Donnerstag, 27. April 2017

Case In Point: FSK

Send in the Bitches!

[Vorwort: Ich habe mich gestern irgendwann einfach aus Facebook ausgeklinkt und keine Kommentare und/oder Nachrichten mehr gelesen. Der Tag war für mich zu aufwühlend, bitte nicht übelnehmen, mir hilft es dann am ehesten, mich abzuschotten. Alles wieder tutti heute. Und nun, wie versprochen, der zweite Teil eines abwechslungsreichen gestrigen Nachmittags. Viel Vergnügen!]

Ich schaue eine Folge X-Files. Wie so oft, hatte ich mir für die Ferien zugelegt, aber ich bin über die ersten beiden Staffeln nicht hinausgekommen - ist ja ein recht umfangreiches Werk, ich werde das hier auch nochmal irgendwann besprechen. Und ich schaue alle Episoden auf Englisch, zum Einen, weil ich sie so erleben möchte, wie sie gedacht waren, zum Anderen, weil nur die englische Tonspur im 5.1-Surroundsound wiedergegeben werden kann, und ich liebe Raumklang über alles, ich lasse mich gerne in Klangwelten fallen... auf dieser Couch... jaja, da ist wieder mal jemand in seinem Element. Zurück zur Sache!

Die heutige Folge trägt den Titel "Syzygy" - das Wort kenne ich nicht, aber das kommt bei den X-Files oft vor, und danach bin ich dann deutlich schlauer. Also lasse ich mich mal überraschen, was das für eine Folge ist. (...) Ich merke relativ schnell, dass es sich hierbei wieder um eine der "albernen" Folgen handelt - jede ernsthafte Serie hat zwischendurch Folgen, bei denen Insider sich kaputtlachen und Außenstehende den Kopf schütteln. XENA-Fans: Schaut Euch die Episode "Married With Fishsticks" an, nur eine von mehreren sehr heiteren Episoden. Okay, also sitze ich breit grinsend über die Insiderwitze (denn durch meinen momentanen X-Files-Dauerkonsum bin ich bereits zum Insider geworden) auf meiner Couch und lasse mich berieseln, schaue mir an, wie zwei sechzehnjährige Teenie-Bitches mittels ihrer überirdischen Kräfte die Boys aus dem Weg räumen, auf die sie keinen Bock haben. In genau diesem Spracheregister, wie gesagt, es ist eine verdammt witzige Episode, wenn man den Spaß versteht.

Nächste Szene, die Schulklasse ist bei einem Basketballspiel, die Mädels sitzen an der Seite und diskutieren, wen sie heiß finden. Der Nerd rennt gegen den Tisch mit Getränken, die Kleidung der Mädels wird vollkommen durchweicht. Die beiden sind natürlich "mega pissed off" und rächen sich - der Nerd soll unter der Tribüne den letzten Ball hervorholen. Er kriecht also in diese Maschinerie hinein, die Mädels funkeln mit ihren Augen düster und man sieht, wie sich ein Motor in Bewegung setzt und wie bitte WHAAAAAT PAFF PUFF *Atemaussetzer* Alles entgleist! ALLES!!!

*durchatmen*

Denn ich kenne diese Episode! Und es fällt mir wie Schuppen von den Augen, ich lehne mich zurück, weiß nicht, was ich sagen soll, bin von dem Deja Vu überwältigt, scheiß auf Akzente, hochbegabte Gedankenzüge entgleisen mitunter sehr kreativ.

Das Grinsen auf meinem Gesicht wird noch breiter. Ich erinnere mich an die Szene! Und so lache ich mich schließlich fast tot - während der Nerd in der Tribünenmaschinerie tot gedrückt wird. Geradezu paradox. Und gleichzeitig mit der lebhaften - fast wie ein Film - Erinnerung an ein Erlebnis, das ich vor zwanzig Jahren hatte... gleichzeitig... geht mir ein Licht auf. Epiphanie erschlägt mich.

Dr Hilarius war damals also dreizehn Jahre alt, als er diese Folge im Fernsehen gesehen hat. Er - ich - ich weiß noch genau, ich habe Akte X damals nicht oft gesehen, weil meine Eltern darauf geachtet haben, was ich mir anschaue. Aber diese eine Folge hatte ich damals gesehen, ich kleiner Steppke, und habe da mitangesehen, wie ein Schüler in einer Tribünenmaschinerie umgebracht wurde. Das war so real für mich, das war so grausig, dass es sich in mein Gehirn gebrannt hat. Auch eine spätere Szene, in der eine Schülerin mehrere Male vor einem Spiegel "Bloody Mary" sagen soll und dann von herumfliegenden Glasscherben getötet wird: Es wird *nichts* gezeigt, man sieht nur das "vorher", man hört das "währenddessen" und man erfährt dann nur durch einen Bericht im Rückblick, was genau passiert ist. Aber diese Szenen waren für mich so grausig, so schlimm, der absolute Horror, ich hatte sowas noch nie gesehen. Das gab Albträume...

...und heute also, zwanzig Jahre später, erinnere ich mich wieder und mir wird klar, jetzt, wo ich älter bin, wo ich mehr gesehen und erlebt habe, wo mich nicht mehr so viel schockieren kann - jetzt finde ich die Episode witzig, 

und zwar wirklich. Ich habe kreischend vor Lachen auf dem Boden gelegen. Heutzutage denke ich "Wow, da haben sie echt mal über alle Stränge geschlagen, ich lach' mich schlapp, ich kenne Scully und Mulder sonst ganz anders, herrlicher Trash, toll!"

Und damals: "Uhhh, das ist mega gruselig und unheimlich, da sterben Menschen auf ganz fürchterliche Weise".
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Fazit: Der Humor der Episode ist rabenschwarz. Und schwarzen, trockenen Humor habe ich nicht gekannt, bevor ich Herrn Krüger als Deutschlehrer in der Oberstufe bekommen habe. Danach habe ich es lieben gelernt. Ich bin nicht der einzige Schüler auf diesem Planeten, der in einem gewissen Alter keine Ahnung von schwarzem Humor hatte und alles auf dem Bildschirm für bare Münze genommen hat.

Deswegen, liebe Eltern, passt ein bisschen auf, was Eure Kinder sich anschauen. Und, liebe Kollegen, passt ein bisschen auf, was Ihr Euren Schülern zeigt. Die Einschätzungen der FSK mögen manchmal vollkommen daneben liegen - das passiert in den besten Familien; so hat Die fabelhafte Welt der Amelie in den USA keine Jugendfreigabe bekommen. Ganz oft aber sind sie angemessen. Bitte wisst einfach, was Ihr den Schülern zeigt!

Und auch, wenn die Hälfte Eurer Siebtklässler schon wesentlich Schlimmeres gesehen hat als das, was Ihr ihnen da gerade zeigt - es reicht schon, wenn ein einziger Schüler davon Albträume bekommt. Das muss nicht sein. Take care!

post scriptum: Und natürlich habe ich an einem so unglaublich "einleuchtenden" Tag das Essen und Trinken wieder vergessen...

Und Herr Leinhos, Du musst mir nochmal helfen als jemand, der Griechisch kann - als ich also diese Erleuchtung hatte, ist mir die ganze Zeit "epiphanie" im Kopf herumgeschwirrt, von "phainomai"  und so weiter, und auch wenn also die Epiphanie gern im religiösen Kontext verwendet wird, bedeutet sie doch, genau genommen, einfach nur "Erscheinung", oder?

Mittwoch, 26. April 2017

Arbeitslos - again?

Fühlt sich an, als müsste ich zu Kreuze kriechen...

Es nervt einfach ungemein. Es belastet mich psychisch. Ich finde es albern. Und ich habe nach all diesen dämlichen befristeten Arbeitsverträgen auch einfach keine Lust mehr darauf: Der Frage hinterherzulaufen, ob ich im Sommer an der Schule bleiben kann oder nicht.

Der Anlass: Heutiges Gespräch im Stützpunkt, Kollegin A ist, genau wie ich, befristet zur Vertretung eingestellt, weiß aber, dass sie definitiv bleiben kann. Kollegin B (Frau Reichelt, die darf mich alles fragen) fragt mich daraufhin, wie es bei mir aussieht. Ich hasse diese Nachfragen. Weil ich jedes Mal wieder, jetzt also im neunten Durchgang, erklären muss, dass ich nichts habe, dass ich nichts weiß, und dass ich keine Lust habe, mir aktiv Absagen abzuholen (Leif-Eriksson in Mettenhof hat sich nicht einmal die Mühe gemacht, mir abzusagen, die haben mich einfach vergessen, und bei Theodor-Storm in Husum war es ein stillschweigendes beiderseitiges Übereinkommen, die Zusammenarbeit nicht zu verlängern - das hätte für eine beteiligte Person sonst sehr unangenehm werden können). Diese Situationen sind wie Nadelstiche, eher noch in's Herz als in's Gehirn.

Das kann ich wirklich nicht gut ab.

Ist klar, dass es mir unangenehm ist, in diesem Raum zu sitzen, während die Kollegen fröhlich die Unterrichtsverteilung vornehmen ("Welche Klassen hättest du denn gern?" und ich denke mir "Einfach nur irgendeine..." [Wobei das negative Konsequenzen haben kann und wird]) und ich mir denke, dass ich eigentlich gar nicht mehr so viel Zeit in meine Lerngruppen investieren will, wenn ich sie ab Sommer eh' nicht mehr unterrichte. Das ist wirklich unangenehm. Ich rede dann auch nicht. Wenn ich nicht rede, ist meistens etwas nicht okay mit mir. Und Ansprechen ist dann ein scharfes zweischneidiges Ding.

Kollege C hat mir daraufhin aber trotzdem geantwortet, und mich gefragt, warum ich nicht runter gehe in die Verwaltung, und den dafür verantwortlichen Kollegen mal Feuer unter'm Arsch mache. Und er hat ja Recht, haben sie ja alle! Aber, und ich wiederhole es...

Es nervt einfach ungemein. Es belastet mich psychisch. Ich finde es albern. Und ich habe nach all diesen dämlichen befristeten Arbeitsverträgen auch einfach keine Lust mehr darauf: Der Frage hinterherzulaufen, ob ich im Sommer an der Schule bleiben kann oder nicht.

Mein Kopf möchte über Anderes nachdenken. Ich habe bisher noch nie früher als zwei Wochen vor Schuljahres-/Halbjahresende eine Antwort darauf bekommen, weil ich eine Vertretungskraft bin, deren persönliches Leben in diesem System eben keine Rolle spielt, sondern nur die 95%ige Unterrichtsversorgung.

Mir ist das zu blöd.

Und genau deswegen stehe ich mir selbst im Weg (und ich weiß, dass mein Ansprechpartner in der Verwaltung dieser Tage persönlich belastet ist, und genau deswegen mache ich es mir selbst kompliziert, und genau deswegen wünschte ich, dass es solche scheiß Formalien gar nicht erst gäbe.

...

Und weil ich lerne, immer auch das Gute zu sehen, ist mir vorhin nochmal bewusst geworden, dass Kollege C mich ja nicht mit dem Kommentar triezen wollte. Sondern, wenn ich seine aussagekräftigen Blicke richtig verstanden habe, würde er es auch ganz gut finden, wenn ich bleiben könnte. Und ich glaube, das war nicht immer so. Wenn ich die Situation richtig gelesen habe, daann ist er mir in meinen ersten Wochen NMS mit dem üblichen Misstrauen entgegengetreten, hat auch mal 'nen Spruch reingedrückt - sich dafür später entschuldigt, aber das klang eher gedrängt, als hätte ihm jemand gesagt "So kannst du doch nicht mit ihm reden" (ich weiß, dass Frau Reichelt das mal kommentiert hat. Sie ist toll).

Doch das hat sich komplett gewandelt. Kollege C und ich haben mdl.Prüfungen zusammen erledigt, Kollege C und ich korrigieren zusammen im Abitur, und ich spüre mittlerweile richtig, dass da eine Art Vertrauensbasis ist. Und das mitzubekommen, das ist ein tolles Gefühl. Und auf dem Flur hat Kollege C mich danach heute nochmal angesprochen - so ungefähr "Ich weiß, dass das nervig ist, und ärgerlich, und vor allem unangenehm, und man will sich nicht zur Last machen, und das eigene Talent nicht an die große Glocke hängen - aber es muss sein. Und vielleicht wird es dieses eine Mal das letzte Mal in deiner Karriere sein."

Freitag bin ich wieder in der Schule, und Freitag gehe ich nicht ohne eine Antwort nach Hause.

post scriptum: Erinnert Ihr Euch an den Eintrag zum Wahlzettel in "Einfacher Sprache"? Jener Beitrag ist ja bei Facebook eher kontrovers diskutiert worden - also das Konzept der einfachen Sprache an sich. Und heute kam das Thema zufällig wieder auf, passenderweise im Stützpunkt Sprachen. Und es wurde unter den Kollegen genauso kontrovers behandelt, es gibt Kollegen, die das gut finden, manche sehen darin eine "Verdummung unserer Sprache", wieder andere wünschten sich einen Kompromiss - entweder ein beidseitig bedruckter Wahlzettel, einmal in normalem und einmal in einfachem Deutsch, oder - und das hätte ich sehr sinnvoll gefunden, einen Kommentar im Briefkopf: "Dieser Wahlschein wurde in Einfacher Sprache abgefasst, um..."

Denn ich finde es ganz gefährlich, solche Maßnahmen als Beweis für die Verdummung unserer Sprache herzunehmen. Ich finde, das ist nicht weit genug gedacht. Hier lohnt sich wirklich eine angeregte, sachliche Diskussion! Ich habe heute daraus gute Impulse mitgenommen.

iterum paulo post: Habe heute eine andere "HB-Verdächtige" gefragt, ob sie Neurodermitis hat - Bingo!

Dienstag, 25. April 2017

Columbo lässt grüßen


Wann? - heute morgen
Wo? - GemS NMS-Brachenfeld
Wer? - die Keksschaf-Klasse
Was???

Genau. "Was?" mag sich ein Leser fragen, der versucht, Columbo mit Mandelölbad und Schule in Verbindung zu bringen. Die verrückte Frau Stehauf weiß natürlich längst, worum es geht.

Wir haben im Englischunterricht über Werbung gesprochen - mit einer Klasse, die mich heute zum ersten Mal mit der blauen Schiene gesehen hat. "Oh, Dr Hilarius, zeigen sie uns die Narbe?" - "Äh ne hör auf, das will ich nicht sehen!" Hilarius: "Hat denn jemand von Euch vielleicht schon eine Narbe?" Die Kinder zeigen brav ihre Narben her und wenn sie ein paar Jahrgänge höher wären, ließe ich sie den Unfallhergang auf Englisch schreiben.

Auch Horst, über den ich schon einmal geschrieben habe (ich vermute Hochbegabung), möchte mir seine Narbe zeigen, über dem Auge, irgendwo zwischen den Augenbrauen oder so. Weiß ich nicht mehr. Weiß ich deswegen nicht mehr, weil meine Aufmerksamkeit genau in diesem Moment auf seinem anderen Auge ruhte - das obere Augenlid ist leicht gerötet. Tausend Gedankenzüge, Freude.

"Äh, ich hätte da nochmal eine Frage..." und in bester Columbomanier frage ich ihn, ob er Neurodermitis hat. Denn ich weiß, wie sowas aussehen kann - und tatsächlich, Volltreffer. Gehen wir weg von Horst, dem werde ich demnächst mal was zu lesen mitgeben, hin zu einer oft anzutreffenden Übereinstimmung: Hochbegabung und Neurodermitis. Denn etwa drei Viertel der Hochbegabten, die ich kenne, haben Neurodermitis.

Nebenbei: "Hatte ich früher mal, aber jetzt ist das weg" gibt es nicht. Neurodermitis, bzw. das sogenannte "atopische Ekzem" hat man - oder eben nicht. Neurodermitis ist unheilbar, aber zum Glück sehr gut behandelbar - ich bin selbst Neurodermitiker.

Ich habe darüber mal mit der Sannitanic gesprochen und ihr leuchtete das direkt ein: Hochbegabung geht ja in der Regel einher mit Hochsensibilität. Sensible Nervenenden, erhöhte Reizbarkeit, das scheint irgendwie zu passen. Und ein cleverer Kopf fragt dann: Kann das auch Allergien betreffen? Und seit heute weiß ich: Ja! Es lohnt sich, bei Google nach "Hochbegabung Neurodermitis" zu suchen, man findet Erfahrungsberichte und lernt wieder ein bisschen mehr über sich selbst.

Natürlich gibt es auch "gesunde" Hochbegabte, möchte man meinen. Und diese werden vermutlich nichts mit obigem Bild anfangen können. Neurodermitikern kann ein Ölbad helfen, wenn ein Schub vorliegt. Dabei ist es wichtig, kein emulgierendes, sondern ein spreitendes Bad zu wählen, das bedeutet, dass sich in der Wanne ein Ölfilm auf dem Wasser bildet, das Wasser selbst bleibt sauber. Auf diese Weise verlässt man das Bad mit einem Ölfilm auf der Haut, der Feuchtigkeit spendet und bei regelmäßiger Anwendung die Beschwerden lindern kann.

Und nun weiß jeder, wie man Columbo, Schafkekse und Ölbad in einen Kontext bringen kann.

Montag, 24. April 2017

Schulbeginn - Schimmliges Brot

Schimmliges Brot - find'n wa nich jut...!

Warnung: Dieser Beitrag ist mit Humor und Vorsicht zu genießen, es könnte eventuell sein, dass ich bei der Bestandsaufnahme meiner bisherigen Schulen ein bisschen über- oder untertreibe. Es geht einfach um den Spaß, Schadenfreude und schimmliges Brot.

Jene Leser, die Wissenswertes über Erlangen kennen, verstehen sicherlich die Anspielung im Titel. Für alle anderen: Es geht um kleine und große Missgeschicke von Schülern und um Sensationsgeilheit.

"Dr Hilarius, Dr Hilarius, Klaus ist von seinem Stuhl gefallen!" ruft mir, völlig außer Puste, der kleine Dehwitt entgegen. Meine erste Reaktion - so wie die eines jeden guten Lehrers: Meine Augen fangen an zu leuchten, ein breites Grinsen ziert mein Gesicht, meine erste Frage: "Hat jemand das gefilmt?" Käitieh lächelt stolz und ruft: "Schon bei Youtube hochgeladen!" Damit bekommt sie gleich am ersten Schultag den ersten Schleimpunkt.

Ich frage nach: "Hat schon jemand einen Arzt gerufen oder den Sanis Bescheid gesagt?" (in der Hoffnung, dass es noch nicht passiert ist, denn das Spektakel möchte ich gern live miterleben. An manchen Schultagen gehe ich nur dafür zur Arbeit). Tschonnieh schaut mich etwas verwirrt an - "Wieso denn Arzt? Der ist doch nur vom Stuhl gefallen!" Und das Lächeln entgleitet mir wieder. "Wie? Das alles? Nichtmal den Hinterkopf an der Heizung aufgeschlagen, oder das Knie aufgeratscht, gar kein Blut irgendwo? Sorry, Käitieh, aber dann muss ich den Schleimpunkt wieder einkassieren. Das isses mir nicht wert, wahrscheinlich noch nichtmal ein blauer Fleck. Sorry, ihr Lieben, aber das ist schimmliges Brot."

Und damit beziehe ich mich auf einen Songtext von Foyer des Arts, den ich hier zitiere:

Ein Fernsehquiz mit Schwung und mit Schmiss, lockt mich, lockt mich - 
aber nein, zu gewinnen gibt's leider nur schimmliges Brot...

Großes Geknall, ein Autounfall, lockt mich, lockt mich - 
aber nein, statt Blut sieht man leider nur schimmliges Brot...

Ich deute die Funktion des Ausdrucks "schimmliges Brot" als ein Synonym für enttäuschte Erwartungen. Und wenn wir es so betrachten, dann gibt es nirgends so viel schimmliges Brot wie in der Schule. Vokabeltest neunte Klasse? Schimmliges Brot! Bestechungsversuche der Oberstufler? Schimmliges Brot! Zeugnisnoten in Englisch? Schimmliges Brot! Nettes Kollegengespräch? Schimmliges Brot! Schülerunfall? Schimmliges Brot!

Wie müsste nun also ein Schultag aussehen, der kein schimmliges Brot enthält? Leiten wir uns das aus vorherigem Absatz ab:

In der ersten Stunde gebe ich einen vollkommen fehlerfreien Vokabeltest in der Klasse 9 ab (also am besten einen ohne Vokabeln). In meinem Lehrerfach finde ich dann ein paar hochdotierte Schecks, oder im Fall von Eckernförde, einen Maserati auf meinem Parkplatz. Ich gebe in diesem Schuljahr ausschließlich 1. Muss ja nicht immer die Note sein... und um im Lehrerzimmer zu überleben, gehe ich gar nicht erst hinein, sondern führe Selbstgespräche auf dem Klo, die dann nur von Schantalle unterbrochen werden, die den Feueralarm ausgelöst hat, weil Konnieh sich beim Versuch, aus dem Fenster zu springen, an den Glasscherben aufgespießt hat, und das dauert auch bitte so lange, bis ich vom Klo runter bin und ein Youtube-reifes Video davon gedreht habe.

Vielleicht bin ich noch ein wenig verwöhnt aus der Zeit in St.Peter-Ording. Ich hatte noch nie so viel mit Ämtern und der Polizei zu tun, wie dort, habe noch nie so viele Drogen von Schülern abgegriffen, so viele Missbilligungen geschrieben, so viele Prügeleien unterbrochen - das darf man scheinbar nicht überall erwarten.

Ihr lieben ehemaligen Kollegen, ich vermisse Euch!

post scriptum: Dass das jetzt nicht falsch rüberkommt - ich habe wirklich den Eindruck, dass ich in meiner jetzigen Schule so langsam ankomme. Umso ärgerlicher, dass ich mich am Donnerstag dann arbeitssuchend melden muss, weil mein Arbeitsvertrag mal wieder ausläuft. Ist dann aber erst mein neunter Vertrag nach dem Ref, ich sollte von Schleswig-Holstein keine Wunder erwarten.

Sonntag, 23. April 2017

Ferienende - Angst vor der Schule

In solchen Phasen helfen Schülerrückmeldungen - wenn man schon selbst an sich zweifelt, tun sie es wenigstens (noch) nicht ^^

Dieses Phänomen betrifft bestimmt nur mich, und ich denke auch nicht, dass es etwas mit Hochbegabung zu tun hat. Es ist mir ein treuer Begleiter geworden seit Beginn meines Referendariats vor fünf Jahren.

Jedesmal, wenn das Ferienende naht, werde ich ein wenig aufgeregt, leider aber nicht mit positiver Vorfreude auf die Schule, sondern mit negativem Lampenfieber. Es sind normalerweise nur die letzten beiden Tage der Ferien betroffen - dann aber manchmal so intensiv, dass ich mich in meiner Wohnung verkrieche. Ich bekomme dann ein wenig Angst vor dem Vergehen der Zeit, schaue immer öfters auf die Uhr. In der Nacht auf den ersten Schultag kann ich kaum schlafen, ich wache immer wieder auf und schaue auf die Uhr - und bin erleichtert, wenn ich noch mehr Zeit übrig habe als "befürchtet". Und wenn am Morgen mein Wecker klingelt, nutze ich die Snooze-Funktion, um noch bis zu einer halben Stunde mehr rauszuholen, in der ich ruhig schlafen könnte, aber eigentlich gelingt es mir dann nicht mehr, mich zu entspannen.

Wovor habe ich Angst? Aus dem Ref lässt sich das ganz gut ableiten: Davor, dass ich zu wenig vorbereitet habe, davor, dass die Kiddies bei mir nichts lernen, davor, dass ich den Schülern irgendwas versprochen habe und dann über die Ferien vergessen, davor, dass ich eigentlich auch in meiner Wohnung viel mehr hätte tun können. Viele dieser Punkte sind mir in der Ausbildung suggeriert worden, vor allem das "Sie sind niemals gut genug, um unseren Ansprüchen gerecht zu werden."

Ich finde es auch faszinierend, wie mir das am Anfang der Ferien immer mal wieder für einen Moment bewusst ist, und ich nehme mir vor, es diesmal anders zu machen. Darauf zu achten, dass ich ausgeglichen bin und ruhig starte. Und immer wieder sitze ich dann am Ferienende da, so wie heute, bin bis auf Konsolen- und Hörspiele wie paralysiert.

Mittlerweile ist mir aber bewusst, dass es morgen, wenn die ersten Stunden erstmal begonnen haben, gar nicht mehr so schlimm ist. Wie beim Lampenfieber - nach Beginn der Aufführung ist alles wieder Routine und ich merke (hoffentlich), dass ich doch kein so schlechter Lehrer bin.

Ich muss zugeben, vielleicht hätte ich dieses Gefühl nicht, wenn ich endlich einmal unbefristet beschäftigt werden könnte. Dann fühle ich mich nicht an jedem Schultag unter einer Art Druck, dass jeder einzelne Fehler mir diese Chance zerstören könnte. Aber, ich gebe auch zu, an eine Planstelle glaube ich mittlerweile nicht mehr.

Samstag, 22. April 2017

Größer

Reinigende Giganten

Okay, ich bin ein bisschen überrascht, ich hätte nicht gedacht, dass das Gegenstück zu dem Kleiner-Beitrag mir so zeitnah durch den Kopf jagen würde - aber es ist mir aufgefallen beim Auspacken der Drogerieartikel: Sie werden immer größer! Der geneigte Leser möge bei seinem nächsten Einkauf bei Rossmann oder sonstwo, ich bekomme kein Geld für diese Werbung; jedenfalls möge er darauf achten, wie oft er diese tags findet: "20% mehr", "50% gratis", "jetzt mehr Inhalt" und so weiter.

Bleiben wir bei der Reinigung: Mittlerweile gibt es Geschirrspültabs nicht nur im Paket mit achtundvierzig Stück, sondern im Fünf-Pakete-Set. Und das Waschpulver im zwanzig-Kilo-Karton wird auch schon in Zweierpacks zusammengeschweißt. "Wenn sie zehn Reinigungsprodukte kaufen, bekommen sie eine Spülbürste dazu!" Ich kann gar nicht so viel essen und Besteck verwenden, um all diese Reinigungsmittel irgendwann aufzubrauchen. Eine Packung reicht ewig.

Klar, das sind Köder, so lockt man die Kunden an und man sollte vermuten, dass sich dahinter auch immer eine Preiserhöhung verbirgt. Oft ist das aber nicht der Fall: Tatsächlich werden die Flaschen größer. Der Sagrotan-Badreiniger hat von fünfhundert auf siebenhundertfünfzig Milliliter erhöht, Bref war auch mal kleiner.Und mein Adidas Victory League Duftwasser gibt es jetzt nicht nur als fünfzig Milliliter, sondern direkt daneben mit fünfzig Millilitern zusätzlich - zum gleichen Preis! Ich fühle mich nicht verschaukelt, sondern einfach nur noch hilflos gegenüber dieser geballten Unlogik.

Und das hochbegabte Kopfkino sieht einen Kampf zwischen immer riesiger werdenden Putzmitteln und immer kleiner werdenden Technik-Finessen.

Möge der Kampf beginnen!

post scriptum: Sollte etwa eine unbekannte Macht uns damit andeuten wollen, dass wir vom Antlitz der Erde hinfort geputzt werden? Back to nature (die Technik ist ja eh schon klein und verschwunden) Long live paranoia! Warte mal - genau das ist doch das Zukunftsszenario im Film "Cloud Atlas" - Technik aus dem Nichts kombiniert mit einer naturnahen Lebensweise. Jetzt verstehe ich das. Zufrieden.

multo post scriptum: Die große Buba kann hellsehen, sie hat geahnt, dass ein Beitrag über Reinigungsmittel kommt. Muss halt auch mal was Unbeschwertes sein :-P

Freitag, 21. April 2017

Ich bin aus Plastik

Viele bunte Karten...

Nein, der Titel bezieht sich nicht auf die neu in mich eingebauten Teile, die scheinen aus Titan zu sein, wenn ich dem Datenblatt glauben darf. Heute geht es mir darum, wieviel Plastik mittlerweile mein Leben ausmacht - wieviele Bereiche durch kleine Plastikkarten repräsentiert werden, alle im gleichen Format, alle in unterschiedlichen Farben. Ich hätte sie gern alle in schwarz, aber das ist nicht unbedingt immer möglich. Heute ist endlich eine schwarze Karte hinzugekommen, und das hat mir den Impuls gegeben, diesen Beitrag zu verfassen. Hat also nichts mit meinem gesundheitlichen Zustand zu tun; wer sich in der Hinsicht updaten möchte, sollte direkt zum PS springen.

Die heutige Karte gefällt mir vom Design her am besten - es ist meine Mitgliedskarte zum EMP Backstage Club. Seitdem der Laden X-tra-X dichtgemacht hat, bestelle ich meine Szenemode (also mitterweile fast alles) bei EMP - besonders, seitdem sie das Label Spiral in Deutschland vertreiben; es repräsentiert am ehesten den Look, den ich haben möchte, in schwarz, mit vielen Totenköpfen und dem Grim Reaper hier und dort. Die Mitgliedschaft bot sich daher für mich an, immerhin bezahle ich nun keine Versandkosten mehr und bekomme 5% auf jede Bestellung. Den Jahresbeitrag habe ich bereits mit dieser Bestellung raus, also warum nicht. Und das ist eine Karte, die ich gern mal herumzeige (a flashing piece of plastic to flash when other people are around).

Die einzige weitere Karte, die mir vom Look her gefällt, ist meine VISA. Seit über zehn Jahren habe ich meine eigene Kreditkarte, da ich schon seit Langem gern Dinge aus den USA bestelle und es früher nicht so einfach war, mit den Staaten abzurechnen. Klar, mittlerweile gibt es so viele verschiedene Bezahlmöglichkeiten - im Jahr zweitausendvier war das die mit Abstand bequemste Variante. Mittlerweile ist die Kreditkarte für mich unentbehrlich geworden, sei es nun auf einer Exkursion nach Griechenland oder bei einem Freizeitparkbesuch in den Staaten. Für diese Bequemlichkeit zahle ich gern Kontoführungsgebühren, ich rege mich nur noch über die Regelung der Sparkasse auf, dass Gebühren gezahlt werden müssen, wenn ich mit der Kreditkarte im eigenen Haus Geld abheben möchte. Whatever.

Diese beiden Karten finde ich am stylischsten, aber sie sind bei Weitem nicht die wichtigsten Karten in meinem Leben. Meine EC-Karte ist absolut unentbehrlich, und dieser Tage auch meine Versicherungskarte, darüber hinaus mein Führerschein. Letztlich ist auch die CITTI-Karte dann und wann nützlich.

Auf diese Weise wird die Organisation meines ganzen Lebens durch kleine Plastikkarten repräsentiert, einfach mitzunehmen, kein Portemonnaie sollte weniger als zehn Fächer für Karten haben. Wie praktisch! Das ist mal eine nützliche Variante der Verkleinerung des Lebens. Doch leider bleibt diese Bequemlichkeit nicht ohne Nachteile.

Ich hoffe, nicht allzu viele Leser haben das schon einmal erlebt: Das Portemonnaie wird gestohlen, verloren oder kommt sonstwie unwiderbringlich abhanden. Das Schlimmste müssen dann gar nicht die hundert Euro sein, die man mit sich geführt hatte (dank der kleinen Karten benötigt man mittlerweile deutlich weniger Bargeld). Viel ärgerlicher wird der bürokratische Aufwand: Die Verluste müssen gemeldet werden, Kredit- und EC-Karten gesperrt werden, darüber hinaus alle anderen Karten, mit denen man in irgendeiner Form bezahlen kann. Alle Karten müssen neu beantragt werden, alle Mitgliedschaften neu erfasst werden. Alle Kartennummern, die man so schön auswendig drauf hatte - zum Beispiel die der Kreditkarte - müssen neu gelernt und zunächst mühsam von den Karten abgelesen werden. Es kostet viel Zeit und Nerven - und nicht zuletzt auch oft Geld - den Verlust der Geldbörse wieder wettzumachen.

Das ist eben ein Nachteil, wenn man all das lebensbestimmende Plastik zusammen mit sich herumträgt. Und ein weiterer Nachteil im Falle der Bezahlkarten ist: Beim Bargeld konnte man nie mehr Geld ausgeben, als man im Portemonnaie hatte. Bei Kredit- und EC-Karte wird das kleine Stück Plastik einmal durch das Lesegerät gezogen, dann eine Unterschrift oder PIN und das Geschäft war getätigt; nicht selten kommt dann erst Wochen später das eiskalte Erwachen beim Blick auf den Kontoauszug.

Dennoch, ich möchte all' meine Plastikkarten nicht missen, ich finde sie einfach cool, und vielleicht kann ich ja auch nach und nach mehr schwarze Exemplare bekommen. Bis dahin muss meine EMP-Karte ausreichen.

post scriptum: Falls jemand wissen möchte, wie es mir geht - heute ist der erste Tag von "Training und Narbenpflege". Das bedeutet, dass ich die Schiene zweimal am Tag abnehme. Ich versuche dann fünf Minuten lang, den Finger zu begen und zu strecken. Das fühlt sich im Moment sehr unangenehm an, denn ich kann ihn kaum beugen. Da ist diese Barriere im Mittelgelenk. Ich werde ganz unruhig, wenn ich das versuche, daher muss ich mich dazu hinlegen, mich konzentrieren und ganz langsam die Bewegungen versuchen.

Die Narbenpflege ist nicht viel angenehmer - ich reibe eine Salbe auf die Narbe und soll sie mit sanftem Druck eine Weile einmassieren. Es tut nicht weh, aber die Narbe fühlt sich verhärtet an, und es kribbelt, als wäre alles noch teilweise betäubt. Ich halte das kaum aus, aber ich versuche, das einen Moment lang durchzuziehen.

Ich hoffe, dass ich mich im Laufe der nächsten Tage an beides gewöhne. Jetzt ist es noch ungewohnt, als ob dieser Finger nicht zu mir gehört. Ich setze die Schiene wieder auf und versuche, mich abzulenken.