Mittwoch, 26. Juli 2017

Die Anonymität

Mein Meditationszimmer in Husum, die einzige Möglichkeit zur Flucht...

Husum ist klein. Husum ist provinziell-spießig. In Husum kennt jeder jeden. In Husum kann ich nicht zum Bäcker gehen, ohne eine Mutter, einen Schüler und meine Schulleiterin zu treffen, und die Bäckerin begrüßt mich beim Vornamen. Wenn ich mir ein neues Auto zulege, weiß das in kürzester Zeit ganz Husum, zerreißt sich das Maul darüber und bildet sich seine Meinung, als hätte niemand Anderes mit seiner Zeit zu tun. In Husum kann ich nichts abseits des Mainstreams tun, ohne mir missbilligende Blicke einzufangen. Wenn ich ungewöhnliche Kleidung trage: Missbilligende Blicke (die Buba sagt "bhissbiwwiggedhe"). Wenn ich Psychedelika ausprobiere: Missbilligende Blicke. Wenn ich Doom Metal höre: Missbilligende Blicke. Wenn ich perverse sexuelle Fantasien habe: Missbilligende Blicke. Husum ist nicht aufgeklärt.

Das waren eine ganze Reihe Gründe, warum ich unbedingt wieder aus Husum weg wollte, aus einer Stadt, in der ich zumindest im Ansatz überlegt hatte, bleiben zu wollen. Es dauerte drei Monate, um diese Überlegungen über Bord zu werfen - denn ich brauche die Stadt, Größe egal. Ich brauche den Lärm. Ich brauche die Möglichkeit zur Flucht innerhalb des Lärms - zum Beispiel durch Parks oder meine Weltraumbasis. Ich brauche die Anonymität. Ich möchte unerkannt einkaufen gehen können. Ich möchte, dass es die Leute einen Scheiß interessiert, ob ich Gothic-Outfits trage. Ich möchte, dass die Leute in Sachen sexueller Vielfalt etwas aufgeklärter sind. Ich möchte nicht beim Vornamen begrüßt werden, außer von meinen Freunden. Ich möchte mein eigenes Offstream-Ding durchziehen, ohne dafür verurteilt zu werden.

Neunzehn Jahre lang habe ich in Dithmarschen gelebt, neunzehn Jahre lang war das nicht möglich - und dann kam Kiel. Und dabei ist Kiel noch nicht einmal Hamburg oder Berlin, bei Weitem nicht, aber es ist auch keine Provinz mehr, kein Nest. Es gibt hier eine Schwarze Szene. Ich habe meine eigene geschmackliche Vielfalt erst hier entdeckt, nicht in den engen Zwängen der Westküste. Nachvollziehbar, dass Husum dann ein gewaltiger Schritt rückwärts in dieser Entwicklung war, und ich auf einmal wieder eingesperrt war in der Ludwig-Ohlsen-Straße, in viel zu engen ("ideologischen") Wänden, strebend nach Platz für meinen Geist zum Durchatmen.

Der Weg zurück nach Kiel hat befreit. Endlich ist diese Luft wieder da, endlich wieder die Anonymität. Gerade in dieser Situation finde ich es faszinierend, dass es eben doch ein paar Menschen gibt, mit denen ich auf Du bin und die mich begrüßen, sei es nun Sven oder die Mitarbeiter unten bei Sky oder Ture von nebenan oder die Damen beim Friseur unten, wo ich gerade her komme. Irgendwie ist es doch schön, ein paar "Ankerpunkte" zu haben, ein paar Punkte festzumachen, anhand derer ich sagen kann:

Das hier ist mein Zuhause.

post scriptum: Spicy mag nicht mehr Pressesprecher des Weißen Hauses sein, aber seine Nachfolgerin Sarah Huckabee Sanders stellt eine veritable Comedy-Goldmine dar. Warum? Nun...

"She's looking like a sorority girl at a rave party whose Ecstasy pill has just kicked in." (S.Colbert)
passing gas...
"Is this supposed to be mommy's birthday present...?!"

"You talkin' to me???"

Montag, 24. Juli 2017

Akte X


So, die Sommerferien haben begonnen, herzlich willkommen in der Freizeit. Irgendwann im Studium habe ich gemerkt, dass die Ferien mir gefährlich werden können: Wenn ich geistig nicht genug ausgelastet bin, geht es mir richtig mies. Also habe ich mir damals gesagt, dass ich mir eine Beschäftigung zulege, wenn Ferien anstehen. Das kann ein neues Videospiel sein, oder ein neues Buch (ich habe ewig nicht mehr gelesen... würde mir zu diesem Zeitpunkt vielleicht ganz gut tun), oder aber eine neue Serie.

So habe ich vor einigen Monaten mit den X-Files gestartet - und am vergangenen Wochenende die zehnte Staffel beendet. Das war eine phänomenale Entscheidung! Für mich als Hochbegabten bieten die X-Files eine ganze Menge, wissenschaftliche Theorien, ungewöhnliche Erkrankungen, übernatürliche Vorfälle - ich habe mich dort sehr gut aufgehoben gefühlt. Es war immer wieder schön, mit Mulder und Scully ungewöhnliche Fälle zu lösen.

Was sind die X-Files eigentlich? In einer Episode wird erklärt, wie es zu diesem Namen kam: Es geht um Fälle des FBI, die nicht gelöst werden konnten und daher unter U für unsolved zu den Akten gelegt wurden. Weil aber irgendwann das Register unter U voll war, hat man die Akten unter X einsortiert, und auf diese Weise wurden sie zur Akte X.

Hauptfiguren sind zwei Ermittler des FBI, Fox Mulder und Dana Scully. Mulder glaubt an das Übernatürliche, und durch seinen Instinkt und seine mentale Offenheit gelingt es ihm oft, die richtige Spur zu finden. Scully ist studierte Ärztin, Wissenschaftlerin, und holt Mulder mit ihrer Forderung nach Beweisen immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurück - im Laufe der Serie allerdings wird Alles, woran sie glauben, auf die Probe gestellt.

Jede Episode fällt in eine von zwei Kategorien. Monster-Of-The-Week-Episoden, die sich mit unnatürlichen Vorfällen beschäftigen, in sich abgeschlossene Fälle, und Mythology-Episoden, die jeweils Teil eines großen, umfassenden Handlungsrahmens sind. Was die Mythologie ist? Naja, es hat etwas mit Außerirdischen zu tun, aber keine Sorge, die Serie geht da ganz nüchtern ran.

Überhaupt sind die X-Files in ihrer Anfangsphase gar nicht mal so unrealistisch gewesen. Vor allem ungewöhnlich, und das hat mir sehr zugesagt, der ich ja ebenfalls in die Kategorie "ungewöhnlich" falle. Die erste Staffel, das war ein richtiges Pilotprojekt, und sie bestand fast nur aus Monster of the Week-Episoden. Nichtsdestotrotz wurden mit dem Staffelfinale einige Türen geöffnet. Viele Handlungsstränge wurden aufgetan - um weiter erzählen zu können, falls die Serie erfolgreich sein sollte.

Und sie war erfolgreich. Was trägt alles zu ihrem Charme bei? Sind es die ungewöhnlichen Charaktere, die auftauchen? Ist es die Chemie zwischen Mulder und Scully? Sind es die catchphrases a la "The truth is out there."? Die zweite Staffel hat ein neues Element in die Serie gebracht, die bis dahin hochspannend, düster und mysteriös war, nämlich den Humor. Die Episode Humbug (S2E20) lebt von rabenschwarzem Humor, geschickt eingebauten one liners, subtil und subversiv. Das hat mich besonders gereizt, das war ein sehr kranker, abgefahrener Humor, das hat gut getan.

Fünf Staffeln lang gab es die X-Files, mit teilweise hervorragend gefilmten Episoden. Manchmal waren es einfach die schrägen Ideen, die mich angesprochen haben, wie z.B. in der Episode Soft Light (S2E23): Ein Mann gerät derart in einen Teilchenbeschleuniger, dass von da an sein Schatten eine Art Antimaterie darstellt. Jeder, der auf seinen Schatten tritt, wird angezogen und in reine Energie umgewandelt.

Was mich besonders reizt, ist der klassische Aufbau der Episoden, das sogenannte cold open: Die Folge beginnt mit einer ganz alltäglichen Situation - in der dann plötzlich das Übernatürliche passiert - manchmal recht unappetitlich. Und der Vorspann läuft ab und wir erarbeiten uns im Lauf der Episode ein Verständnis dessen, was wir in den ersten fünf Minuten gesehen haben. Ich mag diese Erzähltechnik. Sie verlangt in einigen Folgen dem Zuschauer intellektuell etwas ab, das tut gut. Das ist definitiv keine leichte Kost.

Nach fünf Staffeln hatte man ursprünglich beschlossen, die Serie zu beenden und die weitere Story in Kinofilmen zu erzählen. Und so gab es nach der fünften Staffel tatsächlich den Kinofilm X-Files: Fight The Future, der quasi eine XXL-Episode der Serie war. Der Film muss aber als Meilenstein gesehen werden, denn danach wurde alles anders. Auf einmal war die Serie in aller Munde, viele Menschen hatten den Kinofilm gesehen, jetzt muss man es diesen Menschen auch recht machen! Serve the audience, oder so. Und so wurde die Serie ab Staffel 6 wesentlich massentauglicher, das Budget wurde erhöht, mehr Effekte waren möglich, man verlegte den Drehort vom düsteren Vancouver in's sonnige Kalifornien.

Der Wandel der Serie ist deutlich spürbar gewesen, ich musste damit erstmal zurechtkommen. Das heißt nicht, dass die X-Files schlechter geworden sind - es gibt ganz tolle Episoden in den späteren Staffeln, z.B. John Doe (S9E7), wo es um Gedächtnisverlust geht, oder Triangle (S6E3), eine Folge, die im Bermuda-Dreieck spielt und dort in unterschiedlichen Zeiten, nämlich in der Gegenwart und auf einem deutschen Kreuzfahrtschiff 1939.

Klingt abgefahren? Das ist noch gar nichts. Man kann den Reichtum der Serie nicht in Worte fassen, sie ist das reinste Kuriositätenkabinett. Ich habe mich grandios unterhalten gefühlt und kann die Serie jedem an's Herz legen, der Mystery-Thriller mag und seinen Horizont ein ganzes Stück erweitern möchte. Die Serie ist ein cultural icon, wenn man bedenkt, wie einflussreich sie sich zum Beispiel in der deutschen Hörspiellandschaft gezeigt hat.

Und was mich auch freut: Es geht weiter. Nachdem also jene zehnte Season ein Revival dargestellt hat - mit sechs qualitativ ganz unterschiedlichen Episoden - ist eine elfte Staffel in Produktion, und ich bin sehr gespannt, was es dort zu entdecken gibt.

Samstag, 22. Juli 2017

Offener Brief - Bye Bye Brachenfeld!



vorweg: Dieser Text klingt etwas verbittert. Er wurde in derselben Stimmung verfasst wie dieser hier. Das hat aber auch Gründe, und viele Junglehrer werden diese Gründe verstehen.

Ich arbeite für ein System, in dem es nicht auf Qualität ankommt, nicht auf Beliebtheit, Examensnoten oder dienstliche Beurteilungen. Ich arbeite für ein System, in dem eine Lehrkraft auf ihre Fächerkombination reduziert wird – es besteht ein Bedarf oder nicht. Ich arbeite in einem System, in dem die Chancen für externe Bewerber gleich null sind, wenn die Schule einen hausinternen Favoriten hat. Es ist ein System, das befristet angestellten Lehrkräften keinerlei Sicherheiten bietet – und unser Bildungsministerium ist darauf sehr stolz.

Von meinen mittlerweile elf befristeten Arbeitsverträgen in etwas mehr als fünf Jahren war derjenige in Brachenfeld der einzige, der über mehr als sechs Monate lief. So konnte ich an dieser Schule insgesamt dreizehn Monate bleiben und muss nun leider auf diese Zeit als eine Zeitverschwendung zurückblicken.

Ab der vierten Schule nach dem zweiten Staatsexamen überlegt man sich vielleicht schon einmal, ob es bei einer Bewerbung an einer Schule eine Bleibeperspektive gibt – und sagt, wenn man eh’ schon in der Arbeitslosigkeit ist, nicht jedem beliebigen Arbeitsangebot zu, denn was nützt es? Ich kann keine privaten, langfristigen Planungen angehen. Und ich wünsche mir langsam nichts mehr als eine Perspektive.

Wenn diese Perspektive hier nicht bestanden hätte, hätte ich die Stelle bei Euch nicht angetreten. Nun sieht es aber leider doch so aus, dass ich nicht mehr gebraucht werde. Und damit habe ich über ein Jahr Zeit vergeudet, und das wird mir niemand ausreden können. Erfahrungen sammeln? Ganz ehrlich, auf solche Erfahrungen kann ich verzichten. Besonders die Voreingenommenheit mancher Lehrkräfte hat mich erschrocken. Gutes bei den Schülern bewirken? Wozu, wenn es am Ende wieder nur heißt „Du wirst bestimmt leicht eine neue Stelle finden!“

Diesen Satz empfinde ich mittlerweile als Hohn und ich kann ihn nicht mehr hören. Das hat mit der Realität da draußen nichts zu tun.

Eine neue Schule bedeutet ein komplett neues Umfeld. Wieder muss ich mich mit dem Gegenwind im Kollegium konfrontiert sehen, den ich auch hier hatte. Wieder muss ich lange warten, bevor mehrere Kollegen meine Arbeit als positiv registrieren und nicht als Bedrohung (wenn sich jemand angesprochen fühlt: Das geht nicht persönlich gegen Euch, nicht an dieser Stelle). Wieder wird man mich, voreingenommen von Oberflächlichkeiten, wie einen Praktikanten behandeln, der keine Ahnung vom Unterrichten hat, und der offensichtlich noch nie in einer Konferenz gesessen hat, wieder werde ich mir Zurechtweisungen in meine Kompetenzschranken anhören dürfen. Wieder werde ich mich komplett erklären müssen, mit all’ den Sachen, die in meinem Leben anders laufen, und wieder muss ich mir einen Satz anhören: „Das geht uns doch allen so.“ Und: „Das klingt ziemlich unglaubwürdig.“ Und dann, wenn mal etwas nicht funktioniert, heißt es „Warum hast Du uns das nicht gleich gesagt?“ Und ich wünschte, ich hätte mir diese drei Sätze selbst ausgedacht.

Ich empfinde die Entwicklung der Situation als zynisch, weil ich gerade in der Phase aus dieser Schule gerissen werde, in der ich anfange, wenigstens ein paar mehr Kollegen zu vertrauen et vice versa. Ebenso zynisch scheint es mir, dass ich mittlerweile längst eine Planstelle hätte, wenn ich nicht diverse Ehrenämter und Nebenaufgaben in meinem Studium gemacht hätte – immer vor dem Tenor, dass sich das gut im Lebenslauf macht. Ihr wisst selbst, dass das leider Unsinn ist.

Nur, um ein wenig das Verständnis zu schüren, wie es auch laufen kann: In meiner vorletzten Schule in St.Peter-Ording war der Fachbedarf an Englisch und Latein reichlich gedeckt. Trotzdem hat man mit allen Mitteln (und mehr) versucht, mich an der Schule unterzubringen, und es hat auch geklappt. Es finden sich immer Möglichkeiten, die gewünschten Kandidaten in das Kollegium zu bekommen, hat man mir gezeigt. Auch wenn dort meinetwegen eine langjährige Kollegin gehen musste. Ich kenne diesen Satz „Wir brauchen Dich dringender“ aus beiden Perspektiven, diesmal wieder als der, der geht.

Ich realisiere mit jeder weiteren Schule und mit jedem neuen Arbeitsvertrag, dass es umso unmöglicher wird, Wunschkandidaten zu behalten, je näher sich eine Schule an Kiel befindet. (Natürlich vorausgesetzt, dass man überhaupt Wunschkandidat ist)

Ich nehme nicht an der Verabschiedung teil; mir erschließt sich der Sinn nicht. Wozu soll ich mir die – entschuldigung – jeder Grundlage entbehrenden „Viel Erfolg“-Sprüche anhören? Wozu soll ich den Kollegen, die meine Stelle einnehmen, gespielt ruhig ins Gesicht schauen? Ich habe dieses Theater mehrmals mitgemacht, zweimal gern, weil es meine Entscheidung war, die jeweilige Schule zu verlassen. Diesmal ist es wieder anders, und ich möchte niemandem irgendwelche Sätze entgegenbringen, die er oder sie vielleicht nicht verdient hat. Ich möchte hier keine persönlichen Vorwürfe machen, wenngleich ich weiß, dass manch’ einer sich in diesen Zeilen wiederfindet.

Ich hätte die Sache allerdings vielleicht etwas besser weggesteckt, wenn die Lage transparent kommuniziert worden wäre – und wenn Absprachen eingehalten worden wären. Aber das wissen die Zuständigen bereits.

Ein paar von Euch werde ich sehr vermissen – die „Frau vom Zauberwald“, „Frau Reichelt“, Deike, SLH, Frau „Lost Souls“ und wohl auch ein paar andere.

Euer Englisch/Latein

post scriptum: Da wundert es niemanden, wenn ich manchmal etwas sehnsüchtig auf die Kollegen an Alternativschulen blicke.

Donnerstag, 20. Juli 2017

Ich bin raus


So, heute ist es dann doch nochmal zum Gespräch gekommen; ich hab' nicht unbedingt damit gerechnet, man hätte das auch im Sande verlaufen lassen können; ich bin jetzt jedenfalls raus aus Brachenfeld (nicht ohne morgen noch zwei Vertretungen zu übernehmen). Ich kommentiere das nicht weiter. Immerhin weiß Jürgen, mein Schulleiter, dass ich nicht wirklich glücklich auf diese Zeit zurück schaue.

Zeitverschwendung, genau genommen.

post scriptum: Gibt nicht mehr zu sagen. Jemand meinte mal "Wenn du nichts Positives zu sagen hast, dann sag' am besten gar nichts." und den Satz werde ich unter Umständen morgen in der Schule nochmal irgendwo fallen lassen, denn ich möchte mich von niemandem verabschieden, ich möchte einfach nur noch weg sein.

Montag, 17. Juli 2017

Das Ding mit der Flexibilität

Warum nicht auch einmal in andere Richtungen denken?

Ich bin nicht flexibel. Ich brauche Sicherheit. Ich brauche einen Plan. Am wohlsten ist mir, wenn ich genau weiß, was in den nächsten Stunden passieren wird, wie ein Drehbuch, das abgespielt wird. Wäre das alles unsicher, würde mein Gehirn in tausend Richtungen denken, in einem Mordstempo, und alle Möglichkeiten ausloten - so viele, dass ich den Überblick verliere. Ich kann mein Gehirn nicht (so einfach) bremsen. Aber ich kann es in Bahnen lenken, und das tut mir gut. Ähnlich ist es wohl mit Autisten oder Aspergern, die sich auch eine klare Struktur wünschen. Die keine Eventualitäten in ihrem Tagesablauf haben möchten.

Heute hatte ich eine Lehrstunde in Flexibilität. Der erste Tag der Projektwoche ist rum, und es hat sich genau so entwickelt, wie ich mir das gedacht habe (soviel zum Thema "sichere Abläufe"). Wir haben das Schwimmbad gespielt, und natürlich habe ich mir einen Lösungsweg zurechtgelegt. Natürlich habe ich einen Weg im Kopf, wie der Spieler handeln soll, was er benutzen soll, was er sagen soll. Aber ich bin zur Flexibilität gezwungen, denn mein Geisteskonstrukt hat keiner der Spieler im Kopf.

Die kommen auf ganz unterschiedliche Ideen, zum Beispiel hat eine Tür ein verrostetes Schloss. Eigentlich sollte der Spieler dem Barkeeper den Schlüssel dafür abschwatzen, mit einer Runde Stein-Schere-Papier. Stattdessen haben die Leute sich im Park hinter dem Schwimmbad einen handlichen Stein organisiert und damit das Schloss aufgebrochen. Okay! Lasse ich gelten!

Auch ganz klasse war: In einer Umkleidekabine befindet sich ein Werkzeugkoffer, das konnte man erkennen, indem man durch den Spalt unter der Tür schaut. Eigentlich sollte der Spieler sich mithilfe geschickten Redens den Schlüssel für die Umkleide organisieren, es wurde aber anders gelöst: Mittels eines Bolzenschneiders (regulär im Spielablauf), den wir unter der Tür hindurch schieben, wurde das Schnappschloss des Werkzeugkoffers geöffnet. Der Koffer wurde aufgeklappt und war dann schmal genug, um unter der Umkleidetür herausgeangelt zu werden. Irre, auf was für Ideen die Schüler so kommen... Es hat mir gut getan, auch mal alternative Lösungsvorschläge für Rätsel gelten zu lassen. Dem Spieler mehr Freiraum geben - so kommen auch lustige und abgedrehte Ideen in das Spiel.

Flexibel sein. Für mich schwer, aber machbar.

post scriptum: Genau genommen erfindet das Spiel sich zum Teil selbst während des Spielens. Sehr cool! Und es war nostalgisch-schön, nach etwa zwanzig Jahren das Schwimmbad mal wieder auszupacken - die Sannitanic möchte das auch mal spielen, deswegen poste ich hier keine inhaltlichen Spoiler ;-)

Sonntag, 16. Juli 2017

Auf den letzten Drücker

Salvador Dalis Les Montres Molles (immer noch mein absoluter Favorit, auch wenn Le Grand Masturbateur auch seinen Reiz hat) zeigt uns, wie es aussieht, wenn die Zeit davonläuft...

Frau Kleinlaut (definitiv der unpassendste Name für sie) wird dieses Prinzip nachempfinden können, und auch die Holzdorfer und meine (teils Ex-)SPO-Hochbegabten: Wenn wir Arbeiten erledigen müssen, tun wir das manchmal erst auf den letzten Drücker. Auf den allerletzten: In der letzten Stunde der Frist. Warum auch nicht? In unserem Leben werden wir immer wieder mit dem Umstand konfrontiert, dass wir alles irgendwie schaffen. Und dass das ziemlich schnell geht, denn die ganze Kopfarbeit können wir ja schon vorher nebenbei erledigen. Über diesen Umstand hatte ich hier im Blog auch schon mehrfach geschrieben.

Das ist auch eigentlich gar kein Problem - denn irgendwie klappt es ja immer.  Was das Ganze so dramatisch macht, ist, dass die unerledigten Arbeiten immer im Hinterkopf sind. Ich denke andauernd darüber nach, und das belastet mich. Wie ein schlechtes Gewissen. Wie haben schon die alten Römer gesagt? iucundi acti labores - Angenehm sind Aufgaben, wenn sie erledigt sind.

Und so bereite ich die letzten Materialien zur Projektwoche auch erst morgen früh vor, um jetzt Sachen zu machen, nach denen mir eher der Sinn steht.

Dass das schlechte Gewissen mich nur allzu oft dann wieder lähmt, verliere ich aus dem Blick. Und so fällt es mir ziemlich schwer, meine Strategie einmal zu ändern, um nicht mehr alles auf den letzten Drücker zu erledigen.

Samstag, 15. Juli 2017

Last loswerden

Blick in den Spiegel, Sachlage erkennen, das hilft nicht nur in Silent Hill 2.

Manchmal geht es einfach nicht weiter. Dann stecke ich in einer gedanklichen Situation fest und bin völlig unfähig, mich da herauszumanövrieren. Weil ich eigentlich so viel Anderes tun müsste: Ich müsste das Bad putzen, ich müsste Staub wischen, ich müsste einen Brief an meine Oma schreiben, ich müsste meine Eltern anrufen, ich müsste auf Nachrichten auf dem Anrufbeantworter antworten, ich müsste den Müll, der schon bereit steht, runterbringen, ich müsste etwas zu essen einkaufen, ich müsste Briefe wegbringen, ich müsste mit dem Arbeitsamt telefonieren, ich müsste mir einen neuen Job suchen, ich müsste den Wagen in die Werkstatt bringen. Was soll ich zuerst machen? Hat alles Vor- und Nachteile, und beim Nachdenken darüber werde ich depressiv, weil ich eh' Vieles wieder falsch machen würde, und fange gar nicht erst an. Setze mich vor die PS4 oder das Notebook. Allein. Im Dunkeln.

So kann ganz schnell aus einer manischen Phase eine depressive Episode werden. Dann kommen Freunde und geben Tipps, die ich nicht hören will, weil sie Recht haben. Und weil es bedeuten würde, dass ich endlich etwas anpacken müsste. Also mache ich noch weiter dicht, gehe auf Abstand und fahre auch noch alle Messenger herunter. Von der Sonne draußen bekomme ich nichts mehr mit, weil alle Rollos heruntergezogen sind und es fühlt sich an, als wäre es ein grauer Tag.

Scheinbar braucht es dann die Sannitanic, die sich sorgt und mir in einer ernstgemeinten Nachricht mein eigenes Verhalten wie in einem Spiegel vor Augen führt. Denn ich bekomme das ab einem gewissen Zeitpunkt gar nicht mehr mit, wie bei mir alles blockiert ist. Und so bricht heute ein Gedankenpanzer auf, zersplittert, öffnet den Blick für die Realität.

Ganz konkret bedeutet das, dass ich endlich angefangen habe, etwas zu tun und nicht nur drüber nachzudenken. Müll raus, durchgesaugt, Staub weggewischt, Rechnungen bezahlt. Mehr Platz zum Durchatmen schaffen, die ganze Last loswerden, damit ich nicht mehr blockiert bin. Irgendwo muss ich schließlich anfangen, und es nützt nichts, immer in der Zukunft zu leben und auf jener Grundlage Entscheidungen im Hier und Jetzt zu treffen. Ja, das ist tatsächlich wieder ein Hochbegabten-Problem, denn die HBs sind in Gedanken immer schon drei, vier Schritte weiter. Das kann zu einer echten Behinderung werden!

Morgen geht's weiter, Handeln ist angesagt!