Freitag, 10. Februar 2017
These are hilarious times!
Nun bequeme ich mich, den Titel dieses Blogs orthographisch korrekt als Titel eines Beitrags zu wählen. Was ist denn so besonders an diesen Zeiten, dass man sie lachhaft nennen könnte? Es sind Zeiten...
...in denen George Orwells 1984 bei Amazon rund um die Welt zum Nummer Eins-Bestseller geworden ist und seine Verkäufe um neuntausendfünfhundert Prozent gestiegen sind...
...in denen eine schlanke, eiskalte Dame mit der coinage des Begriffs alternative facts weltweit bekannt wird und *immer noch* Millionen von Menschen das alles fressen, was ihnen aufgetischt wird...
...in denen ein Pressesprecher des Weißen Hauses Reporter beschimpft, bedroht, ihnen Lügen vorwirft und dabei selbst, ohne mit der Wimper zu zucken, Lügen verbreitet - und dann von der Bühne geht ohne den Arsch in der Hose, eine einzige Reporterfrage zu beantworten - und Millionen von Menschen finden das toll...
...in denen ein orangener Pommeshaar-Mann, der als mächtigster Mann der Welt gilt, Lügen verbreitet, sein Amt missbraucht, um Familiengeschäfte zu pushen, seinen offiziellen Twitter-Account missbraucht, um Geschäfte zu beleidigen, Einfluss auf seine Sprecher ausübt, dass diese jeglichen Schwachsinn verbreiten, der seinem egozentrischen, narzissistischen Gehirn entspringt...
...und dass er sich dabei lenken lässt vom de facto-Präsidenten der USA, einem rassistischen, ultranationalen, alt-right Ex-Vorsitzenden einer ultrarechten News-Website, die eine Nähe zum Klan besitzt...
...in denen die Zustimmung des Volks für die Arbeit ihres Präsidenten bereits nach acht Amtstagen in den Keller gesunken ist - ein Negativrekord in der Geschichte amerikanischer Präsidentschaften...
...in denen zig Länder, verteilt um die ganze Welt, sich einen Spaß daraus machen, diesen einen Präsidenten zu verarschen mit dem Every Second Counts-Videowettbewerb, indem sie seine Familienwirtschaft, seine Misogynie, seinen Narzissmus, seine "Einwanderungspolitik" aufs Korn nehmen und kein einziges gutes Pommeshaar an ihm lassen...
...UND DIE MEHRHEIT IM SENAT UND KONGRESS FRISST DIE GANZE SCHEISSE.
Sorry, folks, but indeed these are hilarious times, nothing else than laughing hysterically will save you from descending straightforward into madness.
Let us put all our trust into humanity and ratio and maybe we'll live to see the day...
post scriptum: Inspiriert von Dan Rather's Facebook-Post, der hier einzusehen ist.
Donnerstag, 9. Februar 2017
Hätte Würde Spülte
Da sind sie wieder, die schönen Konjunktive. Irrealis, mitunter sogar der Vergangenheit, ich scheine in einer wunderbar destruktiven Stimmung an diesem Donnerstagmorgen zu sein. Doch vor der Grammatik widmen wir uns einmal der Wortwahl.
Die große Buba ist einst vor Lachen auf meiner Couch gestorben. Fast. Da kamen kaum noch Geräusche raus, die war vollkommen erledigt, aber alle paar Sekunden waberte aus der zuckenden Dame noch ein a... hervor.
a....a....a....
Und das klang in meiner geisteskranken Wahrnehmung nun mal wie eine Klospülung, die eigentlich fertig gespült haben sollte, und das Wasser sammelt sich gerade wieder im Spülkasten, aber leider ist das Teil kaputt und es läuft immer noch so ein bisschen Wasser heraus und man bekommt es einfach nicht zum Stillstand.
a........a...........a.................
Und so kam es dazu, dass wir das Verb klospülen für eine bestimmte Abart des Sich-Kaputtlachens in unseren Sprachgebrauch jenseits des guten Geschmacks aufgenommen haben (ist ja drollig, wie ich das in variierenden Abständen immer wieder in diesem Blog erzähle). Nun gibt es aber auch Tage, an denen man nichts zu lachen hat. Abgesehen davon, dass vorgestern vielleicht so ein Tag war, Er wird das mittlerweile bestätigen können, bedeutet das auf die Spülmetaphorik übertragen, dass eben nicht mehr gespült wird.
Und das wiederum ganz ohne metaphorische Brille betrachtet ist der Zustand meiner Wohnung seit etwas über einer Woche. Hätte Würde Spülte, denn die Toilette ist verstopft. Kleiner Exkurs, der sich mir erst jetzt beim Ansehen eröffnet: Kapital geschriebene Würde im Titel verleitet zu einer Satzkonstruktion - "Hätte ich Würde, spülte ich...", aber ich würdeloses Wesen kann das im Moment nicht.
"Im Moment" kann hierbei auch ganz wörtlich betrachtet werden, denn eigentlich sind im Moment die Fachleute hier, um sich um mein Rohr zu kümmern.
So einen Satz lässt man wirken.
Uneigentlich bin ich hier gerade ganz allein bei der Arbeit (*aufräumen*, Ihr Strolche!), denn bei der Firma wurde ein Notfall hereingespült und so werde ich erstmal in suspense gehalten. So bin ich am freien Tag ganz früh morgens aufgestanden, könnte eigentlich noch etwas Schlaf vertragen, aber ich entscheide mich, mein Schlafdefizit ins Wochenende zu tragen. Und jetzt? Während ich auf den Entstopfung verheißenden Anruf warte (Dirk Bach wäre stolz auf mich!), rolle ich mich vor die Playstation zu Tales of Berseria. Ja, ich könnte wesentlich Sinnvolleres machen.
Aber, als Randnotiz: Jetzt hat mich die Erkältung tatsächlich auch erwischt, und das kann ich gar nicht gebrauchen, denn ich muss morgen unbedingt in die Schule, wir Lateinlehrer (vier für zwölfhundert Schüler, oder zweitausend, eat this!) halten schließlich zusammen. Daher habe ich heute ganz leckere Pharmazeutika gefrühstückt, zum Hustenlösen, gegen Kopfschmerzen, zum Wachwerden, und werde mich mit Müsliriegeln und besagten Pharmazeutika am Leben halten, bis die rettende Spülung kommt (was mich dran erinnert, dass meine Haare wieder eine nötig hätten, Stroh ist nichts dagegen. Mein Kopf erinnert gerade eher an ein Reetdachhaus... aber nicht eins von denen in St.Peter-Ording, die brennen in letzter Zeit andauernd ab und eine zündende Idee wäre in dem Zustand nichts für meine Denkfabrik). Und schreibe dann nachher weiter, denn vielleicht fällt mir ja auch noch etwas Niveauvolles ein.
post scriptum: Wie man sieht: nicht.
Mittwoch, 8. Februar 2017
#sorrynotsorry
Gestern hat eine Kollegin bei Facebook ein Video über das Schubladendenken geteilt, das ich sehr schön fand. In diesem Video treten Menschengruppen in die für sie vorgesehenen boxes: brave Männer, böse Männer, Bänker, Hausfrauen, Gangster, Aggroteens und so weiter. Dann taucht ein Moderator auf und stellt Fragen - wer zum Beispiel in seinem Leben schon einmal gelogen hat. Ganz alltägliche Fragen, so alltäglich, dass bei jeder Frage aus jeder Box mindestens ein Mensch hervortritt. Und damit wird uns gezeigt, dass wir so viele Gemeinsamkeiten haben, dass diese Boxen, diese Schubladen eigentlich keine Daseinsberechtigung mehr haben sollten.
Leider sind wir nun mal Menschen. Und leider haben wir Angst vor dem, was uns fremd ist, wir fühlen uns unsicher, wir drängen es von uns, damit wir nicht unser sicheres, kleines Weltbild überarbeiten müssen (nicht wahr, eine gewisse Dame...?), wir BILDen uns unsere Meinung durch das, was wir aus zweiter, dritter und noch GrafZahliger Hand hören. Wie sagte Herr Kries immer? "Selber denken macht fett!"
Und so sind die Reaktionen, die ich im Kollegium bekomme, für mich längst nicht neu. Hinter meinem Rücken lästern sie über mich, sie sprechen abfällig über mein Auftreten, leiten daraus Schlussfolgerungen über meinen Unterricht ab, fühlen sich durch meine Anwesenheit bedroht, mich darf man ja nicht auf die Kinder loslassen, der trägt schwarz, der quält bestimmt kleine Katzen, nein, ich will gar nicht erst mit dem reden, reicht schon, wenn ich ihn sehen muss, solche Typen habe ich schon hundertmal kennengelernt, der hält sich echt für so geil, der sollte sich mal lieber einen Beruf suchen, der zu ihm passt. Das war in Husum so, an der Theodor-Storm-Schule, und das ist auch in Neumünster so und betrifft jeweils etwa ein Drittel des Kollegiums.
Mir liegt hier SEHR am Herzen, das Kollegium der Nordseeschule in St.Peter-Ording zu nennen, beide Schulteile: freundlich, aufgeschlossen, nett, offen, humorvoll, und ich meine das wirklich ernst. Das ist ein ganz besonderes Kollegium und ich habe sehr gern dort gearbeitet. Ob die ahnen, wie gut sie es da haben? Kehren wir zurück in die "normalen" Stadtkollegien.
"Na und", sagt mir dann ein Kollege, "was erwartest du denn? Du provozierst das doch! Da brauchst du dich nicht zu wundern, wenn die Anderen misstrauisch werden, die sind halt nicht so aufgeschlossen." So könnte das auch meine Mutter gesagt haben. Sie sagt auch, ich sollte mich ein wenig anpassen, wenn es um etwas Wichtiges geht. Zu einem Vorstellungsgespräch zum Beispiel sollte ich vielleicht nicht mit lackierten Fingernägeln gehen, und keine gruseligen T-Shirts tragen, ich verbaue mir damit ganz realistisch Jobchancen.
Es klingt wie ein Vorwurf. Zumindest, weil ich hochbegabt und egozentrisch bin, verstehe ich es als einen Vorwurf, und ich antworte.
"Sorry, not sorry."
Es tut mir leid, aber ich werde mich hier nicht entschuldigen. Nicht für deren Engstirnigkeit, nicht für deren Borniertheit, nicht für deren Schubladendenken, nicht für deren Verschlossenheit. Klar, ich muss das alles ertragen, und das tue ich auch - es ist mir meistens vollkommen schnurz. Aber ich entschuldige mich nicht dafür, wie ich bin: Nett, einfühlsam (ja, gibt Menschen, die das denken), ich höre gut zu, verständnisvoll - aber all das erkennt man nur, wenn man mal hinter die Kulissen schaut. Und das ist zu anstrengend, das macht fett.
Ich entschuldige mich für niemandes geistige Armut.
post scriptum: Das mit den Jobchancen ist ernst gemeint. Es ist schon öfters vorgekommen, dass ich wegen meines Erscheinungsbildes eine Absage bekommen habe. Aber ich bleibe mir treu, denn: Ich möchte an einer Schule arbeiten, wo man mich genau so akzeptiert, wie ich bin. Was habe ich davon, wenn ich nur der Stelle wegen ganz normal auftrete und danach nicht mehr ganz ich selbst sein darf. Dann lieber direkt. Keine Kompromisse.
Dienstag, 7. Februar 2017
Die rote Tinte
Sie läuft und läuft...
...tropf...
...tropf...
Es werden Tränen fließen...
...tropf...
...tropf...
...und es werden Köpfe rollen...
...tropf...
...tropf...
Die rote Tinte ist unerbittlich. Wie eine Seuche schleicht sie sich in Dein Leben ein und zieht Dich in den Abgrund. Wo die rote Tinte fließt, gibt es nur selten glückliche Menschen. Die rote Tinte wabert quer durch jeden Stundenplan, aber Beobachtungen haben ergeben, dass sie sich besonders von Mathe- und Lateinunterricht angezogen fühlt. Dort breitet sie sich epidemieartig aus und verschont nur die Besten. Und selbst bei jenen hinterlässt sie ihre Unterschrift.
Du hättest Dich besser impfen sollen. Einen Schutz aufbauen gegen die rote Tinte, damit sie Dir nichts mehr anhaben kann. Damit sie Dir nicht mehr Albträume beschert. Damit keiner mehr weinen muss. Damit Du endlich wieder hoch erhobenen Hauptes aus der Schule kommen kannst. Aber wie schützt man sich gegen so etwas Vernichtendes? Da hilft nur das Gehirn einzuschalten und den Schutz zu erlernen.
Die Taktik der roten Tinte ist hinterhältig. Nicht nur, dass sie kleine Teenager zerstört, den Traum vom neuen Videospiel vernichtet, den Familiensegen ruiniert. Wenn sie einen Schüler nur lang genug geplagt hat, ergreift sie schließlich von seiner Seele Besitz... und macht ihn zu einem Lehrer, der nun seinerseits die rote Tintenpest über seine Schüler ergießt.
Wird es denn nie ein Ende haben???
...tropf...
...tropf...
...tropf...
post scriptum: Ich hätte auch schreiben können "Immer dieses nervige Korrigieren" - aber das wäre so fantasielos gewesen ;-)
Samstag, 4. Februar 2017
Das Yang
Dieser Eintrag liefert eigentlich nichts Neues, beschäftigt sich mit Liebe und Modeschmuck und dem Konzept ideeller Wert, insofern darf der häufigere Leser dieses Blogs das alles getrost ignorieren. Das Thema erinnert mich an eine Anekdote aus St.Peter-Ording und ich möchte sie hier noch einmal ausrollen.
Im Rahmen meiner Identitätssuche und Imagefrage habe ich im Studium diverse Outfits durchprobiert, diverses Make-Up und diversen Schmuck. Ich habe dann festgestellt, dass Schmuck eigentlich so gar nicht Meins ist, er ist mir zu lästig, ich vergesse eh' immer wieder, ihn anzulegen. Ein Schmuckstück (die Buba klospült gerade, weil sie Spuckstück gesagt hat) trage ich allerdings seit zwei Jahren immer, wenn ich aus dem Haus gehe. Ist es so wertvoll? Habe ich mein verdientes Geld etwa in Juwelen angelegt?
Nun, da der Anhänger in seiner ursprünglichen Form gerade mal fünfundzwanzig Euro gekostet hat, kann es das wohl kaum sein. Man rechne nochmals zehn Euro für das Halsband dazu und landet bei recht günstigem Modeschmuck. Der materielle Wert ist es also nicht, der mich motiviert, den Anhänger zu tragen. Aber was genau ist es dann? Was ist es, das ich - übertragen gesprochen - da immer mit mir herumtrage?
Nicht übertragen gesprochen ist es die eine Hälfte des Yin & Yang-Symbols. Bisher hat mich ein einziger Mensch darauf angesprochen. Einer hat es durchschaut und mich nach der Bedeutung gefragt. Meine engen Freunde natürlich nicht, die kennen mich und wissen die Antwort eh'. Es war ausgerechnet eine Schülerin: "Dr Hilarius, wer hat denn eigentlich die andere Hälfte ihres Yin & Yang-Anhängers?" fragt sie mich - eine Fünftklässlerin des Gemeinschaftsschulteils der Nordseeschule in St.Peter-Ording. Ausgerechnet!
Es hat mich zutiefst beeindruckt, denn es war gerade mal die zweite Woche, die ich in einer neuen Klasse unterrichtet hatte. Ich selbst habe den Anhänger überhaupt nicht thematisiert; am Ende der dritten gemeinsamen Stunde kam genannte Schülerin zu mir und stellte mir die besagte Frage. Natürlich kann es einfach eine Schleimerei einer fleißigen Schülerin gewesen sein, die nach der ersten Stunde bei dem neuen Lehrer gleich im Internet diesen Anhänger gesucht hat. Aber da ich immer erstmal von der positiveren Variante ausgehe, nämlich, dass sie das Symbol schon vorher kannte, habe ich mich über die Frage sehr gefreut.
Vorhin erwähnte ich den Anhänger in seiner ursprünglichen Form, denn heute trage ich nur noch das Yang. Nicht etwa, weil ich das Yin verloren hätte; dann würde ich den Schmuck überhaupt nicht mehr anlegen. Denn die beiden Teile gehören eigentlich untrennbar zusammen, wie man auch in der Wikipedia nachlesen kann. Die Schülerin hat ganz folgerichtig darauf geschlossen, dass ich die andere Hälfte einem anderen Menschen gegeben hatte, denn meiner Meinung nach gehören wir auch eigentlich untrennbar zusammen (übrigens sagte Er das einst auch).
Ich habe mir das sehr lange überlegt, warum ich ihm diesen Anhänger mitgeben wollte. Ein ganz oberflächlicher Gedanke war "Hoffentlich trägt er den einmal, wenn er irgendwo ist, damit alle sehen, dass er zu mir steht". Also der Wunsch nach Selbstbestätigung, wohl wissend, dass er das nicht tun würde - und damit habe ich mir wieder eine schöne Bühne aufgebaut, um den sterbenden Schwan zu spielen.
Egal, denn das war nur ein kurzlebiger Gedanke. Aber immerhin Auslöser. Das ist bei mir oft so, dass die Auslöser für tiefgründige Entwicklungen eigentlich Banalitäten sind. Der geneigte Leser will gar nicht wissen, was die ganze Flo und Tobi-Geschichte ausgelöst hat (oh hoppala...). Ich schweife ab, ich merke, ich bin in einem sehr breiten Bewusstseinsstrom. Cut. Ich muss mich sortieren.
Der Anhänger wirkt, und er wirkt von Tag zu Tag mehr. Ich trage da keinen Zwanzig-Euro-Modeschmuck (Bodeschpuck, die Buba platzt). Ich trage zwei Dinge. Zum einen das Konzept Yin & Yang, zum anderen eine tiefe Zufriedenheit. Zufrieden, dass ich etwas bewirkt habe. Ich erwähne in diesem Blog immer wieder, wie glücklich mich das macht. Dazu brauche ich kein Geld.
Ich habe bewirkt, dass Er sein heteronormatives Weltbild aufbricht, indem Er mehr für mich empfindet als "bloß Kumpels". Ich habe bewirkt, dass Er auch einen Mann lieben (scheiß Wort, es passt einfach nicht!) kann. Ich habe bewirkt, dass Er sein elterlich erschaffenes Weltbild in Frage stellt. Seine Mutter hatte immer Recht, sie hatte gute Ratschläge, sie ist eine weise Frau - aber dieses eine Mal. Ihre Einschätzung bezüglich Dr Hilarius. Dass er Ihm nicht gut tue, kein Umgang sei, *weg* gehöre. "Ich wünsche mir so sehr, dass sie dieses eine Mal falsch liegt", sagte Er. Das habe ich bewirkt.
Und dieses Gefühl trage ich mit mir, symbolisiert durch einen billigen Modeschmuck-Anhänger. Ich glaube, es ist das erste Mal in meinem Leben, dass etwas für mich ideellen Wert hat. Alles Andere kann weggeworfen werden, verloren gehen; ich trage unsere Lebensgemeinschaft mit mir herum.
Und Er?
post scriptum: Steckt Euch die Groß- und Kleinschreibung sonstwohin ;-) Und: Ich lasse das jetzt mal ein paar Tage im Rahmen einer kreativen Schreibpause so stehen. Keine Sorge: Der nächste Artikel ist schon so gut wie fertig!
Freitag, 3. Februar 2017
Love Letters to the Soul
Es geht um Musik - um einen einzigen Song, dem ich diesen Beitrag widme. Weil er für mich viele Erinnerungen trägt. Und weil er einfach zeigt, dass da Profis am Werk waren. Das ist kein Song, aus dem man mal Stichproben hören kann: Ganz oder gar nicht, was bei einer knappen halben Stunde Spieldauer ein ordentliches Statement ist. Wie soll ich diesen Beitrag gliedern? Wie immer habe ich alle Gedanken, die ich bringen möchte, als großes Feuerwerk in meinem Kopf, aber es soll ja einen Sinn ergeben. Ich werde zuerst beschreiben, was der Song für mich bedeutet, werde auf die Ereignisse in der Vergangenheit hinweisen, die das Stück in Erinnerung ruft und nebenbei erwähnen, dass diese Musik ansteckend ist. Dann gehe ich in eine klassische Rezension über. Das Video auf Youtube setze ich ganz an den Schluss.
Ich werde nie den Moment vergessen, als ich dieses Lied zum ersten Mal gehört habe. Damals war für mich Psybient noch ein ganz neues Genre. Ich hatte die Kopfhörer auf, denn ich saß im Bus. Das muss gegen vier Uhr morgens gewesen sein und ich erinnere mich noch genau, wie wir am Bahnhof in Neumünster gehalten haben. Ich war müde und gleichzeitig aufgeregt, denn ich war auf dem Weg zum Hamburg Airport, um zum ersten Mal in meinem Leben in die USA zu fliegen. Der Song hat mich beruhigt, ich weiß noch, wie ich in die dargestellte musikalische Landschaft abgetaucht bin. Ich habe gestaunt, dass der Song so lang ist und ich habe mich sehr über die Reprise im letzten Viertel gefreut, denn in dem Moment ist mir aufgegangen, dass es immer noch dasselbe Stück war, das vor mehr als zwanzig Minuten begonnen hatte und verschiedene Sätze durchwandert hat. Ganz tolle Musik, dachte ich mir damals. Es war Zweitausendelf und wann immer ich an meine Reise nach Kings Island denke, fällt mir jedes Mal Love Letters to the Soul ein, der damals brandneue Song des Musikprojekts Entheogenic.
Und auch für Flo hat dieses Stück eine bestimmte Bedeutung, es triggert bei ihm Gedanken an unsere gemeinsam verbrachte Zeit. Wenn wir auf Reisen waren, zum Beispiel. Ich habe ihn hin und wieder gefragt, was er hören möchte (zu selten... Dr Hilarius, der Egozentriker...), und das war das erste Mal, dass er sich Musik aus "meinem" Genre gewünscht hat. Das war der erste Song, dessen Namen er mir nennen konnte (Shulmans Mia Nihta Mono Den Ftani kam erst später). Ich werde Flo schreiben, dass ihn dieser Beitrag interessieren könnte - und damit begebe ich mich jetzt aufs Glatteis, wenn ich Dinge über seine Rezeption der Musik schreibe (das waren zumindest meine Eindrücke von Dir damals, und ich hoffe mal, dass Du die Sachen nicht nur gesagt hast, um mich zu beschwichtigen). Für ihn hat das Stück bei unseren Reisen so etwas wie "Heimkehr" oder generell "Ankunft" symbolisiert. Wenn er die Flötentöne oder die Stimme zu Beginn hörte, war für ihn klar, jep, jetzt kann ich mich in aller Ruhe entspannen, jetzt sind wir angekommen, das klingt vertraut.
Flo, ich weiß noch so ungefähr, was dieses Stück in Dir an Gedanken bewegt, und welche Orte Dir dabei einfallen, und welche Gerüche und auch... naja, was halt noch so dazugehörte. Irgendwann würde ich den Song gern mal wieder mit Dir hören.
Nun denn, was gibt es also über die Love Letters an sich zu sagen? Da sie einen wichtigen Punkt in der Discographie der Künstler bilden, kurz etwas zu Entheogenic selbst. Helmut Glavar und Piers Oak-Rhind haben der Chilloutmusik in Deutschland einen ganz eigenen Touch gegeben: Sie mögen nicht die Pioniere der Psybient-Bewegung sein (die Ehre geht an Shpongle), aber sie haben das Genre variiert und einen unverkennbaren Sound kreiert, eine Mischung aus elektronischen und organisch-natürlichen Klängen. Daraus erwächst Entspannungsmusik mit Ethno-Einschlag; ihr zweites Album Spontaneous Illumination (2003) hat die deutschen Chillout-Charts erobert und den psychedelischen Einschlag salonfähig gemacht.
Seither haben die beiden ihren Sound weiterentwickelt - leider nicht in eine Richtung, die den Fans zusagte - zu elektronisch, jazzig, modern wurde es, die Natursounds rückten in den Hintergrund. Dann aber kam das Album Gaia Sophia (2011) und es markierte einen Wendepunkt in diesem Musikprojekt: back to the roots, zurück zu den Wurzeln, darf man auch wörtlich nehmen - da waren sie wieder, die exotischen Vögel, die Wasserfälle, die Moosgrotten, das ganze Ambiente. Und der erste Song eben dieses Albums ist Love Letters to the Soul.
Und so schwingen sich in diesem Musikstück ganz gemächlich wabernde Sounds in die Höhe, die Flöten sind dabei, die Insekten, das indische Gebet. Man wird mehrere Minuten lang eingepackt in die Atmosphäre des Entheogenic-Dschungels, ohne Hetze entfaltet sich der erste Teil des Stücks und erinnert mich daran, warum ich dieses Musikprojekt überhaupt erst liebgewonnen habe. Über zehn Minuten plätschert die Musik vor sich hin, dann allerdings - ganz unauffällig - schleicht sich ein Beat ein, der den Mittelteil des Stücks an Psytrance erinnern lässt. Das klingt, als sei dieser Part sehr wild, hektisch, aber nichts dergleichen, die Melodien entwachsen ganz organisch dem Vorhergegangenen, quasi ein Level Up bis kurz über die Zwanzigminutenmarke.
Und dann, nachdem man sich mit dem Kopf ein bisschen eingenickt hat, den Puls der Musik gespürt hat, verschwindet der Beat auf einmal. Alle Sounds schweben für eine Weile scheinbar ohne Führung durch die Luft, bis man merkt, dass der Song wieder "landet". Es folgt eine Quasi-Reprise, die sicherstellt, dass der Hörer am Ende auch wirklich entspannt ist. Wie oben schon erwähnt: Ich fand es klasse, die Gebete und Sounds aus dem ersten Teil des Stücks wiederzuerkennen. Da kann man sich nochmal so richtig fallen lassen.
Flo mochte Love Letters to the Soul damals, und ich denke, er mag es auch heute noch. Und ich habe mich riesig gefreut, dass ich ihm mal etwas zeigen konnte, was ihm tatsächlich zusagt. Das hat mir wirklich etwas bedeutet.
Die Musik läuft auch jetzt gerade im Hintergrund.
Donnerstag, 2. Februar 2017
Kurz gesagt
Ich nehme keine Ratschläge an von Menschen, die ich nicht einschätzen kann.
Und wer runtergescrollt hat, findet auch noch ein wenig Erklärung. Es liegt daran, dass mir jeder Mensch alles Mögliche erzählen kann, wahr oder nicht, richtig oder falsch. Ich habe es erlebt, dass Lehrer Falsches in ihren Stunden unterrichten und von Schülern abfragen, ich bin selbst schon zu falschen Informationen "verbessert" worden - das war der letzte Schritt, der mein Vertrauen in die Informationen von fremden Menschen dahingemeuchelt hat. Ich suche mir daher meine Ratschläge gezielt. Nicht persönlich nehmen!
Es gab keinen speziellen Vorfall, dessentwegen ich diesen Beitrag jetzt poste. Ich mache gern ungewöhnlichen Unterricht, alternativ, und wenn Kollegen das mitbekommen, haben sie ganz schnell Tipps parat. Denn ich bin ja noch so jung und unerfahren, ich muss das erst alles noch lernen. Ich lächele nett und bedanke mich artig. Und mache weiter mein Ding.
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