet. Dr Feinstone lässt grüßen. Die Sannitanic wird bald mit Zahnproblemen zu kämpfen haben - wenn beim Kind die ersten Zähnchen kommen, ein Unterhaltungsprogramm für die ganze Familie. Zum Glück muss ich bei ihr keine Fahrlässigkeit vermuten. Eine weitere Form von Zahnproblemen findet sich in der Verzahnung - zum Beispiel in mangelhafter Verzahnung verschiedener Arztpraxen. Dass zum Beispiel die eine nicht weiß, was die andere tut. Ich habe mich nach meiner OP mit einem Bekannten aus der Suchtprävention unterhalten, der da eine nette Geschichte erzählen konnte, die mir selbst nicht komplett unbekannt vorkam; ich habe mich an meine eigene OP erinnert, dazu aber am Schluss mehr.

Auch bei ihm ging es um eine Operation an der Hand, allerdings am Handknöchel. Dennoch waren auch dort zwei Praxen involviert, die Chirurgie und die Anästhesiologie. Auch jener Eingriff hat nicht unter Vollnarkose, sondern unter örtlicher Betäubung stattgefunden. Wer das alles schon einmal mitgemacht hat, weiß, dass man in jeder Praxis gesondert einen Patienten-Aufnahme-Bogen (Leichte Sprache!) a.k.a. Anamneseblatt ausfüllen muss. Man trägt Körperdaten ein, Allergien, sonstige Medikamente und so weiter. So, ich nenne den Bekannten jetzt mal Klops.

Klops hat also zunächst in der Chirurgie alle Daten eingetragen - und hat seinen operierenden Arzt darüber aufgeklärt, dass bei ihm eine Opioidabhängigkeit vorliegt. Das sollte man definitiv vorher klären, um den Einsatz von Schmerz- und Beruhigungsmitteln während und nach der OP besser zu koordinieren. Klops ist allerdings nicht von einem zugelassenen Medikament abhängig, sondern von einem eher unbekannten pflanzlichen Opioid. Ich nenne es mal Kraut. Der Arzt hat von Kraut noch nie etwas gehört, daher erklärt Klops ihm geduldig, worum es sich dabei handelt, und er erwähnt auch seine Angst - Angst davor, dass wegen seiner Toleranz durch Kraut (Gewöhnung an die schmerzstillenden Effekte) die vom Arzt verordneten Schmerzmittel nicht stark genug wirken werden.

Zum Glück hatte Klops einen sehr aufgeschlossenen Arzt, der ihn ernstgenommen und verschiedene Möglichkeiten der Analgesie nach der OP aufgezeigt hat. In Klops' Fall würde man danach starke Opioide mitgeben, die fallen in Deutschland zwar unter das Betäubungsmittelgesetz und dürfen nur mit spezieller Zulassung des Arztes verabreicht/mitgegeben werden, aber das kann man ja rechtzeitig organisieren. Klops brauche sich keine Sorgen zu machen, sein Arzt werde sich dafür einsetzen. Das hat Klops enorm beruhigt.

Eine Woche vor dem Operationstermin sollte Klops sich dann in der Anästhesiologie vorstellen - bei den Ärzten, die für die örtliche Betäubung während der Operation zuständig sind, damit er seine zu operierende Hand auch wirklich nicht mehr spürt. Neue Praxis, neuer Anamnesebogen. Klops füllt wieder alle Fragen aus - unter Anderem auch die Frage nach Allergien, die er mit "Lieschgras" beantwortet; er erledigt alle Fragen mit einer Ausnahme: "Liegt bei ihnen eine Medikamentenabhängigkeit vor?" - er lässt das Feld frei und erklärt dem neuen Arzt, dass er in seiner Freizeit kein Medikament, aber ein pflanzliches Opioid konsumiere, und wie er das eintragen solle. Arzt: "Ach so, hmmm. Ja, weiß ich jetzt auch nicht, wie heißt das denn?" Klops: "Kraut." Arzt: "Davon habe ich ja noch nie gehört. Weiß nicht, was das sein soll. K-R-A-U-T? Ja okay, ich schreibe das mal hier hin. Gut, dann sehen wir uns nächste Woche zur OP!"

Klops verlässt die Praxis ein wenig verwirrt. Keine weiteren Nachfragen. Nichts zum Konsummuster, nichts zur Toleranzschwelle. Wann er konsumiert? Wieviel er konsumiert? Nichts. Wie soll denn dann jemand wissen, wieviel Wirkstoff ihm nach der OP zur Schmerzstillung mitgegeben werden muss? Und ob das zu Wechselwirkungen mit Beruhigungsmitteln während der OP kommen kann? Schließlich ist Kraut trotz freier Verfügbarkeit ein ziemlich starkes Opioid, einer der Wirkstoffe darin ist in etwa fünfzehnfach stärker als Morphin. Naja, die Ärzte werden schon wissen, was sie tun, und der Chirurg hat ja auch gesagt, dass er sich darum kümmert. Klops geht nach Haus und bereitet sich auf die OP vor. Und an dieser Stelle fällt mir auf, dass ich Klops noch einmal fragen muss, wie der genaue Ablauf in der Klinik war, also lege ich diesen Beitrag zur Seite und schreibe ihm nochmal.

So, zwei Tage später, jetzt bin ich klüger und kann weiterschreiben. Also, Klops wurde am OP-Tag direkt in den Warteraum der Anästhesiologie gebracht. Dort hat ein Helfer kurz die Daten vom Anamnesebogen abgeklärt: Name, Geburtsdatum, Allergie gegen Lieschgras. Okay, alles in Ordnung! Kein Kommentar zum Kraut-Eintrag, scheint nicht so wichtig zu sein. Klops soll sich entkleiden, die OP-Garderobe anlegen und aufs Bett, unter die Decke. Macht er dann auch und wird eine Weile später in den Vorbereitungsraum neben dem OP geschoben. Seine Arme werden auf seitliche Stützen gelegt; an die linke Hand bekommt er einen Tropf, in den rechten Oberarm bekommt er eine Betäubungsspritze (oder mehrere, bei mir waren es vier und links und rechts vertauscht). Der Anästhesist fuhrwerkt noch ein wenig am Venenzugang herum und wendet sich an Klops: "Es kann sein, dass sie ein bisschen duselig werden, ich habe ihnen ein Beruhigungsmittel gegeben, dann werden sie ganz entspannt." Klops: "Oh, welche Substanz denn?" Arzt: "Ein Benzodiazepin." Klops: "Ja, ich meine, welche Substanz denn genau?" Arzt: "Ein Benzodiazepin, die nennt man so, das sind Beruhigungsmittel." Klops: "Ich weiß, meine Frage ist, welches Benzo sie genommen haben - welches Präparat?" Arzt grübelt: "Ach so, das weiß ich gerade nicht genau, Dormicum, glaube ich."

Hier muss ich mal einschreiten. Ein Anästhesist sollte jederzeit wissen, welche Medikamente er in welcher Dosis verabreicht. In diesem Fall 7,5mg Midazolam, ein kurzwirksames Hypnotikum, das gern vor Operationen zur Beruhigung verabreicht wird - also eigentlich nichts Ungewöhnliches. Wo mir aber der Mund offen geblieben ist: Wie kann es sein, dass, ohne Vorankündigung, einem opioidabhängigen Patienten ein Benzodiazepin verabreicht wird, ohne zu klären, wann er zuletzt wieviel konsumiert hat? Wie kann es sein, dass das vollkommen übergangen wird, nur, weil Kraut so unbekannt ist? 
Hier wurde grob fahrlässig gehandelt: Benzodiazepine und Opioide setzen jeweils die Atmung des Patienten herab ("Atemdepression") - daher stirbt man z.B. an einer Überdosis Heroin letztlich durch Ersticken. Daher ist es absolut kontraindiziert, beide Substanzen in Kombination zu konsumieren; das russische Roulette wird nur noch durch gleichzeitigen Konsum von Alkohol gefährlicher. Der Anästhesist konnte unmöglich wissen, wieviel Wirkstoff von Kraut noch in Klops' Körper vorhanden war. Die Gabe des Midazolam hätte vorher durch Rücksprache mit dem Patienten abgesichert werden müssen - man hat hier ein Aussetzen der Atmung riskiert. Sicher, das wäre sofort bemerkt worden. Sicher, man hätte direkt Flumazenil als "Gegengift" verabreicht. Aber es geht hier um's Prinzip, und leider komplettiert es ein recht schlampiges Bild der dortigen Anästhesiologie.

Klops denkt sich in dem Moment nicht so viel dabei, schließlich konsumiert er selbst ab und an auch Benzos. Darüber hinaus verläuft die Operation ohne Zwischenfälle und er wird währenddessen gut von allen Beteiligten versorgt. Danach wird er in den Aufwachraum gebracht, bekommt Brötchen und Kaffee und die Schmerzmedikation für zuhause wird vorbereitet. "Also, Herr Klops, wir geben ihnen Ibuprofen, Novaminsulfon (Novalgin) und Tilidin mit, ich schreibe ihnen..." Klops: "Ähm, moment, auf das Novaminsulfon würde ich gern wegen des Agranulozytoserisikos verzichten, das ist mir zu heikel, und das Tilidin wird bei mir nicht so viel bringen, ich hatte mit der Chirurgie abgesprochen, dass sie mir Hydromorphon mitgeben." Helfer: "Wie kommen sie denn drauf, dass das Tilidin bei ihnen nichts bringt?" Klops: "Ich bin opioidabhängig und konsumiere täglich in etwa 50mg Morphinäquivalent." Helfer: "Sie sind opioidabhängig? Haben sie das nicht angegeben?"

Wow, ich glaube, an dieser Stelle wäre mir der Kragen geplatzt. Aber Klops bleibt ruhig.

"Doch, auf dem Anamneseblatt sehen sie, dass ich täglich Kraut konsumiere. Und ich brauche ein Opioid ohne Antagonisten, das Tilidin wird wegen der Naloxonbeimengung nichts bringen." Helfer: "Aber das betrifft doch nur die intravenöse Gabe." Klops: "Ab einer gewissen Dosis, um und bei 24mg Naloxon, kann nicht mehr alles durch den First-Pass-Effekt in der Leber abgebaut werden. Und da ich eine höhere Dosis brauche, wird das nicht funktionieren, das hatte ich extra mit dem Chirurgen vorher besprochen." Helfer: "Ja, aber wir können ihnen jetzt nicht einfach Betäubungsmittel mitgeben, wir haben dazu gar keine Berechtigung. Silke, ruf mal durch und frag, ob der Schmerztherapeut noch da ist." Und dann: "Also, hier ist keiner mehr. Und wir können bei ambulanter Behandlung nicht so ohne Weiteres Btm-Substanzen herausgeben." Klops: "Das ist ärgerlich. Aber Dr Chirurg und ich haben geahnt, dass es so kommt." Chefarzt kommt vorbei, hört sich die Situation an. Chef: "Hm, das tut mir leid, wir können da nicht viel machen. Haben sie denn noch etwas von dem Kraut zuhause? Dann nehmen sie einfach das, und wenn sie trotzdem Probleme haben, rufen sie direkt bei der Notaufnahme an." Helfer: "Also, ich gebe ihnen jetzt Ibuprofen und Paracetamol mit, tut mir leid, mehr geht nicht."

Ich habe Klops gefragt, was genau ihn gestört hat, denn er hatte ja wirklich noch Kraut da und konnte somit Selbstmedikation vornehmen. Klops ist nicht damit klargekommen, dass man ihn in der gesamten Anästhesie nicht ernst genommen hat. Überall wurde Kraut bei Dauerkonsum eingetragen, niemand hat nachgefragt. Trotzdem hat man ihm das Benzodiazepin i.v. verabreicht, trotzdem hat es dann mit den Schmerzmitteln für zuhause nicht geklappt. Beim Verbandswechsel, diesmal wieder in der Chirurgie, hat Klops dann von seinen Erfahrungen erzählt. Der Chirurg schaute etwas bedröppelt auf den Boden und räumte ein, dass es in der Klinik schon häufiger Probleme mit der Verzahnung der beteiligten Praxen gab.

Und damit wären wir also wieder beim Titel des Beitrags gelandet. Klops erzählt, dass die Ärzte wirklich sehr freundlich waren und dass die Operation gut verlaufen ist, er hatte keine Angst und es hat währenddessen auch nichts wehgetan. Aber hin und wieder sieht er noch diesen Tropf links von sich und den Arzt: "Ich habe ihnen ein Beruhigungsmittel gegeben." Ärgerlich. Und dann liest Klops Online-Bewertungen der Klinik und liest, dass er kein Einzelfall ist. Dass die Klinik wegen Fahrlässigkeit bereits einmal erfolgreich auf ein Schmerzensgeld verklagt worden war.

Aber seiner Hand geht es jetzt wieder gut, der Gips ist runter und er kann alles wieder schmerzfrei bewegen. Und das Problem mangelhafter Verzahnung ist in der Klinik bekannt - mehr kann er da nicht tun und legt den Fall ad acta.

Und warum kam mir der Fall bekannt vor? Weil es auch um die Hand ging, wenngleich um die andere, und weil mein Arzt mir erzählt hat, dass es in seiner Klinik auch ein Kommunikationsproblem gibt. Ich hatte im Drogenforum davon berichtet und Klops hat mir daraufhin seine Story erzählt.

post scriptum: Isn't it stylish?

 

Freitag, 7. April 2017

Vor-Schnelles Urteil

Das Logo der Leichten Sprache

Viele Menschen haben ihre Wahl-Benachrichtigung bekommen. Anfang Mai wird der Land-Tag gewählt. Ich habe über die Nachricht gelacht. "Können die kein Deutsch mehr?" Da waren überall Binde-Striche: Wahl-Bezirk, Land-Tags-Wahl, Wahl-Kreis-Nummer, Barriere-Freiheit. Und alle Sätze waren kurz. Es gab keine Neben-Sätze. Und jeder Satz hatte nur eine Aussage. "Haben das Kinder-Garten-Erzieher geschrieben?" 

Ich habe versucht, den Stil dieser Wahlbenachrichtigung im obigen Absatz nachzuahmen. Und was habe ich über die Behörde gelästert! Damit war ich übrigens nicht allein, auch bei Facebook hat jemand ein Bild des Wahlbriefs (Wahl-Brief) gepostet und sich über Unfähigkeit amüsiert.

Ich habe - was mir hin und wieder passiert - ein vorschnelles Urteil getroffen, mir eine Meinung gebildet und rumgemeckert. Was ich nicht wusste - und erst durch die aufklärende Kommentarfunktion erfahren habe: Ich machte dadurch eine sehr menschliche Inklusionsmaßnahme des Landes nieder. Die Wahlunterlagen sind nämlich in sogenannter Leichter Sprache verfasst. Ziel ist, dass möglichst viele Bürger den Inhalt dieser Benachrichtigung verstehen. Es wird auf Fremdwörter verzichtet, lange Komposita werden in Bestandteile aufgespalten - den Rest der Vorschläge zur Vereinfachung von Sprache kann jeder im Eintrag in der Wikipedia nachlesen.

Nun, da ich aufgeklärt bin, finde ich die Maßnahme großartig. Schließlich soll jeder an der Wahl teilnehmen dürfen, zum Beispiel auch , der vom komplizierten Deutsch nicht viel versteht, und auch Menschen, deren Erstsprache nicht Deutsch ist.

Donnerstag, 6. April 2017

Wahl-O-Mat

Der Dr scheint zu Kubicki zu tendieren... ^^

Es ist wieder soweit: Zwei bis vier Wochen vor einer Wahl kann man online den Wahl-O-Mat aufrufen, der die wichtigsten Themen des regionalen Wahlkampfes und die Haltungen der Parteien mit der eigenen Meinung vergleicht. Für SH gibt es dazu achtunddreißig Thesen, denen man eine Haltung zuordnen kann - dafür, neutral oder dagegen - oder die These überspringen. Abschließend kann man noch auswählen, ob man bestimmte Themen stärker gewichten möchte als andere - in meinem Fall betraf das unter das gemeinsame Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare. Dann kann man bis zu acht der antretenden Parteien für den Vergleich auswählen und erhält, voilá, eine Übereinstimmungstendenz.

Das soll niemandem vorschreiben, was er zu wählen hat, kann aber als Hilfsmittel zur politischen Einordnung eigener Meinungen gesehen werden. Ich finde das immer ganz interessant und erhalte in diesem Jahr obiges Ergebnis. Dass die Prozente bei mir insgesamt recht niedrig sind, liegt daran, dass ich viele Thesen übersprungen habe oder neutral gestimmt habe, weil ich kein politisch versierter Mensch bin und mich deswegen zu vielen Dingen nicht sachlich positionieren kann.

Mein Ergebnis sah immer etwa so aus wie oben, FDP, Piraten und B90/Grüne weit vorn. Die Piraten werde ich diesmal aber nicht wieder wählen, weil mich die parlamentarische Arbeit kaum überzeugt hat und die Partei sich mehrfach ins Bein geschossen hat. Ich glaube, ich werde nochmal das eine oder andere Wahlprogramm studieren müssen. Das der SPD kommt trotz obiger Rangliste nicht in Frage, nach der Art und Weise, wie die Wende-Ernst das Schulsystem verhunzt hat.

Der Wahl-O-Mat befindet sich hier.

Mittwoch, 5. April 2017

for those interested

der arm ist halbtot dank anästhetika, deswegen muss ich ihn abstützen

operation rum, ob erfolgreich wird sich zeigen, kann grad nicht viel schreiben, bin aber soweit oben auf :-) DANKE für eure unterstützung!!!

Dienstag, 4. April 2017

Es blitzt nicht


Zwei Tage ohne Beitrag, und am Vorabend der OP sollte man von Dr Hilarius vielleicht eher so etwas erwarten wie Rising Action, Falling Spirits, wie ich gestern tatsächlich schreiben wollte, aber das beunruhigt nur. Und vor allem gibt es da einen anderen Punkt, der mich jetzt schon wesentlich länger beschäftigt und über den ich schon öfters schreiben wollte, nämlich, dass es nicht blitzt. Alternativtitel Max-Johannsen-Brücke, Auslöser heute war aber Kiel, und deswegen nicht Max-Johannsen-Brücke. Neumünsteraner ahnen vielleicht, was kommt. Ist das ein verständlicher Absatz?

Seit einiger Zeit ist die A215 vom Anfang Höhe Westring bis zum Rastplatz Rumohr immer wieder gespickt mit Baustellen. Seien es nun Kombiprojekte wie die Auf- und Abfahrt von der B76 oder das gesamte Autobahndreieck Kiel-West, es wird gebaut. Seither schießen Geschwindigkeitsbegrenzungen wie Pilze aus dem Boden, da hundert, hier achtzig, wer links bleibt siebzig, wer rechts abbiegt sechzig. Und by the way: Durchgezogene Streifen heißen, dass man die Fahrbahn dort nicht wechseln darf. Ja, das wissen viele. Meinen manche. Der Alltag belehrt mich eines Besseren.

Geschwindigkeitsbegrenzungen in Baustellen haben einen Grund. Wenn man mit erhöhter Geschwindigkeit die Baustelle durchfährt, gefährdet man z.B. die Menschen, die dort arbeiten. Aber wir haben es ja alle ach so eilig also überholen wir diejenigen Autofahrer, die sich an das Tempolimit halten. Was mir noch nicht so ganz einleuchtet: In den letzten Wochen habe ich unzählige Temposünder erlebt. Kiel könnte sich dumm und dämlich daran verdienen, wenn man mitten in die Baustelle einfach mal einen Blitzkasten setzt. Warum tut man das nicht? Ich meine mich zu erinnern, dass mobile Geschwindigkeitskontrollen immer "bemannt" sein müssen, die Polizei also vor Ort sein muss, und vielleicht fehlt es einfach am Personal. Das Gehalt hätten sie schließlich in kürzester Zeit wieder reinbekommen. Aber es blitzt nicht.

Und was hat das nun alles mit der Max-Johannsen-Brücke in Neumünster zu tun? Nun, aus irgendeinem Grund ist die Straße dort vierspurig, die Brücke ist recht lang, die Strecke gut überschaubar, nichtsdestotrotz befinden wir uns innerorts und es gilt fünfzig. Aber allein die Tatsache, dass es zwei Fahrstreifen in jede Richtung gibt, verlockt unzählige Autofahrer zum Überholen. Für viele scheint sechzig eine Art Mindestgeschwindigkeit auf dieser Brücke zu sein.

Ich rege mich über zu-schnell-Fahrer proportional zum Grad der Gefährdung anderer Verkehrsteilnehmer auf. Ich fahre selbst gern schnell, wenn es geht. Seit ein paar Jahren halte ich mich allerdings immer an das Tempolimit - und bekomme nicht selten das Gefühl, dass ich etwas falsch mache, wenn mich auf einmal ein Auto nach dem anderen überholt.

So, genug zum Autofahren, nun doch noch ein kleiner Nachschlag in Sachen OP. Der Tranquillizer liegt bereit, kommt aber erst später zum Einsatz. Ich könnte den Abend jetzt in Panikstarre verbringen und mich fühlen, als stünde der Weltuntergang bevor. Hochbegabte tendieren zu Extremen, und das gilt auch für ihre Emotionalität. Aber nein, diesmal möchte ich es anders machen. Und so werde ich gleich etwas Leckeres essen und dann noch ein bisschen auf Gespensterjagd gehen, Videospiele zur Zerstreuung. Und morgen vor der OP noch die fehlenden zwei Sonnenschutzfolien anbringen. Einfach tun, als wäre nichts. Manchmal schaffe ich das.

Samstag, 1. April 2017

Game over, Dr Hilarius!

Dass die Wohnung ein einziges Chaos ist, möge mal geflissentlich ignoriert werden... ^^

Ja, endlich kann ich mir das traurige Urteil auch ohne klassischen Spiegel selbst anschauen. Erst wollte ich den Artikel Home Improvement nennen, denn so nenne ich es eigentlich immer, wenn ich meine Wohnung ein bisschen voran bringe, sei es nun mit neuen Möbeln, Design oder Reparaturen. Dieses Jahr wird es endlich einmal Zeit für etwas Schutz gegen die Sonne.

Ich habe eine Dachgeschosswohnung mit Dachschrägen und vier (vertikalen) Fenstern Richtung Süden/Südwesten - im Prinzip den ganzen Weg der Sonne entlang, denn ich habe eine Eckwohnung und ich werde morgens bereits von der Sonne im Osten begrüßt. Das ist toll, denn so habe ich eine sehr helle Wohnung und bekomme sehr viel Licht im Sommer - für mein Serotonin die reinste Wohltat. Für meine Körpertemperatur eine echte Herausforderung, denn im Winter wird es kalt, sehr kalt, und im Sommer unglaublich warm. Ich bin ein Charakter der Extreme, also störe ich mich nicht an diesen Temperaturextremen, sondern lerne, damit zu leben. Und dazu gehört auch, dass ich versuche, die Wärme im Sommer zumindest ein kleines bisschen auszuschließen.

Das geht hervorragend, indem ich die Fenster von außen mit Spiegelfolie abdecke. Das geht richtig billig mit der Thermodecke, die jedermann im Auto mit sich herumfährt, für zwei Euro im Baumarkt, reicht bei mir für alle vier Fenster. Also im letzten Jahr fleißig ausgeschnitten und mit der Silberseite nach außen über alle Fenster geklebt.

Wie geil! Der Effekt ist wirklich deutlich spürbar! Es ist viel angenehmer in der Wohnung, weil der Großteil der Sonnenstrahlung gar nicht erst in die Wohnung gelangt, sondern reflektiert wird. Gleichzeitig ist die Thermodecke so dünn, dass ich ohne Probleme nach draußen schauen kann. Das war ein paradiesisches Erlebnis. Für etwa vier Wochen.

Dann wurde es zwischendurch auch mal Zeit für Regen, Gewitter und vor allem für Wind. Die Folie knistert mächtig an den Fenstern, wenn der Wind drüber fegt. Gut, stört mich nicht so, damit bin ich gut klargekommen. Die Folie hingegen leider nicht, denn sie ist überhaupt nicht reißfest. Und so hingen die ersten Fetzen nach zwei Monaten herunter und nach drei Monaten sah das Ganze extrem zerkrümpelt aus. Und es gab da auch noch ein anderes, vielleicht nicht ganz so kleines Problem:

Diese Thermodecke reflektiert nicht nur, sie spiegelt. Und da sie zusammengefaltet ist, also geknittert, stellt sie unzählige kleine Spiegelflächen dar, wenn schon ein leichter Wind drüberstreicht. Die Sonne, die am späten Nachmittag und Abend darauf scheint, wird also wie von einer Diskokugel irgendwohin reflektiert, ziemlich wild und unkontrollierbar. Eigentlich nicht weiter schlimm, aber Dr Hilarius mag ja Physik, Lichtbrechung, Reflektion und Berechnungen und all so einen Scheiß und hat da eine böse Ahnung. Also geht er eines Spätnachmittags einmal runter, bei bestem Wetter, und spaziert die Hamburger Chaussee, eine stark befahrene Straße, rauf und runter und erlebt es am eigenen Körper: Die Sonnenstrahlen werden quer über die gesamte Kreuzung unten reflektiert, mitunter direkt auf die Windschutzscheiben der unten an der Ampel wartenden Autos.

Spaß beiseite: Das stellt ein ernsthaftes Sicherheitsrisiko dar, und es ist wohl eher Zufall, dass bisher noch nichts passiert ist (zumindest habe ich nichts mitbekommen und auch das Ordnungsamt hat sich noch nicht gemeldet).

So günstig also der Sonnenschutz per Thermodecke für zwei Euro sein mag: Das geht so nicht weiter. Also musste ich in diesem Jahr in professionelle Sonnenschutzfolien investieren. Die sind je nach Intensität, Reflektionsfaktor blablabla unterschiedlich teuer, für meine vier Fenster zugeschnitten mit Montagematerial bin ich nun halt nicht bei zwei, sondern einhundertzweiundzwanzig Euro gelandet - dafür aber mit sehr gutem Gewissen, und vielleicht halten sie ja länger als zwei Monate (sollen sie jedenfalls). Und heute ging die Montage los.

Ein ziemlicher Saukram; diese Folien werden direkt auf die Fensterscheibe geklebt - besser von außen, um das Glas nicht mehr mit erhitzen zu lassen. Bei Dreifachverglasung dringend empfohlen. Mit Hilfe einer Montageflüssigkeit schmiegt sich die Folie ganz von allein an die Scheibe an und kann noch passgenau verschoben werden. Danach muss die gesamte Flüssigkeit darunter hervorgerakelt werden; das geht recht einfach, ist aber eine Sauerei, weil natürlich alles vom Fenster heruntertropft. Aber dagegen hat man ja mit Handtüchern vorgesorgt. ...nicht wahr? Danach wird alles gründlich abgetrocknet. Und nun wirkt es ansatzweise professionell: Die Folie klebt komplett auf der Scheibe. Kein Glitzern durch Knisternflächen, kein wildes Spiegeln. Und von innen kann ich hervorragend durchschauen.

Einmal geschafft, noch three to go, weil meine Küchenrolle alle ist. Nachschub besorgen, und dann wird weitergebastelt. Das Ergebnis fühlt sich gut an! Ich bin immer ein bisschen stolz, wenn ich etwas in der Wohnung allein hinbekomme. Das verstärkt dann das Gefühl, dass es meine Wohnung ist.