Freitag, 29. Juli 2016
Das erste Gehalt
Heute geht es mal wieder um ein Gefühl. Ich weiß, ich habe das Gefühl hier schon einmal beschrieben. Es hat meinen gestrigen Tag aber dergestalt beeinflusst, dass es mir ein Bedürfnis ist, das hier noch einmal schriftlich festzuhalten. Vielleicht auch als Ermutigung an alle armen arbeitslosen Seelen, die da draußen auf den "perfekten Job um die Ecke" warten. Ja, es gibt Angestellte, die an so etwas glauben. Ich habe da ein paar ganz liebe Menschen im Blick, die in der Durststrecke sind oder darauf zusteuern, und ich möchte Euch hiermit klarmachen, dass es sich lohnt, am Ball zu bleiben.
Los ging das gestern: Ich brauchte irgendwoher fünfzig Euro, um den Wagen aufzutanken. Woher nehmen und nicht stehlen? Wenn der Dispo vollends ausgereizt ist, gibt es ja noch die Kreditkarte. Ich war mir sehr, sehr sicher, dass ich deren Limit mittlerweile ebenfalls ausgereizt hatte. Verdammt. Und ich wollte nicht bei meinen Mitmenschen betteln gehen, so etwas ist demütigend. Jeder einzelne Cent ist erniedrigend und wiegt während der Dauer der Schuldnerschaft wie eine geistige Zentnerlast auf den Schultern. Genau das ist es, was der Begriff belastend meint.
Das Gefühl der Abhängigkeit. Auf Andere angewiesen zu sein, mehr, als man es unter normalen Umständen vielleicht schon ist. Sich unfrei fühlen. Der innerliche Zwang, das Bewusstsein, der Gedanke, man müsse über jeden geleisteten Schritt, über jeden ausgegebenen Euro Rechenschaft gegenüber all seinen Gläubigern ablegen. Ich ertrage dieses Gefühl kaum, und ich glaube nicht, dass da so unendlich viele Sozialschmarotzer draußen sind, wie gewisse politische Richtungen es einem Glauben machen wollen. Ich denke mir, dass viele von diesen Menschen sich ebenso belastet fühlen. Es macht keinen Spaß, auf Stütze angewiesen zu sein. Geld mithilfe der Kreditkarte abheben und auf das Girokonto einzuzahlen, damit man im Dispo noch so viel Raum hat, dass die Stadtwerke ihre Beiträge abbuchen können. Ich fühle mich wie ein Verbrecher.
Nun, ich habe dennoch gestern vor meiner Kreditkarte meine normale Kontokarte gezückt. Es könnte ja immerhin sein, dass nun doch schon mein allererstes Gehalt nach einem halben Jahr Arbeitslosigkeit auf dem Konto ist. Das Monatsende ist relativ nah (und wir Lehrkräfte im Angestelltenverhältnis bekommen immer erst am Monatsende das Gehalt). Ich checke den Kontostand, in Erwartung der üblichen Anzeige mit dem Minus vor den über Tausend Euro, die sich in den letzten Monaten angesammelt haben.
Doch da! Nicht nur war das Minus getilgt und mein Konto wieder ausgeglichen - ich hatte sogar ein schönes Plus dort zu stehen! Und das Gefühl ist schwer zu beschreiben - vor allem, weil es sich im Laufe des Tages erst entfaltet hat.
Erster Gedanke: Endlich kann ich meine Miete bezahlen. Endlich kann ich den Stapel Rechnungen überweisen, der auf meinem Schreibtisch liegt. Endlich kann ich tanken fahren. Endlich kann ich Gästen wieder etwas Anderes als nur Leitungswasser anbieten.
Zweiter Gedanke: Okay, wenn ich erstmal alle Rückstände beglichen habe und dann noch die Kreditkartenabrechnung kommt, bin ich wieder im fetten Minus. Aber dann lasten mir keine offenen Posten mehr an!
Dritter Gedanke: Ich bekomme endlich wieder Gehalt. Endlich sind es keine paar hundert Euro Arbeitslosengeld mehr. Endlich kann ich mir wieder Kleidung kaufen! Endlich kann ich meinen Miet-Dauerauftrag einrichten, weil ich jetzt für mindestens ein volles Jahr mein Gehalt bekomme!
Vierter Gedanke: Endlich wieder arbeiten. Endlich wieder im System! Endlich die Lasten von den Schultern werfen. Endlich wieder richtige Beschäftigung! Endlich weniger Freizeit!!!
Gestern hieß es für mich endlich wieder durchzuatmen. Dieses Gefühl ist unbeschreiblich schön. Dieser Moment, auf den ich wochen-, monatelang hingehofft habe - endlich wieder eine Perspektive zu haben und nicht mehr ziellos herumzudriften.
Ich hatte es schon einmal vor etwa drei Jahren, dass mich ein Schulleiter "von der Straße geholt hat". Ich war damals endlos dankbar, und auch heute bin ich meiner Schulleiterin grenzenlos dankbar für alles, was sie mir von den Schultern genommen hat. Für sie mag es "nur" eine Lücke in der Unterrichtsversorgung sein, die sie gestopft hat. Für den arbeitslosen Junglehrer ist es allerdings etwas, woran er sich klammern kann, etwas, was mir jeden einzelnen Tag aufwertet, jedem Aufstehen einen Sinn gibt und jedes Zubettgehen mit mehr Perspektive versieht.
Und es mag noch so aussichtslos sein in der Arbeitslosigkeit. Und es mag noch so deprimierend, demütigend, erniedrigend und vernichtend sein. Und es mag noch so lange dauern und endlos erscheinen - irgendwann *hat* es ein Ende.
Und dieser Moment wiegt das ganze Warten auf.
Donnerstag, 28. Juli 2016
Komma klar!
Seit einiger Zeit lese ich gern Nachrichten per Google News. Heute sehe ich da eine erstaunliche Schlagzeile - die Arbeitslosenzahl in Deutschland ist im Juli auf 2661 Millionen gestiegen. Das ist erschreckend, da sie im Juni noch etwa 2,658 Milliarden weniger betrug. Wir haben also innerhalb eines Monats ein Wachstum von 100000%. Wenn das so weitergeht, haben wir im August 2,65 Billionen (deutsche Nomenklatur) zu beklagen. Besonders schockierend ist diese Mitteilung, wenn man bedenkt, dass in Deutschland nicht einmal einhundert Millionen Einwohner registriert sind. Das werden doch Populisten wie die AfD wieder für sich ausschlachten und die Schatten-Immigranten der Regierung um die Ohren schlagen!
Welch ein Glück, denke ich da im kleinen Rahmen, dass ich zumindest für ein Jahr Arbeit habe. Und endlich habe ich die Gewissheit - heute ist mein erstes Gehalt gekommen. Endlich kann ich die Anzahlung für den Sportwagen leisten, mein Hamasaki-Soundsystem installieren, den Delikatess-Lieferservice abonnieren und meine Haussklaven bestellen. ... Naja, nicht ganz. Endlich kann ich meine Miete überweisen, den Wagen auftanken, die Rechnungen für Telefon, Apotheke, Stadtwerke etc. bezahlen. Die Neuanschaffungen werden noch lange warten müssen, aber immerhin kann ich mich jetzt langsam aus dem Minus hervorarbeiten und hier und da anfangen, meine Schulden zu begleichen.
Ich gehöre also nicht zu den Tausenden von Millionen von Arbeitslosen in Deutschland, was ein Glück. Wohl aber scheint es ein paar Milliarden Lehrkräfte getroffen zu haben. Oder Lektoren. Menschen, die das Wort "Producerin" (sic!) im Tatort-Abspann tilgen. Menschen, die wissen, was ein fehlgesetztes Komma ausmachen kann, Menschen, die die mathematische Bedeutung des Kommas beibringen können, Menschen, die den Unterschied zwischen einer deutschen und einer internationalen "Billion" kennen. Menschen, die wissen, dass 2,661 in amerikanischer Schreibweise 2.661 ist. All diese Menschen sind nun arbeitslos geworden, und so wird es dazu führen, dass das Wachstum der Arbeitslosenzahl sich nächsten Monat sogar in Milliarden Prozent niederschlagen wird. Arm dran, wer jetzt noch mit einem Rechenbrett rechnet, denn er wird eines mit Abertausenden von Kugeln benötigen, und die wollen erstmal angeschafft sein.
Mittwoch, 27. Juli 2016
Frau Kuntzmann zieht aus
Dieser Beitrag könnte auch heißen: "Deutschland verjüngt sich" - dieser Effekt tritt derzeit in vielen Kollegien auf, in denen die Pensionierungswelle gerade rollt und haufenweise aufstrebende Junglehrer den Markt überschwemmen. Und im Kleinen läst sich dieser Effekt in unserem Mehrfamilienhaus beobachten.
In meiner Etage befinden sich drei Wohnungen - ich wohne in der Mitte, die perfekte Ausgangslage, um Nachbarn links, rechts und unten mit zu lauter Musik zu nerven. Als ich vor ein paar Jahren hier eingezogen bin, wohnte in der rechten Wohnung Frau Kuntzmann und links Herr Pfennig. Die Namen habe ich selbstverständlich eventuell geändert.
Okay, das mit Herrn Pfennig glaube ich zumindest, denn ich habe ihn nie zu Gesicht bekommen. Ich habe den Namen an seiner Türklingel gelesen und das war es auch. Einige Monate später sollte Herr Pfennig seinen großen Auftritt bekommen - es war ein warmer Sommerabend, ich hatte alle Fenster aufgerissen und einen Film geschaut. Plötzlich hörte ich es an meine Wohnungstür bollern - einmal, nochmal, dann der Ruf "Hier ist die Polizei!" - Herzschlag, Film abschalten, Drogen verstecken, totstellen. Jetzt erst sehe ich das Blaulicht in der Seitenstraße. "Herr Pfennig, öffnen sie die Tür!"
Okay - WAS ist hier los? Schnell springe ich zum Türspion, in der Hoffnung, dass ich nicht den Daria Nicolodi-Tod dort sterbe (Argento-Fans sehen gerade klirrendes Glas und ein kaputtes Telefon vor sich), und sehe zwei Polizisten vor des Nachbarn Tür stehen. Okay, das Klopfen war also gar nicht bei mir. Sie klingeln mehrfach, klopfen mehrfach. Nichts passiert. Zehn Minuten später haben sie die Tür aufgebrochen, ich höre nur "So eine Scheiße..." und denke mir, okay, nein, das ist nicht das, was ich jetzt denke. Oder? Ist es vielleicht die Erklärung für den komischen Fäulnisgeruch, der seit ein paar Tagen das Treppenhaus beherrscht? Ist das die Erklärung dafür, dass ich Herrn Pfennig nie zu Gesicht bekommen habe?
In den folgenden Tagen sehe ich die Tür und den Briefschlitz mit Dichtungsband abgeklebt, die Fenster stehen weit geöffnet. Alles klar, okay, nun ist es amtlich, Herr Pfennig ist in der Nachbarswohnung verreckt, salopp formuliert. Schön, eine Wohnung steht frei. In den folgenden Tagen sind allerdings erstmal diverse Reinigungsfirmen und Menschen in komischen Anzügen ein- und ausgegangen. Nun, knapp zwei Jahre später, sind neue Mieter eingezogen. Studenten, so scheint es. Ob sie wohl die Vorgeschichte ihrer Wohnung kennen? Vielleicht sollte ich mich mal auf einen Kaffee einladen...
Und dann war da also Frau Kuntzmann, doch in den letzten Monaten wurden erstaunlich viele Möbel aus ihrer Wohnung geräumt. Sollte sie nun etwa auch das Weite suchen? Besser als das Zeitliche zu segnen, immerhin. In der Tat, ihre Wohnung stand nun auch frei - das scheint sich allerdings ziemlich fix geändert zu haben. Heute morgen klingelte es an meiner Tür, Zeit, sich ein Handtuch um die Hüften zu schwingen und zu öffnen: Noch so ein junges Gesindel, sich vielmals entschuldigend, aber die Türklingel in der Nachbarwohnung funktioniert noch nicht.
Okay, scheint, als wäre da also noch ein Studentenpack. Bestätigt, was meine Nachbarin und ich letztens überlegt haben: Unser Haus scheint sich deutlich zu verjüngen. Ist auch mal eine nette Abwechslung - mit einem Mal bin ich der Älteste auf meiner Etage. Mal sehen, wie lange die es hier aushalten - die Wohnungen sind einigermaßen günstig, die Leute im Haus sind nett - das erklärt, warum sich für die Kuntzmann-Wohnung so schnell Nachmieter gefunden haben; bei Pfennig hat es knapp zwei Jahre gedauert und meine Wohnung stand immerhin ein dreiviertel Jahr frei.
Ich liebe Mietwohnungen.
Dienstag, 26. Juli 2016
Atelier Escha&Logy - Alchemists of the Dusk Sky
Videospiele. Genauer: Die Atelier-Reihe. Hatte ich noch nie von gehört, und dann durch Zufall mal einen der Teile ausprobiert. Oh, es gibt so Vieles, was gegen diese Spiele spricht. Plot gern dünn wie Papier. Sprachausgabe nur für etwa ein Viertel des Spiels. Anime-Stil. Unreife Witze. Schwierigkeitsgrad viel zu einfach. Und dann dieses unsägliche Zeitlimit, nach dessen Ablauf das Spiel einfach zu Ende ist.
Dabei sind die redeeming qualities dieser Spielereihe unübersehbar - wenn man sich nur die Zeit nimmt, sie wertzuschätzen. Die Teile dieser Reihe bauen nicht auf epische Storylines. Es geht auch mal ohne den Kampf Gut gegen Böse, ohne dass das ganze Universum auf dem Spiel steht. Ganz im Gegenteil, die Spiele sind leichtherzig und gutlaunig und das steckt an. Es geht um Probleme, die die Zielgruppe interessieren: Japanische Teenagegirls. Es geht um Romanze, um Klatsch und Tratsch.
Und es geht um Alchemie. Die Kämpfe, wie wir sie aus traditionellen RPGs kennen, stehen hier nicht im Vordergrund. Sie sind einzig der Schauplatz, um das unter Beweis zu stellen, was man im Hauptteil des Spiels fabriziert hat: Alchemie. Es gibt eine Vielzahl alchemistischer Formeln und in den neueren Teilen mittlerweile eine wahre Unzahl alchemistischer Zutaten. Mit ihrer Hilfe braut man Angriffs-, Heil- und Supportgegenstände zusammen. Man erschafft Edelsteine, Rüstungen, wichtige Bauteile. Man lernt, zielgerichtet Dinge zu alchemisieren.
Und in keinem anderen Spiel sind die Alchemieprozesse so komplex wie in der Atelier-Reihe. Es können Eigenschaften der Komponenten in das Produkt übernommen werden, teilweise miteinander kombiniert, und alles funktioniert so logisch, dass ich als Hochbegabter meinen Spaß daran habe, immer die bestmöglichen Produkte zu erhalten, die ich dann im Spiel ausprobieren kann.
Ja, die Handlungsstränge sind in der Tat oft sehr dünn. Bei Atelier Rorona muss man mithilfe von zwölf Aufträgen versuchen, den Alchemieworkshop von Roronas Meisterin zu retten. Für jeden der Aufträge hat man drei Monate Zeit. Und dann? Dann ist Ende, eiskalt. Nach drei Jahren Spielzeit (vier bei der Plus-Version) laufen die Credits über den Bildschirm, so dass man nach zwölf Stunden das Spiel beenden kann.
Es gibt unzählige Cutscenes, von denen allerdings nur ein kleiner Teil mit Sprachausgabe versehen ist - das bedeutet, dass es haufenweise Texte zu lesen gibt. Also eher nichts für die Spieler, die lieber nicht das Gehirn anstrengen wollen.
Zur Zeit spiele ich Atelier Escha&Logy. Einer der wenigen Teile, bei denen man die Hauptfigur wählen kann, und ich könnte schwören, dass die Namen Escha und Logy nicht zufällig gewählt sind, sondern sich vom englischen Begriff "eschatology" ableiten lassen. Generell findet man in diesen JRPGs die Besessenheit der Japaner mit ausländischen Namen wieder, besonders deutsche Wörter sind unglaublich beliebt. So heißt eine Blume "Dunkelheit", eine Legierung "Einzel Steel", eine Figur "von Ersleid". Weitere Beispiele gibt es in Unmengen.
E&L ist der vierte Teil, den ich spiele, inesgesamt einer der neuesten. Und diesmal bin ich begeistert, muss ich zugeben. Vom launischen Rocksong zum Titelvideo über eine eher lange Spieldauer bis hin zu einem handfesten Plot findet man hier alles, was man sich von der Reihe erhofft. Die Menge der alchemistischen Zutaten und Formeln ist gewaltig, es gibt eine Vielzahl an Missionen zu erfüllen und es ist unglaublich genugtuend, die Ergebnisse der eigenen alchemistischen Forschung auf dem Kampfplatz auszuprobieren und vernichtende Kombos hinzulegen.
Es ist eine angenehme Abwechslung, endlich mal keine schwülstige und schwergängige epische Tragödie vor sich zu haben, sondern ein leichtfüßiges, humoristisches Adventure, dessen Verlauf man aktiv beeinflussen kann. Wer sich also nicht von den seltsamen Namen irritiert fühlt und den zeitweiligen Seifenoper-Charakter aushält, der findet einen wunderbaren Zeitvertreib, der süchtig machen kann.
Dabei sind die redeeming qualities dieser Spielereihe unübersehbar - wenn man sich nur die Zeit nimmt, sie wertzuschätzen. Die Teile dieser Reihe bauen nicht auf epische Storylines. Es geht auch mal ohne den Kampf Gut gegen Böse, ohne dass das ganze Universum auf dem Spiel steht. Ganz im Gegenteil, die Spiele sind leichtherzig und gutlaunig und das steckt an. Es geht um Probleme, die die Zielgruppe interessieren: Japanische Teenagegirls. Es geht um Romanze, um Klatsch und Tratsch.
Und es geht um Alchemie. Die Kämpfe, wie wir sie aus traditionellen RPGs kennen, stehen hier nicht im Vordergrund. Sie sind einzig der Schauplatz, um das unter Beweis zu stellen, was man im Hauptteil des Spiels fabriziert hat: Alchemie. Es gibt eine Vielzahl alchemistischer Formeln und in den neueren Teilen mittlerweile eine wahre Unzahl alchemistischer Zutaten. Mit ihrer Hilfe braut man Angriffs-, Heil- und Supportgegenstände zusammen. Man erschafft Edelsteine, Rüstungen, wichtige Bauteile. Man lernt, zielgerichtet Dinge zu alchemisieren.
Und in keinem anderen Spiel sind die Alchemieprozesse so komplex wie in der Atelier-Reihe. Es können Eigenschaften der Komponenten in das Produkt übernommen werden, teilweise miteinander kombiniert, und alles funktioniert so logisch, dass ich als Hochbegabter meinen Spaß daran habe, immer die bestmöglichen Produkte zu erhalten, die ich dann im Spiel ausprobieren kann.
Ja, die Handlungsstränge sind in der Tat oft sehr dünn. Bei Atelier Rorona muss man mithilfe von zwölf Aufträgen versuchen, den Alchemieworkshop von Roronas Meisterin zu retten. Für jeden der Aufträge hat man drei Monate Zeit. Und dann? Dann ist Ende, eiskalt. Nach drei Jahren Spielzeit (vier bei der Plus-Version) laufen die Credits über den Bildschirm, so dass man nach zwölf Stunden das Spiel beenden kann.
Es gibt unzählige Cutscenes, von denen allerdings nur ein kleiner Teil mit Sprachausgabe versehen ist - das bedeutet, dass es haufenweise Texte zu lesen gibt. Also eher nichts für die Spieler, die lieber nicht das Gehirn anstrengen wollen.
Zur Zeit spiele ich Atelier Escha&Logy. Einer der wenigen Teile, bei denen man die Hauptfigur wählen kann, und ich könnte schwören, dass die Namen Escha und Logy nicht zufällig gewählt sind, sondern sich vom englischen Begriff "eschatology" ableiten lassen. Generell findet man in diesen JRPGs die Besessenheit der Japaner mit ausländischen Namen wieder, besonders deutsche Wörter sind unglaublich beliebt. So heißt eine Blume "Dunkelheit", eine Legierung "Einzel Steel", eine Figur "von Ersleid". Weitere Beispiele gibt es in Unmengen.
E&L ist der vierte Teil, den ich spiele, inesgesamt einer der neuesten. Und diesmal bin ich begeistert, muss ich zugeben. Vom launischen Rocksong zum Titelvideo über eine eher lange Spieldauer bis hin zu einem handfesten Plot findet man hier alles, was man sich von der Reihe erhofft. Die Menge der alchemistischen Zutaten und Formeln ist gewaltig, es gibt eine Vielzahl an Missionen zu erfüllen und es ist unglaublich genugtuend, die Ergebnisse der eigenen alchemistischen Forschung auf dem Kampfplatz auszuprobieren und vernichtende Kombos hinzulegen.
Es ist eine angenehme Abwechslung, endlich mal keine schwülstige und schwergängige epische Tragödie vor sich zu haben, sondern ein leichtfüßiges, humoristisches Adventure, dessen Verlauf man aktiv beeinflussen kann. Wer sich also nicht von den seltsamen Namen irritiert fühlt und den zeitweiligen Seifenoper-Charakter aushält, der findet einen wunderbaren Zeitvertreib, der süchtig machen kann.
Sonntag, 24. Juli 2016
Über das Altern
Dreiunddreißig Jahre. Und endlich sind mal keine blauen Flecken oder Beulen irgendwo zu sehen. Solche Verschleißerscheinungen treten nun mal auf, können ja aber auch fix repariert werden, einfach ne Zeitlang schonen und alles funktioniert wieder, wie es soll. Mit dreiunddreißig Jahren können allerdings so langsam grundlegende Mängel auftauchen. Abgenutzte Gelenke. Hier und da knackt mal was. Man muss öfters mal zum Routine-Check. Ich habe mich heute wieder davon überzeugt, dass auch mit dreiunddreißig Jahren alles noch wunderbar funktionieren kann. Doch ich fange mal nach dem nicht vorhandenen Frühstück an.
DO-AH 387. Ich krieg jetzt schon nen Hals. Du blöde Urlaubstrulla mit deiner Sightseeing-Familie, seht ihr nicht, dass ich auf die B76 einschwenken möchte? Blinker? Ich versuche extra, in die Lücke zu kommen? Nein, Madame Tamara muss ja unbedingt ihre Schrottkiste gleichauf mit meiner halten. Völlig entnervt ziehe ich an ihr vorbei und fädel meinen Haufen TÜV-Kür in die Blechschlange Richtung Ostsee ein, was sie gleich mit entnervtem Hupen quittiert und dann im Siebziger-Bereich mit Hundert an mir vorbeizieht. Naja, was erwarte ich von jemandem mit dem Kennzeichen DO-AH 387. Wenigstens ist die olle Hopse endlich weg. Aber man sieht sich immer zweimal im Leben...
Das Wetter ist ja geradezu fantastisch: Sonnig mit einem leichten Lüftchen, nicht allzu heiß, dennoch gut, wenn man Sonnenschutz dabei hat. Ich bekomme nur ein bisschen Nervosität in die Finger, es sind unzählige Touristen unterwegs. Klar, nun haben fast alle Bundesländer Ferien - man sieht es ja in der Politik als Erfolg an, dass endlich alle fast gleichzeitig in die Ferien starten können. Whatever. Und so sehe ich ein buntes Gemisch nationaler und internationaler Kennzeichen, Österreich ist dabei, die Niederlande, Italien, einmal Spanien, viel Dänemark. Dädebahk. Verzeihen Sie diesem alten Mann das sinnlose Gebrabbel.
Endlich raus aus Kiel, Elmschenhagen, Spieß-Preetz, endlich ein bisschen B76-Romantik in der Landschaft, ach schau mal an, wer steht denn da vorne auf dem Seitenstreifen? DO-AH 387. Ich überlege schon, bösartig eine Runde zu hupen, aber das ist nicht mehr nötig: Das Beifahrerfenster steht offen und im Moment meines Vorbeifahrens arbeitet sich eine wunderschöne, umgekehrte Parabel aus Frühstück den Weg Richtung Erdboden, Pynchon wäre stolz, nur dass diese Kotzparabel nicht wirklich regenbogenbunt war. Man kann sich nur im Ansatz vorstellen, welch Genugtuung mir der Anblick verschafft hat, ich hätte am liebsten thaliamäßig "Tsch-hösschedäh mbhit Khöösschendhäh!" nach draußen gerufen.
Habs aber für mich behalten und mich delektiert an der geilen Radiowerbung mit der Marssonde. Kennt Ihr die? Ich hab sie heute zum ersten Mal gehört und mich vor Lachen fast hinterm Lenker verklemmt. Sehr witzig! "Oh, da kommt irgendw..."
Mit dem Alter wird es langsamer, sagen manche. Früher war die (die?) mal schneller, klar, früher war immer alles schneller. Davon war heute nichts zu spüren. Im Gegenteil, ich habe heute erleben dürfen, dass man das Alter nicht wirklich spürt.
Okay, so langsam klinkt sich der gesunde Menschenverstand aus, wovon rede ich hier? Ich spreche von Nessie. Ich habe dem Hansa-Park heute einen kurzen Besuch abgestattet, Sonne aufgetankt, Adrenalin um mich herum verschüttet, mein persönliches Update abgeholt. Und ich wurde konfrontiert mit Straßen voller Touristen (Kennzeichen-Fasching), so wie oben bestaunte Kotztante. Ich habe mich in der Konsequenz seelisch auf elendig lange Wartezeiten im Park eingestellt - und wurde überrascht!
Das ging fix, Kärnan brauchte keine zwanzig Minuten, Fluch von Novgorod ebenfalls nicht. Erklärung? Könnte daran liegen, dass es das Reisewochenende ist und dass die meisten Familien auf der Straße unterwegs sind. Ich hab's jedenfalls genossen und dabei eben auch einmal wieder Nessie beobachtet. Genau wie ich, ist die Achterbahn in diesem Jahr dreiunddreißig Jahre alt geworden (falsch, Herr Doktor, die wurde nämlich schon 1980 gebaut). Und ich bin beeindruckt, wie ruhig sie sich fährt. Man muss es den Schwarzkopf-Achterbahnen lassen: Sie altern würdevoll und machen immer noch eine Menge Spaß, ich staune!
Ich habe es munkeln hören, der Fluch sei nicht so elegant gealtert. Ruckeliger geworden. Klapperiger. Da gab es hier und da mal richtig Schläge, blaue Flecken, unbequem. Der Fluch ist keine Schwarzkopf-Achterbahn, sondern stammt aus dem Hause Gerstlauer Amusement Rides, ebenso wie die Schlange von Midgard und Der Schwur des Kärnan (witzig - ich wette, das hab ich hier alles schon mal geschrieben und irgendjemand wird das vielleicht merken). Es geht der Tenor in der Achterbahn-Szene, dass Gerstlauer-Achterbahnen beim Altern leider ruckeliger und störanfälliger werden. Deswegen der Vergleich zu Nessie: Ob die Gerstlauer-Bahnen auch auf so lange Zeit ausgelegt sind?
So, und nun muss ich nochmal loswerden, wie sehr ich mich über den Hanse-Flieger freue. Endlich! Ich finde, diese Kettenkarusselle (siehe Foto oben) sind ein Wahrzeichen in jedem Vergnügungspark. Das gehört einfach dazu, und so habe ich heute auch damit meine ersten Runden gedreht und es hat riesigen Spaß gemacht. Als ich vor ein paar Jahren in Kings Island war, hab ich auch gestrahlt wie ein Honigkuchenpferd, als ich das Kettenkarussell entdeckt hatte.
Irgendwie muss ich beim Schreiben dieses Eintrags schon wieder an Thomas Pynchon denken, alles zusammenhanglos und aus dem Kopf auf das Papier, Sinn und Zusammenhang, ach Leute, strengt Euch doch mal ein bisschen an und ich werd
Samstag, 23. Juli 2016
Gewalt(ig beeindruckend)
So, nachdem ich bereits von zehn Minuten Morgenluft ins Schwitzen komme, wird der Park auf morgen verschoben, erstmal ist Hausarbeit dran und dann ab zum Friseur, runter mit dem Kopf.
Runter mit dem Kopf ist ein gutes Stichwort, wenn auch eine etwas makabre Überleitung. Ich wundere mich ein wenig, es vergeht keine Woche mehr ohne irgendwelche Gewalttaten, bald wird es nicht einmal gewaltfreie Tage mehr geben (gibt es eh' nicht). Ist das nur eine Frage meiner Wahrnehmung oder sind die Gewalttaten mehr geworden? Liegt es an veränderter Berichterstattung?
Ich habe heute Kommentare auf der Homepage der Tagesschau gelesen. Großer Fehler, das ist mir bewusst, weil sich darin die geballte Dummheit der Menschen offenbart und die Lektüre dieser Kommentare reinste Zeitverschwendung ist. Da werden alle möglichen Theorien aufgestellt, Hauptsache, es gibt etwas zu meckern. Und das erschreckt mich: Da sterben Menschen auf offener Straße und 95% der Kommentare sind Beschwerden über die Berichterstattung, Beschwerden über das Verhalten der Polizei, Beschwerden über die Qualität öffentlich-rechtlichen Fernsehens, da fehlen nur noch Beschwerden über das eigene Gehalt, das ja für solche Geistesleistungen (nämlich alles zu kritisieren) viel zu gering bemessen ist.
Könnt Ihr nicht einfach mal mit den Gedanken bei den Opfern sein? Oder zumindest das Maul halten, um den Familien ein wenig Respekt zu zollen? Müsst Ihr jeden dieser schrecklichen Vorfälle immer wieder für Euch als Plattform nutzen, da Ihr es ja eh schon immer wusstet? Wie marode das ganze System doch ist?
So schwachsinnig die Vielzahl dieser Kommentare sein mag, so zeigt sie doch ab und an interessante Punkte auf. Befinden sich ARD, ZDF und Konsorten auf einem niveautechnischen Niedrigflug? Nur weil ein Jens Riewa gestern verzweifelt ohne Text im Studio stand und mehrfach versucht hat, Interviews zu führen? Da wagen dann die Leute, diese Live-Berichterstattung zu kritisieren. Das sind genau die User, die bei fehlender Live-Berichterstattung klagen, dass sie mit zu wenigen Infos abgespeist werden.
Manchen kann man es eben nie recht machen, manche Menschen brauchen immer etwas zum Jammern. Und zu oft erkenne ich mich in diesem Verhalten auch selbst wieder - und versuche, aufzupassen, dass ich mich davon nicht einfangen lasse.
Und hoffe heute auf eine bessere Welt.
post scriptum: So ein Scheiß, der Friseur muss warten, bis ich mein Gehalt auf dem Konto hab. Nur noch eine Woche, dann ist endlich wieder für eine Weile durchatmen angesagt.
Freitag, 22. Juli 2016
Absturz in die Ferien!
So, nu isses geschafft, heute war der letzte Unterrichtstag in Schleswig-Holstein. Und wenngleich sicherlich all meine Bekannten in diesem Halbjahr mehr gearbeitet haben als ich, bin ich dennoch froh über das Abschalten-Können.
Zum einen erlebe ich es wieder, dass die Gemeinschaftsschule für mich körperlich auslaugender ist als das Gymnasium. Das soll aber kein Gejammer sein, im Gegenteil, ich habe das wirklich sehr vermisst und wünsche mir um nichts in der Welt die Arbeitslosigkeit zurück. Es war für mich nur sehr schwierig, mich für gerade einmal vier Wochen auf meine Lerngruppen einzustellen. Wer mich kennt, weiß, dass ich dazu viel mehr Zeit brauche. Das Neue braucht Zeit. Das muss ich selbst immer wieder lernen. Ich bin total glücklich, dass ich nicht mehr an einem Gymnasium arbeite und ich möchte dahin auch nicht zurück. Die Erfahrung in Eckernförde, darauf hätte ich gern verzichtet, aber wenn man erstmal arbeitslos ist, kann man nicht einfach aus derartig nichtigen Gründen eine Krankheitsvertetung ausschlagen. Whatever, nun habe ich jedenfalls das Gefühl, am richtigen Ort zu sein, in diesen vier Wochen sind viele Kollegen offen und warmherzig auf mich zugegangen. Es fällt mir sehr schwer, zu erklären, warum das in Eckernförde in der doppelten Zeit nicht möglich war - zumindest, wenn ich nicht meine Vorbehalte gegenüber der Schulform hier schon wieder ausbreiten möchte und ein persönliches Urteil über die pädagogische Arbeit an manchen Gymnasien abgebe (Praeteritio erkannt?). Tief in mir drin weiß ich, warum es jetzt besser läuft.
So, für mich wäre eine Tour in nen Freizeitpark der ideale Startschuss für die Ferien. Draußen wird es aber gerade grau, wie angekündigt, und es sollen ja einige Gewitter durchziehen. Für morgen sieht der Wetterbericht für Sierksdorf wunderbar aus, ich habe schon mal wieder die Sonnencreme bereit gestellt. Lustige Sache: Ich habe die Creme vor zwei Monaten mal bereitgestellt und seitdem war das Wetter immer nur so mittelmäßig. Meine plietsche Nachbarin meinte dann, ich solle die vielleicht einfach wieder wegstellen, vielleicht würde das Wetter dann besser. Das Merkwürdige: Kaum war sie wieder im Schrank verschwunden (die Creme, nicht die Nachbarin), gab es am folgenden Tag strahlenden Sonnenschein. Vor zwei Stunden habe ich sie dann wieder rausgeholt, morgen werde ich sie wohl brauchen. Und schwupps, innerhalb von zwei Stunden hat es sich grau zugezogen. Ich habe magische Sonnencreme.
Und nun möchte ich nochmal meinen Respekt aussprechen für alle Kollegen: Ihr macht einen tollen Job, viele von Euch geben sich richtig Mühe, um unseren Schülern den Weg in die weite Welt zu bereiten. Das kann ein sehr herausfordernder Job sein, und oft genug kommt es vor, dass weder Schüler und Eltern, noch irgendjemand im Ministerium einem das dankt. Im Gegenteil - neue Erlasse, neue Gleichschaltung und mit dem Anwalt drohen, wenn die Note nicht gut genug ist: Solche Dinge begegnen uns immer wieder, und manchmal ist es nicht ganz leicht, durchzuhalten. Manchmal fragt man sich, wozu man diesen Job überhaupt macht. Manchmal wünscht man sich einen durch feste Arbeitszeiten geregelten Job. Manchmal wünscht man sich, man würde nicht immer so viel Verantwortung mit sich herumtragen. Und in solchen Phasen hat man dann die freien Tage ganz besonders nötig.
Ich wünsche allen Lesern einen guten Start in die Sommerferien!
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