Mittwoch, 27. Juli 2016

Frau Kuntzmann zieht aus


Dieser Beitrag könnte auch heißen: "Deutschland verjüngt sich" - dieser Effekt tritt derzeit in vielen Kollegien auf, in denen die Pensionierungswelle gerade rollt und haufenweise aufstrebende Junglehrer den Markt überschwemmen. Und im Kleinen läst sich dieser Effekt in unserem Mehrfamilienhaus beobachten.

In meiner Etage befinden sich drei Wohnungen - ich wohne in der Mitte, die perfekte Ausgangslage, um Nachbarn links, rechts und unten mit zu lauter Musik zu nerven. Als ich vor ein paar Jahren hier eingezogen bin, wohnte in der rechten Wohnung Frau Kuntzmann und links Herr Pfennig. Die Namen habe ich selbstverständlich eventuell geändert.

Okay, das mit Herrn Pfennig glaube ich zumindest, denn ich habe ihn nie zu Gesicht bekommen. Ich habe den Namen an seiner Türklingel gelesen und das war es auch. Einige Monate später sollte Herr Pfennig seinen großen Auftritt bekommen - es war ein warmer Sommerabend, ich hatte alle Fenster aufgerissen und einen Film geschaut. Plötzlich hörte ich es an meine Wohnungstür bollern - einmal, nochmal, dann der Ruf "Hier ist die Polizei!" - Herzschlag, Film abschalten, Drogen verstecken, totstellen. Jetzt erst sehe ich das Blaulicht in der Seitenstraße. "Herr Pfennig, öffnen sie die Tür!"

Okay - WAS ist hier los? Schnell springe ich zum Türspion, in der Hoffnung, dass ich nicht den Daria Nicolodi-Tod dort sterbe (Argento-Fans sehen gerade klirrendes Glas und ein kaputtes Telefon vor sich), und sehe zwei Polizisten vor des Nachbarn Tür stehen. Okay, das Klopfen war also gar nicht bei mir. Sie klingeln mehrfach, klopfen mehrfach. Nichts passiert. Zehn Minuten später haben sie die Tür aufgebrochen, ich höre nur "So eine Scheiße..." und denke mir, okay, nein, das ist nicht das, was ich jetzt denke. Oder? Ist es vielleicht die Erklärung für den komischen Fäulnisgeruch, der seit ein paar Tagen das Treppenhaus beherrscht? Ist das die Erklärung dafür, dass ich Herrn Pfennig nie zu Gesicht bekommen habe?

In den folgenden Tagen sehe ich die Tür und den Briefschlitz mit Dichtungsband abgeklebt, die Fenster stehen weit geöffnet. Alles klar, okay, nun ist es amtlich, Herr Pfennig ist in der Nachbarswohnung verreckt, salopp formuliert. Schön, eine Wohnung steht frei. In den folgenden Tagen sind allerdings erstmal diverse Reinigungsfirmen und Menschen in komischen Anzügen ein- und ausgegangen. Nun, knapp zwei Jahre später, sind neue Mieter eingezogen. Studenten, so scheint es. Ob sie wohl die Vorgeschichte ihrer Wohnung kennen? Vielleicht sollte ich mich mal auf einen Kaffee einladen...

Und dann war da also Frau Kuntzmann, doch in den letzten Monaten wurden erstaunlich viele Möbel aus ihrer Wohnung geräumt. Sollte sie nun etwa auch das Weite suchen? Besser als das Zeitliche zu segnen, immerhin. In der Tat, ihre Wohnung stand nun auch frei - das scheint sich allerdings ziemlich fix geändert zu haben. Heute morgen klingelte es an meiner Tür, Zeit, sich ein Handtuch um die Hüften zu schwingen und zu öffnen: Noch so ein junges Gesindel, sich vielmals entschuldigend, aber die Türklingel in der Nachbarwohnung funktioniert noch nicht.

Okay, scheint, als wäre da also noch ein Studentenpack. Bestätigt, was meine Nachbarin und ich letztens überlegt haben: Unser Haus scheint sich deutlich zu verjüngen. Ist auch mal eine nette Abwechslung - mit einem Mal bin ich der Älteste auf meiner Etage. Mal sehen, wie lange die es hier aushalten - die Wohnungen sind einigermaßen günstig, die Leute im Haus sind nett - das erklärt, warum sich für die Kuntzmann-Wohnung so schnell Nachmieter gefunden haben; bei Pfennig hat es knapp zwei Jahre gedauert und meine Wohnung stand immerhin ein dreiviertel Jahr frei.

Ich liebe Mietwohnungen.

Dienstag, 26. Juli 2016

Atelier Escha&Logy - Alchemists of the Dusk Sky

Videospiele. Genauer: Die Atelier-Reihe. Hatte ich noch nie von gehört, und dann durch Zufall mal einen der Teile ausprobiert. Oh, es gibt so Vieles, was gegen diese Spiele spricht. Plot gern dünn wie Papier. Sprachausgabe nur für etwa ein Viertel des Spiels. Anime-Stil. Unreife Witze. Schwierigkeitsgrad viel zu einfach. Und dann dieses unsägliche Zeitlimit, nach dessen Ablauf das Spiel einfach zu Ende ist.

Dabei sind die redeeming qualities dieser Spielereihe unübersehbar - wenn man sich nur die Zeit nimmt, sie wertzuschätzen. Die Teile dieser Reihe bauen nicht auf epische Storylines. Es geht auch mal ohne den Kampf Gut gegen Böse, ohne dass das ganze Universum auf dem Spiel steht. Ganz im Gegenteil, die Spiele sind leichtherzig und gutlaunig und das steckt an. Es geht um Probleme, die die Zielgruppe interessieren: Japanische Teenagegirls. Es geht um Romanze, um Klatsch und Tratsch.

Und es geht um Alchemie. Die Kämpfe, wie wir sie aus traditionellen RPGs kennen, stehen hier nicht im Vordergrund. Sie sind einzig der Schauplatz, um das unter Beweis zu stellen, was man im Hauptteil des Spiels fabriziert hat: Alchemie. Es gibt eine Vielzahl alchemistischer Formeln und in den neueren Teilen mittlerweile eine wahre Unzahl alchemistischer Zutaten. Mit ihrer Hilfe braut man Angriffs-, Heil- und Supportgegenstände zusammen. Man erschafft Edelsteine, Rüstungen, wichtige Bauteile. Man lernt, zielgerichtet Dinge zu alchemisieren.

Und in keinem anderen Spiel sind die Alchemieprozesse so komplex wie in der Atelier-Reihe. Es können Eigenschaften der Komponenten in das Produkt übernommen werden, teilweise miteinander kombiniert, und alles funktioniert so logisch, dass ich als Hochbegabter meinen Spaß daran habe, immer die bestmöglichen Produkte zu erhalten, die ich dann im Spiel ausprobieren kann.

Ja, die Handlungsstränge sind in der Tat oft sehr dünn. Bei Atelier Rorona muss man mithilfe von zwölf Aufträgen versuchen, den Alchemieworkshop von Roronas Meisterin zu retten. Für jeden der Aufträge hat man drei Monate Zeit. Und dann? Dann ist Ende, eiskalt. Nach drei Jahren Spielzeit (vier bei der Plus-Version) laufen die Credits über den Bildschirm, so dass man nach zwölf Stunden das Spiel beenden kann.

Es gibt unzählige Cutscenes, von denen allerdings nur ein kleiner Teil mit Sprachausgabe versehen ist - das bedeutet, dass es haufenweise Texte zu lesen gibt. Also eher nichts für die Spieler, die lieber nicht das Gehirn anstrengen wollen.

Zur Zeit spiele ich Atelier Escha&Logy. Einer der wenigen Teile, bei denen man die Hauptfigur wählen kann, und ich könnte schwören, dass die Namen Escha und Logy nicht zufällig gewählt sind, sondern sich vom englischen Begriff "eschatology" ableiten lassen. Generell findet man in diesen JRPGs die Besessenheit der Japaner mit ausländischen Namen wieder, besonders deutsche Wörter sind unglaublich beliebt. So heißt eine Blume "Dunkelheit", eine Legierung "Einzel Steel", eine Figur "von Ersleid". Weitere Beispiele gibt es in Unmengen.

E&L ist der vierte Teil, den ich spiele, inesgesamt einer der neuesten. Und diesmal bin ich begeistert, muss ich zugeben. Vom launischen Rocksong zum Titelvideo über eine eher lange Spieldauer bis hin zu einem handfesten Plot findet man hier alles, was man sich von der Reihe erhofft. Die Menge der alchemistischen Zutaten und Formeln ist gewaltig, es gibt eine Vielzahl an Missionen zu erfüllen und es ist unglaublich genugtuend, die Ergebnisse der eigenen alchemistischen Forschung auf dem Kampfplatz auszuprobieren und vernichtende Kombos hinzulegen.

Es ist eine angenehme Abwechslung, endlich mal keine schwülstige und schwergängige epische Tragödie vor sich zu haben, sondern ein leichtfüßiges, humoristisches Adventure, dessen Verlauf man aktiv beeinflussen kann. Wer sich also nicht von den seltsamen Namen irritiert fühlt und den zeitweiligen Seifenoper-Charakter aushält, der findet einen wunderbaren Zeitvertreib, der süchtig machen kann.

Sonntag, 24. Juli 2016

Über das Altern


Dreiunddreißig Jahre. Und endlich sind mal keine blauen Flecken oder Beulen irgendwo zu sehen. Solche Verschleißerscheinungen treten nun mal auf, können ja aber auch fix repariert werden, einfach ne Zeitlang schonen und alles funktioniert wieder, wie es soll. Mit dreiunddreißig Jahren können allerdings so langsam grundlegende Mängel auftauchen. Abgenutzte Gelenke. Hier und da knackt mal was. Man muss öfters mal zum Routine-Check. Ich habe mich heute wieder davon überzeugt, dass auch mit dreiunddreißig Jahren alles noch wunderbar funktionieren kann. Doch ich fange mal nach dem nicht vorhandenen Frühstück an.

DO-AH 387. Ich krieg jetzt schon nen Hals. Du blöde Urlaubstrulla mit deiner Sightseeing-Familie, seht ihr nicht, dass ich auf die B76 einschwenken möchte? Blinker? Ich versuche extra, in die Lücke zu kommen? Nein, Madame Tamara muss ja unbedingt ihre Schrottkiste gleichauf mit meiner halten. Völlig entnervt ziehe ich an ihr vorbei und fädel meinen Haufen TÜV-Kür in die Blechschlange Richtung Ostsee ein, was sie gleich mit entnervtem Hupen quittiert und dann im Siebziger-Bereich mit Hundert an mir vorbeizieht. Naja, was erwarte ich von jemandem mit dem Kennzeichen DO-AH 387. Wenigstens ist die olle Hopse endlich weg. Aber man sieht sich immer zweimal im Leben...

Das Wetter ist ja geradezu fantastisch: Sonnig mit einem leichten Lüftchen, nicht allzu heiß, dennoch gut, wenn man Sonnenschutz dabei hat. Ich bekomme nur ein bisschen Nervosität in die Finger, es sind unzählige Touristen unterwegs. Klar, nun haben fast alle Bundesländer Ferien - man sieht es ja in der Politik als Erfolg an, dass endlich alle fast gleichzeitig in die Ferien starten können. Whatever. Und so sehe ich ein buntes Gemisch nationaler und internationaler Kennzeichen, Österreich ist dabei, die Niederlande, Italien, einmal Spanien, viel Dänemark. Dädebahk. Verzeihen Sie diesem alten Mann das sinnlose Gebrabbel.

Endlich raus aus Kiel, Elmschenhagen, Spieß-Preetz, endlich ein bisschen B76-Romantik in der Landschaft, ach schau mal an, wer steht denn da vorne auf dem Seitenstreifen? DO-AH 387. Ich überlege schon, bösartig eine Runde zu hupen, aber das ist nicht mehr nötig: Das Beifahrerfenster steht offen und im Moment meines Vorbeifahrens arbeitet sich eine wunderschöne, umgekehrte Parabel aus Frühstück den Weg Richtung Erdboden, Pynchon wäre stolz, nur dass diese Kotzparabel nicht wirklich regenbogenbunt war. Man kann sich nur im Ansatz vorstellen, welch Genugtuung mir der Anblick verschafft hat, ich hätte am liebsten thaliamäßig "Tsch-hösschedäh mbhit Khöösschendhäh!" nach draußen gerufen.

Habs aber für mich behalten und mich delektiert an der geilen Radiowerbung mit der Marssonde. Kennt Ihr die? Ich hab sie heute zum ersten Mal gehört und mich vor Lachen fast hinterm Lenker verklemmt. Sehr witzig! "Oh, da kommt irgendw..."

Doch nachdem ich dann endlich am Busch Reihe Neunzehn geparkt und mich aus dem Wagen gequält habe - und meinen Körper unter einer zentimeterdicken Schicht Sonnenschutz begraben - komme ich nun zurück zu den Gedanken über das Altern.

Mit dem Alter wird es langsamer, sagen manche. Früher war die (die?) mal schneller, klar, früher war immer alles schneller. Davon war heute nichts zu spüren. Im Gegenteil, ich habe heute erleben dürfen, dass man das Alter nicht wirklich spürt.

Okay, so langsam klinkt sich der gesunde Menschenverstand aus, wovon rede ich hier? Ich spreche von Nessie. Ich habe dem Hansa-Park heute einen kurzen Besuch abgestattet, Sonne aufgetankt, Adrenalin um mich herum verschüttet, mein persönliches Update abgeholt. Und ich wurde konfrontiert mit Straßen voller Touristen (Kennzeichen-Fasching), so wie oben bestaunte Kotztante. Ich habe mich in der Konsequenz seelisch auf elendig lange Wartezeiten im Park eingestellt - und wurde überrascht!

Das ging fix, Kärnan brauchte keine zwanzig Minuten, Fluch von Novgorod ebenfalls nicht. Erklärung? Könnte daran liegen, dass es das Reisewochenende ist und dass die meisten Familien auf der Straße unterwegs sind. Ich hab's jedenfalls genossen und dabei eben auch einmal wieder Nessie beobachtet. Genau wie ich, ist die Achterbahn in diesem Jahr dreiunddreißig Jahre alt geworden (falsch, Herr Doktor, die wurde nämlich schon 1980 gebaut). Und ich bin beeindruckt, wie ruhig sie sich fährt. Man muss es den Schwarzkopf-Achterbahnen lassen: Sie altern würdevoll und machen immer noch eine Menge Spaß, ich staune!

Ich habe es munkeln hören, der Fluch sei nicht so elegant gealtert. Ruckeliger geworden. Klapperiger. Da gab es hier und da mal richtig Schläge, blaue Flecken, unbequem. Der Fluch ist keine Schwarzkopf-Achterbahn, sondern stammt aus dem Hause Gerstlauer Amusement Rides, ebenso wie die Schlange von Midgard und Der Schwur des Kärnan (witzig - ich wette, das hab ich hier alles schon mal geschrieben und irgendjemand wird das vielleicht merken). Es geht der Tenor in der Achterbahn-Szene, dass Gerstlauer-Achterbahnen beim Altern leider ruckeliger und störanfälliger werden. Deswegen der Vergleich zu Nessie: Ob die Gerstlauer-Bahnen auch auf so lange Zeit ausgelegt sind?

So, und nun muss ich nochmal loswerden, wie sehr ich mich über den Hanse-Flieger freue. Endlich! Ich finde, diese Kettenkarusselle (siehe Foto oben) sind ein Wahrzeichen in jedem Vergnügungspark. Das gehört einfach dazu, und so habe ich heute auch damit meine ersten Runden gedreht und es hat riesigen Spaß gemacht. Als ich vor ein paar Jahren in Kings Island war, hab ich auch gestrahlt wie ein Honigkuchenpferd, als ich das Kettenkarussell entdeckt hatte.

Irgendwie muss ich beim Schreiben dieses Eintrags schon wieder an Thomas Pynchon denken, alles zusammenhanglos und aus dem Kopf auf das Papier, Sinn und Zusammenhang, ach Leute, strengt Euch doch mal ein bisschen an und ich werd

Samstag, 23. Juli 2016

Gewalt(ig beeindruckend)


So, nachdem ich bereits von zehn Minuten Morgenluft ins Schwitzen komme, wird der Park auf morgen verschoben, erstmal ist Hausarbeit dran und dann ab zum Friseur, runter mit dem Kopf.

Runter mit dem Kopf ist ein gutes Stichwort, wenn auch eine etwas makabre Überleitung. Ich wundere mich ein wenig, es vergeht keine Woche mehr ohne irgendwelche Gewalttaten, bald wird es nicht einmal gewaltfreie Tage mehr geben (gibt es eh' nicht). Ist das nur eine Frage meiner Wahrnehmung oder sind die Gewalttaten mehr geworden? Liegt es an veränderter Berichterstattung?

Ich habe heute Kommentare auf der Homepage der Tagesschau gelesen. Großer Fehler, das ist mir bewusst, weil sich darin die geballte Dummheit der Menschen offenbart und die Lektüre dieser Kommentare reinste Zeitverschwendung ist. Da werden alle möglichen Theorien aufgestellt, Hauptsache, es gibt etwas zu meckern. Und das erschreckt mich: Da sterben Menschen auf offener Straße und 95% der Kommentare sind Beschwerden über die Berichterstattung, Beschwerden über das Verhalten der Polizei, Beschwerden über die Qualität öffentlich-rechtlichen Fernsehens, da fehlen nur noch Beschwerden über das eigene Gehalt, das ja für solche Geistesleistungen (nämlich alles zu kritisieren) viel zu gering bemessen ist.

Könnt Ihr nicht einfach mal mit den Gedanken bei den Opfern sein? Oder zumindest das Maul halten, um den Familien ein wenig Respekt zu zollen? Müsst Ihr jeden dieser schrecklichen Vorfälle immer wieder für Euch als Plattform nutzen, da Ihr es ja eh schon immer wusstet? Wie marode das ganze System doch ist?

So schwachsinnig die Vielzahl dieser Kommentare sein mag, so zeigt sie doch ab und an interessante Punkte auf. Befinden sich ARD, ZDF und Konsorten auf einem niveautechnischen Niedrigflug? Nur weil ein Jens Riewa gestern verzweifelt ohne Text im Studio stand und mehrfach versucht hat, Interviews zu führen? Da wagen dann die Leute, diese Live-Berichterstattung zu kritisieren. Das sind genau die User, die bei fehlender Live-Berichterstattung klagen, dass sie mit zu wenigen Infos abgespeist werden.

Manchen kann man es eben nie recht machen, manche Menschen brauchen immer etwas zum Jammern. Und zu oft erkenne ich mich in diesem Verhalten auch selbst wieder - und versuche, aufzupassen, dass ich mich davon nicht einfangen lasse.

Und hoffe heute auf eine bessere Welt.

post scriptum: So ein Scheiß, der Friseur muss warten, bis ich mein Gehalt auf dem Konto hab. Nur noch eine Woche, dann ist endlich wieder für eine Weile durchatmen angesagt.

Freitag, 22. Juli 2016

Absturz in die Ferien!


So, nu isses geschafft, heute war der letzte Unterrichtstag in Schleswig-Holstein. Und wenngleich sicherlich all meine Bekannten in diesem Halbjahr mehr gearbeitet haben als ich, bin ich dennoch froh über das Abschalten-Können.

Zum einen erlebe ich es wieder, dass die Gemeinschaftsschule für mich körperlich auslaugender ist als das Gymnasium. Das soll aber kein Gejammer sein, im Gegenteil, ich habe das wirklich sehr vermisst und wünsche mir um nichts in der Welt die Arbeitslosigkeit zurück. Es war für mich nur sehr schwierig, mich für gerade einmal vier Wochen auf meine Lerngruppen einzustellen. Wer mich kennt, weiß, dass ich dazu viel mehr Zeit brauche. Das Neue braucht Zeit. Das muss ich selbst immer wieder lernen. Ich bin total glücklich, dass ich nicht mehr an einem Gymnasium arbeite und ich möchte dahin auch nicht zurück. Die Erfahrung in Eckernförde, darauf hätte ich gern verzichtet, aber wenn man erstmal arbeitslos ist, kann man nicht einfach aus derartig nichtigen Gründen eine Krankheitsvertetung ausschlagen. Whatever, nun habe ich jedenfalls das Gefühl, am richtigen Ort zu sein, in diesen vier Wochen sind viele Kollegen offen und warmherzig auf mich zugegangen. Es fällt mir sehr schwer, zu erklären, warum das in Eckernförde in der doppelten Zeit nicht möglich war - zumindest, wenn ich nicht meine Vorbehalte gegenüber der Schulform hier schon wieder ausbreiten möchte und ein persönliches Urteil über die pädagogische Arbeit an manchen Gymnasien abgebe (Praeteritio erkannt?). Tief in mir drin weiß ich, warum es jetzt besser läuft.

So, für mich wäre eine Tour in nen Freizeitpark der ideale Startschuss für die Ferien. Draußen wird es aber gerade grau, wie angekündigt, und es sollen ja einige Gewitter durchziehen. Für morgen sieht der Wetterbericht für Sierksdorf wunderbar aus, ich habe schon mal wieder die Sonnencreme bereit gestellt. Lustige Sache: Ich habe die Creme vor zwei Monaten mal bereitgestellt und seitdem war das Wetter immer nur so mittelmäßig. Meine plietsche Nachbarin meinte dann, ich solle die vielleicht einfach wieder wegstellen, vielleicht würde das Wetter dann besser. Das Merkwürdige: Kaum war sie wieder im Schrank verschwunden (die Creme, nicht die Nachbarin), gab es am folgenden Tag strahlenden Sonnenschein. Vor zwei Stunden habe ich sie dann wieder rausgeholt, morgen werde ich sie wohl brauchen. Und schwupps, innerhalb von zwei Stunden hat es sich grau zugezogen. Ich habe magische Sonnencreme.

Und nun möchte ich nochmal meinen Respekt aussprechen für alle Kollegen: Ihr macht einen tollen Job, viele von Euch geben sich richtig Mühe, um unseren Schülern den Weg in die weite Welt zu bereiten. Das kann ein sehr herausfordernder Job sein, und oft genug kommt es vor, dass weder Schüler und Eltern, noch irgendjemand im Ministerium einem das dankt. Im Gegenteil - neue Erlasse, neue Gleichschaltung und mit dem Anwalt drohen, wenn die Note nicht gut genug ist: Solche Dinge begegnen uns immer wieder, und manchmal ist es nicht ganz leicht, durchzuhalten. Manchmal fragt man sich, wozu man diesen Job überhaupt macht. Manchmal wünscht man sich einen durch feste Arbeitszeiten geregelten Job. Manchmal wünscht man sich, man würde nicht immer so viel Verantwortung mit sich herumtragen. Und in solchen Phasen hat man dann die freien Tage ganz besonders nötig.

Ich wünsche allen Lesern einen guten Start in die Sommerferien!

Donnerstag, 21. Juli 2016

Epilepsie-Flashback


Gestern habe ich einen Artikel zum Thema Epilepsie gelesen. Ich bin kein Epileptiker, und dafür bin ich sehr dankbar. Vor einigen Jahren hatte ich allerdings mal einen epileptischen Anfall, und das war für mich so befremdlich, so erschreckend, dass ich den Tag noch gut in Erinnerung habe.

Ein Tag wie jeder andere, es war Sommer und ich habe noch in der WG in Kronshagen gelebt. Es muss gegen Ende des Studiums gewesen sein. Ich weiß noch, wie ich am Nachmittag mit dem Auto in der Stadt unterwegs war. Am frühen Abend hatte ich mir dann ein Computerspiel genehmigt. Kurz nach achtzehn Uhr war das. Ich entspannte also eine Runde beim Spielen...

...und plötzlich saß ich nicht mehr am Schreibtisch, sondern in meinem Nippel-Sessel. Neben mir standen meine beiden Mitbewohner und schauten auf mich herab. "Geht es dir wieder besser?" fragte Nummer eins. Ich wusste nicht, wovon sie redete - war doch alles in Ordnung! Aber warte mal, warum saß ich auf dem Sessel? Was hatte ich davor gemacht? Wie spät war es? Welcher Tag war damals? Ich merkte plötzlich, dass ich vollkommen verwirrt war, irgendwie hatte ich einen Filmriss, ich merkte nur, wie sich nach und nach extreme Kopfschmerzen einstellten.

"Wie, na klar, ist denn etwas nicht in Ordnung?" "Er kann sich nicht dran erinnern." "Dr Hilarius, du lagst gerade auf dem Fußboden, hast wie wild um dich getreten und gekrampft und Deinen Kopf gegen den Beistelltisch geschlagen." Erster Gedanke: PEINLICH!!! Zweiter Gedanke: What the fuck???

"Ich glaube, du hattest einen epileptischen Anfall", meinte Nummer zwei dann behutsam zu mir. "Bleib erstmal einen Moment sitzen. Wie fühlst du dich?" Eigentlich war alles in Ordnung, wenn da nicht die Kopfschmerzen gewesen wären, die noch immer stärker wurden.

"Also eigentlich gehts mir gut, hab nur ein bisschen Kopfschmerzen und ich weiß nicht mehr genau, was passiert ist. Fuck, ist mir das peinlich..." - "Wir haben versucht, dich festzuhalten und in den Sessel zu setzen, du hast dabei rumgeschrien und wir haben uns irgendwie Sorgen gemacht."

Langsam fielen die Puzzleteile an ihren Platz. Ich konnte mich noch an das Computerspiel erinnern, dann hatte ich einen Filmriss von etwa zwanzig Minuten. Ich fuhr mir mit dem Handrücken über die Stirn, ich schwitzte sehr stark. Als ich die Hand wieder herunter nahm, sah ich, dass sie blutverschmiert war. "Oh, hab ich mir den Kopf angestoßen?"

Nummer zwei versuchte möglichst behutsam zu erklären: "Du hast deinen Kopf zwischendurch auch gegen den Ziegelstein unter deinem Schreibtisch geschlagen, aber das sieht schlimmer aus, als es ist. Möchtest Du erstmal ins Bad gehen? Gesicht waschen?" - "Ja, das ist besser, und zwei Aspirin. Es tut mir so Leid, dass ich euch Sorgen bereitet habe. Bitte erzählt das niemandem weiter, das ist mir so peinlich!" - "Mach dir darum keine Gedanken, natürlich erfährt davon niemand was. Wir gehen jetzt erstmal wieder in unser Zimmer zurück. Sollen wir einfach in einer halben Stunde nochmal nach dir schauen?" - "Ja, bitte. Ihr seid echt toll!"

Nun weiß ich also, wie sich so ein epileptischer Anfall anfühlt, und ich bin nicht scharf auf eine Wiederholung. Man könnte Schaden an der Einrichtung verursachen, sich selbst auf die Zunge beißen, sich Arme und Beine aufschlagen und dieses Gefühl absoluter Verwirrung und Orientierungslosigkeit danach und der verzweifelte Versuch, die Ereignisse zu rekonstruieren, das wünsche ich niemandem. Jetzt weiß ich, wie schwer das Leben hin und wieder für Epileptiker sein muss. Klar, dagegen gibt es Medizin, aber man ist nie vor so einem Anfall gefeit.

So, diese Erfahrung wollte ich nur einmal in diesem Blog mitteilen. Genießt die Sonne, es ist endlich wieder Sommer!

Mittwoch, 20. Juli 2016

Projektwoche


Endlich erlebe ich mal wieder eine schulische Projektwoche mit. Nach ganz klassischem Muster - Lehrer überlegen sich zu Beginn des zweiten Halbjahres ein Projekt, das sie anbieten möchten und die Schüler tragen sich dafür ein. In der letzten Woche des Schuljahres wird das Projekt dann durchgeführt; Unterricht findet nicht mehr statt.

Klassische Projekte sind zum Beispiel "Kosmetika herstellen", "Einen Zeichentrickfilm machen", "Flashmob-Dancing", "Zaubertricks" oder das "Outdoor-Projekt", für das ich gestern und heute zur Aufsicht mit eingeteilt worden bin. Ich muss zugeben, ich war mir sehr unsicher, ob ich dafür geeignet bin. Ich bin ein Stubenhocker und Denkmensch. Ich bin in der freien Natur vollkommen verloren und handwerklich gänzlich unbegabt.

Allerdings wird das Projekt von einer Kollegin geleitet, die sich selbst als absoluten Outdoor-Freak bezeichnet und eine Ausstrahlung hat, mit deren Hilfe sie alle Mitglieder für die Sache begeistern kann. So sind wir also mit der Gruppe in den vollkommen verwilderten Schulwald gegangen - dort gab es nichts "Fertiges", nur Gestrüpp, lebendige und tote Bäume und eine verwitterte Waldhütte. Keine Wege, gar nichts weiter.

Dann haben wir das Werkzeug ausgepackt: Viele Sägen in unterschiedlichen Größen, Arbeitshandschuhe, Spaten, Axt, Kettensäge, Spitzhacke, Seile und vieles mehr. Von da an hat die Projektleiterin nur noch kurze Impulse gegeben und die Teilnehmer motiviert, selbst etwas anzustellen mit allem, was sie in diesem Waldstück vorfinden konnten.

Heute ist Tag drei, und sie haben so viel geschafft: Wege entstrüppt und mit dicken Holzbalken markiert, einen großen Platz freigeräumt, Bänke aus Baumstämmen gebaut und eine große Feuerstelle ausgehoben und mit Steinen begrenzt. Drei Waldhütten aus Ästen und Laub gebaut, eine davon mit eigener Feuerstelle. Kleinigkeiten gebastelt, zum Beispiel Knöpfe aus Holz oder ein Kästchen für Räucherstäbchen sowie eine Art Traumfänger - siehe Foto oben; Letzterer ist allerdings noch lange nicht fertig. Die Sachen hab ich gebastelt und gemerkt, dass es gar nicht so schwer ist, mit der eigenen Umwelt zu arbeiten.

Ein Plädoyer dafür, seinen Kindern die Natur aufregend zu gestalten und nicht immer jegliches Spielzeug fertig konfiguriert vorzusetzen. Eines der Highlights war ein etwa zwanzig Meter hoher Baum, den wir gefällt haben - das war aufregend, ich hab sowas noch nie in natura gesehen. Morgen gibt es dann ein großes Abschlusslagerfeuer mit aus alten Fahrradteilen selbst gebautem Grill. Die Kollegin hatte auch schon einmal eine Neigungsgruppe (=AG) zu dem Thema; ich würde mir wünschen, dass es wieder dazu kommt, denn die Schüler haben heute voll motiviert gearbeitet und sich in die Natur gestürzt, ohne auch nur ein Mal auf ihr Handy zu schauen. Ganz toll, und genau für solche Vielfalt und spannende Projekte liebe ich Projektwochen.