Dienstag, 19. Juli 2016

Smombienation reloaded


Da laufen sie wieder: Die Köpfe gesenkt auf ihre schnurlosen Telefonapparate, versunken in ihrer eigenen Welt, die Sm(artphonez)ombies. Ist ja schon an sich nervig genug, besonders machts mich fahrig, wenn meine Gäste zum Phubbing neigen - also wenn sie mich besuchen und dann alle zehn Minuten krampfhaft ihre Nachrichten checken müssen. Deswegen hab ich für meine Wohnung ein Phubbing-Verbot verhängt: Entweder, das Handy bleibt in der Tasche oder der Besucher draußen.

Heute hätte ich beinahe zwei dieser Jugendlichen-Versionen der Smmbies überfahren, die bei rot über die Ampel gegangen sind. Aus dem gleichen Grund, warum andere Jugendliche ohne Vorwarnung in die Vorgärten von wildfremden Menschen steigen: Pokemon Go ist ein sogenanntes augmented reality game - schön und gut, wenn diese Leute keine andere Beschäftigung haben, sollen sie das machen. Aber wenn sie fremde Grundstücke betreten oder sich selbst in Gefahr bringen, dann hört der Spaß auf. Und dann liest man Berichte zweier Männer in den Staaten, die von einer Klippe gestürzt sind - und mein Mitleid hält sich so sehr in Grenzen, dass ich gar keine Grenzen mehr brauche.

Der Eintrag heute ist nur kurz, ich muss mich jetzt abreagieren. Videospiele. Meine Zombiewelt.

Samstag, 16. Juli 2016

Cloud Atlas


Mal wieder Zeit für eine Filmbesprechung. Oh, ich sehe, in dem Satz fehlt ein Prädikat. Muss ich mir wohl aus dem Film abgeguckt haben, der als eines von unzähligen Details eine Vielzahl unterschiedlicher Sprachstile anbietet, geschuldet dem halben Jahrtausend, über das verteilt die Ereignisse des Films geschehen.

Cloud Atlas (2012) ist ein Film von Tom Tykwer, Lana und Andy Wachowski. Ersteren Namen möge man im Kopf bitte mit Lola Rennt verknüpfen, einem Film, der jenseits des Teiches tatsächlich an Schulen regulär im Unterricht behandelt wird. Bei den Wachowskis möge sogleich die Lampe Matrix aufleuchten. All diese Namen beleuchten einen der wesentlichen Wesenszüge des Werks, das uns hier präsentiert wird: Die Verbundenheit aller Ereignisse, ob vergangen, gegenwärtig oder zukünftig, sowie die Auswirkung unseres Handelns auf eben jene Ereignisse. Es sind Filme, die vom "Karma" handeln, Filme, die uns suggerieren, dass wir selbst die Konstrukteure unserer vielfältigen Realitäten sind.

Bei all diesen Vorgedanken entsteht im Kopf die Erwartung eines Filmes, der sich keiner Chronologie beugt, keine Erwartungen bedient, sondern als Kunstwerk nur den Vorstellungen Tykwers und der Wachowskis unterworfen ist. Diesen Film schaut man sich nicht an, man erlebt ihn. Das Publikum wird zum Spielball, ohne sich hintergangen und mit Gewalt auf irgendwelche Aha-Effekte hingewendet zu fühlen. Bereits nach zwanzig Minuten des Films hat man das Gefühl, eine Unzahl an Ereignissen, Charakteren und Schicksalen kennengelernt zu haben - und dieser Film erstreckt sich im Gesamten über fast drei Stunden. Bei dieser Feststellung geht mir Thomas Pynchon durch den Kopf - postmodern, umfangreich, unkonventionell. Sollte es sich hierbei um einen Pynchonesken Film handeln?

Ich bin völlig unfähig, einen kohärenten Überblick über den Plot zu geben. Ich zitiere den Text der Bluray-Ausgabe:

"1849: Ein amerikanischer Anwalt auf hoher See, der die Schrecken des Sklavenhandels kennenlernt. 1936: Ein junger Komponist, mit dessen Hilfe ein alterndes Genie ewigen Ruhm erlangen könnte. 1973: Eine aufstrebende Journalistin, die eine Atom-Intrige enthüllt. 2012: Ein Verleger, der in einem Altersheim erkennt, was Freiheit bedeutet. 2144: Eine geklonte Kellnerin, die ihre Wirklichkeit verändert. 2346: Ein Sonderling, der sich in einer postapokalyptischen Welt mutig gegen übernatürliche Kräfte stellt."

Sechs grundverschiedene Geschichten, simultan miteinander verwoben, mit minimaler Exposition, überfallen mich als Zuschauer. Ich kann mich nur zurücklehnen und rezipieren. Verstehen kann ich erst nach einer langen Zeit aufmerksamen Zuschauens. Die Geschichten, die sich über ein halbes Jahrtausend erstrecken, mögen vollkommen unterschiedlich sein, und doch haben sie Eines gemeinsam: Sie handeln von Erkenntnis, davon, wie Erkenntnis die eigene Welt verändert und davon, wie wir selbst die Erschaffer unserer Realitäten sind.

Das klingt bekannt: In Tykwers Meisterwerk Lola Rennt (1998) erleben wir drei verschiedene Durchläufe ein und derselben Ereignissequenz und erfahren, wie kleinste Variationen im Durchlauf völlig unterschiedliche Ausgänge herbeiführen können. Auch in Cloud Atlas erleben wir noch vor der Sechzig-Minuten-Marke, wie vergangene Erkenntnisse die Zukunft wesentlich beeinflussen können. Tykwer spielt wieder mit Zeit, mit Raum, überschreitet mutwillig die Grenzen des Begreifbaren - dies ist sein Kunstwerk, er darf das. Er erschafft, zusammen mit den Wachowskis, eine Art Lola auf Steroiden. Lola v2.0.

Mit allen Möglichkeiten, die die Filmkunst in den vergangenen achtzehn Jahren hinzugewonnen hat: CGI, Makeup-Effekte, das alles wird völlig natürlich in das Geschehen eingebunden. Es sticht nicht als Selbstzweck heraus, hier schreit niemand "Schaut mal, was ich alles mit dem Computer machen kann!" - Die Macher haben sich vorgenommen, zwei Panoptika der Zukunft zu entwerfen und das gelingt ihnen überzeugend. Dabei geben sie Statements zum Konzept der Apokalypse ab, indem sie in der neuesten Ära auf der visuellen Ebene alles verknüpfen, was in den vorherigen Zeitaltern gewesen ist. Eine Art Steampunk für die übernächste Generation.

Kommen wir von dem Visuellen zum Sprachlichen. Der Film bietet genug Grundlage für eine wissenschaftliche Hausarbeit an der Universität. Ich habe lange überlegt, ob ich Cloud Atlas auf Deutsch oder Englisch anschauen soll. Tykwer ist Deutscher - er wird die Lokalisation sehr gründlich überwacht haben. Die deutsche Version ist nicht einfach nur "deutsch" - sie zollt dem Umstand Tribut, dass Sprache sich über fünfhundert Jahre hinweg wandelt. Wir erleben also in den sechs Zeitaltern unterschiedliche Sprachkonzepte, und besonders in den Zukunftsvisionen ist es hochspannend, wenngleich zunächst sehr fordernd, die Sprache zu erleben und zu verstehen. Das ist kein Film, den man mal eben nebenbei laufen lässt. Das funktioniert so nicht. Die Sprache ändert sich - und ebenso geschieht es mit den Figuren.

Ich denke, dass ein Absatz der Besetzung gewidmet werden sollte. Wer, so wie ich, ohne jegliche Vorabinformation an den Film geht, wird zunächst sehr positiv beeindruckt werden. Er wird viele bekannte Gesichter erkennen, Tom Hanks, Halle Berry, Hugh Grant, Susan Sarandon, Hugo Weaving, die Liste geht noch viel weiter. Und man wird alle Figuren in den sechs Epochen erleben. Das ist nicht nur eine Rolle for Frau Berry. Sie wird sechsfach ausgeschlachtet, sozusagen, und das erhöht den Filmgenuss ungemein. Der Stab wird je Ära neu augestattet, mit neuer Sprache versehen und darf wieder seine Schauspielkunst unter Beweis stellen. Das lässt uns auch an die Theorie denken, dass Geschichte sich immer wiederholt. Dass Ereignisse nur Variationen ihrer selbst sind - schon einmal dagewesen, nur anders.

Ich habe mich während des Films nicht ein einziges Mal gelangweilt - Hut ab, Herr Tykwer! Es wirkt wie ein Pasticchio aus bedeutungsvollen Szenen. Analoges Beispiel: Wir hören Popmusik. Die Strophen bauen etwas Atmosphäre auf, der Refrain ist dann das, worauf alle warten, der Ohrwurm, eingängig, alle singen mit. Die zweite Strophe folgt, das Publikum wird ruhig. Genaugenommen sind wir immer wieder nur scharf auf den Refrain. Wäre es nicht also ökonomisch, nur Refrains in einem Song zu haben? Cloud Atlas sieht sich als Mosaik aus "filmischen Refrains", es gibt nur Höhepunkte, das hält die Spannung aufrecht.

Ich könnte diese Besprechung noch lang weiterführen. Es gibt so unendlich viel in diesem Film zu entdecken, dass wiederholtes Ansehen reichlich belohnt wird. Das philosophische Grundkonzept haben wir schon bei Matrix und Lola Rennt erlebt, hier wird es eine Stufe prächtiger und umfangreicher verpackt. Ich weiß, dass ich - derzeit im Alter von zweiunddreißig Jahren - den Film wieder und wieder sehen werde. Und ich bin mir bewusst, dass ich den Film in fünf Jahren anders sehen, pardon - erleben werde als jetzt. Ich bin sehr froh, dass ich mir die Bluray zugelegt habe; diesen Film sollte man in höchstmöglicher Qualität genießen und sein ganzes Leben lang bei sich tragen. Wie eine Enzyklopädie, wie einen Atlas. Da hat man immer was von.

Da hätten wir sie also: Echte Filmkunst.

post scriptum: Jetzt, nachdem ich das geschrieben habe, habe ich mir die Internetmeinungen angeschaut und Roger Eberts Rezension gelesen. Ich liege gar nicht so falsch, ich scheine mich ihm anzuschließen, wenngleich der Film stark zu polarisieren scheint. Vermutlich fühlen sich die Zuschauer, die einen einfachen, kohärenten, klassischen Plot erwarten, abgeschreckt. Deren Pech. Welch Meisterwerk!

Freitag, 15. Juli 2016

Nachricht an die (andere) alte Schule


Diese Botschaft geht nach SPO (Was sollen diese fünf Buchstaben bedeuten? Sankt! Peter! Dorf!) und erinnert mich an meine Anfänge an jener Schule. Ich hatte mitbekommen, dass der Gemeinschaftsschulteil der NOS einen gewissen Ruf hatte, der wohl nicht sehr positiv war. An den Lehrern wird es nicht gelegen haben: Ich finde es toll, wie einige Kollegen dort einen schülerorientierten Unterricht machen und auf jede mögliche Weise das Potential der Schüler herauszukitzeln versuchen. Ist echt so! Auch wenn das jetzt einige meiner ehemaligen Schüler lesen und sich denken "Boah, aber Herr XX und Frau XY sind total scheiße". Daraufhin kann ich nur mit dem Kopf schütteln.

Nein, liebe Schüler der Nordseeschule in Sankt Peter-Ording. Ich bekomme langsam Vergleichswerte und kann Euch sagen, dass Ihr von einem sehr aufgeschlossenem Kollegium unterrichtet werdet. Das ist eine bunte Truppe, und das ist auch gut so! In der Schülerschaft spiegelt sich das auch wider. Trotzdem Ihr eine kleine Schule seid, ist die Vielfalt bei Euch bemerkenswert. Und ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Kollegen mit Andersartigkeit offen umgehen und sich auch neugierig zeigen. Keine Anpassung an bestimmte Richtlinien, die von irgendwoher suggeriert werden.

Und das wirkt sich auch auf Euch aus, liebe Rasselbanden, die ich mal unterrichtet habe! Denn an der Nordseeschule wird nach einem Prinzip gearbeitet, das sich "individuelle Wertschätzung" nennt. Leider gibt es da auch ganz andere Schulen. Und Ihr habt zwei hervorragende Sozialpädagoginnen, von denen ich so viel habe lernen können für meine eigene Arbeit als Lehrer. Bei Euch wird direkt gearbeitet: Bei Problemen kommt eine SozPäd' auch gern mal in den Unterricht - oder man lässt den Unterricht in ihrem Raum stattfinden.

Das klingt banal, ist aber immens wichtig! SPO war für mich als Lehrkraft eine absolute Luxusschule - ich werde die Vorteile hier jetzt nicht aufzählen - und nach einem halben Jahr Arbeit hatte ich mich an diesen "pädagogischen Luxus" gewöhnt. Ich konnte mir gar nicht mehr vorstellen, dass es an manchen Schulen auch interpersonelle Kälte geben kann. Irgendwie waren alle an der Nordseeschule Beteiligten - Schüler, Lehrer, Angestellte, jeder eben - wie eine große Familie. Da wurden Probleme unbürokratisch gelöst. Da wurde direkt am Schüler gearbeitet anstatt an Aktennotizen.

Warum schreibe ich das heute überhaupt? Weil meine ehemalige Klasse mich heute zum Grillen eingeladen hat, ein letztes Mal die ganze Truppe zusammen - und ich hab mich riesig darauf gefreut! Auf all die spannenden Schüler der Klasse, mit all ihren Eigenheiten, und auch auf die Kollegin, bei der die Party steigt. Aber ich habe es die letzten Tage über immer wieder husten und räuspern hören, und nun bin ich matschig und mit Erkältung im Bett. Ich schwitze sogar, während ich diese Zeilen tippe.

Mein Appell an alle NOSler:

Genießt Eure Zeit an dieser Schule! Ihr wisst gar nicht, wie gut Ihr es habt (doch, einige schon). Schüler, freut Euch, dass Ihr als Individuen wahrgenommen werdet und mit Euren Macken akzeptiert werdet. Lehrer, freut Euch, dass Ihr so große Freiheiten bei der Ausgestaltung des Unterrichts genießen könnt! Für mich war die Nordseeschule in Sankt Peter-Ording die perfekte Schule. Auf meiner Prioritätenliste steht ganz oben allerdings mein Privatleben, deswegen bin ich jetzt in Kiel. Und habe den Unterschied zwischen Eiderstedt und Kiel sehr deutlich zu spüren bekommen.

Es ist Eure Zeit: Macht was draus!

Mittwoch, 13. Juli 2016

Dario Argento's "Suspiria"


Es gibt Filme, die man eher als Kunstwerk denn als herkömmliche Filmkost betrachten sollte. Sie sind Liebhaberstücke, der Filmkunst-Amateur kann diesen Filmen mehr abgewinnen als der Storyfanatiker, dem Faktoren wie Kameratechnik und Soundtrack egal sind. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich diese Kunstwerke - unabhängig von ihrer Qualität! - oft in kurzen Abständen erneut schauen kann. Klar kenne ich dann den Plot, aber um den geht es mir dann nicht mehr. Ich möchte Kameratricks analyieren, ich möchte die Raffinessen entdecken, mit denen die Macher an das Werk gegangen sind.

Einer dieser Filme ist zum Beispiel Coraline, den ich jetzt innerhalb von zwei Wochen viermal gesehen habe; deswegen habe ich ihn hier auch besprochen. Heute geht es mir um einen weiteren Film, der mich nicht so einfach loslässt - vermutlich auch, weil er so ein langes Vorspiel mit mir hatte. Es geht um Dario Argentos übernatürlichen Horrorfilm Suspiria (1977).

Ich liebe Horrorfilme. Ich habe damals im Projektunterricht Filmanalyse im 13. Jahrgang meiner Schule die Frage untersucht, wie Spannung im Film erzeugt wird, damals anhand von John Carpenters Meisterwerk Halloween (1978). Ich habe es lieben gelernt, wie Regisseure mit mir spielen, mit meinen Erwartungen, und wie sie mir einen Festschmaus für Augen und Ohren darbieten. Ich finde das in Horrorfilmen besonders effektiv.

Gleichzeitig habe ich ein Problem damit, wenn diese Filme zu blutig werden. Mit Splatterfilmen kann ich nichts anfangen, das finde ich meistens einfach nur eklig, selbst wenn es sich um Funsplatter handelt. Das soll keine Wertung sein: Es gibt unbestritten gute Splatterfilme wie zum Beispiel Evil Dead oder Braindead. Ist halt nur nichts für mich. Wenn Justus Jonas bei den Drei Fragezeichen ernsthaft das Horrorgenre als eine "wenig kunstvolle Mischung aus Splatter und Exploitation-Film" bezeichnet, dann ist das eine für seine Verhältnisse stümperhafte und unreflektierte Aussage. Gegenbeispiele liefern die zahlreichen kunstvollen Horrorfilme.

Nun also zu Suspiria. Wer Dario Argento kennt, der weiß, dass er mit Blut, Gewalt und Sex nicht geizt, ganz im Stil des italienischen Giallo. In der Regel nicht so splatterig wie ein Lucio Fulci, aber dennoch äußerst grafisch. Und genau das hat mich früher davon abgehalten, mir den Film anzuschauen. Ich habe fabelhafte Rezensionen gelesen, die den Film über den Klee loben. Die gelobten Punkte werde ich weiter unten ansprechen. Sie erwähnen jedoch auch die Todesszenen, die recht intensiv und in die Länge gezogen sind.

Irgendwann habe ich es dann gewagt, habe mir ein Exemplar der limitierten Anchor Bay-DVD gesichert und den Film angeschaut. Und ich habe es bis heute nicht bereut.

Wer unvorbereitet an den Film geht, der wird den Kopf schütteln. Der Plot ist dünn wie Papier. Die Schauspielkunst ist sehr unterschiedlich, gern vom Overacting geprägt. Die Ausleuchtung hat mit Realismus nichts zu tun. Das Blut sieht aus wie helle Wandfarbe. Die Effekte überzeugen nicht. Die Synchro ist schlecht. Sagte ich schon, dass ein Plot quasi nicht vorhanden ist?

All diese Kritikpunkte tragen zum surrealen Flair des Filmes bei, und man sollte sich informiert haben, um dem Film die ihm gebührende Aufmerksamkeit zukommen lassen zu können, und um zu wissen, was es da alles zu genießen gibt.

Da wären vor allem die kräftigen Farben. Selbst alltäglichste Szenen hat Argento mit leuchtendem Rot, Grün oder Blau ausgeleuchtet. Die Farben wirken besonders in der neuen Bluray-Disc von '84 Entertainment faszinierend. Der Film erinnert dadurch an einen Traum, oder besser, an einen Albtraum, und das soll er ja letztlich auch sein. Und es sind nicht nur die Farben, es ist die gesamte visuelle Ausstattung des Films. Nicht umsonst liegt der Hauptspielort in der "Escherstraße", überall finden sich Motive von M.C.Escher wieder. Die Einrichtung ist extrem detailliert, unmöglich einer einzelnen Stilrichtung zuzuordnen. Mit kleinen Tricks hat Argento das visuelle Erlebnis bestmöglich erschaffen: Jessica Harper in der Hauptrolle der Suzy Bannion hat große Manga-Augen, die ihr das Antlitz eines Teenagers verpassen; die Türklinken sind bewusst unnatürlich hoch angebracht, damit die Charaktere kleiner und wesentlich jünger wirken. Realismus wäre in diesem Film völlig fehl am Platze - somit sollte man dessen Fehlen nicht als Kritik zu deuten wagen.

Die akustische Atmosphäre ist düster, gruselig - unterlegt mit dem Soundtrack von Claudio Simonettis Band Goblin, die in mehreren von Argentos Filmen einen wunderbaren Job abliefert - so auch hier. Die Musikstücke sind durchzogen von Flüstern, magischem Brimborium, den titelgebenden Seufzern...

Man könnte noch eine lange Liste weiterer Vorzüge des Films hier nennen. Ich bin dazu allerdings zu faul und würde jedem, der ein paar intensivere Mordszenen übersteht (sind letztlich nur vier), empfehlen, den Film selbst zu genießen. Jedes einzelne Anschauen ist sicherlich belohnender als diese Rezension hier, also wünsche ich gute Unterhaltung mit einem Horror-Meisterwerk von Dario Argento!

Dienstag, 12. Juli 2016

Hochbegabte Ästhetik


Vorweg: Das hier muss nichts mit Hochbegabung zu tun haben. Ich habe es allerdings in erster Linie bei mir selbst und in Gesprächen mit Hochbegabten festgestellt - dass eine bestimmte "Konfiguration" meiner Umwelt beruhigend auf mich wirkt. Das können Kleinigkeiten sein; so muss die Lautstärke meiner Anlage stets auf einer durch zwei teilbaren Stufe sein. Latstärke sieben geht nicht, dann werde ich unruhig. Das Bewusstsein allein reicht da schon aus. Einer meiner Schüler hatte eine ähnliche Wahrnehmung, bei ihm allerdings musste die Lautstärke durch fünf teilbar sein. Das kann unpraktisch sein, wenn die Anlage eine großschrittige Lautstärkeregelung hat.

Wie komme ich jetzt überhaupt darauf? Zur Zeit spiele ich mit großartiger Unterstützung mal wieder Tomb Raider, das Original in der Anniversary-Neuauflage. Das waren noch Zeiten: Mehr Titten, weniger Gerede, mehr erforschen, weniger Menschen, mehr Tiere und Monster, weniger Spielerlenkung, mehr coole Sprüche, weniger leicht, mehr aufgespritzte Lippen. Einfach großartig, ich genieße es in vollem Umfang, alte Ruinen, Höhlen und Tempel zu erforschen, auch mal ohne zu wisen, wo der nächste Schritt mich hinführt. So einwandfrei das PS3-Reboot der Reihe dagegen umgesetzt sein mag, so atemlos zieht es den Spieler durch seine Umgebungen - das Denken wird einem fast komplett abgenommen. Deswegen gefällt mir Anniversary mindestens genau so gut.

Gestern haben wir den letzten Abschnitt der Ruinen in Ägypten erforscht, das Heiligtum des Scion. Und ich habe es unglaublich genossen, weil es von der Architektur her stimmig war und dank seiner Symmetrie einfach wunderschön und entspannend. Da macht es auch nichts, wenn ich Lara in dem einen oder anderen Schacht hundertmal das Genick gebrochen habe (umherfliegende Beine inklusive) oder wenn Mampf-Wände die Frau mit der schmalen Taille gierig zerkloppt haben. Das alles hat mich überhaupt nicht gestört - weil der Ort so "ausgewogen" war.

Im Wesentlichen besteht das Heiligtum aus einer Sphinx, die sich in einer gewaltigen Höhle befindet. Nach links und rechts führen Treppen, die genau an den gleichen Stellen unterbrochen sind. Jeweils ein Hebel befindet sich am Ende dieser Treppen. An jedem der Beine der Sphinx muss man einen Schlüssel einsetzen, damit sich die Tür - natürlich genau in der Mitte - öffnet. Wie herrlich! Ich könnte einfach nur in aller Ruhe unten stehen und mir dieses Bauwerk anschauen.


Links und rechts dieses Raumes befinden sich jeweils schachtähnliche Hallen - mit dem gleichen Rätsel, nur eben spiegelverkehrt. Es geht um Lichtreflektion, natürlich wieder in perfekter Symmetrie. Und wenn man schließlich in jeder dieser Hallen einen Schlüssel gefunden und in die Sphinx eingesetzt hat, dann geht es noch tiefer in das Heiligtum - eine riesige Halle, mit Wasser gefüllt, die von einem thronenden Anubis und Osiris beherrscht wird. Zwei gewaltige Statuen in genau gleicher Positionierung, am Grund des Sees genau zwischen ihnen ein Schalter. Wie herrlich!

Der aufmerksame Leser wird nun sagen: Moment mal, Herr Doktor! Links Anubis und rechts Osiris? Hat dich das denn nicht etwas verunsichert?

"Gut aufgepasst!" anworte ich dann. Und beim Überlegen, warum ich trotzdem ausgeglichen war, fällt mir ein, dass die Statuen sich nur durch ihren Kopf voneinander unterschieden haben. Und die Köpfe habe ich nicht so oft gesehen, weil ich meistens am Grund des Sees in Aktion war.

Ich liebe die Symmetrie. Sie beruhigt mich. Sie kann mir bei Panikattacken helfen. Manchmal ist sie sogar notwendig, weil ich sonst gestresst werde - wie z.B. bei der Lautstärkeregelung. Und ich bin damit nicht allein. Ich weiß nicht, ob das ein Hochbegabten-Ding ist - oder ob das z.B. auch HSPs (Hochsensible Persönlichkeit) so geht.

Jedenfalls ist das auch ein Grund, warum ich in der Ausgestaltung meiner Wohnung so oft wie möglich Achsen- oder besser noch Punktsymmetrie zum Einsatz kommen lasse. Lang lebe das Design!

Montag, 11. Juli 2016

Ein neues Gefühl


Ich bin rechts. Nein, stop. Ich war rechts. Früher war ich immer rechts. Am Autobahnkreuz Kiel-West bin ich, wenn ich die Stadt verlassen habe, immer rechts abgebogen. Von der Stadtautobahn runter auf die A210. Die Strecke kenne ich jetzt seit dreizehn Jahren. Im Studium: Wenn ich das Wochenende bei meinen Eltern verbringen wollte, bin ich rechts abgebogen. Ich weiß noch, das haben sie mir damals eingehämmert: Wenn du die Ausfahrt verpasst, wenn du nach links abbiegst, dann kannst du erst nach fünfzehn Kilometern wieder wenden. Also bin ich immer rechts gefahren. Aber links ging es ja auch nach Blumenthal. Wer wollte da schon hin?

In St.Peter-Ording: Immer, wenn ich am Dienstag früh um 4:30 Uhr aufgestanden bin, habe ich die Strecke rechts genommen - mit einer Ausnahme, Schneechaos, da war nix mehr mit rechts und links. Jede Woche am Dienstag bin ich rechts abgebogen, begleitet vom R.SH-Morgenprogramm. Ich hatte bald das Gefühl, als sei ich Voller Mittmanns Sitznachbar. Vertraut, regelmäßig wiederholt, jede Woche einmal. Und mein Gehirn hat sich die Abläufe alle eingeprägt. Dass ich auf die rechte Spur wechseln muss, die Geschwindigkeitsbegrenzungen... ich kannte dieses Autobahnkreuz auswendig.

Das war schon keine Straße mehr, das war ein Gefühl. Immer, wenn ich auf der Rückfahrt über die A215 hinweg fuhr und mich dann in die gemeinsame Strecke einordnete, war das für mich ein Symbol für das Wochenende. Arbeit hinter mir lassen. Probleme hinter mir lassen? Abschalten. Daher die Aussage, Kiel-West sei ein Gefühl. Und auch auf der Hinfahrt: Immer, wenn ich rechts abbog, mit dem Ziel St.Peter-Ording, immer war das der Startschuss für eine sehr lange Fahrt. Die erste Etappe von einhundertvierzig Kilometern Nachtfahrt. Der Startschuss für die Arbeit an der Nordseeschule. Kiel-West weckte tatsächlich eine gewisse Vorfreude, Kollegen wiederzusehen und meine Schüler wieder unterrichten zu dürfen.

Jetzt haben die Dinge sich geändert. Jetzt bin ich links. Kein Startschuss mehr, denn wer auf der A215 fährt, muss erstmal bei einhundert km/h bleiben. Es fühlt sich wirklich anders an. Eine neue Richtung, jetzt fahre ich endlich Richtung Blumenthal. Ein neues Gefühl.

Dieses Gefühl ist wunderbar. Endlich habe ich wieder Arbeit. Ich habe einen geregelten Tagesablauf. Ich habe einen Grund, morgens aufzustehen. Ich verdiene Geld. Mir wird erst so nach und nach bewusst, wie sehr die Arbeitslosigkeit mich hat versumpfen lassen. Und ich bin sehr glücklich, dass ich jetzt nicht mehr so viel Zeit habe.

Kiel-West.
Nach rechts abbiegen, das Kapitel habe ich abgeschlossen.
Nach links abbiegen, neugierig gehe ich auf das neue Kapitel zu.

Samstag, 9. Juli 2016

Nachschlag von der alten Schule

Vermutlich ist es ein ganz normaler Bestandteil jedes Lehrerlebens, dass man wieder mit längst zurückliegenden Ereignissen in Berührung kommt, und da zeigt sich dann auch mal, ob man einen positiven oder negativen Eindruck hinterlassen hat. Konkret: Plötzlich machen die Schüler Abitur, mit denen man zu Beginn seiner Lehrerlaufbahn als unschuldiger Nulltsemester eine Menge Spaß in der Schule hatte - und sie sind so groß geworden, so erwachsen, und wenn man ihre Fotos anschaut, sieht man noch die "kleinen" Kiddies vor sich, die sie damals waren.

Meistens. Some things never change - einige sehen noch genauso aus wie damals, und das ist auch gut so.

Ich habe Post bekommen: Der neue Quelle-Katalog? Nein, aber dennoch knapp 2,5kg schwer und großformatig mit über sechshundert Seiten: Die Abizeitung meines ersten Schülerjahrgangs an einer Schule, die ich mit dem Motto "Ab mit Schaden" verlassen habe. Und weil ein paar meiner eingeschworenen AGler sich etwas Rückmeldung von mir gewünscht hatten, habe ich ein kleines Interview gegeben.

Ich bin verdammt stolz auf Euch, dass mein kurzer Auftritt in Eurem Leben es Euch wert war, mich in der Abizeitung zu erwähnen. Ich find's toll, was aus Euch geworden ist, und ich wünsche Euch, dass Ihr mit Euren Abschlüssen und Euren frischen Impulsen jetzt neugierig die große, weite Welt erstürmt!

Das Copyright für diese beiden Seiten der Abizeitung liegt selbstverständlich beiThomas Lorenzen sowie dem gesamten Redaktionsteam und Gesichter sowie Namensnennungen im Text habe ich unkenntlich gemacht. Wozu eigentlich, weiß doch eh jeder, worum es geht. Nochmals: Danke! Ihr habt mich lebend durch das Referendariat gebracht!



post scriptum: Die Seiten 482/483 haben mich tief berührt.