Samstag, 8. Juli 2017

Iris Schneider

And so it's come to this: Rauchschwaden über Hamburg (Quelle)

Es knallt. Es brennt, es fackelt, es raucht, es splittert. Es tobt ein Krieg. Rauchschwaden, zertrümmerte Fensterscheiben, aufgerissene Gehwege, verkohlte Autokarosserien, Straßenreinigung. Fassungslose Müllmänner. Kopfschüttelnde Passanten, weinende Anwohner. Müll, Trümmer, Asche - und der Schwarze Block zieht weiter, denn der zweite Tag des G20-Gipfels hat gerade erst begonnen. Und während drinnen Konzerte gehört werden, Zusammenhalt gegen Protektionismus demonstriert wird und ein pommesgelber Präsident Egozentrik lebt, zeigen draußen ein paar feige vermummte linksradikale Autonome ihre Auffassung vom Demonstrationsrecht - indem sie sich Autos unbescholtener Anwohner vornehmen, die Fensterscheiben einschlagen, Bengalos hineinwerfen und die Wagen schließlich in Flammen aufgehen lassen. Rauchschwaden über Hamburg - seid Ihr sicher, dass Ihr damit der Armut in der Welt entgegenwirkt? Dass Ihr damit gegen Trumps Politik gegenankommt? Dass Ihr damit den Klimawandel stoppt?

Und gestern dachte ich noch ernsthaft, dass ich die Ereignisse in Hamburg nicht weiter kommentiere. Weil das bereits genügend Medien tun, und weil ich keine Ahnung vom politischen Spektrum habe. Allerdings habe ich einen Namen gelesen, Iris Schneider, sowie den Namen der Straße Schulterblatt in Hamburg und jenen der Roten Flora. Und in meinem Kopf musste ich das Ganze zu einem passenden Ganzen verknüpfen, und das beginnt mit einer Bahnfahrt vor etwa zwanzig Jahren. Ich sitze im Zug nach Berlin, zu meiner verrückten, fantastischen Tante.

Zum ersten Mal allein, ohne meine Ma - wie aufregend. Und so sitze ich hellwach auf meinem Platz, blicke die ganze Zeit um mich herum aus den Fenstern und nehme die Eindrücke wahr. Und so fahre ich auch durch Hamburg und sehe, wie jedes Mal, das große Konzerthaus der Neuen Flora. Das fand ich immer wieder faszinierend, und heute weiß ich auch, warum sie neu ist - weil  es nämlich ein ursprüngliches Floratheater woanders gab, nämlich am Schulterblatt 71. Im Hamburger Schanzenviertel. Seine Geschichte beginnt im neunzehnten Jahrhundert, interessiert mich aber erst so richtig ab den ausgehenden 1980ern, als es nämlich von der autonomen Szene besetzt worden ist. Links. Und so wurde aus der Flora - logisch - die Rote Flora. Bis heute besetzt, und auch heute noch eines der wichtigsten Zentren der autonomen Szene. Ausgangsort vieler kultureller Veranstaltungen - Schauplatz eines sozialen Brennpunktes mit allen dazugehörigen Facetten. Auch den radikalen.

Und so gab es seit Gründung des Zentrums immer wieder Einsätze undercover, so auch in den Neunzigern von Iris Schneider - so der Tarnname der Ermittlerin, die sich dort eingeschlichen hat. Man mag von den linksradikalen Aktionen halten, was man will, aber jener Einsatz bewegte sich hart an der Grenze des rechtlich Möglichen. Leider auch jenseits dieser Grenze, und so klinkte Iris Schneider sich per Liebesbeziehungen in die Szene ein, verletzte Persönlichkeitsrechte, und man muss sich fragen, wie weit Ermittler gehen dürfen. Geltendes Recht wird offensichtlich rund um die Rote Flora auf beiden Seiten gebrochen. Nicht nur durch Iris, da gab es immer wieder welche, über die Jahre verteilt, sie nannten sich Stefan, Maria, Astrid, und garantiert noch mehr - und die Besetzer der Roten Flora entschieden sich, Portraits der Ermittler auf die Gebäudewand zu plakatieren.

Wo verläuft die Linie des Rechts? Wie weit darf man gehen, um Polizeigewalt zu enttarnen? Wie weit darf man gehen, um das "Staatswohl" zu sichern?

Hamburg brennt - und während niemand sich von Verantwortung freimachen kann, muss man wohl oder übel feststellen, dass das alles absehbar war. Wie leichtsinnig war es, eine solche Veranstaltung in eine Metropole zu legen? In eine, die das gesamte politische Spektrum schillernd widerspiegelt? Die Polizei und die Demonstranten sind ihrem "Wesen" gefolgt - und letztlich wird sich dafür Bürgermeister Olaf Scholz verantworten müssen.

post scriptum: Diese Worte von Ende Juni wird man ihm um die Ohren schlagen - "Sie werden am zweiten Tag staunen und sich wundern, dass der Gipfel schon vorbei ist!" Ich kann mir nur ausmalen, wie viele Menschen sich jetzt (am Samstagnachmittag) das Ende herbeisehnen... irgendwie ist bezeichnend, dass das Konzert in der Elbphilharmonie stattfand - die zwar toll, aber ein weiteres Mahnmal fehlgelenkter Ideen (auf Kosten der Steuerzahler) ist - der nächste G-Gipfel wird dann vielleicht in Berlin stattfinden, auf dem Gelände des BER-Flughafens, das bis dahin voraussichtlich immer noch nicht für den Flugverkehr freigegeben sein wird. Irgendwas läuft bei diesen Möchtegern-Machtdemonstrationen falsch; vielleicht hätte "Iris Schneider" lieber an diesen Schauplätzen ermitteln sollen...

Tagebuch-post scriptum: Doppelt blöder Start in den Samstag - ich habe verschlafen und damit die Demo im Rahmen des Kieler CSD verpasst. Das ist mir eigentlich immer recht wichtig, zu zeigen, dass es "uns" gibt, "anders" liebende Menschen. Und darüber hinaus stelle ich beim Durchsuchen der Wohnung fest, dass ich mein Original-Schwimmbad nicht mehr finde. So eine Scheiße! Letzter Versuch: Mit der Taschenlampe runter in den Keller, wo dreckig is'... großer Mist, findet sich nicht wieder an. Dann nutze ich das als Chance, entwerfe das Schwimmbad aus dem Kopf neu und schreibe nebenbei die Schritt-für-Schritt-Anleitung für die Schüler. Passt. Aber erst morgen, I'm putzing, don't stop me!

Freitag, 7. Juli 2017

PehBeh-Onn

Und täglich grüßt das pbOn...

Vorwort: Ich könnte heute über so viel Interessanteres schreiben. Zum Beispiel über den G20-Gipfel, über die Art und Weise des Polizeieinsatzes und über die jetzt wieder aufkommenden Eskalationen der "Welcome to Hell"-Demo. Ich könnte auch das virale Rettungsgasse-Video kommentieren, in dem ein Vierzigtonner sich den Rettungskräften mitten in den Weg stellt. Letzteres gibt mir nicht genug her; Ersteres wird bereits reichlich von Menschen aufgearbeitet, die mehr Ahnung von G20 und dem Einsatz von Polizeigewalt haben als ich. Also geht es mir heute mal wieder um eine persönliche Auseinandersetzung. Und dennoch, dieses Video fand ich recht beeindruckend, heute morgen aus der KN gefischt - eine Autofahrt durch Altona. Lässt einen an ganz andere Szenarien denken...

 Quelle: http://www.kn-online.de/News/Aktuelle-Politik-Nachrichten/Nachrichten-Politik-aus-der-Welt/Live-Blog-Donald-Trump-landet-in-Hamburg

Das Video ist derzeit wesentlich viraler als das des LKWs - vollkommen zu Recht. Scheint, als hätte Olaf Scholz nur von der Wand bis zur Tapete gedacht; was in Hamburg derzeit abgeht, könnte ihn die nächste Wahl kosten, dieser Meinung schließe ich mich an. 
Aber nun zurück zum Blogthema.

Ich denke mal, jeder Junglehrer in Schleswig-Holstein, der sich in das Regelschulsystem integrieren möchte, hat schon einmal vom pbOn gehört. Das ist das landeseigene Bewerbungssystem, dort werden alle Stellenangebote gesammelt und nach Vertretungs- und Planstellen sortiert. Dort legt jeder Lehrer sich eine Bewerbungsmappe an, mit allen nötigen Unterlagen - Lebenslauf, Anschreiben, dienstliche Beurteilung und aktueller Arbeitsvertrag.

Ich hatte zum ersten Mal in meinem Leben einen Arbeitsvertrag, der über ein ganzes Jahr lief. Ich möchte nicht den letzten Vertrag in SPO verschweigen, den der Schulleiter auf ein Jahr hin beantragt hatte, den ich aber kürzer haben wollte, um flexibler zu sein und von dort wegzukommen, sollte ich das wollen. Ich wollte es.

Nun, vor etwa einem Jahr habe ich also meine Bewerbungsunterlagen samt und sonders aktualisiert, Silke Rohwer, damals Schulleiterin der Gemeinschaftsschule Neumünster-Brachenfeld hat mich per Suchmaschine gefunden und war neugierig. Der Rest ist Geschichte. Ich hatte das pbOn im Sommer 2017 längst vergessen - wozu hätte ich mich dort auch weiter rumtreiben sollen, es stand ja eine Zukunft in Brachenfeld in Aussicht. Im Laufe des Jahres wurde meine Bewerbungsmappe dann passiv gesetzt, weil es keine neuen Bewerbungen gab, das Ganze ist quasi eingeschlafen.

Gestern gab es den Weckruf. Es nützt ja alles nichts, ich muss mich den Tatsachen stellen: Ab August bin ich arbeitslos - mal wieder. Jener Beitrag hat damals diesen Blog eröffnet. Als jene Kollegin, die mich ersetzt, mich heute darauf hingewiesen hat, dass Faldera (noch so ein NMS-Laden) eine Planstelle mit Englisch ausgeschrieben hat - "und du meintest doch, dass du gerne an einer Gemeinschaftsschule arbeiten möchtest" - habe ich dann endlich meine Bewerbung aus dem Dornröschenschlaf wachgePDFt und mich wieder für das allgemeine Bewerbungsverfahren angemeldet. Lustig nur, dass von Faldera gar keine Ausschreibung zu finden ist.

Na und?

Es fühlt sich so scheiße an. Das pbOn wieder aktualisieren zu müssen, es fühlt sich an wie ein riesiger Schritt zurück. Was immer ich auch glaubte, erreicht zu haben - KLICK - es wirkt auf einmal nichtig. Alle netten Menschen, die ich kennengelernt habe, alle Eltern, die ich mühsam von meiner Qualifikation überzeugen musste, all' der Gegenwind und alle Barrieren, die ich habe überwinden müssen - wofür? An einer eventuellen neuen Schule werden die Barrieren wieder da sein, die ganze Scheiße wird von vorne beginnen. Ich fühle mich wie ein Erstsemester, und an einer unbekannten Schule werden sie mich - mal wieder - ganz genau so aufnehmen: Wie einen frischen Uni-Absolventen, der von Schule überhaupt keine Ahnung hat. Voreingenommen und voller Vorurteile: So haben sie es in Brachenfeld gemacht, so haben sie es in Eckernförde gemacht, so haben sie es in Husum gemacht.

Dieser eine Klick auf das Feld Bewerbungsmappe aktualisieren tritt so viele Gedanken los... und leider keinen einzigen guten. Und es bleibt dabei: Diese Bewerbungsmappe ist pro forma, denn ich möchte in Brachenfeld bleiben. Lieber werde ich arbeitslos, als wieder an eine neue Schule zu gehen und diesen ganzen Sozialterror noch einmal durchstehen zu müssen!

Freu' mich schon drauf, das meinem Sachbearbeiter in der Arbeitsagentur erklären zu müssen...

Donnerstag, 6. Juli 2017

Kratzer im Lack

Etwas dunkler. Etwas flacher. Und Tieferlegen ist in Kiel purer Selbstmord - aber in diese Richtung dürfte es gern gehen ^^

Zeig' mir Deinen Lehrerparkplatz, und ich sage Dir, wer bei Dir unterrichtet!

Ein Lehrerparkplatz dient als wunderbares Analytikum eines Lehrerkollegiums. Und es geht gar nicht nur danach, was für Autos da stehen. Da findet man alles, hier einen Porsche, dort einen Jaguar, da einen Mercedes, hier einen BMW, und überall verteilt die etwas "kleineren" Wagen. Viel interessanter ist da der Zustand der Autos - wie jemand zu mir meinte: "Ja, meinen Wagen erkennt man immer an den Kratzern im Lack."

Und die kommen nicht von ungefähr, sondern sagen ein wenig über die Lehrerpersönlichkeit aus. Natürlich verlocken "protzige" Karren eher mal zu Vandalismus - es geht doch nichts darüber, einen Mercedesstern oder einen Jaguar abzubrechen. Denke ich mal. Aber interessanterweise ist gerade ein sehr auffälliger Benz auf unserem Parkplatz komplett unversehrt. Kein Wunder, wenn man weiß, dass darin Jens, einer der beliebtesten Lehrer der Schule fährt. Den finden die Schüler cool, und sie finden auch sein Auto cool. Sie würden daran niemals Vandale üben.

Anders ist es da bei Hiltrud (so nenne ich sie mal), die von der alten Schule ist. Wenn es nicht irgendwann verboten worden wäre, Schüler zu schlagen, wäre sie vielleicht immer noch dabei. Aber man kann die Schüler ja immer noch vor die versammelte Klasse stellen und zusammenschreien, und Klassenstrafen verteilen, die werden schon noch das Maul halten. Fehlt eigentlich nur noch eine Trainerpfeife im Unterricht, aber sie unterrichtet Mathe und Latein, kein Sport - und ihre Stimme reicht vollkommen aus.

Die Schüler hassen Hiltrud. Das Kollegium auch, aber darüber wird nicht gesprochen, und das ist auch besser so. Die Kinder in Hiltruds eigener Klasse trauen sich nicht, aufzubegehren, denn sie ist schnell dabei, Eltern in die Schule vorzuladen. Und auch sie anzuschreien, vor den Augen ihrer Kinder, so dass schließlich beide mit rotgeweinten Augen die Schule verlassen.

Andere Kinder haben Hiltrud nur in einem Fach, aber das reicht schon aus. Und sie wissen nicht, wie sie sich zur Wehr setzen können, denn obwohl Hiltruds Methoden in der ganzen Schule bekannt sind, tut niemand etwas dagegen. Also wird unauffällig der Schlüsselbund gezückt und Hiltrud fährt ihre Kratzer im Lack wie Trophäen spazieren. Ja, sie ist stolz darauf: "Das zeigt nämlich, dass ich mich durchsetzen kann und nicht so einen Waschlappen-Unterricht mache!"

Und da vorne, der BMW, der gehört Eckhart. Der Wagen sieht picobello aus, und keiner erkennt mehr, dass ihm vor einem Monat von Unbekannten die Reifen zerstochen worden sind. Und keiner sieht mehr, dass vor zwei Wochen an der Tankstelle mehrere Täter mit Ziegelsteinen die Windschutzscheibe eingeworfen haben. Warum jemand so etwas tut? Weil Eckhart es wagt, im Unterricht Ansprüche zu stellen. Mit drei Vierteln seiner Klassenarbeiten muss er zur Genehmigung. Vier von fünf Schülern fallen in seinen Prüfungen durch. Das aber nicht, weil er Freude daran hat - sondern weil es nötig ist.

Dabei ist Eckhart ein unglaublich netter Kollege, und ich merke in jedem Gespräch, dass ihm das Wohlergehen der Schüler tatsächlich am Herzen liegt. Leider fällt es den jungen, impulsiven Schülern nicht leicht, diese Seite zu erkennen. Und so werden sie seinen Wagen auch weiterhin demolieren, fürchte ich.

Ich möchte irgendwann auch ein richtig auffälliges Auto haben. Was Sportliches, gern in schwarz, mit dunkelblauen Paintbrush-Applikationen oder so, Flammen, Schädel, irgendwas. Und ich überlege, ob das meine Schüler auch anstachelt, die Schlüssel, Schraubenzieher und Ziegelsteine zu zücken.

Aber irgendwie denke ich, dass ich ohne Kratzer im Lack auskommen werde.

Mittwoch, 5. Juli 2017

Sechs im Zeugnis

Nein, liebe Kollegen, geht bitte auch mal in die Vollen - auch wenn, oder gerade weil es wehtut.

Bevor ich zum Thema komme, merke ich noch an, dass die Aussage des gestrigen Beitrags nicht sein sollte "Warum habe ich keine Planstelle?" - denn die Antwort auf die Frage kenne ich ja. Ich musste mich nur einmal darüber auskotzen, dass man noch so viel Gutes tun kann - "quitt" wird man im Leben nie sein. Allerdings sorgt es für ein gutes Karma, und wenn ich der buddhistischen Denkweise weiterhin folgen möchte, sollte ich mich auch weiterhin so verhalten wie bisher.

Es gibt die nervige Angewohnheit, Schüler im Dreier-/Viererbereich zu benoten. Das sind quasi Wischiwaschi-Noten, nix Halbes und nix Ganzes, aber man hat es als Lehrer damit leicht, man muss sich dafür nicht rechtfertigen. Nehmen wir die Zwei auch noch hinzu. Wenn man eine kurze Zeugniskonferenz möchte, sorgt man dafür, dass nur solche Noten auftauchen. Ungelogen: Es ist tatsächlich zu beobachten, dass die Noten-Randbereiche selten ausgeschöpft werden. Und meiner Meinung nach zu selten. Das habe ich seit meinem Einstieg in das GemS-System gelernt.

Weil man ja als Lehrer immer noch etwas Mitleid hat. Ja, das arme Kind, ist halt still, meldet sich nie, aber stört immerhin nicht, das sollte doch schonmal eine Vier wert sein, oder? Nein. Denn Vier heißt "ausreichend", und es reicht nicht aus, im Unterricht zu sitzen und Sauerstoff umzuwandeln. Dafür gebe ich eine Fünf, und das mache ich meinen Schülern in den ersten Stunden klar, damit nachher keine bösen Überraschungen kommen.

Was ich gelernt habe: Wenn man im Halbjahreszeugnis zwischen Vier und Fünf schwankt, sollte man lieber eine Fünf geben. Das ist die sogenannte pädagogische Note, als Antrieb, es endlich besser zu machen. Buba la Tättah, meine kleine Kampfwesbe (sic), regt sich jetzt vielleicht auf: Wie scheiße ist das denn, den Schülern extra 'ne schlechtere Note reinzudrücken, damit sie sich dann verbessern (zumindest habe ich früher so gedacht)? Mega fies! Aber vielleicht wird auch BlT die Erfahrung machen: Wenn man dem Schüler zum Halbjahr signalisiert, dass es noch für eine Vier ausreicht - joah, dann kann man ja weitergammeln. Die Vier bewirkt da leider nur Ungünstiges, und deswegen gilt es als eine pädagogische Fünf.

Ich bestätige aus meiner bisherigen (noch nicht sehr umfangreichen) Berufserfahrung, dass die Fünferschüler sich ausnahmslos im zweiten Halbjahr verbessern konnten, und das hat ihnen richtig gut getan.

Damit hätten wir also auch mal Randnoten gegeben - wobei, halt stopp, da gibt es doch noch die Sechs! Im amerikanischen System läuft das ein bisschen anders, da erhält man ein A, B, C, D (=1, 2, 3, 4) - oder aber ein F, wenn es nicht mehr für ein D reicht: Failure. Da wird nicht noch zwischen Fünf und Sechs unterschieden. Ich finde das eigentlich sinnvoller, und das entspricht ja auch unserem akademischen System.

Manchmal aber geht es nicht anders. Schülerin Pomsa, neunter Jahrgang. Klar, fiktiv. Pomsa sitzt in der hintersten Reihe, zusammen mit ihren "bros", too cool for school. Pomsa meldet sich nie, macht keine Hausaufgaben, lästert offen über anwesende Mitschüler, mobbt in Anwesenheit des Lehrers Andere. Ich liebe solche Schüler, damit kann ich arbeiten! Und ich habe wirklich intensiv mit Pomsa gearbeitet. Ich habe ihr klargemacht, schon zu den Herbstferien, dass sie auf eine Fünf zusteuert. Leider sind die schriftlichen Leistungsnachweise ebenfalls mangelhaft. Zu Beginn des neuen Jahres setze ich mich mit Pomsa zusammen, bespreche die Halbjahres-Fünf.

Ich beschreibe, wie ich Pomsas Verhalten im Unterricht wahrgenommen habe, ich gebe ihr die Möglichkeit, ihren Blickwinkel zu schildern. Nützt nichts, die Fünf steht. Pädagogische Fünf, hoffentlich macht Pomsa etwas draus. Zweites Halbjahr - im Block bis zu den Osterferien meldet sich Pomsa ein einziges Mal im Unterricht und gibt eine richtige Antwort. Ein einziges Mal liest sie einen Text vor - sogar gut, das kann sie, weil sie ganz mädchenunüblich viel über Internet zockt und sich mit Chattern in der ganzen Welt unterhält. Wir stellen fest: Pomsa ist nicht dumm! Aber lässt sich im zweiten Halbjahr noch viel mehr hängen als vorher, natürlich immer mit Lässig-Blick, like I care für Arme. Vor den Osterferien schnappe ich mir Pomsa, wir gehen ins nächste Gespräch, ich packe es anders an und frage, warum sie in der Schule ist. Was für einen Abschluss sie machen möchte, was sie nach der Schule machen möchte, ob sie vielleicht schon 'nen Plan hat.

Naja, Realschulabschluss soll es schon sein, und ich nicke und wir blicken beide auf den Teppich. Kleine Pause, und dann versuche ich Pomsa klarzumachen, dass es in Englisch momentan nicht einmal im Ansatz für Hauptschule reicht. ESA. No fucking way. Wir machen ein gutes Gespräch draus, und dann geht's Richtung Sommerferien und ich merke, dass ich Pomsa doch nicht so toll erreicht habe, wie ich zunächst dachte. Zeugnisnoten. Schuljahresendzeugnisse.

Und ich gebe zum ersten Mal in meinem Leben eine Sechs zum Schuljahresende.

Wie immer setze ich die Schüler vor einen englischen Film, damit sie beschäftigt sind, und bespreche draußen in Ruhe ihre Zeugnisnoten - und natürlich ist irgendwann auch Pomsa dran. Und ich erkläre ganz ruhig und anschaulich Pomsas Unterrichtsverhalten - und teile mit, dass es in Englisch eine Sechs wird.

Es ist das erste Mal, dass Pomsa Alles aus dem Gesicht fällt. Arsch auf Grundeis. Wir kennen die Begrifflichkeiten. Scheiße, jetzt isses richtig in die Binsen gegangen, und womöglich kommen noch weitere Fünfen dazu? Pomsa ringt um Worte, was kann sie tun, damit sie besser wird blablabla, the rest is history.

Ich denke, dass diese Sechs nötig war. Ich denke, wenn alle Kanäle nicht mehr funktionieren, muss es mal krachen, und deswegen möchte ich abschließend an alle dies lesenden Pädagogen die Bitte richten: Nutzt das gesamte Notenspektrum - Ihr tut Euren Schülern mit den Wischiwaschinoten keinen Gefallen. Wenn es nötig ist, gebt die Fünf - oder die Sechs. Und wenn es sich jemand verdient hat, dann natürlich auch die Eins.

Pomsa hat eine Menge Anschiss bekommen - aber manchmal muss man wirklich erstmal ordentlich auf die Fresse fliegen, bevor man merkt, dass man etwas ändern muss.

Dienstag, 4. Juli 2017

Deine Scheiße

Irgendwann kommt die Wut...

...und dann gibt es immer mal wieder diese Momente, in denen Du Dich fragst, wofür Du das Alles eigentlich machst.

Für wen? Für was? Ganz offensichtlich nicht für Dich.

Für wen hast Du Dich im Studium in der Fachschaft engagiert? Offensichtlich für all' die Studenten, denen Du in ihrem Studium hast helfen können, die dann ihre Abschlüsse gemacht haben und jetzt die Planstellen haben, auf denen Du hättest sitzen können. Offensichtlich nicht für Dich, und erst recht nicht für Deinen Lebenslauf, denn es interessiert kein Schwein, was Du neben Deinem Studium gemacht hast, und noch weniger würde es interessieren, wenn Du Hakan, Ayse oder Fatima hießest.

Wozu hast Du im Studierendenparlament gearbeitet? Wozu bist Du gegen Studiengebühren auf die Straße gegangen, wozu hast Du für bessere Studienbedingungen gekämpft? Für die neuen Studiengänge, Bachelor und Master, aus denen nun ebenfalls die ersten Absolventen die Jobs vor Deiner Nase wegschnappen, denn sie sind jünger, haben bessere Fächer. Eine hohe Semesterzahl macht sich nicht gut, die ist fast so schädlich wie der falsche Name.

Wozu hältst Du Dich an Verkehrsregeln, wenn Du sowieso dafür angehupt und angeblinkt wirst, dass Du in der Stadt nur fünfzig fährst, und wenn Du rechts überholt wirst von diesen beschissenen Junglehrern, denen Du vor zwei Semestern noch mit den Prüfungen geholfen hast, und wenn Du im Lehrerzimmer dämliche Sprüche reingedrückt bekommst, dass Du viel zu langsam fährst?

Wozu bist Du überhaupt offen und ehrlich, wenn Du mit Lügen und Vorspielen viel weiter kommst, an Deinen Job kommst, Dich bei Deiner Schulleitung einschleimen kannst, dem Amtsarzt jeden Scheiß erzählen kannst, wenn Dir aus Deiner Ehrlichkeit ein Strick gedreht wird und Leute Dir einen Vogel zeigen, denn wie kann man nur so blöd sein, auf Fragen ehrlich zu antworten?

Wofür das alles, wenn es doch offensichtlich viel mehr bringt, ein egoistisches Arschloch zu sein und in erster Linie immer nur an sich selbst zu denken? Und warum solltest Du aus dieser Erkenntnis nicht eine Konsequenz ziehen?

Warum sollst Du irgendeinem Menschen - Deinen Schülern überhaupt noch raten, ehrlich zu sein, offen zu sein, aufrichtig zu sein, fair zu sein, hart zu arbeiten, sich an Regeln und Absprachen zu halten, sich an Gesetze zu halten, hilfsbereit zu sein, wenn Du davon nichts als Ärger, Spott und Probleme hast?

Und deswegen rate ich niemandem mehr dazu, Gutes für Andere zu tun.
"Kümmere Dich um Deine eigene Scheiße."

Sonntag, 2. Juli 2017

Seelenstriptease

Meine erste Band - yep, da habe ich mich wohlgefühlt.

So, ich packe jetzt einmal ein düsteres Kapitel meiner Jugend aus, fünf Jahre, die manche Leser nicht werden verstehen können, allerdings denke ich, dass die Mehrheit das damalige Verhalten des jungen Dr Hilarius wird nachvollziehen können. Es geht um Handball und damit verbundene Verleugnung meiner eigenen Persönlichkeit.

Ich bin aufgewachsen in einem Dorf, dessen Einwohner zu einem großen Teil handballverrückt waren. Jedes Wochenende schien ein Punktspiel eines der Lokalteams in der Sporthalle der Grundschule stattzufinden - oder aber ein Bus fuhr los, beladen mit Mannschaft und begeisterten Fans, um andernorts irgendwelche Titel zu verteidigen.

Meine Eltern schauten sich jedes Spiel an, und natürlich spielten meine beiden älteren Brüder in der ortsansässigen Mannschaft. Man kannte sich, man war miteinander befreundet , die Familien in der Doppelkopfrunde meiner Ma waren handballverrückt, ebenso der Skattreff meines Vaters. Es ist nur logisch, dass auch ich Handball gespielt habe; meine Eltern haben mich umgehend in die entsprechende Mannschaft gesteckt, und so ging ich einmal in der Woche zum Training. Das Handballspielen tat mir gut; ich bekam ausreichend Bewegung und machte etwas mit Anderen zusammen, und deswegen ging ich auch immer wieder gern los.

Dachten meine Eltern.

Tatsache ist, dass ich Handball gehasst habe. Ich fand es nicht nur langweilig und uninteressant, ich habe es gehasst, bei jedem Training aufs Neue mitzuerleben, wie ich der mit Abstand unsportlichste Spieler der Mannschaft war und achtundneunzig Prozent der Punktspiele auf der Bank verbrachte - was mir am liebsten war. Nur wenn unsere Mannschaft haushoch in Führung lag, hat man mich nochmal auf den Platz geschickt, linksaußen, und da bin ich hin- und hergelaufen und hoffte, dass niemand den Ball zu mir passte. Ich würde ihn sowieso nicht fangen, oder fallenlassen, oder das Falsche damit anstellen. Ich konnte kein Handball, ich war zu unsportlich, es interessierte mich nicht, ich fühlte mich dort gemobbt, ich fühlte mich dort falsch, ich hab' immer wieder das Gefühl bekommen, alles falsch zu machen.

All' das hielt ich vor meinen Eltern verborgen, machte gute Miene zum bösen Spiel. Nie würde ich jemandem gesagt haben, dass ich den Sport lieber heute als morgen aufgeben würde. Alles eine Frage des method acting, fünf Jahre lang. Ich nahm an, dass von mir erwartet wurde, dass ich Handball toll finden müsse. Ich nahm an, dass das alles nötig sei, um meine Eltern nicht zu enttäuschen. Damit sie stolz auf mich sind. Nie habe ich widersprochen, und ich habe mich insgeheim jedesmal gefreut, wenn das Training aus welchem Grund auch immer ausfallen musste.

Für mich war Handball nicht nur eine Zeitverschwendung, sondern es machte mich depressiv, ich füllte haufenweise Seiten meines Tagebuchs darüber, wie sehr es mich nervte. Man mag vielleicht denken, Mensch, warum hast Du nie etwas gesagt? Und meine Tante hat zu meiner Ma anscheinend auch öfters gesagt, merkst du denn nicht, dass der Junge da völlig falsch aufgehoben ist? Aber nein, sie merkten es nicht, und wann immer sie mich fragten, log ich ihnen vor, dass ich das gern mag.

Ich sagte in meiner Jugend so gut wie nie, was ich wirklich mochte. Was ich gern las, gern schaute, gern machte. Natürlich sagte ich niemandem, dass ich mich nicht für Mädchen interessierte. In unserer Familie wurde über viele Dinge nicht offen gesprochen, und ich habe nie gelernt, offen zu sprechen, sondern immer nur meinen Mund zu halten. Nicht, weil meine Mutter das explizit gewollt hätte, aber in ihren Erklärungen schwebte immer der Beisatz mit: "Was sollen denn die Leute denken?" Gerade, wo sie doch Grundschullehrerin im Ort war und es irgendwie negativ auf sie zurückfallen konnte. Ja, auch diesen Satz kannte ich zur Genüge: "Die denken dann, Mutter Hilarius kümmert sich nicht im ihre Kinder!"

Über die Jahre meiner Kindheit und Jugend lernte ich, wie ich mich verhalten musste, um meiner Mutter möglichst wenig Kummer zu bereiten. Ich wollte, dass sie glücklich ist, ich wollte, dass sie stolz ist, dass sie zufrieden mit mir ist. Ich war schön schräg genug durch die Dinge, die ich nicht verbergen konnte, und Schauspielerei hatte ich damals wie heute sehr gut drauf. Und so spielte ich fünf Jahre lang Handball. Ich quälte mich durch mindestens zweihundertfünfzig Trainingseinheiten, durch mindestens einhundert Spiele, in denen ich meinem Team nix als Stress bereitete, durch unzählige Turniere, die für mich die Hölle auf Erden waren, denn oft war es heiß und stickig, mein Kreislauf war im Eimer, da ich auch damals schon gut Essen und Trinken vergessen konnte, und ich musste nicht nur ein blödes Spiel überstehen, sondern derer mehrere, und keines von ihnen bereitete mir auch nur irgendwelche Freude.

Und ich habe oft allein in meinem Zimmer gesessen und meinen Frust in mein Tagebuch geschrieben, und ich bin nicht zu meinen Eltern gegangen, denn ich dachte, so muss ich eben sein. So habe ich mich zu verhalten, und wenn ich das nicht täte - was sollten denn die Eltern denken?

Nach fünf Jahren habe ich endlich den Mut aufgebracht, meinen Eltern einen Brief zu schreiben. Ich weiß nicht mehr, ob es dazu der Mutmachung meiner Tante bedurft hatte, ich weiß nicht mehr, was diesen Brief ausgelöst hatte. Ich habe meinen Eltern endlich all' diesen Frust geschrieben, all' diese Fehlannahmen ihrerseits aufgeklärt und dass ich mir nichts sehnlicher wünschte, als endlich mit dem Handballspielen aufhören zu dürfen. Und das war dann glücklicherweise das Ende dieser Phase. Ich wurde danach Mitglied der Musicalband meiner Schule, Dr Hilarius an den Synthesizern, und ich weiß, dass ein, zwei Leser dieses Atikels mich noch von genau dorther kennen. Das war toll, da habe ich mich wohl gefühlt, das entsprach mehr meinem Wunsch nach kreativem Schaffen.

Auch wenn es so klingt, als wollte ich hier meinen Eltern Vorwürfe machen - besonders meiner Mutter - und als würde ich mich auf diese Weise für alles angetane "Unrecht" rächen wollen: Darum geht es nicht. Ich weiß aus tiefer Überzeugung, dass meine Eltern es nie böse gemeint haben. Woher hätten sie wissen sollen, dass ich in dieser Phase gelitten habe? Ich habe nichts gesagt, mir nichts anmerken lassen. "Eine Mutter merkt sowas doch!" - ach ja? Weiß ich nicht, kann ich nichts zu sagen, diese hat es jedenfalls nicht bemerkt.

Ich glaube, ich möchte mit diesem Beitrag einfach nur darauf aufmerksam machen, dass es solche Situationen geben kann. Dass Ihr Euer Kind in ein Konzept einpassen wollt, das nicht zu ihm gehört. Dass Ihr meint, Ihr tut ihm etwas Gutes, indem Ihr seine Freunde, seine Kleidung und seine Freizeitgestaltung aussucht. Dass Ihr ihm zwar immer wieder sagt, es darf das alles selbst aussuchen, aber es traut sich nicht, weil es Euch liebhat, weil es Euch niemals traurig machen möchte.

Weil Ihr seine Eltern seid.

Samstag, 1. Juli 2017

Tagebuch: Lymphdrainage

Heilende Hände sind ein beliebter literarischer Topos

gestern, geschrieben von einem Heutegestrigen

...und was ist das überhaupt für ein Scheißwetter, es regnet den ganzen Tag, es ist den ganzen Tag dunkel, es ist Ende Juni, aber es ist Schleswig-Holstein, und was erwarte ich, denn schließlich hatten wir eine Kieler Woche mit untraditionell viel zu gutem Wetter und ganz ohne terroristischen Anschlag, da muss ja irgendwann eine Quittung kommen, also warum nicht, wenn die Touris alle weg sind und Dr Hilarius in die Stadt muss zur Lymphdrainage, weil das auch schon so grau und dreckig klingt, als ob man mir Schläuche in die Arme steckt, in die Venen, in meinen Finger mit "noch leicht lymphatischer Schwellung", Schläuche - natürlich durchsichtig - durch die dann weiß-gelbliche, eitrige Pampe vermischt mit Blut abgesaugt wird, weil ich nicht auf die Idee komme, dass das lateinische lympha sich direkt vom griechischen nymphe ableitet (denn ich kann ja kein Latein mehr und ignoriere nach wie vor die von Herrn Leinhos empfohlenen griechischen Schriftzeichen) und daher kann ich nicht wissen, dass lympha keine eitrige Pampe ist, sondern in der übertragenen Bedeutung einfach nur "klares Wasser" bezeichnet, sodass letztlich auch eine Birgit Vanderbeke auf mich stolz sein dürfte. So ein Scheißwetter ist das.

Und dann überfordern mich die ganzen Sinneseindrücke, das ging schon in der Schule los, in der ich mehrere Tests zurückgeben konnte und die übliche Mischung von Lachen und Weinen dabei war, und immer mehr Schüler mich in der Pausenhalle fragen, warum ich denn im Sommer von der Schule gehe, auch wieder Schüler, an die ich mich nicht erinnern kann, und ich kann ihnen nur antworten, dass ich an dieser Schule eben nicht gebraucht werde. Immerhin ist das ehrlich. Auch wenn ich weiß, dass manche Menschen die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, mensch, das kannst du denen doch nicht so sagen!

Draußen fahre ich vorsichtig. Denn teilweise steht das Wasser zentimeterhoch auf der Straße, und es war genau so ein Wetter in genau so einem Juni vor ein paar Jahren, als ich meinen Autounfall hatte, und seitdem lerne ich, respektvoll mit regennasser Straße umzugehen. Gleichzeitig sitzt mir die Zeit ein bisschen im Nacken - denn sobald ich zuhause bin, habe ich nur zwanzig Minuten Zeit, bevor ich los muss zum Bus in Richtung eiterabsaugende Schläuche. Warum fährst Du nicht mit dem Auto, warum nicht gleich nach der Schule in aller Ruhe dorthin, fragt mich Frau Steinbau, wohl wissend, dass ich als HB immer etwas Angst habe, wenn ich an neue, unbekannte Orte reisen soll und neue, unbekannte Menschen treffen, und ich habe Angst, dass ich mich mit dem Auto verfahre und keinen Parkplatz finde, und zu spät komme und alle enttäuscht von mir sind, und ich hasse es, über ein Gelände zu laufen und auszusehen, als hätte ich die Orientierung verloren, weil ich doch immer alles gleich irgendwie hinbekommen habe und ich einfach nicht hilflos aussehen möchte. Also fahre ich mit dem Bus da hin, und zwar viel zu früh, damit ich genügend Zeit habe, um mich dort zurechtzufinden. Klar könnte ich dort einfach Leute fragen, Ärzte, Campus-Studenten, aber das kann ich nicht, das habe ich nie richtig gelernt und überhaupt brauche ich das ja gar nicht.

Was ich nicht erwartet habe: Der Bus hat fünfzehn Minuten Verspätung - in der Zwischenzeit fahren alle anderen Linien an mir vorbei, kein anderer Fahrgast wartet noch auf die Einundsechzig. Ich werde unruhig und ängstlicher, mein schöner Zeitvorsprung schwindet dahin, ich werde auf dem Campus in einem Mordstempo diese kleine Praxis finden müssen, und es windet und nässt...

...und dann stellt sich das alles als typische HB-Paranoia heraus. Auf die Minute genau betrete ich die Reha-Praxis, und eine junge Dame wartet mit einem freundlichen Lächeln auf mich und nun erfahre ich, was genau eine Lymphdrainage ist - sie soll das aufgestaute Wasser dicht unter der Hautoberfläche in den betroffenen Arealen ableiten, um Schwellungen zurückgehen zu lassen. Und das passiert nicht durch brutales Absaugen, sondern durch eine ganz zarte Massage des Fingers, des gesamten linken Arms bis zur Achsel und der Lymphknoten am Hals. So massiert sie mir die relevanten Stellen und wir erzählen locker ein wenig über Ausbildung, Traumberufe, Schuhgrößen und dies und das und ich fühle mich sauwohl. Ich liege da entspannt auf der Liege und zwei warme Hände sorgen für pures Wohlbefinden, und um diesen Satz noch schlüpfriger zu machen, erwähne ich beiläufig - hier im Blog - dass Er auch mal Physiotherapeut werden wollte, und ich komme nicht umhin, den Gedankenschön zu finden, wie er diese Lymphdrainage bei mir durchgeführt hätte.

Total entspannt bummele ich durch den Regen Richtung Weltraumbasis. Entspannt, zufrieden, ausgeglichen, und erst jetzt bemerke ich beim Blick auf meinen operierten Finger, dass die Schwellung jetzt schon deutlich zurückgegangen ist, endlich kann ich wieder Poren und kleine Hautfältchen erkennen, und ich leuchte noch mehr innerlich - natürlich in Regenbogenfarben, denn seit meinem Blick in die Nachrichten von der Schule aus weiß ich, dass es endlich die gleichwertige gleichgeschlechtliche Ehe in Deutschland gibt.

Und ich bin glücklich.

Es versteht sich von selbst, dass mit der Ankunft zuhause der Wellness-Abend erst begonnen hat und dann mit einem sinnlichen Entspannungsbad, einer wunderbaren Meditation und voller Stolz auf meine Diplombuba abgerundet werden konnte.

Manche Tage sind einfach so, und so sollte man jedem einzelnen Tag die Chance geben, großartig zu werden.

post scriptum: Wenn ich auch viel Mist schreibe - irgendwie finde ich diesen Artikel gut. Jetzt kräht es wieder von den Dächern: "Arrogant! Selbstverliebt!" Mich muss nicht jeder mögen. Vielleicht liest ja zufällig irgendwann ein Lektor das Geschmiere hier, cacata charta (Catull anyone?), und es bringt mir Tantiemen ein? Aber beim Reflektieren - nein, so gut ist dieser Text dann doch nicht.