Freitag, 15. Juli 2016

Nachricht an die (andere) alte Schule


Diese Botschaft geht nach SPO (Was sollen diese fünf Buchstaben bedeuten? Sankt! Peter! Dorf!) und erinnert mich an meine Anfänge an jener Schule. Ich hatte mitbekommen, dass der Gemeinschaftsschulteil der NOS einen gewissen Ruf hatte, der wohl nicht sehr positiv war. An den Lehrern wird es nicht gelegen haben: Ich finde es toll, wie einige Kollegen dort einen schülerorientierten Unterricht machen und auf jede mögliche Weise das Potential der Schüler herauszukitzeln versuchen. Ist echt so! Auch wenn das jetzt einige meiner ehemaligen Schüler lesen und sich denken "Boah, aber Herr XX und Frau XY sind total scheiße". Daraufhin kann ich nur mit dem Kopf schütteln.

Nein, liebe Schüler der Nordseeschule in Sankt Peter-Ording. Ich bekomme langsam Vergleichswerte und kann Euch sagen, dass Ihr von einem sehr aufgeschlossenem Kollegium unterrichtet werdet. Das ist eine bunte Truppe, und das ist auch gut so! In der Schülerschaft spiegelt sich das auch wider. Trotzdem Ihr eine kleine Schule seid, ist die Vielfalt bei Euch bemerkenswert. Und ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Kollegen mit Andersartigkeit offen umgehen und sich auch neugierig zeigen. Keine Anpassung an bestimmte Richtlinien, die von irgendwoher suggeriert werden.

Und das wirkt sich auch auf Euch aus, liebe Rasselbanden, die ich mal unterrichtet habe! Denn an der Nordseeschule wird nach einem Prinzip gearbeitet, das sich "individuelle Wertschätzung" nennt. Leider gibt es da auch ganz andere Schulen. Und Ihr habt zwei hervorragende Sozialpädagoginnen, von denen ich so viel habe lernen können für meine eigene Arbeit als Lehrer. Bei Euch wird direkt gearbeitet: Bei Problemen kommt eine SozPäd' auch gern mal in den Unterricht - oder man lässt den Unterricht in ihrem Raum stattfinden.

Das klingt banal, ist aber immens wichtig! SPO war für mich als Lehrkraft eine absolute Luxusschule - ich werde die Vorteile hier jetzt nicht aufzählen - und nach einem halben Jahr Arbeit hatte ich mich an diesen "pädagogischen Luxus" gewöhnt. Ich konnte mir gar nicht mehr vorstellen, dass es an manchen Schulen auch interpersonelle Kälte geben kann. Irgendwie waren alle an der Nordseeschule Beteiligten - Schüler, Lehrer, Angestellte, jeder eben - wie eine große Familie. Da wurden Probleme unbürokratisch gelöst. Da wurde direkt am Schüler gearbeitet anstatt an Aktennotizen.

Warum schreibe ich das heute überhaupt? Weil meine ehemalige Klasse mich heute zum Grillen eingeladen hat, ein letztes Mal die ganze Truppe zusammen - und ich hab mich riesig darauf gefreut! Auf all die spannenden Schüler der Klasse, mit all ihren Eigenheiten, und auch auf die Kollegin, bei der die Party steigt. Aber ich habe es die letzten Tage über immer wieder husten und räuspern hören, und nun bin ich matschig und mit Erkältung im Bett. Ich schwitze sogar, während ich diese Zeilen tippe.

Mein Appell an alle NOSler:

Genießt Eure Zeit an dieser Schule! Ihr wisst gar nicht, wie gut Ihr es habt (doch, einige schon). Schüler, freut Euch, dass Ihr als Individuen wahrgenommen werdet und mit Euren Macken akzeptiert werdet. Lehrer, freut Euch, dass Ihr so große Freiheiten bei der Ausgestaltung des Unterrichts genießen könnt! Für mich war die Nordseeschule in Sankt Peter-Ording die perfekte Schule. Auf meiner Prioritätenliste steht ganz oben allerdings mein Privatleben, deswegen bin ich jetzt in Kiel. Und habe den Unterschied zwischen Eiderstedt und Kiel sehr deutlich zu spüren bekommen.

Es ist Eure Zeit: Macht was draus!

Mittwoch, 13. Juli 2016

Dario Argento's "Suspiria"


Es gibt Filme, die man eher als Kunstwerk denn als herkömmliche Filmkost betrachten sollte. Sie sind Liebhaberstücke, der Filmkunst-Amateur kann diesen Filmen mehr abgewinnen als der Storyfanatiker, dem Faktoren wie Kameratechnik und Soundtrack egal sind. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich diese Kunstwerke - unabhängig von ihrer Qualität! - oft in kurzen Abständen erneut schauen kann. Klar kenne ich dann den Plot, aber um den geht es mir dann nicht mehr. Ich möchte Kameratricks analyieren, ich möchte die Raffinessen entdecken, mit denen die Macher an das Werk gegangen sind.

Einer dieser Filme ist zum Beispiel Coraline, den ich jetzt innerhalb von zwei Wochen viermal gesehen habe; deswegen habe ich ihn hier auch besprochen. Heute geht es mir um einen weiteren Film, der mich nicht so einfach loslässt - vermutlich auch, weil er so ein langes Vorspiel mit mir hatte. Es geht um Dario Argentos übernatürlichen Horrorfilm Suspiria (1977).

Ich liebe Horrorfilme. Ich habe damals im Projektunterricht Filmanalyse im 13. Jahrgang meiner Schule die Frage untersucht, wie Spannung im Film erzeugt wird, damals anhand von John Carpenters Meisterwerk Halloween (1978). Ich habe es lieben gelernt, wie Regisseure mit mir spielen, mit meinen Erwartungen, und wie sie mir einen Festschmaus für Augen und Ohren darbieten. Ich finde das in Horrorfilmen besonders effektiv.

Gleichzeitig habe ich ein Problem damit, wenn diese Filme zu blutig werden. Mit Splatterfilmen kann ich nichts anfangen, das finde ich meistens einfach nur eklig, selbst wenn es sich um Funsplatter handelt. Das soll keine Wertung sein: Es gibt unbestritten gute Splatterfilme wie zum Beispiel Evil Dead oder Braindead. Ist halt nur nichts für mich. Wenn Justus Jonas bei den Drei Fragezeichen ernsthaft das Horrorgenre als eine "wenig kunstvolle Mischung aus Splatter und Exploitation-Film" bezeichnet, dann ist das eine für seine Verhältnisse stümperhafte und unreflektierte Aussage. Gegenbeispiele liefern die zahlreichen kunstvollen Horrorfilme.

Nun also zu Suspiria. Wer Dario Argento kennt, der weiß, dass er mit Blut, Gewalt und Sex nicht geizt, ganz im Stil des italienischen Giallo. In der Regel nicht so splatterig wie ein Lucio Fulci, aber dennoch äußerst grafisch. Und genau das hat mich früher davon abgehalten, mir den Film anzuschauen. Ich habe fabelhafte Rezensionen gelesen, die den Film über den Klee loben. Die gelobten Punkte werde ich weiter unten ansprechen. Sie erwähnen jedoch auch die Todesszenen, die recht intensiv und in die Länge gezogen sind.

Irgendwann habe ich es dann gewagt, habe mir ein Exemplar der limitierten Anchor Bay-DVD gesichert und den Film angeschaut. Und ich habe es bis heute nicht bereut.

Wer unvorbereitet an den Film geht, der wird den Kopf schütteln. Der Plot ist dünn wie Papier. Die Schauspielkunst ist sehr unterschiedlich, gern vom Overacting geprägt. Die Ausleuchtung hat mit Realismus nichts zu tun. Das Blut sieht aus wie helle Wandfarbe. Die Effekte überzeugen nicht. Die Synchro ist schlecht. Sagte ich schon, dass ein Plot quasi nicht vorhanden ist?

All diese Kritikpunkte tragen zum surrealen Flair des Filmes bei, und man sollte sich informiert haben, um dem Film die ihm gebührende Aufmerksamkeit zukommen lassen zu können, und um zu wissen, was es da alles zu genießen gibt.

Da wären vor allem die kräftigen Farben. Selbst alltäglichste Szenen hat Argento mit leuchtendem Rot, Grün oder Blau ausgeleuchtet. Die Farben wirken besonders in der neuen Bluray-Disc von '84 Entertainment faszinierend. Der Film erinnert dadurch an einen Traum, oder besser, an einen Albtraum, und das soll er ja letztlich auch sein. Und es sind nicht nur die Farben, es ist die gesamte visuelle Ausstattung des Films. Nicht umsonst liegt der Hauptspielort in der "Escherstraße", überall finden sich Motive von M.C.Escher wieder. Die Einrichtung ist extrem detailliert, unmöglich einer einzelnen Stilrichtung zuzuordnen. Mit kleinen Tricks hat Argento das visuelle Erlebnis bestmöglich erschaffen: Jessica Harper in der Hauptrolle der Suzy Bannion hat große Manga-Augen, die ihr das Antlitz eines Teenagers verpassen; die Türklinken sind bewusst unnatürlich hoch angebracht, damit die Charaktere kleiner und wesentlich jünger wirken. Realismus wäre in diesem Film völlig fehl am Platze - somit sollte man dessen Fehlen nicht als Kritik zu deuten wagen.

Die akustische Atmosphäre ist düster, gruselig - unterlegt mit dem Soundtrack von Claudio Simonettis Band Goblin, die in mehreren von Argentos Filmen einen wunderbaren Job abliefert - so auch hier. Die Musikstücke sind durchzogen von Flüstern, magischem Brimborium, den titelgebenden Seufzern...

Man könnte noch eine lange Liste weiterer Vorzüge des Films hier nennen. Ich bin dazu allerdings zu faul und würde jedem, der ein paar intensivere Mordszenen übersteht (sind letztlich nur vier), empfehlen, den Film selbst zu genießen. Jedes einzelne Anschauen ist sicherlich belohnender als diese Rezension hier, also wünsche ich gute Unterhaltung mit einem Horror-Meisterwerk von Dario Argento!

Dienstag, 12. Juli 2016

Hochbegabte Ästhetik


Vorweg: Das hier muss nichts mit Hochbegabung zu tun haben. Ich habe es allerdings in erster Linie bei mir selbst und in Gesprächen mit Hochbegabten festgestellt - dass eine bestimmte "Konfiguration" meiner Umwelt beruhigend auf mich wirkt. Das können Kleinigkeiten sein; so muss die Lautstärke meiner Anlage stets auf einer durch zwei teilbaren Stufe sein. Latstärke sieben geht nicht, dann werde ich unruhig. Das Bewusstsein allein reicht da schon aus. Einer meiner Schüler hatte eine ähnliche Wahrnehmung, bei ihm allerdings musste die Lautstärke durch fünf teilbar sein. Das kann unpraktisch sein, wenn die Anlage eine großschrittige Lautstärkeregelung hat.

Wie komme ich jetzt überhaupt darauf? Zur Zeit spiele ich mit großartiger Unterstützung mal wieder Tomb Raider, das Original in der Anniversary-Neuauflage. Das waren noch Zeiten: Mehr Titten, weniger Gerede, mehr erforschen, weniger Menschen, mehr Tiere und Monster, weniger Spielerlenkung, mehr coole Sprüche, weniger leicht, mehr aufgespritzte Lippen. Einfach großartig, ich genieße es in vollem Umfang, alte Ruinen, Höhlen und Tempel zu erforschen, auch mal ohne zu wisen, wo der nächste Schritt mich hinführt. So einwandfrei das PS3-Reboot der Reihe dagegen umgesetzt sein mag, so atemlos zieht es den Spieler durch seine Umgebungen - das Denken wird einem fast komplett abgenommen. Deswegen gefällt mir Anniversary mindestens genau so gut.

Gestern haben wir den letzten Abschnitt der Ruinen in Ägypten erforscht, das Heiligtum des Scion. Und ich habe es unglaublich genossen, weil es von der Architektur her stimmig war und dank seiner Symmetrie einfach wunderschön und entspannend. Da macht es auch nichts, wenn ich Lara in dem einen oder anderen Schacht hundertmal das Genick gebrochen habe (umherfliegende Beine inklusive) oder wenn Mampf-Wände die Frau mit der schmalen Taille gierig zerkloppt haben. Das alles hat mich überhaupt nicht gestört - weil der Ort so "ausgewogen" war.

Im Wesentlichen besteht das Heiligtum aus einer Sphinx, die sich in einer gewaltigen Höhle befindet. Nach links und rechts führen Treppen, die genau an den gleichen Stellen unterbrochen sind. Jeweils ein Hebel befindet sich am Ende dieser Treppen. An jedem der Beine der Sphinx muss man einen Schlüssel einsetzen, damit sich die Tür - natürlich genau in der Mitte - öffnet. Wie herrlich! Ich könnte einfach nur in aller Ruhe unten stehen und mir dieses Bauwerk anschauen.


Links und rechts dieses Raumes befinden sich jeweils schachtähnliche Hallen - mit dem gleichen Rätsel, nur eben spiegelverkehrt. Es geht um Lichtreflektion, natürlich wieder in perfekter Symmetrie. Und wenn man schließlich in jeder dieser Hallen einen Schlüssel gefunden und in die Sphinx eingesetzt hat, dann geht es noch tiefer in das Heiligtum - eine riesige Halle, mit Wasser gefüllt, die von einem thronenden Anubis und Osiris beherrscht wird. Zwei gewaltige Statuen in genau gleicher Positionierung, am Grund des Sees genau zwischen ihnen ein Schalter. Wie herrlich!

Der aufmerksame Leser wird nun sagen: Moment mal, Herr Doktor! Links Anubis und rechts Osiris? Hat dich das denn nicht etwas verunsichert?

"Gut aufgepasst!" anworte ich dann. Und beim Überlegen, warum ich trotzdem ausgeglichen war, fällt mir ein, dass die Statuen sich nur durch ihren Kopf voneinander unterschieden haben. Und die Köpfe habe ich nicht so oft gesehen, weil ich meistens am Grund des Sees in Aktion war.

Ich liebe die Symmetrie. Sie beruhigt mich. Sie kann mir bei Panikattacken helfen. Manchmal ist sie sogar notwendig, weil ich sonst gestresst werde - wie z.B. bei der Lautstärkeregelung. Und ich bin damit nicht allein. Ich weiß nicht, ob das ein Hochbegabten-Ding ist - oder ob das z.B. auch HSPs (Hochsensible Persönlichkeit) so geht.

Jedenfalls ist das auch ein Grund, warum ich in der Ausgestaltung meiner Wohnung so oft wie möglich Achsen- oder besser noch Punktsymmetrie zum Einsatz kommen lasse. Lang lebe das Design!

Montag, 11. Juli 2016

Ein neues Gefühl


Ich bin rechts. Nein, stop. Ich war rechts. Früher war ich immer rechts. Am Autobahnkreuz Kiel-West bin ich, wenn ich die Stadt verlassen habe, immer rechts abgebogen. Von der Stadtautobahn runter auf die A210. Die Strecke kenne ich jetzt seit dreizehn Jahren. Im Studium: Wenn ich das Wochenende bei meinen Eltern verbringen wollte, bin ich rechts abgebogen. Ich weiß noch, das haben sie mir damals eingehämmert: Wenn du die Ausfahrt verpasst, wenn du nach links abbiegst, dann kannst du erst nach fünfzehn Kilometern wieder wenden. Also bin ich immer rechts gefahren. Aber links ging es ja auch nach Blumenthal. Wer wollte da schon hin?

In St.Peter-Ording: Immer, wenn ich am Dienstag früh um 4:30 Uhr aufgestanden bin, habe ich die Strecke rechts genommen - mit einer Ausnahme, Schneechaos, da war nix mehr mit rechts und links. Jede Woche am Dienstag bin ich rechts abgebogen, begleitet vom R.SH-Morgenprogramm. Ich hatte bald das Gefühl, als sei ich Voller Mittmanns Sitznachbar. Vertraut, regelmäßig wiederholt, jede Woche einmal. Und mein Gehirn hat sich die Abläufe alle eingeprägt. Dass ich auf die rechte Spur wechseln muss, die Geschwindigkeitsbegrenzungen... ich kannte dieses Autobahnkreuz auswendig.

Das war schon keine Straße mehr, das war ein Gefühl. Immer, wenn ich auf der Rückfahrt über die A215 hinweg fuhr und mich dann in die gemeinsame Strecke einordnete, war das für mich ein Symbol für das Wochenende. Arbeit hinter mir lassen. Probleme hinter mir lassen? Abschalten. Daher die Aussage, Kiel-West sei ein Gefühl. Und auch auf der Hinfahrt: Immer, wenn ich rechts abbog, mit dem Ziel St.Peter-Ording, immer war das der Startschuss für eine sehr lange Fahrt. Die erste Etappe von einhundertvierzig Kilometern Nachtfahrt. Der Startschuss für die Arbeit an der Nordseeschule. Kiel-West weckte tatsächlich eine gewisse Vorfreude, Kollegen wiederzusehen und meine Schüler wieder unterrichten zu dürfen.

Jetzt haben die Dinge sich geändert. Jetzt bin ich links. Kein Startschuss mehr, denn wer auf der A215 fährt, muss erstmal bei einhundert km/h bleiben. Es fühlt sich wirklich anders an. Eine neue Richtung, jetzt fahre ich endlich Richtung Blumenthal. Ein neues Gefühl.

Dieses Gefühl ist wunderbar. Endlich habe ich wieder Arbeit. Ich habe einen geregelten Tagesablauf. Ich habe einen Grund, morgens aufzustehen. Ich verdiene Geld. Mir wird erst so nach und nach bewusst, wie sehr die Arbeitslosigkeit mich hat versumpfen lassen. Und ich bin sehr glücklich, dass ich jetzt nicht mehr so viel Zeit habe.

Kiel-West.
Nach rechts abbiegen, das Kapitel habe ich abgeschlossen.
Nach links abbiegen, neugierig gehe ich auf das neue Kapitel zu.

Samstag, 9. Juli 2016

Nachschlag von der alten Schule

Vermutlich ist es ein ganz normaler Bestandteil jedes Lehrerlebens, dass man wieder mit längst zurückliegenden Ereignissen in Berührung kommt, und da zeigt sich dann auch mal, ob man einen positiven oder negativen Eindruck hinterlassen hat. Konkret: Plötzlich machen die Schüler Abitur, mit denen man zu Beginn seiner Lehrerlaufbahn als unschuldiger Nulltsemester eine Menge Spaß in der Schule hatte - und sie sind so groß geworden, so erwachsen, und wenn man ihre Fotos anschaut, sieht man noch die "kleinen" Kiddies vor sich, die sie damals waren.

Meistens. Some things never change - einige sehen noch genauso aus wie damals, und das ist auch gut so.

Ich habe Post bekommen: Der neue Quelle-Katalog? Nein, aber dennoch knapp 2,5kg schwer und großformatig mit über sechshundert Seiten: Die Abizeitung meines ersten Schülerjahrgangs an einer Schule, die ich mit dem Motto "Ab mit Schaden" verlassen habe. Und weil ein paar meiner eingeschworenen AGler sich etwas Rückmeldung von mir gewünscht hatten, habe ich ein kleines Interview gegeben.

Ich bin verdammt stolz auf Euch, dass mein kurzer Auftritt in Eurem Leben es Euch wert war, mich in der Abizeitung zu erwähnen. Ich find's toll, was aus Euch geworden ist, und ich wünsche Euch, dass Ihr mit Euren Abschlüssen und Euren frischen Impulsen jetzt neugierig die große, weite Welt erstürmt!

Das Copyright für diese beiden Seiten der Abizeitung liegt selbstverständlich beiThomas Lorenzen sowie dem gesamten Redaktionsteam und Gesichter sowie Namensnennungen im Text habe ich unkenntlich gemacht. Wozu eigentlich, weiß doch eh jeder, worum es geht. Nochmals: Danke! Ihr habt mich lebend durch das Referendariat gebracht!



post scriptum: Die Seiten 482/483 haben mich tief berührt.

Freitag, 8. Juli 2016

Klasse 5


Ich habe immer ein bisschen Unbehagen, wenn ich daran denke, dass ich irgendwann eine fünfte Klasse unterrichten soll. Nein, das ist untertrieben - das ist für mich der absolute Horror. Das war schon vor ein paar Jahren so und ist immer noch so. Und warum?

Ich habe Angst, dass ich den Anforderungen nicht gerecht werden kann. Meine Tafelbilder sind improvisiert, ich achte nicht auf saubere Heftführung. Meine Unterrichtssprache ist locker - an der Umgangssprache der Schüler orientiert.

Ich mache mir Sorgen, dass ich den Kindern wichtige Werte nicht beibringen kann. Nur weil ich viele Dinge im Kopf erledigen kann und keine sauberen Aufzeichnungen brauche, heißt das nicht, dass jeder das kann. Ich befürchte, dass sich die Kinder sich von meinem Verhalten Vieles abgucken, was eher "ungünstig" ist.

Und die Kinder sind so grabschig. Gehen auf Tuchfühlung, hängen am Rockzipfel. Und das ist ja auch vollkommen okay, sie sind eben noch Kinder! Aber ich mag diese körperliche Nähe nicht so.

Und dann wäre da noch meine allgegenwärtige Angst, dass ich keinen altersstufengemäßen Umgang mit den Kindern habe.

Bah, das ist gerade nichts Halbes und nichts Ganzes. Merkt man, oder? Dass in meinem Kopf gerade ganz andere Dinge wichtig sind? Dass ich hier nur nen halbgaren Kommentar zur eventuellen kommenden Unterrichtsverteilung hinklatsche.

Naja. Wird alles schon bald wieder ganz klar werden. Und: Stimmung ist positiv!

Donnerstag, 7. Juli 2016

Identität - Die Geschichte von Timo und Julian (part 7)


Sollte hier etwa endgültig Funkstille herrschen? Nein, das nicht, aber ich merke doch, dass jetzt mit der neuen Arbeit Tage auftauchen, an denen ich den Kopf für den Blog nicht frei bekomme. Und auch, wenn eine gute Freundin mich unlängst als "hochfunktionalen Soziopathen" bezeichnet hat, habe ich ihr direkt widersprochen: "hochfunktional" bin ich nicht, der Eindruck täuscht. Nun also endlich ein weiterer Teil der Story um die zwei Jungs auf der Suche nach sich selbst.



Disclaimer: Diese Geschichte ist Fiktion. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen und Ereignissen sind rein zufällig und nicht vom Autor beabsichtigt. Das wäre ja sonst ein roman à clef, und zu solchen literarischen Kunststückchen ist der Autor sicher nicht fähig.

Dieser Abschnitt der Geschichte enthält explizite Darstellungen von Drogenkonsum sowie seinen Auswirkungen und/oder Szenen körperlicher Nähe. Wer an solchen Bildern Anstoß nimmt, möge dieses Kapitel bitte überspringen. Darüber hinaus möchte der Autor immer zu einem verantwortungsbewussten Konsum psychoaktiver Substanzen mahnen: Das ist der sicherste Weg zur Drogenmündigkeit, dem Gegenstück zur Abhängigkeit.

Identität – die Geschichte von Timo und Julian



part 7

…und ich möchte gerade gar nicht, dass das aufhört… und Timo… er genießt das bestimmt auch grad richtig… ich hoffe, es ist für ihn okay, dass ich grad so gar nix sag… Wahnsinn, ich fühle mich so wohl, so warm von innen, so klasse, und all der Stress ist weg… die Wiese ist so kuschelig und ich hätte gerade dermaßen Bock auf…

„Na, fühlst du dich wohl?“
„Aber hallo, wow Timo, was hast du da mitgebracht?“
„Ich war mir ziemlich sicher, dass es dir gefallen würde. Ich hab niemanden erlebt, der nen Opioidturn beim ersten Mal nicht super findet.“
„Lass uns unbedingt noch hier liegen bleiben, ich will das grad richtig genießen.“
„Hey klar, wir haben noch reichlich Zeit, wir sollen erst um 18 Uhr bei Cory sein, bis dahin chillen wir hier.“
„So machen wir das.“
Ich rückte unauffällig ein Stück näher zu ihm, so dass unsere Hände sich leicht berührten. Ich kannte dieses Drogengefühl schon und genoss es aus vollen Zügen, gleichzeitig fühlte ich mich so entspannt und enthemmt. Ich war mir sicher, dass es ihm auch so ging, und ich schaute zu ihm rüber. Ich fand es so schön, dass wir ungestört waren, ich war entspannt, all die Aufregung war nun abgefallen. Ich wollte einfach nur mit ihm hier liegen, ohne irgendwelche Ängste oder Sorgen oder Zwänge. Ich strahlte ihn an. Ju schaute zu mir und strahlte zurück. Er hatte Mühe, seine Augen richtig offen zu halten.
„Mh, Timo, das ist so geil…“
„Oh ja… ich finds schön, dass wir heute hier sind.“
„Ich find es auch schön, und die Entscheidung werde ich nicht bereuen.“
„Ich hoffe, es ist okay, wenn ich dich gerade die ganze Zeit angaffe.“
„Ist doch vollkommen okay, warum sollte ich damit ein Problem haben.“
„Ich finde einfach, dass du echt einen schönen Körper hast.“
Wow, das müssen die Drogen sein.
„Sorry“, schob ich schnell hinterher.
„Wieso denn, ist doch alles in Ordnung. Das kannst du doch ruhig sagen.“
„Naja, aber dann denkst du, ich will was von dir oder so, whatever…“
„Ach was, mach dir mal keine Gedanken darum. Außerdem, wer hört nicht gerne, dass er einen hübschen Körper hat?“
„Bist du denn mit ihm zufrieden?“ Das Gespräch kam in Gang, die Opioide taten ihren Dienst. Julian schien sich nicht im Geringsten davon gestört zu fühlen, im Gegenteil, wir genossen den Moment in vollen Zügen.
„Ja, eigentlich schon. Naja, am Bauch ist noch zuviel Fett, das muss noch weg, aber dazu ess ich einfach zu gerne.“
„Hallo? Wo bist du denn da zu fett?“
Julian hob den Kopf und schaute an sich herunter. „Naja, willst du mal anfassen?“
„Darf ich?“
„Warum nicht… schaut doch keiner zu… mach einfach.“
Ich entschied mich dafür, in dieser Stimmung einfach mit dem Flow zu gehen, und legte meine linke Hand auf seinen Bauch. Dabei zog er sein Shirt ein Stück nach oben, damit wir besser schauen konnten. Ich fühlte die kleinen Härchen auf seiner leicht gebräunten Haut und in dem Moment war es mir vollkommen egal, ob er zu fett war oder zu dünn, sein BMI interessierte mich überhaupt nicht und seine Frisur war vollkommen vergessen, und gedankenverloren streichelte ich ein bisschen hin und her… bis mich meine Gedanken wieder einholten und ich zügig die Hand zurückzog, und in möglichst neutralem Ton hinterher schob: „Ach, Schwachsinn, stell dich nicht so an. Ich finde, du siehst gut aus.“ Ich drehte mich wieder zurück, wir lagen beide auf dem Rücken und schauten durch das Blätterdach in den strahlend blauen Himmel. War das gerade echt? Ich wüsste so gern, was in seinem Kopf vor sich geht, dachte ich damals – wie ich es auch danach noch häufig denken sollte.
Nun, da die Zungen endlich gelöst waren, wollte ich wissen, was mit ihm los war. Ich wollte wissen, wie die Geschichte mit seiner letzten Freundin gelaufen war. Ich wollte für ihn da sein und ihm zeigen, dass ich in einer solchen Situation ein guter Freund sein kann. Ich wollte so sehr, dass er mich mochte. Was war da los? Hatte ich mich etwa… nein, das kann gar nicht… ablenken!
„Ju?“
„Ja?“
„Möchtest du von ihr erzählen?“
„Von Thea?“
„Ist das ihr Name?“
„Ach ja, ist er. War er. Ist aber egal, ich versuch das einfach alles hinter mich zu bringen, gibt auch noch mehr Frauen auf dieser Welt und irgendwo ist bestimmt die Richtige dabei.“
Das saß. Ich atmete etwas zu lautstark aus.
„Timo? Alles okay?“
„Ist alles in Ordnung, ich finds nur schade, dass dich das so sehr getroffen hat… ich hoffe, Cory und ich können dich heute ein wenig ablenken.“
„Ich fühl mich jetzt schon gut abgelenkt, ehrlich gesagt.“ Und er drehte seinen Kopf zu mir rüber: „Danke, Timo.“ Und wir lächelten uns kurz an. „Und Heroin ist also so ähnlich wie das jetzt? Dann kann ich verstehen, warum so viele Menschen davon abhängig sind.“
„Ja, es ist noch intensiver, unmittelbarer und so, aber im Wesentlichen kann man das vergleichen. Keine Angst, ich pass auf dich auf.“
„Ich wusste gar nicht, dass es Drogen mit so einer schönen Wirkung gibt. Ich kenn nur Alk, das ist zum Abschießen ja okay, aber auf die Nachwirkungen könnte ich verzichten, und das Kiffen damals hat irgendwie überhaupt nichts bewirkt. Und so was hier, ich finde, das kann man hin und wieder mal machen.“
„Das ist auch einer der Hauptgründe, warum ich so gut wie keinen Alkohol mehr trinke. Das Gefühl ist mir einfach zu räudig.“
„Hast du denn sonst noch mit anderen Drogen Erfahrungen?“
„Hm, sagen wir mal so, ich hab ein paar Sachen ausprobiert, aber nicht so viele verschiedene Substanzklassen. Ich kenn noch ein paar Opiate mehr, hab diverse Beruhigungsmittel mal ausprobiert, das hat mich aber so gar nicht gereizt.“
„Hattest du schon mal einen Trip?“
„Jep, nicht klassisch mit einem Halluzinogen, sondern mit einem Dissoziativum. Dauert zu lang, das zu erklären, jedenfalls hat mir das gut gefallen, weil ich dadurch viel über mich selbst gelernt habe.“
Und das war nicht gelogen. Ich hatte gelernt, mein Verhalten öfters mal von außen zu sehen, ich habe ein Bewusstsein bekommen dafür, dass meine Gedanken und Taten nicht immer die ideale Lösung sind. Und die Trips halfen mir, das Gedankenchaos in meinem Kopf zu beseitigen, weil ich wie bei Meditationen lange, ruhige Nachdenkphasen dabei hatte. All das erläuterte ich Julian. Wir schwiegen einen Moment, als wir bemerkten, dass ein älteres Ehepaar langsam an unserem Platz vorbei flanierte.
„Timo, das klingt jetzt vielleicht ein bisschen verrückt, aber das würde mich auch mal interessieren.“
„Psychedelische Substanzen? Du möchtest mal auf einen Trip gehen?“
„Naja, ich hab ein bisschen Angst, dass ich kleben bleibe, ich hab darüber schon Einiges gelesen. Und ich würds nicht allein machen.“
„Nein, ist besser, wenn man einen Begleiter oder Tripsitter hat, gerade wenn man selbst noch unerfahren ist.“
„Würdest du das machen? Mit mir mal auf einen Trip gehen?“
Ich blickte wieder zu ihm rüber. Das wurde ja immer besser. Als er es bemerkte, wandte er seinen Kopf zu mir.
„Ich mein, musst du nicht, ich will dich zu nichts drängen, aber…“
„…aber du bist neugierig geworden, richtig? Das steht wie ein Punkt zum Abhaken auf der Lebens-To Do-Liste, oder?“
„Woher weißt du das, war das bei dir auch so?“
„Das geht sehr vielen Menschen so. Die Neugier, den eigenen Horizont zu erweitern, etwas Neues zu erfahren, sich selbst kennenzulernen… das machen die Menschen schon seit Jahrtausenden, findet man ja auch bei diversen Naturvölkern.“
„Ist das also ein Ja?“
„Und wie! Du glaubst gar nicht, wie lange ich das schon mal ausprobieren wollte – mit jemandem zusammen auf einen Trip gehen. Das können wir gern machen! Ich werd dir das auch alles erklären, damit du weißt, was auf dich zukommt. Wir planen das Ganze richtig gut durch.“
„Wow, ich bin so aufgeregt, ich würd am liebsten jetzt schon weitermachen…“, sagte er verträumt, aber ich musste ihn bremsen.
„Machen wir, Julian, kein Ding! Aber wir sollten jetzt langsam mal losgehen, wir sollten um 18 Uhr bei Cory sein, und jetzt ist es bereits zwanzig nach.“
„Oh shit, ich hab gar nicht mitbekommen, wie die Zeit rumgegangen ist, ich hätte hier noch ewig liegen können. Macht nichts, für Cory finden wir schon ne Ausrede.“
Wir grinsten uns noch einmal an, dann standen wir auf. Julian geriet deutlich ins Schwanken und stützte sich auf meine Schulter.
„Wow, alles klar, damit hab ich jetzt nicht gerechnet, ich muss mal ne Sekunde stehen bleiben, mir ist schwindelig.“
„Keine Sorge, ganz normal, Du bist zu schnell aufgestanden und das auch noch unter Opioid-Einfluss, da macht der Kreislauf gern mal solche Zicken.“
Er stützte vornübergebeugt seine Hände auf den Knien ab.
„Und? Geht wieder?“
„Ja, danke für die ganzen Erklärungen, Timo, ich fühl mich damit sicherer. Okay, dann mal Abflug zum Auto und auf dem Weg überlegen wir uns ne Geschichte für Cory, warum wir zu spät sind.“
Strahlend wie zwei Honigkuchenpferde wanderten wir über die grüne Wiese Richtung Tor. Bevor wir den Ausgang des Parks erreichten, blieb Ju abrupt stehen, lächelte mich an und fragte: „Möchtest du eigentlich mal meine Muskeln anfassen? Du meintest doch, dass dir das gefällt, oder?“
Alles klar, da denke ich, gut, der Peak ist überschritten, und dann so was. Ich schaute ihm direkt in die Augen. Angriff, und zwar jetzt!
„Klar, würd ich gerne, spann doch mal an!“
Wir schauten uns noch kurz um, ob niemand in der Nähe war, dann zog Julian die Ärmel seines Shirts hoch und spannte seine Oberarme an. Wow. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich sah, wie seine Tattoos durch die Muskeln ein wenig verzerrt wurden. Mir wurde ziemlich heiß, wusste grad nicht so richtig, was ich machen sollte, aber Ju ging nun in die Vollen.
„Na los, du kannst ruhig anfassen!“
Und das tat ich. Zuerst tippte ich nur mit den Fingern ein bisschen dagegen, dann legte ich eine Hand auf seinen Oberarm, schließlich packte ich mit beiden Händen richtig zu. Ju strahlte, während er selbst seinen Arm betrachtete.
„Wow, Julian, da hat sich aber seit dem Theater Einiges getan! Das fühlt sich so geil an, ich fühl mich grad richtig geehrt, dass ich da mal ran darf.“
„Ja, die sind ganz schön fest, oder? Da kommt auch so schnell keiner gegen an. Das muss an den Drogen liegen, ich weiß auch nicht, ich hatte einfach total Lust, Dir meine Muskeln zu zeigen, warum auch nicht? Und jetzt ist die Chance, gleich bei Cory wäre das irgendwie unpassend.“
Ich musste kichern.
„Wenn die wüsste, was wir beide schon alles gemacht haben, bevor wir überhaupt zu ihr losgefahren sind. Lass uns bloß nichts erzählen!“
„Nein, natürlich nicht.“
„Okay, dann komm, ab zum Auto.“
Ein klein wenig schwankend gingen wir den Fußweg zu meinem Auto zurück, während ich fieberhaft überlegte, was ich Cory bloß erzählen sollte…

fortsetzung folgt...